Einträge mit dem Tag ‘Mauerfall’


Dossier: Grenzen überwinden? 25 Jahre Wiedervereinigung

6. Oktober 2015 von Charlott

Was gibt es hier zu feiern?

Was gibt es hier zu feiern?

Anfang Oktober feierte sich Deutschland – aufgrund des 25. Jubiläums der ‚Wiedervereinigung‘ in mehrtägigen Jubelveranstaltungen. In Frankfurt am Main wurde so vom 2. bis 4. Oktober zu einem so genannten Bürgerfest unter dem Motto „Grenzen überwinden“, das „die Vielfalt in Deutschland erlebbar“ machen soll, geladen – gleichzeitig wurden allerorts Grenzen geschlossen und Angriffe auf Geflüchtete und deren Unterkünfte werden täglich gemeldet. Weitere Schlagworte zur Party: Deutschland präsentiere sich „modern, vielseitig, aufgeschlossen und tolerant“.

Diesem weiß-deutschen, nationalistischen Erinnerungstaumels und der verzerrten Selbstdarstellung Deutschlands setzen wir bei der Mädchenmannschaft eine Themenwoche entgegegen. Diese findet ihr nun hier noch einmal zusammengefasst im Dossier.


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24 Jahre Hoyerswerdaer Pogrome – alles wie immer in Deutschland

1. Oktober 2015 von Nadine

1991 Hoyerswerda. 2015 Heidenau. Und noch immer keine Lösung in Sicht.

Nazis, „besorgte Bürger“, „Asylkritiker“ versammeln sich vor Unterkünften und Wohnungen von Menschen, die in Deutschland Asyl suchen, fliehen mussten aus ihrem Herkunftsland und nun in Deutschland leben wollen bzw. hierzulande nach Möglichkeiten suchen zu überleben. Die Besorgten, Verängstigten und Völkischen grölen nicht nur rassistische Parolen, zeigen ab und zu ganz unverhohlen mit ausgestreckter Handfläche und Arm gen Himmel oder schimpfen auf „die da oben“, die völlig an den Bedürfnissen der „einfachen und guten“ Deutschen (arbeitsam, pünktlich, fressehaltend, weiß) vorbei planen und Trilliarden von Menschen ins Land lassen, die gar nicht „hier her gehören“. Sie schmeißen auch Flaschen, Steine (aber nicht auf Deutsche, deswegen okay!!!111), Brandsätze, lauern auf, schlagen zusammen, morden. Der rassistische Mob, der sich schnell zusammenfindet (gerne auch mit Beteiligung aus anderen Städten und Umgebungen, der gute Deutsche hilft schließlich aus), um am Ende mit der Hitler-Hand und dem ausgestreckten Zeigefinger ganz schnell von sich weg zu zeigen. Dumpf daneben zu stehen, zu schweigen, zuzusehen und grummelig in Fernsehkameras zu gucken wie das Kind, das Mittagsschlaf machen muss, obwohl es viel lieber draußen spielen möchte. Unverhohlen jubeln war schließlich gestern, als die Presse, Antifaschist_innen, Aktivist_innen und Gutmenschen den weißdeutschen Einheitstaumel vor den Unterkünften noch nicht störten. Als die Stadt, die Kommune, die Gemeinde noch nicht öffentlich überfordert tat, sondern hinter vorgehaltener Hand entschied, die Unterkunft an der städtischen Peripherie oder ganz abseits von Sozialleben bereitzustellen, weil Sicherheit und Ängste ernstnehmen eben in erster Linie für den weißdeutschen Volkskörper gilt. Öffentliche Überforderung wird dann zelebriert, wenn die Unterkünfte brennen und die Polizei nur zusieht oder Aktivist_innen festnimmt (Rechts-Links, Links-Rechts, da kann mensch sich halt total leicht vertun), wenn die „Ängste der Bürger“ sich bereits in die Steine geschrieben haben, die fliegen oder mit einem einig „Wir sind das Volk“ bereinigt werden. So wie die Unterkunft, aus der die Menschen, sollten sie noch unversehrt sein, dann ausziehen müssen, irgendwo hingebracht werden, irgendwo anders abgeladen werden, einfach weil diese Stadt… so… überfordert ist mit dem Rassismusproblem ihrer Alteingesessenen. Schwierig.

