Einträge mit dem Tag ‘Literatur’


Ein Buch nach dem anderen: 10 Schwarze Autor_innen zum Black History Month

10. Februar 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 94 von 95 der Serie Die Feministische Bibliothek

Februar ist Black History Month und könnte als Anlass genommen werden, noch mehr Bücher von Schwarzen Autor_innen auf die Leseliste zu setzen (denn diese sollten selbstverständlich das ganze Jahr über gelesen werden). Zur Inspiration habe ich hier eine Liste mit 10 Büchern von 10 Autor_innen zusammengestellt – eine Mischung mit Lyrik, Autobiographie, Essays, Drama und Romane, mit Klassiker_innen und eher neuen Erscheinungen. Ergänzt doch eure liebsten Bücher in den Kommentaren!

126381Chimamanda Ngozi Adichie – Purple Hibiscus
Spätestens seit Beyoncé in ihrem Song “Flawless” einen Teil der Rede “We should all be feminists” von Adichie einband, ist die nigerianische Schriftstellerin den meisten ein Begriff. Ihr letzter Roman Americanah, der auch bereits ins Deutsche übersetzt wurde, war außerdem ein riesiger Erfolg. Aber Adichie hat auch bereits zuvor wichtige Bücher veröffentlicht, wie den Biafra-Kriegs-Roman Half of a Yellow Sun oder ihr Debüt Purple Hibiscus aus dem Jahr 2003. Der Roman folgt der 15-jährigen Kambili, die durch einen Aufenthalt im Haushalt ihrer Tante Ifeoma lernt sich gegen ihren gewalttätigen, katholischen Vater aufzulehnen.

51C56FGR8PLAma Ata Aidoo – Anowa
Ama Ata Aidoo kann dieses Jahr ihren 75. Geburtstag feiern. Seit den 1960ern schreibt und veröffentlicht sie Theaterstücke, Gedichte und Prosa. Darüber hinaus gründete sie vor 15 Jahre in Ghana die Mbaasem Foundation, um andere afrikanische Autorinnen zu unterstützen. (Die dort veröffentlichte Liste mit Autorinnen ist zu dem ein super weiterer Einstiegspunkt, wenn eine auf der Suche nach neuer Lektüre ist.) Das Theaterstück Anowa spielt im Jahr 1874 vor dem Hintergrund fortschreitender Kolonisierung afrikanischer Gebiete, hier konkret Regionen im heutigen Ghana, und Versklavungshandel. Die titelgebende Protagonistin Anowa versucht in diesem historischen Setting ihren eigenen und zunächst eigenwilligen Weg zu gehen – und scheitert doch zuletzt.

41Z1Tea6qkL._SY344_BO1,204,203,200_May Ayim – blues in schwarz weiß
May Ayims wegweisender Gedichtband blues in schwarz weiß, der vor 20 Jahren erschien, hat in seinen Beobachtungen zu Rassismus, der deutschen Gesellschaft ™ und zwischenmenschlichen Begegnungen nichts an Aktualität eingebüßt. Doch ist Lyrik – auch wenn sie dezidiert politisch/ gesellschaftskritisch ausgerichtet ist – mehr als nur die inhaltliche Aussage und Ayims Gedichte überzeugen so auch immer durch ihre klare Sprache, geschickt entlarvende Wortspiele und einen hineinziehenden Rhythmus. Im Jahr 2013 erschien mit Weitergehen ein Band, wo die Gedichte aus blues in schwarz weiß und nachtgesang gesammelt erschienen. Über ihre Lyrik hinaus gelten absolute Empfehlungen für die von May Ayim mitherausgegebenen Werke Farbe bekennen. Afro-Deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte so wie Entfernte Verbindungen. Rassismus, Antisemitismus, Klassenunterdrückung.

MARIAMA-BA-UNE-SI-LONGUE-LETTREMariama Bâ – Une si longue lettre
Der Roman um die Protagonistin Ramatoulaye gehört sicher zu den Klassikern der afrikanischen feministischen Literaturen. Der Roman ist in Briefform gehalten. Ramatoulaye schreibt an ihre Freundin Aissatou Bâ anlässlich des Todes ihres Ehemanns. Im Verlauf des Texts beschreibt sie nicht nur die Umstände seines Todes, sondern blickt auf ihr eigenes Leben, ihre Umgänge mit und nach und nach Überschreitungen von patriachalen Grenzziehungen zurück. Das Buch ist unter Ein so langer Brief auch in deutscher Übersetzung erschienen.

9783942885317Sandrine Micossé-Aikins – The Little Book of Big Visions. How to be an Artist and Revolutionize the World
Das mit gemeinsam mit Sharon Dodua Otoo herausgegebene Buch war das erste in der Reihe “Witnessed”. (In dieser sind mittlerweile auch noch eine Reihe anderer Werke erschienen, wie z.B. der Fotoband Daima – Images of Women of Colour in Germany von Nzitu Mawakha.) In The Little Book of Big Visions geht es um die Un_Möglichkeiten des Kunstschaffens in Deutschland aus der Perspektive Schwarzer Künstler_innen. In Essays und Interviews nähern sich unterschiedliche Künstler_innen/ Autor_innen den Strukturen, Rezeption und Ästhetiken an. Etwas ausführlicher besprach ich das Buch bereits bei seinem Erscheinen in 2012.

janet-mock-book-coverJanet Mock – Redefining Realness
In ihrer ausführlichen Besprechung hier bei uns schrieb Magda: “Auf etwas mehr als 250 Seiten präsentiert Mock eng verknüpft mit ihrer Lebens­geschichte eine Gesellschafts­analyse, die die mit­einander verwobenen Macht­verhältnisse leicht verständlich erklärt und diskutiert, ohne die individuelle Handlungs­fähigkeit aus dem Blick zu verlieren. Mock verschmilzt ihre bisherige Lebens­geschichte und ihre Visionen mit Schwarzen feministischen Theorien und nimmt immer wieder Bezug auf Autor_innen und Aktivist_innen wie zum Beispiel Audre Lorde oder Zora Neal Hurston. Und Jugend-Freund_innen wie Wendi Miyake, Make-Up-Artistin und Inspiration für Mock.”

