Einträge mit dem Tag ‘Kirche’


Netiquetten, Schreiben können und Schwangerschaftsabbrüche – Die Blogschau

9. November 2013 von Charlott
Dieser Text ist Teil 227 von 295 der Serie Die Blogschau

Heute jährt sich zum 75. Mal die (Reichs)Pogromnacht.  In Berlin findet heute um 17 Uhr eine Gedenkkundgebung und antifaschistische Demonstration am Deportationsmahnmal in der Levetzowstraße (Ecke Jagowstraße) in Moabit statt. Bei der Amadeu Antonio Stiftung gibt es „Aktueller Antisemitismus – ein Lagebild“ zum Nachlesen. Weitere Veranstaltungen oder Texthinweise könnt ihr gern in den Kommentaren ergänzen.

Viele Blogs, Foren, Mailinglisten etc. geben sich eine Netiquette, also eine Reihe von Regeln der Kommunikation im Netz. Femgeeks fragt, was Netiquetten bringen, ob die Leser_innen eigene Erfahrungen in ihren Projekten haben oder besonders gelungene Netiquetten kennen.

Viruletta nimmt dieses Jahr am Na­No­Wri­Mo (steht in etwa für: Na­tio­na­ler Monat des Ro­man­schrei­bens) teil. Zu Beginn macht sie sich Gedanken zu Literatur, dem Wunsch selbst zu schreiben und was dies alles auch mit klassistischen Strukturen zu tun hat.

Auf rumbaumeln gibt es eine Zusammenfassung dazu, was eigentlich Femininität ist und wie diese gesellschaftlich gewichtet wird. Inklusive einer ganzen Reihe von Links zu Seiten und Texten zum Weiterlesen.

Das Missy Magazine feiert den 5. Geburtstag. Im Dossier zum Fest schreibt z.B. Sharon Dodua Otoo über die Blackface-Debatte, #aufschrei, #SchauHin und vieles mehr.

Denkwerkstatt berichtet über „Neue Debatten um den Schwangerschaftsabbruch“ und zeichnet in diesem Rahmen die Geschichte und Diskussionen rund um Schwangerschaftsabbrüche in Österreich nach.

Mit der Trennung von Kirche und Staat ist es in Deutschland nicht immer so weit. Dazu ist die Kirche eine große Arbeitgeberin. Was daran alles problematisch ist (Sexismus, sexualisierte Gewalt, Arbeitnehmer_innen-Rechte etc.) führt Rosa Reloaded auf.

Journalist_innen greifen gern auf wissenschaftliche Studien zurück, um mit deren Ergebnisse Schlagzeilen zu generieren. Auf Das Ende des Sex nimmt Heinz-Jürgen Voß einen Text der ZEIT auseinander, der sich mal wieder auf Erkenntnisse (oder auch Nicht-Erkenntnisse) der Epigenetik bezieht.

Bei Afrika Wissen Schaft habe ich diese Woche noch eine ganze Reihe von Texten zusammengetragen, zb. über die südafrikanische Künstlerin Zanele Muholi, die lesbische Frauen im Post-Apartheids-Südafrika portraitiert.

Für eine bessere Vernetzung der feministischen Blogosphäre listen wir jede Woche auf, was unsere Kolleg_innen über die Woche so melden und tun. Haben wir etwas vergessen oder übersehen? Kennen wir dein brilliantes Blog etwa noch gar nicht? Dann sag uns bitte Bescheid!


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Fat Empowerment und internationale LGBT-News – kurz verlinkt

28. Juni 2013 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 202 von 362 der Serie Kurz notiert

Wortwörtlich rape culture wie sie im Buche steht, powered by Kickstarter (Contentwarnung) – nach massiven Protesten gegen ein dort finanziertes „Pick-Up“-Buch hat die Crowdfunding-Platform sich entschuldigt und Maßnahmen der Wiedergutmachung angekündigt (verlinkte Texte auf Englisch).

