Einträge mit dem Tag ‘LGBT’


Typen dürfen nicht, wir schon – Gewalt in queeren Beziehungen und die Ignoranz des Umfeldes

11. Dezember 2016 von Nadine

Bei Typen sind wir immer ganz vorne dabei, wenn es um Gewalt geht. Zitieren Statistiken, werfen mit Zahlen, donnern mit berechtigten Urteilen. Vergewaltigung, häusliche Gewalt, Gewalt in Beziehungen. Da wissen wir, wie der Hase läuft. Da wissen wir ganz genau, wie das Patriarchat funktioniert. Da wissen wir, dass in rund 90% der Fälle der Täter der eigene Ehemann ist, oder der Freund, oder der Onkel, Vater, Cousin, Bruder. Der Kumpel, den wir schon ewig kennen und von dem wir nie dachten…

Bei queeren Personen sind wir immer ganz vorne dabei, wenn es um Gerechtigkeit geht. Zitieren Statistiken, werfen mit Zahlen, donnern mit berechtigten Forderungen. Da wissen wir ganz genau, wie der Hase läuft. Vertrauen, Nähe, Anerkennung. Wahrnehmen. Ernstnehmen. Da wissen wir ganz genau, wie Utopie funktioniert. Da wissen wir, dass in rund 90% der Fälle alles okay ist. Dass sich da kritische Menschen mit anderen kritischen Menschen zusammentun und an einer besseren Welt bauen. Die mit weniger Gewalt, Diskriminierung und Ausgrenzung auskommt. Eine Welt, in der Menschen sich wohl fühlen, ein Zuhause haben. Einen Ort, an dem sie sein können, wie sie sind.

Wir respektieren ja Grenzen

Gewalt innerhalb queer_feministischer Communities, ja sogar Gewalt in Beziehungen, häusliche Gewalt, Vergewaltigung, das kann nicht sein. Das gibt es nicht. Denn wir respektieren ja Grenzen. Wir wissen ja um die Gewalt, die wir täglich erfahren. Aber nicht bei uns. Nicht unter uns. Niemals.

Wir interessieren uns brennend für die Gewaltgeschichten unseres_r Gegenüber. Wir wollen verstehen. Wir wollen unterstützen. Aber nur einen Teil. Den anderen blenden wir aus. Theoretisch besteht ja die Möglichkeit. Das haben wir in schlauen Büchern gelernt. Aber denken? Konsequenzen denken? Das können wir nur mit schlauen Büchern, Handreichungen. Community Accountability, Transformative Justice. Schlagworte in den Raum werfen. Workshops besuchen, Arbeitsgruppen bilden. Stuhlkreise.
Wir halten uns für so gut und so diskriminiert, dass wir es selten wagen zu denken, dass in 100% der Fälle, die andere Person der_die Täter_in, äähh Freund_in, äääh Aktivist_in, ääähhh die Person ist, von der wir niemals dachten, dass…

Die Beziehung als Therapiestunde

Menschen, die Gewalt erfahren haben, können Gewalt ausüben. Es ist so simpel und doch so schwer zu begreifen. Wir halten uns für Opfer, deswegen für gewaltfrei. Wir haben doch nur Wünsche und Bedürfnisse, auf die wir ein Recht haben, weil wir erlebt haben. Und wer uns diese Wünsche und Bedürfnisse nicht erfüllt, negiert unsere Erfahrungen, verhält sich ignorant, verletzend, diskriminierend, wiederholt Trauma.

Wenn die eigenen Erfahrungen dafür benutzt werden, um andere auszunutzen, zu manipulieren, zu kontrollieren, zu Handlungen und Entscheidungen zu zwingen bzw. zu „überreden“, ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, Selbsthass, Schuld- und Schamgefühle zu injizieren, um eigene Projektionen als ultimative Wahrheit zu verkaufen.

Wenn unsere eigene Beziehung mit einer Therapiestunde verwechselt wird, wenn mein_e Partner_in mein Leben auf die Reihe kriegen soll, meine Schmerzen ertragen soll, meine Trauer, meine Ängste und dafür die Verantwortung übernehmen. Wenn ich nicht akzeptieren kann, dass eine Beziehung nicht dafür da ist meine eigene Ohnmacht zu kompensieren. Dann fängt Gewalt an.

Typen dürfen nicht, wir schon

Aber wir sind doch so reflektiert… Wir sind doch so kritisch… Deshalb instrumentalisieren wir auch unser Wissen über Machtverhältnisse, soziale Positionen, Diskriminierung und Gewalt und rechtfertigen damit unsere Grenzüberschreitungen. Wir dürfen, weil wir erlebt und erfahren haben. Wir dürfen, weil wir ein Recht dazu haben. Wir dürfen, weil wir leiden… Inwiefern unterscheiden wir uns damit von dem rund 90% Täter. Der von dem wir niemals dachten, dass. Der, von dem wir schon immer wussten, dass.

Das Private ist politisch, heißt es doch. Aber nicht nur politisch ist ein sehr dehnbarer Begriff. Früher dachte ich, es wäre müßig Täter_innen zu outen in queeren Kontexten. Weil es dann einen Namen gibt. Wenige Namen gibt unter vielen. Und die vielen mit dem Finger auf die wenigen zeigen können, um sich selbst von dieser Form oder diesem Ort der Gewalt freizusprechen. Ich gebe zu, ich war naiv.  Denn so gut wie niemand interessiert sich für Namen. So gut wie niemand interessiert sich dafür, was überhaupt passiert, wenn wir von einer Demo oder Party nach Hause gehen, was in unseren eigenen 4 Wänden passiert.

Das Offensichtliche wird ignoriert

„Naja, so lange wir nicht alle Seiten der Geschichte kennen“ – „Woher hätte ich denn wissen sollen?“ „Für eine Einschätzung fehlen mir die Details…“ – Expert_innen, die wir in Fragen der hetigen Beziehungs- und häuslichen Gewalt, der sexualisierten Gewalt zweifellos sind, scheitern an den offensichtlichen Zeichen und Hinweisen, die Betroffene immer geben, wenn sie von ihrem Beziehungsalltag berichten.

