Einträge mit dem Tag ‘Heterosexualität’


Von der Schwierigkeit nicht hetero zu sein und hetero zu kritisieren.

28. Juli 2015 von Nadine

In feministischen Kreisen™ hierzulande tut sich eine Kritik sehr schwer: Die Kritik an Hetero-Praxen, am Performen von Heterosexualität. Zum einen, weil die Kritik sich nicht ausschließlich an das abstrakte Etwas Heteronormativität richtet, sondern auch an _die_ Heten selbst, die mit ihren heterosexuellen Selbstverständlichkeiten rumnerven (z.B. Vergewaltigungswitzchen, ständiger Boyfriend- und Beziehungstalk, #notallheteros, umschweifende Raumeinnahme durch Austausch von Körperflüssigkeiten im öffentlichen Nahverkehr *no pun intended* oder Beengung von Wegen und Sitzplätzen durch Bilden einer symbiotischen Körpereinheit, vehementes Einfordern von Typenprivilegien zuerst für sich selbst und danach für alle anderen, Studieren und Erforschen von LGBT-Lebensrealitäten zur eigenen Belustigung, zum Aufpeppen des eigenen Seins oder zum Geld verdienen).

Kritisiert werden Hetero-Praxen und Performances in der Regel, um darauf aufmerksam zu machen, dass es außer Heten auch noch andere Menschen gibt, die ein Recht darauf haben, ein gutes Leben zu führen ohne das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder Nichtdiskriminierung in den Mülleimer zu werfen und dass dieses gute Leben eben auch davon abhängig ist, wer sich ständig als Normalität inszeniert ohne Rücksicht auf das Umfeld zu nehmen. Überraschenderweise wird von Heten, die Heteronormativität als Problem erkannt haben (und von sich selbst auch manchmal als Heten und nicht als Menschen sprechen können, z.B. weil sie überhaupt erst einmal wissen, dass sie Heten sind), in Fällen der Kritik an Konkretem meistens auf das Abstrakte verweisen: Strukturen. Da gibt es diesen bösen Staat, der macht, dass Schwule und Lesben nicht heiraten und nicht adoptieren dürfen (so eine Ungerechtigkeit!11!!1) und äääh ja Trans* und so diese Leute haben’s auch nicht einfach. Betroffenes Nicken.

Heten und ihr „LGBT*-Aktivismus“

Kritisiert wird von Heten oft nur das, was sie selbst für erstrebenswert erachten und anderen verwehrt wird: Heiraten und Kinder kriegen/großziehen/für sie sorgen/Familie haben, Vorstandsetagensessel, Ruhm. Insofern werden auch eifrig Gay Rights mitpropagiert, wird der Regenbogen gefeiert und manchmal empört getan, dass Lisa B. aus K. auf offener Straße zusammengeschlagen wurde, weil er_sie nicht ins Konzept passt von dem, was als Hetero gilt und damit in den Augen von passenden (im Sinne von: Passing/ durchgehen als…) Heten eine Gefahr darstellt. Wer sich als queere Person einreiht ins schöne Hetero-Leben mit den eigenen politischen Forderungen oder Betroffene_r von „wirklich schlimmer“ Diskriminierung ist, um ungefragt als Abziehbild ins Skandalös-Gutmensch-Hetero-Heftchen geklebt zu werden, hat vielleicht die Chance auf Solidarität. Alle anderen, die von Umverteilung (Geld, Zeit, Kapazitäten, politischen Prioritäten in aktivistischen Kämpfen) reden, naaaah…die müssma net anhörn. die tun wa extra. in dieses LGBT dings rein. und dafür hamm wa keene Zeit, weil wegen Vereinbarkeitsproblematik und so. Lieber noch ein bisschen rumjammern, dass das Thema feministische Mutterschaft immer so untergeht zwischen diesen kinderfeindlichen Queer_Feminist_innen, die alles dominieren. Und deshalb (jetzt erst recht!!!) als weiße, ableisierte, Mittelschichts-Hetera den 239. Blog einer weißen, ableisierten, Mittelschichts-Hetera lesen und verlinken, die von 50/50 (AS IF…) und rosa für Jungs plappert.