1991 Hoyerswerda. 2015 Heidenau. Und noch immer keine Lösung in Sicht.

Obwohl die Tatsachen seit Jahrhunderten für sich sprechen (weiße Deutsche haben ein Rassismusproblem), wird mit den immergleichen Mustern und Abläufen darauf nicht_reagiert. Stur wie ein Esel verschärft, schafft ab, gewaltet Deutschland vor sich hin. Versenkt Milliarden Steuergelder in noch mehr Bürokratie für noch mehr Abschiebung, Menschenrechtsverletzung und Rassismus. Wo ein Formular ist, kann die Empathielosigkeit und Menschenverachtung nicht weit sein.

Vor 24 Jahren schaffte es Hoyerswerda mit tagelangen rassistischen Ausschreitungen nicht nur in die internationale Öffentlichkeit, sondern entledigte sich aller geflüchteten Menschen und ehemaligen Vertragsarbeiter_innen auf einen Schlag – zu wessen Schutz eigentlich ist nach wie vor nicht abschließend geklärt, denn die örtliche Polizeibehörde kapituliert weiterhin vor den Nazis, die mittlerweile weiße Leute aus der Stadt jagen müssen. Damals wurde der Rassismus der Bevölkerung mit Abstiegsängsten, allgemeiner Verunsicherung nach dem Mauerfall und Arbeitslosigkeit gerechtfertigt. 24 Jahre später passiert 1:1 das gleiche jeden Tag in vielen anderen Städten Deutschlands und die vorgeschobene „Einheitsproblematik“ von damals weicht der unverblümten Affirmation weißdeutscher Einigkeit von heute, dass Platz 1 in der Europa League einfach nicht mit anderen teilbar ist. Hey, und außerdem wollen 25 Jahre 3. Oktober schließlich angemessen gefeiert werden.

1991 Hoyerswerda. 2015 Heidenau. Und noch immer keine Lösung in Sicht.


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Eine Feier in weiß. May Ayim zum wiedervereinigten Deutschland.

28. September 2015 von Charlott

das wiedervereinigte deutschland
feiert sich wieder 1990
ohne immigrantInnen flüchtlinge jüdische
und schwarze menschen
es feiert im intimen kreis
es feiert in weiß
doch es ist ein blues in schwarz-weiß
es ist ein blues

(aus: blues in schwarz weiss von May Ayim, erschienem im gleichnamigen Gedicht-Band)

Zur Wiedervereinigung gibt es die immer gleichen Bilder: Menschenmassen, die „Wir sind das Volk“ rufen, fröhliches Steineklopfen an der Berliner Mauer, Staus an Grenzübergängen. Mitgeliefert die Annahme, es wäre ein guter(tm) Bezug auf den Volksbegriff möglich. Ausgeblendet eine ganze Vielzahl von Lebensrealitäten.

Eine andere Perspektive auf diese Zeit lieferte bereits in den 1990ern die Autorin und Aktivistin May Ayim. Ob in Gedichten oder Interviews, sie machte deutlich, wer aus dem Jubel allgemein ausgeschlossen war und wie sich der Alltag nach 1989 in Bezug auf Rassismus änderte. Über diese Themen sprach sie auch 1994 in der WDR-Sendung Frauen-Fragen, welche glücklicherweise online bei Youtube auffindbar ist, und gerade im Kontext der aktuellen Feierlichkeiten noch einmal herausgekramt gehört:

