Einträge mit dem Tag ‘Frauenrechte’


Wer war… Fanny Lewald?

24. März 2011 von Magda
Dieser Text ist Teil 26 von 31 der Serie Wer war eigentlich …

Fanny Lewald, geb. Markus, wurde heute vor 200 Jahren am 24. März 1811 in Königsberg als ältestes von neun Kindern geboren. Sie war eine deutsche Schriftstellerin und setzte sich für Frauenrechte ein.

Fanny Lewald (Wikimedia Commons)

Fanny Lewald (Wikimedia Commons)

Bis zum 14. Lebensjahr besuchte Fanny eine Privatschule, danach war ihre Ausbildung offiziell beendet – ein Universitätsstudium blieb ihr verwehrt. Fanny verließ die höhere Töchterschule, um sich mit Handarbeit, Hausarbeit und Klavierspielen auf das Leben einer Ehefrau und Mutter vorzubereiten – so wie ihr Vater es wünschte.

Schon als Kind spürte Fanny antisemitische Ressentiments; mit 19 Jahren trat sie formal zum protestantischen Glauben über. Ein Jahr später nahm die gesamte Familie den Namen Lewald an, wohl in der Annahme, dadurch nicht mehr sofort als “jüdisch” erkennbar zu sein.

Ab 1840 wurde Lewald schriftstellerisch tätig und veröffentlichte bis zu ihrem Tod Dutzende von Romanen, Märchen, Briefe und autobiographische Schriften, teils anonym, aus Rücksicht auf die Familie. Als 34jährige zog sie nach Berlin und versuchte durch das Schreiben ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

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UN Women nimmt ihre Arbeit auf

1. Januar 2011 von Magda

Am 2. Juli stimmte die Generalversammlung der Vereinten Nationen (United Nations, kurz: UN) einstimmig für die Einrichtung eines neuen Ressorts, das sich um die Belange von Frauen und Mädchen weltweit kümmern soll. Die UN Women vereint die vier Institutionen, die sich im Rahmen der Vereinten Nationen bislang mit Frauenförderung und Gleichstellung beschäftigen.

Die Chefin der neuen UN-Frauenorganisation ist Michelle Bachelet, die frühere Präsidentin Chiles, die am heutigen Tage ihre Arbeit aufnimmt. UN Women wird über ein Jahresbudget von mindestens 500 Millionen Dollar verfügen, was etwa einer Verdopplung der Mittel entspricht, die die Vorgängerorganisationen insgesamt zur Verfügung hatten.

Kontrovers diskutiert wurde im Vorfeld die Zusammensetzung des Leitungsgremiums. So bewarben sich zum Beispiel elf Länder um jeweils einen der insgesamt zehn Sitze Asiens in dem 41-köpfigen Gremium. Saudi-Arabien ist dabei. Ein Land fiel raus: der Iran (dieStandard.at berichtete).

UN Women hat drei Hauptziele*:

  1. Unterstützung von zwischenstaatlichen Institutionen und deren Politikformulierung bezüglich globaler Richtlinien und Grundsätze in der Geschlechterpolitik
  2. Unterstützung von Mitgliedsstaaten zur Implentierung dieser Richtlinien, was die Bereitstellung finanzieller und konzeptioneller Hilfen für jene Länder beinhaltet, die um Hilfe bitten; Aufbau von Beziehungen mit Zivilgesellschaften
  3. Die Vereinten Nationen sollen zur Verantwortung gezogen werden hinsichtlich ihres eigenen Engagements in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit; Überprüfung interner Fortschritte

Nun gilt es herauszufinden, was die UN Women leisten kann. Die formulierten Ziele lassen eine Vielzahl an Fragen offen: Wie sehen die globalen Richtlinien und Grundsätze aus, die in den Ländern, die um Hilfe ersuchen, implementiert werden? Welche Länder beantragen überhaupt Unterstützung, welche Bedingungen müssen sie erfüllen? Wie vielfältig werden die Geschlechterpolitik(en) und die sich daraus entwickelten Strategien sein? Nach welchen Kriterien werden zivilgesellschaftliche Kooperationen aufgebaut?