Naaah, das sollen die mal schön unter sich klären…ihr „Beziehungsdrama“. Dramatisch, dass immer nur Typen Täter sein können. Dramatisch, dass es angeblich keine Täter_innen gibt unter allen anderen. Wer ein Opfer ist, kann kein_e Täter_in sein. Gewalt beginnt da, wo ich die Verantwortung für mich selbst an meine Beziehung abgebe. Gewalt hört nicht auf, wenn ich glaube, dass mich all das nicht betrifft.


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Übergriffige Fragen zur Schwangerschaft und verdiente Preisträgerinnen – kurz verlinkt

2. Dezember 2016 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 333 von 334 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

Auch online finden sich bei der taz heute eine Reihe von Texten von behinderten Autor_innen. Ninia LaGrande beispielsweise schreibt über ihre Erfahrungen als schwangere, kleinwüchsige Frau: „Die Frage, die ich am häufigsten gestellt bekomme, wenn ich erzähle, dass ich schwanger bin, lautet: „War es gewollt?“ Und ich kann mir kaum eine Frage vorstellen, die übergriffiger sein könnte als diese.“

Herzlichen Glückwunsch! Die Initative „Women in Exile“ wurde am Sonntag in Berlin mit dem Menschenrechtspreis der Gerhart-und-Renate-Baum-Stiftung ausgezeichnet und Deutschlandradio Kultur berichtet. (Vor zwei Jahren haben wir Women in Exile & Friends interviewt. Die zwei Teile könnt ihr natürlich immer noch nachlesen.)

Für progress schreibt Valentine Auer über den dokumentarischen Kurzfilm „My refugee story“, der als Ergebnis eines Workshops für geflohene LGBTIQ-Personen entstanden ist, und interviewt Mohamed Nour Metwally, der an der Konzeption des Workshops beteiligt war.

Anne Leichtfuß ist Simultan-Dolmetscherin für Leichte Sprache. Bisher die einzige. In der taz wird ihre Arbeit vorgestellt.

Bei Femgeeks gibt es eine super Link-Zusammenstellung mit Analysen und unterschiedliche Perspektiven zur und auf die US-Wahl und zu dem Handlungsmöglichkeiten.

Immer wieder los von Null? Auf Zehenspitzen stellt zeigt, wie Clickbait-Überschriften, die immer besonders auf Neuigkeiten abzielen, verhindern, dass Diskussionen auf Vorangegangenes aufbauen. Das Beispiel: feministische Analysen und Erfahrungen zu Schwangerschaft.

englischsprachige Links

Die aktuelle Ausgabe von HOLAA! kann online gelesen werden. In den 150 Seiten geht es laut den Kurator_innen Tiffany Mugo und Siphumeze Khundayi um folgendes: „This edition has stories of love, stories of heartache. It tackles the political and also the passionate. This issue sought to scratch the surface of the infinite stories that queer African women have deep inside and draw them out for everyone to see.“

In Texas soll ab dem 19. Dezember fötales Gewebe nach Abtreibungen oder Fehlgeburten beerdigt werden müssen. The Austin Chronicle berichtet über die Konsequenzen dieser weiteren Anti-Choice-Entscheidung.

For the white person who wants to know how to be my friend“ und zwei weitere Gedichte von Pat Parker veröffentlichte LitHub.

Termine Berlin, Bochum, Hannover, Marburg Potsdam und Wien

02.12. in Marburg: FaulenzA hält einen Vortrag über Transmisogynie. Danach gibt es ein Konzert. (FB)

03.12. in Wien: SchwarzRund liest im Planet 10 aus ihrem Roman „Biskaya“.

03.12. in Hannover: FaulenzA hält einen Vortrag über Transmisogynie. Danach gibt es ein Konzert. (FB)

06.12. in Potsdam: Vortrag in der Ringvorlesung „How to be a Feminist“ mit Tatiana Bazzichelli: FROM NET PORN TO PORN TUBES – THE DEVELOPEMENT OF SHARED SEXUALITIES.

08.12. in Berlin: Von 18-20 Uhr findet die Präsentation der Expertise „Geschlechterverhältnisse in Fußballfanszenen“ statt.

13.12. in Potsdam: Vortrag in der Ringvorlesung „How to be a Feminist“ mit Sonia Eismann: I CHOOSE MY CHOICE!“ – VOM POPFEMINISMUS ZUM CHOICEFEMINISMUS.

15.12. in Bochum: Die Gruppe about.fem hält beim herrschaftskritischen Kaffeeklatsch einen Vortrag zu „Begrifflichkeiten des Queerfeminismus„.

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?


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Ein Buch nach dem anderen: Indigene LGBT Sci Fi, Mädchenfreundinnenschaft und Reportagen afrikanischer Autor_innen

29. November 2016 von Charlott
Dieser Text ist Teil 120 von 121 der Serie Die Feministische Bibliothek

Kurzrezensionen

swing-timeZadie Smith gehört seit Jahren zu meinen liebsten Schriftsteller_innen. Mit entsprechender Vorfreude habe ich somit auf diesen November hingefiebert, da nun endlich ihr neuster Roman Swing Time (Hamish Hamilton, 2016) erschien. Das Buch dreht sich um die Freundinnenschaft von Tracey und der Erzählerin, deren Namen wir nicht erfahren. Beide wachsen in der gleichen Nachbarschaft auf und sie verbindet (neben dem Fakt, dass sie beide ein weißes und ein Schwarzes Elternteil haben) ihre Liebe zum Tanz. Wirkliches Talent für die im Unterricht verlangten Bewegungen zeigt nur Tracey, die Erzählerin aber hat Ideen und Vorstellungen. Die Kapitel fokussieren im Wechsel auf die Kindheit und Jugend der Erzählerin und ihre späteren Karriere als persönliche Assistentin für eine international berühmte Sängerin, die sich in den Kopf setzt eine Mädchenschule „in Afrika“ zu gründen. Swing Time in wenigen Sätzen inhaltlich zusammenzufassen, kann dem Roman nur Unrecht tun: So vieles schafft es Smith in den etwas mehr als vierhundert Seiten unterzubringen, dabei bleiben Betrachtungen zu race und Klasse zentral und gerade Smiths pointierte Beobachtungen und Beschreibungen sind das Herz des Werks. (Ihre bisherigen Romane sind alle auch ins Deutsche übersetzt erschienen. Swing Time wird also mit Sicherheit folgen.)

