Einträge mit dem Tag ‘Lohnarbeit’


Der Koalitionsvertrag: Eine Geschichte von „beobachten“, „in den Fokus nehmen“ und einem denkwürdigen Gedenktag

28. November 2013 von Charlott

CDU/CSU und SPD haben sich geeinigt. Jedenfalls deren Führungsriegen. Diese haben in den letzten Wochen einen Koalitionsvertrag verhandelt, der gestern vorgestellt wurde. Der Vertrag umfasst 185 Seiten und es werden viele Themebereiche angeschnitten. Hier werde ich einige Schlaglichter aufwerfen.

Allgemein lässt sich zusammenfassen: Wer_welche für den Staat nützlich ™ scheint, konservativere Wertvorstellungen vertritt und möglichst wenig abweicht von der „Norm“, wird irgendwie unterstützt. Sonst bleibt vieles schwammig, soll „in den Fokus“ gerückt oder „beobachtet“ werden.

Bis zum 12. Dezember können nun die SPD-Mitglieder noch bei einem Mitgliederbescheid über den Vertrag abstimmen.

(Lohn)Arbeit

Als großer Erfolg gefeiert: Es kommt eine Mindestlohnregelung. Doch was heißt das in diesem Fall wirklich? Zum einen greift die Regelung erst ab 2015 und dann auch nur für die Branchen, wo es bisher keine andere Regelung gibt.  Erst ab 2017 soll der Mindestlohn flächendeckend gelten. Mit einem Betrag von 8,50€. Dieser Betrag gilt heute schon als Niedriglohn, mit der Inflation wird er in vier Jahren noch weniger Wert haben. Es gibt natürlich Arbeitnehmer_innen, für die diese Regelung eine Verbesserung darstellt, trotzdem ist es keine revolutionäre Änderung.

Zum Thema Lohndifferenzen aufgrund von Geschlecht positioniert sich die Koalition zwar („nicht zu akzeptieren“), formuliert dann aber kaum wirkliche Verpflichtungen, sondern fordert Firmen eben auf sich zu kümmern. Zum Quotenwitz schrieb ich ja bereits letzte Woche. Der bleibt bestehen.

„Gleichstellung“

Ja, viel ist von all den SPD-Versprechen nicht übrig geblieben. Großmündig postuliert die Koalition: „Wir verurteilen Homophobie und Transphobie und werden entschieden dagegen vorgehen.“ Wie diese Regierung das machen möchte, verrät sie nicht. Stattdessen nimmt sie in den Vertrag auf, dass sie „das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Sukzessivadoption zügig umsetzen“. Na ganz große Leistung, wie auch schon auf karnele bemerkt wurde.

Bezeichnend ist, dass im Abschnitt „Sexuelle Identitäten respektieren“ nicht zu erst darauf hingewiesen wird, welche diskriminierenden_gewaltvollen Strukturen vorherrschen, stattdessen folgender vielsagender Fokus:  „Wir wissen, dass in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften Werte gelebt werden, die grundlegend für unsere Gesellschaft sind.“

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Jenseits von „choosing my choice“ und „käuflichem Geschlecht“ – feministische Debatten über Sexarbeit

1. November 2013 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 56 von 59 der Serie Meine Meinung

Es ist ein feministischer Dauerbrenner: das Thema Sexarbeit, sex work, Prostitution. Auch wenn wir hier im Blog etwas dazu schreiben oder auch nur verlinken, ist ein überdurchschnittlich hohes Kommentaraufkommen vorprogrammiert.  Die Kommentare sind oft sehr ausführlich, sehr meinungsstark, nicht selten auch emotional engagiert – das Thema bewegt. Und meistens prallen dabei relativ schnell zwei gegensätzliche Auffassungen aufeinander, unter denen in feministischen Kontexten über den emanzipatorischen Wert, die Schädlichkeit oder die Daseinsberechtigung von Sexarbeit diskutiert wird. Manchmal in Anwesenheit, häufiger in Abwesenheit von (ehemaligen) Sexarbeiter_innen, die – welch Überraschung! –  zu diesen Gelegenheiten nicht immer mit einer Stimme sprechen.

Auf der einen Seite findet sich eine Position wie die Alice Schwarzers.  Diese hat gerade, supportet von inzwischen an die 1700 teilweise prominenten Mitstreiter_innen, einen „Appell gegen Prostitution“ verfasst, wo unter anderem zu lesen ist:

Doch genau das tut Deutschland mit der Prostitution: Es toleriert, ja fördert diese moderne Sklaverei (international „white slavery“ genannt). […] Das System Prostitution degradiert Frauen zum käuflichen Geschlecht und überschattet die Gleichheit der Geschlechter. Das System Prostitution brutalisiert das Begehren und verletzt die Menschenwürde von Männern und Frauen – auch die der sogenannt „freiwilligen“ Prostituierten.

