Einträge mit dem Tag ‘Gesundheit’


„Du siehst aber gar nicht krank aus!“ ist KEIN Kompliment

9. August 2017 von Charlott

Würde ich diesen Text jetzt schreiben, wenn ich in allen Situationen, in denen ich „Du siehst aber gar nicht krank aus!“ oder ähnliche Sätze gehört habe, (für mich) angemessen reagiert hätte? Wahrscheinlich nicht. Und ihr fragt euch vielleicht – nach der Frage, was denn so schlimm an diesen Satz ist, er ist doch nett gemeint – warum ich nicht direkt in den Situationen reagiert habe. Ja, die Sache ist die, dieser und verwandte Sätze (oft bleibt es nicht bei einem und es kommen Sätze zwischen Aufmunterung und Bewunderung dazu) sind meistens sehr nett gemeint und auch wenn es im Internet schnell anders wirkt, so bin ich doch meist ein quasi freundlicher ™ Mensch. Da sitze/ stehe ich dann und nicke und lächele.

Ich käme natürlich seltener überhaupt in die Situation solche Sätze zu hören, wenn ich nicht immer wieder über chronische Krankheiten und Schmerzen sprechen würde. Ich mache das sehr gezielt, unter anderem um Menschen daran zu erinnern, dass Lebensrealitäten (und Körper) komplex sind und um an der angenommenen Realität zu kratzen, dass alle Menschen um eine_n herum super fit und gesund sind – außer es gibt ganz starke klare Marker, die das Gegenteil verkünden. Dafür halte ich keine langen Vorträge, sondern erwähne ab und an Dinge aus meinem Leben. Dieses Sprechen ist ein Balanceakt auf einem sehr, sehr dünnen Seil (über einem ziemlichen hohen Abrund, um die etwas faule Metapher wenigstens auszuschlachten). Sonya Huber beschreibt in einem ihrer Essays in Pain Woman Takes Your Keys. And Other Essays From a Nervous System (das Buch habe ich vor hier besprochen) wie sie von einem Bekannten auf ihre Facebook-Posts zu Schmerzen/ Krankheit angesprochen wird, die er als das wahrnahm, was sie die ganze Zeit quasi postet. Vollkommen irritiert – da sie aktiv versucht nicht so viel dazu zu posten um die gesellschaftlichen Konsequenzen wissend – geht sie nach Hause und checkt ihr letztes Jahr auf Facebook, nur um festzustellen, dass sie vielleicht vier Mal etwas zum Thema geschrieben hatte.

Häufig scheint es mir als gebe es nur zwei Möglichkeiten: entweder nehmen andere dich wahr als DIE Krankheit, du hast nicht nur Krankheiten, du bist diese (und konsequenterweise bist du nur noch wenig anderes), oder aber – gerade auch wenn du mehr und mehr schweigst und andere Faktoren das ermöglichen – vergessen Menschen schnell wieder, dass wenn du chronisch erkrankt bist und du vor drei Wochen krank warst, du es auch in sieben Monaten noch sein wirst. Für Nicht-Betroffene scheint letzteres das bessere Ergebnis zu sein. Doch in der gelebten Realität bedeutet das auch sich ständig fragen zu müssen, ob Menschen gleich irritiert reagieren werden, wenn man darauf hinweist aus Krankheitsgründen bestimmte Dinge gerade beispielsweise nicht machen zu können, oder für etwas Unterstützung zu benötigen (obwohl man das doch schon einmal vor vier Monaten eingefordert hat! Ist nicht mal irgendwann gut!?).

Ich kann chic angezogen sein. Bei einer Filmpremiere. Und es sagt nicht viel über meinen Gesundheitsstatus.

Es gibt so unterschiedliche Gründe, warum eine Person, die eine oder mehrere chronische Krankheiten hat, nicht krank aussieht. Der einschlägigste Grund ist natürlich, dass wir nur sehr begrenzte Bilder davon haben, wie kranke Menschen aussehen. Davon abgesehen gibt es viele Symptome, die nicht direkt als solche sichtbar sind und das macht es auch häufig schwer Verständnis für diese zu bekommen. Elaine Scarry schreibt in ihrem Buch The Body in Pain über Schmerzen (nicht nur als Ergebnis von Krankheiten sondern allgemein) und stellt fest, dass Schmerz, für die Person, die ihn erfährt, die realste Erfahrung ist, für die Person, die nur vom Schmerz erzählt wird, die irrealste, unfassbare. Denn selbst wenn es eine Wunde als Ursache des Schmerzes gibt, so sieht man die Wunde, aber nicht den Schmerz an sich. Und wenn es dann nicht einmal eine Wunde gibt… Ein anderes (teils) nicht direkt sichtbares Symptom wäre Erschöpfung und Müdigkeit. Ich persönlich kann beides bis zu einem bestimmt Grad übergehen/ überspielen – mit dem Wissen mit großer Wahrscheinlichkeit später (am Tag/ in der Woche) Konsequenzen davon zu tragen, aber diese sehen dann die Personen, die mich munter, fit und voller Elan erlebt haben, ja nicht.

Als kranke Person Auswirkungen der eigenen Krankheiten zu übertünchen oder Dinge zu tun, die dazu führen, dass eine_r als weniger/ nicht krank wahrgenommen hat, kann verschiedene Motivationen haben: Nicht ausschließlich als DIE_DER Kranke wahrgenommen zu werden (da dies in unserer ableistischen Gesellschaft keine sehr flexible und voll ausgestattete Subjektposition ist). Aus Angst als nicht produktiv (genug) gesehen zu werden – was ja durchaus sehr negative finanzielle, berufliche, soziale Auswirkungen haben kann (Hallo, kapitalistische Verwertungslogiken!). Weil es nicht sonderlich viel Spaß macht krank zu sein und man das auch gern mal vergessen möchte. Wenn man sich an einem Tag nicht besonders gut fühlt, kann es (für einige/ manchmal) sich gut anfühlen sich besonders nett anzuziehen/ herzurichten.

