Einträge mit dem Tag ‘Lesben’


Deutscher Antisemitismus, Anti-Abtreibungs-Gewalt, „behindert“ als Schimpfwort – die Blogschau

19. Dezember 2015 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 289 von 294 der Serie Die Blogschau

„Viele in Deutschland halten alltäglichen Antisemitismus für kein Problem mehr – Levi sieht das ein bisschen anders“ – und beschreibt bei kleinerdrei, warum.

Beim Feministische Studien Blog gibt es einen Artikel über die Hintergründe von Robert Lewis Dears Anschlag auf Planned Parenthood in Colorado Springs und die Geschichte von Anti-Abtreibungs-Gewalt in den USA.

Auf bento: Ein Rant von Ninia LaGrande in Videoform, und zwar gegen die Verwendung von „behindert“ als Schimpfwort.

Rock Camp München ist „ein gemeinnütziger Verein, der das Selbstbewusstsein junger Mädchen und Frauen durch Musik und begleitende Workshops fördert“. Für das nächste Camp brauchen die Veranstalterinnen noch Geld.

Anlässlich eines Artikels von Andrea Roedig, der kürzlich in der Zeit erschien, klamüsert Teile des Ganzen so einiges  „Über Butches, Transmänner und (nicht nur) lesbische Verlustgefühle“ auseinander.

Habt ihr diese Woche etwas geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blogs etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Regelmäßig verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


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Bet Debora – Facetten jüdischer Frauenidentitäten

14. Dezember 2015 von Magda

Bet Debora ist eine Initiative, die 1998 von jüdischen Frauen in Berlin ins Leben gerufen wurde. Neben Tagungen und Publikationen organisieren die Aktivistinnen auch Veranstaltungen wie die diesjährige Veranstaltungsreihe „Facetten jüdischer Frauenidentitäten.“

Bet Debora LogoAm kommenden Dienstag, 15. Dezember 2015, findet die letzte Veranstaltung der Reihe in Berlin statt: Ein Zeitzeuginnengespräch mit Jessica Jacoby, Initiatorin des lesbisch-feministischen Schabbeskreises, moderiert von Debora Antmann.

In der Veranstaltungsbeschreibung heisst es: „Als Ausstellungsmacherin in Museen, Bildungsreferentin in Frauenprojekten, Interpretin jiddischer Lieder, Herausgeberin eines Buches über jüdische Frauen der zweiten Generation (1994), Filmjournalistin und zuletzt Dokumentarfilmautorin hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, kreativ kulturelles Erbe und Erinnerung lebendig zu erhalten.“ 1984 gründete Jacoby zusammen mit anderen Frauen den „Schabbeskreis“, eine lesbisch-feministische politische Gruppe, die sich bis 1989 aktiv für die Präsenz und Wahrnehmung jüdischer Frauen in der neuen Frauenbewegung und mit Antisemitismus in feministischen Zusammenhängen auseinandersetzte.

Zwei Mitstreiterinnen von Bet Debora haben mir im Vorfeld einige Fragen zur Arbeit von Bet Debora und zu weiteren anstehenden Projekten beantwortet.

Lara Dämmig hat Bibliothekswissenschaft und Management von Kultur- und Non-Profit-Organisationen studiert. Sie arbeitet bei einer jüdischen Organisation in Berlin und ist Mitbegründerin der jüdischen Fraueninitiative Bet Debora.

Tanja Berg hat Politische Wissenschaften studiert und arbeitet in der historisch-politischen Bildung und Projektentwicklung u.a. zu den Themen Demokratie, Geschichte und Diversity.

Bet Debora wurde 1998 ins Leben gerufen wurde. Lara, kannst du etwas zur Entstehungsgeschichte von Bet Debora erzählen? (mehr …)


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Ein Stolperstein für Elli Smula

17. November 2015 von Magda

Von Elli Smula gibt es keine Fotos, keine Tagebucheinträge, keine Briefe. Dank der Historikerin Dr. Claudia Schoppmann bleiben die wenigen Informationen zum Leben von Elli Smula nicht verborgen (oder in alten Nazi-Akten), sondern wurden von ihr recherchiert, genauso wie die Leben von anderen von NationalsozialistInnen verfolgten und ermordeten Lesben.

