Einträge mit dem Tag ‘Intersektionalitäten’


Ein Mann, der Männlichkeit abschaffen will

14. Oktober 2010 von Helga

Auf altmuslimah.com veröffentlichte Jehanzeb Dar vor kurzem einen Text mit der sehr provokanten Überschrift „Männlichkeit ausrotten“. Das, so erklärte er sogleich, habe nichts mit Rückschritt oder Selbsthass zu tun, sei nicht gegen Männer gerichtet und bedeute auch nicht die Abschaffung heterosexueller Männer. Bei den radikalen Veränderungen von sich selbst und der Gesellschaft ginge es vielmehr um die Eliminierung von schädlichen und gefährlichen Gesellschaftsnormen und -zwängen.

Als pakistanisch-amerikanischer Moslem sieht er einerseits den Einfluss von Sexismus, Rassismus, Homo- und Islamophobie auf Männlichkeitsbilder, andererseits auch Vorgaben in süd-asiatischen und/oder muslimischen Gesellschaften. Mit der Migration nach Nordamerika seien dabei noch einmal ganz andere Probleme entstanden, die leider noch weniger erforscht sind.

Die Notwendigkeit zur Abschaffung von Männlichkeitsbildern sieht Dar in dem ansonsten stattfindenden Ausschluss:

If to be “feminine” is to be compassionate, caring, and Loving, can a man not have those traits as well? And if to be “masculine,” according to those who argue that there are positive things about “masculinity,” is to be protective, confident, and assertive, is that to say women cannot have those qualities?

Wenn „weiblich“ sein bedeutet, mitfühlend, fürsorglich und liebevoll zu sein, kann ein Mann diese Wesenszüge nicht auch haben? Und wenn „männlich“ sein, gemäß denen, die positive Dinge in „Männlichkeit“ sehen, bedeutet, beschützend, selbstbewußt und durchsetzungsfähig zu sein, sagt man damit nicht, dass Frauen diese Qualitäten nicht besitzen?

Stattdessen plädiert er für ein neues Bild der Menschlichkeit – ohne Objektivierung oder Label, entwickelt von Männern und Frauen zusammen. In Zeiten, in denen ansonsten lieber Schuldfragen hin- und hergeschoben werden und über statt mit Betroffenen gesprochen wird, ein wichtiger Ansatz. Hier und jetzt in Deutschland vielleicht auch kaum zu glauben, aber die Kommentare in Dars eigenen Blog Muslim Reverie sind fast ausschließlich zustimmend.


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Differenz, Dekonstruktion oder Gleichheit?

3. Mai 2010 von Nadine
Dieser Text ist Teil 43 von 58 der Serie Die Feministische Bibliothek

Welche der drei wesentlichen Paradigmen der Frauen- und Geschlechterforschung können substanzielle Chancengleichheit garantieren und verwirklichen? Wie funktionieren die drei Konzepte in ihrer praktischen Umsetzung? Wo liegen Stärken und Schwächen der Konzepte und wo schlagen sie sich in aktuellen Gleichstellungspolitiken nieder?

Gudrun-Axeli Knapp* versucht in ihrem Text “Gleichheit, Differenz, Dekonstruktion: Vom Nutzen theoretischer Ansätze der Frauen- und Geschlechterforschung für die Praxis” Antworten auf diese Fragen zu finden, und kommt zunächst zu sehr nüchternen Ergebnissen: Noch immer dienen Erfahrungswissen und pragmatische Herangehensweisen als Grundlage von Gleichstellungspolitik für Frauen und Männer. Zu selten, und wenn überhaupt stark verkürzt, wird auf fundiertes Wissen der Frauen- und Geschlechterforschung bei der Gleichstellungsarbeit zurückgegriffen. Das führt nicht selten dazu, dass Gleichstellungspolitik in einer Sackgasse landet, nicht zielführend ist und zum Teil das Gegenteil erreicht: Eine Festschreibung von Geschlechterdifferenzen.