51i-Ue-QrmLToni Morrison – Playing in the Dark: Whiteness and the Literary Imagination
1993 erhielt Toni Morrison den Literatur-Nobelpreis. Zu ihren bekanntesten Romanen gehören The Bluest Eye, Song of Solomon und Beloved. Im April wird ihr 11. Roman God Help the Child erscheinen. Doch neben Romanen schreibt Morrison auch Kinderbücher, Kurzgeschichten, Theaterstücke und nicht-fiktionale Texte. Warum sich also nicht auch mal letzterem hinwenden?! In Playing in the Dark, ihrem Werk aus dem Jahr 1992, zeichnet Morrison nach wie in literarischen Werken weißer us-amerikanischer Autor_innen race (und vor allem die “Africanist presence”) eine wesentliche, wenn auch häufig unbenannte Rolle spielt und wie so eine weiße amerikanische Identität konstruiert wird. Ein Paradabeispiel dafür, wie kritische Literaturanalyse aussehen könnte.

Notre-Dame-du-NilScholastique Mukasonga – Notre-Dame du Nil
Scholastique Mukasonga ist eine ruandische Schriftstellerin und Notre-Dame du Nil ihr vierter von fünf Romanen. Sie wurde für diesen 2012 auch mit dem prestigeträchtigen Prix Renaudot ausgezeichnet. Der Roman spielt in den 1970er Jahren in einer christlichen Mädchenschule in Ruanda. Dort treffen die Töchter der ruandischen Elite aus Militär und Politik auf Mädchen aus bäuerlichen Familien. Als zur Weihung einer neuen Marienstatue die miliante Ruandische Jugend eingeladen wird, eskalieren bereits brodelnde Konflikte. Mukasonga entwirft einen Mikrokosmos, der seinen Schatten auch voraus auf den kommenden Genozid 1994 wirft. Das Buch erschien auch unter Die heilige Jungfrau vom Nil in deutscher Übersetzung.

515RwbHHzQL._SY344_BO1,204,203,200_Peggy Piesche – Euer Schweigen schützt Euch nicht: Audre Lorde und die Schwarze Frauenbewegung in Deutschland
Erst vor kurzem fand in Berlin eine Konferenz statt, die sich den Berliner Jahren (und deren Nachwirkungen) von Audre Lorde widmete. Unter der Überschrift „Schwarze, Lesbe, Mutter, Kriegerin, Poetin“ berichtete Sharon Dodua Otoo ausführlich beim Tagesspiegel. (Nicht nur) Zu diesem Anlass lohnt es sich auch den von Peggy Piesche herausgegebenen Sammelband Euer Schweigen schützt euch nicht, der 2012 anlässlich des 20. Todestages von Lorde erschien, in die Hand zu nehmen. In diesem erinnern sich Wegbegleiterinnen und nähern sich Aktivistinnen an Lordes Schaffen und bis heute spürbaren Einflüsse an.

images.cgiYvonne Vera – Butterfly Burning
Dieses Jahr jährt sich bereits zum 10. Mal der Tod der großartigen simbabwischen Schrifstellerin Yvonne Vera, die leider mit gerade einmal 40 Jahren verstorben war. Hinterlassen hat sie neben von ihr herausgegeben Anthologien fünf faszinierende Romane, die allesamt einen Blick wert sind. In für Vera typischer lyrischer und symbolträchtiger Art und Weise folgt der Roman seiner Protagonistin Phephelaphi, die versucht in den 1940ern beschränkt durch koloniale und patriachale Strukturen trotzdem ihr Leben zu gestalten.


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Beratung für Frauen mit Behinderung, Zwangsheterosexualisierung, Björk und Musik-Biz-Sexismus – kurz verlinkt

28. Januar 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 264 von 266 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links
Mädchen und Frauen mit Behinderungen erfahren besonders häufig Gewalt. Aus diesem Grund wird gerade die Internetplattform suse-hilft.de aufgebaut, auf der – möglichst barrierefrei – nach Informationen und Ansprechpersonen recherchiert werden soll: “Wo finde ich bei mir in der Nähe eine Therapeutin, die Gebärdensprache oder Leichte Sprache kann? Wo finde ich eine Anwältin, die sich mit dem Thema auskennt? Welche Selbstbehauptungstrainerin in der Nähe macht Kurse auch für behinderte Frauen?” Das Projekt benötigt noch Geld und kann über betterplace.org unterstützt werden.

Das Oberlandesgericht in Celle hat abgelehnt, dass in einer Geburtsurkunde der Eintrag “inter” oder “divers” geführt werden kann.

Homofeindlichkeit und Zwangsheterosexualisierung in der Therapie, Fall 472136127: Nun zog ein Betroffener vor Gericht, berichtet die taz.

Noch bis zum 01. März können bei filia. die frauenstiftung Projektideen zur Mädchenförderung eingereicht werden, um Gelder von bis zu 5000€ zu erhalten.

Der Zentralrat der Afrikanischen Gemeinde hat einen Offenen Brief zur M-Straße in Berlin, Dieter Hallervorden und kolonialrassistischen Kontinuitäten verfasst.

Das LOTTA-Magazin gibt “Stichworte zur Gründungsgeschichte” der NPD, die 2015 im 50. Jahr besteht.

englischsprachige Links

Wenn Schauspieler die gleichen nervigen Fragen beantworten müssten wie Schauspielerinnen (Kleid, Haar, Make-Up, Gewichtsabnahme…), dann würden die sich wundern: Kevin Spacey hat sich gewundert.