Smula wurde 1914 geboren und ist ein Jahr nach Kriegsbeginn, 1940, von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) dienstverpflichtet worden. Nur einige Wochen arbeitet sie als Schaffnerin, dann wird sie vom eigenen Arbeitgeber denunziert und von der Gestapo festgenommen. Als Haftgrund sind „politisch“ und „lesbisch“ vermerkt. „Wir wissen nach wie vor wenig über die damalige Lage lesbischer Frauen. Sie wurden zwar nicht wie männliche Homosexuelle nach Paragraf 175 des Strafgesetzbuches verfolgt. Aber Beziehungen unter Frauen waren nicht erwünscht“, sagt Schoppmann im Tagesspiegel. Über die braune Vergangenheit der BVG hören wir heute kaum noch etwas.

Nach ihrer Verhaftung wird Smula ins Gefängnis am Alexanderplatz gebracht und dann nach Ravensbrück deportiert, wo sie 1943 ermordet wurde. Elli Smula wurde 28 Jahre alt.

Am Montag, den 16. November 2015, 101 Jahre nach Smulas Geburt, wurde in der Singerstr. 120 in Berlin-Mitte ein Stolperstein zum Gedenken an Elli Smula verlegt. Stolpersteine gibt es heute bereits europaweit. Sie gedenken den Opfern des Nationalsozialismus und sollen im wahrsten Sinne des Wortes Menschen im Alltag zum Stolpern, Nachdenken und Erinnern anregen. Verlegt werden sie vor dem letzten selbstgewählten Wohnort der Opfer. Auf der Veranstaltung sprachen die Stolperstein-Patin Claudia Schoppmann und Monika Wissel, Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg a.D.

Zum Weiterlesen:


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Happy Birthday! 10 Jahre Lesbengeschichte.org

3. November 2015 von Gastautor_in

10 Jahre Lesbengeschichte.org, ein mehrsprachiges Online-Portal zur Geschichte und Filmgeschichte lesbischer Frauen_Trans. Die Mädchenmannschaft gratuliert! Hier veröffentlichen wir die Pressemitteilung der beiden Gründerinnen Ingeborg Boxhammer und Christiane Leidinger.

Postkarte: lesbengeschichte.org.

Zum 10-jährigen Jubiläum des mehrsprachigen Online-Portals lesbengeschichte.org im November 2015 zieht Ingeborg Boxhammer, Historikerin und eine der beiden Gründerinnen, eine positive Bilanz über das Webprojekt, das in dieser Form einzigartig ist: „Von Anfang an wurde das Portal, das kostenlos und werbefrei mehrsprachige Inhalte zu Lebensgeschichte und zu Lesbenfilmgeschichte anbietet, mit wohlwollender Aufmerksamkeit und Interesse begleitet. Wir freuen uns, dass unsere Seiten aus allen Teilen der Welt angeklickt werden.“

Die Politikwissenschaftlerin Christiane Leidinger erläutert zum Ziel des Projekts: „Historische Entwicklungen werden nach wie vor dominant aus einer heterosexuellen Perspektive gedacht. Auch Persönlichkeiten in der Geschichte wird stets Heterosexualität unterstellt. Mit dem Portal schreiben wir Lesben kritisch in die Geschichte ein und machen sie sichtbar. Die Texte beschreiben individuelle Lebensgeschichten und kollektive Zusammenhänge frauenliebender Frauen und Trans* und betten diese in gesellschaftliche Entwicklungen ein.“

Dabei betont Leidinger zur kritischen Perspektive auf Geschichte: „Problematische Aspekte in Biografien von Lesben, beispielsweise koloniales Engagement, rassistische, behindertenfeindliche sowie klassistische oder antifeministische Denkweisen und Publikationen, müssen genauso benannt werden wie homosexuellen-emanzipatorische oder feministische Aktivitäten. Nur so lässt sich aus Geschichte lernen und gemeinsam für eine bessere Zukunft streiten.“

Das Portal umfasst rund 100 Texte in teilweise bis zu elf Sprachen (Schwerpunkt: Deutsch, Eng- lisch, Spanisch, außerdem: Französisch, Niederländisch, Russisch, Finnisch, Türkisch, Portugiesisch, Rumänisch und Slowakisch) und bietet weitere lesben(film)historische Informationen.

