Einträge mit dem Tag ‘Geschlechterstereotype’


Inklusive Kampagnen, geschlossene Blusen, selbstbestimmte Outfits – kurz verlinkt

16. September 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 293 von 362 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Beiträge

Der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe // Frauen gegen Gewalt e.V. hat gemeinsam mit weiteren Organisationen die Online-Petition #neinheisstnein initiiert, mit der Forderung nach einem modernen Sexualstrafrecht, in dem alle nicht-einverständlichen sexuellen Handlungen unter Strafe stehen.

Das Campaign Boostcamp hat einen Leitfaden „Kampagnen für Alle“ veröffentlicht. Die Handreichung mit Tipps und Empfehlungen für inklusives Campaigning kann als PDf herunter geladen werden.

Unter dem Motto „Gleiches Recht. Jedes Geschlecht.“ ruft die Antidiskriminierungsstelle des Bundes am 16. September zum Aktionstag gegen Geschlechterdiskriminierung auf.

Am 17. Oktober 2015 wird in Berlin wieder der Feministische Pornfilmpreis Europa PorYes verliehen. Drumherum finden diverse Filmvorführungen, Podiumsdiskussionen und eine Party statt.

Englischsprachige Beiträge

In der New York Times Online wird über eine Studie berichtet, die herausgefunden hat, dass Mathelehrer_innen in Grundschulen Tests von Mädchen besser bewerten, wenn sie keine Rückschlüsse auf das Geschlecht der Schülerinnen finden: How Elementary School Teachers‘ Bias Can Discourage Girls from Math and Science.

Ebenfalls in der New York Times: Ein Bericht darüber, wie verheerend sich die Gefängnisindustrie auf die Angehörigen der Gefangenen auswirkt.

Die Cosmopolitan stellt das Projekt „What I wanted to wear“ vor.

Sexualisierte Übergriffigkeit und Gewalt ist ein globales Problem. Dass die „Bluse zuzumachen“ (der Klassiker von Birgit Kelle) damit nichts zu tun hat, zeigen die Erfahrungs-Berichte von Frauen im Iran, die man in The Guardian nachlesen kann.

Der (weiße) Schauspieler Matt Damon meinte, die (Schwarze) Produzentin Effie Brown über „Diversity“ belehren zu müssen. Yesha Callahan berichtet bei The Root, wie schief das ging.

Melissa Harris-Perry sprach in ihrer Sendung mit Monica Dennis, einer Koordinatorin von Black Lives Matter, über den Backlash, den die Bewegung derzeit abbekommt. 

Iman Al Nassre berichtet auf Euphrates darüber, wie es für sie war, als Syrerin in Deutschland aufzuwachsen, und ihre Perspektive auf die derzeitige deutsche Asylpolitik.

Termin in Berlin

19. September: Sowohl das Bündnis „Marsch für das Leben“? – What the fuck! als auch das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung rufen zu Protesten gegen den christlich-fundamentalistischen „Marsch für das Leben“ auf. Treffpunkte sind um 11 Uhr am Anhalter Bahnhof und um 11:30 Uhr am Brandenburger Tor. Weitere Infos findet ihr hier und bei Twitter unter dem Hashtag #NoFundis.


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Lesben und Schwule in Ostberlin, Rassismus zu Halloween, Klage gegen Karl Lagerfeld – kurz verlinkt

30. Oktober 2013 von der Mädchenmannschaft

Beiträge auf Deutsch

Jeder sechste Mensch in Deutschland ist armutsgefährdet. Besonders betroffen sind Frauen und Alleinerziehende.

Filiz Demirova, eine Romni, berichtet bei radioeins über ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus.

Auch ein Leben mit einer schweren Erkrankung kann glücklich, lebenswert sein. Ein besonderes Beispiel hierfür ist Hannelore Setter gewesen, die am 10. Oktober im Alter von 79 Jahren in ihrem Krankenhausbett gestorben ist. 60 Jahre hatte sie dort verbracht.

Wie viel zählt das Leben eines geflüchteten Kindes in einem Asylbewerber*innenheim in Deutschland? Für viele anscheinend erschütternd wenig, wie Familie Petrovic auf bittere weise feststellen musste. Ihr Sohn Leonardo wäre vor zwei Jahren aufgrund der unterlassenen Hilfeleistung mehrerer Personen beinahe gestorben. Nun hat die Staatsanwaltschaft Anklage eingereicht.

In der Schweiz wird gerade ein diskriminierender Rückschritt diskutiert: ein explizites Ehe-Verbot für homosexuelle Paare.