Als Geologen in den 1950ern anfingen den Meeresboden des Atlantiks mit Sonargeräten zu vermessen, durften Frauen nicht mit auf die Boote (weil sie natürlich Unglück brächten). Aus dem Datenmaterial die erste wirklich detaillierte Karte hat dann aber doch eine Frau erstellt: Marie Tharp. Mental Floss zeichnet ihre Geschichte nach und wie sie an den Grundfesten der Geologie rüttelte.

Egal welche Krankheit eine dicke_fette Person hat und wie sie behandelt werden könnte, erst einmal abnehmen lassen? Ja, es gibt Mediziner_innen die so etwas empfehlen. Dances With Fat nimmt die Empfehlung auseinander.

MTV stellt 12 neue queere Hip Hop Acts vor.

Ein neues Album der isländischen Sängerin Björk erscheint und in einem Interview hat sie erstmal sehr ausführlich über den im Musikbusiness erlebten Sexismus gesprochen. Feministing greift diese Aussagen in einem Artikel zu Björk und überhaupt “mansplaining” auf. Slate nimmt die Aussagen als Anlass, um Zitate von weiteren Künstlerinnen (so unterschiedliche wie Solange Knowles, Grimes und Taylor Swift) zusammenzustellen.

Celebrating the Love between Queer Women of Color – In 25 Gorgeous Photos!” – präsentiert Everyday Feminism.

Bei Flavorwire zerlegt Judy Berman Jonathan Chaits Artikel im New York Magazine, der “Political Correctness” als Einschränkung der (linksliberalen) Meinungsfreiheit bezeichnete.

Termin in Berlin:

04. Februar in Berlin, ab 19.00 Uhr: Lesung und Filmvorführung mit der simbabwischen Autorin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga.


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Lesbisch_queere Bücherwelten: Lesbengeschichte(n)

13. Januar 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 91 von 95 der Serie Die Feministische Bibliothek

Heute lege ich euch einige biografische Bücher ans Herz, die (vergangenes) lesbisches Leben und/oder das politische Engagement von Lesben würdigen.

Johanna Elberskirchen (1864-1943) war proletarisch-kleinbürgerlicher Herkunft, politisch klar links und äußerst aktiv: Sie war in der Sozialdemokratie engagiert, im radikalen linken Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung und als offen lebende ‚Homosexuale‘. Das detailreiche und zugleich fesselnd geschriebene Sachbuch Keine Tochter aus gutem Hause: Johanna Elberskirchen (1864 – 1943) von Christiane Leidinger lässt nicht nur Leben und politisches Wirken Elberskirchens, sondern umfassend auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und politischen Kämpfe der Zeit greifbar werden: von den Anfängen des ‚Frauenstudiums‘ über Sozialdemokratie, ArbeiterInnenbewegung und die bürgerliche und proletarische Frauenbewegung bis hin zum Nationalsozialismus.

 

In einer Mischung aus Sachbuch und Fiktion erzählt Die Geschichte der Sidonie C. (1900-1999) von Ines Rieder und Diana Voigt die fast 100-jährige Lebensgeschichte von Sidonie C., einer berühmten lesbischen Patientin Sigmund Freuds. Nach den Freud’schen Therapiesitzungen trifft sich die aus dem Großbürgertum stammende Lesbe heimlich mit ihrer Angebeteten – um über Freud zu lästern. An Klassenerhalt orientiert, aber vor allem politisch desinteressiert, flüchtet sie – katholisch getauft, aber mit jüdischen Wurzeln – erst sehr spät aus dem nationalsozialistischen Wien. Packend geschrieben und lehrreich obendrein, lässt die zwei Weltkriege umfassende Biografie (nicht nur) lesbisches Begehren zwischen Heimlichkeit, Selbstverständlichkeit und Sanktionen lebendig werden.

 

Keine lesbische Biografie im engeren Sinne, aber ein wunderbares Bewegungsbuch, das eben auch Leben und Engagement Audre Lordes (1934-1992) würdigt: Euer Schweigen schützt euch nicht. Audre Lorde und die Schwarze Frauenbewegung in Deutschland, herausgegeben von Peggy Piesche. Der Sammelband präsentiert eine schöne Auswahl an Gedichten, Aufsätzen und Gesprächen von und mit Audre Lorde, die durch ihre Berlin-Aufenthalte, ihre Lesungen in ost- wie westdeutschen Städten, ihre Vorträge und Workshops, ihren Aktivismus und ihr Schreiben eng verbunden ist mit der Entstehung der hiesigen Schwarzen (Frauen-)Bewegung. Zugleich zeichnet der Band die Anfänge und die Entwicklung der Schwarzen Frauen-/Lesbenbewegung in der BRD auf sehr lebendige Weise nach: in Gesprächen, Prosatexten und Gedichten. Zu Wort kommen damalige und gegenwärtige Aktivistinnen, Denkerinnen und Dichterinnen of Color, viele davon lesbisch.

Zum Schluss will ich euch noch rasch aufmerksam machen auf Von-mir-noch-nicht-Gelesenes-aber-Vielversprechendes. Erstens: Pregnant Butch. Nine Long Month Spent in Drag, eine neue autobiografische Graphic Novel zum Thema queere Elternschaft. Die Zeichnungen von A.K. Summers sind inspiriert durch ihre eigenen Erfahrungen als schwangere Butch. Diesen einmaligen und vielversprechenden Fund will ich euch nicht vorenthalten, Leseproben sind hier zu finden.

Und zweitens: Die erste Programmvorschau des neu gegründeten Verlags w_orten & meer. verlag für antidiskriminierendes handeln ist raus. Sie verspricht Analytisches und Kritisches, Empowerndes, Persönliches und Poetisches: zu Kämpfen, Glück und Leben jenseits, nach, zwischen, ohne Gender und zu Rassismus an deutschen Hochschulen. Im Frühjahr ist es soweit. Bis dahin: gespannt sein und vorfreuen.