All dies wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Die Einrichtung der UN Women ist ein wichtiger und symbolträchtiger Schritt, welches die Notwendigkeit einer Sensibilisierung für Geschlechterverhältnisse erkennt und die Verantwortung für nachhaltige Geschlechterpolitiken übernimmt. Wir werden sehen, wieviel Aktivismus und Nachhaltigkeit in dieser Symbolhaftigkeit steckt.
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* Meine Übersetzung. Korrekturen und/oder Verbesserungsvorschläge sind sehr willkommen!


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Für den langen Winterabend: Die Autobiographie von Emma Goldman

27. Dezember 2010 von Verschiedenen
Dieser Text ist Teil 48 von 60 der Serie Die Feministische Bibliothek

Maike Landwehr, 1983 geboren und alleinerziehenderweise vom Vater großgezogen, erkannte schon früh die Idiotie von Geschlechterrollen. Auf die Verweigerung mit Puppen zu spielen und sich “niedlich” anzuziehen, folgte schließlich ein Studium in Hamburg, bei dem sie sich mit Männerphantasien und Frauenbildern in Geschichte und Literatur beschäftigt hat. Maike wird uns heute die Autobiographie „Gelebtes Leben“ von Emma Goldman vorstellen.

„Gelebtes Leben“ (im Original: Living my Life) – der Titel passt: Emma Goldman (1869-1940) hat ihr Leben gelebt, oft kompromisslos, häufig uneigennützig und immer unangepasst. Mit 20 Jahren betrat eine junge Frau die Großstadt New York, sie selbst zählte ihre Lebensjahre später von diesem Zeitpunkt an, denn die Stadt und die Menschen, die sie hier traf und kennenlernte, politisierten sie stark und weckten einen äußerst rebellischen Geist in ihr. In den damals noch jungen Vereinigten Staaten herrschte eine politische Realität, gegen die sie ihr Leben lang ankämpfen sollte.

Der so genannte Haymarket Riot war brutal und für mehrere der Mitorganisatoren tödlich niedergeschlagen worden und veranlasste neben Goldman noch viele andere, sich gegen die menschenverachtende Arbeitssituation in Fabriken und Betrieben zu wehren. Goldman war es dabei wichtig, nicht in einen starren Dogmatismus zu verfallen, sondern stets auch die Meinungen ihrer Mitstreiter_innen wie die ihrer Gegner_innen anzuhören. Ihr besonderes Anliegen war die Durchsetzung der Redefreiheit in ihrem Land. Einem Land, das sich selbst als Demokratie bezeichnete, dessen ständige Missachtung demokratischer Rechte Goldman jedoch täglich registrierte. (weiterlesen …)


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Deutsche Entwicklungshilfe verzichtet zukünftig auf Frauen

26. November 2010 von Nadine

Bürokratieabbau in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit: Im kommenden Jahr sollen die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) und die Gesellschaft für Internationale Weiterbildung und Entwicklung (Inwent) in der neu zu gründenden Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) aufgehen. Werden die Pläne nach den Wünschen des Bundesministeriums für Entwicklung unter Leitung von Dirk Niebel umgesetzt, wird der siebenköpfige Vorstand von GIZ nur aus Männern bestehen, berichtet die Berliner Zeitung heute.

Massive Kritik an diesem Vorhaben erntet Niebel nicht nur von der Opposition, sondern auch von den Mitarbeiter_innen der Entwicklungsorganisationen:

Mit Unterschriftenaktionen und Briefen protestieren Mitarbeiter gegen die Pläne. “Wir machen uns weltweit zum Gespött”, sagte ein GTZ-Mitarbeiter der Berliner Zeitung. Weltweit werde die deutsche Entwicklungshilfe für ihre frauenfördernden Projekte ausgezeichnet. “Nur wir selbst folgen dem Beispiel nicht.”

Weiterhin sollen auch auf der mittleren Führungsebene Posten wegfallen. Auch die, die derzeit von Frauen besetzt sind.


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Wer war… Hedwig Dohm?