Die American Medical Association hat „Übergewicht“ (sic) zur Krankheit erklärt. Fat Aktivist_innen wie Fat Heffalump und Virgie Tovar stellen klar, dass dick_fett nicht gleich auch krank bedeutet und befürchten, dass solche Pathologisierungen in der Praxis zu noch mehr Fat Shaming und Stigmatisierung von dicken_fetten Menschen führt. Es gibt eine Petition, die ihr unterschreiben könnt (englischsprachig). Und auf La Respuesta gibt es ein hinreißenedes empowerndes E-Zine: „A Resource Guide To Fatphobia“

„Sprache ordnet die Welt, konstruiert und kategorisiert. Deshalb ist die Auseinandersetzung um abwertende Begriffe wichtig“, stellt Hadija Haruna in der taz klar.

Am 7. Juni 2013 fand in Österreich die 3. Frauenenquete der Frauenministerin in Kooperation mit der Plattform 20000frauen statt. Die Keynote sprach Elisabeth Klaus: „Zwischen Antifeminismus und Elitefeminismus: Der Geschlechterdiskurs im medialen Mainstream“.

Die European Women’s Lobby (EWL), größte Dachorganisation für Frauenvereinigungen in den Europäischen Union, stellt sich hier online vor (Englisch).

Spektakulär: Die christlich-konservative Organisation Exodus, die u.a. „Konversionstherapien gegen Schwulsein“ durchgeführt hat, hat sich bei der LGBT-Community für ihr „unbliblisches und unehrerbietiges Weltbild“ entschuldigt (Englisch).

Die NGO Pink Armenia berichtet über die Menschenrechtssituation für LGBT in Armenien (Englisch).

In der Türkei endet an diesem Wochenende die Istanbul Pride Week – Thema dieses Jahr: „Widerstand“ (Englisch).

Wie Engagement für das Recht auf lesbische und schwule Ehen aus wertkonservativer Perspektive aussieht, lässt sich bei queer.de nachlesen.

Eine in Schweden asylsuchende Trans*frau und LGBT-Aktivistin soll nach Russland abgeschoben werden. Eine Petition wendet sich dagegen (Englisch).

Auf Jezebel erklärt Dodai Stewart anhand des neuen Videos von Miley Cyrus, wo Inspiration zu kultureller Aneignung wird und was daran problematisch ist (Englisch).

Es hat sich immer noch nicht zu allen durchgesprochen: Seriöser Journalismus kommt nicht nur aus der Feder von weißen Männern – xojane erinnert daran (Englisch).

Die 17jährige Jinan Younis wollte an ihrer Schule eine feministische Gruppe gründen – was dann passierte, berichtet sie im Guardian (Englisch).

Der FOCUS berichtet über die massiv hohen Zahlen von Gewalt gegen Frauen – die WHO hat die Zahlen nun veröffentlicht, nachdem sie bereits bei anderen UN-Organisationen/Abteilungen und NGOs zu erfahren waren und  u.a. die Aktion One Billion Rising im Februar ageregt hatten.

Die in den USA sehr populäre Fernsehköchin Paula Deen steht  wegen wiederholter rassistischer Handlungen in der Kritik. Daraus ging nun das Hashtag #paulasbestdishes (Paulas beste Rezepte) hervor, welches satirisch auf Deens aktuelle Ausfälle Bezug nimmt (Englisch).

In der Münchner Innenstadt ist eine Gruppe Geflüchteter in den Hungerstreik getreten. Mit einer Erklärung zu ihren Forderungen wenden sie sich an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichtes.

In Berlin läuft derzeit und noch bis zum 18. August die Veranstaltung re.act.feminism #2, die sich um feministische Performancekunst dreht – unter anderem mit Ausstellungen, Workshops, Performances und Vorträgen.

Heute Abend in Wien, als Startveranstaltung zur Frauen-Fußball-EM: Diskussion und Party bei Frauen. Fussball. Medien.


