Einträge mit dem Tag ‘Mehrfachdiskriminierung’


mein mutiges Inklusionsprojekt

10. Dezember 2015 von Hannah C.

Eine meiner letzten Vortragsfolien hatte den Titel “ewige_r Abweichler_in oder Erklärbär_in?” und während ich mich auf den Vortrag vorbereitete, dachte ich darüber nach wie traurig es ist, dass mir tatsächlich keine dritte Option eingefallen war. Weil die dritte Option an der Stelle “der normale Mensch” gewesen wäre und das eine kackscheißige Option gewesen wäre. Normativ. Anti-inklusiv.
N_orrrrrr_male Ausweichmöglichkeit derer, die glauben möchten, man könne seine Behinderung ab und anschalten, je nachdem was man tut oder nicht tut oder wie sichtbar man damit umgeht. Ein Leben mit Behinderungen hängt aber nicht davon ab, wie man sich entscheidet oder welche Einstellung man selbst hat – es hängt davon ab, welche grundlegenden Einstellungen das Umfeld gegenüber Menschen mit Behinderungen/Behinderten und dem Miteinander allgemein hat.

Grundlegende Einstellungen sind übrigens etwas anderes als Vorurteile.
Während Vorurteile in der Regel sehr bis extrem starre, irrationale und negative Einstellungen sind, die sich jedweder Beeinflussung widersetzen, handelt es sich bei grundlegenden Einstellungen um einen Rahmen aus positiven und negativen Bewertungen, gefühlsgebundenen Haltungen und Handlungsoptionen in Bezug auf soziale Objekte.

Heißt: die meisten Menschen haben eher eine schwierige Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderungen/Behinderten und brauchen mehr oder weniger viel Kontakt und Auseinandersetzung mit dem Thema, wenn es darum geht ein respektvolles Miteinander entstehen zu lassen.
Aber was bedeutet das konkret?

Ich merke oft, dass Menschen meine Behinderungen woanders verorten als ich selbst und, dass es häufig dieser Umstand ist, der mich vor der Wahl “Abweichler_in” oder “Erklärbär_in” stehen lässt.
Ich bin eine durch organisierte Gewalt komplex traumatisierte Autistin*, die auf Hartz 4 lebt, einer religiösen Minderheit angehört, als weiblich kategorisiert wurde und Krampfanfälle hat.
Für mich sind das alle meine Behinderungen. Viele Menschen in meiner Umgebung denken aber, dass es die Krampfanfälle – vielleicht noch die Traumafolgen und der Autismus – sind, die mich behindern.

Es gibt verschiedene Modelle zur Definition von Behinderungen. Manche gehen davon aus, dass die Behinderung immer in einer Eigenschaft der Person verankert sein muss. Weil die Person irgendetwas “nicht kann” und so der Schluß ist: “Ja klar behindert Nichtkönnen beim Leben.”.
Dann gibt es das Modell, das sagt, dass die Behinderung in den Bedingungen der Umwelt verankert ist, nach der eine Person auch Dinge nicht “können” müssen bräuchte, um am gesellschaftlichen Leben zu partizipieren. Dort entsteht der Schluß: “Eine Rampe muss her, damit Rollstuhlnutzende nicht draußen warten müssen.” oder auch “Wir starten jetzt ein mutiges Inklusionsprojekt und bauen alle Vorurteile ab – dann wird das alles schon.”.

Eine soziologische Definition (Cloerkes 1988,87) sagt unter anderem aber: “Ein Mensch ist “behindert”, wenn erstens eine unerwünschte Abweichung von wie auch immer definierten Erwartungen vorliegt und wenn zweitens deshalb die soziale Reaktion auf ihn negativ ist.”.
Na? Kommt irgendwie vertraut vor, oder?

Erwartungen speisen sich aus verschiedenen Aspekten menschlichen Lebens und bilden die Haltung mit der Menschen letztlich auch aufeinander treffen.

Ich habe vor ein paar Tagen beschlossen meine Erwarten gegenüber Menschen, die sich als nicht behindert erleben, zu verändern. Mein mutiges Inklusionsprojekt ist, mich mehr und mehr an Menschen anzunähern und mit ihnen zu sein.
Ich frage mich, ob es für mich irgendwann mal üblich und unspektaktulär sein kann mit anderen Menschen zusammen zu sein und sie weder als Abweichler_innen meiner inneren Normen und Wahrnehmungen, noch als Erklärbär_innen einer mir so fremden Welt zu erleben.


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