20. September 2010 von Magda
Dieser Text ist Teil 20 von 31 der Serie Wer war eigentlich …

“Die Frau soll studieren, weil sie studieren will, weil die uneingschränkte Wahl des Berufs ein Hauptfaktor der individuellen Freiheit, des individuellen Glücks ist.” Hedwig Dohm, 1876

Hedwig Dohm (geborene Schlesinger) wurde am 20. September 1831 als viertes von insgesamt 18 Kindern in eine arme Berliner Familie geboren. Während ihrer Kindheit litt sie unter der prügelnden Mutter und der Tatsache, dass ihr als Mädchen nur eine kurze Ausbildung gewährt wurde.

Hedwig Dohm, um 1870

Hedwig Dohm, um 1870

“Warum mußte ich heimlich, als wär’s ein Verbrechen, lesen? Warum durfte ich nichts lernen? Meine Brüder wollten und mochten nichts lernen und wurden dazu gezwungen.” (fembio)

Dohm, die später Schriftstellerin wurde und Zeit ihres Lebens für die Rechte von Frauen eintrat, ging mit 15 Jahren von der Schule ab und musste sich fortan um den Haushalt kümmern, während ihre Brüder das Gymnasium besuchen durften. Einige Jahre später wurde ihr doch gestattet, eine Ausbildung zur Lehrerin zu absolvieren.

Mit 22 Jahren heiratete sie Ernst Dohm, den Chefredakteureines eines satirischen Wochenblattes. In den nächsten Jahren brachte sie fünf Kinder auf die Welt, einen Jungen und vier Mädchen. Dohm war es wichtig, dass alle ihre Töchter eine Berufsausbildung erhielten, da sie Erziehung und Bildung und nicht die Biologie für die Entwicklung aller Individuen verantwortlich sah.

In der ersten Hälfte der 1870er Jahre erschienen Dohms erste feministische Schriften, unter vielen anderen “Die wissenschaftliche Emancipation der Frau“, in der sie die rechtliche, soziale und ökonomische Gleichberechtigung von Frauen und Männern forderte. Auch war sie zu jener Zeit eine der ersten, die sich für das Frauenwahlrecht einsetzte.

Mehr Informationen zu Dohms Biographie und eine Sammlung ihrer Essays, Romane und Erzählungen findet ihr auf zeno.org. Ein Kurzfilm zu Hedwig Dohm mit Interviews u.a. mit Alice Schwarzer und szenischen Lesungen gibt es auf youtube.
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Für die Reihe “Wer war…” freuen wir uns über eure Vorschläge oder auch Gastblogger_innen, die ihre Lieblingsfeminist_innen vorstellen. Vorschläge/Beiträge einfach an post[at]maedchenmannschaft[dot]net senden.


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Rechtlosigkeit trifft Fanatismus: Selbstmord-Attentäterinnen im Irak

27. November 2009 von Magda

Die Leiterin des Baghdad-Büros der New York Times, Alissa J Rubin, schrieb auf guardian.co.uk einen interessanten Artikel mit dem Titel  Inside the Mind of a Female Suicide Bomber, in dem sie die Beweggründe irakischer Selbstmord-Attentäterinnen skizziert.

In den letzten Jahren gelang es anti-amerikanischen Widerständlern immer seltener, geplante Anschläge in die Tat umzusetzen, da auf öffentlichen Plätzen und vor Regierungsgebäuden in Irak auf Grund von sich häufenden Selbstmordattentaten erhöhte Sicherheitsstufen implementiert wurden. Die Tatsache, dass Frauen weniger als potentielle Täterinnen gesehen und demnach seltener auf Sprengstoff untersucht werden, benutzten die Widerständler zu ihrem Vorteil:

Quelle: http://alhannah.com

www.alhannah.com

Die weite und bodenlange Abaya, das traditionelle Gewand vieler Irakerinnen, ist das ideale Versteck für Unmengen an Sprengstoff. Auf Verdacht eines Attentats müsste man demnach alle Frauen untersuchen, die dieses Gewand tragen, was bei der verhältnismäßig kleinen Anzahl an den in Irak stationierten Soldatinnen kaum möglich ist. Wie Rubin betont, spielt hier außerdem eine Rolle, dass AmerikanerInnen im Umgang mit irakischen Frauen angeblich eher vorsichtig sind, um die “Sittsamkeit” der Irakerinnen durch Durchsuchungen nicht zu verletzen.