what-is-not-yours-is-not-yours Bereits Helen Oyeyemis erster Roman (Das Ikarus Mädchen, welchen sie mit gerade einmal 19 Jahren schrieb) fuhr viel Lob und Anerkennung ein. Nun, eine ganz Reihe weiterer gefeierter Romane später, hat Oyeyemi in diesem Jahr ihren ersten Kurzgeschichtenband vorgelegt. What Is Not Yours Is Not Yours (Picador, 2016) spielt – wie viele Texte von Oyeyemi – mit Märchenelementen und Symbolen. Und genau wie beim Lesen eines Märchens ist es von Beginn an von Nöten jeglichen „Unglauben“ abzulegen und sich einfach von den Geschichten treiben zu lassen und Dinge als gegeben hinnehmen. In der (vielleicht am konventionell erzähltesten) Einstiegsgeschichte „Books and Roses“ öffnet ein Schlüssel den Zugang zu einer Bibliothek und einen Garten und zur Liebesgeschichte um eine Diebin und eine Künstlerin, „Is Your Blood as Red as This?“ folgt den Schüler_innen einer Marionetten-Schule und einer lebensgroßen Marionette, die je nach Betrachter_in männlich oder weiblich gelesen wird, und in „Drownings“ regiert ein Tyrann, dessen Methoden zu seinem Untergang beitragen. Die Geschichten unterscheidet sich sehr vom Stil und Setting, verbunden sind sie durch die Wiederkehr von Schlüsseln als bedeutendes Symbol und Charaktere, die in unterschiedlichen Geschichten wieder auftauchen. In meiner liebsten Geschichte „‘Sorry’ Doesn’t Sweeten Her Tea“ verehrt ein junges Mädchen einen Sänger – bis dieser beschuldigt wird Täter sexualisierter Gewalt zu sein. Im Gegensatz zur weiteren Öffentlichkeit glaubt das Mädchen der Frau, die über die Tat berichtet, und sucht Rache (etwas was ihr Vater und sein Partner nur ansatzweise verstehen können). Etwas Magie später scheint der Sänger in einer Spirale von Entschuldigungsversuchen gefangen.

love-beyond-body-space-time Eine weitere Kurzgeschichtensammlung, die dieses Jahr erschienen ist: Love Beyond Body, Space, and Time: An Indigenous LGBT Sci-Fi Anthology (Bedside Press, 2016) herausgegeben von Hope Nicholson. Diese Anthologie bringt Geschichten von Native American Autor_innen zusammen, die einerseits als speculative fiction kategorisiert werden können (entgegen des Titels ist nicht alles in diesem Band SciFi) und die Haupt-Protagonist_innen lesbisch, schwul, queer, trans und_oder Two Spirits sind. In den Geschichten geht es unter anderem um eine Tierärztin, die sich unerwartet auf einem Raumschiff um eine Gruppe Hunde kümmern muss, die den Flug eigentlich hätten schlafend verbrinden sollen, eine trans Frau, die versucht auszuloten was Frausein für sie als indigene Frau bedeutet, zwei Jungen, die zu Kolibris werden und Aliens, die sichtbar über dem Planeten in ihrem Raumschiff schweben, aber nicht landen.
Auf LGBTQReads beschreiben einige der Autor_innen ihre Motivationen hinter den Texten.

safe-house Safe House: Explorations in Creative Nonfiction (Cassava Republic, 2016) ist eine von Ellah Wakatama Allfrey herausgegebene Anthologie von Essays afrikanischer Autor_innen. Allfrey bringt Reiseerzählungen, Memoiren, Reportagen, True Crime Stories und allerhand anderer Genres zusammen und schafft durch die geschickte Reihung der Texte einen echten zusätzlichen Gewinn, wenn eine das Buch chronologisch liest. Auf Kofi Akpablis Text “Made in Nima”, in dem er über seinen Heimatort schreibt, an dem lange Zeit viele unterschiedliche Menschen zusammen lebten, folgt so zum Beispiel Kevin Ezes Beobachtungen zur chinesischen Community in Dakar, Senegal, deren Träume und Vorstellungen und die Gewalt gegen sie. Isaac Otidi Amukes „Safe House“, tagebuchähnlichen Aufzeichnungen zu seinen Erlebnissen als politischer Flüchtling aus Kenia ind Uganda, folgt Mark Gevissers Reportage über LGBTI-Geflüchtete aus Uganda, die in einem Limbo in Kenya leben („Walking Girly in Nairobi“). Und außerdem? Hawa Jande Golakai schreibt über ihre Erfahrungen während der Ebola-Krise in Liberia, Sarita Ranchod erinnert sich an ihre Kindheit in der indischen Community am Kap, zwischen Gujarati-Unterricht, leckerem Essen und Protest, Barbara Wanjala fliegt in den Senegal, um sich mit der Leiterin der dort einzigen NGO, die sich gezielt für lesbische Frauen einsetzt, zu treffen und Neema Komba besucht einen magischen Berg nahe des Dorfes, aus dem ihre Familie kommt. (Und ja, noch viele spannende Texte mehr.)

Literaturnews und -debatten

Voller Vorfreude: Am 16.März 2017 erscheinen Sharon Dodua Otoos beiden Novellen die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle … und Synchronicity als ein Band im Fischer Verlag. (Einzeln kann man sie natürlich jetzt immer noch bei edition assemblage erwerben.)

Ebenfalls beim Fischer Verlag (bzw. dem Imprint TOR) erschien im Oktober endlich Becky Chambers Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten. Das englische Orginal habe ich bereits im Sommer kurz besprochen.