Sie plädiert für eine „theoretisch reflektierte Praxis“, die Wissenschaft und Politik nicht einander entgegenstellt, sondern beide als einander inkludierende und interdependente Vorgehensweisen betrachtet. Dabei genügt es nicht, aktuelle Erkenntnisse der Wissenschaft für Gleichstellungsarbeit zu operationalisieren: Für Knapp sind Erkenntnisse der Frauen- und Geschlechterforschung keine starren Patentrezepte für die Umsetzung von Chancengleichheit und Gleichbehandlung.

Diese können je nach Kontext, in den sie eingebettet sind, variieren und je nach (Anwendungs-)erfahrung und Betrachtungsweise eine gewisse Eigendynamik entwickeln. Auch Geschlechter- verhältnisse sind immer wieder im Wandel begriffen und Differenzen zwischen den Geschlechtern historisch gewachsen. Und können sich trotzdem in verschiedenen Gesellschaften und Gruppen unterschiedlich repräsentieren. Praxiserfahrungen von Gleichstellungspolitiken und wissenschaftliche Erkenntnisse beziehen sich also wechselseitig aufeinander, während sie sich selbst verändern und verändert werden.

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Neuigkeiten aus aller Welt

23. März 2010 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 75 von 138 der Serie Kurz notiert

Laut dem National Committee on Traditional Practices of Ethiopia beginnen in Äthiopien 69% aller Ehen mit der Entführung einer Frau und anschließender Vergewaltigung. Darauf folgt die erzwungene Unterzeichnung des Ehevertrags, denn ohne ihre Jungfräulichkeit sei sie sonst auf dem Heiratsmarkt nichts mehr “wert”. Dies kommt in protestantischen, katholischen und auch muslimischen Gemeinden gleichermaßen vor. Der Independent thematisiert den Widerstand der entführten Frauen.

Das Verfassungsgericht in Ägypten entschied nun offiziell, dass Frauen zu Richterinnen ernannt werden dürfen. Laut MsMagazine sind aktuell 42 der 12.000 Richter_innen in Ägypten Frauen.

Im US-amerikanischen Repräsentantenhaus ist gestern der Gesetzesentwurf zur Gesundheitsreform mit 219 – 212 durchgekommen und wartet nun nur noch auf Obama’s Unterschrift. Den Sieg hatte sich Obama in letzter Minute wohl mit einer Rechtsverordnung zu Abtreibungen gesichert, wonach entgegen der ursprünglichen Vorlage ausgeschlossen werde, dass öffentlich alimentierte Krankenversicherungen Schwangerschaftsabbrüche bezahlen, wie dieStandard.at berichtet.

In Südafrika, wo Schätzungen zu Folge jede dritte Frau Opfer von sexueller Gewalt wird, wurde ein Mann wegen Verhetzung und Diskriminierung zu einer Geldstrafe verurteilt und muss nun eine schriftliche Entschuldigung abgeben. Er hatte vor einer Gruppe von 150 Studierenden geäußert, dass die junge Frau, die den südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma vor einigen Jahren wegen Vergewaltigung bezichtigte, wohl “Gefallen” an der (nicht bewiesenen) Vergewaltigung empfunden haben musste. Zuma wurde damals aus Mangel an Beweisen freigesprochen. (aktualisiert)

Nicht nur die Gehaltsunterschiede von Männern und Frauen sondern auch jene zwischen Frauen sind ein feministisches Thema: In den USA diskutiert man die Vermögensunterschiede zwischen weißen, Schwarzen und hispanischen Frauen und Männern als Aspekt, welche insbesondere women of color langfristig schaden, da ihnen im Durchschnitt weniger Vermögen zur Verfügung stehen als weißen Männern und Frauen. Während Gehalt die laufenden Kosten begleicht, ist Vermögen wichtig, um langfristige Investionen zu tätigen oder dieses zu vererben. WomensMediaCenter berichtet.