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Fehlende #aufschrei-Fragen und Black Intervention – kurz verlinkt

28. Februar 2013 von der Mädchenmannschaft

analyse & kritik über wichtige Fragen, die in der #aufschrei-Debatte nicht gestellt wurden.

Hat Facebook ein Problem mit Frauen?“ Lest selbst, aber Achtung: Fette Triggerwarnung!

Die Gründerinnen von Krauselocke.de im Gespräch mit Migazin.

Black Intervention – eine denkwürdige Zusammenkunft zur Kinderbuchdebatte am Berliner Ballhaus Naunynstraße: Nochmal zusammengefasst auf nachtkritik.

„Weil sie den Jahrestag des „Punkgebets“ der russischen Band Pussy Riot begehen wollten, sind am Donnerstag zwei Frauen in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale festgenommen worden.“ DieStandard berichtet.

Im Zuge der aktuellen Fleischskandale gibt es in der FAZ einen interessanten Artikel zur Fleisch-Bigotterie.

In der taz gibt es einen kurzen Sachstand zu den Rechten homosexueller Paare.

Die Kirche einmal ums Dorf getragen mit Bischöffsbeschlüssen: Pille danach – ja, Abtreibungsverbot – bestärkt. Meh.

Ein guter Text über „white male scientists“ ist auf jhameia erschienen.

Til Raether in der BRIGITTE: „Wenn Männer anderen Männern ihren Sexismus aufnötigen, geht es dabei nur darum, die brüchigen Unterdrückungsstrukturen zu reparieren. (…) Und es spricht nicht für mich, dass mir das jetzt erst klar wird: Mein Stillschweigen muss anderen immer zustimmend erschienen sein.“

Es ist eine erweiterte Auflage von Riot Grrrl Revisited erschienen (mit Beiträgen zu den SlutWalks und Pussy Riot). Das Buch hatten wir schon einmal rezensiert.

Termine und ähnliches: (mehr …)


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Lesestoff für das ganze Wochenende – die Blogschau

26. Januar 2013 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 192 von 295 der Serie Die Blogschau

Im Pfuilleton (danke, Sabine :) ) wird ja derzeit ständig behauptet, man könne Kindern rassistische Begriffe doch einfach „erklären“.  Schwarze Kinder hat dabei offenbar kaum jemand im Sinn…
Bei Bühnenwatch hat sich Anneke Gerloff  die Mühe gemacht, viele der in der Kinderbuchdebatte breitgetretenen white-supremacy-Argumente  auseinander zu nehmen. Auch Anarchistelfliege schreibt über den rassistischen Backlash, verlinkt gute Beiträge  und fasst nochmal einiges zusammen. Außerdem gibt es dort noch ein paar erläuternde Gedanken zum Unterschied zwischen Befindlichkeit und Betroffenheit.

Body policing und body shaming sind machtvolle Facetten von Sexismus – damit einher geht das oftmals komplett verinnerlichte Bewusstsein, dass der eigene Körper permanent von anderen wahrgenommen, reguliert, be- und abgewertet wird.  Nahezu alle Frauen* sind davon betroffen. Besonders krass erfahren das allerdings dicke Frauen*, denen ihr  „Versagen“ im Kampf um das Erfüllen bestimmter Normen permanent vor Augen geführt wird.  Riotmango rantet gegen das Verleugnen von Privilegien, die schlanke Menschen in diesem Kontext gegenüber dicken haben.

Kotzen über das Erzbistum Köln und Verhütungspolitik:  ein offener Brief mit Hintergrundinfos.

Kinder und Jugendliche werden von Erwachsenen mit einer Menge Ansprüchen und Erwartungen konfrontiert – auch in links-alternativen Umfeldern, wie Somlu beschreibt.