Bei CrossCult erschien auch im Oktober Nnedi Okorafors Lagune. Wer fürchtet den Tod und Das Buch des Phönix sollen folgen. Die englischen Orginale zu Lagune und Wer fürchtet den Tod habe ich im letzten Jahr besprochen.

Gabrielle Bellot beschreibt in The Atlantic die (Interventions)Möglichkeiten queerer Literatur unter Trump.

Emily Temple empfiehlt bei LitHub40 New Feminist Classics You Should Read“ – eine Liste voller Non-Fiction, Poesie und Romanen.

Im Guardian schreibt Zadie Smith über die Tänzer_innen, die sie inspirieren, von Fred Astaire zu Beyoncé und den Zusammenhang von Literatur und Tanz.

Roxane Gay und Yona Harvey schreiben als erste Schwarze Frauen für den Comic-Giganten Marvel. Im Interview mit Entertaiment Weekly spricht Gay über „World of Wakanda“.


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Latinx-Stimmen zu Orlando – kurz verlinkt

16. Juni 2016 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 319 von 334 der Serie Kurz notiert

Links zu Orlando

Am vergangenen Wochenende fand im Club „Pulse“ in Orlando, Florida, eine „Latin Night“ für Latinx LGBT statt. Der 29-jähriger Omar Mateen suchte den Club schwer bewaffnet auf und erschoss 49 Personen, viele weitere verletzte er.

Beim Missy Magazine schreibt Hengameh Yaghoobifarah: „Gewalt an queeren Personen ist so normal, dass erst ein solches Massaker signalisiert, dass Homo- und Transfeindlichkeit töten. Ich frage mich: Wie viele Transfrauen of Color werden täglich ermordet, ohne dass wir jemals ihre Namen und Geschichten kennen? Wie viele Besucher*innen queerer Bars werden eigentlich pro Nacht auf dem Heimweg verprügelt? Wie viele Queers und Transpersonen sterben jährlich unter Polizeigewalt, wie viele von ihnen, weil sie rassifiziert wurden?“

Democracy Now interviewte Isa Noyola, Programdirektorin des Transgender Law Center, die fordert: „Latinx LGBTQ Community & Its Stories of Survival Should Be at Center of Orlando Response„. Bei Autostraddle schreiben eine Reihe von LGBTQ Latinx über ihre Trauer, Wut und Wünsche. Justin Torres schrieb bei der Washington Post eine Lobhymne auf die „Latin Night at the Queer Club“ und Daniel Leon-Davis schreibt bei Fusion über die Bedeutung, die „Pulse“ für ihn hatte.

SchwarzRund hat das Gedicht „A Latinix Thing“ veröffentlicht und Loma das Gedicht „All the Dead Boys Look Like Me„.

In den letzten Tagen wurden auch bereits eine ganze Reihe wichtiger Texte zu den Kontexten der Gewalttat publiziert. Mark Joseph Stern zeigt wie sich der Anschlag einreiht in eine lange Geschichte von Gewalt gegen Besucher_innen von LGBTQ Clubs und Bars. Und während in vielen Medien ein möglicher islamistischer Hintergrund breit diskutiert wird und trauernde LGBTQ Personen dazu veranlasst, Energie in die Abgrenzung zu islamfeindlicher Vereinnahmung zu stecken, schreibt Tara Culp-Ressler bei Think Progress über die Rolle von toxischer Männlichkeit bei Massenerschießungen. Und Democracy Now stellt noch einmal heraus: „Orlando Massacre Comes After Lawmakers in U.S. Filed More Than 200 Anti-LGBT Bills„.

Es wurde zu dem bereits ein Pulse Victims Fund eingerichtet, den ihr unterstützen könnt.

weitere deutschsprachige Links

Bei Deutschland Radio Wissen ging es um sexualisierte Gewalt, ihre (Nicht)Verfolgung und rape culture. Im Beitrag spricht auch Nadia Shehadeh über das Medienecho zum Verfahren mit Gina-Lisa Lohfink.

Vier Männer die geflüchtete Personen zum teil schwer verletzten wurde gerade einmal zu Bewähungsstrafen verurteilt, berichtet RP Online.

Beim „Theatertreffen der Jugend“ kam es zu einem rassistischen Vorfall: Als die eingeladenen Theatergruppen ich performativ gegenseitig vorstellen sollten, wählte eine Aachener Gruppe eine ganze Reihe rassistischer Motive und Aussagen um das Stück „one day I went to *idl“ des Ballhaus Naunynstrasse zu präsentieren. Hengameh Yaghoobifarah hat die Schauspielerin Benita Bailey zu den Ereignissen.

In der Jüdischen Allgemeinen schreibt Armin Pfahl-Traughber über Antisemitismus bei der AfD, die von sich eine „Nulltoleranz“ gegen Antisemitismus behauptet und Feindlichkeit gegen Jüd_innen einzig als Problem von Muslim_innen und/oder gelüchteten Menschen darstellt.

weitere englischsprachige Links

Der Artikel ist zwar bereits aus dem letzten Jahr, aber trotzdem eine gute kleine Geschichtsstunde: BlackGirlLongHair stellt elf Schwarze Frauen vor, die versucht haben US-Präsidentin zu werden.

On Not Being a Mom or a Dad“ – B.A. Beasley schreibt bei The Toast über genderqueer-sein und Elternschaft.

Termine in Berlin, Hamburg und Jena

Jena, 16. Juni: Vortrag zu „Dein Bauch gehört dir – dein Staat sagt wofür §§ 218-219 StGB (Schwangerschaftsabbruch & Schwangerschaftskonfliktberatung)“ ab 19 Uhr. (FB-Link)

Berlin, 17. Juni: Ab 20.30 findet im „Bei Ruth“ eine #prochoice Party und Fundraiser für das Abortion Support Network statt. (FB-Link)

Berlin, 20. Juni: Vortrag zu „Prostitutionsschutzgesetz – Inhalt und Auswirkungen“ ab 16 Uhr.

Jena, 28. Juni: Filmführung von Abortion Democracy und anschließende Diskussion mit Sarah Diehl. (FB-Link)

Hamburg, 3. Juli: Ab 10.30 startet der Benefizlauf der Frauenhäuser (Spontananmeldung ist ab 9.00 möglich).