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Ein Buch nach dem anderen: 2014, das Jahr der Essays

9. Januar 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 90 von 95 der Serie Die Feministische Bibliothek

Auf Papier gelesen

Wenn es an einem im letzten Jahr nicht mangelte, dann an Essay-Bänden von Autorinnen. Und vor allem auch Essaybände, die in den Literaturspalten (der englischsprachigen) Medien rauf- und runterbesprochen wurden und nicht nur verstaubt in der hintersten Ecke kleiner spezialisierter Bücherläden verblieben. Welche ich las:

Am 19. März erschien You Feel So Mortal: Essays on the Body von Peggy Shinner. In ihren zwölf Essays wendet Shinner in vielen Vignetten ihren Blick auf den eigenen Körper – und den Körpern anderer und wie diese alle in kulturellen Kontexten eingelesen, bewertet und gefasst werden. In einem Beitrag beginnt sie von ihrem komplizierten Verhältnis zu ihren Füßen aus eine Geschichte der Zuschreibungen bestimmter körperlicher Merkmale zu Jüd_innen und die einhergehende Abwertung. In anderen Texten widmet sich sich BHs, Schönheitsoperationen, Haaren und Autopsien. Sicher gibt es in dem Band auch Leerstellen zu Körperwahrnehmungen und Vorstellungen (schon allein, da Shinner ihr Erleben immer als Ausgangspunkt wählt), doch ist ihre dezidiert weiblich_jüdische_lesbische Perspektive auch ihre Stärke.

Nur zwei Woche später, erschien am 01. April The Empathy Exams von Lelsie Jamison, eine der schönsten Essay-Sammlungen, die ich bisher las. Jamison nähert sich in allen Texten auf ganz unterschiedliche Weise Fragen nach Empathie und der Un_Möglichkeit des Nachfühlens. Im titelgebenden und auch erstem Essay schreibt sie über ihre Erfahrungen als “medical actor”, als Schauspielerin, die für angehende Ärtz_innen in Examen Patientin mit allerhand Krankheiten und Schmerzen spielte. Im abschließenden (und vielleicht herausragensten) Essay schreibt sie dann über ‘tatsächlichen’ Schmerz und zwar Schmerz von Frauen, dabei fragt sie, wie es möglich ist über Schmerzen zu sprechen ohne immer wieder in die kulturellen Tropen der “schwachen, leidenden Frau” zu verfallen – und wenn das nur so schwer möglich ist, darf das ein Grund sein gar nicht über Frauen und Schmerz zu sprechen? (Jamison hat zu mindestens auf die letzte Frage eine klare Antwort: Nein.)

Rebecca Solnit wird häufig als die Erfinderin des Begriffs “mansplainer” benannt. Am 20. Mai erschien der Band Men Explain Things To Me, inklusive eben jenes Essays, welcher zu der Zuschreibung führt – und stellt auch noch einmal klar: Nein, den Begriff habe sie nicht erfunden. Aber ihr Essay ist natürlich trotzdem ein perfektes Paradebeispiel für’s mansplainen. In den anderen Texten schreibt sie über Gewalt gegen Frauen, Virgina Woolf und die Öffnung der Ehe. Das ist mal spannender, kreativer (Woolf) und mal leider eher oberfächlich (Ehe).

Und für alle die Popkultur und feministische Theorien gleichermaßen lieben, veröffentlichte am 05. August Roxane Gay endlich Bad Feminist. Gay hat beschlossen eine “schlechte Feministin” zu sein, damit meint sie in erster Linie Ambivalenzen auch einmal hinzunehmen. Von einem Podest, auf welches in größerer Öffentlichkeit agierende Feministinnen, könne eine eh nur schnell herunterfallen, darum steht sie nicht nur zum Unperfekten, sondern schließt dieses gleich in die Arme. Das Buch chargiert zwischen Rezensionen, Essays und Memoiren, zwischen viel Humor und Ernsthaftigkeit. Gay schreibt wie sie als Schwarze queere dicke Frau, als Kind haitianischer MigrantInnen in den USA, aufwuchs und durch den Alltag navigiert. Sie berichtet von ihren Erfahrungen im fat camp als Kind, sexualisierter Gewalt und warum sie auch mal zu Songs tanzt, von denen sie weiß, dass sie sie aus feministischer Perspektive ganz und gar nicht gut finden kann. Ein Buch, welches sich vor allem auch aufgrund der Schreibweise, für Einsteiger_innen in all diese Themen eignet.

Im Netz gelesen

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Das Jahr 2014 – Ein Feministisches Lexikon

19. Dezember 2014 von Charlott

Welche Themen standen auf unserer feministischen Agenda 2014? Welche Ereignisse haben das Jahr geprägt? Welche Personen und ihren Aktivismus haben wir bewundert? Zum Abschluss des Jahres gibt es dieses Mal ein Lexikon. Zu jedem Buchstaben könnte es natürlich noch zig weitere Einträge geben – ergänzt doch eure in den Kommentaren!

A wie Aktivismus, Ausschlüsse und Ablasshandel
Ein Thema, welches sich eigentlich durch jedes Jahr zieht/ ziehen sollte: Wie wollen wir unseren Aktivismus gestalten? Wie können dabei unterschiedliche Positionen bedacht und genutzt werden? Welche Taktiken und Praxen haben sich bewährt? Nadine machte sich darum einmal Gedanken darüber, wer wann auf Podien sitzt, wo Absagen vielleicht Sinn machen und wo nicht (und was das mit unterschiedlichen sozialen Positionierungen zu tun hat) und über Geldspenden als Art der ökonomischen Umverteilung.