Das No-Budget-Projekt lebt ausschließlich vom freiwilligen Engagement der anfänglich vier, inzwischen 17 AutorInnen, 35 ÜbersetzerInnen, der Unterstützenden und der beiden Heraus- geberinnen. Unter „biografischen Skizzen“, einem Herzstück des Portals, können rund 50 Porträts von Frauen/Trans* entdeckt werden, die frauen*bezogen lebten. Teilweise waren sie gesellschafts- politisch oder subkulturell, manche – wie Johanna Elberskirchen (1864-1943) – feministisch und homo-sexuellen-emanzipatorisch engagiert. Außerdem bietet der Internetauftritt Hintergrundbeiträge zu „Politik & Subkultur“, zu „Regionalgeschichte“ (inkl. Ausflugstipps) sowie zu „erinnern & gedenken“: Informationen über Gedenktafeln und Dokumentationen von Gedenkfeiern für lesbische Frauen. Geografische und zeitliche Schwerpunkte der Beiträge liegen auf Deutschland und der Schweiz Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Weitere Rubriken ermöglichen das Stöbern in einer einschlägigen Zitatesammlung und in einer Bildergalerie mit Porträts und anderen Fundstücken. Unter „Aktuelles“ sind Termine, Neuerscheinungen und erinnerungspolitische Debatten nachverfolgbar.

Zu den Portalinhalten führt Christiane Leidinger aus: „Kritische Geschichtsbetrachtung heißt auch, mit Mythenbildung aufzuräumen: Seit 2009 bauen wir den Bereich zu ‚Lesben und Nationalsozialismus’ aus. Damit wollen wir einerseits der Vorstellung entgegenarbeiten, Lesben seien systematisch mit einem entsprechenden Haftgrund in Konzentrationslagern interniert worden. Dieser Mythos hält sich ebenso hartnäckig wie andererseits die von schwuler und heterosexueller Seite vertretene Ansicht, Lesben seien in keiner Weise verfolgt worden. Deshalb fassen wir die zahlreich bestehenden Forschungslücken und zentralen Erkenntnisse zusammen, um eine differenzierte Sicht zu ermöglichen.“

Für den Filmbereich ergänzt Ingeborg Boxhammer: „Die Website bietet seit Bestehen eine Lesbenfilmchronik, eine 440 Filme umfassende Liste deutschsprachiger (Ko-)Produktionen sowie Statistiken zur Quantität der Repräsentation im Film. Bislang gibt es keine vergleichbar umfassende Auflistung von Spielfilmen, mit der die explizit oder implizit dargestellte Anziehung zwischen Frauen* berücksichtigt wird.“

Die beiden Portal-Bereiche Film und Geschichte sind durch zahlreiche interne Links miteinander verbunden – mögliche Ansatzpunkte, um sich auf den Seiten treiben zu lassen.

Als wichtigstes Ziel für die Zukunft nennen die beiden Gründerinnen Ingeborg Boxhammer und Christiane Leidinger die aufwändige webseiten-technische Anpassung für mobile, aber auch weitgehend barrierefreie Nutzung und laden zur Mitarbeit ein: „Wir freuen uns über weitere Mitstreitende: Autor*innen, Übersetzer*innen, Webdesigner*innen, Kontaktvermittler*innen – und über Spenden in jedweder Höhe genauso wie über Anregungen und Hinweise.

Berlin und Bonn im September 2015, Ingeborg Boxhammer und Christiane Leidinger


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Ein Buch nach dem anderen: Kurzgeschichten aus Nigeria; Coming-of-Age in Portland

30. Oktober 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 112 von 117 der Serie Die Feministische Bibliothek

Auf Papier gelesen

IMG_20150921_175406-1Fates and Furies (Riverhead Books, 2015) von Lauren Groff war sicher eines der heiß-erwartesten Bücher der Herbstsaison – und wurde kurz nach der Veröffentlichung auch direkt belohnt mit einem Platz auf der Shortlist für den (us-amerikanischen) National Book Award. Der Roman seziert die Ehe zwischen Lotto und Mathilde, dem Traumpaar auf jeder Party, er erst Schauspieler, dann erfolgreicher Dramatiker, sie erst in einer Gallerie arbeitend, dann ihn unterstützend. Zwischen Anspielungen auf griechische Mythologie erzählt der erste Teil zunächst die Geschichte aus Lottos Perspektive, um dann im zweiten Teil Mathildes – weitaus andere – Sichtweise und Erleben nachzutragen. Bereits im ersten Teil, in dem lange das perfekte Bild entworfen wird, zebröselt dieses auch schon wieder langsam. So sitzt Lotto auf einer Podiumsdiskussion zur „Zukunft der Literatur“ und führt – zum Erschrecken seiner Mit-Diskutant_innen – bräsig aus, dass Männer Literatur schaffen und Frauen ihren Kreativität ins Kindergebären stecken. Das Publikum ist aufgebracht, Mathilde verlässt den Raum. Genau in diesen Aspekten fand ich den Roman, in den ich ich erst nicht wirklich reinkam, am stärksten, wenn die Vorstellung des „männlichen Genies“ langsam entblößt wurde und stattdessen Groff die weibliche Arbeit hinter diesem offenbarte. Doch das Ende, welches stark auf eine Beziehungsebene zurückfällt, enttäuschte mich.