Bisher haben sich rund 60 Selbstmord-Attentäterinnen in die Luft gesprengt und mehrere hunderte Menschen mit in den Tod gerissen. Attentäterinnen bekommen für ihren “Dienst” weniger Lohn als ihre männlichen Pendants. Wie Rubin beschreibt, spielt Rache an den amerikanischen BesetzerInnen und religiöser Eifer eine bedeutende Rolle für Frauen. Die meisten der Attentate fanden im Jahre 2007 und 2008 statt – die Zahlen gingen dieses Jahr insgesamt für Männer und Frauen zurück. Auf Grund der hohen Todesrate der Selbstmord-AttentäterInnen ist es selbstverständlich schwierig, sie zu verhören und ihre Beweggründe zu verstehen.

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Nicht aufgeben

23. Juni 2009 von Barbara

Auch wenn die iranische Regierung nach der Präsidentschaftswahl quasi eine Nachrichtensperre für aktivistische und kritische Meinungen verhängt hat, bloggt das Team von “4equality“ in Iran weiter und fordert weiterhin mehr Rechte für iranische Frauen. Dieser Eintrag ist von gestern:

We, the undersigned activists of the women’s rights movement, condemn the violence and humiliation that has continued to be perpetrated against Iranian women and men in recent years and which is aimed at repressing them. We emphasize our continued commitment to achieving the demands of the women’s rights movement, which has had a profound role in educating the public and in civil struggles in recent years, and we express our solidarity with those who protest the results of this election. We demand that those arrested in recent days be released without condition and we call for securing and protecting civil and political freedoms.

Mein Mailkontakt zu einer der Bloggerinnen ist seit drei Tagen abgerissen. In ihren letzten Mails schrieb sie, dass 3 Personen in der Azadi Street in Teheran getötet wurden, dass 5 Studierende an der Universität in Teheran getötet wurden und 1 Person in Shiraz … die Polizei überwacht ihre Telefone, sie ist in Gefahr, und die Islamische Regierung verhaftet Aktivisten …

Ich denke an euch.


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Gleichbehandlung in Sachen Spätabtreibung

23. Juni 2009 von Barbara

Auf Spiegel Online gibt es ein Interview mit der Psychiaterin Anke Rohde zum Thema Spätabtreibung (über die Neureglung haben wir bereits berichtet). Eine Idee gefällt mir gut daraus:

Die Politik müsste dafür sorgen, dass im Sinne der Gleichbehandlung Frauen in allen Regionen Zugang zu diesen Eingriffen haben. Zum Beispiel, indem nur wenige hochqualifizierte Zentren diese spezielle Diagnostik durchführen dürfen, die dann auch offiziell zuständig sind für die Indikationen und die Abbrüche. Das setzt voraus, dass diese Zentren neutral geführt werden. Die Kollegen dort dürfen als Maßstab nur die körperliche und seelische Gesundheit der Frau sehen, so wie es das Gesetz verlangt, und nicht eine Weltanschauung.

Diese Gleichbehandlung sollte natürlich nicht nur den gleichen, direkten, freien Zugang ermöglichen. Sondern Hand in Hand mit einer Legalisierung gehen. Denn nach wie vor bezweifle ich, ob es das richtige Zeichen von Seiten des Gesetzgebers ist, die Entscheidung “Schwangerschaftsabbruch oder nicht” mit Einführung eines Bußgeldes bei Missachtung der offiziellen Regeln in die gefühlte Nähe einer Geschwindigkeitsübertretung beim Autofahren zu rücken.


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Von einem Matriarchat

16. Juni 2009 von Barbara
Dieser Text ist Teil 29 von 60 der Serie Die Feministische Bibliothek

Der argentinische Arzt, Journalist und Fotograf Ricardo Coler hat bereits mehrere Bildbände und Reportagen über Matriarchate veröffentlicht. Sein 2005 in Argentinien erschienenes Buch „Das Paradies ist weiblich“ über eine ethnische Minderheit in China, die Mosuo, wurde in Argentinien schnell zum Bestseller. Nun ist es auf Deutsch erschienen. Coler besuchte für längere Zeit die Mosuo. Eine Gemeinschaft von etwa 35.000 Menschen in der Provinz Yunnan. Sie betreiben Ackerbau und Viehzucht sowie Handel mit den benachbarten Dörfern. Sie sind gläubige Buddhisten und leben in einem Matriarchat. Was bedeutet die Umkehrung der für uns gängigen Machtverhältnisse für den Alltag dieser Menschen? Einige Beispiele:

