Einträge mit dem Tag ‘Frage der Freiheit’


Let’s Work It

29. August 2011 von Verena
Dieser Text ist Teil 19 von 20 der Serie Sex am Morgen

Dieser Morgen-Sex ist ein richtig hartes Stück Arbeit. Die Vulva-Spots verlinken dieses Mal nicht nur fluffig-leichtes Zeug für nen Quickie, sondern auch lange und interessante Texte, die mehr euren Kopf als euren Körper beschäftigen dürften. Das gilt auch fürs Kopfrechnen, denn es gibt gute Methoden, im Internet die Kohle zu kriegen, um mit den eigenen Projekten dem sexuellen Mainstream etwas entgegen zu setzen.

Eine neue US-Studie will heraus gefunden haben, dass Promiskuität bei jungen Frauen einen messbar negativen Einfluss auf ihr Bildungsniveau habe. Haha, da kann man echt nur drüber lachen. Das Magazin “Materialien und Informationen zur Zeit” (MIZ) tut genau dies und enttarnt in einem äußerst lesenswerten Artikel die christliche Keuschheitsbewegung, die hinter solchen Erkenntnissen steckt.

Rachel Rabbit White bloggt über “(A)sexual”, die Dokumentation über den New Yorker Asexuellen-Aktivisten David Jay.  Toll, dass ausgerechnet eine Sex-Bloggerin schreibt, das keinen Sex zu haben auch völlig in Ordnung sei – auch wenn es Gegenstimmen gibt, die sagen, wer keinen Sex habe bzw. sich nicht sexuell fühle, unterdrücke etwas. Da sind wohl noch einige Fragen offen – weiß auch White und stellt diese einfach mal in die UserInnen-Runde.

In den USA fand vergangenen Sonntag erneut der Oben-ohne-Tag statt, der die Gleichberechtigung weiblicher Oberkörperfreiheit fordert. Focus.de zeigt einen Video-Beitrag, der – ähnlich wie bei den Slutwalks – das geil-auf-nackte-Haut-Interesse dokumentiert. Lieber mal bei gotopless.org umschauen und, wie es aussähe, wenn Männer ihre Oberkörper mit Bikinis verdecken müssten.

Moskau hat sein erstes Sex-Museum jubelt sueddeutsche.de. Da steht zwar ein Riesen-Phallus am Eingang, aber die Vulva lässt sich nur an den Darstellungen von Stripper-Puppen und anderen ‘sexy’ Exponaten erahnen. Überhaupt, Russland pflegt die übliche Doppelmoral, traditionelle Werte hochzuhalten und gleichzeitig Bikini-Mädchen und Miss-Wahlen für öffentliche Veranstaltungen zu nutzen.

An ein Projekt glauben, aber kein Geld für die Realisierung haben? Crowdfunding, also Geld übers Internet sammeln, könnte die Lösung sein. In nur zwei Tagen konnten Designer so einen neuartigen Vibrator finanzieren lassen, auch der ‘PorNeofilm’ “Hotel Desire” mit Schauspielern wie Clemens Schick und Anna Maria Mühe konnte so realisiert werden.


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Mutterschaft als feministisches Thema

26. August 2011 von Anna-Sarah

Im Themenspecial „Bambini statt Bambule – wenn Linke zu Eltern werden” der Jungle World erschien gestern ein äußerst lesenswerter Artikel von Sonja Eismann, in welchem sie feststellt:

“Während in den siebziger Jahren Feministinnen Kinderläden gründeten, ist Mutterschaft in feministischen und queeren Debatten heute kein großes Thema mehr. Das sollte sich ändern.”