Ein Mann zeigt Angestellten der Deutschen Bahn gegenüber Zivilcourage – und wird dafür von ihnen rassistisch beleidigt, weil er Schwarz ist. Später stellt sich heraus: Der Mann ist der Landtagsabgeordnete Daniel Mack. Und plötzlich tut der DB alles furchtbar leid.

„Out in Eastberlin“ – ein neuer Kinofilm berichtet über das Leben homosexueller Personen in der DDR. Hier findet ihr den Trailer.

Ein blondes Kind lebt bei einer Roma-Familie – und sofort schreiben große europäische Medien von Kindesraub. Keno Verseck berichtet auf SPON von der Geschichte dieses antiromaistischen Ressentiments (siehe auch die englischsprachigen Links weiter unten).

Karl Lagerfeld äußerte sich mal wieder diskriminierend über dicke Menschen und insbesondere dicke Models und hat dafür nun – yeah! – eine Klage am Hals.

Hier könnt ihr für die Kampagne „Dritte Option“ spenden.

Beiträge auf Englisch

Eine vermeintliche Kindesentführung durch ein Roma-Paar fand medial große Beachtung und Anteilnahme – anders als die  Fälle, in denen Kinder aus rassistischen Gründen gewaltsam von ihren Familien getrennt werden. Discipline and Anarchy schreibt über den rassistischen Bias in Entführungsdiskursen (siehe auch die deutschsprachigen Links weiter oben).

Sexualisierte Ausbeutung und Gewalt stellten einen Grundpfeiler des Systems der Sklaverei in den Staaten der heutigen USA (und sicher genauso anderswo) dar. Akiba Solomon bespricht für Colorlines, in wiefern der Film „12 Years A Slave“  einen wichtigen, oftmals vernachlässigten Teil der Geschichte der  rape culture offen legt.

Wäre es nicht so ernst im echten Leben, könnte man inzwischen von einem regelrechten Krimi sprechen:  Ein Gericht hat das geradezu gewaltsam durchgesetze Anti-Abtreibungsrechte-Gesetz in Texas für verfassungswidrig erklärt.

Vitamin W berichtet über das Fotoprojekt „Alone Time“ von JJ Levine: Indem gezeigt wird, dass ein und derselbe Körper jegliches Geschlecht überzeugend verkörpern kann,  sollen herrschende Normvorstellungen über die zweigeschlechtliche Rollenverteilung in Frage gestellt werden.

Halloween steht vor der Tür und damit leider auch immer wieder Leute in Blackface oder Redface – wer nach wie vor nicht mitbekommen hat, das sowas rassistische Kackscheiße ist, geht ziemlich ignorant durchs Leben, hält Awesomely Luvvy fest. Inklusive praktischer Entscheidungsgrafik!

Queer-Gerechtigkeit bedeutet mehr als schwule weiße Männer, die mit ihren Beziehungen an die Öffentlichkeit gehen, erklärt Audrey bei Autostraddle.

Termine in Berlin, Mülheim an der Ruhr, Bochum und Bielefeld (mehr …)


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Rassistische Normalzustände – kurz verlinkt

22. August 2013 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 207 von 362 der Serie Kurz notiert

In der vergangenen Woche haben sich allerhand spannende Linktipps angesammelt – daher gibt es diese Woche „Kurz verlinkt“ gleich zweimal. Hier Teil 2.

Heute jähren sich die Angriffe auf die zentrale Aufnahmestelle für Geflüchtete und ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter_innen in Rostock zum 21. Mal. Auch 21 Jahre später müssen Asylsuchende in Deutschland um die Sicherheit in ihren Unterkünften bangen.

Die Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt (KOP) und der Migrationsrat Berlin Brandenburg e.V. rufen auf zur Solidarität mit Ayfer H. (Hintergrundinfos ab Seite 132 in der Chronik) und mobilisieren gemeinsam mit ihr zur Prozessbeobachtung. Wann? Am Mittwoch, den 28. August 2013 um 11:30 Uhr. Wo? 64. Strafkammer des Landgerichts, Turmstraße 91, 10559 Berlin, Raum 731.

Alltagsrassismus erleben auch Reiche und Prominente, wie u.a. in der Süddeutschen Zeitung zu lesen ist: „Der eigentliche Skandal ist nicht, dass sich jemand weigerte, Oprah Winfrey eine teure Handtasche zu zeigen. Der Skandal ist, dass sich jemand weigerte, einer schwarzen Frau eine teure Handtasche zu zeigen. Dass es sich dabei um die berühmte Unternehmerin handelte, verhilft dem Fall, der sonst wohl nie an die breite Öffentlichkeit gelangt wäre, zu Bekanntheit. Mehr nicht.“

Die Jüdische Allgemeine meldet einen krassen Fehlgriff bei eben dieser Zeitung: Mit einem Foto eines Bahngleises des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau hat die Süddeutsche am Montag eine Leser_innenbriefseite zum Bahnchaos am Mainzer Hauptbahnhof illustriert.