B wie #BlackLivesMatter und #BringBackOurGirls
Am 09. August dieses Jahres wurde der Schwarze Jugendliche Michael Brown von dem weißen Polizisten Darren Wilson in Ferguson, Missouri, erschossen. Gegen den Polizisten wurde nicht mal ein Verfahren eingeleitet. Es handelt sich dabei natürlich nicht um einen Einzelfall, sondern es ist ein Beispiel für die anhaltende rassistische Polizeigewalt – die keinerlei Konsequenzen hat. In ihrem Text “Wenn Schwarzer Menschen nicht lächeln…” verlinkt Sharon eine ganze Reihe von weiteren Beispiel aus den USA und Deutschland. Von Ferguson ausgehend und durch weitere publik werdende Taten (die ebenfalls kaum Konsequenzen nach sich zogen) entwickelte sich in diesem Jahr eine Protestbewegung, die im Internet unter anderem unter dem Hashtag #BlackLivesMatter und auf den Straßen vieler Städte anzufinden war. In Berlin versammelten sich am 29. November Aktivist_innen am Brandenburger Tor, um den Opfern zu Gedenken und darauf zu verweisen, dass es stimmt: #FergusonIsEverywhere, Ferguson (d.h. rassistische Strukturen, die Gewalt legitimieren) sind kein rein us-amerikanisches Phänomen. So wird sich am 07. Januar zum bereits zehnten Mal der Tod von Oury Jalloh jähren. Derzeitig sammelt die Initiative im Gedenken an Oury Jalloh Geld um ein weiteres Gutachten zur Brand- und Todesursache anfertigen zu können.

Außerdem sollten nicht die 200 Mädchen, die am 14. April in Nigeria entführt wurden, vergessen werden.

C wie Chancengleichheit
Chancengleichheit, Chancengerechtigkeit, Teilhabe, Akzeptanz, > Toleranz, Inklusion – ein Wörtersalat, der häufig eher das “gut gemeint” als das “gut gemacht” abdeckt, wenn es um die Rechte von Menschen mit Behinderung geht. Hannah hat sich im November die Anhörung des Ausschusses “Arbeit und Soziales” zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen angehört und aufgezeigt, welche Diskussionen rund um das Bundesteilhabegesetz (nicht) geführt werden. Außerdem erklärte sie in einem weiteren Text, was der Begriff Inklusion eigentlich umfassen sollte und wie er häufig stattdessen ausgehöhlt wird.

D wie Diskurspolizei
Sprachdebatten zwischen “Darf man denn hier gar nichts mehr sagen!” und “Diese Gender-Leute drängen ja immer einen Sprachgebrauch auf!” begleiteten auch das Jahr 2014. Am prominentesten ist sicher die medial breit geführte “Debatte” um Lann Hornscheidts Sprachinterventionen. Auf einen öffentlichen Brief von WissenschaftlerInnen antwortete hier Jayrôme mit “Es ist Zeit, Realität als real zu betrachten“. Im Juli hatte außerdem accalmie die Verwendung diskriminierender Begriffe, die Verteidung dieser Praxis und das Umwerten als die echte Diskriminierung (TM) von Begriffen, die sonst unmarkierte Normen benennen, seziert.

E wie Elliot Rodger
Am 23. Mai tötete Elliot Rodger in Isla Vita, Kalifornien, sechs Menschen. Zuvor hatte er in Videos und einer über hundert Seiten langen “Autobiographie” seine Misogynie verbreitet. In vielen deutschsprachigen Medien wurde die Tat dekontextualisiert und individualisiert. Ich schrieb über die Hintergründe der Tat, wie sie vielleicht verhindert hätte werden können. (mehr …)


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Ein Buch nach dem anderen: Gelangweilte Frauen und Schreiben mit Margaret Atwood

5. Dezember 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 88 von 95 der Serie Die Feministische Bibliothek

Auf Papier gelesen

Crazy Brave von Joy Harjo (2012, Norton) ist eine der besten Memoiren, die ich jemals gelesen habe. Harjo, eine bekannte Native American Dichterin, Künstlerin, Musikerin und Aktivistin, beschreibt in diesem Buch die Zeit von ihrer Geburt bis ins junge Erwachsenenalter. Dabei verbindet sie poetische Bilder, spirituelle Vorstellungen, Träume, Naturbeschreibungen, über Generationen gesponnene Familiengeschichte mit den gewaltvollen Wirklichkeiten ihres Aufwachsens und gesellschaftskritischen, einordnenden Analysen. Harjo macht immer wieder deutlich, was es für sie bedeutet hat, als Native American und als Frau in den USA aufzuwachsen, welchen Barrieren sie sich auf den verschiedenen Ebenen gegenüber sah/ sieht und wie sie durch Kunst, Aktvismus und community building widerständig agiert(e). (Englisch)

Außerdem las ich zwei Gedichtbände. Flicker and Spark: A Contemporary Queer Anthology of Spoken Word and Poetry (2013) ist eine Zusammenstellung englischsprachiger Gedichte vor allem aus den USA. Das Buch hat über 400 Seiten und wie es solch große Auswahlen meistens mit sich bringen, ist die Qualität schwankend, allerdings sprechen unterschiedliche Menschen ja auch unterschiedliche Texte an und hier gibt es in jedem Fall sehr viel zu entdecken. Es gibt drei Kapitel: “Pre-Stonewall Poets (Pre-1970)”, “Stonewall-First Diagnosis of AIDS Poets (1970-1981)” und “AIDS Diagnosis – Brandon Teena’s Death Poets (1982-1993)”. Ich habe zu mindestens habe eine Weile gebraucht, dass diese Einteilung sich alleinig auf die Geburtsjahre der Poet_innen bezieht, die abgedruckten Gedichte aber beispielsweise auch im ersten Kapitel zum Teil aus den 2000ern kommen. Ich denke, eine Sortierung nach Erscheinung der Gedichte in solch programmatische Abschnitte wäre etwas sinnvoller. Als zweites habe ich Sidereal von Rachel Boast (2011) gelesen, ein kleines Band mit Gedichten, die Sterne, Landschaften, Mythologien und Literaturverweise in den Mittelpunkt rücken. (Beides Englisch)