Eismann, u.a. und übrigens gemeinsam mit Mädchenmannschaftskollegin Verena im Team des Missy Magazine, beschreibt treffend und anschaulich die wider­sprüchlichen, aber wirkmächtigen Erwartungshaltungen, die an (werdende) Mütter von verschiedenen Seiten herangetragen werden – und kommt dabei schönerweise  ganz ohne das in diesem Themendunstkreis gerne mal herum­lungernde Femi­nis­mus­bashing aus, was von einer Sonja Eismann aber natürlich auch nicht anders zu erwarten war:

“Während ich im Verlauf der Schwangerschaft mit unzähligen Vorschriften und Regulierungen meines Verhaltens zum Wohl des ungeborenen Kindes als verantwortungsbewusste werdende Mutter vergesellschaftet werden sollte, wurden aus dem »alternativen Milieu« ganz umgekehrte Anliegen an mich herangetragen, die von der Angst zeugten, ich könne mich diesem Prozess widerstandslos unterwerfen. Vorsorgeuntersuchungen, Verhaltensvorschriften, Medikamente, Kurse und massenweise Produkte auf der einen Seite, Ängste vor Verspießerung und Akzeptanz des Status quo durch gezügelten Ausgeh- und Genussmittelkonsum auf der anderen.”

(Full disclosure: Ich selbst beobachte an mir bisweilen duchaus auch das notorisch schlechte Muttergewissen – allerdings weniger meinem Kind gegenüber, weil es seit Jahren auch “fremdbetreut” wird, wie es so bezeichnend heißt, sondern eher meinem feministischen Bewusstsein gegenüber, weil ich überhaupt ein Kind bekommen habe. Schon allein deshalb, wie jede_r, die/der Verantwortung für ein kleines Kind trägt, weiß: Jeglicher Selbstbestimmung im auch nur halbwegs engeren Sinn wird damit erstmal ruckartig der Boden unter den Füßen weggezogen. )

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Unter der Gürtellinie, aber abseits des Mainstreams

25. August 2011 von Verena
Dieser Text ist Teil 55 von 60 der Serie Die Feministische Bibliothek

Titelbild des Buches „Sex und Subversion - Pornofilme jenseits des Mainstreams“ mit 2 Szenen aus PornofilmenWie toll ist es eigentlich, sich durch ein Buch über Pornofilme zu lesen, während es nebenan die Nachbarn lautstark bei geöffnetem Fenster treiben? Aber das nur so nebenbei. Oliver Demny, der dieses Buch zusammen mit Martin Richling herausgegeben hat, stellt seinem Vorwort zwei Literaturbeispiele zur Seite: Norman Mailers „Der Mann, der Joga studierte“ und Boris Vians „Liebe ist Blind“. Hier geht es um mehr, hier geht es um „Pornofilme jenseits des Mainstreams“, wie der Untertitel dieser Anthologie verrät. Beim ersten Durchblättern fühlt man sich an die Testcard-Ausgaben des Ventil-Verlags erinnert.

Dieser Eindruck verliert sich aber schnell wieder. „Sex und Subversion“ ist zum großen Teil aus der Perspektive von FilmwissenschaftlerInnen geschrieben, die zwar auch den historischen und soziologischen Seitenblick riskieren, aber trotzdem oft zu nah am Zelluloid bleiben. So kommt der ein oder andere Beitrag nicht über die bloße Zusammenfassung einzelner Pornos und detaillierter Szenebeschreibungen hinaus. Es ist durchaus interessant, über die Verquickung von Mensch und Maschine zu lesen, wenn aber nur die Titel mit kurzen Inhhaltsangaben aneinander gereiht werden, wünscht man sich expliziteres Porno-Nerd-Wissen im Hinterkopf oder eine andere Art von Annäherung an den Gegenstand. Ein Vorteil ist diese Szenenbeschreibung nur dann, wenn es darum geht, die Subversivität der „Indie-Pornos“ zu verdeutlichen – alles andere liest sich einfach nur langweilig. Vor allem dann, wenn das Konkrete von einfältiger Wortwahl begleitet wird.

Sie hat langes gewelltes, schwarzes Haar, schwarz nachgezogene Augenbrauen, große, durch dunkle Wimpern umrahmte Augen und dunkelrot geschminkte sinnliche Lippen. Ihre weiße Bluse ist vorne offen, wird aber unter ihren drallen Brüsten von einem schwarzen Kostüm ähnlich einem Korsett zusammen gehalten, das durch einen Push-Up Effekt deren Fülle weiter betont. […] Ihre langen durchtrainierten, schlanken Beine sind nackt und enden in schwarzen High Heels.