Kritik an Heteropraxen und Performances ist allerdings auch wegen einer anderen Sache nicht gern gesehene Gäst_in in hiesigen feministischen Debatten: In dieser Kritik würden auch Menschen mitgemeint werden, die sich nicht als Hetero definieren oder nicht als Hete gelesen werden, auch wenn sie sich so definieren. Damit würde die Hetero-Kritik Sexismus bzw. Bifeindlichkeit und Trans*diskriminierung reproduzieren. Um den Unmut über die Kritik zu äußern, die sich nicht an die eigene Person und die eigene Alltagspraxis zu richten haben darf, werden dann munter lesbenfeindliche, sexistische und derailende Behauptungen in die Diskussionsschale geworfen, die z.B. „Lesben sind Cis-Frauen, die auf Cis-Frauen stehen“, „Lesben hassen Menschen, die mit Männern(Sternchen) schlafen“, „Frauen(Sternchen) vorzuschreiben, wen sie lieben dürfen [AS IF… Anm. von mir], ist frauen(sternchen)feindlich“ oder kurz: „Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben?“ lauten.

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Tolerante Heten, weißer Terror und das Atomwaffenpotenzial von Trans* – die Blogschau

21. Februar 2015 von Nadine
Dieser Text ist Teil 272 von 295 der Serie Die Blogschau

Conservatory Girl hat einen Tipp für heiße Tage und aufgeriebene Oberschenkelinnenseiten.

„Als dicker/fetter Mensch braucht es viel Kraft und Mut Dickendiskriminierung, Dickenhass, Spott, Hohn und Ausgrenzung zu begegnen. Es braucht mehr Courage damit wir Dicken, das Leben mit Freude genießen können. Aber all dies braucht es nicht weil wir dick oder fett sind“, schreibt Melanie auf dem Blog der Arge Dicke Weiber.

Kulturelle Aneignung und rassistische Stereotype haben auch im Fasching oder Karneval Hochkonjunktur. Ringelmiez gibt eine Argumentationshilfe, warum nicht nur Eltern bei der Kostümwahl für ihre Kinder diskriminierungssensibel agieren sollten.

Der Zaunfink wendet sich an tolerante Heten, die sich zwar stets bemühen, letztlich doch an vielen entscheidenen Stellen scheitern mit ihrer Solidarität.

„Ich möchte Politiker*innen und Medienmacher*innen fragen: Was macht ihr gegen euren Terror, den ihr mit euren unreflektierten Reden und Beiträgen in diese Gesellschaften gesät habt? Wann fangt ihr an uns Rede und Antwort zu stehen?“ – Diaspora Reflektionen mit einem eindringlichen Beitrag über die rassistischen Morde der vergangenen Monate und den Rassismus der weißen Mehrheitsgesellschaft.

Trans* Personen seien wie nukleare Waffen, hatte Papst Franziskus neulich behauptet. Für Pussy Bear Anlass genug für einen Comic.

Hannah C. Rosenblatt schreibt über die Ungleichwertigkeit von Gefühlen, wenn es um die Wahrnehmung und Beschreibung von Gewalterfahrungen geht.

Musikerinnen des Teeny Music Treff
in Berlin haben einen Song geschrieben und ein Video dazu produziert.


Eine Gruppe von Queer_Trans*_Black_People_of_Color
(QTBPOC) plant für Juli 2015 ein dreitägiges Fest von und für QTBPOC und sucht noch Mitstreiter_innen.

Die trans*geniale f_antifa ruft zu einem Inter- und Trans*-Block auf der Demo zum Frauenkampftag in Berlin auf.

Das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung ruft zusammen mit der Frauenkampftag – AG sexuelle Selbstbestimmung, Berlin Irish Pro Choice Solidarity und Feminismos 15M Berlin für den 7. März zu einem bundesweiten Vorbereitungs- und Vernetzungstreffen auf. Es geht um die Vorbereitung der Gegenaktionen der christlichen Fundamentalisten und Abtreibungsgegner, die jährlich im September in Berlin aufmarschieren.

