Einträge mit dem Tag ‘Klassenprivilegien’


Neu erschienen: „Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag“

19. Januar 2017 von Julia
Dieser Text ist Teil 123 von 130 der Serie Die Feministische Bibliothek

Meistens schreibe ich hier ja Rezensionen zu lesbisch_queeren Büchern, am liebsten zu solchen, die eine anti-klassistischen Dimension haben. Heute will ich euch stattdessen mein eigenes Buch ans Herz legen, das eben erschienen ist:

Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag. Anti-klassistische Interventionen in der Frauen- und Lesbenbewegung der 80er und 90er Jahre in der BRD.

Ich habe mich dafür auf die Suche nach verschiedenen Formen des Eingreifens gemacht, die darauf abzielten, den Umgang mit Klassenunterschieden im feministischen Miteinander zu verändern. Es ging den Akteurinnen* dabei also um den je eigenen Bewegungsalltag. Sie verteilten Geld um. Sie gründeten eigene Gruppen. Sie verfassten Texte. Sie boten Workshops an. Sie tauschten sich mündlich über Diskriminierungserfahrungen aus. Sie formulierten Kritik, stellten Forderungen und entwarfen Visionen. Sie verteilten Flyer … Auf verschiedenen Wegen widmeten sie sich so Themen wie Geld, Armut und Umverteilung, feministische Projektarbeit und Ziele, klassistische Sprachnormen, Rassismus und Kapitalismus, Anerkennung und Identität – um nur einige Stichworte zu nennen.

Die intervenierenden Akteurinnen selbst entstammten meist der Arbeiter_innen- oder Armutsklasse und nicht-akademischen Herkunftskontexten – oder aber es handelte sich um klassengemischte Gruppen. Ausgangspunkt ist häufig die eigene Klassenherkunft.

Klassistische Normen und Dominanzen im feministischen Bewegungsalltag wurden problematisiert: von Partizipationsfragen über die politische Kultur und Organisierungsweisen bis hin zu feministischen Zielen. Ein großes Thema ist das unmittelbare bewegungsalltägliche Miteinander zwischen Feministinnen unterschiedlicher Klassenherkunft. Bestimmte Denk- und Handlungsweisen vonseiten bürgerlicher oder Mittelschichtsfeministinnen werden in ihrer Klassenspezifik aufgezeigt – und kritisiert, zum Beispiel: Rededominanz; Desinteresse an den Lebensrealitäten von Frauen aus der ArbeiterInnenklasse; die Verschleierung von Reichtum; die Tabuisierung des Themas; abwertendes Verhalten. Gefordert wurden stattdessen Anerkennung und Solidarität.

Ich möchte allen Akteurinnen*, mit denen ich für die Entstehung dieses Buches gesprochen habe, danken: für ihre anti-klassistisches Eingreifen damals und für ihre Bereitschaft, ihre Erinnerungen mit mir zu teilen, heute. Ich bin überzeugt davon, dass ihre Interventionen dazu beitragen können, den Umgang mit Klassenunterschieden in aktivistischen Räumen und in sozialen Bewegungen auch heute zu verbessern: indem sie auf Klassismus aufmerksam machen und Inspirationen für Wege der Veränderung liefern.


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Privilegiertes Unbehagen

27. November 2013 von accalmie

Es wird ungemütlich. Das Flut­licht geht an. Alle Gesichter schauen auf einmal in die gleiche Richtung. Es wird plötzlich so warm hier. Der abrupt neue Fokus wird deutlich, eine Mar­kierung sicht­bar. Ende der Sekt­stimmung. „Generalverdacht“. Das Un­wohl­sein, dass sich durch Rassis­mus­kri­tik bei manchen Menschen aus­breitet, ist nicht weiter überraschend; es könnte – punktuell, wie diese Erfahrung für viele ist – ausgehalten, gar produktiv genutzt werden für persönliche Reflektion. Zu the­ma­ti­sieren, dass Rassis­mus nicht allein das „Problem“ von People of Color ist, sondern eine Struk­tur, die Ge­sell­schaf­ten syste­ma­tisch durch­zieht und von der Nicht-Margi­nali­sier­te systema­tisch profi­tieren (und dass es im Regel­fall People of Color sind, die markiert, beobachtet und unter General­verdacht gestellt werden), kann kein ent­spannen­der Pro­zess sein – eben­so­wenig wie die Aus­einan­der­setzung mit anderen dis­krimi­nieren­den Struk­turen. Bemerkens­wert ist, wie aus Unbehagen schnell Ab­wehr­re­flex und schließlich Aggression wird: Vorwürfe der Un­freundl­ichkeit, der Wut, Arroganz und Gemein­heit, des (unfairen) Angriffs, der Überempfindlichkeit, der vermeintlichen Verharmlosung von „eigentlichem“ Rassismus (also dem der extremen Rechten, mit dem man ja nichts zu tun habe als Die Mitte / Die Linke), der Kontra­produk­tivi­tät und des Neben­wider­spruchs werden laut, wenn struk­tu­reller Rassis­mus be­nannt wird. Oft fällt der Be­griff des „um­gekehr­ten Rassis­mus“ (reverse racism), der Macht­ver­hält­nisse zu eigenen Gunsten au­sblendet.