  1. Die Mosuo leben zusammen mit ihren Blutsverwandten: Familienoberhaupt ist immer eine Frau – die Matriarchin. Das kann die Großmutter, die Mutter oder die älteste Tochter sein. Alle anderen Familienmitglieder ordnen sich der Matriarchin unter. Sie sind alle mit ihr verwandt – ist es etwa die Großmutter, sind es ihre Töchter und Söhne, Enkeltöchter und Enkelsöhne. Die leiblichen Väter leben nicht mit ihren Kinder oder Partnerinnen zusammen.
  2. Es gibt keine feste Partnerschaft zwischen Mann und Frau wie wir sie kennen, sondern etwas, das im Buch als „Besuchsehe“ bezeichnet wird. Jeden Abend empfängt eine Mosuo-Frau einen Mosuo-Mann ihrer Wahl als Besuchs-Geliebten. Es kann jede Nacht derselbe, oder auch jede Nacht ein anderer sein. Der Mann bleibt über Nacht, zeugt möglicherweise ein Kind, und verlässt im frühen Morgengrauen wieder das Zimmer der Frau. An ihrem Alltagsleben und an ihrer Familie nimmt er keinen Anteil.
  3. Die Frauen haben das Sagen. Und die Arbeit – sie packen mit an, schmeißen den Haushalt und kontrollieren das, was die Männer in ihrem Auftrag erledigen. Lediglich in ganz großen Belangen fällen Männer Entscheidungen, z. B. im Viehkauf oder Hausbau. Coler zitiert dazu eine der Matriarchinnen: „Große Entscheidungen, na ja, nichts wirklich Wichtiges, aber das können die Männer, und sie nehmen uns damit das ein oder andere Problem ab.“

Schwer vorzustellen, ein solcher Alltag. Diese Macht der Frauen scheint die Männer sehr zu entmündigen. Das Zusammenleben der Mosuo erscheint auch Coler nicht sehr ausgeglichen:

„Wie es einer Gemeinschaft von Müttern entspricht, werden die Männer wie Kinder behandelt. Ich frage mich, ob das nicht Einfluss auf die erotische Anziehungskraft dieser Männer hat. Die Frauen verhalten sich wie verantwortungsvolle Erwachsene, sie nehmen ihre Arbeit ernst. Der Mann hingegen erhält Befehle, er wird gescholten, … verbringt viel Zeit mit seinen Freunden, fühlt sich für nichts verantwortlich, wechselt ständig die Geliebte und wohnt das ganze Leben bei seiner Mutter.“

Warum begehren die Mosuo-Männer nicht auf? Fordern Gleichberechtigung?

An manchen Punkten jedoch hat das Matriarchat richtiggehend Vorbildcharakter: Eine Matriarchin zum Thema Kinder & Beruf:

„Eine Frau bekommt ihr Kind und bleibt fast ein Jahr bei ihm. Sie gibt ihm zu essen und beschäftigt sich mit ihm. Wenn es Zeit wird, zur Arbeit zurückzukehren, übergibt sie den Sprössling der Großmutter. Und die älteren Tanten sind ja auch noch da. Die Mutter kann in ihren gewohnten Alltag zurückkehren, und das Kind wächst trotzdem im häuslichen Umfeld auf.“

„So einfach ist das“, meint Coler dazu. Klingt einfach, aber ist es das auch? Fehlt dem Kind nicht der leibliche Vater? Nach dem Lesen dieses Buches bleiben Fragen unbeantwortet. Man möchte selbst nach China reisen und Antworten auf die Fragen suchen, die das Buch nicht beantwortet oder gar nicht erst stellt. Warum hat sich bei den Mosuo ein Matriarchat entwickelt? Warum hat es so lange durchgehalten, als Ausnahme im patriarchalischen China? Und warum haben nicht auch einige der umliegenden Regionen diese Gesellschaftsform übernommen? Seit Maos Herrschaft, so schreibt Coler, hat die chinesische Regierung zwar immer wieder versucht, die Mosuo umzukrempeln. Zwangsehen, Zwangswohngemeinschaften, strenge Gesetze – was auf Dauer aber alles nichts bewirkt hat. Einige Soldaten seien bei den Mosuo geblieben, weil ihnen die selbstbewussten Frauen so gut gefallen hätten.