„Du siehst aber gar nicht krank aus!“ ist kein Kompliment, weil ungesagt mitschwingt „und das ist etwas Gutes“.
„Du siehst aber gar nicht krank aus!“ ist kein Kompliment, weil es lobt, dass du es geschafft hast dich in eine Norm zu pressen.
„Du siehst aber gar nicht krank aus!“ ist kein Kompliment, weil es gar nicht den Preis kennen möchte, den du dafür zahlst um in die Norm zu passen.
„Du siehst aber gar nicht krank aus!“ ist kein Kompliment, weil es unter Umständen Anstrengungen lobt, die du nicht einmal freiwillig auf dich genommen hast.
„Du siehst aber gar nicht krank aus!“ ist kein Kompliment, weil es so sehr an Lebensrealitäten vorbei geht.
„Du siehst aber gar nicht krank aus!“ ist kein Kompliment, weil es viel mehr über die aussprechende Person sagt als über die adressierte Person.
„Du siehst aber gar nicht krank aus!“ ist kein Kompliment, weil es dich oft mit dem Gefühl hängen lässt, dafür gelobt worden zu sein, nicht negativ aufzufallen.
„Du siehst aber gar nicht krank aus!“ ist kein Kompliment, weil es die Frage in den Raum wirft, was eigentlich mit Personen ist, die krank sind und krank ™ aussehen. Und auf diese Frage keine guten Antworten findet.

Uns (und da nehme ich mich gern mit ein) fällt es nicht leicht mit kranken Menschen umzugehen. Das Ideal unserer Gesellschaft ist Gesundheit. Bevor wir geboren werden heißt es „Hauptsache gesund!“ (obwohl das natürlich auch meist eine Lüge ist). Und jedes Jahr werden werden wir am Geburtstag erinnert mit „Alles Gute, aber vor allem auch ganz viel Gesundheit“ – oder aber auch bei jedem Niesen. Gesundheit!* Einerseits ist das verständlich: krank sein ist nicht toll. Wir wünschen anderen Personen nicht, dass sie krank werden. Doch trotz dieses Wunsches muss es Umgänge damit geben, dass es immer Menschen gibt, die krank sind – und vor allem auch damit, dass es Menschen gibt, die immer krank sind (wobei dieses sehr unterschiedlich aussehen kann). Ein guter Anfang wäre es sich immer wieder selbst zu hinterfragen, wo wir gesunde Körper als positive, unter allen Umständen anzustrebende Norm (voraus)setzen. Z.B. in so scheinbar harmlosen Aussagen wie „Du siehst aber gar nicht krank aus!“ (oder anderen).

*(Kleiner Exkurs: Mein „Gesundheit!“-Ruf-Reflex ist sehr stark ausgeprägt. Ich bin manchmal froh in einem Kontext zu arbeiten, wo (aufgrund der Sprache) „Bless you!“ die Standardreaktion ist. Nur ist die Frage, ob es heuchlerischer ist als kranke Person ständig passiv-aggressiv Gesundheit zu rufen, oder als nicht-religiöse Person Leute zu segnen/ preisen. Ich weiß, Schweigen wäre auch eine Möglichkeit. Ich arbeite dran.)


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Schmerzensfrau. Vom Leben mit chronischen Schmerzen.

18. Juli 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 129 von 130 der Serie Die Feministische Bibliothek

„So, jetzt sagen Sie mal, wie würden Sie Ihren Schmerz kategorisieren auf einer Skala von 1 bis 10?“ Häufig, wenn ich diese Frage gestellt bekommen habe, war mein erster Gedanke: „Was soll meine Aussage bringen, wenn ich nicht einmal regelmäßig gefragt werde und es wenigstens einen Verlauf zu dokumentieren gebe?“. In anderen Situationen aber war der Schmerz so groß, dass ich zu elaborierten Gedanken nicht mehr fähig war und irgendeine Zahl, die sich für mich in diesem Moment richtig anfühlte, genannt habe. Das erwies sich auch selten als richtig, denn kaum jemals wurde meine Zahl unkommentiert aufgenommen. Beispiel: Ich liege im Krankenwagen, nachdem ich in einem Zug vor Schmerzen fast zusammengebrochen bin. Ich kann gerade seit etwa einer Minute wieder Worte formulieren, der Schmerz klingt also etwas ab. Ich sage eine relativ hohe Zahl. Der Sanitäter lacht etwas: „Naja, das ist eine Zahl, die Frauen bei der Geburt nennen.“

In ihrem Buch Pain Woman Takes Your Keys. And Other Essays From a Nervous System (University of Nebraska, 2017) schreibt Sonya Huber über das Leben mit chronischen Schmerzen und chronischen Krankheiten. Sie analysiert wie gerade frausierte Personen hinsichtlich von Schmerz nicht ernst genommen werden, das eigene Verhältnis zum schmerzenden (versagenden?) Körper, die Unterbehandlung von chronischen Schmerzpatient_in, die ewigen gut gemeinten Tipps (Hast du schon einmal Yoga probiert?), Sex oder die Abwesenheit von Sex, Schmerz-Selfies und eben auch unzureichende Schmerzskalen. Für letztere bietet Huber eine wunderbare Alternativskala an, die so perfekte Kategorien umfasst wie „2. Ich bin beschäfftigt-beschäfftigt-beschäfftigt, denn wenn ich mich schnell genug bewege, dann holt mich der Schmerz nicht ein! Und jetzt bin ich in Bewegung, aber sobald ich anhalte, wird die Couch mich wie ein Magnet anziehen.“*, „7. Fass mich verdammt noch mal nicht an.“ und den Abstufungen von ich kann nicht mehr lesen, über ich kann nicht mehr TV sehen zu ich kann keine Handyspiele mehr spielen. Selten habe ich mich in einem Text so wiedererkannt.