IMG_20150918_031443Weitaus mehr gefiehl mir das ebenfalls im September erschienene Dryland (Tin House Books, 2015) von Sara Jaffe (die auch in der Band Erase Errata spielt). Es ist das Jahr 1992 und die fünfzehn-jährige Julie Winter lebt im Portland. Regelmäßig geht sie in Zeitungsgeschäfte und blättert sich durch Schwimm-Magazine – nicht etwa, weil sie Schwimmerin ist, sondern weil sie immer auf der Suche nach Informationen über ihren ältern Bruder ist, der einmal sogar Teil des olympischen Teams war, nun aber in Berlin lebt und über den in ihrer Familie nicht gesprochen wird. Das Buch ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die ihren ganz eigenen Charme und gleich eine Reihe queerer Charaktere mit sich bringt.

IMG_20151014_082600 Ein Buch, welches ich in nächster Zeit sicher häufig empfehlen werde, ist die Debut-Kurzgeschichten-Sammlung Happiness, Like Water (Mariner Books, 2013) von Chinelo Okparanto. Die meisten der Geschichten drehen sich um weibliche Charaktere in Nigeria oder der Diaspora (hier USA). Ihre Geschichte „America“ war bereits nominiert für den Caine Prize for African Writing, aber auch die anderen sind allesamt preiswürdig. Okparanta ist eine wundervolle Erzählerin, ihre Sprache ist gleichermaßen zugänglich und poetisch. In den Geschichten widmet sie sich einer ganzen Reihe großer „Themen“ (wie häusliche Gewalt, Reliogion, lesbisches Begehren, Schönheitsstandards), ohne dass sie ins Didaktische abruscht. Stattdessen schafft sie glaubhafte Charaktere und nicht jede Geschichte endet mit einer sauberen, einfachen Lösung – ganz so wie im Leben.

Okparantas Debut-Roman Under the Udala Trees, in welchem sich zwei Mädchen während des Biafra-Kriegs verlieben, erschien jetzt im September.

Im Netz gelesen

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Persönlich, lebendig – und streitbar. Perincioli über die Westberliner Frauenbewegung

26. Oktober 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 111 von 117 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rezension zu: Cristina Perincioli: „Berlin wird feministisch. Das Beste, was von der 68er Bewegung blieb

Fünf Jahre, die es in sich hatten: Christina Perincioli, Filmemacherin, lesbisch-feministische Aktivistin der ersten Stunde, rollt in ihrer Buchveröffentlichung die ersten Jahre der Westberliner Frauen- und Lesbenbewegung auf, von 1968 bis zur Gründung des Berliner Frauenzentrums 1973. Es ist ein persönlicher, spannender und durchaus streitbarer Ritt durch die bewegten Anfangsjahre. Was in diesen Jahren geschah, ermöglichte oder prägte die kommenden Bewegungsjahrzehnte: erste Politisierungen im Umfeld der Linken und die massiven Konflikte mit linken Männern; die Entstehung autonomer Frauen- und Lesbengruppen; die Entwicklung neuer Politik-, Lebens- und Aktionsformen; Diskussionen um das Verhältnis von Theorie und Praxis, von Klassenkampf und Feminismus, von lesbischen und heterosexuellen Feministinnen.