Habt ihr diese Woche was geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Jede Woche verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


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Heterosexualität verstehen like it’s 1998

30. Januar 2015 von Nadine

Ich hab letztens meine alten Tagebücher wiedergefunden und ein bisschen darin herumgeblättert. Manchmal random ein paar Einträge gelesen. Bei einem bin ich länger verweilt. Er ist von 1998. Es war kurz vor meinem 13. Geburtstag.

Ich war noch völlig mit der Vorstellung im Einklang, dass ich ein pubertierendes Mädchen bin, das früher oder später einen Typen toll finden muss. Dass da irgendwie nie welche waren, die mich interessiert hätten – who cares? Dass ich mit den Mädchen in meinem Alter nie wirklich wohl fühlte? Pfff…Schwamm drüber.

Und dann war da dieser Eintrag, der irgendwie alles erklärte, obwohl ich darin überhaupt nicht über mich oder mein Erleben schrieb. Nur über meine Beobachtungen. Ich kann über junge Menschen, die 2015 12 oder 13 Jahre alt sind wenig sagen, aber 1998 war es jedenfalls noch so, dass es in diesem Alter anfing, unangenehm zu werden, was den ganzen Hetenkram anging. Die “Iiiieh Jungs”-Phase neigte sich dem Ende zu, das eigene Aussehen (im Sinne von “Attraktivität”) und das anderer wurde permanent bewertet und zu regulieren versucht. Nicht für sich, sondern in erster Linie für die gleichaltrigen oder älteren Typen und im Treten nach unten mit vermeintlichen “Konkurentinnen” oder “Schwächeren/Uncoolen”. Wer in der basisdemokratischen stillschweigenden Mehrheit mit dem Label “cool” getackert wurde, galt als begehrenswert. Dieses “cool” orientierte sich zu “meiner Zeit” (hach…) an klassischen heterosexuellen und zweigegenderten Stereotypen. Slutshaming ging los und Femininitätsfeindlichkeit war genauso am Start wie Homophobie und sexistische Sprüche für diejenigen, die zwei-Gender-Normen durch ihre Performances verließen.

Zwar schrieben mir meine damaligen Mitschüler vier Jahre später nach dem Ende der 10. Klasse hauptsächlich die Kommentare “du siehst gut aus” und “du bist witzig” (LOL) auf mein Abschiedsplakat (jede_r musste bei jeder_m was auf’s Plakat schreiben), doch hatte ich bis dahin nur lächerliche kurzweilige Nicht_Beziehungen mit Jungs, die super unangenehm für beide waren und in die wir halt so reingequatscht wurden, damit der Schulhof-Gossip bei Laune bleibt.

Heterosexualität hat mir meine Beziehungen zu Typen schon frühzeitig versaut, muss ich zugeben. Bis dahin waren sie meine liebsten Spielgefährten, weil sie sich öfter für Dinge interessierten, die mich interessierten, weil ich als “Mädchen”, die auf “Jungskram” steht, anerkannt wurde und weil dieses zweigenderwerdenaneinandergekettet-fuckup einfach auch mal Welten trennt, die eigentlich locker miteinander ko- und in sich oder ganz anders existieren könnten. Als es zusehends um Sexualität und Begehren über ein nicht-sexualisiertes_romantisiertes Hingezogenfühlen hinausging, wurde es eigentlich unmöglich die zuvor lockeren und kumpeligen Beziehungen zu Typen aufrecht zu erhalten.

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Ohlauer, Nazi-Aufkleber und #AskThicke auf Twitter – kurz verlinkt

2. Juli 2014 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 247 von 344 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Links

Wie Ihr die Ohlauer-Aktionen unterstützen könnt, hat @Ohlauerinfo veröffentlicht: Spenden, Freiwillige für die Schichten am Infopoint etc. – Eure Hilfe wird jeden Tag (und jede Nacht) gebraucht.