Zunächst habe ich mich erst einmal gefreut. Gleichzeitig war eine ganz komische Stimmung in der Luft. So eine Stimmung von einerseits wird von Brüdern und Schwestern in Ost und West geredet und gleichzeitig wurden die Gesetzgebungen MigrantInnen und Asylsuchende diskutiert und zwar im Hinblick auf Verschärfungen. Und ich hatte das Gefühl, jetzt auf einmal werden Willkommensbotschaften versandt und niemand spricht mehr davon, dass das Boot voll ist in Deutschland, dass wir sowieso schon zu viele sind. Auf einmal ist Platz, aber nur für bestimmte Leute. Und auch in der gesamten Medienlandschaft waren die Bilder immer nur von weißen Deutschen. Und für mich war das zum Teil richtig unheimlich.
Zum ersten Mal in Berlin habe ich auch sehr negative Erfahrungen gemacht, auf der Straße angepöbelt zu werden, komische Sprüche zu hören – auch von Freunden und Freundinnen komische Sprüche zu hören oder Erfahrungen mitgeteilt zu bekommen. Zum Beispiel von einem Freund, der auch aus Ghana kommt, dessen kleiner Bruder wurde 10-jährig aus der Ubahn herausgestoßen, damit einem anderen Platz gemacht werden kann, einem weißen Deutschen. Und einer weißen Freundin von mir, die in der Ubahn saß und ihr afrodeutsches Kind auf dem Schoss hatte, wurde ganz laut gesagt: „Solche wie euch brauchen wir jetzt nicht mehr, wir sind ja schon selber mehr als genug.“ Und das war keine Seltenheit.
Ich hatte das Gefühl, plötzlich trauen sich Leute Sachen zu sagen, die sie vorher gedacht haben. Also nicht so, dass jetzt plötzlich Rassismus aufgekommen ist, ich denke der war vorher da, aber plötzlich, war so ein Freiheitsgefühl, dass damit einherging „So jetzt zeigen wir’s dem Rest der Welt“. Mir ist aufgefallen, dass in den Tagen nach dem 9. November, wo unglaublich viele Leute auf der Straße waren, waren ganz viele ImmigrantInnen und Schwarze Deutsche nicht auf der Straße. Und ich erinnere mich, dass ich an der U-Bahn stand, der ganze Bahnsteig war voll von Leuten und ein türkischer Mann sprach mich an: „Jetzt wird es schlimmer für uns.“
Also dieses Jahr 1989/1990 war schon so ein Jahr der Schlüsselerlebnisse, und zwar gerade auch in der Hinsicht, was die gerade begonnene Auseinandersetzung mit Rassismus betrifft. Ich hatte schon das Gefühl, dass sich seit Mitte der 80iger Jahre einiges zum positiven geändert hat.


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Themenwoche: Grenzen überwinden? 25 Jahre Wiedervereinigung

28. September 2015 von Charlott

Bald ist es wieder so weit: Der 3. Oktober, der „Tag der Deutschen Einheit“, steht an. Und da in diesem Jahr das 25-jährige Jubiläum begangen wird, beschränken sich die Feierlichkeiten nicht allein auf Samstag, sondern ziehen sich in alle Richtungen. In Frankfurt am Main wird vom 2. bis 4. Oktober zu einem so genannten Bürgerfest unter dem Motto „Grenzen überwinden“, das „die Vielfalt in Deutschland erlebbar“ machen soll, geladen – gleichzeitig sind allerorts die Grenzen geschlossen und Angriffe auf Geflüchtete und deren Unterkünfte werden täglich gemeldet. Weitere Schlagworte: Deutschland präsentiere sich „modern, vielseitig, aufgeschlossen und tolerant“. Die Jubelseite der Bundesregierung ist betitelt „Einheit und Freiheit“.

Angesichts dieses weiß-deutschen, nationalistischen Erinnerungstaumels und der verzerrten Selbstdarstellung Deutschlands wollen wir bei der Mädchenmannschaft eine Themenwoche entgegensetzen, die sich unter anderem mit Rassismus in und seit der Wendezeit, Protestaktionen zu den angekündigten Feiern, Flucht/Asyl und DDR-Bezügen im aktuellen Feminismus beschäftigt.

Dazu erwarten euch hier auf der Seite neue Artikel. Auf unserer Facebookseite und bei Twitter werden wir zu dem zusätzlich Artikel aus unserem Archiv teilen und tolle Texte anderer Publikationen.

Falls ihr selbst bereits differenzierte Texte zu Wende/Mauerfall, Flucht, DDR etc. gelesen/ geschrieben habt, teilt diese doch hier in den Kommentaren.