Zentrale Thesen, wichtige Informationen und detaillierte Einblicke liefert das Buch vor allem in Bezug auf zwei Aspekte. Zum einen ist es die zentrale Rolle von Lesben bei der Entstehung der Berliner Frauenbewegung. Früh haben sie sich in ersten Gruppen organisiert und Vorstellungen und Formen der Politik entwickelt, die für die Frauenbewegung typisch werden sollten. Zum anderen sind es die Unterschiede und Konflikte zwischen feministisch-autonomen Feministinnen einerseits, sozialistisch organisierten Frauengruppen andererseits, auf die Perincioli vielfach zu sprechen kommt. Es ist kein versöhnlicher oder vermittelnder Ton, den die Autorin den Sozialistinnen gegenüber rückblickend anschlägt: Kritiken von damals – an Theorie-Schulungen, hierarchischen Organisationsformen, Erfahrungsferne – werden mit Verve vorgetragen. Von Ausgewogenheit keine Spur. Dies ist insofern unbefriedigend, als die Gründe für die Organisierung in sozialistischen Gruppen, die Anliegen der beteiligten FrauenLesben, die stattgefundenen Diskussionen und Konflikte hinter einer Pauschalkritik verschwinden, die weder Verstehen noch Ambivalenzen zulässt.

Das reich bebilderte Buch changiert zwischen autobiografischer Erzählung, Sachbuch, Fachbuch und Quellensammlung. Diese Genrevielfalt führt zu einem durchaus lebendigen und authentischen Leseerlebnis. Als eher problematisch erweist sich jedoch die Art und Weise, wie mit dieser Vielfalt umgegangen wird. Grundlegende Analysen und starke Thesen, autobiografische Erinnerungen, Zeitdokumente und ausführliche Zitate feministischer Aktivistinnen stehen häufig eher unvermittelt und ohne Erläuterungen nebeneinander. Insbesondere Leser_innen ohne Vorwissen dürften sich hier und da eher ratlos denn informiert fühlen: Ist diese oder jene Erfahrung bewegungs-, zeit- oder etwa berlintypisch, oder stellt sie eher eine Ausnahme dar? Gilt diese oder jene These in der Forschung oder unter Aktivistinnen als unstrittig, ist vielfach bestätigt – oder ist sie ganz im Gegenteil heftig umkämpft? Was dem Buch gutgetan hätte, wäre eine stärkere bewegungsgeschichtliche Einbettung, die den Leser_innen Werkzeuge an die Hand gegeben hätte, das Gelesene einzuordnen – oder aber eine konsequente Umsetzung einer autobiographischen und persönlichen Perspektive.

Dass es sich um ein sehr persönliches Buch handelt, genau darin liegt seine Stärke. Perincioli beschreibt ihre Politisierung und ihren Weg in die Frauenbewegung, angetrieben durch ihre Wut auf eine lesbenverachtende Gesellschaft, ebenfalls durch den massive Sexismus, den sie von Seiten linker Männer erfuhr. Sie beschreibt den Bewegungsalltag, den Umgangston, die Konflikte und Zerwürfnisse in Gruppen und Strömungen, sie selbst mittendrin. Die damalige Begeisterung und Aufbruchstimmung, aber auch Konflikte, Abgrenzungen und Wut werden nachfühlbar.

So ist »Berlin wird feministisch« den erwähnten Schwachstellen zum Trotz ein durchaus lohnenswertes Leseerlebnis, das dazu einlädt, in die turbulenten Anfangsjahre der feministischen Bewegung nach 1968 einzutauchen.

Erstmalig erschienen in der Jungen Welt. Zum Weiterlesen und -gucken: Ein Generationendialog von Cristina Perincioli und Magda Albrecht.


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Selbstbestimmung, Hacker_innenspace und #Dropthetowel – kurz verlinkt

23. September 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 295 von 315 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

Frisch aus der Druckerpresse: ein Buch zu Abtreibung und Pränataldiagnostik, zur feministischen Behindertenbewegung, zu „Lebensschützern“, zur Geschichte der Eugenik und zum Selbstbestimmungsbegriff: „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“ von Kirsten Achtelik, erschienen im Verbrecher Verlag.

Ein Hackerinnenspace in Berlin ist neu in der Entstehung und richtet sich an „alle PyLadies, und RailsGirls, JavaLassies und 3D-Feen, Gamerinnen, Arduinas, NetzwerkNixen, LötGören, RaspberryRabaukinnen und alle anderen Frauen* mit Interesse an Bits, Bytes und Basteln“ (english on page)

Der Dortmunder Verein VIVE ŽENE e. V. möchte einen Zufluchtsort für unbegleitet geflüchtete minderjährige Mädchen realisieren – damit das klappt, wird um Spenden zur Anschubfinanzierung gebeten. Alle Informationen finden sich im Flyer.