buildingWas für antirassistische Aktivist_innen Alltag ist, ist auch Alltag in bestimmten Institutionen; auch jenen, die sich Anti­rassis­mus verpflichtet fühlen und dies bei­spiels­wei­se mit Gleich­stellungs- oder Diversity-Be­auf­trag­ten um­zu­setzen ver­suchen. Ge­ra­de das Hoch­schul­wesen hat Frauen- und Gleich­stellungs­be­auf­trag­te, deren Arbeit in eta­blier­ten Macht­struk­tu­ren und rein theo­re­tischen Be­kennt­nissen zu ab­strak­ter Gleich­heit unter­geht. Dass Gleich­stellungs­be­auf­tragte aber auch selbst dis­krimi­nier­end agieren kön­nen, hat zuletzt die Allgemeines-Gleichstellungsgesetz (AGG)-Beauftragte der Humboldt-Universität zu Berlin illustriert, die gewählten Student_innen­ver­tre­ter_innen des LGBTI-Referats unter anderem die Nutzung uni­versi­tärer Räu­me für deren Ver­anstal­tungen ver­wei­gerte.

Auch am Minneapolis Community and Technical College in Minnesota, USA, ereignete sich vor kurzem ein nun öffentlich gewordener Fall strukturellen Rassismus und Sexismus, der für Entsetzen in der akademischen und nicht-akademischen community antirassistischer und antisexistischer Aktivist_innen sorgte: die Professorin Shannon Gibney wurde – auf Initiative von zwei weißen Studenten – von der Universität formal dafür gerügt, in ihrem Seminar strukturellen Rassismus so thematisiert zu haben, dass jene Studenten sich angegriffen fühlten.

Chaun Webster, Twin Cities-Aktivist (in Minneapolis und Saint Paul), Autor und Gründer der Free Poet’s Press, hat beim Blogger_innenkollektiv Opine Season einen Artikel zu dem Vorfall verfasst, in dem er Prof. Shannon Gibneys Erfahrungen kontextualisiert und Forderungen für eine Umstrukturierung von Bildungsinstitutionen formuliert. Mit seiner freundlichen Genehmigung durften wir den Artikel übersetzen und erneut publizieren.

Ein paar Dinge, die wir aus der MCTC-Attacke auf Prof. Shannon Gibney lernen sollten.

Wie vielen in diesem Netzwerk hier bewusst ist und anderen nicht, wurde Shannon Gibney, Professorin für Anglistik und African Diaspora Studies des Minneapolis Community and Technical College (MCTC) kürzlich von der Institution formal gerügt.

Die Rüge erfolgte aufgrund des Unbehagens zweier weißer, männlicher Studenten, die sagten sie seien persönlich angegriffen worden, während Prof. Gibney in ihrem Politikwissenschafts- und Kommunikations-Seminar eine Diskussion über strukturellen Rassismus führte. Diese Studenten unterbrachen Prof. Gibney während der Diskussion und sagten, dass allein schon die Thematisierung verletzend für sie sei. Das MCTC ging so weit, Prof. Gibneys Verhalten während des Seminars als einen Verstoß gegen die Anti-Diskriminierungs-Politik zu bewerten, und sie wurde zu zwei Treffen mit dem Diversity-Beauftragten verpflichtet, um zu lernen, wie sie Menschen aller Herkunft besser willkommen heißen könne.

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Hater, Trolle, Widerstand und Gottes Segen -kurz verlinkt

13. Februar 2013 von der Mädchenmannschaft

Irmi Wutschers an.sage: „Wie man sexuelle Übergriffe vermeidet“ ist ganz praktisch, auch weil sie Tipps mitgibt zum Beispiel: „Vergessen Sie niemals: Die sexuelle Erregung ist Ihr Gefühl und hat nichts mit dem Gegenüber zu tun.“

Science-Fiction Autor John Scalzi war genervt. Er will sich nicht einfach trollen lassen, jetzt spendet er für jeden Troll-Kommentar, der Sexismus, Rassismus und Homophobie zum Inhalt hat, Geld. Seine Aktion hat für eine Menge Wirbel gesorgt (engl.).

Ein sehr lesenswerter Text zur Sexismusdebatte kommt von Hani Yousuf, darin schreibt die renommierte Journalistin ihre Erfahrungen mit Sexismus und Rassismus in Berlin auf und kommt zum Schluss: „Mein Patriarchat ist besser als Deins“. Antisexistischer Widerstand hat in Indien Tradition und die skandalisierende „westliche“ Berichterstattung dient dazu, eigene Probleme unter den Teppich zu kehren.

[TW: sexualisierte Gewalt] In „intimate Enemies“ schreibt Sandra Charlotte Reichert über sexualisierte Gewalt an Frauen, intimen Räumen, die gewaltvoll werden und Erfahrungen von Betroffenen. Warum hören wir über Vergewaltigungen, aber selten vom Vergewaltiger? (engl.)

In Frankreich stimmte die Nationalversammlung mit klarer Mehrheit für die Homosexuellen-Ehe.

Alternative Lebensmodelle werden medial sichtbarer: Drei Väter, eine Mutter. Dass die Familienpolitik unter Schröder eher mau ist, darüber hat die MM schon öfter geschrieben. Jetzt kam ein Bericht raus, da steht es auch noch einmal: Zeit für Visionen, findet Barbara Streidel.

Wie selbstbestimmt kann ein Kaiserschnitt sein? Besser pressen?

„Es kann nicht länger hingenommen werden, dass auf dem Gebiet der Sexuallehre – und nicht nur dort – leitende Männer der Kirche über den Körper und die Seele der Frau Macht ausüben.“

Der Papst geht? Gott sei Dank! Aber wie verhalten sich denn die Anwärter zur Homosexualität und Homo-Rechten? (mehr …)


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