“Was läuft eigentlich schief in einem Land, in dem eine alleinerziehende Mutter (gebildet, nicht arm, früher erfolgreich im Beruf, nette Verwandte) kaum über die Runden kommt? Ein ganz normaler Fall aus München” – so beginnt die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter mit zwei Kindern, kürzlich im SZ-Magazin (der Text ist leider online nicht mehr verfügbar) abgedruckt.
Nun ist die Vorweihnachtszeit ja nicht nur für Plätzchen, Glühwein und Mistelzweig-Küsse wie gemacht. Sondern auch, um das Gewissen all derjenigen zu belasten, denen es eher gut geht als schlecht, indem viel über diejenigen berichtet wird, denen es eher schlecht geht als gut. Unabhängig von diesem Mechanismus lohnt sich die Lektüre dieses Artikels – außerdem ist die Vorweihnachtszeit ja nun beendet:
Vielleicht ist die Geschichte meiner Nachbarin gar nicht besonders tragisch. Und vielleicht ist das das Schlimme daran. Auf dem Papier ist sie nicht arm, sie bezieht kein Hartz IV, und damit geht es ihr offiziell nicht so schlecht wie anderen alleinerziehenden Müttern am Ende des Jahres 2009: Denn Armut in Deutschland ist vor allem ein Problem von Alleinerziehenden und Migranten, bestätigt wieder und immer noch eine Studie, in diesem Jahr veröffentlicht vom Institut für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn.
Demnach leben vierzig Prozent aller alleinerziehenden Mütter von Hartz IV; und dies sei, sagt die Studie, »maßgeblich auf die überdurchschnittliche Zunahme einkommensschwacher Alleinerziehender zurückzuführen, deren Zahl von 1996 bis 2006 um 925 000« anstieg. Nur fünf Prozent der 2,2 Millionen Alleinerziehenden sind Väter, fast allen geht es finanziell besser. Wenn nun meine Nachbarin nicht zum großen Heer der Armen gehört, wie viel kann ich von ihrem Schicksal erzählen, bis sich der Erste denkt: Also bitte, da ist sie schließlich selbst dran schuld?
(…)
Noch nie, das sollte man festhalten an dieser Stelle, ist sie auch nur eine Minute in einer Talkshow gesessen und hat ihr Leid geklagt, auch wenn der Autor Henryk M. Broder das pauschal Alleinerziehenden vorwirft wie vor Kurzem in seiner Kolumne in der Schweizer Weltwoche; aber die Inderinnen lobt er in den Himmel, denen es viel schlechter gehe – die aber schwiegen und schufteten stumm. Nein, Alleinerziehende sind heute nicht mehr gesellschaftlich geächtet, die Gesetze, die sie und die Kinder schützen, werden besser. Und doch kann kaum einer sich tragen lassen von der Gewissheit, das Menschenmögliche ausgeschöpft zu haben, sie zu unterstützen.