Rund 110 Gäste waren in die Erlanger Stadtbibliothek gekommen, um unter dem Motto „Die Vergessenen der Geschichte – Afrodeutsche Zeitzeugen des Dritten Reiches“ aus dem Leben zweier Männer und einer Frau zu hören: Gert Schramm, Marie Nejar und Theodor Michael.

 

englischsprachige Links

The great team behind „Disability in Kidlit“ is seeking for a new team member. They have a strong preference for a person of color. All informations on their website.

Fat Positivity in Action: #DropTheTowel Intersectional Feminist Finale!

 

Termine

Die Landesarbeitsgemeinschaft der hauptamtlichen kommunalen Gleichstellungs- und Frauenbeauftragten in Schleswig-Holstein spricht am 06. Oktober 2015 unter dem Thema „Das Ende der Unschuld – Feminismus im Umbruch? Von Werten, Visionen und Allianzen“ in Kiel. Alle Infos auf der Webseite.

Es ist wieder soweit: das „international human rights filmfestival“ in Nürnberg findet von 30. 9. bis 7. 10. 2015
Die Themenschwerpunkte sind diesmal #untragbar  und „Flucht und Migration“.


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Heldinnen des L(i)ebens – Lesbische Schweizerinnen über siebzig erzählen…

14. September 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 109 von 117 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rezension zu Corinne Rufli: Seit deser Nacht war ich wie verzaubert. Frauenliebende Frauen über siebzig erzählen.

Wie es sich vor der Frauen- und Lesbenbewegung als frauenliebende Frau lebte, mit welchen Selbstbildern, gegen welche Widerstände, mit welchem Alltag und wie es sich anfühlte, darüber ist herzlich wenig bekannt. Corinne Rufli hat nun ein wunderbares Buch veröffentlicht, das elf frauenliebende Frauen – nicht alle verwenden für sich die Bezeichnung lesbisch –, die heute allesamt über siebzig sind, zu Wort kommen lässt. Sie leben in der Schweiz, sind mehrheitlich auch dort aufgewachsen (teils auch in Süddeutschland), erlebten ihre Jugend in den 1950er Jahren.

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Es gibt unglaublich viel zu lernen – und Lesbischsein bzw. Frauen lieben ist ‚nur‘ ein Aspekt, um den sich das Erzählte dreht. Die Züricherin Liva Tresch, heute zweiundachtzig, berichtet davon, wie es war, in den 1950er Jahren in der Schweiz aufzuwachsen – als uneheliches Kind, bei Pflegefamilien, auf einem Bäuer_innenhof, mit diversen Jobs, äußerst prekär, und sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Greifbar wird eine massive Herabwürdigung von Mädchen und Frauen, eine alltäglich erlebte patriarchale Gewalt und Freiheitsbeschränkung; dies gilt erst recht für jene, die ‚aus der Landwirtschaft‘ stammten und zusätzlich mit klassenbezogener Herabsetzung und ökonomischer Ausbeutung konfrontiert waren.

Was ebenso nachfühlbar wird, ist die fast schon als vollkommen zu bezeichnende Unsichtbarkeit lesbischen Lebens und eine massive Stigmatisierung, die nicht ohne Folgen blieb für das eigene Selbstwertgefühl. Wie es sich dennoch und im Verlauf der Jahrzehnte zunehmend besser – in den neu entstehenden Szenebars und politischen Gruppen – lesbisch leben ließ, auch das zeigen die Erinnerungen Treschs. Sie lebte Liebesbeziehungen mit Frauen und erschloss sich die entstehende Züricher Homosexuellen- und Frauenszene. Sie nahm die Arbeit in einem Fotogeschäft auf – ein erster Schritt auf dem Wege zu ihrem Erfolg als Szenefotografin, als die sie Berühmtheit erlangte. Die Stärke der Erzählerin, die ihr Leben in die eigenen Hände nahm, immer wieder neu, beeindruckt und macht Mut.