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?


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Fussballerinnen gesucht, #RegrettingMotherhood und das erste Trans* Film Festival Berlin – kurz verlinkt

16. Februar 2016 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 308 von 334 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Beiträge

Essays, Portraits, analytische Texte, Storytellings und Foto-Reportagen. 30 Jahre nach der Gründung der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland erscheint das Sammelband „Spiegelblicke – Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland.“ Über 50 Autor*innen und Zeitzeug*innen schreiben über zwischenmenschliche Beziehungen, rassistische Strukturen in privaten und öffentlichen Räumen, dokumentieren Stationen der Identitätsfindung und des Empowerments.

Noch bis zum 1. März nimmt der Journalistinnenbund Bewerbungen um den Marlies-Hesse-Nachwuchspreis entgegen.

Fußballerinnen aufgepasst: Am 11. Juni steigt in Leipzig ein Fußballturnier für Frauenfreizeitmannschaften. Um euch anzumelden und/oder um Weiteres zu erfahren, meldet euch bei connevista01(at)gmail.com.

Der Berufsverband für Heilpraktikerinnen Lachesis e.V. hat eine kritische Stellungnahme zur Marktzulassung des Wirkstoffs Flibanserin, oft auch „Pink Viagra“ genannt, verfasst.

Der Lesben- und Schwulenverband LSVD hat einen arabischsprachigen Rechtsratgeber für lesbische, schwule, bisexuelle und transgeschlechtliche Geflüchtete herausgegeben.

Die Plattform speakerinnen.org verfügt inzwischen über 1.000 Expertinnen aller Fachrichtungen. Ziel der Plattform ist, den Frauenanteil bei Konferenzen, Talkshows, Podiumsdiskussionen etc. zu erhöhen. Die eintausendste Speakerin ist die indische Entwicklerin und Wirtschaftsanalytikerin Isha Tripathi.

In der Sexuologie – Zeitschrift für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft ist ein Artikel zu Sexualisierte Gewalt, Traumatisierung und Flucht von Farid Hashemi, Torsten Linke und Heinz-Jürgen Voß erschienen, der online abrufbar ist.

Hendrik Kraft hat die Ringvorlesung Rassismusforschung an der TU Berlin mit Blogbeiträgen begleitet.

Die israelische Soziologin Orna Donath spricht in der Jüdischen Allgemeinen über Frauen, die es zutiefst bedauern, Mutter geworden zu sein: »Reue ist nichts Schlimmes«.

Englischsprachige Beiträge

The first Trans* Film Festival Berlin (Facebook-Seite) wird im Oktober 2016 in Berlin stattfinden.

Precious Lee ist das erste Schwarze Plus Size Model in der Sports Illustrated’s Swim Issue: „I Want to Continue the Revolution.

„Ich habe jahrelang versucht, dünner zu werden. Oprah Winfreys Weight-Watchers-Werbung hat mich überzeugt, damit aufzuhören,“ schreibt Cassie St.Onge bei Vox.

Knaller: „White People Lose Their Damn Minds“ in Saturday Night Lives Skit ‘The Day Beyoncé Turned Black’:

Termine in Berlin, Bremen, Dresden, Münster:

Am 25. Februar in Berlin: Das Bündnis Vernetzt euch! lädt ein zum Doku-Launch. Ab 19 Uhr im Familiengarten Kreuzberg, Oranienstraße 34, Hinterhof. (Der Familiengarten ist per Aufzug barrierefrei erreichbar, es gibt eine barrierefreie Toilette). Hier geht’s zum Facebook-Event.

Ab dem 29. Februar in Berlin: Das FFBIZ lädt ein zum Lesekreis zu aktuellen feministischen Strömungen an jedem letzten Montag im Monat von 18:00 bis 20:00 in Friedrichshain.

3. März, Bremen: Podiumsdiskussion: „STOPP! Kein Sexismus im Internet“ u.a. mit Magda Albrecht, organisiert von der Landesgleichstellungstelle ZGF und dem Verein belladonna um 19:30 Uhr im Haus der Wissenschaften, Olbers Saal.

11. März, Dresden: Vortrag von Magda Albrecht „Vom Bloggen und Blocken: Online-Aktivismus gegen sexistische Gewalt“ im Rahmen der Frauentagsveranstaltung der Fraktion DIE LINKE im Sächsischen Landtag, Bernhard-von-Lindenau-Platz 1, 01067 Dresden, Raum A 400 und Lobby der 4. Etage.

Am 19. März in Münster: Christliche Fundamentalist_innen marschieren auf und das Gegen 1000 Kreuze Bündnis bittet zum Gegenprotest.


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MTVs Serienhit „Faking it“ – sometimes nailing it, sometimes failing it

13. Oktober 2015 von Nadine
Dieser Text ist Teil 23 von 26 der Serie Die Feministische Videothek

Neulich schrieb ich noch, dass ich mir am liebsten Hetenserien gebe, weil ich darin unbeteiligte Zuschauerin bin. Und bis auf wenige Ausnahmen keine Serien mit hohem Anteil queerer Perspektiven und Figuren schaue, weil der Fokus oft auf Gewalt und Diskriminierung liegt. Trotz meiner anfänglichen Skepsis gegenüber dem Hauptplot von Faking it, folgte ich der Empfehlung einer Freundin, die die Serie aus dem Hause MTV mit einer Schüler_innen AG schaut.

Amy und Karma, zwei Teenager aus Austin, Texas besuchen die Highschool. Aber nicht irgendeine, sondern Hester High, eine Schule, an der Normabweichung gefeiert wird, statt mit Mobbing und Stalking darauf zu reagieren. Diskriminierung existiert an der Schule nicht, alle sozialen Gruppen sind vertreten, die Schüler_innen supporten sich gegenseitig. Klar, dass Amy und Karma, zwei weiße normschöne Heten da nicht viel zu melden haben. Während Amy mit ihrer unbedeutenden Position kein Problem hat, quälen Karma Selbstwertprobleme. Sie will dazu gehören und beliebt sein. Als die beiden versehentlich für ein lesbisches Paar gehalten werden und die Schule sie als Prom Queen Pärchen sehen will, lässt Karma sich nicht zwei Mal bitten. Sie überredet Amy das Ganze noch ein bisschen länger zu faken. Schließlich steht nun Liam, der Hottie der Schule auf sie. Und wir wissen ja, wie „interessant“ straighte Typen Lesben finden, die für Frauen vorgesehene Schönheitsnormen erfüllen.