Eine Initiative von Elternvereinen fordert mehr Krippenplätze in Hannover, nachdem ihr Antrag, eine eigene Kita zu eröffnen von der Stadt gestoppt wurde. Begründung: Alle Mittel für den Krippenausbau bis 2013 seien bereits verplant. Hier unterschreiben und mitmachen!

Die US-amerikanische Jenny Hagel startete eine neue Reihe namens Feminist Rapper. In der ersten Episode spielt sie eine Gender Studies Doktorin, die ihren gelangweilten Studierenden die Errungenschaften von Frauen näherbringen möchte – und zwar rappend. Vielleicht die nächste Sarah Haskins?


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“Das Geschlecht ist komplex”

26. Januar 2010 von Magda

Im Tagesspiegel ist heute ein Interview mit Paula-Irene Villa, Professorin für Soziologie/Gender Studies an der Universität München, erschienen. Darin berichtet sie, welche theoretische Richtungen die Gender Studies seit 1985 eingeschlagen haben, nachdem die erste Professur mit Geschlechterschwerpunkt an der FU Berlin eingerichtet wurde, was unter Intersektionalitäten zu verstehen sei und wie die Gender Studies zu den Naturwissenschaften stehen.

Hier ein kleiner Ausschnitt:

Ein Begriff, der seit einiger Zeit oft fällt, ist „Intersektionalität“, also das Zusammenspiel der Faktoren Ethnizität, Klasse und Geschlecht. Allerdings wurde von „race, class and gender“ schon viel früher gesprochen, vor allem in der US-amerikanischen Frauenforschung. Was ist jetzt neu daran?

Vieles daran ist gar nicht so neu, die Betonung von „race, class and gender“ ist ein roter Faden der Geschlechterforschung. Wir erleben jetzt eine Fortsetzung der älteren Debatten, die in Deutschland viel verzagter geführt wurden als in den USA. Doch der Zusammenhang von ethnischer Zugehörigkeit, von Klasse und Geschlecht muss immer wieder neu und vor allem entlang der aktuellen gesellschaftlichen Situation bestimmt werden. Wir leben heute schließlich in einer anderen Welt als vor 30 Jahren. Es geht auch immer darum, sich über die strukturellen Trennlinien der Moderne klar zu werden: Aufgrund welcher Unterscheidungen – eben weiß oder schwarz, arm oder reich, Mann oder Frau – entstehen Machtverhältnisse und Hierarchien?

Wie kann man sich eine Intersektionalitätsstudie konkret vorstellen?

Es gibt zum Beispiel viele Untersuchungen im Bereich Schule, etwa Pisa. Wenn Sie empirisch verstehen wollen, wie sich Schulleistungen ergeben, können Sie sich nicht nur auf ein Merkmal konzentrieren. So können wir nicht generell sagen: Mädchen sind in den letzten Jahrzehnten in Deutschland Bildungsgewinnerinnen und Jungen sind Bildungsverlierer. Das stimmt zwar irgendwie, aber es stimmt eben nicht in dieser pauschalen Allgemeinheit. Die anderen Faktoren – Familienhintergrund und Herkunft – müssen mitbedacht werden. Wir alle sind geprägt von Mehrfachpositionierungen.

Das Interview bringt insbesondere in Hinblick auf die Debatte “Jungs sind die Verlierer des Bildungsystems” Licht ins Dunkel. lantzschi von Medienelite hatte dazu vor einiger Zeit schon mal folgende interessante Bemerkung geschrieben:

Und ist es letztendlich nicht bemerkenswert, dass in den besagten Studien über die Benachteiligung von Jungen und jungen Männern in der Bildung kaum bis nichts darüber erwähnt wurde, dass hauptsächlich Jungen, junge Männer mit Migrationshintergrund und/oder aus bildungsfernen Schichten kommend, von diesen Benachteiligungen betroffen sind? Dass diese Benachteiligungen nicht allein eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, sondern in der Verschränkung der Merkmale Gender/Race/Class ist? (…)

Na klingelt’s? Richtig! Sie haben erkannt, dass hier eine benachteiligte Gruppe von Menschen von einer konservativen Regierung institutionalisiert wird, um der Geschlechtergerechtigkeit Lebe wohl zu sagen.