Im Netz gelesen

Auf den Tag drei Jahre nach dem Tod von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos erschien das Buch “Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen. Was der NSU-Terror für die Opfer und Angehörigen bedeutet”, in dem unter anderen einige der Angehörige von NSU-Opfern erzählen. Die Süddeutsche berichtet von dem Buch und der Pressekonferenz zur Erscheinung. (Deutsch)

Autostraddle schaut auf Leslie Feinbergs Bücher, von Stone Butch Blues über Trans Liberation: Beyond Pink or Blue hinzu Drag King Dreams, und Leben zurück. (Englisch) Bei der Mächenmannschaft schrieb Nadine “Zum Tod von “Transgender Warrior” Leslie Feinberg“. (Deutsch)

Am 18. November konnte die Autorin Margaret Atwood ihren 75. Geburtstag feiern. Flavorwire veröffentliche aus diesem Anlass Zitate von Atwood rund ums Thema Schreiben. (Englisch)

Anlässlich des “Day of the Imprisoned Writer” brachte The Guardian öffentliche Briefe von prominenten Schrifsteller_innen wie Elif Şafak und Alain Mabanckou an derzeitig in Gefängnissen einsitzende Schrifststeller_innen/ Journalist_innen wie Gao Yu und Dieudonné Enoh Meyomesse. (Englisch)

Außerdem interviewte The Guardian Mallory Ortberg, die Gründerin von The Toast – “a general interest site for women of a literary bent”. Die Seite, auf der es auch einen Artikel gibt, in dem phantasiert wird, wie anders das Leben einiger fiktionaler Charactere gelaufen wäre, hätten sie abgetrieben, ist unter anderem für ihre wunderbaren Zusammenstellungen von “klassischen” Gemälden bekannt, zum Beispiel zum Thema “gelangweilte” Frauen. Dazu Ortberg im Interview:

You’re clearly meant to see this as a pleasant interaction, but the look on the woman’s face is so clearly, “Someone, please, for the love of God, get me out of here. I wish I were dead.” I don’t want to make sweeping generalisations, but I love the idea that basically for 600 years of Western European art, male artists were thinking, ‘That’s the look women always have on their face when you talk to them. That’s not boredom, that’s just their listening face.’

Victoria Law vom Bitch Magazine nahm sich für dieses Jahr vor 50 Bücher von Autor_innen of Color zu lesen. Nun stellt sie ihre Leseliste vor und fragt nach Tips für’s nächste Jahr, wo sie das gleiche wieder machen will.

“Ein Buch nach dem Anderen” ist quasi mein Anti-Lese-Motto. Meistens lese ich viele Bücher parallel, aber ich stelle sie der Reihe nach vor. Was lest ihr denn gerade? Erscheinen demnächst Bücher, auf die ihr euch ganz besonders freut?


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Ein Buch nach dem Anderen: Literatur aus Sri Lanka sowie Bücherclubs, das FBI und gebannte Werke

7. Oktober 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 86 von 95 der Serie Die Feministische Bibliothek

Gelesen auf Papier

Vor einiger Zeit habe ich mir angewöhnt, wenn ich reise auch gleich die “passende” Literatur mitzunehmen, nämlich jene von Autor_innen aus dem betreffenden Land/Region/Stadt oder die über diese schreiben. Dementsprechend regionaleinseitig gestaltet sich auch mein Lesestappel vom September: Im Mittelpunkt stehen englischschreibende Autor_innen aus Sri Lanka.

In Writing Sri Lanka: Literature, Resitance and the Politics of Place (2007, Routledge) analysiert Minoli Salgado das Schaffen von acht Autor_innen, die alle auf Englisch publizieren. Als roter Faden ziehen sich durch die Kapitel Fragen rund um Grenzziehungen. Wer wird als zugehörig konzeptionalisiert? Wer ausgeschlossen? Wie werden Grenzen zwischen “in Sri Lanka lebend” und “Diaspora” gezogen? Welchen Einfluss hat dies auf die Rezeption? Aber auch: Welche Grenzen werden in den Werken überschritten, aufgeweicht oder doch neu gezogen? Das Buch gibt einen spannenden Einblick in die betrachteten Literaturen (vor allem auch der zweier AutorINNEN: Jean Arasanayagam und Punyakante Wijenaike)  und das Umfeld, in welchem sie publiziert und rezepiert werden. Es ist aber eine wissenschaftliche Studie, die ohne Voriwssen zu literaturwissenschaftlichen Theorien (und insbesondere postkolonialen Theoretiker_innen) schwer zu lesen ist.

Glücklichweise veröffentlicht Salgado just in diesem Monat (morgen ist die Vorstellung in London) ihren eigenen Debut-Roman A Little Dust On The Eyes, in dem sie viele der Themen, die sie in Writing Sri Lanka herausgearbeitet hat, selbst literarisch aufgreift.

Da ich selbst erst kurz vor Abreise mich erinnerte, dass ich noch Romane besorgen muss_wollte, war meine Leseliste dann abgesehen von Salgado eine männlichdominierte – denn leider ist es ja bei den meisten Literaturen schneller möglich Autoren und deren Werke ausfindig zu machen, als die von Autorinnen. Ich las Reef (2011 (erstveröffentlicht 1994), Penguin Books) und Noontide Toll: Stories (2014, Penguin Books) von Romesh Gunesekera. Ersteres gibt es auch als “Riff” in deutscher Übersetzung. Außerdem las ich Running in the Family (1993 (erstveröffentlicht 1982), Vintage) von Michael Ondaatje, besser bekannt als der Autor von “Ein englischer Patient”. Auch sein Buch wurde übersetzt (“Es liegt in der Familie”), ist zwar literarisch nicht uninteressant, da es zwischen überwiegend prosaischen und poetischen Teilen wechselt, teilweise aber fehlen die tieferen Analysen der ihn umgebenden Gesellschaft. Nicht zu Unrecht wurde dem Buch Exotismus vorgeworfen. Spannend zu lesen ist es aber in Kombination mit dem entsprechenden Kapitel in Salgados Werk, in dem sie die Feinheiten des Texts auseinandernimmt. Zuletzt wandte ich mich Funny Boy: A Novel in Six Stories (1994, Vintage) von Shyam Selvadurai zu. Selvadurai schreibt eine fesselnde Familiengeschichte, in der es um so große Themen wie Identitäten und Zugehörigkeiten, Konstruktion von ethnischen Unterschieden, politische und_oder bewaffnette Konflikte und dem Coming-of-Age eines schwulen Jungen im Colombo der 1980iger geht. Leider bisher nicht ins Deutsche übersetzt.