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Interview mit Peggy Piesche über Lesben in der DDR: „Sichtbarkeit kann niemals nur die eigene sein“

26. Mai 2015 von Nadine

Peggy Piesche und ich waren als Referentinnen zur Tagung „Das Übersehenwerden hat Geschichte – Lesben in der DDR und in der friedlichen Revolution“ in Halle geladen. Auf der Tagung standen verschiedene lesbische Perspektiven auf lesbischen Aktivismus in der DDR, während und nach der Wendezeit im Mittelpunkt. In diesem Zusammenhang fragte der Freitag ein Interview mit einer ‚Zeitzeugin‘ an, das ich nach der Tagung mit Peggy Piesche führte. Wir konnten das Interview nicht zur Autorisierung freigeben, so dass es nun auf der Mädchenmannschaft erscheint. Die Zusammenarbeit mit dem Freitag zeigte deutlich, dass viele sogenannte ‚Qualitätsmedien‘ bzw. journalistische Angebote nicht an Selbst-Erzählungen interessiert sind, die sich gängigen heteronormativen, weißen und westlichen Geschichts- und Diskriminierungsnarrativen und Interessen entziehen. Peggy Piesche hat dazu einen Text geschrieben, den ihr am Ende des Interviews findet.

Obwohl Lesben in der DDR rechtliche Gleichstellung genossen, blieben sie unsichtbar. Es gab im Gegensatz zur BRD kaum öffentliche Orte des Zusammenkommens, in der breiten Öffentlichkeit fanden sie keine Erwähnung. Teilnehmerinnen der Tagung sprachen davon, dass sie sich isoliert fühlten. Ging es dir ähnlich?

Ja, ich denke, dass dies ein allgemein gesellschaftliches Phänomen in der DDR war. Die rechtliche Gleichstellung von Lesben, die weit fortgeschrittenere Gleichberechtigung von Frauen allgemein in der DDR gegenüber der BRD war nur eine Seite bzw. nur eine Hälfte real-sozialistischer Ideologie. Da über vieles nicht geredet wurde und es wenig Räume gab, in denen alternative Lebensentwürfe gedacht oder gar gelebt werden konnten, entwickelte sich im DDR-Alltag so etwas wie eine sprachliche Leerstelle.

Was meinst du damit?

Natürlich wussten wir, was ‚Homosexualität‘ war, kannten Wörter wie ‚Lesben‘ und ‚Schwule‘. Aber im aktiven Aussparen dieser Wörter und allem, was damit zusammen hängt, indem eine bestimmte Sprache sozusagen nicht ausgeübt oder verwendet wurde, fehlten für Lesben und Schwule die Möglichkeiten in ihre Identität hineinwachsen zu können. Ich wusste sehr früh, wie ich fühlte und was das bedeutet. Aber in einen Austausch dazu zu kommen, war zumindest für mich in der Provinz (ich habe in den Mit-80ern in Erfurt studiert) kaum möglich. Das Schweigen war allgegenwärtig.

"Schwarz - lesbisch - deutsch. 1980er Jahre in Südostdeutschland“  - Peggy und ihre Mit-Azubis einer LPG in Gotha. Fotoquelle: privat

„Schwarz – lesbisch – deutsch. 1980er Jahre in Südostdeutschland“. Peggy (links) und ihre Mit-Azubis einer LPG in Gotha. Fotoquelle: privat

Waren bestimmte Lesben-Gruppen sichtbarer als andere?

Das glaube ich schon. Das bereits beschriebene sehr typische Phänomen in der DDR, nämlich unliebsame Geschichte/n, Realitäten und Gedanken in einem Mantel des Schweigens zu ersticken, spielt hier auch eine Rolle. Diese Pathologisierung des Schweigens funktionierte natürlich in den Provinzen besser als in den wenigen Zentren der DDR. In Städten wie Berlin, Leipzig, Dresden und Jena waren die Möglichkeitsräume schon etwas größer. Hier trafen schneller oder vielmehr schon früher als in anderen Gegenden die beiden ‚Parallelwelten‘ systemkritischer politischer Gruppen und alternativ gesellschaftliche Lebensentwürfe im Schutze der Kirche aufeinander. Dabei bildeten diese Räume durchaus die gewünschte weiße deutsche Homogenität ab, die auch in der DDR identitätsstiftend für das Nationalkollektiv galt.

Besonders die Lesben, die sich unter dem Dach der evangelischen Kirche organisierten, sahen sich politischer Verfolgung durch die Stasi ausgesetzt. Bespitzelung, Verhaftungen und Denunzierung waren an der Tagesordnung. Waren Lesben potentielle Systemfeindinnen?