An manchen Stellen erscheinen mir Colers Fragen etwas boulevardesk. Er möchte von den Mosuo für meinen Geschmack zu häufig wissen, wie sie über Verlieben, Eifersucht, Fremdgehen oder dem Bedürfnis nach fester Bindung denken. Die anderen wichtigen Themen wie z. B. dass es keine Homosexualität bei den Mosuo gibt (Warum? Kann das sein? Oder hat man ihm das einfach nicht erzählen wollen?), dass die Mädchen in der Schule immer gut und wissbegierig sind, die Jungen aber nicht, und deswegen die Schulen auch oft wieder verlassen müssen (Liegt das hier an der Erziehung? Warum sind die Jungen eher nur am Dösen und Spielen, nicht am Lernen interessiert?), kommen leider etwas kurz. Dennoch bleibt „Das Paradies ist weiblich“ ein höchst interessanter Einblick in ein lebendiges Matriarchat.

Ricardo Coler, „Das Paradies ist weiblich. Eine faszinierende Reise ins Matriarchat.“ Aufbau Verlag, 2009. Gebunden. 165 Seiten.

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Frau sein in Afghanistan

4. Mai 2009 von Barbara
Dieser Text ist Teil 26 von 60 der Serie Die Feministische Bibliothek

Wer Khaled Hosseinis Bestseller „Drachenläufer“ und „Tausend strahlende Sonnen“ liest, gewinnt einen bleibenden Eindruck von Afghanistan, dem Alltag in Kabul und der Veränderung dieses eigentlich friedlichen, traditionellen Lebens durch die sowjetische Besatzung und die spätere Machtergreifung der Mudschaheddin. Doch das, was bei Hosseini Fiktion ist, die sich auf historische Fakten stützt, ist in Mári Saeed Buch „Mein Kabul – mein Deutschland“ Wirklichkeit.

Saeed geboren 1966 in Kabul, wächst bei ihren Eltern und ihren älteren Geschwistern in einem liberalen, wohlhabenden Zuhause auf. Im Gegensatz zu vielen anderen Familien freut sich ihr Vater über ihre Geburt, trotz der Tatsache, dass sie nur eine weitere Tochter für ihn ist. Diese Freude ist wohl eine Reaktion auf seine eigene Kindheit, über die sie schreibt: „Vor allem die Frauen waren benachteiligt worden. Das empfand er als falsch. Er war deshalb sein ganzes Leben sehr bemüht, Frauen gegenüber gerecht zu sein. Für ihn war eine Tochter ebenso viel wert wie ein Sohn.“ Man kann sagen, dass im Verhalten ihres Vaters, in seinem Bemühen, seine Töchter nicht gegenüber seinen Söhnen zu benachteiligen, obwohl das für die afghanische Tradition eigentlich selbstverständlich ist, das Glück von Saeed begründet liegt.

Mári Saeed besucht die Schule, in der sie ehrgeizig und wissbegierig ist. Sie studiert in Russland und arbeitet, zurück in Afghanistan, als Ausbilderin für Lehrerinnen und Lehrer. Eine Heirat im Teenageralter – eine für ihre Heimat absolut übliche Angelegenheit – kann sie abwenden, wieder durch das Verständnis ihres Vaters, der ihr erlaubt, selbst zu entscheiden, wen sie heiraten möchte und wann. So verläuft ihr Leben anders als das ihrer Schwestern, die früh heiraten – und früh Leid erfahren.

Eine wird von ihrem brutalen Ehemann immer wieder gedemütigt und geschlagen. Eine muss mit ihren Kindern aus Afghanistan fliehen, nachdem ihr Ehemann aufgrund seiner politischen Gesinnung von den Taliban erschossen wird. Eine verliert zuerst ihre beiden Töchter, die mit Taliban zwangsverheiratet wurden; kurz darauf wird sie von ihrem eigenen Zwangsehemann, auch einem Taliban, wegen ihres Ungehorsams zu Tode geprügelt.