Huber wechselt zwischen unterschiedlichen Schreibstylen, mal sehr poetisch, häufig humorvoll, klar analysierend, mäandernd, Alltagsbeschreibungen, öffentliche Briefe, Listen. Viele der einzelnen Texte sind relativ kurz (was gerade, wenn man selbst beispielsweise Schmerzen erlebt, super ist). Insgesamt hat das Buch nur knap 180 Seiten, doch schafft es Huber diese prall zu füllen und viele unterschiedliche Ebenen anzureißen, von Kritiken am Gesundheitssystem (hier natürlich mit besonderem Fokus auf die USA), zu Annäherungen, was Schmerz eigentlich ist/ bedeutet/ macht, Blicke auf Diskurse rund um Krankheit/Gesundheit (zB zum Thema Dankbarkeit) und Analysen alltäglicher Situationen. Huber gibt Einblicke, was es für sie bedeutet mit chronischen Schmerzen/ Krankheiten lohnzuarbeiten und Mutter zu sein. Sie spricht offen über Versagensängste und Gedankenspiralen zu Produktivität, aus denen nur schwer ein Entkommen möglich ist.

In einem ihrer Essays schreibt Huber: „Schmerzensfrau hat dir Zeugs zu erzählen und sie hat nur eine Minute Zeit bevor sie dazu zu müde ist. Schmerzensfrau weiß Dinge“. Es lohnt sich Schmerzenfrau(en) zuzuhören. Als Person, die teilweise Diagnosen mit Huber teilt, habe ich bei Pain Woman Takes Your Keys viel genickt und genauso viel an Zitaten unterschrichen und notiert. Das Buch ist aber auch ein guter Einstieg für alljene ist, die bisher keine Erfahrungen mit chronischen Schmerzen und Krankheiten machen mussten. Und für alle, die weiter lesen wollen, führt Huber auf ihrer Webseite eine Liste mit Memoiren, Essays, Tagebüchern und weiteren Ressourcen zu Krankheit und Behinderungen.

*Alle Zitate aus dem Englischen von mir übersetzt.


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Festgenommene Feministin in Uganda, Verfolgung in Tschetschenien und eine Einführung in Klassismus – kurz verlinkt

13. April 2017 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 345 von 358 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Links

Die ugandische Feministin, Aktivistin und Wissenschaftlerin Stella Nyanzi, die sich unter anderem dafür einsetzt, Mädchen Zugang zu Binden zu ermöglichen und damit auch den Besuch der Schule, wurde vor einigen Tagen verhaftet – sie habe die Präsidentenfamilie beleidigt. Die taz berichtet.

Am 8. April war der Internationale Tag der Rom*nja. Für das Missy Magazine hat Hengameh Yaghoobifarah mit Isidora Randjelović gesprochen. Im Interview geht es um den Rom*nja Power Month, der am 8. mit einer Demo und einer Abschlussparty sein Ende fand, Forderungen von Rom*nja und die Wichtigkeit von Archivarbeit.

„Rassismus, Whiteness, Postkolonialismus, Intersektionalität.“ – Um diese Themen will sich Victoria Kawesa kümmern, die als erste Schwarze Frau als Parteivorsitzende in Schweden gewählt wurde.

Die erste Ausgabe des neuen Magazins Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart ist soeben erschienen. In dieser Ausgabe – die wissenschaftliche, essayistische, künstlerische wie literarische Beiträge zusammenbringt – geht es um Selbstermächtigung.

Magda war zu Gast in Freiburg und hat dem Radio Dreyeckland ein Interview gegeben zu den Themen Gesundheits- und leistungsfixierte Körperideale im Kapitalismus, Irritation & Humor als Strategien, die Anerkennung eigener Verwundbarkeiten und sehr unterschiedliche Formen von Selbststärkung.

Lesenswerter Text von Tanja Abou: „Klassismus. Oder: Was meine ich eigentlich, wenn ich von Klassismus spreche? Eine Annäherung.“ (PDF)

Die Berliner Charité veröffentlichte eine Studie zur Situation geflüchteter Frauen in Deutschland (PDF) und ihren Wünschen bezüglich Unterstützung.

Die vegane Szene hat ein Problem mit Sexismus und Bodyshaming – ein lesenswerter Bericht auf mimikama.at.

Die Filmlöwin sagt: Schluss mit der Verharmlosung sexualisierter Gewalt im TV: Eine Kampfansage gegen die „happy“ Vergewaltigung.

„Dass Menschen davon überzeugt sind, mit der richtigen Einstellung und individuellen Anstrengung alles leisten und erreichen zu können, ist im Kapitalismus wesentliche Ideologie. Dementsprechend ist es logisch, dass auch Behinderte und Kranke nicht nur regelmäßig mit der Erwartung, Leistung zu erbringen, konfrontiert sind, sondern auch selbst überzeugt davon sind, ihres ‚eigenen Glückes Schmied‘ zu sein…“ – Läuft_Nicht schreibt „Über Sport im Kapitalismus und Scheiße im Deutschlandfunk„.

Auch in diesem Semester findet in Hamburg wieder die Vortragsreihe „Jenseits der Geschlechtergrenzen“ statt. Das gesamte Programm gibt es bei der AG Queer Studies.

Zwar schon vor einer Weile gebloggt, aber Bücher sind ja unsere zeitlosen Freund_innen: Queere Jugendbuch-Neuerscheinungen im Frühjahr 2017.

Englischsprachige Links

Zur Verfolgung schwuler Männer/ LGBTQ in Tschetschenien hat das russische LGBT Netzwerk ein Statement – auch mit Hinweisen, wie deren Arbeit unterstützt werden kann – veröffentlicht.

Über das Phänomen der „begpacker“ schreibt Radhika Sanghani beim Telegraph.

16 Lesbian Power Couples From History Who Got Shit Done, Together“ – Autostraddle hat eine Liste erstellt.

Termine in Berlin, Halle, Freiburg, Kiel und Wiesbaden 

27. bis 30. April in Wiesbaden: Symposium mit dem Titel: Feministisch wider Willen – Filmemacherinnen aus Mittel- und Osteuropa. (fb-Link)

27. bis 30. April in Freiburg: SeminarWorkshop: „Der gefährliche Wind in der Rede – Wie umgehen mit Hassreden in den Medien

5.-7. Mai in Halle: Konferenz junger politischer Frauen mit Workshops und Diskussionen.

2. – 5. Juni in Kiel: Lesbenfrühlingstreffen 2017.

9. – 11. Juni in Kiel: Save the Date! LaDIYfest Kiel.

14. bis 16. Juli in Berlin: Festival für ein offenes und solidarisches Neukölln. (Es werden noch Leute zum Mitmachen gesucht!)