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Volontärin mit Migrationshintergrund gesucht

20. Januar 2010 von Magda

Unsere Leserin Anne machte im Selbermach-Sonntag auf eine Ausschreibung für eine taz-Volontariatsstelle aufmerksam, die sich speziell an Frauen mit Migrationshintergrund richtet.

Dort heißt es:

Manchmal ist nicht nur wichtig, was geschrieben wird. Sondern auch wer schreibt.

Die taz Panter Stiftung finanziert deshalb eine taz-Volontariatsstelle für eine Frau mit Migrationsgeschichte. Es gibt keine Altersbeschränkungen, spezifische Berufsabschlüsse sind nicht zwingend. Soziales Engagement, Lebenserfahrung und Interesse am Qualitätsjournalismus werden vorausgesetzt.

Nachdem einige KommentatorInnen mit Verweis auf das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) ihre Zweifel an der Ausschreibung äußern und die Diskriminierung von weißen deutschen Männern riechen, erklärt Kommentator Albert Timm die Sachlage:

Nach § 5 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes “ist eine unterschiedliche Behandlung auch zulässig, wenn durch geeignete und angemessene Maßnahmen bestehende Nachteile wegen eines in § 1 genannten Grundes verhindert oder ausgeglichen werden sollen”. In § 1 heißt es: “Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse (…), (oder) des Geschlechts (…) zu verhindern oder zu beseitigen”.

Genauso ist es hier. Frauen sind im Berufsleben allgemein und auch im Journalismus unterrepräsentiert, noch stärker gilt dies für Migranten. Die taz will offenbar dabei helfen, diese bestehende gesellschaftliche Diskriminierung auszugleichen. Die von der taz ergriffene Maßnahme, die Stelle nur an eine Migrantin zu vergeben, ist geeignet und angemessen, um in Richtung des Ziels zu wirken. Die taz handelt damit in voller Übereinstimmung mit den Zielen und Buchstaben des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes.

Kommentator Benjamin Laufer bringt es auf den Punkt:

Wenn weiße Männer meinen, sie würden in Deutschland diskriminiert. Nix verstanden.


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Ringvorlesung in Berlin: “Geschlecht in Wissenskulturen”

20. Oktober 2009 von Magda

An der Humboldt Universität in Berlin findet ab morgen bis Februar 2010 in unregelmäßigen Abständen immer mittwochs 18-20 Uhr eine öffentlich Ringvorlesung zum Thema Geschlecht in Wissenskulturen statt, die sich postkolonialen und queer-theoretischen Perspektiven widmet. In der Beschreibung heisst es:

Postkoloniale und queer-theoretische Analyseperspektiven durchziehen unterschiedlichste Disziplinen und liefern entscheidende Impulse, die Kategorie ‚Geschlecht’ in ihrer komplexen Verfasstheit zu verhandeln. Die Ringvorlesung widmet sich inter- und transdisziplinären Anwendungen dieser Theoriebildungen und fragt nach aktuellen (Re-)Konzeptionalisierungen der Interdependenzen von ‚Geschlecht’, ‚Ethnizität’, ‚Rasse’, ‚Klasse’, ‚Sexualität’ und ‚Behinderung’. Es werden hiermit kritische Interventionen hegemonialer Wissensproduktionen um Geschlecht in verschiedenen akademischen und außerakademischen ‘Wissenskulturen’ in den Blick genommen. Gleichsam werden mit Blick auf die historischen Entstehungsprozesse postkolonialer und queer-theoretischer Ansätze Fragen nach dem Verhältnis hegemonialer und minoritärer Wissensproduktion gestellt.

Der Flyer ist hier als pdf zu finden.


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