Die Geschichte der Dortmunder Wahlparty im Rathaus, die von Rechtsextremen gestürmt werden wollte – und wie das Innenministerium nun herausgefunden haben will, dass die Politiker_innen dort einfach selbst randaliert hätten: Nachzulesen hier.

Interessant: Nazi-Aufkleber in Polizeiwagen sind nicht strafbar.

Der Kölner Bombenanschlag 2001 auf ein Lebensmittelgeschäft wirft immer neue Fragen auf: War ein Kölner Neo-Nazi bei der Tat involviert?

Warum nicht nur der Vorfall des durch rassistische Äußerungen in den Schlagzeilen gelandete Mitarbeiters des BAMF, sondern die Behörde insgesamt problematisch ist, darüber schrieb Petra Szablewski-Çavuş im Migazin.

Englischsprachige Links

The Belle Jar schrieb schrieb über Robin Thicke und sexuelle Gewalt (Triggerwarnung), und das Bitch Magazine feiert eine Twitter-Aktion, die eigentlich der Promotion für Thickes neues Album dienen sollte, letztlich aber dazu führte, dass Thicke(s Promo-Team) sich mit einer Menge unangenehmer Fragen konfrontiert sah.

Auf Black Girl Dangerous erschien nochmal ein sehr guter Text der nigerianischen Autorin Chekwube O. Danladi zu den entführten nigerianischen Mädchen und Frauen.

Infos und Kommentare zu einer ganzen Reihe an problematischen Entscheidungen des obersten Verfassungsgerichts in den USA bezüglich reproduktiver Rechte findet Ihr auf thinkprogress und bei Mother Jones, und zwar hier und hier und hier. Ebenfalls bei Mother Jones: ein Bericht, wie ausgerechnet die Ladenkette Hobby Lobby Geld in Firmen investiert, die Verhütungsmittel produzieren…

Die ägyptische Feministin Yara Sallam wurde verhaftet.

Die Historikerin und Autorin Hanne Blank hat ein Buch über die Erfindung der Heterosexualität geschrieben und zeigt, dass diese ein ziemlich neues Konzept ist. Salon hat mit der Autorin ein Interview dazu geführt.

Termine in Hamburg und Leipzig: (mehr …)


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Hat jemand „Knutschverbot“ gesagt?! – Critical Hetness 101

8. April 2013 von Anna-Sarah

Im folgenden Text wird viel von Hetero-Pärchen die Rede sein. Paar heißt in diesem Fall: zwei Menschen, die in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten mit einander austauschen.  Es geht um Menschen, die in der Regel jeweils als weiblich und männlich gelesen werden und sich selbst auch so verorten, und von denen widerum vor allem um jene, die keine Sanktionen und kein Othering erfahren, wenn sie sich außerhalb des eigenen Privatbereichs als Paar zeigen. Dass diese Menschen individuelle Geschichten haben können, in denen (nicht nur gegendertes, sondern z.B auch rassifiziertes) Gelesenwerden, Passing und Selbstverortung keine unhinterfragten Selbstverständlichkeiten darstellen, bleibt bei einer solchen Einordnung schwierigerweise außen vor. Der Widerspruch, dass für individuelle Personen angesichts eigener biografischer Erfahrungen das öffentliche Paar-Sein ein Akt des widerständigen Empowerments sein kann, nach außen aber trotzdem auch oder vor allem als normbestätigend wirkt, lässt sich wohl unter den gegebenen Bedingungen nicht auflösen.

Die Perspektive, mit der ich selbst mich auskenne und von der aus dieser Text geschrieben ist, ist allerdings die einer Person, die es zeitlebens ganz überwiegend als selbstverständlich erlebt hat, ihr Begehren auch in die Öffentlichkeit tragen zu können, ohne dass darauf  über den üblichen Sexismus hinaus merkbar reagiert würde – weder mit spezieller Neugier, die sich in distanzlos-übergriffigem „Interesse“ äußert, noch mit Kommentaren (seien sie abwertend oder vermeintlich anerkennend), noch mit verbalen oder körperlichen Angriffen. Dieses default setting gilt hierzulande für viele Menschen. An diese, an euch, richtet sich dieser Text.