Dass Frauen, die aus vermeintlich religiösen Gründen ein Kopftuch tragen, es schwer haben, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden, war bekannt. Dass diesen Frauen aber mehr als jeder dritte Betrieb verschlossen bleibt, geht nun aus einer aktuellen Studie der Pädagogischen Hochschule Freiburg hervor, über die das Migazin berichtet.

Die taz berichtet über das Leben von Rroma-Familien in Serbien, die aus Deutschland abgeschoben wurden.

Ebenfalls in der taz: „Ich kam als Opfer rein und ging als Täter wieder raus“ – ein Bericht über Vergewaltigungen unter dem Einfluss sogenannter K.O.-Tropfen.

Eine neue TV-Serie über das Leben im Gefängnis, „Orange Is The New Black“, wird in der feministisch-kritischen US-amerikanischen Blogosphäre heiß diskutiert. Ein Interview mit einer der Schauspieler_innen gibt es nun bei Autostraddle [auf Englisch].

Mutmaßlich als Zeichen gegen menschenfeindliche homophobe Gesetze in Russland haben sich zwei russische Athletinnen bei der Leichtathletik-WM während der Medaillenvergabe geküsst – vermutlich drohen ihnen deswegen  Sanktionen [Text auf Englisch] Edit: Offenbar sind die beiden Sportlerinnen von dieser Interpretation ihrer Aktion nicht sonderlich begeistert

Cheryl Sandbergs „Lean In“-Webseite hat ironischerweise ein unbezahltes Praktikum ausgschrieben. Bei der The Ed Show sprechen Zerlina Maxwell und Keli Goff über den Kampf für gerechte Löhne und welche Ausschlüsse solche Praktika produzieren [auf Englisch].

Viele Tipps zur Selbstfürsorge gibt es bei Scarleteen [auf Englisch].

Warum thin-shaming, die Abwertung von als dünn gelesenen Körpern,  falsch und fies ist, aber nicht das Pendant zu fat-shaming, erklärt Lindy West auf Jezebel [auf Englisch].

Im New Statesman erklärt Laurie Penny Männern* nochmal den Unterschied zwischen individueller Schuld an und individueller Verantwortung für Sexismus – und fordert dazu auf, letztere zu übernehmen [auf Englisch].

Von wegen Höhlenmenschen und Evolution und so: Die allgemein verbreitete Überzeugung, dass Männer* grundsätzlich mehr an Sex interessiert seien als Frauen*, ist relativ neu, wie Alyssa Goldstein bei Alternet berichtet [auf Englisch].

Mädchen im Alter zwischen vier und acht Jahren sagen, was sie an ihren Körpern mögen: Was der Körper tun kann, ist wichtiger als wie er aussieht [auf Englisch].


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I Started A Blog And All I Got Was This Lousy T-Shirt

19. August 2013 von Anna-Sarah

Shirts mit irgendwelchen Sprüchen und Slogans drauf können ja eine prima Sache sein. Ich kann damit etwas, das mich bewegt, zum Ausdruck bringen, mich der Welt als Person mit bestimmten Vorlieben oder Ansichten präsentieren, kann zeigen was ich wichtig finde und wer ich bin. Wenn ich also z.B. mit jemandem aus der Digital Bohème romantisch involviert bin, kann ich das – sofern ich irgendwas zwischen Größe 34 und 42 trage – mit dem passenden C&A-Oberteil zeigen. Top.

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Screenshot vom C&A-Onlineshop

An der Aussage „I’m in love with a blogger“ ist ja auch so erstmal nichts Schlimmes dran. Verliebt in eine_n Blogger_in, why not? Ich selbst kenne so einige Bloggerinnen, die zu den hinreißendsten Menschen gehören die ich je getroffen habe. Und was ich so wichtig finde, dass ich es der Welt qua T-Shirt-Aufdruck über mich mitteilen möchte, ist ja auch erstmal meine Sache.