Warum sie sich die offenbar obligatorische Diät zum Jahresanfang getrost spart, schreibt Katrin auf Reizende Rundungen. Toll aussehen geht sowieso auch hervorragend ohne.

Eine Taxifahrerin lehnt die Beförderung eines Fahrgastes ab, der sie bei einer vorherigen Fahrt sexuell belästigt hat. Bald darauf folgt die Kündigung, sie sei nicht „hart genug für diesen Beruf“ – das Mädchenblog berichtet über den unfassbaren Vorfall.

A propos unfassbar: Khaos.Kind schreibt einen offenen Brief an die EMMA, die sich in ihrer letzten Ausgabe in Sachen Bullshit selbst übertroffen hat.

Verharmlosung und Relativierung von sexistischen Übergriffen, Teil 6748: FDP-Politiker Rainer Brüderle hat eine Journalistin belästigt, und wer steht im Fokus der Kritik?  Na, ratet mal (Lösung bei Merle Stöver).
Die im Zuge des Vorfalls entstandene Twitterkampagne #aufschrei betrachtet das Antiblog und gibt praktische Hinweise, wie es weitergehen könnte. Auf Zehenspitzen sucht für sich einen Umgang mit Street Harrassment. Auch Frau Dingens erträgt den Normalzustand rape culture nicht mehr.

Ein neuer Stern am Bloghimmel:  Don’t degrade Debs, darling! startet mit wichtigen Fragen zur eigenen Identität:  „Habe ich das Recht Attribute die mir gefallen, die sich für mich erstrebenswert anfühlen anzunehmen oder muss ich dafür etwas erfüllen? Was ist entscheidend? Wie mich andere wahrnehmen? Wohl kaum! Wie ich mich selbst wahrnehme oder was ich mir wünsche zu sein? Kann ich Begrifflichkeiten entwerten oder ihnen die Schlagkraft nehmen, weil ich nicht genug irgendwas bin? Ab wann darf ich mich mit Dingen identifizieren?“

accalmie erklärt auf ihrem Blog noch mal das mit dieser Zensur und wer hier eigentlich wen ausschließt (auf Englisch).

Wie sich diskriminierendes Verhalten erkennen und bekämpfen lässt, darüber schreibt Zweisatz  – inzwischen bereits Teil 6.
Dazu passt eine anonyme Online-Umfrage, die Nejra Drljevic im Rahmen ihrer Bachelorarbeit in Sozialer Arbeit durchführt. Diese Befragung richtet sich an Frauen islamischer Religionszugehörigkeit und fragt u.a. nach Diskriminierungserfahrungen und Umgangsformen damit. Die Forscherin freut sich über rege Teilnahme.

Für eine bessere Vernetzung der feministischen Blogosphäre listen wir jede Woche auf, was unsere Kolleg_innen über die Woche so melden und tun. Haben wir etwas vergessen oder übersehen? Kennen wir dein brilliantes Blog etwa noch gar nicht? Dann sag uns bitte Bescheid!


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Pussy Riot: Morgen Urteilsverkündung und Protest

16. August 2012 von Charlott

Wie bereits im letzten Artikel zum Prozess gegen die feministische russische Band Pussy Riot geschrieben, ist morgen der Tag, an dem das Urteil gegen die drei angeklagten Frauen erwartet wird. (Die ganze Geschichte könnt ihr nochmal in unserem aktuellen Dossier in der rechten Seitenleiste nachlesen.)

Zu diesem Anlass ist für morgen der „Pussy Riot Global Day“ ausgerufen. Rund um die Zeit der Verkündung wird es Protestaktionen in der ganzen Welt geben. Auch in Deutschland können sich Menschen versammeln und gegen den Prozess und die zu erwartende Verurteilung ein Zeichen setzen.

Aufschrift "Free Pussy Riot", darunter Bild der drei Angeklagten und die Unterschrift "Hamburg 17.08"

In Hamburg treffen sich Protestierende um 12 Uhr auf dem Tschaikowskiplatz vor der Orthodoxen Kirche. Die Veranstaltung ist bis ca. 15 Uhr geplant.