Nachdem ich begonnen hatte ihn zu schreiben, stieß ich auf diesen Blogeintrag und musste feststellen, dass der Titel, den ich für meinen Text spontan ersonnen hatte, quasi 1:1 schonmal da war und der  Begriff  „Critical Hetness“, eine augenzwinkernde Anspielung an Critical Whiteness, offensichtlich nicht erst in einer informellen Konversation zwischen Mädchenmannschafstsautorinnen das Licht der Welt erblickt hat. Ich lass das jetzt aber so, weil ich die Begrifflichkeiten einfach passend finde, und danke Sanczny für die uns beiden unbewusste Inspiration :)

Die eigene Praxis zu reflektieren und gar zu ändern ist immer schwieriger als abstrakt „gegen Sexismus“ oder „gegen Homophobie“ zu sein – geschenkt. Wie schwer es auch innerhalb von Zusammenhängen ist, die sich selbst als progressiv, „links“, als explizit anti*istisch verorten, wurde kürzlich wieder anhand der neu entflammten Online-Debatte um fiktive „Knutschverbote“ deutlich. (Ob und wie in anderen Zusammenhängen darüber gesprochen wird, ist mir erstmal egal, da diese Kontexte für mich keinen Bezugsrahmen darstellen.)

Was war los? In verschiedenen Blogposts und Twitterkommentaren hatten vor allem Menschen, die nicht hetero begehren und_oder leben  – nein, keine Knutschverbote verhängt. Wie könnten sie das auch tun, wie sollten sie ein solches Verbot gar durchsetzen [CW: rassistische Begriffe ausgeschrieben]? Nein, um Verbote ging es nie, und etwas nicht toll zu finden ist nicht das gleiche wie etwas zu verbieten: Sie haben sich darüber geäußert, dass das Unterlassen von Hetero-Pärchenperformances ein solidarischer Akt sein kann.  Zur Paar-Performance gehören jene Handlungen, die – auch unbewusst, ganz unbeabsichtigt und nebenbei – dafür sorgen, dass bei anderen der Eindruck „Aha, ein Pärchen“ entsteht, also Küssen, Händchenhalten u.ä., egal wie gut die Beteiligten einander kennen oder ob und wie sie eine Beziehung zwischen sich definieren.

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Grrrl Musik, ein Fischereiverein und heteronormative Lehrbücher – kurz notiert

2. Mai 2012 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 157 von 344 der Serie Kurz notiert

Im Freitag schreibt Ulrike Baureithel über Rollenbilder und Heteronormativität in Lehrbüchern.

Ich musste kurz checken, ob folgende Nachricht wirklich von diesem Jahr ist (und nicht aus dem letzten Jahrhundert), aber es ist wirklich wahr: Der Fischerei­verein Prüfening aus Regensburg beteiligte sich nicht am traditions­reichen Maibaumaufstellen, weil erst­malig Frauen an der Ver­anstaltung teil­nehmen sollten. Ohne Worte.

Yippie, der dritte Riot Grrrl Sampler ist nun zum Downloaden verfügbar! Und: Wer eine Liste mit Frauen- und Grrrlbands sucht, wird auf grrrlish fündig – ideal für Veranstalter_innen, die nicht immer nur Typen auf der Bühne haben wollen.

Leider immer noch schlechte Nachrichten aus Russland: Die Musikerinnen von Pussy Riot sind noch immer in Haft. Nun setzt sich auch Amnesty International für deren Freilassung ein und veröffentlichte Adressen von russischen Behörden, an die ihr eure Protestbriefe schreiben könnt.