Es überrascht wenig, dass man bei C&A dasselbe Motiv in der Männerabteilung vergebens sucht. Denn es ist weder sonderlich spannend noch identitätsstiftend, in wen so ein Typ verliebt ist, da interessieren mehr Musikgeschmack oder bevorzugte Sportart, das sagt doch viel mehr über den Menschen als solchen aus. Außerdem zeigen heterosexuelle Männer – alle anderen sind ja nunmal Minderheit und daher marketingtechnisch vernachlässigbar – bekanntlich ihre Gefühle  nicht  gern so direkt – die machen das eher  subtil, mittels objektifizierter Frauenkörper(teile), das ist aber wertschätzend gemeint. Und weil Frauen sich für Computer nicht so interessieren,  gibt es bestimmt eh nur ganz wenige Bloggerinnen, geschweigedenn solche, in die man(n) sich verlieben könnte…

Außerdem, mal ehrlich: Also klar, „Blogger“, im Englischen ist das geschlechterübergreifend, und außerdem generisches Maskulinum – aber so’n bisschen missverständlich ist das vielleicht doch, wenn so ein Typ sich „I’m in love with a blogger“ auf die Brust schreibt, hihi, und das lassen wir dann vielleicht lieber mal, das kommt bei der Kundschaft wohl nicht so gut an.  Androzentrisch und heterosexistisch ist das Shirt und die Tatsache, an wen es (nicht) vermarktet wird, allerdings null, denn wie gesagt, „Blogger“ kann ja auch Bloggerin heißen, also da sind keinesfalls nur heterosexuelle Frauen mitgedacht!

Frauen, klar, die definieren sich schon viel über ihre Männerbeziehungen – Tochter des, Freundin von und so. Und wenn der Lover einen coolen Job hat oder ein Hobby, das was hermacht, das ist ja auch ein Statussymbol und sagt etwas über den Wert seiner Partnerin aus.  Und natürlich sind Blogger cool! Und natürlich ist für Frauen Liebe ganz ganz wichtig.

Übrigens im C&A-Frauensortiment nicht auffindbar: ein Shirt mit der Aufschrift „I’m a blogger“ oder meinetwegen „I’m in love with my blog“. Aber ich versteh das schon, Frauen bloggen eben kaum, und es ist natürlich auch wesentlich interessanter, in wen eine Frau verknallt ist als was sie selbst so macht – und außerdem, was, über das eine Frau bloggt, sollte wohl so spannend sein, dass sie damit auf einem Shirt hausieren gehen wollen würde? Das ist jetzt einfach eine Beobachtung, mit Sexismus hat das nichts zu tun .

Ich persönlich habe eigentlich – abgesehen von den vermutlich skandalösen Produktionsbedingungen – gar nichts einzuwenden gegen dieses Shirt, im Gegenteil: Ich überlege, es meinem Boyfriend zu schenken.


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Mimosen an die Macht

16. August 2013 von Gastautor_in

Bild: Botanischer Garten Uni Potsdam

Wir freuen uns über diesen Gastbeitrag von homosphäre. Der Autor des Blogs ist schwuler Student der Gender Studies in Berlin und befasst sich auf seinem Blog mit der Frage, wie individuelle Erfahrungen von queeren Menschen mit gesellschaftlichen Strukturen zusammenhängen. Der Blog ist aus schwul-weiß-männlicher Perspektive verfasst und enthält die Einladung an alle, zu ergänzen oder zu widersprechen!

In letzter Zeit hab ich mir einen Spaß draus gemacht, Leute zu berichtigen, wenn sie die Vokabel „empfindlich“ verwenden, und sie aufgefordert, stattdessen „empfindsam“ zu sagen. Inzwischen hab ich dabei eine interventionistische Penetranz entwickelt, die ich sonst gar nicht von mir kenne. Eigentlich bedeuten beide Wörter dasselbe, nämlich „sensibel“. Aber im einen Fall schwingt dazu eine klare Abwertung mit: „empfindlich“ assoziiert der Duden neben „leicht beleidigt“ und „gereizt“ auch mit körperlicher Schwäche, während er zu „empfindsam“ hehre Tugenden wie „rücksichtsvoll“, „taktvoll“ und „romantisch“ aufführt.

Warum die Wortkunde?  Weil mir die Verwendung von „empfindlich“, vielmehr die dahinterstehende Intention gewaltig auf den Zeiger geht. Ich bin da einfach sensibel.

Empfindlich-sein ist ein machtvoller Vorwurf, mit dem Personen, die aufbegehren wirkungsvoll unschädlich gemacht werden können. Schwarze und People of Color müssen sich so nennen lassen, wenn sie auf Alltagsrassismen hinweisen. Für Frauen gilt qua Sexismus die Empfindlichkeitsvermutung ohne dass sie irgendwas sagen und Männer – naja, zur Reproduktion von Männlichkeit gehört die ständige Gefechtsstellung gegen die Gefühlsduseligkeit auch dazu. Schwule Männer sehen sich zudem oft in dem Dilemma, ermüdende Klischees hervorzurufen, wenn wir uns feinfühlig geben. (mehr …)


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Sexismus hacken an der Uni: „UNICUM vom Campus kicken!“

7. Dezember 2012 von Gastautor_in

Wir haben neulich schon kurz über das UNICUM-Tüten-Ärgernis berichtet.  Laura*, Studentin und studentische Hilfskraft an der Uni Marburg, hat dankenswerterweise nochmal aufgeschrieben, was das Problem ist – und was mensch dagegen tun kann und sollte.