Auch Mári Saeed heiratet, und auch ihre Ehe ist problematisch, ihr Mann gewalttätig, und Hilfe vonseiten der Familie aufgrund starrer Traditionen und strengem Ehrbegriff fast nicht möglich. Da sie aufgrund ihres Russlandstudiums von den Taliban verfolgt wurde, flieht sie nach Deutschland. Dort lebt sie in Asylunterkünften, teils mit ihrem Mann, teils ohne ihn, immer in Sorge um ihre beiden Töchter, die unter der Gewalttätigkeit ihres Vaters sehr leiden. Ihre Ehe würde man mit westeuropäischen Maßstäben betrachtet als Katastrophe bezeichnen: Ihr Mann beleidigt sie regelmäßig, betrügt sie, schlägt sie und bedroht ihr Leben. Dass sie dieser Beziehung über lange Zeit, auch noch nach ihrer Flucht aus Afghanistan in Deutschland immer wieder eine Chance gibt, und sogar, nachdem sie mit den Kindern in ein deutsches Frauenhaus geflohen war, zu ihm zurückkehrt, erklärt sie mit der Angst vor der eigenen Freiheit. Sie versteht sich selbst auch im Vergleich mit dem Verhalten anderer Frauen in ähnlichen Situationen: „…häufig war ihnen zu Beginn schon der Gedanke an ein selbstständiges Leben allein zu riskant. Meistens gingen diese Frauen jedoch wieder zu ihren Männern zurück, weil sie keinen anderen Ausweg sahen.“

Als Mári Saeed endlich genügend Mut findet, ein Leben allein, aber in Freiheit zu führen, erkennt sie auch, dass sie anderen Frauen helfen kann, indem sie ihnen einen Weg in die Selbstständigkeit zeigt. Auch im deutschen Asylzuhause sieht sie Afghanistan als ihr Heimatland an, sie möchte besonders den Frauen dort helfen, etwa in dem sie den Bau eines Frauenhauses oder rechtliche und psychologische Unterstützung vor Ort zu ermöglichen versucht.

Der Schwachpunkt dieses Buches ist handwerklicher Natur; manche Passagen wirken wirr und unnötig redundant, auch ist die Sprache an einigen Stellen etwas ungelenk. Dies liegt wohl daran, dass Mári Saeed keine Muttersprachlerin ist und das Buch auf Deutsch verfasst hat, in Zusammenarbeit mit einer Coautorin, Liane Lehnhoff, die sich seit Jahren für Terre des Femmes engagiert.

Doch unabhängig dieser Schwäche bleibt diese Geschichte eine pulsierende Energiezelle: Es ist wichtig, etwas zu wollen, etwas aus dem eigenen Leben zu machen. Wissbegierig sein. Mut zu haben. Sich Verbündete suchen. Und nicht in eine Angststarre zu fallen. Denn Angst verhindert, dass man sich wehrt. Eine Frau kann sich wehren, erscheint ihre Situation auch noch so ausweglos. Als Mári Saeed zusieht, wie ihr Mann seine Mutter schlägt, schreit sie laut auf. „Ich hatte mich durch mein Schreien gewehrt. Und er hatte vor diesem Schrei Angst bekommen, denn alle anderen geschlagenen Frauen, die er kannte, wehrten sich nicht, sondern erniedrigten sich flehend und jammernd.“

Mári Saeeds Geschichte ist gut ausgegangen. Und gibt denen Hoffnung, die noch für ein gutes Ende kämpfen müssen, ob in Afghanistan oder in Deutschland. Wie Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von Terre des Femmes im Nachwort des Buches schreibt: „Die couragierte Menschenrechtlerin leistet einen unverzichtbaren Beitrag, damit die Menschen der beiden Kulturkreise miteinander ins Gespräch kommen. … Denn: Afghaninnen – ob sie nun in der Heimat oder in Deutschland leben – wollen frei und in Würde leben.“

Mári Saeed, „Mein Kabul – mein Deutschland. Máris mutiger Weg zwischen den Kulturen.“ Christel Göttert Verlag, 2008. Paperback. 315 Seiten. 19, 80 EUR. www.christel-goettert-verlag.de

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