In dem angestrebten Lebenskonzept ganz sicher. Denn das schien das recht biedere und bürgerliche Gesellschaftskonzept der DDR zu bedrohen. Nicht umsonst wurde auch in der DDR die heteronormative Familie als „Keimzelle“ der Gesellschaft gestützt. Dennoch muss aber deutlich gemacht werden, dass lesbisch sein noch nicht gleichbedeutend mit Systemkritik einher ging. Die Bespitzelungen der Stasi bezogen sich auf das gesamte Spektrum der Gesellschaft. Es haben auch Lesben Lesben bespitzelt.

Neben politischer Opposition spielte auch der Kampf um politische, soziale und kulturelle Anerkennung eine Rolle. Konntest du dich als Schwarze Lesbe mit den Zielen der Bewegung identifizieren?

Wie gesagt, von einer richtigen Bewegung wusste ich in der DDR nicht wirklich etwas. Die Bewegung konnte sich meines Erachtens eher erst nach bzw. mit der Wende als solches wahrnehmen und ihre Energien bündeln. Aus der Perspektive der DDR-Provinz handelte es sich vielmehr um zerstreute Räume und individuelle Begebenheiten. Für mich und meine Generation waren hier vor allem die Sommercamps der evangelischen Kirche Orte der Begegnung. Diese Räume waren natürlich alle durchweg sehr weiß, was wiederum für mich schnell zu Grenzerfahrungen führte. Als Schwarze Frau und Lesbe habe ich vor allem einen Bezug auf die differenzierten Lebensrealitäten, die es in der DDR gab, vermisst. In diesen Räumen wurde der gesellschaftliche Mythos, nach dem es Rassismus in der DDR nicht geben konnte, nicht hinterfragt.

Es gab also keine Räume, in denen Rassismus und Schwarze Lebensrealitäten Thema waren?

Rassismus galt in der DDR ideologisch als überwunden und wurde mit moralischem Verweis auf den Westen als systemisch irrelevant angesehen. Die DDR zelebrierte in ideologischen Gefechten des Kalten Krieges ihre Sozialistische Internationale Solidarität. Gern und besonders mit den ‚jungen aufstrebenden Nationalstaaten in Afrika’. Da passten die Erfahrungen und Lebensrealitäten Schwarzer Menschen und Lesben nicht ins Konzept. Mit dem Schweigen über Rassismus im eigenen Land und der gesellschaftlichen Unsichtbarkeit von Menschen jenseits einer heterosexuellen weißen Norm waren diese Themen auch im DDR-Alltag wenig möglich. Weil es nicht gedacht werden konnte, war es für die meisten einfach nicht da.

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25 Jahre Mauerfall: Deutsche Selbstverständlichkeiten

10. November 2014 von Nadine

In der Erinnerungsarbeit und Aufarbeitung der DDR-Geschichte, auch in den vergangenen Tagen, wird deutlich: Es sind die immer gleichen Geschichten, die erzählt werden: Staatliche Verfolgung, Überwachung, Repression, Morde, die – zum Glück – mit dem Fall der Mauer am 9.11.1989 und dank einer „friedlichen Revolution“ beendet wurden. Die langersehnte deutsche Einheit 1990, ein einig „Volk“. Es kam endlich zusammen, was schon immer zusammengehörte?

Viel wurde getan nach 1989, damit die ehemaligen IMs, SED- und Stasifunktionäre aufgespürt, sanktioniert und ausgegliedert werden konnten. Nicht allen widerfuhr ihre „rechtmäßige“ Bestrafung, doch es ist auffällig, mit welchem Nachdruck die gesamtgesellschaftliche Verurteilung des DDR-Regimes bis heute passiert – eine positive Bezugnahme auf die DDR ist tabuisiert. Das Urteil „Unrechtsstaat“ ist unwiderruflich. Die Linkspartei muss sich immer wieder legitimieren. Selbst der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin dürfen ihre Bedenken zur Regierungsbildung in Thüringen äußern und damit demokratische Prozesse auf den Prüfstand stellen. Wo die Linke mitregiert, ist die SED nicht weit. Während zeitgleich Koalitionsüberlegungen der CDU mit der rechten AfD okay sind. „Man wird ja wohl noch koalieren dürfen“, gilt eben nicht für die Linke, eine Partei mit SED-Vergangenheit, eine Partei mit sozialistischen Grundsätzen.