Eine Tüte Sexismus bitte

Der Hörsaal sieht aus, als hätte hier ein Müllsturm getobt. Oder ein Kindergeburtstag bei McDonalds stattgefunden. Die Studis sickern in die Flure ab und auf den Klappstuhl- und Tischreihen bleiben Berge ausgepackter Papiertüten, zerknüllter Werbezettel und leerer 15g-Chipstüten zurück. Verwirrt und kopfschüttelnd packe ich meine Sachen zusammen und starre immer wieder auf die „Wundertüten“, die überall herumliegen: Eine halbnackte Frau, die gerade ihren Gürtel öffnet, blickt mich lasziv an und fordert mich auf „Mach deine Idee zu Geld!“. Worum es bei dieser Aufforderung gehen soll, kann ich anscheinend zwischen ihren Beinen erfahren: Die Facebook-Adresse zu einem Wettbewerb ist unten klein aufgedruckt. Er endet auf „moneybox“, direkt in ihrem Schritt.

Von der Vorlesung habe ich nicht viel mitbekommen; die hundertfache Kopie dieses anonymen, austauschbaren weiblichen ‚Norm‘körpers, der sich als Sexualobjekt anpreist und die umfassende Akzeptanz dieser Darstellung um mich herum … Wie soll ich da den Ausführungen zu „Klassen und Objekten“ folgen? Dass in der Programmierung eigentlich alles ein Objekt sein kann, demonstriert der Professor an dem Textstring „anna“. „anna“ ist ein Objekt. Ich schaue auf die Tüten. In welchem Film bin ich denn hier gelandet.

Was ist passiert?

Dienstagnachmittag, 20. November, Uni Marburg: Im Foyer werden zu Hunderten sogenannte Wundertüten von UNICUM verteilt. Die Wundertüten sind mit rosa und blauen Streifen markiert und werden dementsprechend an ‚Männer‘ und ‚Frauen‘ verteilt. Mit Grausen erinnere ich mich daran, dass sich Freund_innen von mir schon im letzten Semester darüber geärgert haben: In den Männertüten waren Rasierer und Energydrinks, in den Frauentüten Nagellack und: zuckerfreie Energydrinks.

Wir haben an unserer Uni ein Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung; Seminare, in denen es um Konstruktion von Geschlecht geht; Professorinnen, die zu feministischen Themen publizieren; Vorlesungen zur Kritik der Geschlechterverhältnisse… In geschlossenen Seminaren reden wir über Sexismus, über Reproduktion von Geschlechterverhältnissen. Und im offenen Foyer werden Materialien verteilt, die all diese Auseinandersetzungen nichtig scheinen lassen? Wozu über Selbstbestimmung, über Geschlechtergerechtigkeit reden – wenn doch eine Wundertüte besser weiß, in welche Kategorie ich gehöre (rosa), wie meine Bedürfnisse sind (Nagellack), wie ich zu sein habe (zuckerfrei) und wo meine gesellschaftlichen Möglichkeiten sind (der weibliche Körper als sexualisiertes Objekt) …?

Wer sich bisher nicht vorstellen konnte, was Ökonomisierung bzw. Kommerzialisierung von Bildung(sräumen) heißt: Genau das heißt es – den eigenen Raum Werbeträgern zur Verfügung stellen, welche sich nicht um ethische Grundsätze scheren. Bildung als gesellschaftskritisches Moment, als Möglichkeit zur Selbstbestimmung und als gemeinsame Auseinandersetzung mit Konflikten und Perspektiven? Davon bleibt wenig übrig, wenn Werbung Einzug in Bildungseinrichtungen hat. Denn ‚Sex sells‘, das ist bekannt, und in unmittelbarer Konsequenz eben ‚Sexism sells‘.

UNICUM vom Campus kicken!“

Wie ging es weiter in Marburg? Ein offener Brief an das Präsidium der Uni, Forderung einer öffentlichen Stellungnahme, Kopien an die Frauenbeauftragten, Aufrufe an Freundinnen und Mailverteiler, Veröffentlichung des Briefs im Internet (nachzulesen hier).