Grundlage für die elf von Corinne Rufli aufgezeichneten Geschichten lieferten Oral-History-Interviews. Die von der Autorin verfassten Texte wurden mit den interviewten Frauen nachbearbeitet; dies lässt auf eine wertschätzende Arbeitsweise schließen, die das ganze Buch atmet. Die so entstandenen autobiografischen Aufzeichnungen sind spannend, zutiefst berührend, sie sind erschreckend, ermutigend, sie machen lachen und weinen. Die Interviewten arbeiteten als Verkäuferinnen, Politikerinnen, als Haushaltshilfen und „Laufmädchen“, Künstlerinnen oder Lehrerinnen, sie kommen aus Arbeiter_innenfamilien, von Bäuer_innenhöfen oder aus dem Bildungsbürgertum. Ebenso vielfältig ist der Bezug der Seniorinnen zur Lesbenbewegung, zur Homosexuellenbewegung und zur Frauenbewegung, den es gibt oder eben nicht. Und hinsichtlich ihrer Identitätsentwürfe und Lebenskonzepte: ob sie sich als Lesbe bezeichnen, ob sie einen Mann heirateten, ob sie lesbische Sexualität und Partnerschaften leb(t)en.

Die Interviewten und die Autorin liefern mit diesem spannenden Buch einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Schweiz (und Süddeutschlands) und zur Lesben- und Frauengeschichte: Sie berichten vom Leben, Lieben und Arbeiten als Frau und als Lesbe seit den 1950er Jahren, von Klassenunterschieden, von Diskriminierung und Gewalt, von Widerstand und Veränderung. Informativ und berührend, voller schmerzhafter wie auch schöner Erinnerungen erzählen sie davon, ob und wie das gehen kann: in einer Welt, die bestenfalls ignorant, schlimmstenfalls gewaltvoll agiert, als Lesbe und als Frau selbstbestimmt und in Würde leben zu können.


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Lesbisch_queere Bücherwelten: aktivistisch altern, lesbisch lieben – und einen Entführungsfall lösen

2. September 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 107 von 117 der Serie Die Feministische Bibliothek

Reichhaltig. Wenn ich nur einen Begriff hätte, um Anne Bax’ Roman HerzKammerSpiel, zu beschreiben, wäre es dieser. Er ist Liebesgeschichte und Krimi in einem und mehr als das; er ist spannend, lustig und ernst zugleich.

DAnne-Bax-HerzKammerSpiela ist einmal die Liebesgeschichte zwischen Charlotte und Irene, ganz neu und doch schon auf dem Wege, sich zu verkomplizieren. Charlottes Ex spielt dabei eine Rolle, ein Unbekannter, der sich Schlager hörend in fremden Häusern herumtreibt, und vor allem der Mangel an Mitteilungsfreudigkeit auf beiden Seiten, der zu Missverständnissen und Misstrauen führt.

Dann ist da der „harte Kern“, so nennt sich ein Freundinnenkreis im Rentenalter, an dem auch Charlottes Mutter, Luise, beteiligt ist. Die internetaffine Gruppe mischt Gemeindeveranstaltungen auf, treibt sich in sozialen Netzwerken im Internet herum, plant eine kollektives Wohnprojekt, gibt Tipps in Liebesdingen – und löst einen Entführungsfall. Im Alleingang versteht sich. Und dann wäre da noch eine zweite Liebesgeschichte: jene zwischen Rose-Lotte, die zum harte Kern gehört, und Edda. Die beiden lernen sich auf dem Friedhof kennen, wo Eddas verstorbene Partnerin begraben liegt.

Die Geschichte um den „harten Kern“ ist wunderbar komisch, etwa, wenn die eingeschworene Gruppe sich aufmacht, einem homofeindlichen Hassprediger die Show zu stehlen. Klischees zum Thema Alter tauchen auf – um gebrochen zu werden: etwa, wenn die beliebten Kaffekränzchen zum Austausch von Kuchenrezepten, aber eben auch zum körperlichen Training für politische Aktionen, zur Koordinierung in Sachen Verbrechensbekämpfung oder zur Planung des gemeinsamen Wohnprojektes genutzt werden. Der Krimi wird im Laufe der Geschichte zum spannenden Thriller. Originellerweise mutiert dabei das Hetero-Kleinfamilien-Ideal zur Horrorshow (mehr kann nicht verraten werden). Die beiden lesbischen Liebesgeschichten sind berührend, mit Dialogen, die realistisch sind und ungestelzt.

