Einträge mit dem Tag ‘Interventionen’


Rechtsextreme Frauen: Analysen und Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit und Pädagogik

13. Dezember 2016 von Charlott
Dieser Text ist Teil 10 von 10 der Serie Gender und Rechts(extremismus)

LehnertRadvan.indd Was sollte passieren, wenn eine Mutter, die in rechten Organisationen aktiv ist, sich im Kindergarten zur Elternsprecherin wählen lassen möchte? Wie damit umgehen, wenn eine Frau im Frauenhaus Unterstützung aufgrund von Gewalt in ihrer Beziehung sucht und dann Flyer zu rechten Veranstaltungen auslegt? Oder wie reagieren, wenn sich die Kollegin in der Hilfseinrichtung oder Student_innen der Sozialen Arbeit als der extremen Rechten zugewandt herausstellen? Diesen und weiteren Fragen wenden sich Esther Lehnert, Professorin für Geschichte, Theorie und Praxis Sozialer Arbeit mit dem Schwerpunkt Rechtsextremismus, und Heike Radvan, Leitern der Fachstelle „Gender und Rechtsextremismus“ der Amadeu Antonio Stiftung, in dem am 07. November erschienen Buch Rechtsextreme Frauen – Analysen und Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit und Pädagogik zu.

Auf gerade einmal 138 Seiten versuchen Lehnert und Radvan das Phänomen extrem rechte Frauen und Soziale Arbeit/ Pädagogik aus möglichst vielen Winkeln kritisch zu analysieren und Vorschläge für die Praxis zu unterbreiten. Als Rahmen für ihr Vorhaben, betten sie Soziale Arbeit/ Fürsorge kritisch historisch ein und zeigen auf, wie diese Arbeitsfelder verbunden sind mit der Herstellung von Differenz und wie sie beispielsweise während des Nationalsozialismus elementarer Teil der Durchsetzung und Erarbeitung rechter Ideologie waren (mit biographischen Beispielen zeigen sie zu dem Kontinuitäten bis weit nach 1945). Diese politische Einordnung zeigen sie als konträr stehend zu einer oft entpolitisierten Wahrnehmung Sozialer Arbeit – die auch in ihrer weiblich gegenderten Zuschreibung fußt. Gerade diese Wahrnehmung ist es auch nach Lehnert und Radvan, die dazu führt dass Sozialarbeiter_innen als rechte Täter_innen aus dem Blick geraten, oder dass in bestimmten Arbeitsfelder das Intervenieren bei rechten Haltungen von Personen, die auf sozialarbeiterische/ (sozial)pädagogischen Angebote zurückgreifen, als außerhalb der Zuständigkeit definiert wird. Dazu kommt, dass rechte Frauen sowieso häufig als wenig politisch kategorisiert werden.

In diesem Buch wird detailliert aufgeschlüsselt, wie Geschlecht und politische Wahrnehmung gekoppelt sind. Gezeigt wird dies auch am Beispiel von Beate Zschäpe, die bereits als Jugendliche regelmäßig Kontakt mit Sozialarbeiter_innen hatte, aber obwohl sie Gewalttaten verübte von diesen als „nettes Mädchen“ beschrieben wurde und als eine, die nur an den „Jungs der Szene“ interessiert gewesen sei. Lehnert und Radvan betonen, dass viele Frauen der extremen Rechten sich die entpolitisierte Wahrnehmung zu Nutze machen und strategisch einsetzen um Zugang zu/ Einfluss auf Gruppen zu gewinnen. Anhand von Fallbeispielen aus der langjährigen Beratungsarbeit der Autorinnen zeigen sie wie in verschiedenen Arbeitsfeldern (frühkindliche Pädagogik, Jugendarbeit, familienunterstützende Hilfen, Schutz vor häuslicher Gewalt, Pflege und Hochschulen) Frauen der extremen Rechten auftreten können (mal als Personen, die die Maßnahmen beanspruchen, mal als jene, die sie durchführen). Sie beschreiben und analysieren diese Situationen nicht nur, sondern entwickeln auch jeweils Handlungsvorschläge. Im Zentrum dieser steht, dass sich Soziale Arbeit/ Pädagogik als politisch engagiert verstehen muss und die Unterstützung von von Diskriminierung und Gewalt negativ betroffener Personen zentral sein muss.