Das Präsidium lässt für die Gestaltung der Tüten entschuldigen und gelobt Besserung – keine öffentliche Stellungnahme, nur eine Antwort an die Absender_innen der Beschwerdemails. Dezentral Diskussionen in Gremien und Univeranstaltungen. Solidaritätsbekundungen der Frauenbeauftragten. Unbekannte Frauen, die sich per Mail für die Beschwerde bedanken, weil sie auch längst die Nase voll haben.

Das Free Education Movement Marburg (freedumm) ruft eine Aktion ins Leben: „UNICUM vom Campus kicken!“. Die UNICUM-Magazine finden sich an zahlreichen (Fach-) Hochschulen und glänzen nicht nur bei ihren Werbegeschenken mit sexistischen Inszenierungen, Darstellungen von klischeehaften Mann-Frau-Beziehungen und allgemeinem Wettbewerbsgebrösel.

Was tun?

Hier findet ihr eine Petition (und lesenswerte Begründung), die sich gegen die weitere Verteilung von UNICUM-Produkten an (Fach-) Hochschulen wendet.

Ich kann vielleicht nicht jedes sexistische Plakat in der Stadt abhängen, nicht jeder frauenverachtenden Werbung Einhalt gebieten. Aber Sexismus ist ein System, das eben gestützt oder gestürzt wird. Sexistische Übergriffe, gesellschaftliche Hürden qua Geschlecht und herabwürdigende Darstellungen von Frauen hängen systematisch zusammen und müssen dementsprechend auf allen Ebenen angegangen werden. Einen Hersteller von sexistischer Propaganda bin ich nicht zu dulden bereit – nicht an einem Ort, auf den ich Einfluss nehmen kann. Wenn ihr auch nicht bereit dazu seid, dann setzt die Verantwortlichen eurer Uni unter Druck, UNICUM von eurem Campus zu verbannen. Als ersten Ansatz, gegen Kommerzialisierung und gegen Sexismus in euren eigenen Räumen vorzugehen.


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Früh übt sich, wer Geschlechterrollen lernen soll

13. November 2012 von Gastautor_in

Unser Leser Sebastian hat sich kürzlich sehr über einen Newsletter der Selbermachsachen-Verkaufsplattform DaWanda (eine Seite, die er eigentlich mag) geärgert und deshalb eine – Achtung: sarkastische – Antwort darauf verfasst.

Liebes DaWanda Deutschland,

vielen Dank für Ihren Newletter „Früh übt sich…“ zum Thema Kinderberufe.

Kinder sind oft noch nicht in der Lage, die für sie von der Gesellschaft vorgesehen Geschlechterrollen anzunehmen. Mädchen spielen ungeniert mit Feuerwehrautos oder Werkbänken aus Holz, kleine Jungs kochen im Kinderzimmer Nudeln oder hängen mit Begeisterung Wäsche auf. Für Eltern ist es hier nicht immer leicht, korrigierend einzugreifen.

Ihr Newsletter kommt da gerade recht! Endlich eine große Auswahl liebevoller Spielzeug-Ideen für unsere Kleinen, die deren Geschlecht angemessen sind. Da gibt es Werkzeugkissen für den jungen Handwerker und viel mehr für kleine Jungs, die Feuerwehrmann, Fußballer, Pilot, Lokomotivführer, Kapitän oder Rennfahrer werden wollen. Und auch an die Mädchen haben sie gedacht mit allerhand Küchenspielzeug für die kleine Köchin. Es kann schließlich nicht schaden, wenn unsere Mädchen so früh wie möglich lernen, wo sie hingehören. Und sollte es in der Küche mal zu langweilig werden, ist da ja immer noch die Nähmaschine. Sie haben wirklich an alles gedacht! So ist es Eltern ein leichtes, Ihre Kinder in die für sie vorgesehenen Bahnen zu lenken.

Und kommen sie bitte nicht auf die Idee, in einem kommenden Newsletter Bilder von Jungs, die mit Töpfen spielen, oder von Mädchen mit Autos zu zeigen. Vielleicht denken die Kinder dann noch, sie dürften spielen, womit sie möchten. Oder Eltern werden unsicher, wie sie ihren Kleinen denn jetzt geschlechtergerechtes Verhalten beibringen sollen. Am Ende stellen sie die vorherrschenden Geschlechterrollen noch in Frage und gefährden durch entsprechende Erziehung die privilegierte Stellung von Männern in unserer Gesellschaft.

Nein: Handwerkerinnen, Feuerwehrfrauen, Fußballerinnen, Pilotinnen, Lokomotivführerinnen, Kapitäninnen und Rennfahrerinnen gibt es längst viel zu viele.

Weiter so!