Aber dieses Buch hat auch jede Menge Gutes. Unter drei Schwerpunkten widmen sich die AutorInnnen den Porno-Pionieren genauso wie Kapiteln zu “Porno & Gesellschaft” und der zeitgenössischen Porno-Kunst. Sowohl Josefine Mutzenbacher als auch Bruce la Bruce finden Erwähnung und auch Feminismus und Queerness tummeln sich auf der Spielwiese des Subversiven. So untersucht Julia Frankenberger das feministische Potential von der Verfilmung des ‘Skandalromans’ „Baise-Moi“ und den Schluss des Buchs bildet die Podiumsdiskussion von sechs Porno­regisseurinnen während des Berliner Pornfilmfestivals 2009. Aber auch hier schläfert die Langatmigkeit zwangläufig ein. Wer sich dennoch wach halten kann, wird mit solchen Aussagen wie der von Shine Louise Houston belohnt:

Es gibt traditionell viele Diskussionen darüber, ob man das Wort Porno benutzen sollte, oder nicht. Solange nicht ein neues Wort für diese Sachen gefunden wird, ziehe ich es vor, das Wort Porno zu benutzen. Vor allem, weil es bei Pornos im Grunde genommen um sexuelle Stimulanz geht. Und meine Filme zeichnen sich definitiv durch sexuelle Stimulation aus. Darum benutze ich das Wort Porno – aber auch um die Filmgeschichte nicht zu missachten, denn ich baue auf einem Genre auf, das seit Anbeginn des Kinos existiert. Auch wenn es mit seinem eigenen Stigma besetzt ist: Wir transformieren es von Grund auf, besetzen es erfolgreich neu. Deshalb passt das Wort Porno auch für uns. (weiterlesen …)


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„Monster im Kopf, Prosa in den Händen“

11. August 2011 von Helga
Dieser Text ist Teil 77 von 103 der Serie WWW Girls

In jeder Folge der WWW Girls stellen wir euch eine Bloggerin und ihr Weblog vor. Heute:

drüberleben
(auch auf Twitter und Facebook)

Wie heißt du?
Kathrin

Seit wann bloggst du?
drueberleben.de betreibe ich seit Oktober 2010. Davor habe ich jedoch auch immer mal wieder andere Blogs geführt. Angefangen habe ich damit ungefähr 2003.

Drei Bloggerinnen mit weißen Laptops auf denen der Venusspiegel prangt, darum der Slogan - Feminists of the WWW: unite

(c) Frl. Zucker, fraeuleinzucker.blogspot.com

Warum hast du damit angefangen?
Mir hat schon immer der Gedanke gefallen, dass das Internet jedem die Chance gibt, Texte, Gedanken, Bilder, Videos zu veröffentlichen – jenseits von Verlagen, Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsendern. Die Freiheit und Autonomie, die Möglichkeit selber zu entscheiden, was veröffentlicht werden-, was eine Leserschaft finden soll, ist wichtig, damit eine breite Kultur- und Interessenlandschaft entstehen kann. Mir hat das Veröffentlichen geholfen, interessante Menschen kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen und Kritik zu erhalten, die mich in meinem Schreiben und Denken weitergebracht hat. Außerdem hat mir das Internet damals die Möglichkeit gegeben, einen Blick aus der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, zu werfen und zu sehen, dass es da noch viel, viel mehr gibt, dass es Gleichgesinnte und Weggefährten gibt und dass ich Kontakt zu ihnen halten kann – bis ich endlich alt genug war, wegzuziehen.

Worüber schreibst du?
Bis vor einiger Zeit war mein Blog thematisch begrenzt, dann habe ich mich jedoch entschieden, meinem Kopf zu gestatten, sich auch mal wieder dem ganz alltäglichen Irrsinn zu widmen. Seitdem schreibe ich über alles, das mir in den Sinn kommt, am meisten jedoch über Monster im Kopf, Prosa in den Händen und warum manchmal alles so schwierig ist, weil es gerade einfach sein könnte.

Was dir ohne Internet nicht passiert wäre:
Eigentlich waren das im Grunde alle Ereignisse, die mit drueberleben zu tun haben. Die Auszeichnung „Bloggerin 2010“ in diesem Jahr war für mich eine sehr große Freude und auch, dass mein jetziger Agent über das Internet und meine Artikel in verschiedenen (Online-) Magazinen auf mich aufmerksam geworden ist. Schlussendlich war und ist das ein ziemlich aufregendes und spannendes Jahr und ich erlebe viele Dinge, von denen ich nicht gedacht hätte, dass sie mir mal passieren könnten.