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?


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Was Hillary Clintons Gesundheitszustand mit deinen Krankentagen zu tun hat

13. September 2016 von Charlott

Sonntag. Es ist warm in New York. Hillary Clinton befindet sich auf einer Gedenkveranstaltung zum 11. September. Sie verlässt diese frühzeitig. Wenige Zeit später ist überall ein Video zu sehen, wie Clinton kurz vorm Einsteigen in ein Auto zusammen sackt und gestützt wird. Eien Frage, die unverholen in den Raum geworfen wird: Kann Clinton überhaupt Präsidentin werden, wenn sie doch so offensichtlich (gesundheitliche) Schwäche zeigt?

Hillary Clintons Gesundheitszustand ist nicht erst seit Samstag Thema, bereits seit längerem brodelt die Gerüchteküche ihrer politischen Gegner_innen und Diagnose nach Diagnose wird in den Topf geworfen. Die Episode am Wochenende aber ließ diese Debatten erneut aufflammen – nicht nur auf rechten Nischen-Blogs oder einer neuen Trump-Rede, sondern unter einem weit verbreiteten Hashtag und in den landesweiten Tagesmedien. Auch deutschsprachige Medien halten nicht zurück, berichten von einem „Malheur“ und finden die Spekulationen verständlich, da es in New York warm aber doch nicht „tropisch heiß“ gewesen wäre.

Eine Frage, die nicht gestellt wird: Warum ist der Gesundheitszustand überhaupt so ein Politikum? Die Antwort auf diese Frage nämlich betrifft bei weitem nicht nur eine Hillary Clinton oder andere Politiker_innen, die sich auf Machtpositionen bewerben, sondern rüttelt an grundsätzlichen Vorstellungen. Eine Antwort auf diese Frage könnte auch den Blick dafür öffnen, dass während viele Menschen voller Verve darüber diskutieren, wie krank der Körper von Politiker_innen sein darf, bei anderen Menschen an der Seitenlinie sich die Bauchschmerzen verstärken (oder auch Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, das Schwindelgefühl).

Präsident_innen sollen ein Land führen und gleichzeitig repräsentieren – nach innen und nach außen. Eigenschaften, die dafür als positiv besetzt gelten: durchsetzungsstark, viril, kraftvoll, leistungsfähig, jederzeit einsatzbereit. Das alles ist schon besonders schwer zu verkörpern für Frauen, ein gesunder Körper aber (und was genau gesund ist, wäre einen weiteren Artikel wert) ist in jedem Fall dafür Voraussetzung. Gesund sein wird gleichgesetzt mit Leistungsfähigkeit; Leistungsfähigkeit (zu dem noch oft gleichgesetzt mit Leistungswillen) ist eine Grundqualifikation. Und das gilt eben bei weitem nicht nur für Präsidentschaftskandidat_innen, sondern zum Beispiel auch für Arbeitnehmer_innen, die nicht zu viele Krankentage nehmen wollen oder Menschen mit Kinderwunsch und körperlichen Einschränkungen, denen nahe gelegt wird keine Kinder zu bekommen, da sie als „zu schwach“, „zu anfällig“ wahrgenommen werden. Ohne gesunden Körper lässt sich so ein Wettlauf in unserer Leistungsgesellschaft kaum (langfristig) gewinnen.

Diese Prämissen sind so fest etabliert, dass eben die Frage danach, ob der Gesundheitsstatus einer Präsidentschaftskandidatin genutzt werden sollte, um über ihre Fähigkeit das Amt auszuüben zu diskutieren, gar nicht erst gestellt wird und weiterreichende Fragen, wie jene danach, was überhaupt wünschenswerte Eigenschaften sind und wodran Leistung fest gemacht wird, noch viel weniger. (Und auch Clintons Kampagne wirft diese Fragen nicht wirklich auf, sondern Clinton zeigt sich stattdessen schnellstmöglichst wieder fröhlich in der Öffentlichkeit und macht deutlich, dass es ihr blendend geht.)

Die Debatte macht wieder einmal deutlich, gesunde Körper sind die anzustrebende Norm (was um so absurder scheint, um so länger eine_r darüber nachdenkt, könnte doch jede Person jederzeit erkranken, egal was healthy lifestyle Gurus uns versuchen weiszumachen). Gesunde Körper sind nicht nur gesund, sondern gelten als fähig und gut. Die neoliberale Leistungsgesellschaft hingegen muss sich mal wieder keine unbequemen Fragen stellen lassen.


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Fat Acceptance – Was soll das eigentlich 2.0

2. Juni 2015 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 38 von 44 der Serie (Mein) Fett ist politisch
Katrin bloggt bei Reizende Rundungen über Plus Size Fashion, Fat Acceptance und alltäglichen Flitterkram, und twittert auch unter @fresheima. Mit ihrer freundlichen Genehmigung dürfen wir ihren Blogpost hier zweit-veröffentlichen. 

Porträtaufnahme einer Person mit Make-Up und bunt gefärbtem Haar, die eine goldene Halskätte trägt. Der Anhänger bildet den Schriftzug"Fat babe".

Ich hab vor einiger Zeit mal darüber geschrieben, warum Fat Acceptance wichtig ist. In den letzten Tagen wurden vermehrt Tweets in meine Timeline gespült, die sich mit dem Thema auseinander setzten, warum oder warum nicht Fat Acceptance unterstützenswert ist oder eben nicht. Was dabei mal wieder im Vordergrund stand, war das Gesundheitsargument. Ob dick_fett sein nun gesund oder ungesund ist, ob es da Grundsätzlichkeiten oder Regeln oder Ausnahmen gibt, werden wir wohl nie einfach in einem Blog Post klären können. Was man aber schon klären kann ist, welche Facetten in der Fat Acceptance für mich viel wichtiger sind als körperliche Gesundheit.

In der Fat-Acceptance-Bewegung geht es für mich nicht in erster Linie um Gesundheitsfragen, sondern darum, dass für meinen Körper und meine Meinung ein Platz geschaffen wird, in einer Gesellschaft, die zutiefst geprägt ist von eingeschränkten Körpernormierungen und Idealbildern. Eine Gesellschaft, in der du nie richtig, sondern immer nur zu dick/dünn/sportlich/unsportlich/gesund/ungesund sein kannst.