Eine neue Folge aus der beliebten Reihe „Wie werden Geschlechter konstruiert“. Cracked.com hat fünf Geschlechterstereotype gesammelt, die vor nicht allzu kurzer Zeit noch völlig anders bewertet wurden – oder gar nicht existierten. Wie Hetero­sexualität erfunden wurde, hat gerade erst Salon.com ausführlich beleuchtet.

Ein Interview mit der US-amerikanischen feministischen und anti­rassistischen Professorin bell hooks über Intersektionalität findet ihr auf anarchylibrary.

Eigentlich liegt das Heirats-Mindestalter in Indien bereits seit 1929 bei 18 Jahren für Mädchen und 21 für Jungen. Dennoch sind Kinder­hochzeiten in einigen Teilen weiter üblich. Den Betroffenen können die Ehe allerdings annullieren lassen – was jetzt erstmals passiert sei, so Jezebel.

Um die Ehegesetze in Indien geht es auch bei der New York Times, allerdings um das Personal­statutgesetz, dass für Muslim_innen gilt. Seit über zehn Jahren versuchen Frauen­rechts­organisationen, das Gesetz zu reformieren – leider bisher noch ohne Erfolg.

Bei Autostraddle gibt es 19 Tips zum Umgang mit transgender Kids. Gleich den ersten sollten sich Eltern überall zu Herzen nehmen: Zeigen, dass Trans­menschen existieren und ganz normal sind.

Und im Guardian gab es vor einiger Zeit einen ausführlichen Artikel über Asexualität.

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Nur Konsens ist Sex

14. Dezember 2011 von Gastautor_in

Leonie Kapfer, 25, hat in Wien Ernährungswissenschaften studiert und arbeitet beim feministischen Monatsmagazin an.schläge als Redakteurin. Dabei recherchiert sie gerade für die nächste Ausgabe der an.schläge über die wundervolle Welt der Orgasmen und findet Feminist_innen sollten sich endlich wieder mehr mit dem Thema Sex auseinandersetzen. Für die an.schläge schrieb sie auch den Text: „Nur Konsens ist Sex„, den sie uns als Gastbeitrag zur Verfügung stellt.

Was ist eigentlich los mit dem heterosexuellen Geschlechtsverkehr? Wie kann es sein, dass Männer wie Strauss-Kahn, Assange und Kachelmann denken, sie hätten einvernehmlichen Sex, obwohl ihr Gegenüber das ganz anders sieht? Wer eine Antwort auf diese Frage will, muss sich genauer mit dem Konzept „Konsens“ beschäftigen.

Unsere heutige Idee von einvernehmlichem Sex beinhaltet einzig die Abwesenheit eines Neins. Wer nicht Nein sagt, meint Ja. Schweigen wird so ungewollt zur Zustimmung. In dieser Vorstellung existieren aber zahlreiche Grauzonen. Was tun, wenn ein/e SexualpartnerIn nicht in der Lage ist, ein Nein zu formulieren? Sei es, dass sie unter Drogeneinfluss steht oder andere Umstände eine verbale Kommunikation verhindern.

Was bloßes „Nein heißt Nein“ in der Praxis bedeutet, zeigt etwa ein erschütternder Fall in Paderborn. Dort hat ein 48-jähriger Mann über Jahre hinweg eine psychisch kranke Frau vergewaltigt. Der Richter sprach den Mann jedoch frei, da sein Opfer keinen Widerstand geleistet hatte.

So wichtig der Slogan „Nein heißt Nein“ auch war und ist – um wirklich konsensuellen Sex zu haben, bedarf es mehr. „Bevor ich wusste, was passiert, war er in mir. Kein Vorspiel, keine Warnung, kein Konsens. Es tat weh und weher, und es hörte auch nicht auf zu schmerzen, und selbst heute tut es noch weh, wenn ich daran denke, dass ich damals zu schüchtern und zu verstört war, um Nein zu sagen.“ So beschreibt US-Comedian Margaret Cho ihr erstes Mal. Ein Einzelfall ist diese Geschichte mit Sicherheit nicht. Grenzüberschreitungen dieser Art passieren immer wieder, und die Schuld wird letztlich den Frauen gegeben, denn sie hätten ja Nein sagen können. Unsere angebliche sexuelle Befreiung ist auf ein Nein zusammengeschrumpft.