Wovon braucht das Internet mehr:
Ich glaube, dass das Internet schon von fast allem ziemlich viel hat. Was es weniger bräuchte: Trolle und Menschen, die glauben, dass Beleidigungen, Rassismus, Sexismus oder all die anderen infantilen, hasserfüllten Idiotien irgendwie dazu gehören. Ich wünsche mir oft, dass wir zu einem Moment zurückfinden, an dem man auch einfach mal etwas so lassen kann, wie es ist – womit ich meine, dass ich mich danach sehne, dass Menschen etwas, das sie lesen und nicht gutfinden, auch einfach mal ignorieren können. Dass nicht jedes Buch, jede Platte, jeder Artikel, den man nicht mag gleich auf irgendeiner Plattform zerrissen werden muss. Ich sehe mir das oft an und frage mich, ob diese armen Menschen wirklich nichts Besseres mit ihrer Zeit anzufangen wissen, als dümmliche Provokationen zu verbreiten. Ich bin überzeugt von konstruktiver Kritik – aber diese destruktiven Denksysteme haben mich schon immer angeekelt.

Frauen im Web…
bilden noch immer einen für meine Begriffe zu kleinen, aber zum Glück ziemlich lauten Chor (auch, wenn jeder sein eigenes Lied singt).

Deine tägliche Web-Lektüre:
Deine tägliche Web-Lektüre: Amazon auf der Suche nach neuen Büchern, Spiegel Online und die Blogs, die ich über meinen Facebookstream verfolge:
boschblog.de,
stylespion.de,
mevme.com,
nakedmenhappywomen.wordpress.com,
nach21.wordpress.com,
mutterseelenalleinerziehend.de,
anders-anziehen.blogspot.com
und einige andere, die man auch als Link-Liste auf meinem Blog finden kann (alle sehr empfehlenswert!)

Tipps und Bewerbungen für die WWW Girls an post(at)maedchenmannschaft.net.


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Schön Blöd

22. Juli 2011 von Verena
Dieser Text ist Teil 54 von 60 der Serie Die Feministische Bibliothek

Als Natasha Walter Ende der 90er ihr Buch „The New Feminism“ veröffentlichte, war sie optimistisch, dass die sexistischen Kämpfe der Frauenbewegung gewonnen seien und sich nun auf die politische und soziale Gleichstellung konzentriert werden könne. Ein Irrtum, wie die Britin einräumt: „Living Dolls“ beschreibt eine Generation von Frauen, die von Kindesbeinen an in eine rosa Puppenwelt gedrängt werden, die sie auch als Erwachsene nicht loslässt. Walter nennt es die „steckengebliebene Revolution“ und zeigt anhand zahlloser Beispiele auf, wie erstrebenswert es für junge Frauen heute offenbar ist, ein Leben als Puppe zu führen oder auf die erotische Ausstrahlung reduziert zu werden.

Noch folgenreicher ist jedoch, dass das Idealbild weiblicher Schönheit, dem Frauen nacheifern sollen, in einem Großteil unserer Gesellschaft in immer höherem Maße durch Sexualität und erotische Ausstrahlung definiert wird

Als „Living Dolls“ im vergangenen Jahr in England erschien, erzeugten Walters Thesen auch hierzulande ein Echo. Dass nun mit der deutschen Übersetzung eher wenig in den Medien passiert verwundert. Denn auch wenn Walter mit Glamour Modeling für Billo-Zeitschriften wie Nuts oder die aus dem Boden schießenden Table Dance Bars  auf britische Verhältnisse konzentriert, ihrer Beobachtungen gelten auch für uns. Und Walter wühlt ordentlich mit dem Zeigefinger in der sexuellen Pseudo-Befreiung unserer Zeit:

Meines Erachtens ist es an der Zeit, die übertriebene Weiblichkeit, die den Frauen dieser Generation als Ideal vermittelt wird, in Frage zu stellen. Das muss einerseits durch eine Kritik am Wiederaufleben des biologischen Determinismus geschehen, der uns einredet, Gene und Hormone legten und unausweichlich auf die traditionellen Geschlechterrollen fest. Zum anderen müssen wir die klaustrophobische Kultur, die vielen jungen Frauen weismacht, sie könnten nur durch Ausnutzen ihres Sex-Appeals Macht erlangen, auf den Prüfstand stellen.