Mit der Frauengruppe im Rentenalter schuf die Autorin zudem eine schöne Vision des Alterns: ein Freundinnenkreis, der zusammenhält und Unterstützung bietet; gemeinsames Wohnen; politische Aktivitäten; und selbstverständliches lesbisches L(i)eben. Bei allem Witz werden dabei auch schwere Themen berührt. Beeindruckt hat mich, wie das Thema Tod und Trauern – in Zusammenhang mit Eddas verstorbener Partnerin – Eingang in die Erzählung gefunden hat: mit einer angenehmen Selbstverständlichkeit, ernsthaft und würdevoll, und doch auch mit Humor.


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Suruç, heteronormative Asylpolitk und Zwangsregistrierung für Sexarbeit_innen – kurz verlinkt

22. Juli 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 289 von 315 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Beiträge

Die ZEIT veröffentlichte den Schlussvortrag der Rechtsanwälte Ernst Freiherr von Münchhausen, Onur Özata und Dr. Mehmet Gürcan Daimagüler im Strafverfahren gegen Oskar Groening am 14. Juli 2015.

„Auf dem Weg in eine gerechtere Gesellschaft kann wohl kaum mehr falsch gemacht werden als damit, Väter in ihrer bisherigen Interpretation ihrer Vaterrolle zu bestärken.“ – Jochen König kritisiert den Familienbericht 2015 für den Berliner Senat.

Im August findet in Helmarshausen das Bundestreffen der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland statt. Dafür kann auch noch gespendet werden, um Menschen, die wenig Geld haben, die Teilnahme zu ermöglichen.

Seit Montag gibt es eine Online-Meldestelle (deutsch- und englischsprachig) für antisemitische Äußerungen_Angriffe in Berlin. Das Projekt, das unter anderem von der Amadeu-Antonio-Stiftung gefördert wird, hat auch zum Ziel, auf Antisemitismus im Alltag aufmerksam zu machen.

„Aggressive für Deutschland“ – das LOTTA-Magazin analysiert den Machtwechsel innerhalb der „Alternative für Deutschland“ (AfD).

„Frauen, die lange Haare haben und „weiblich“ wirken, wird ihr Lesbischsein häufig nicht geglaubt; genausowenig Frauen, die Kinder haben.“  – in einem Interview mit dem Tagesspiegel berichtet LesMigras-Mitarbeiterin Saideh Saadat-Lendle über die Situation lesbischer und schwuler Geflüchteter in Deutschland.

„Die Zwangsregistrierung für Prostituierte gab es zuletzt 1939.“: Bereits im Juni hat die Jungle World ein Interview mit Juanita Henning, Vorsitzende der Organisation Doña Carmen, zum geplanten und perfide betitelten Prostitutiertenschutzgesetz geführt.

Dr. Jamie Pax Abad hat einen Erfahrungsbericht und weitere Informationen zur Vornamensänderung in ausschließlich geschlechtsneutrale Vornamen nach dem Namensänderungsgesetz für Personen, die sich ausserhalb der binären Geschlechterkategorien identifizieren, zusammengestellt (PDF).

Noah Sows „Deutschland Schwarz Weiss“ ist seit gestern auch in neuester, überarbeiteter Version als E-Book erhältlich.

Englischsprachige Beiträge

Bei einem Bombenanschlag in der türkischen Grenzstadt Suruç wurden am Montag mindestens 32 Aktivist_innen, die einen Hilfseinsatz in Kobane (Syrien) geplant hatten, getötet und über 100 Menschen verletzt. Die New York Times, Neues Deutschland und Publikative.Org berichten über die Geschehnisse und Hintergründe. Trauer- und Protestdemonstrationen wurden derweil in der Türkei massiv von der Polizei angegriffen.

Über die spezifische Rolle weißer Frauen bei der Aufrechterhaltung von Rassismus schreibt der Atlanta Black Star.

„Vier Dinge, die du deinen Kindern genau jetzt zu Rassismus beibringen solltest“: Black Girl Dangerous listet sie auf.

BBC News berichtet über die britische Politikerin Liz Kendall, die sich gegen das Boulevard-Blatt Mail on Sunday wehrt, das sie nach ihrem Gewicht fragte: „Can you imagine the Mail on Sunday asking the weight of the prime minister, George Osborne or any other leading politician?“

Termin in Göttingen

31.07. in Göttingen: SchwarzRund liest im Kabale: Quasi, Schwarzer Frost und Poesie (Facebook-Link).


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