Gewalt in der Partnerschaft? Gibt es – wenn Männer ihre Frauen schlagen. Aber auch das gibt es: Frauen sind gegenüber ihren Männern gewalttätig. Darüber berichtete eine einstündige Sendung im Hessischen Rundfunk (danke an Paula für den Link), als Podcast zum Nachhören angeboten. In der Sendung kommen verschiedene Männer zu Wort, die von ihren Frauen geschlagen werden, mit Kaffee übergossen oder mit dem Dampfbügeleisen bedroht. Internationale Studien werden genannt, die belegen, dass Männer durchaus Gewalt ausgesetzt sind – Gewalt, die von ihren Partnerinnen ausgeht. Vor ein paar Wochen schon erklärte der Soziologie-Professor Gerhard Amendt in der Welt, warum seiner Meinung nach Frauenhäuser abgeschafft gehören. Sie seien für ihn ein Hort des Männerhasses. Und böten keinen Ausweg aus der Gewalt:
Wir brauchen keine Frauenhäuser mehr. Wir brauchen auch keine für geschlagene Männer, von denen es eh kein einziges gibt. Was wir dringend brauchen ist, ist ein Netz von Beratungsstellen für Familien mit Gewaltproblemen. Denn Gewalt in Familien hat systemischen Charakter. Wenn eine Frau ihren Mann und ein Mann seine Frau schlägt, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie auch ihre Kinder schlagen. Und geschlagene Kinder, Jungen wie Mädchen, haben eine erhöhte Wahrscheinlichkeit als Erwachsene ihre Kinder oder ihren Partner wiederum zu schlagen.
Dass Gewalt Gewalt nach sich zieht, ist klar. Und dass Gewalt in der Familie nicht nur die Familie betrifft, sondern die ganze Gesellschaft, die an den Folgen zu leiden hat, aber auch an ihren Ursachen beteiligt ist, ist ebenso klar. Doch dass in Sachen Gewalt Gleichberechtigung herrschen soll, ist erschreckend. Und für mich auch schwer zu glauben. Einerseits wird ein Mann, der geschlagen wird, in den meisten Fällen nur als “unterm Pantoffel” stehend belächelt, geholfen wird ihm aber nicht. Noch weniger erfährt er Unterstützung als die Frauen, die vor ihren Partnern fliehen, eben zum Beispiel in ein Frauenhaus. Das heißt, Gewalt gegen Männern von Frauen passiert zumeist ohne dass jemand Unbeteiligtes davon erfährt. Denn neben allen anderen Demütigungen und Verletzungen ist es für den Mann auch immens demütigend, dass er, Stellvertreter des vermeintlichen starken Geschlechts, unterlegen ist.
Eine der Studien, die Gerhard Amendt nennt, belegt, dass besonders Frauen, die sich in Scheidung befinden, ihren Partnern, die ja dann fast schon ihre Ex-Partner sind, Gewalt zufügen. Vielleicht kann man das als Entladung sehen, als Reaktion auf eine schlechte Partnerschaft, aber auch als Reaktion auf eine Machtlosigkeit innerhalb einer patriarchalen, nicht gleichberechtigten Gesellschaft. Das Bild einer südländischen Frau, die ihrem Mann mit dem Nudelholz nachläuft, nachdem sie ihn in flagranti mit einer anderen Frau erwischt hat, schiebt sich vor mein geistiges Auge. Womit ich keinesfalls sagen möchte, dass die Männer schuld daran sind, wenn sie von ihren Frauen geschlagen werden, oder es gar verdient hätten. Keinesfalls. Die Situation ist natürlich viel komplexer, und gerade die Machtverhältnisse der Geschlechter haben dabei viel Einfluss. Je gleichberechtigter eine Partnerschaft, desto gewaltloser wird sie sein, da Konflikte dann gleichberechtigt ausgetragen werden können und somit ohne Gewalt.
Frauen, die sich ihren Männern gegenüber gewalttätig zeigen, sind ein gesellschaftliches Tabu, ein noch größeres als das hinsichtlich der Debatte zu häuslicher Gewalt von Männern gegen Frauen, was bis zu einem bestimmten Grad von vielen hingenommen, toleriert oder gar akzeptiert wird. Hier braucht es nicht nur Beratungsstellen, sondern in der Tat ein gesellschaftliches Umdenken. Doch bedeutet das die Einrichtung von Männerhäusern? Ist die Schaffung von Zufluchtsorten für beide Geschlechter eine Lösung? Dass Männer vor ihren Frauen geschützt werden und Frauen vor ihren Männern? Und daran anknüpfend Kinder vor ihren Eltern und Eltern vor ihren Kindern?
Ich denke, dass das am Ende doch der Weg in die falsche Richtung ist. Natürlich benötigt es Hilfe vonseiten der Gesellschaft, die oftmals dort beginnt, wo ein Ort ist, wo der oder die nach der erfahrenen Gewalt Schutz, Trost und Rat findet. Doch unsere Gesellschaft braucht dringend eine Gewalt-Beratung, unabhängig von Konfession oder Politik. Gewalt muss enttabuisiert werden. Und entidolisiert. Ein Mann, der seine Frau und seine Kinder mit der Faust regiert, ist kein vorbildhafter Familienvater. Eine Frau, die ihrem Mann mit dem Nudelholz nachläuft, ist keine vorbildhafte starke Frau. Der Gewalt, die im Fernsehen, im Kino, im Internet und vielleicht auf der Straße zu sehen ist, darf kein Weg gezeigt werden, sich in die Partnerschaften und Familien einzuschleichen. Und dort verbrannte Erde zu hinterlassen.