Walter unterteilt ihr Buch in zwei Themenblöcke: „Der neue Sexismus“ und „Der neue Determinismus“. Im ersten Teil taucht sie ein in die Szene von Stripparties im herkömmlichen Clubbetrieb, Glamour Modeling und Lapdance-Bars; lässt junge Mädchen zu Wort kommen genauso wie ChefredakteurInnen, HerausgeberInnen und PR-ExpertInnen. Dabei sind es vor allem die zum Teil selbstentlarvenden Sätze der MedienmacherInnen als auch die resignierenden Erkenntnisse junger Mädchen, die mehr sagen als Walter es mit einer Analyse der Gegebenheiten tun könnte. So erklärt eine junge Frau:

Man braucht sich nur die Lapdance-Clubs anzuschauen, das sagt so viel über unsere Kultur aus. Die Männer darin sind ‚seriös’, sie tragen einen Anzug und haben ein Bankkonto, die Frauen sind ‚unseriös’, sie sind nackt und haben Schulden. (weiterlesen …)


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Bitte keine Tunten

28. Juni 2011 von Silviu
Dieser Text ist Teil 23 von 29 der Serie Neues vom Quotenmann

Wenn BerlinerInnen am vergangenen Wochenende auf dem CSD feierten, taten sie das aus guten Gründen. Denn sie haben tatsächlich eine Menge geschafft, während die Lage bei manch einem Nachbarn weniger erfreulich bleibt. Doch die vielen Erfolge dürfen auf keinen Fall darüber hinwegtäuschen, dass wir uns sozusagen nur in einer frühen Phase der Baustelle befinden.

Das Fundament aus formellen gesetzlichen Bestimmungen ist – bis auf einige wichtige Ausnahmen wie Steuergleichheit oder Kinderadoption – fertig. Die tragenden Strukturen unserer bunten Communities sehen auch ziemlich gut aus: Diverse Vereine und die unterschiedlichsten Szeneeinrichtungen artikulieren unsere Interessen und Stimmen oder geben uns die Möglichkeit, unsere unterschiedlichen Lebensprojekte auszuleben. Aber die Räume in unserem großen Haus haben immer noch den Aspekt des Rohbaus.

Die Heteronormativität der übrigen Gesellschaft und ein Rest an (latenter, tiefsitzender) Homophobie machen den Fortschritt schwierig. Doch nichts irritiert mehr als die eigene, verinnerlichte Homophobie oder Gender-Normativität, insbesondere dann, wenn sie als „natürlich“ und unproblematisch wahrgenommen wird. Im Zuge der Entpolitisierung weiter Teile der Bewegung in den 1980er und 1990er Jahren wurde auf die Hinterfragung vieler Elemente des alltäglichen Status-quo einfach verzichtet. Denn aus einer naiv-liberalen Perspektive darf eine unglaubliche Menge Vorurteile und Stereotypen als „spontane Präferenzen des Individuums“ gelten.

Ein genauerer Blick in die Community – ich beziehe mich jetzt auf die schwule, die ich am besten kenne – deckt tatsächlich auf, was die Kritiker des schwul-lesbischen Mainstreams seit Jahren beobachten: kleinbürgerlichen Rassismus, ein mangelhaftes soziales und politisches Bewusstsein und die Selbstgefälligkeit derjenigen, die sich selbst als „die Mitte der Gesellschaft“ sehen. Dabei scheint ein Spruch wie „Keine Asiaten, bitte“ schon salonfähig genug, um online in zahlreichen Dating- oder Socialising-Profilen aufzutauchen.