Fat Acceptance will nicht ein einzelnes Körperbild promoten, sondern Augen gegenüber Körperbildern öffnen, die nicht jeden Tag in den Medien zu sehen sind, die nicht als schön oder begehrenswert gefeiert werden.

Fat Acceptance möchte dicke_fette Menschen dabei unterstützen, wieder selbstständige Entscheidungen für sich und ihre Körper treffen zu können. Es möchte empowern und Mut machen, damit man sich selbst nicht nur auf sein Gewicht reduziert und sich auch nicht nur auf sein Gewicht reduzieren lassen sollte.

Ich, als fetter Mensch, habe wahrscheinlich schon alles gehört. Von gut gemeinten Sport- und Ernährungstipps, zu Beleidigungen, Bevormundungen, Demütigungen, Komplimenten die keine waren und Bemerkungen, die stark an Übergriffigkeit grenzen. Ihr erzählt mir nichts Neues. Der Gedanke, dass dick=ungesund sein soll, ist keine bahnbrechende Idee, sondern gelerntes Verhalten. Gelerntes Verhalten, dass ihr jeden Tag versucht Menschen aufzudrücken, egal ob sie es hören wollen oder nicht. Und nein, es nicht hören zu wollen heißt nicht, dass man sich zurücklehnt, dass man aufgibt oder sich der Wahrheit verschließt, es heißt nur, dass man ein Recht darauf hat zu entscheiden wann und wo und vor allen Dingen mit wem man über sich und seinen Körper reden will.

Fat Acceptance will nicht Gesundheit verteufeln, es will, dass Gesundheit wieder eine selbstständige und individuelle Sache ist, die jede_r mit sich und für sich ausmachen kann und sollte, und die nicht im öffentlichen Raum zur Debatte steht.

Fat Acceptance kann und sollte so viel mehr sein als ein Gesundheitsthema.

Fat Acceptance fordert Respekt und Menschenwürde ein, es geht dabei um Selbstakzeptanz und darum, Menschen, die ihr Leben lang von einer Diät in die nächste geworfen wurden, eine Alternative zu bieten, diese Menschen mal anzuhalten und ihnen zu zeigen, dass man auch als dicker_fetter Mensch an andere Dinge als Ernährungspläne und die nächsten -7 kg denken darf. Und das ist für mich ein ganz, ganz wichtiger Punkt: Fat Acceptance zeigt dicken_fetten Menschen, dass ihr Lebens lebenswert ist, dass es lebenswert sein darf. Bis ich 20 war, war mein Alltag bestimmt von Zweifeln und Hass, ich habe immer darauf gewartet und gehofft, dass, wenn ich doch endlich nur xy Kilogramm abnehmen würde, mein Leben los geht. Alles anders wird, ich endlich ein Mensch bin, der etwas Wert ist, der einen Platz in der Gesellschaft haben darf. Heute scheiße ich darauf, ob andere damit leben können, dass ich als fette Frau mein Leben genieße, ich hasse mich nicht mehr dafür, dass ich esse und ich kann mich nackt im Spiegel anschauen und lächeln. Und wenn all das nichts Wert sein soll, weil jemand der Meinung ist, dass Fat Acceptance nicht unterstützenswert sei, wegen „aber eure Gesundheit !1!elf!!!“, dann ist das für jeden dicken_fetten Menschen ein Schlag ins Gesicht.

Niemand sagt, dass Gesundheit nicht wichtig ist, aber was oder wer als gesund oder ungesund definiert wird, hängt leider viel zu oft vom äußeren Erscheinungsbild ab. Und nur weil Fat Acceptance sagt, dass dick_fett sein nicht gleichzeitig auch bedeutet, dass man auf jeden Fall ungesund ist, heißt das nicht im Gegenzug, dass wir sagen, es ist gesund/gesünder, oder es ist besser, oder es ist die einzig wahre Lösung. Body Acceptance ist für jeden Menschen da, für jeden Körper. Und zur Body wie auch zur Fat Acceptance gehört eben dazu, dass wir lernen, dass uns die Gesundheit von anderen nichts angeht.

Und mal ganz ehrlich, lauft ihr wirklich alle durch die Stadt und macht euch bei jedem Menschen Gedanken über den Gesundheitszustand? Fragt ihr euch an der Ampel, ob die Dame neben euch wohl morgen noch lebt? Nein! Wieso ist es also okay, dicke_fette Menschen dauerhaft zu bevormunden und zu verurteilen und das unter den Mantel der Besorgnis um die Gesundheit zu verstecken? Wenn ihr fette Menschen scheiße findet, dann steht wenigsten dazu und versucht nicht, euch das selber schön zu reden.

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Fat-Acceptance-Grundlagen, Mono-Kultur-Landschaft und Sex mit Frauen – die Blogschau

30. Mai 2015 von accalmie
Dieser Text ist Teil 279 von 295 der Serie Die Blogschau

Ein neuer Monat, eine neue Fatty Fun Fashion Challenge, in der dicke_fette Modebegeisterte Fotos von ihren Outfits teilen: Im Mai ist das Motto ganz frühlingsgerecht „Grün“.

„Es ist ja so, als dicke Frau, die sich weigert sich verschämt ganz unten in die Hierarchie von Körpern und Schönheit einzuordnen, die kein Interesse daran hat ihr Gewicht zu reduzieren, die sich nicht verstecken will, da passe ich einigen Leuten nicht in den Kram.“ Alex kommentiert bei Some girls* are bigger than others dickenfeindliche Debatten, die unter dem Mantel plötzlich verspürter Gesundheitsbedenken (anderer, unbekannter Leute) daherkommen, und erklärt in einem weiteren Beitrag auch noch einmal ein paar Fat Acceptance-Grundlagen.

Auch Katrin von Reizende Rundungen stellt noch einmal eine Fat Acceptance-101-Service-Leistung zur Verfügung: „Fat Acceptance möchte dicke_fette Menschen dabei unterstützen wieder selbstständige Entscheidungen für sich und ihre Körper treffen zu können.