 

Mitbringsel von der Buddhist Publication Society

Mitbringsel von der Buddhist Publication Society

Gelesen im Internet

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Unsägliche Wahrheiten

17. September 2014 von Heng
Dieser Text ist Teil 85 von 95 der Serie Die Feministische Bibliothek

Heng ist freie Autorin, bloggt auf Tea-Riffic und twittert unter @sassyheng. Und wird künftig öfter für uns schreiben! Juchhu! Zuletzt erschien hier ein Crosspost ihres Beitrags zu #schauhin.

Weg von den Alphamädchen, hin zu den Unsichtbargemachten: Die britische Journalistin und Autorin Laurie Penny distanziert sich in ihrem neuen Buch „Unspeakable Things“ von ausgelutschten Feminismus-Diskursen, die vornehmlich weiße, heterosexuelle Cis-Frauen aus der Mittelschicht betreffen.

„This is a feminist book. It is not a cheery instruction manual for how to negotiate modern patriarchy, with a sassy wink and a thumbs-up. It is not a charming, comforting book about sex and shopping and shoes. I am unable to write any such thing. I cannot force a smile for you. As a handbook for happiness in a fucked-up world, this book cannot be trusted.“

(Freie Übersetzung: „Dies ist ein feministisches Buch. Es ist keine aufmunternde Anleitung zur Verhandlung des modernen Patriarchats, mit einem frechen Zwinkern und erhobenem Daumen. Es ist kein entzückendes, beruhigendes Buch über Sex und Shopping und Schuhe. Ich bin nicht in der Lage ein solches Buch zu schreiben. Ich kann für euch kein Lächeln erzwingen. Als ein Leitfaden für Glück in einer abgefuckten Welt kann sich dieses Buch nicht bewähren.“)

Bereits in der Einleitung macht Penny klar, dass sie sich vom neoliberalen Feminismus distanziert, zumal er von Klassismus betroffene Frauen*, Schwarze Frauen* und Women* of Color, Sexarbeiterinnen* und alleinerziehende Mütter* nicht nur ausschließt, sondern auch weiterhin unterdrückt.

Ihr Buch ist keine Anleitung für weiße Karrierefrauen, die Ehe, Job und Kinder unter einen Hut bekommen und für ihre Leistungen als Gute Frau(tm) belohnt werden wollen. Von vermeintlich feministischen Positionen gegen Pornographie und Sexarbeit distanziert sie sich auch. Vielmehr geht es um Wut. Wut auf die verbreitete Lüge, die besagt, dass Frauen* mittlerweile alles im Leben haben können. Gemeint sind damit natürlich nur jene privilegierte Frauen. All diejenigen, die nicht in das Bild passen, werden zum Schweigen gebracht, sollen ihre Wut schlucken und an ihr ersticken. (mehr …)


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Wer war … Zitkala-Ša?

11. September 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 40 von 45 der Serie Wer war eigentlich …
Zitkala-Ša. (Foto 1898 aufgenommen von Gertrude Käsebier)

Zitkala-Ša. (Foto 1898 aufgenommen von Gertrude Käsebier)

Am 22. Februar 1876 wurde die Schriftstellerin, Aktivistin, Lehrerin und Musikerin Zitkala-Ša geboren. Wie viele Native American Kinder wurde sie in einem Internat beschult, welches Teil des kolonialistischen System der USA war. Sie musste ausschließlich Englisch sprechen, ihre Haare wurden abgeschnitten und zum Christentum sollte sie umerzogen werden. Zitkala-Ša wehrte sich schon früh – vor allem schreibend – gegen dieses System. Ihr Leben lang kämpfte sie ob in politischen Organisationen oder durch ihre schrifstellerische Tätigkeiten für die Selbstbestimmungsrechte von Native Americans. Sie verstarb am 26. Januar 1938.

Ihrem poltischen, künstlerischen, aktivistischen Schaffen in einem Blogpost gerecht zu werden, ist eigentlich unmöglich. Hier sollen nur einige ihrer Auseinandersetzungen und Errungenschaften angedeutet werden:

  • Während ihrer Zeit am Earlham College veröffentlichte sie eine Reihe von Essays in der Schulzeitung. Eines dieser Essays, in welchem sie die Zwangs-Christianisierung von Native American Schüler_innen an den Internaten anprangerte, gewann den Indiana State Oratorical Contest. (Als sie den Preis entgegennahm wurde sie mit rassistischen Bannern anderer Schüler_innen konfrontiert.)
  • Eine zeitlang arbeitete Zitkala-Ša selbst als Lehrerin. Gleichzeitig veröffentlichte sie aber Texte, die das Schulsystem vehement kritisierten. Aufgrund dieser Aktivitäten verließ sie dann auch den Schuldienst. Ihre eigenen Erlebnisse als Schülerin verarbeitete sie auch in späteren Geschichten.
  • Gemeinsam mit William Hanson schrieb sie The Sun Dance, ein Oper basierend auf Nakota Liedern. Die Oper wurde 1913 uraufgeführt und ist bis heute wohl die einzige (bekannter aufgeführte) Oper, die von Native Americans geschrieben wurde.
  • Sie war eine treibende Kraft für die Veränderungen der Staatsbürger_innenschafts-Rechte von Native Americans. Sie setzte sich dafür ein, dass Native Americans die US-amerikanische Staatsbürger_innenschaft erhalten konnten, ohne dass sie sich zu erst von ihren eigenen Nationen lossagen mussten. (Ein wichtiger Punkt, z.B. auch hinsichtlich von (rechtlichen) Landansprüchen.)
  • Im Jahr 1926 gründete Zitkala-Ša den National Council of American Indians und war bis zu ihrem Tod die Präsidentin.
  • Und dann ist natürlich auch nicht ihre schrifststellerische Tätigkeit zu vergessen, welche überhaupt Geschichten von und über Native Americans (hier in erster Linie Sioux) auf’s Papier brachte – und das nicht als Nebencharaktere in den (rassistischen) “Abenteuer”romanen weißer Menschen. In Geschichten wie beispielsweise “A Warrior’s Daughter”, wo die Protagonistin ihren Liebhaber retten muss, da er gefangen genommen wurde, schrieb sie vor allem auch Heldinnen in die Literatur ein.