Als Lauren, Amys Stiefschwester, die beiden als hetero outen will, verhindert Amy Laurens Plan, indem sie Karma vor der gesamten Schule küsst. Ein sehr folgenreicher, wie sich bald herausstellt, denn für Amy wird es nicht beim „Faking it“ bleiben. Und so spinnen sich herzzerreißende, selbstironische und empowernde Geschichten um Sex_ualität, Liebe, Beziehungen, Identität, Freund_innenschaft, Begehren und Gender, eingebettet in ein völlig unrealistisches diskriminierungskritisches Setting. Unrealistisch ist hier tatsächlich liebevoll gemeint, denn Faking it schafft es, eine Utopie zu kreieren, die Jugendlichen die Möglichkeit gibt, sich mit positiven Bildern zu identifizieren statt mit Trauma, Mobbing und Gewalt, ohne Diskriminierung als Fakt und die eigene Realität darin unter den Teppich zu kehren.

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Von der Schwierigkeit nicht hetero zu sein und hetero zu kritisieren.

28. Juli 2015 von Nadine

In feministischen Kreisen™ hierzulande tut sich eine Kritik sehr schwer: Die Kritik an Hetero-Praxen, am Performen von Heterosexualität. Zum einen, weil die Kritik sich nicht ausschließlich an das abstrakte Etwas Heteronormativität richtet, sondern auch an _die_ Heten selbst, die mit ihren heterosexuellen Selbstverständlichkeiten rumnerven (z.B. Vergewaltigungswitzchen, ständiger Boyfriend- und Beziehungstalk, #notallheteros, umschweifende Raumeinnahme durch Austausch von Körperflüssigkeiten im öffentlichen Nahverkehr *no pun intended* oder Beengung von Wegen und Sitzplätzen durch Bilden einer symbiotischen Körpereinheit, vehementes Einfordern von Typenprivilegien zuerst für sich selbst und danach für alle anderen, Studieren und Erforschen von LGBT-Lebensrealitäten zur eigenen Belustigung, zum Aufpeppen des eigenen Seins oder zum Geld verdienen).

Kritisiert werden Hetero-Praxen und Performances in der Regel, um darauf aufmerksam zu machen, dass es außer Heten auch noch andere Menschen gibt, die ein Recht darauf haben, ein gutes Leben zu führen ohne das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder Nichtdiskriminierung in den Mülleimer zu werfen und dass dieses gute Leben eben auch davon abhängig ist, wer sich ständig als Normalität inszeniert ohne Rücksicht auf das Umfeld zu nehmen. Überraschenderweise wird von Heten, die Heteronormativität als Problem erkannt haben (und von sich selbst auch manchmal als Heten und nicht als Menschen sprechen können, z.B. weil sie überhaupt erst einmal wissen, dass sie Heten sind), in Fällen der Kritik an Konkretem meistens auf das Abstrakte verweisen: Strukturen. Da gibt es diesen bösen Staat, der macht, dass Schwule und Lesben nicht heiraten und nicht adoptieren dürfen (so eine Ungerechtigkeit!11!!1) und äääh ja Trans* und so diese Leute haben’s auch nicht einfach. Betroffenes Nicken.

Heten und ihr „LGBT*-Aktivismus“

Kritisiert wird von Heten oft nur das, was sie selbst für erstrebenswert erachten und anderen verwehrt wird: Heiraten und Kinder kriegen/großziehen/für sie sorgen/Familie haben, Vorstandsetagensessel, Ruhm. Insofern werden auch eifrig Gay Rights mitpropagiert, wird der Regenbogen gefeiert und manchmal empört getan, dass Lisa B. aus K. auf offener Straße zusammengeschlagen wurde, weil er_sie nicht ins Konzept passt von dem, was als Hetero gilt und damit in den Augen von passenden (im Sinne von: Passing/ durchgehen als…) Heten eine Gefahr darstellt. Wer sich als queere Person einreiht ins schöne Hetero-Leben mit den eigenen politischen Forderungen oder Betroffene_r von „wirklich schlimmer“ Diskriminierung ist, um ungefragt als Abziehbild ins Skandalös-Gutmensch-Hetero-Heftchen geklebt zu werden, hat vielleicht die Chance auf Solidarität. Alle anderen, die von Umverteilung (Geld, Zeit, Kapazitäten, politischen Prioritäten in aktivistischen Kämpfen) reden, naaaah…die müssma net anhörn. die tun wa extra. in dieses LGBT dings rein. und dafür hamm wa keene Zeit, weil wegen Vereinbarkeitsproblematik und so. Lieber noch ein bisschen rumjammern, dass das Thema feministische Mutterschaft immer so untergeht zwischen diesen kinderfeindlichen Queer_Feminist_innen, die alles dominieren. Und deshalb (jetzt erst recht!!!) als weiße, ableisierte, Mittelschichts-Hetera den 239. Blog einer weißen, ableisierten, Mittelschichts-Hetera lesen und verlinken, die von 50/50 (AS IF…) und rosa für Jungs plappert.