Zwischengeschlecht kritisiert die „Unsichtbarmachung der realen, zwangsoperierten Zwitter und ihrer spezifischen Anliegen“, unter anderem im Zuge des #IDAHOT.

Über den Umgang mit chronischen Krankheiten, die Frage, was es überhaupt bedeutet „krank“ zu sein und die (Re-)Aktion von und auf Mitmenschen schreibt samchills.

Merle Stöver analysiert die oft von Panik und_oder Wut gezeichneten Debatten um Lust und Begehren bei Frauen*, lesbischen Sex und Sexarbeiterinnen.

umstandslos, magazin für feministische mutterschaft, diskutiert „Der Staat im Uterus. 40 Jahre Fristenlösung in Österreich“.

Im Blog In_Frage_Stellen: Musik findet ihr eine tolle Übersicht über Musik_Kunst-Veranstaltungen im Mai und Juni 2015, und weitere Tipps können gerne gegeben werden, um die Liste noch zu vergrößern.

„Ein Paradigmenwechsel mit Hindernissen“: Zum (Mangel an) Diversität in der deutschen Kulturlandschaft machen Lisa Scheibner und Bahareh Sharifi vom Bündnis kritischer Kulturpraktiker*innen eine Bestandsaufnahme bei Mind The Trap.

Habt ihr diese Woche etwas geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Regelmäßig verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


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Studien zu „Übergewicht“, Rassismus in Kitas und Universitäten, Game of rape culture Thrones – kurz verlinkt

20. Mai 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 281 von 358 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Links:

Die Beratungsstelle für Opfer rassistischer, antisemitischer und rechtsextremer Gewalt in Berlin – ReachOut – hat eine Broschüre herausgegeben: „Grundlagen für eine diskriminierungsfreie Pädagogik im Kindergarten“.

Es wir derzeit eine Publikation über die letzten 30 Jahre ISD/jüngere Schwarze Bewegung in Deutschland vorbereitet. Für ein Kapitel zu „Black & Queer“ gibt es eine Umfrage, um so viele Erfahrungen wie möglich abzubilden.

Vice interviewt einige der Mitglieder von Rawiya, einem Kollektiv von Dokumentar-Forografinnen aus verschiedenen arabischen/ nord-afrikanischen Ländern.

Der Tagesspiegel berichtet von der Veranstaltung mit Angela Davis und Gina Dent in der Werkstatt der Kulturen. Auch die Aktivist_innen vom Oranienplatz haben ein Statement zum Besuch der beiden Aktivistinnen in Berlin geschrieben. Die Geflüchtetenbewegung sei die soziale Bewegung des 21. Jahrhunderts, sagt Davis in nachfolgendem Interview:

Kennt ihr eigentlich schon das Portal lesbengeschichte.org? Die mehrsprachige Webseite stellt lesbische Geschichte, Kultur, Biographien, Filme… vor.

Bei der Grassroots Akademie ist ein Statement von Kien Nghi Ha nachzulesen zu rassistischen Strukturen im deutschen Unibetrieb.

Folter und Misshandlungen durch die Bundespolizei – deckten Mitwisser den Täter?„, fragt ProAsyl.

Englischsprachige Links:

[Spoiler für Game of Thrones] The Mary Sue erklärt, warum sie nicht weiter für Game of Thrones werben werden.

„Overlooking these women’s contributions doesn’t just misrepresent the era, it’s also helped solidify philosophy’s status as a white men’s club.“ – The Atlantic schreibt über das Projekt Vox, bei dem Wissenschaftler_innen und Student_innen Texte und Übersetzungen von Philosophinnen aus dem 17. Jahrhundert zusammenstellen und Vorschläge für ein Curriculum erstellen.

Schlechte Filmideen überall: Disney will tatsächlich die Geschichte eines weißen, us-amerikanischen Vaters verfilmen, der im Sudan eine Flagge in den Boden rammte um seiner Tochter ein Königreich zu geben (just like colonialism never happened), schreibt Madame Noire. Janet Mock wirft außerdem einen Blick auf den neuen Film ‚Aloha‘ und der Tradition von Aneignung und Unsichtbarmachung von Kanaka Maoli (den Native Hawaiians) im us-amerikanischen Film.

Fünf Gründe, warum die omnipräsenten Studien zur „Übergewichts-Epidemie“ die Existenz einer solchen „Epidemie“ nicht wirklich beweisen, nennt Melissa A. Fabello bei eveydayfeminism.

Die Studentin Emma Sulkowicz wurde durch einen Kommilitonen vergewaltigt. Daraufhin trug sie auf ihren Wegen über den Campus monatelang eine Matratze mit sich, um ein visuelles Statement auch gegen den Umgang ihrer Uni mit dem Vorfall zu setzen. Nun hat Sulkowicz ihr Studium beendet – und die Matratze war auch in der Abschlusszeremonie dabei, berichtet Mashable.

Termine in Wien, Göttingen und Berlin

23. Mai, Berlin: Fett voll feiern – eine fette Party im So36.

5./6. Juni, Wien: Femcamp, eine Konferenz mit feministischen Perspektiven, die von den Beiträgen ihrer Teilnehmer_innen lebt

12./13. Juni, Göttingen: Das Antifee Festival startet in die nächste Runde

22. Juni, Berlin: Fachtagung zum Thema Postkolonialismus, die sich intensiv mit der kolonialen Geschichte Berlins und deren Aufarbeitung zu beschäftigen wird


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Regelverstöße bei der Bespitzelung, Diskriminierung in der Klimaschutzbewegung, Ausbeutung im Nagelstudio – kurz verlinkt

13. Mai 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 4 von 358 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

Foodwatch hat eine dickenfeindliche Kampagne gestartet, die Sophie Schimmerohn in ihrem Kommentar bei uns bereits ausführlich kritisierte (den Text gibt es auch als PDF). Foodwatch ist bestimmt auch an eurem Feedback zur Kampagne interessiert, schreibt sie an: auf twitter @foodwatch_de und Facebook.