Allein dass Schwarzer sich dafür entschieden hat, Prostitution pauschal als „moderne Sklaverei (international „white slavery“ genannt)“ zu bezeichnen, spricht Bände: ahistorischer, verharmlosender und ignoranter kann wohl selbst die Axt im Walde nicht zu Werke gehen.  „White slavery“ – laut Wikipedia „A term for sexual slavery, used to distinguish it from the system of slavery that had been imposed on black people in the Americas“. Das ist in etwa zu übersetzen mit  „ein Ausdruck für sexuelle Sklaverei, der verwendet wird, um diese von dem System der Sklaverei zu unterscheiden, welchem Schwarze Menschen auf dem amerikanischen Kontinent unterworfen wurden“. Diese Definition sowie Schwarzers Bezug auf diesen Begriff sind bezeichnend und strotzen nur so vor white supremacy, denn sexualisierte Ausbeutung und Gewalt stellten einen Grundpfeiler des Systems der Sklaverei in den Staaten der heutigen USA (und sicher genauso anderswo) dar – nachzulesen z.B. aktuell in Akiba Solomons Filmbesprechung zu “12 Years A Slave”. Und als ob sowohl  heutige Sklaverei und Menschenhandel als auch Sexarbeit nur weiße Personen betreffen würden… Als ob eine Gleichsetzung von Sklaverei und bezahlter Arbeit überhaupt Sinn ergeben könnte. Abgesehen davon, wie geflissentlich ignoriert wird, dass Sexarbeiter_innen weltweit sich immer wieder gegen eine solch undifferenzierte Darstellung aussprechen. (mehr …)


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Die neue Konsumlust

12. August 2013 von Charlott

Der Spiegel Online veröffentlicht heute die Nachricht, dass noch nie so viele Menschen wie heute in Deutschland einen Zweit-Job haben. Fast zehn Prozent aller Erwerbstätigen mit einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung bessern ihren Verdienst mit einem so genannten Mini-Job auf.

Anstatt nun über Themen wie Mindestlohn und prekäre Beschäftigungsverhältnisse (von denen Frauen auch noch einmal besonders häufig betroffen sind) zu sprechen, wird eine Sprecherin des Bundesarbeitsministeriums zitiert, die zwar angibt, dass es keine Erhebung dazu gibt, warum Menschen einen Zweitjob annehmen, aber dies sicher auch an einer „gestiegenen Konsumlust“ liegen kann.

Bei Twitter startete so gleich eine Welle von Tweets und der Hashtag #Konsumlust ist einer der am heutigen Tag im deutschsprachigen Raum am meisten genutzten:


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Trans*-Schwimmen, Wehrpflicht und (mal wieder) Femen – Kurz Notiert

4. Juli 2013 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 203 von 355 der Serie Kurz notiert

In einem Interview auf vice.com kritisiert die Sexarbeiterin Nina FEMEN und spricht über ihre Arbeit: „Wenn du darunter leidest, solltest du dir Gedanken machen. Das gilt für jeden Job. Klar macht es nicht immer Spaß, aber was macht schon immer Spaß? Ich arbeite generell ungerne. Arbeit fühlt sich für mich immer gleich schlecht an. Ob ich einem Mann einen runter hole oder ob ich im Call Center arbeite. […] Im Grunde müsste man die Armut abschaffen.“

Einen englischsprachigen Artikel zum Thema „Wenn deine Mama sagt, dass sie zu fett ist“ findet ihr auf rolerboot.org.

Auf migrazine gibt es ein empfehlenswertes Interview mit der Erziwhungswissenschaftlerin Maureen Maisha Eggers über die Bedeutung antirassistischer Sprachinterventionen und neue Räume der Solidarisierung.

Du hast große Schmerzen und musst deine Gallenblase entfernen lassen? Geht nicht, denn das Gesetz erschwert es dir. Klingt komisch? Oh ja. Wie wäre es, wenn jeder medizinische Eingriff so politisiert werden würde, wie das mit reproduktiven Rechten geschieht? Ein englischsprachiges Gedankenspiel:

Laurie Penny hat einen Artikel über die Darstellung von Frauenfiguren geschrieben und welchen Einfluss es hat, wenn Frauen häufig nur die Rolle des „Manic Pixie Dream Girls“ angeboten wird.

Charlott hat ein Radiointerview zum Thema „Wehrpflicht für alle – ein feministischer Erfolg?“ gegeben.

Was aus queer-aktivistischer Perspektive gegen das Engagement für das Recht auf Ehe für alle spricht, erklärt Mansi Kathuria auf feminspire (englischsprachig). 

Das Gesetz zum Unterhaltsvorschuss wurde verbessert, juhu – allerdings so geringfügig, dass eigentlich niemand was davon hat, zumindest nicht die, denen das ganze eigentlich nützen soll, meint Silke Baumgarten auf brigitte.de.

Mädchen wissen es am besten: das Problem liegt nicht darin, welche Farben sie mögen, sondern in einschränkenden Rollenerwartungen und im Vorenthalten von Angeboten (englischsprachiges Video).

Im Prozess gegen den Mörder von Trayvon Martin wurde einer Zeugin der Anklage übel mitgespielt, sie wurde nicht nur im Verfahren hart angegangen, sondern auch öffentlich verhöhnt. Solidarität für Rachel Jeantel gab es aus der US-amerikanischen antirassistischen feministischen Blogosphäre (englischsprachig).

Laetitita Schteinberg schreibt über die kontinuierliche Gewalt, der sie als Trans*-Frau ausgesetzt ist (englischsprachig).

Im Bitch Magazine findet ihr Auszüge aus drei Essays muslimischer Mädchen, die erläutern, warum sie sich für oder gegen das Tragen eines Kopftuchs entscheiden haben und was dieses für sie bedeutet (englischsprachig).

Trudy von Gradient Lair erklärt nochmal anschaulich, was es mit „umgekehrter Diskriminierung“ auf sich hat (englischsprachig).

Termine in Berlin, Celle und Gießen und ein Volontariat bei der taz nach dem Klick

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