Noch viel verbreiteter ist aber die Devise „Bitte keine Tunten“, mit der Variante „Bitte nur echte Männer“. Und nein, es handelt sich nicht nur um sexuelle Vorlieben. Und das sind keine „schmutzigen Sachen“, die man nur unter den Anonymitätsbedingungen des Netzes zu sagen wagt. Im Gegenteil: Nicht wenige Berliner Schwule haben sehr wahrscheinlich auch im „realen“, Offline-Leben, ein Problem mit den „Tunten“, die sie in ihrem Alltag begegnen. Die möglichen Gründe für diesen brutal gendernormativen und homophoben Quatsch müssen selbstverständlich hinter dem naiv-idiotischen „Ich-mag-sie-einfach-nicht“-Diskurs gesucht werden. Sie haben viel mit der irrationalen Angst um die eigene Männlichkeit zu tun, mit dem gesellschaftlich erzeugten Anpassungsterror, mit den Ekelgefühlen vor dem Freak in den Anderen und letztendlich in sich selbst.

Solche Stereotypen und Ängste können und müssen wir zusammen überwinden. Deshalb gilt: Am CSD in Berlin nicht nur feiern, sondern auch demonstrieren. Tuntig und queer, versteht sich.


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Der CSD weit von der Spree

14. Juni 2011 von Silviu
Dieser Text ist Teil 10 von 19 der Serie Im Osten nichts Neues?

In wenigen Tagen feiern die nicht-heterosexuellen Communities in Berlin und anderen deutschen Städten wieder den CSD, den Cristopher Street Day. Bunte Party, tolle Kostüme, same procedure as every year. Eine weitgehend kommerzielle, entpolitisierte und wenig aussagekräftige Veranstaltung, meinen einige lokale KritikerInnen. Und vielleicht haben sie sogar Recht, wenn wir das Phänomen nur in seinem unmittelbaren, westeuropäischen Kontext sehen. Denn der CSD kann seinen ursprünglichen politischen Charakter nur behalten, wenn er echte politische und soziale Themen problematisiert, die aktuell von Bedeutung für die nicht-heterosexuellen Communities sind.

Doch ich muss gestehen: Ich mag den großen, alten Berliner CSD, trotz seiner vielen Mängel. Ein kleiner Perspektivenwechsel als Erklärung: In der kroatischen Stadt Split wollten knapp 300 Menschen am vergangenen Wochenende zum ersten Mal eine CSD-Parade organisieren. Die Veranstaltungen musste beendet werden, da die Polizei sich als unfähig erwies, die Teilnehmer gegen die 10,000 gewaltbereiten rechtskonservativen GegendemonstrantInnen zu verteidigen. Die gleiche Geschichte wiederholt sich seit Jahren in der serbischen Hauptstadt Belgrad, wo die Anzahl der Rechtsextremisten ebenfalls höher ist, als die der Mitglieder der LGBTQ-Gemeinschaft (samt Freunde!).

Aus einer osteuropäischen Perspektive erscheinen also die deutschen Debatten um die (richtige) Politisierung des CSD wohl als Luxusprobleme. Doch nicht überall in Osteuropa werden die TeilnehmerInnen einfach von Nazis oder vermeintlichen VerteidigerInnen der „Familien- und christlichen Werte“ zusammengeschlagen. In Bukarest haben die reaktionären Proteste in den letzten Jahren  nachgelassen. Die Mischung aus HardlinerInnen der Orthodoxen Kirche und Fußballfans, die bei dem ersten rumänischen CSD 2005 Steine geworfen hat, blieb dieses Mal ruhig. Allerdings war die Anzahl der TeilnehmerInnen (150) noch niedriger als in der Vergangenheit.

Warum wagen nur die wenigsten OsteuropäerInnen, für ihre Rechte und gegen Diskriminierung zu demonstrieren? Warum geben sich so viele von ihnen zufrieden mit einem Leben im Schatten, am Rande der Öffentlichkeit – und das, obwohl die gesetzliche Lage in all diesen Ländern im Großen und Ganzen genug Garantien und Schutz bietet? Warum bleiben osteuropäische CSD-Paraden populärer unter Ausländern als unter lokalen Lesben und Schwulen? Auf diese Fragen habe ich keine einfachen und kompletten Antworten. Doch eins ist sicher: Wir müssen mehr sein und mehr machen, um ernstgenommen zu werden. Und wenn wir viele sind, ungefähr so, wie in Berlin, dann fühlen wir uns auch besser. Denn dann haben wir eine ganze Menge geschafft.