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Glitzer, Elterngeld und Minijobs: Blogschau zum Wochenende

19. November 2011 von Nicole
Dieser Text ist Teil 139 von 295 der Serie Die Blogschau


Auf dass die Lektüre der Blogschau euch den (wahrscheinlich ja) trüben Novembertag etwas aufhellen möge:

Bei Miss Tilly liefert Bärbel Kerber Gedanken und Zahlenlinks zu den Effekten des Elterngelds auf Gleichberechtigung.

Bei infemme geht’s noch mal ums Elternbashing oder vielmehr dagegen weil sinnlos: „Arschlöcher gibt es nun mal in jeder Gruppierung, unter Eltern ebenso wie unter BademeisterInnen oder Menschen mit Sommersprossen.“

Lantzschi verlinkt bei Medienelite einen gemeinsamen Podcast mit Leah, Teil eins einer geplanten Reihe über Heterosexualität.

Für den Streit-wert-Blog der Böll-Stiftung schreibt Malathi de Alwis über internationale/transnationale feministische Bündnisse.

„Mini-Jobs abschaffen“ weil „Karrierefalle“ – ein Juso-Plädoyer dazu gibt’s beim Rheinsalon.

Die Missys stellen die neue Gastbloggerin vor – es sind gleich viele, nämlich 30 Studierende der Uni Münster, die im Rahmen eines von der Missy-Redaktion geleiteten Workshops zu „Gendersensiblem journalistischem Schreiben“ bloggen werden. Einige Texte sind schon online.

Urmila verlinkt bei andersdeutsch ein Interview mit einem FDP-Mann zu „Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben … bei männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ – die Gedanken dazu stehen dann im Kommentar, nämlich warum das eine nutzlose kategorie ist (also „männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund“, nicht „FDP-Mann“)

Ninia LaGrande wünscht sich Glitzer im Gesicht, aber wie ist es mit dem Älterwerden? Und der Rente? Schwierige Fragen.

Und dann hätten wir noch einen Termin:
Die Heinrich-Böll-Stiftung Hessen macht ihren 9. Ladies Lunch on tour – FOR WOMEN ONLY in Frankfurt am Main. Das Thema: „BARBIE, BITCH ODER SCHLAMPE ? Sexualität, Sexualisierung und Sexismus im öffentlichen Diskurs“. Eingeladen sind Clara Licht und Rosa Plüsch von der SlutWalk-Gruppe Frankfurt, Andrea Roedig, Philosophin, Autorin und Journalistin aus Wien und Ariadne von Schirach, Philosophin, Autorin und Journalistin aus Berlin.
Wann: Freitag, 2. Dezember 2011, 19.00 Uhr im Atelier Frankfurt, Hohenstaufenstr. 13–25, 60327 Frankfurt am Main (Nähe Platz der Republik), Anmeldungen/Infos (bitte bis zum 28.11.2011): Heinrich-Böll-Stiftung Hessen , Tel.: 069/23 10 90. E-Mail: krannich@hbs-hessen.de


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Hetero-Outing im Fußball

31. Oktober 2011 von Nicole


Philipp Lahm hat‘s getan und jetzt auch Arne Friedrich: Prominente Fußballer outen sich als heterosexuell. Genau genommen tun sie das ja die ganze Zeit: mit jedem Kuss auf den Ring („Ich bin verheiratet und liebe meine Frau.“) oder jeder Wiegegeste („Ich bin Papa.“) beim Torjubel, jedem Bild vom Oktoberfest mit Freundin im Dirndl oder bei den Einblendungen von Spielerfrauen auf den Tribünen. Aber das wird nicht als heterosexuelles Outing wahrgenommen, es ist ja schließlich die „Normalität“ (wie schon kürzlich hier geschildert). Die aktuellen Hetero-Outings der Fußball klingen hingegen so: „Ich bin nicht schwul.“ oder, im Fall von Arne Friedrich: „Mein Freund ist nicht schwul.“