In Berlin geht es bereits um 11.30 vor der russischen Botschaft, Unter den Linden 63, los. Es sind erst politische Statements und dann eine Liveschaltung nach Russland zum Anwalt Mark Feigin zur Urteilsverkündung vorgesehen.

Eine Übersicht mit allen Protesten morgen findet ihr auf der Seite Free Pussy Riot, so wird es voraussichtlich auch Aktionen in Köln und München geben – in beiden Städten sind die Orte aber noch nicht bestätigt.


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!No Pasarán! – Pussy Riot, Aberglaube und ein Rottweiler, der bellt

9. August 2012 von Sabine

Kurzer Prozess in sieben Tagen: Sie waren absurd, zäh und irgendwie auch komisch, wenn es nicht so ernst wäre. Die Staatsanwaltschaft fordert drei Jahre Haft für die drei Feministinnen des Kollektivs. Am 17. August soll das Urteil gegen Pussy Riot verkündet werden. Auslöser war ihr regimekritisches Punk­rock­gebet in der Erlöser­kathedrale. Der Anklage­punkt „Rowdytum“ ist nicht richtig klar geworden, aber was soll’s. Der Prozess steht längst nicht mehr für Pussy Riot, sondern ist eine Bestands­aufnahme für das politische System unter Putin. Der Gerichtssaal und seine Richterin eine Mimesis für die Willkür im autoritären Regime, wenn es um Oppositionelle geht. Wer nach Regeln oder Gesetzmäßigkeiten suchte, hat spätestens mit dem Prozess­beginn damit auf­ge­hört oder begonnen in der sowjetischen Zeit nachzuschauen. Aber viel­leicht hat sie ja auch der anwesende Rott­weiler im Gerichtssaal ver­schluckt, er darf nämlich bellen, stören oder einfach nur träge in der Ecke rum liegen.

Für alle anderen Anwesenden gilt, „wem nach Lachen ist, kann in den Zirkus gehen“, sagt zumindest die Richterin Marina Syrowa. Bei Zeug_innen der Ver­teidigung ziert sich Syrowa, will sie nicht aufrufen und lehnt etwa die Ver­nehmung des Bloggers und Oppositionellen Alexei Navalny ab. Sie will lieber mehr über den Exzorismus, den Aberglauben, den orthodoxen Glauben und den Teufel hören. Auch eine ehemalige Bekannte Maria Alyokhinas, die zum Zeit­vertreib rechts­radikale Einträge für ihr Internet-Tagebuch verfasst, kommt zu Wort und darf sich über den negativen Lebens­wandel der Angeklagten äußern. Dass die Zeugin hin und wieder den Gerichts­saal flieht und Gerichts­diener sie einfangen müssen, sei hier nur eine Neben­information. (mehr …)


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Gulag mild – Der Prozess gegen Pussy Riot in 5 Akten

3. August 2012 von Sabine

Moskau: Der Schauprozess nimmt eine Wende ein. Im selben Gericht, wo vor drei Jahren am Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski ein Exempel statuiert wurde, da sitzt Pussy Riot im Käfig. Schau­prozesse gegen Oppositionelle stehen in langer, sow­jetischer Tra­dition und werden unter Putin lediglich reaktiviert. Sie dienen der Ab­schreckung. Jetzt fordert er ein mildes Urteil für die drei Künstlerinnen des feministischen Punk­rock­kollektivs.

Auslöser für die Anklage war ihre regimekritische Aufführung im Februar. Kurz zuvor hatte der Patriarch Kyrill sich offen für den Präsidentschaftsanwärter Putin ausgesprochen, Putin sei ein Geschenk Gottes, so der Kirchenfürst. Pussy Riot prangerte das an und führte ein Punk-Gebet in seiner Kirche auf. Der Patriarch Kyrill will darin den Spott des Teufels gesehen haben. Andere sehen darin die Ver­zahnung zwischen der russischen Orthodoxen Kirche und dem Kreml. All das in­mitten eines fragwürdigen Präsidentschafts­wahl­kampfs.