Noch immer mischen sich antisozialistische und antikommunistische Ressentiments in der Bundespolitik genauso wie in der westdeutschen Gesellschaft mit klassistischen und klassenspezifischen Abwertungen, die die Linkspartei treffen und viele weiße Ostdeutsche, die ihre Herkunft nicht hinter einer dialektfreien Sprache oder neoliberalen, sozialchauvinistischen Ideologien verbergen können oder wollen. Wer sich rot äußert oder darauf aufmerksam macht, dass sich die Lebensqualität der meisten Ostdeutschen nach 1989 eher verschlechtert als verbessert hat, gerät unter Generalverdacht ein Gesellschaftssystem zu präferieren, das dem Faschismus gleicht. Linksradikale Bewegungen werden kriminalisiert und dem Vorwurf der Verfassungsfeindlichkeit und Volkszersetzung ausgesetzt. Während Nazis weiterhin von staatlicher Seite ungehindert marschieren und morden dürfen.

Es verwundert nicht. Es ist die Fortsetzung deutscher Geschichte, die schon immer darum bemüht war, die Errungenschaften sozialer Bewegungen möglichst schnell zu revidieren. Dass sich ein sozialistisches Gesellschaftsmodell auch nach 1945 hierzulande nicht behaupten konnte, geschweige denn in seinem kurzen Bestehen für alle ein besseres Zusammen_Leben ermöglichen konnte, ist nicht nur Folge von globalen gesellschaftspolitischen Machtkämpfen und einem aggressiven Kapitalismus, sondern eigentlich eine deutsche Selbstverständlichkeit.

Es verwundert nicht. Es ist die Aktualisierung eines deutschen Bewusstseins, das bis heute von weißen, christlichen, völkisch-nationalistischen Allmachts- und Überlegenheitsfantasien und einem soziopathologischen Begehren nach Obrigkeit und Führung geprägt ist. Dass in den Erzählungen um den 9. November weder die staatlichen verordneten Pogrome 1938, die Verfolgung und Ermordung von Jüd_innen und allen anderen, die zu Nicht-Menschen degradiert wurden, einen dem Mauerfall ebenbürtigen Platz in der Erinnerungsarbeit bekommen, ist nicht nur Folge eines Jubeltaumels über den Zerfall der DDR mit Bier und Bratwurst, sondern eigentlich eine deutsche Selbstverständlichkeit.

Es verwundert nicht. Es ist die unhinterfragte und ungebrochene Hervorhebung weißer, deutscher Opfer historischen Unrechts, die die Erzählungen der ehemaligen Vertragsarbeiter_innen aus BRD und DDR, der migratisierten und kolonialisierten Generationen, die hier lebten und leben, den Geflüchteten, die hier leben wollen, systematisch aus deutscher Erinnerungsarbeit ausgeschlossen werden. Hoyerswerda, Solingen, Lichtenhagen, Mölln – bedauerlich für das Ansehen von Deutschland, aber nicht betrauernswert für die Angehörigen, Hinterbliebenen, Vertriebenen. Dass 1884, 1938, 1989, 1991, 1992 und 2014 oft einseitig erinnerte und zusammenhangslose Jahreszahlen bleiben, ist nicht nur Folge kollektiver Geschichtsamnesie, sondern eigentlich eine deutsche Selbstverständlichkeit.


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Asylrecht, Diskussion mit bell hooks und Schwangerschaftsabbrüche – kurz verlinkt

13. November 2013 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 219 von 337 der Serie Kurz notiert

Beiträge auf Deutsch

Wie tief der Antisemitismus in Deutschland auch 75 Jahre nach der (Reichs-)Pogromnacht noch verankert ist, hat eine Befragung von 6.000 Jüd_innen aus acht EU-Mitgliedsstaaten ergeben. Erschütternd ist unter anderem, dass 25% der Befragten in den vergangenen fünf Jahren darüber nachgedacht haben, die Bundesrepublik zu verlassen, weil sie sich hier nicht (mehr) sicher fühlen.

Die Spekulationen über die mutmaßliche Kindesentführung Marias durch eine Roma-Familie haben in Europa und den USA ganze Seiten gefüllt. Nun haben sich auch Vertreter des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma und des Europäischen Zentrums für Roma-Rechte zu Wort gemeldet.