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(kein) Scheidungsrecht in Malta

25. Mai 2011 von Franziska
Dieser Text ist Teil 11 von 19 der Serie Post aus Brüssel

Salut!

Der 28. Mai ist ein wichtiger Tag für Malta. Dann findet dort ein Referendum zum Thema Scheidung statt. Denn bis heute gibt es in Malta kein Recht auf Scheidung, lediglich Trennung und Aufhebung sind nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch und dem Ehegesetz vorhanden. Für viele ist es wahrscheinlich überraschend, dass es noch nicht in allen EU-Ländern die Möglichkeit gibt, sich scheiden zu lassen. Am 28. Mai soll deshalb das Referendum der Frage nach einer Legalisierung der Scheidung nachgehen.

Illustration: (c) Eva Hillreiner

(c) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Dazu gibt es folgende Überlegungen:
Wie ist die Stimmung dazu in Malta? Es gibt eine “JA-Bewegung”, die aus einzelnen Abgeordneten der Labour- und Nationalist-Party und den Grünen “Alternattiva Demokratika” besteht. Weiterhin unterstützen einige Nichtregierungsorganisationen und zwei Zeitungen die Kampagne für ein Scheidungsrecht.
Auf der gegnerischen Seite setzen sich hauptsächlich die katholische Kirche und die regierende Nationalist-Party gegen ein Scheidungsrecht ein. Die Labour-Party hat keine Stellung bezogen, ihr Anführer scheint persönlich dafür zu sein.
Aktuelle Umfragen sagen ein sehr knappes Ergebnis voraus.

Welche Auswirkungen kann das Referendum haben?
Leider ist es nur “moralisch bindend”, das heißt, es gibt keine Rechtsverbindlichkeit. Mehrere maltesische Abgeordnete haben in Interviews geäußert, dass sie sich an das Ergebnis des Referendums halten würden. Einige wenige haben jedoch auch angekündigt, keine Rücksicht auf das Ergebnis zu nehmen. Um tatsächlich ein Scheidungsrecht in Malta einzuführen, bedarf es eines Legislativprozesses im maltesischen Parlament.

Was genau steht in dem Referendum?

“Sind Sie mit der Einführung einer Option auf Scheidung für verheiratete Paare einverstanden, die offiziell getrennt sind oder seit mindestens 4 Jahren getrennt leben und bei denen keine begründete Hoffnung auf ein erneutes Zusammenfinden besteht, wenn angemessende Zustandswahrung und Schutz der Kinder garantiert sind?”
(“Do you agree with the introduction of the divorce option in the case of a married couple which has been separated or has not lived together for at least four years, and where there is no reasonable hope of reconciliation between the spouses, while adequate maintenance is guaranteed and children are protected?”)

Man darf gespannt sein, welche Entscheidung der 28. Mai Malta bringen wird. Mehr noch aber, inwiefern die politische Entscheidung gesellschaftlich umgesetzt werden kann.


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Tausche Buxtehude gegen Brooklyn

12. Mai 2011 von Verena
Dieser Text ist Teil 15 von 20 der Serie Sex am Morgen

Mai ist Masturbations-Monat. Ich hatte ja keine Ahnung. Aber immerhin, der halbe Monat liegt noch vor uns. Legen wir uns doch dazu. Und lassen uns von Dodson and Ross ein bisschen was zum feierlichen Anlass erzählen. Wer danach noch Appetit hat, mehr vulvaeskes folgt:

Bereits Ende Februar fand in der englischsprachigen Blogosphäre der Lady Porn Day statt, den die Journalistin und Bloggerin Rachel Rabbit White initiert hat. Der Lady Porn Day will Frauen animieren, ganz offen mit Pornographie und Masturbation umzugehen. Warum das wichtig ist, erklärt White im Interview mit Huffington Post Chicago. Frage: Brauchen wir so etwas in der deutschsprachigen Blogosphäre auch?!