Für eine Abschlussarbeit in Psychologie zu Auswirkungen von Mehrfachdiskriminierung auf die (psychische) Gesundheit untersucht die Marburger Uni „insbesondere Wechselwirkungen von Rassismus und Homo-⁠/⁠Biphobie auf die Gesundheit von Frauen*“.

„Im Skandal um die Polizistin, die von 2001 bis 2006 verdeckt in der linken und feministischen Szene in Hamburg ermittelt hat, mehren sich die Hinweise auf massive Regelverstöße beim Vorgehen der Polizei“, berichtet die Frankfurter Rundschau.

englischsprachige Links

Wie queere und trans Personen of Colour in der Klimaschutzbewegung unsichtbar gemacht werden und warum das gefährlich ist, beschreibt das bluestockings magazine.

Sich mal selbst was Gutes tun mit einer schönen Maniküre? Mag verlockend klingen, wenn die Ausbeutung und Misshandlungen, denen die Mitarbeiterinnen von Nagelstudios oftmals ausgesetzt sind, unsichtbar bleiben. Die New York Times berichtet.

Über die Überwachung von und ständige Verfügbarkeitserwartung an Arbeitnehmer_innen durch Arbeitgeber_innen schreibt Melissa McEwan auf Shakesville:

Termine in Hidesheim, Kiel, Berlin und Oldenburg

14. – 16. Mai, Hildesheim: Performing Back – eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Kontinuität deutscher kolonialer Vergangenheit von und mit Simone Dede Ayivi. Später im Monat auch in Oldenburg, siehe unten

15. – 17. Mai, Kiel: laDIYfest – Magda ist auch mit einem Workshop dabei!

29. Mai, Berlin: Lowkick Soli-Party. Die Einnahmen ermöglichen FrauenTrans* und Mädchen eine Woche im vom Lowkick e.V. organisierten Camp Selbstverteidigung/Thai_Kickboxen zu trainieren – auch wenn sie es sich finanziell nicht leisten können.

29. – 30. Mai, Oldenburg: weitere Aufführungen von Performing Back


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Die Definition von Krawall, Trolle verfüttern und Kristen Stewarts neue Kumpeline – kurz verlinkt

30. April 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 5 von 358 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

queer.de berichtet über eine neue Resolution des Europarats, in der dieser fordert gegen Trans*-Diskriminierung vorzugehen. So sollte beispielsweise die Änderung des Geschlechtseintrags und des Namens in amtlichen Dokumenten ohne den Zwang zu medizinischen Behandlungen oder psychologischen Begutachtungen erfolgen könnnen.

Anlässlich von 200 Verhandlungstagen und fast zwei Jahren im NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, André Eminger, Holger Gerlach und Carsten Schultze vor dem OLG München zieht NSU Watch eine kurze Zwischenbilanz zum Prozess und stellt unter anderem heraus: „Die These vom NSU als isolierter Zelle mit nur einem kleinem Umfeld an Unterstützer/innen ist so nicht haltbar.“

Von der Broschüre „Was tun? Sprachhandeln – aber wie? W_Ortungen statt Tatenlosigkeit.“ ist die zweite, überarbeite Auflage erschienen. Die Druckvorlage kann kostenfrei per Mail bestellt werden und auf der Seite feministisch-sprachhandeln.org lässt sie sich als PDF herunterladen.

englischsprachige Links

Pajiba nimmt die heterosexistische Beharrlichkeit aufs Korn, mit der Kristen Stewarts aktuelle offensichtliche/vermeintliche Liebesbeziehung von den Medien als „Mädchenfreundschaft“ gelabelt wird.

Ragen Chastain fast auf Dances With Fat noch mal kompakt ein paar Dinge zusammen, die du niemandem schuldest – wie Schönheit, Gesundheit oder Sexiness.

Die siebenjährige Natalie McGriff hat für ihr Comicbuch The Adventures of Moxie Girl, einer Superheldinnengeschichte über ein Schwarzes Mädchen, einen Crowdfundingpreis gewonnen, berichtet Feministing.

Loretta Lynch wurde zur ersten Schwarzen Generalstaatsanwältin der USA ernannt. For Harriet berichtet.

„Do Feed the Trolls—to People Who Will Hold Them Accountable“: Andrea Grimes teilt bei RH Reality Check ihre Erfahrungen mit der Praxis, bei Angriffen, die sie in sozialen Medien erlebt,  Leute aus dem Umfeld des „Trolls“ in die Konversation einzubeziehen.

Medien vermitteln ein ganz bestimmtes Bild von Menschen, die sogenannte Essstörungen haben: schlanke, weiße, wohlhabende Frauen, die wie Models in Magazinen aussehen wollen. Raquel Reichard erklärt, warum das irreführend ist.

Derzeitig wird ein neuer Film für Netflix gedreht: „The Ridiculous Six“. In der letzten Woche verließen eine Reihe von Native American Schauspieler_innen das Set aufgrund der im Film dargestellten rassistischen Stereotype. Racialicious berichtet über den Protest. Außerdem interviewten sie die Aktivistin Megan Red-Shirt Shaw zur #NotYourHollywoodIndian- Kampagne.

Egal wie viele Schwarze Menschen von Polizist_innen getötet werden, die Proteste, die darauf aufmerksam machen, sollen doch bitte ‚friedlich‘ bleiben. Beim Atlantic schreibt Ta-Nehisi Coates über diese Forderung: „When nonviolence begins halfway through the war with the aggressor calling time out, it exposes itself as a ruse. When nonviolence is preached by the representatives of the state, while the state doles out heaps of violence to its citizens, it reveals itself to be a con.“

Elle South Africa interviewt die südafrikanische Performance-Künstlerin Sethembile Msezane über The Public Holiday Series, Post-Apartheid und Frauenkörper.

Termine in Berlin und Linz

2. Mai, Berlin: Far, far away? Podiumsdiskussion zu Kolonialrassismus im Unterricht.

6. Mai, Berlin: Vortrag von Magda Albrecht: “(Mein) Fett ist Politisch” um 16:30 Uhr an der ASH Berlin (Alice-Salomon-Platz 5, 12627 Berlin), Raum 225.