Kritik an Heteropraxen und Performances ist allerdings auch wegen einer anderen Sache nicht gern gesehene Gäst_in in hiesigen feministischen Debatten: In dieser Kritik würden auch Menschen mitgemeint werden, die sich nicht als Hetero definieren oder nicht als Hete gelesen werden, auch wenn sie sich so definieren. Damit würde die Hetero-Kritik Sexismus bzw. Bifeindlichkeit und Trans*diskriminierung reproduzieren. Um den Unmut über die Kritik zu äußern, die sich nicht an die eigene Person und die eigene Alltagspraxis zu richten haben darf, werden dann munter lesbenfeindliche, sexistische und derailende Behauptungen in die Diskussionsschale geworfen, die z.B. „Lesben sind Cis-Frauen, die auf Cis-Frauen stehen“, „Lesben hassen Menschen, die mit Männern(Sternchen) schlafen“, „Frauen(Sternchen) vorzuschreiben, wen sie lieben dürfen [AS IF… Anm. von mir], ist frauen(sternchen)feindlich“ oder kurz: „Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben?“ lauten.

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Ehe abschaffen! Und bis dahin: Eheprivilegien umverteilen

1. Juli 2015 von Nadine

An diesem Wochenende feierte meine Facebook-Timeline das Ende des Pride-Month in einem Regenbogen-Fahnenmeer. Viele meiner Kontakte tauchten ihr Profilbild in bunte Streifen, hier und da wurden Artikel über die Öffnung der Ehe für schwule und lesbische Paare in Deutschland, über die Entscheidung des Supreme Courts in den USA geteilt, die Aktion #Ehefüralle läuft nach wie vor viral und auch auf Twitter gibt es immer mal wieder Diskussionen darüber, ob die Ehe abgeschafft oder ausgeweitet gehört. Vor allem US-amerikanische Schwarze Aktivist_innen und Aktivist_innen of Color sind es, die dieser Tage, 46 Jahre nach den Stonewall-Riots in New York (sexarbeitende Schwarze Transfrauen und Transfrauen of Color protestierten gegen u.a. gegen Polizeigewalt), gebetsmühlenartig gegen die weiße Wand der „Out and Proud“-Euphorie von LGBT* und Heten intervenieren, mit Texten und Aktionen innerhalb und außerhalb der großen Demonstrationen.

Zwar finden in hiesigen Kontexten diese US-amerikanischen Perspektiven ebenfalls Anklang, jedoch habe ich den Eindruck, dass diese Kritik in Argumenten wie „es muss kein entweder, oder sein“, „die Forderungen schließen sich nicht aus“ bisweilen untergeht. Sicherlich bleibt immer eine zentrale Frage sozialer Bewegungen, wenn es um konkrete Forderungen geht, was umsetzbar ist und was vorerst Idee bleiben muss. Orientiert wird sich bei solchen Abwägungen an den staatlichen Regulierungsmöglichkeiten, z.B. Gesetzesänderungen, die sich positiv auf die Gruppe auswirken (sollen). Dem Staat kommt in Bezug auf die Lebensbedingungen und -realitäten derer, die innerhalb seiner Grenzen leben (wollen), ein sehr großer Machtstatus zu, dennoch ist diese Form der Macht eine, die durch ein gewaltvolles Abhängigkeitsverhältnis gekennzeichnet ist. Für die einen mehr, für die anderen weniger als ein solches spür- und wahrnehmbar. Ein weiterer Bezugsrahmen für Überlegungen ist die Gesellschaft. Diese wird allerdings häufig durchweg als privilegiertere Gruppe (als sich selbst) vorgestellt: weiß, deutsch, hetero, klassenprivilegiert, gut situiert, mit Staatsbürger_innenschaft. Diese Gruppe wird zur Solidarität aufgefordert, denn sie ist es, die die Privilegien inne hat, die mensch selbst vermeintlich bekommen will. In diesem Fall: Das Recht auf Eheschließung. Die vollständige Gleichstellung der Ehe und Gleichverteilung ehelicher Privilegien auf Heten, Schwule und Lesben.

Die Kritik, dass die Institution Ehe im Kern ein kolonialrassistisches, heterosexistisches und kapitalistisches Ordnungs- und Gewaltinstrument ist, das die staatliche Gewalt-Dynamik bis in den persönlichen Nahraum von Menschen wiederholt (siehe Links am Ende des Textes), scheint der „Why not?“ und „Tut ja keine_r weh!“-Stimmung keinen Abbruch zu tun. Manchmal werden Schwule und Lesben von den „Ehe abschaffen“-Rufen ausgenommen, weil das angeblich homofeindlich sei. Mensch würde sich damit in konservative Diskurse reinsetzen und Platz für problematische Aneignung schaffen. Ein weiteres Argument gegen die vollständige Abschaffung der Ehe samt ihrer Privilegien: Ehe ja, Privilegien nein. Gleiche Rechte für alle.

Ohne die damit einhergehenden Privilegien funktioniert die Ehe allerdings nicht. Sie wäre sinnlos. Mit der Ehe schützt und bevorteilt der Staat privilegierte Heten, die in das oben beschriebene Muster passen. Es gibt so gut wie keine Einschränkungen für diese Gruppen, was Lebensplanung und Lebensführung betrifft, Reproduktion und Familie(ngründung) ist auf vielen Wegen möglich und z.T. subventioniert (durch Staat und Krankenkassen), mit jeder Steuererklärung gibt der Staat Geldgeschenke (z.B. durch das Ehegattensplitting). Die sozialstaatlichen Transferleistungen für die weiße, deutsche, hetige Mittel- und Oberschicht mit deutscher Staatsbürger_innenschaft sind in Höhe und Umfang enorm. Sie profitieren mehr als jede andere soziale Gruppe von ihnen. Und noch einmal mehr, wenn sie untereinander verheiratet sind. Auch die Diskriminierungsbelastung in anderen Beziehungsnetzwerken und Verhältnissen wie Lohnarbeit und Freund_innenschaften ist für diese Gruppe vergleichsweise gering. Gender Pay Gap, gläserne Decke, Typenklüngel-Netzwerke, sexualisierte und häusliche Gewalt sind trotzdem Themen, die relevant sind, obwohl das keine Problematiken sind, die auf diese Gruppe begrenzt wären, im Gegenteil.