Ein Hinweis, warum so ein Tag wichtig sein könnte, gibt Liz Langley auf AlterNet. Schuldgefühle, als Frau Pornos zu gucken und zu mögen?! Die Autorin versucht die Frage zu beantworten, warum sich Frauen schlecht fühlen bei Dingen, die sich gut anfühlen. Ja, das gute-Mädchen-tun-dies-aber-das-nicht-Syndrom hat in diesem Artikel auch seinen Auftritt.

Und überhaupt, wer sich jetzt noch fragt, ob Frauen auch wirklich Pornos gucken, wirft mal einen Blick auf diesen Clip, den auch jezebel gut findet.

Puh, nach so viel Porn lieber wieder etwas “normalen” Sex. Der sollte, laut Jezebel After Midnight nicht nur im Bett stattfinden. Einfach Brooklyn gegen Buxtehude und New York gegen NeuKölln austauschen und dem Sommer ‘Hallo’ sagen.

3sat zeigte am Dienstag zwei spannende Dokumentationen. Erst ging es um “die Lust der Frauen” über 60 und anschließend stöberte “Erotik unter Verschluss” in klassischen pornographischen Sammlungen, die nicht nur in den großen Museen unter Verschluss gehalten werden, sondern sogar im Vatikan. Wer es in den nächsten Tagen nicht zu einer Privataudienz beim Papst schafft, kann die Doku bei youtube gucken.


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Ungarn: Konservative Sexualmoral in der neuen Verfassung

10. Mai 2011 von Silviu
Dieser Text ist Teil 9 von 19 der Serie Im Osten nichts Neues?

Die BürgerInnen Ungarns haben kurz vor Ostern ein neues, noch größeres Geschenk von der rechtspopulistischen Regierungspartei Fidesz bekommen. Diesmal geht es nicht, wie zuletzt, um ein vage formuliertes, zum Missbrauch einladendes und die Pressefreiheit einschränkendes Mediengesetz, sondern schlechthin um eine ganz neue Verfassung. Und für Ministerpräsident Viktor Orbán lief alles sogar viel besser als noch im Januar, denn die Weltöffentlichkeit fühlte sich von mindestens drei arabischen Revolutionen und einer Atomkatastrophe völlig überfordert und erschöpft.

Zu Unrecht, denn die Sache ist wirklich ernst. (Immer noch laufende) EU-Ratspräsidentschaft hin oder her, bleibt Ungarn ein Land, wo mehrere gefährliche Tendenzen unserer europäischen Gesellschaften in einer unappetitlichen Mischung zusammenköcheln. Und das lässt sich am klarsten in der Präambel der neuen Verfassung von Fidesz lesen. Unter dem Motto „Gott segne die Magyaren“ spricht dieser kurze Text an diversen Stellen von der Größe der ungarischen Nation, die sich als Teil des „christlichen Europas“ verstehe. Die Kontinuität und Einheit der Nation sollen durch die verehrte Heilige Krone des ebenso Heiligen Königs Stefan symbolisiert werden.

Nationalkonservativer Wahnsinn? Das ist noch nicht alles. Die Ehe definiert die Präambel als Grundlage der Gesellschaft und als strikt heterosexuell. Sexuelle Identität oder Orientierung fehlen auf der Liste der Kriterien, nach denen nicht diskriminiert werden darf. Menschliches Leben wird wiederum als „heilig“ definiert – schon vor der Geburt. Ob Abtreibung mit dem Inkrafttreten der Verfassung nächstes Jahr noch legal sein wird, ist angesichts der lakonischen Formulierung ein Rätsel und gleichzeitig eine mögliche Aufgabe für das ungarische Verfassungsgericht, dessen Kompetenzen ebenfalls neu definiert wurden, um es schon bald mit Fidesz-Günstlingen neu besetzen zu können.

Innerhalb weniger Monate und nach einer Debatte, an der die demokratischen Oppositionsparteien nicht teilgenommen haben, ließ Orbán seine Abgeordneten, die die erforderliche Zweidrittelmehrheit ausmachen, über die Verfassung abstimmen. Kurz danach unterzeichnete der Staatspräsident, ebenfalls eine Orbán-Nominierung, wenig überraschend den Text. Und diese neue konservative Farce scheint tatsächlich gelungen zu sein.


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