Sebastian Fischer


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Ab an den Herd oder kocht ihr schon?

9. November 2012 von Sabine

So jetzt ist es beschlossen, die Herdprämie ist da*. Ab dem 1. August 2013 soll das Betreuungsgeld an Eltern bezahlt werden, die ihre Kinder zwischen dem 13. und 36. Lebensmonat nicht in staatliche Kitas geben, sondern zu Hause betreuen oder privat betreuen lassen von Oma, Opa, Au-Pair, Verwandte oder sonst wem.

Die FDP wollte zuerst nicht so recht, weil ihr das Betreuungsgeld nicht zeitgemäß erschien, auch innerhalb der CDU konnten einige mit der Herdprämie nichts anfangen. Mal abgesehen von der Opposition, und vor allem der Mehrheit der deutschen Bevölkerung, die gegen die Einführung des Betreuungsgelds ist. Aber dann gab es wieder einen dieser berüchtigten Deals innerhalb der Koalition: „Du gibst Herd, ich geb’ dir 10-Euro-Kassen-Erlass.“ Und da lässt sich die bedeutungslose FDP nicht lumpen. Hauptsache Mövenpick und segnet ab. Kristina (CDU) und Horst (CSU) müssen gestrahlt haben, waren sie doch die größten Befürworter des antifeministischen Projekts.

Bei der Einführung der Prämie gibt es für die Zweijährigen in Muttis Obhut zuerst 100 Euro und ab 2014 gibt es für Kinder im dritten Lebensjahr 150 Euro Taschengeld. Das Geld ist ein lächerlicher Betrag, und deckt vielleicht das Windelgeld und ein, zwei Dosen Babybrei ab. Kristina Schröder nennt das Wahlfreiheit, dabei ist es eine rechts-konservative Ideologie, die heute verabschiedet wurde. 100 oder 150 Euro monatlich sind keine Alternative zu einer Arbeitsstelle, der Abhängigkeit vom erwerbstätigen Elternteil (meist dem Partner), der erschwerten Rückkehr in die Arbeitswelt und einer Zementierung von Geschlechterrollen. Der Spagat zwischen Kinder und Erwerbstätigkeit, der oftmals von Frauen* thematisiert wird, wird hiermit ganz einfach gelöst.

Durch das Betreuungsgeld werden Anreize gesetzt zu Hause zu bleiben, sich um Kinder, Küche und Partner zu kümmern. Es sind Anreize für eine Hetero-Kleinfamilie: Frau, Mann, 2 Kinder. Kein Spagat, kein gar nichts. Es ist sozusagen das Dessert des heterosexuellen Ehegattensplittings, wo es von steuerlichem Vorteil ist, wenn der Mann mehr verdient als die Frau. Und Hartz-IV Empfänger_innen gehen de facto leer aus, wieder mal. Zwar soll ihnen das Betreuungsgeld ausgezahlt werden, doch soll die Leistung in vollem Umfang auf das Arbeitslosengeld II angerechnet werden. Queer_Feministische Alternativen? Forget it!

Und weil Kleinvieh auch Mist macht, kommt da ein Betrag von satten 1,2 Milliarden Euro zusammen. 1,2 Milliarden Euro, die auch in den Ausbau von den staatlichen Kitas hätte investiert werden können. Da gibt es nämlich Baustellen, die haben auch eine Hausnummer: 220.000. So viele Kita-Plätze fehlen nämlich. Vielleicht ist es ja auch das Beiwerk, denn wenn es sowieso keine Plätze gibt, warum nicht zu Hause bleiben und kochen? Ich koche zumindest. Und ihr, wie wollt ihr leben?

*Abstimmung: 310 Abgeordnete dafür, 282 dagegen, 2 Stimmenthaltungen.


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Mit Sixpack und Gitarre ins All – die Blogschau

28. Juli 2012 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 172 von 295 der Serie Die Blogschau

L-talk hat Bilder vom CSD in Frankfurt am 21. Juli 2012.

Unter den „100 Greatest Guitarists of All Time“  nur zehn Gitarristinnen – Mädchenmusik überlegt, wie das wohl kommt.

Einen Nachruf auf Sally Ride, die erste US-Astronautin, gibt es bei den femgeeks.

Bei Twitter war neulich die Entrüstung groß: Wurden da etwa Knutschverbote für Heteropärchen gefordert?! Mitnichten. Warum Nichtknutschen aber durch­aus ein Akt der Solidarität sein kann (und mehr knutschen auch nicht unbedingt hilft), erklärt sanczny. A propos nicht knutschen: Ryuu nimmt die Debatte zum Anlass, den privilegierte Status von romantischen Zweier­be­ziehungen in Frage zu stellen, nicht zuletzt aus ganz persönlicher Perspektive.