Alle großen Parteien orientieren sich mit ihren politischen Linien an diesen Heten, weil dort das Geld sitzt. Kaufkraft, Möglichkeit der steuerlichen Belastung, auf ideologischer Ebene deutsche, meritokratische Prinzipien und Werte repräsentierend. Weil die Politiker_innen genau so sind. Staatliche Antidiskriminierungspolitik ist deshalb in erster Linie an Menschen interessiert, die diese Norm widerspiegeln oder nah an diese heranreichen. Und wenn Diskriminierung in Mini-Schritten abgebaut wird, so wird im Austausch das wertekonservative Klientel samt Regierungspartner mit Zugeständnissen besänftigt. Die „Emanzipationserfolge“ bleiben oft nur Veränderungen auf symbolischer Ebene, rhetorisch modernisiert, solange Gerechtigkeit einen Preis hat und an Bedingungen geknüpft ist, die wiederum im negativen Sinne folgenreich für andere soziale Gruppen sind. Was bleibt ist, dass der Staat es wieder einmal geschafft hat, potentiell gefährliche Subjekte (in diesem Fall Schwule und Lesben) befriedet und (weiterhin) an sich zu binden. Speaking of Abhängigkeiten.

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Jenseits von #Ehefüralle: Trans_Kämpfe in den USA

16. Juni 2015 von Magda
Dieser Text ist Teil 20 von 26 der Serie Die Feministische Videothek

Auf nytimes.com gibt es eine sehenswerte englischsprachige Reportage über die jahrzehntelangen aktivistischen Kämpfe von Trans_Menschen in den USA, insbesondere Trans_Frauen of Color. Die Reportage thematisiert die frühen Kämpfe von LGBT inklusive der tagelang andauernden Stonewall-Kämpfe von 1969, dem „Geburtsort“ der US-amerikanischen LGBT-Bewegung.

Was oftmals unerwähnt bleibt: Tragende Rollen spielten Trans_Frauen of Color wie Marsha P. Johnson oder Sylvia Rivera. In massenmedialen Erzählungen oder Mainstream schwullesbischen Kämpfen spielen Trans_Realitäten und Trans_Rechte heute hingegen kaum eine Rolle. Gay Marriage – das deutsche Äquivalent: „Ehe für alle“ – sei nur deshalb eine so zentrale Forderung, weil dringende Probleme wie Armut, Wohnungslosigkeit, medizinische Unterversorgung und Gewalt in LGBT-Bewegungen an den Rand gedrängt werden. Die interviewte Aktivistin Lourdes Ashley Hunter vom Trans Women of Color Collective stellt fest: „Ehe [für alle] ist nicht oberste Priorität – nicht für Schwarze Trans_Frauen“*

Die Reportage enthält Beschreibungen von (sexualisierter) Gewalt.

* „The priority is not [gay] marriage – not for Black trans women.“ – Lourdes Ashley Hunter (Trans Women of Color Collective)


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Antisemitische Übergriffe, May-Ayim-Tag und Tina Feys neue Show – kurz verlinkt

18. März 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 274 von 334 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Beiträge

Interview mit Sabine Mohamed zu Schwarzem Feminismus in Deutschland („Black Feminism is not white feminism in Blackface“).

In Frankfurt demonstrieren heute Tausende anlässlich der Eröffnung des neuen Prunkbaus der Europäische Zentralbank gegen Kapitalismus im Allgemeinen und gegen konkrete Sprapolitiken und Maßnahmen von Akteuren wie eben der EZB. Bereits am Vormittag schrieb neues deutschland über Hunderte von Festnahmen unter den Blockupy-Aktivist_innen.

In Berlin wurde die „Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS)“ gegründet, dazu berichtet die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin. Zu der Gründung und der ansteigenden Zahl antisemitischer Übergriffe in Berlin schrieb auch der Störungsmelder der ZEIT.

Am 3. Mai hätte die Aktivistin, Poetin und Wissenschaftlerin May Ayim Geburtstag. Aus diesem Anlass plant die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland gemeinsam mit dem Friedrichshain-Kreuzberg Museum, Ballhausnaunystrasse e.V., und Berlin Post-Colonial e.V. zum zweiten Mal den May-Ayim-Tag. Dieser kann noch mit Spenden unterstüzt werden.

Der Mediendienst Integration informiert über die Hintergründe der Kopftuch-Debatte. Und bei der FAZ schreibt Kübra Gümüsay über das Urteil des Bundesverfassungsgerichts und warum dies keine ‚Befreiung‘ sei: „Das Recht auf ihrer Seite„.

Die Standard berichtet über Verdienststrukturen in Österreich und geht dabei auch über die Kategorie Geschlecht hinaus und zeigt auf: Nicht alle Frauen sind gleichermaßen betroffen, Mehrfachdiskriminierungen haben einen wesentlich Einfluss. (Einige Formulierungen sind leider nicht so toll und den Abschlussparagraph kann eine sich schenken.)

Englischsprachige Beiträge

Bei Vox schreibt Jenée Desmond-Harris über Serena Williams und die rassistische Berichterstattung und Kommentare von Zuschauer_innen etc., die ihre Karriere begleite(te)n.

Queer_feministische Künstler_innen schreiben auf Hyperallergic zu Community-Aufbauen, Räume, Vorbilder, Aktivismus, Anfänge, Inspirationen.

„Lesbians, gays, bisexuals and transgenders (LGBT) in the United Soviet Socialist Republics (USSR), Armenian Soviet Socialist Republic (ASSR) and third Republic of Armenia (IIIRA).“ – ein kurzer Überblick:

Die neue von Tina Fey kreierte Show „Unbreakable Kimmy Schmidt“ wird auch in Deutschland bereits diskutiert und teils gefeiert, doch kommt auch diese – wie bereits zuvor 30 Rock – nicht ohne rassistische Stereotype und ähnliches aus. Indian Country stellt noch einmal klar, was so diskriminierend an der „Native American Storyline“ ist.

Stell dir vor du läufst durch eine Stadt und plötzlich vibriert dein Handy, um dir mitzuteilen, dass du in der Nähe eines Ortes bist, an dem eine Frau Geschichte schrieb. Genau daran arbeitet Spark (mehr auch nachzulesen beim Good Magazine):

Termine in Berlin, Hamburg, Hannover und Heidelberg

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