6. bis 8. Mai, Linz (Österreich): Die Tagung „Kicking Images. Bilderpolitiken/sexualisierte Gewalt/Interventionen“ vereint zum Thema Wissenschaftler_innen, Künstler_innen und Aktivist_innen.

7. Mai, Berlin: „Themenabend zu Intersektionalität“ mit Emilia Roig und der Initiative intersektionale Pädagogik(i-Päd) und 9. Mai: Die dritte Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Widerstandsbewegungen von geflüchtetenFrauen* in Berlin und Deutschland„.


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„Gesundheit“ ist ein Machtbegriff

29. April 2015 von Hannah C.

Vor ein paar Tagen ist mir das aufgegangen, nachdem ich immer wieder von “gesunden Körperbildern” und “gesundem Selbstbewusstsein” gelesen habe, als es um das Berufsverbot für Models mit einem BMI unter 18,5 ging (nicht etwa um ein Ausstellungsverbot von Mode für die Massen, in die ausschließlich Menschen mit Maßen, die von Designer_innen/Modemacher_innen als mit einem BMI von unter 18,5 einhergehend erwartet werden, hineinpassen).

Wann ist denn jemand oder etwas “gesund”?
In der Regel dann, wenn es jemand sagt, dem man das glaubt. Glauben soll (und kann), weil diese Person eine (vermutete bzw. evtl. auch an einen Titel wie “Dr.” oder “Prof.” oder “Dipl. psych.” gekoppelte) Überlegenheit durch Wissen vor einem selbst hat.

Ich weiß zum Beispiel, dass die DIS (meine Behinderung) mich nicht zu einem “kranken Menschen” macht.
Ich muss mich aber mit dem Krankheitsbegriff auf mir abfinden, weil ich sonst nicht die Möglichkeiten auf Hilfe, Unterstützung, Begleitung nutzen kann, die sich bewährt haben, wenn man die Dinge, mit denen ich so lebe und umgehe, verändern bzw. lindern möchte.
Ich muss als „krank“ definiert werden, damit das „Gesundheitssystem“, weiß, dass es etwas für mich tun kann. Ich wäre nicht „krank“, wenn Psychotherapie keine Leistung der Krankenkasse, sondern der „Kasse zur Linderung subjektiven Leidens“ wäre.

Mediziner_innen sind aber spezialisiert auf die Erkennung, Klassifizierung, Ergründung und Heilung des „Kranken“. Die Erkennung, Klassifizierung, Ergründung und Förderung des Gesunden hingegen ist etwas, das ihnen nebenbei – und unbezahlt passiert.
Hinzu kommt: Mediziner_innen haben in aller Regel keine Zeit dafür, mit Patient_innen ein Verhältnis aufzubauen, das über den Kontext der Behandlung hinaus geht – also etwas, das erst dann beginnt, wenn die Unterwerfung schon passiert ist – nämlich das Labeling als “krank”. Sie erleben ihre Patient_innen in der Folge nie „gesund“.
Abgesehen davon, sollen sie gerade diesen Blick auf ihre Patient_innen oft auch nicht entwickeln, um “objektiv” bleiben zu können. Also, um eine Person bleiben zu können, die Personen, die sie um Hilfe, Leidenslinderung, Begleitung bitten, zu Objekten ihrer Arbeit machen zu können.
Also um mächtig zu bleiben.

Es ist nicht krank, defizitär oder dumm oder falsch oder lebensmüde, wenn man mehr als einen Titel oder einen besonders eindrucksvollen Beweis der Macht [der Überlegenheit] braucht (will / einfordert), bevor man sein Leben, seine Lebensqualität – sich selbst – einem anderen Menschen anvertraut.

Wer unterworfen ist, trifft nie – niemals – eine freie, selbstbestimmte, vollkommen bewusste Entscheidung über das, was mit ihm/ihr/* passiert.

Für mich persönlich ist „Gesundheit“ ein Spektrum, das konvertierbar ist und ergo alle Parameter, die es derzeit gibt, um “Krankes” zu markieren, absurd und nicht vertrauenswürdig macht.
Um zurück zum Anfang des Artikels zu kommen zum Beispiel, ist der BMI ein willkürliches Instrument (Magda hat das in ihrem Artikel zur Berufsverbotdebatte auch aufgezeigt), das versucht eine Norm für “Gesundheit” zu produzieren, um wiederum eine “Krankhaftigkeit” zu kreieren, die oft gar nicht mit einem Leiden in Verbindung steht, das damit gelindert werden kann.

Mit jeder Forderung nach “gesunden Körperbildern” werden die existierenden Körperbilder pathologisiert und das Spektrum, das “Gesundheit” haben kann, enger gesteckt. Wieder geht eine Kluft auf zwischen “okay” (weil sogenannte, so definierte, “Gesundheit” mit Selbstbestimmung und Unversehrtheit belohnt wird) und “nicht okay” (weil sogenannte – so definierte “Krankheit” mit Stigmatisierungen, die wiederum zu Diskriminierung im Recht auf Selbstbestimmung und Unversehrtheit einhergehen).

Ganz klar befürworte ich keine körperliche Auszehrung um bestimmte Maße zu halten – aber ich sehe, dass es Menschen gibt, die Geld zum Leben verdienen möchten und dies auf diese Art und zu diesem Preis bereit sind zu tun und das akzeptiere ich, weil ich die Selbstbestimmung anderer Personen akzeptieren möchte.
Ich würde es daneben genauso befürworten, wenn Designer_innen/Modemacher_innen in die Lage versetzt werden, für viele verschiedene Körperformen zu entwerfen und zu verkaufen, statt einem Ideal zu folgen, das es nur deshalb gibt, weil ein Ideal einen sehr kleinen Teil eines Spektrums darstellt und deshalb in Massen produziert werden kann, ohne große Kosten zu verursachen.

Menschen sind nicht ideal. Kein Mensch hat nur ein Teil eines Spektrums in sich oder berührt nur einen kleinen Teil davon.

Ich denke, dass der Umgang mit Labeln wie “gesund” und “krank” sehr dringend mit mehr Bewusstsein für die Machtdynamiken dahinter passieren muss, gerade auch, wenn ein Wunsch für die Gesellschaft ist, sich gleichberechtigt miteinander im Leben zu bewegen.


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