Sehr gelungen machen die Autorinnen durchgehend deutlich, dass Handlungen der extremen Rechten nicht losgelöst gesehen werden können von breiteren rassistischen, ableististen, sexisistischen etc. Strukturen und Diskursen. Genau dieser Gedanke ist auch häufig Ansatzpunkt für Strategien – so fordern sie nicht nur dazu auf, rassistische Formulierungen niemals einfach stehen zu lassen, sondern warnen auch, dass Maßnahmen, die auf binären, biologistischen Geschlechtervorstellungen fußen, wichtige Ideologiepfeiler nicht hinterfragen und damit nicht langfristig wirksam sein können. Auch wird in dem Buch deutlich, dass Frauen der extremen Rechten als direkte und indirekte Empfänger_innen von sozialarbeiterischen Maßnahmen, als Sozialarbeiterinnen und als Studentinnen der Sozialen Arbeit auftreten und all diese Verknüpfungen gleichzeitig im Blick behalten werden sollten. Dies scheint wiederum nur möglich mit einer durchgehend kritisch-reflektierenden Auseinandersetzung mit Ideen der Fürsorge und Sozialen Arbeit, wie sie in dem Buch vorgeführt wird.

Durch die Vielzahl an Informationen und unterschiedlichen Herangehensweisen, gibt es in dem Buch einige Stellen, die sehr dicht sind, andererseits sind thematische Übergänge manchmal ein wenig abrupt und einige Gedanken werden etwas häufig wiederholt. Nichtsdestotrotz ist dies ein wichtiges und zugängliches Buch, welches nicht nur Personen, die direkt im sozial/pädagogischen Bereich tätig sind, Denkanstöße liefern kann.


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Prololesben und Arbeiter*innentöchter

14. Januar 2016 von Gastautor_in

Tanja Abou ist pädagogische Tresenkraft, absichtlich gescheiterte Studentin, Sozialarbeiterin, queere Poverty-Class Akademikerin, Social-Justice-Trainerin, Careleaverin und Kinderbuchautorin. Sie lebt und arbeitet in Berlin, wenn sie Zeit und Lust hat, schreibt und zeichnet sie darüber.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in: Kurswechsel, Nr. 4, Dezember 2015.

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Interventionen in den feministischen Mainstream der 1980er und 1990er Jahre

Klasse ist viel mehr als die Beziehung zu den Produktionsmitteln nach der marxistischen Definition. Die Klasse bestimmt dein Verhalten und deine grundsätzlichen Lebensauffassungen. […] [W]ie du Probleme erlebst und sie verarbeitest, wie du denkst, fühlst und handelst. (Rita Mae Brown, 1974)

Der – etwas sperrige – Titel ist der einer angefangenen Forschungsarbeit, die es bisher nicht in die Schriftform geschafft hat. Die Entscheidung, die Ergebnisse meiner Recher- chen in Vorträgen außerhalb der Universität zu präsentieren, aber nicht innerhalb eines Studiums weiterzuführen, ist für mich eine politische gewesen. Auch wenn ich bei der Umsetzung des Projekts sehr unterstützt wurde (1), waren die Widerstände, auf die ich trotz bester Vorbereitung und besten Wissens bei der Thematisierung von Klassismus in Bildungsinstitutionen gestoßen bin, stärker als mein Ehrgeiz. Gabriele Theling legt dar, dass eine Betroffenenperspektive ein anderes Forschen als das Be-Forschen aus einer distanzierten bzw. privilegierten Perspektive bedeutet. Da ich selbst eine Poverty Class Academic (2) bin, gebe ich nicht vor, einen – angeblich – objektiven Abstand zu meinen Nachforschungen zu haben. Intention war und ist für mich, Momente proletarisch-feministischer Geschichtsschreibung aufzuarbeiten und damit auch meiner Erfahrung eine Geschichte zu geben, in der sich Diskriminierungen und Ausgrenzungserfahrungen als strukturelle und nicht als individuelle Probleme identifizieren lassen.