Nach einem aktuellen Urteil des Europäischen-Gerichtshofs haben Geflüchtete, die in ihrem Herkunftsland aufgrund ihrer Homosexualität verfolgt werden, ein Recht auf Asyl in Europa. Diese Entscheidung könnte auch Einfluss auf deutsche Asylpolitik haben.

Das Leben in Sammelunterkünften für Geflüchtete ist immer auch mit Formen von Gewalt verbunden, bzw. ist an sich schon eine Form von Gewalt. Frauen und Kinder sind noch einmal spezifisch von Gewalt bedroht. Darum fordern Women in Exile & Friends die Abschaffung der Lager. Ihr könnt die Petition mitzeichnen.

Frauen in Deutschland bekommen immer weniger Kinder. Kein Wunder, denn wenn sie doch welche kriegen, werden sie nach wie vor hauptverantwortlich für die Sorgearbeit gemacht. Zahlen und Fakten hierzu liefert die tagesschau.

Gestern stellten Vetreter_innen der „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ ein neues Gutachten zur Todesursache von Jalloh vor und erstatteten Anzeihe wegen Totschlags oder Mordes gegen unbekannte Polizeibeamte. Darüber berichtet neues deutschland.

Im Jahr 2000 erschien „Duvarlar-Mauern-Walls“, ein dreisprachiger Dokumentarfilm zu migrantisierten Perspektiven auf den Mauerfall, welcher auf Interviews aufbaute, die der Filmemacher Can Candan 190/91 führte. Der Film Mauern 2.0, der jetzt auch online zu sehen ist, interviewt eine Reihe der Protagonist_innen noch einmal zu ihren Gedanken zu Mauerfall, aktuelle Politiken und Rassismus.

Die Süddeutsche zeigt anhand von Ellen Ammann, wie Geschichtsschreibung funktioniert und an welche Widerstandskämpfer_innen erinnert wird – und welche viele eher in die Vergessenheit gedrängt werden.

Zwar bereits aus dem Jahr 2010, aber weiterhin ein wichtiger Text: Pablo Pineda hat einen Film über sein Leben gemacht, er heißt „Yo También“. In einem Interview erzählt er nun von seinem Leben mit der Genmutation Trisomie 21: „Es ist eine Kondition, ein Zustand. So wie der eine blond ist, habe ich eben das Down-Syndrom. Es ist viel mehr ein Charakteristikum als eine Krankheit“.

Beiträge auf Englisch

Sechs Webserien mit und über Lesben findet ihr auf fusion.net – besonders empfehlenswert: Between Women <3

Die MSNBC-Moderatorin (sowie Wissenschaftlerin, Autorin etc.) Melissa Harris-Perry und die Wissenschaftlerin und Aktivistin bell hooks sprachen in einem 90-minütigen Gespräch zu Black Female Voices – Who is Listening? – Auch wer_welche die Liveübertragung verpasst hat, kann das Video dankenswerterweise nach schauen!

Ein weiterer Artikel zu der Diskussion, wo einige der Kernthemen noch einmal aufgegriffen und analysiert werden, hat Sara Salem auf Neo-colonialism and its Discontents verfasst.

Why I Can Never Be a Proper German„, führt Özlem Gezer im SPIEGEL aus. Sie schreibt über die alltäglichen Anrufungen, die sie immer wieder an ihren Platz verweisen – und dabei natürlich diesen Platz erst einmal definieren.

Schwangerschaftsabbrüche sind nichts ungewöhnliches, aber sie sind mit so vielen Stigmata verbunden, dass nur selten darüber gesprochen wird. Beim NY Magazine erzählen 26 Frauen über ihre Beweggründe, Erfahrungen und Gedanken.

[Inhaltshinweis: Gewalt gegen Frauen, graphische Darstellung] Die griechische Filmemacherin Anastasia Bartzoulianou hat das Drehbuch zu „The Noir Project“, einem Film über häusliche Gewalt in einer Heterobeziehung, geschrieben. Das Team arbeitet u.a. mit European Anti-Violence Network, Woman’s Shelter in Thessaloniki und dem European Network Of Women zusammen. Für die Post-Produktion wird noch Geld benötigt.

Termine in Berlin, Bochum, Hamburg und Leipzig:

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