Begleitet werden diese Statements immer von einem grundsätzlichen Bekenntnis zu Toleranz und Weltoffenheit, dennoch hinterlassen sie einen äußerst schalen Beigeschmack – klar ist es okay, wenn andere homosexuell sind, ich kenne zwar keine, und ich bin’s NICHT. Die Ambivalenz dieser Art von Toleranz lässt sich gut ablesen an zwei kurz aufeinanderfolgenden Sätzen aus dem „offenen Brief“ von Arne Friedrichs langjähriger Freundin Linn Rödenbeck:

„Was ich als am Schlimmsten empfinde, ist die Art und Weise, in der über das Thema gesprochen wird.  Es stellt Homosexualität als etwas Widernatürliches oder Schlechtes dar. […] Natürlich ist es anstrengend, immer wieder zu beteuern, dass der eigene Partner auch wirklich nicht schwul ist.“

Einen schönen Text dazu, der dem schalen Beigeschmack eine ironische Note gibt, könnt ihr bei Lizas Welt lesen. Hier wird gefordert: Schluss mit dem „was die Genderforschung ‚Homonormativität‘ nennt“. Die Heteros gehen endlich in die Offensive!  (Anmerkung der Redaktion/Triggerwarnung: Die Autorin hat auf einen Text verlinkt, der thematisch zu diesem Beitrag hier gut passt, wir möchten jedoch darauf hinweisen, dass das verlinkte Blog sowohl bei unserer Leser_innenschaft – siehe Kommentarthread zu diesem Text –  als auch redaktionsintern umstritten ist.)


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Wann hast du dich dafür entschieden, hetero zu sein?

14. Oktober 2011 von Magda

Gerade die vermeintlich harmlosen Fragen sind die, hinter denen sich die fiese Heteronormativität versteckt und erst sichtbar wird, wenn mensch ein wenig um die Ecke denkt. Paradebeispiel dafür ist die Frage: „Wann wusstest du, dass du lesbisch oder schwul bist?“ oder wahlweise „Wann hast du dich dafür entschieden, homosexuell zu sein?“ – Fragen, die all diejenigen ziemlich oft hören, die nicht (mehr) in Hetero-Beziehungen leben.

Zugegeben: Oberflächlich betrachtet wirken die Fragen erst einmal wenig verdächtig, aber es verbirgt sich eine ganze Menge in ihnen: Zum einen wird Heterosexualität als das „Normale“ gekennzeichnet und so als Norm bestätigt. Homosexualität hingegen wird implizit als Abweichung markiert, für die mensch sich angeblich entscheidet. Auch der Fakt, dass hier immer eine Wahl stattgefunden haben soll, lässt aufhorchen: Wählen Menschen, wen sie begehren? Und: Trifft das dann nur auf Lesben, Schwule und Bisexuelle zu?

Ein tolles Video von Chris Baker und Travis Nuckolls, das im US-amerikanischen Colorado Springs aufgenommen wurde, dreht den Spieß um. Die Interviewer fragen erst, ob die Befragten glauben, dass Homosexualität eine Wahl sei und stellen dann die alles entscheidende Frage: „Wann haben Sie sich eigentlich dazu entschieden hetero zu sein?“

Neben vielen biologistischen Erklärungsversuchen oder solchen, die Homosexualität als „life style“ verorten, kommt beim Thema Heterosexualität eher größere Verwirrung auf: Es wirkt so, als mussten sich die Befragten noch nie Gedanken um ihre eigene Sexualität machen. Der Fokus liegt zur Abwechslung mal nicht auf „der Homosexualität“ und „den Homosexuellen“, sondern auf heterosexuellem Begehren. Die Verwirrung wundert nicht: Heterosexualität wird ja auch nicht ständig mit Theorien belegt. Das Video stellt da einen interessanten Perspektivwechsel dar.


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