In diesem Text möchte ich zwei selbstorganisierte Gruppen vorstellen, die in den 1980er und 1990er Jahren im bundesdeutschen Kontext aktiv waren: die Prololesben und die Arbeiter*innentöchter  (3). Obwohl es innerhalb der Gruppen personelle Überschneidungen gab, werden die Prololesben und Arbeiter*innentöchter getrennt voneinander beschrieben, da sie sich in zwei unterschiedlichen Feldern bewegten. Die Arbeiter*innentöchter (4) organisierten sich innerhalb der Universitäten, während sich die Prololesben in der autonomen (Frauen)Lesben-Bewegung engagierten. Zunächst möchte ich die nahezu nicht (mehr) sichtbare Arbeit und die Diskussionen der Prololesben in der autonomen (Frauen)Lesben-Bewegung nachzuzeichnen. Als „Interventionen“ in einen „feministischen Mainstream“ verstehe ich im Rahmen dieses Beitrags Positionen und Handlungen, die innerhalb der (west-)deutschen (Frauen)Lesben-Bewegung marginalisierten Stimmen Gehör zu verschaffen versuchen.

Prololesben vs. bürgerliche Lesben

Wir haben die Beobachtung gemacht, daß unterschieden wird in „gute“ und in „böse“ Prolos – die Guten sind die Angepaßten mit höherer Schulbildung, die, die nach oben wollen; die bösen fluchen, saufen, schreien, sind undiplomatisch und dumm. Uns etwas Angepaßteren wird auf diese Weise suggeriert: „Du bist doch gar nicht so, Du kannst den Aufstieg doch schaffen.“ (Gitti et al., 1998)

Dieses Zitat stammt aus einem Diskussionspapier der Berliner Prololesben für die „3. Berliner Lesbenwoche“. Unter dem Namen Prololesben hatten sich in verschiedenen deutschen Städten Gruppen von links-politischen Lesben aus „Prolofamilien“ – in Abgrenzung zu bürgerlichen Familien – zusammengetan. Als Prololesben – eine Selbstbezeichnung, mit der die negativ aufgeladenen Begriffe „Prolo“ oder „Proll“ gewendet und als positive Identitätsbenennung angeeignet wurde – begannen die proletarischen Lesben ihre Erfahrungen zusammenzutragen und strukturelle Gemeinsamkeiten heraus- zuarbeiten. Auch wenn die Autor*innen des Diskussionspapiers betonen, dass eine hundertprozentige Teilung in „die Bürgerlichen“ und „die Prolos“ nicht möglich sei, halten sie dennoch fest, dass es signifikante Unterschiede in der Sozialisation von Lesben in ein bürgerliches bzw. proletarisches Umfeld gibt. Innerhalb einzelner Gruppen der Frauen-Lesbenbewegung wurden diese Unterschiede als Dominanzverhältnis der bürgerlichen Lesben gegenüber den proletarischen Lesben problematisiert. Im Diskussionspapier beschreiben die Prololesben:

Bürgerlich ist „in“ und Prolo ist „out“ – eine bestimmte Sprache und ein bestimmtes Auftreten signalisieren, daß jemand der herrschenden Klasse angehört. Lesben bürgerlicher Herkunft und entsprechender Erziehung können sich (nicht nur) im Notfall der „herrschenden“ Umgangsformen bedienen. Das wirkt, etwa im Umgang mit Behörden und „Autoritäten“, aber auch beim Streit in der Lesbengruppe. (ebd.)

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