Zum Weiterlesen auf Englisch:

Zitkala-sa” auf Native American Writers.

Zitkala-Ša: Nom de Defiance” beim Ms. Magazine.

 


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Fatkini, Software gegen Cyber-Mobbing und “schlechte Feministinnen” – Kurz Verlinkt (Teil 1)

3. September 2014 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 246 von 266 der Serie Kurz notiert

In der Sommerpause hat sich natürliches einiges in unserer Linksammlung angehäuft. Darum wird morgen eine zweiter Teil folgen, bei dem es dann auch wie gewohnt die Veranstaltungshinweise gibt.

Deutschsprachige Links

Die Schwedische Akademie verkündete, dass das geschlechtsoffene Pronomen “hen” in ihr Nachschlagewerk (vergleichbar mit dem Duden in Deutschland) aufgenommen wird.

Magda hat beim DRadioWissen ein Interview zum Fatkini und zur Sichtbarkeit dicker Frauen in der Öffentlichkeit gegeben (im Beitrag runterscrollen).

Die Fotografin (unter anderem des Foto-Bands “Daima”) und ISD-Aktivistin Nzitu Mawakha ist verstorben. Die ISD hat einen Nachruf veröffentlicht.

Die Münchener Medientage finden Ende Oktober statt, das Programm steht und eines wird ersichtlich: Frauen finden dort eigentlich kaum Gehör. Der Journalistinnenbund hat gemeinsam mit anderen Initiativen einen offenen Brief verfasst.

Der aktuelle Frauenkalender 2015 “Wegbereiterinnen XIII“, herausgegeben von Gisela Notz, kann jetzt bestellt werden.

Der neue Roman von Claudia Koppert “Sisterhood – eine Sehnsucht” ist erschienen: “Um 1980. Privat und öffentlich gehen Frauen auf die Barrikaden, alles Mögliche treibt sie, eine Zuversicht trägt sie: »Sisterhood is powerful!« Viele Jahre später. Martha ist in Auseinandersetzungen mit ihrer fünfzehnjährigen Tochter Rosa verstrickt. Das Frauenaktionszentrum gibt es schon lange nicht mehr, und aus ihrer letzten Wohngemeinschaft ist sie vor Jahren ausgezogen. Aber dann begegnen ihr unerwartet frühere Mitstreiterinnen, und alles ist wieder da: die Hochgefühle, die Konflikte, die Grundsatzfragen.

Die Wanderausstellung “Martin Luther King, Jr. @ Berlin 1964-2014″ kann noch bis zum 12. September im Foyer des John-Lennon-Gymnasiums in Berlin besichtigt werden (Facebook-Link). Mehr zum “King Code,” einem multimedialen Schul- und Jugendprojekt, und weitere Termine und Stationen der Wanderausstellung finden sich ausserdem auf der Projekt-Homepage.

Englischsprachige Links

Roxane Gay hat in diesem Jahr den Roman “An Untamed State” und die Essay-Sammlung “Bad Feminist” veröffentlicht. Der Guardian stellt die Schrifststellerin und ihre Vorstellungen vom “schlechten” Feminist_innensein vor. (Inhaltshinweis: sexualisierte Gewalt)

Auf ihrem Blog hat Roxane Gay zu dem zu Michael Brown, einem 18-Jährigen, der von einem weißen Polizisten erschossen wurde, geschrieben: “I don’t care if Mike Brown was going to college soon. This should not matter. We should not have to prove Mike Brown was worthy of living. […] His community should not have to silence their anger so they won’t be accused of rioting, so they won’t become targets too. ”

Olivia Cole beschrieb zehn Varianten rassistischer Trolle, die einer_einem begegnen, wenn man über Michael Brown redet.

Über 100 berühmte Frauen mussten diese Woche erleben, dass private Nacktfotos gestohlen und online veröffentlicht wurden. Wie sich rape culture hier widerspiegelt und warum niemand sich diese Fotos anschauen sollte, erklärt Clementine Ford bei Daily Life.

Männer, die plötzlich Feminismus ™ entdecken, weil sie Töchter haben. Und dann drüber schreiben und Meme-T-Shirts tragen. Kat Stoeffel analysiert auf Slate all die problematischen Implikationen.

In Kanada haben verschiedene Organisationen und weitere Aktivist_innen eine Datenbank eingerichtet: “The database will document Indigenous women, Two-Spirit and Trans people who have gone missing, or died as a result of violence.” Ziel ist es, die Leben der Betroffenen zu ehren, Familien eine Möglichkeit die Tode zu dokumentieren und auch: “asserting community control of our own record-keeping.”

Trisha Prabhu, 13 Jahre alt, hat eine Software entwickelt, die hilft “Cyber-Mobbing” zu verhindern. (Mehr auch bei A Mighty Girl auf FB.)

Und manchmal braucht es doch einfach nur was zum Lachen: Confused Cats Against Feminism.


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