Pussy Riot wird nun „Rowdytum aus religiösen Hass“ vorgeworfen, wofür den drei angeklagten Künstlerinnen bis zu sieben Jahre Haft drohen könnte. Weil der öffentliche, diplomatische Druck steigt, greift Putin nun doch in das laufende Verfahren ein, was einen Blick auf die Autonomie der Judikativen werfen lässt, weil sie sich davon beeinflussen lassen wird. Die drei jungen Frauen hätten ihre Lektion gelernt, meint er. Putin hat sich nass gemacht, sagt Pussy Riot. Wie die Anklage juristisch zu begründen ist, bleibt ein schwieriges Unterfangen so wie die Akten, die zu spät auftauchen und Undurchsichtigkeit aufzeigen. Und weil fair anders aussieht und Grundlagen offensichtlich fehlen, hier eine Vorstellung davon, wie es ablaufen hätte können.

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Pussy Riot und die macho-orthodoxe Scheinjustiz

25. Juli 2012 von Silviu

Am vorigen Freitag hat in Moskau der Schauprozess gegen die Feministinnen von Pussy Riot begonnen. „Heilige Mutter Gottes, verjage Putin“, das zwei Minuten lange Punk-Protestgebet, das die Gruppe im Frühjahr in der Christ-Erlöser-Kathedrale sang, könnte sie sieben Jahre Haft, womöglich auch Zwangsarbeit kosten. Denn in Russland, wie es an einer anderen Stelle des Lieds heißt, „ist der Geist der Freiheit im Himmel“.

Auf Erde herrscht der Über-Macho und frühere KGB-Offizier, der in guter alter sowjetischer Tradition seine politischen Gegner einsperren lässt. Das Groteske daran: Pussy Riot und andere ähnliche Bewegungen stellen zwar das System Putin in Frage, können jedoch ohne Weiteres keine ernstzunehmende Gefahr für die Macht darstellen. Der Schauprozess erfüllt also keine reale Funktion der „Stabilisierung“ des Regimes und ist insofern pragmatisch nicht nachvollziehbar. Er dient lediglich dem Zweck, die symbolische Ordnung und Autorität wiederherzustellen. Ganz im Stile des Ancien Regimes darf die Ehre des Monarchen und seiner herrschenden Entourage nicht verletzt werden. Wer sich einen Lèse-Majesté-Verstoß begeht, muss exemplarisch bestraft werden, und zwar unabhängig davon, ob eine solche Strafe in irgendeiner Weise rational oder verhältnismäßig ist.

Besonders ekelhaft ist, hier noch ein Mal, die Rolle der Orthodoxen Kirche in dieser Affäre. Patriarch Kyrill, der bei den letzten fragwürdigen Präsidentschaftswahlen im Dezember Putin öffentlich unterstützt hat, gibt sich jetzt empört. In Russland gilt zwar formell eine Trennung zwischen Staat und Kirche, diese lebt jedoch fast zu 100 Prozent von Förderungen aus dem Staatshaushalt. Mehrere Angestellte der Kirche haben sich bei der Staatsanwaltschaft „zutiefst beleidigt“ erklärt und das wird der Strafverfolgung in die Hände spielen: Die „Beleidigung“ ist nämlich wesentlich für den Tatbestand der „großen Verletzung der öffentlichen Ordnung“, der den Aktivistinnen vorgeworfen wird. Dabei hat Pussy Riot nichts anders als die Wahrheit ausgesprochen: „Die Kirche huldigt dem verfaulten Führer. Patriarch Gundjajew glaubt an Putin. Hure, du solltest an Gott glauben“, heißt es im Lied.


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