Um sich darüber auszutauschen und erste Gründe herauszufinden, warum Frauen Zeit und Mühe in Wikipedia stecken, und warum eben nicht, trafen sich Mitte Mai Frauen aus aller Welt in Buenos Aires zum WikiWomenCamp. Interviews mit beteiligten Expertinnen können als Videos angesehen werden.

Danger!Bananas findet: ihr Bauch gehört ihr – mit Sixpacks oder ohne.

Wieder „ein Spielzeug mehr auf dem Markt, das Mädchen vermittelt, dass ihre Hauptaufgabe ist, schön auszusehen, während Jungen gefährliche, kluge, aktive Wesen sind, die die Welt verändern“ – das ist das Fazit von Dr. Mutti zu Mattels jüngster Produktlinie „Monster High“.

Auf Graubrot ärgert sich Björn Grau über die Nachrufe auf die Schauspielerin Susanne Lothar, voll von „Chauvinismus, Sexismus und Pietätlosikeit“.

Am 7. September beginnt das 1. Essen Unplugged Festivals (Link führt zum Facebook-Event). Dort gibt es am 9.9. von 20 bis 21 Uhr  eine Lesung, die „Skurriles, Sinnliches, Lustiges und Kritisches rund um Sex und Erotik wiedergibt“ von Les petits Plaisirs.

Das LaDIYfest Berlin sucht Menschen, die zum LaDIYfest 2012 im August Schlafplätze zur Verfügung stellen.

Für eine bessere Vernetzung der (feministischen) Blogosphäre listen wir jede Woche auf, was unsere deutschsprachigen Kolleginnen und Kollegen über die Woche so melden und tun. Haben wir etwas vergessen oder übersehen? Kennen wir dein brilliantes Blog etwa noch gar nicht? Dann sag uns bitte Bescheid!


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Frauen und MINT: Die EU zeigt, wie mensch es lieber nicht machen sollte

26. Juni 2012 von Helga

Zum Wochenende hin kursierte ein quietschrosa Video der Euro­päischen Kommission durchs Internet. Hinter all den Bubble Tea-Blubber­bläschen die durch das Bild hüpften war dabei nicht ganz klar, um was es eigentlich gehen sollte. Denn, Überraschung, dahinter steht die Kampagne Science: It’s a Girl Thing, mit der Mädchen für Natur­wissen­schaften begeistert werden sollten. Inzwischen ist das Video offiziell vom Netz (und inoffiziell hier), Astro­dicticum Simplex hat aber doku­mentiert, wie es aussah:

In dem knapp eine Minute langen Spot sah man einen ernsthaft am Mikroskop arbeitenden Klischeewissenschaftler (Brille, weißer Kittel), der sich plötzlich mit drei heranmarschierenden Models in High-Heels und kurzen Röcken konfrontiert sieht. Die drei Frauen entstammten allerdings nicht seiner Fantasie, sondern sollten wohl die neue Generation der weiblichen Wissenschaftlerinnen darstellen. Danach folgt jede Menge Rosa, Lippenstifte, Make-Up, bunte Kugeln und blubbernde Flüssigkeiten in Glaskolben. Das sollte wohl offensichtlich die Wissenschaft demonstrieren, die für Mädchen interessant ist.

Klar, was hilft auch besseres gegen einen Stereotyp, „Wissen­schaftler = Mann im weißen Kittel“, als ein anderer Stereotyp? Wenig begeistert zeigten sich daher auch die Geek Sisters:

[…] natürlich spricht nichts dagegen, dass man Wissenschaftlerin sein kann und sich hübsch anziehen. ABER dieser Clip kombiniert diese Dinge so ungeschickt, dass die eigentliche Botschaft kaum noch zu erkennen ist. Es werden die alten Klischees verwendet wie: Frauen müssen sexy sein, Frauen interessieren sich nur für Make-Up, Frauen müssen attraktiv für Männer sein und zufällig sind sie vielleicht auch schlau genug, um eine Formel zu berechnen.

Männer sind aktiv, Frauen sind Deko. Schade, dass auch bei der EU anscheinend niemand sitzt, der oder die sich schon etwas länger mit der Forschung zu Stereo­typen befasst. Oder irgend­jemand, der das Projekt Drawings of Scientists kannte. Da lernen Kinder „echte“ Wissen­schaftler­_innen kennen und lernen, dass sie „ganz normale“ Menschen sind. Immerhin: Inzwischen kommen sie auch zu Wort, wie Daniela Wolf, die Informatik­didaktik studiert.


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