Einträge mit dem Tag ‘Feministische Ökonomie’


Holt die roten Taschen raus, es ist Equal Pay Day.

21. März 2014 von Charlott

In Deutschland müssen Frauen durchschnittlich 445 Tage arbeiten, damit sie das verdienen, was Männer bereits in 365 Tagen erwirtschaftet haben. Der Equal Pay Day markiert genau jenen Tag bis zu welchem Frauen arbeiten müssen, um den gleichen Verdienst zu erlangen.

Heute 238 Veranstaltungen von Flashmobs zu Diskussionsveranstaltungen statt, die auf diesen Umstand aufmerksam machen wollen und zu weiteren Diskussionen und Handlungen anregen wollen.

Der Equal Pay Day könnte dazu ein guter Anlass sein ein paar Texte zu feministischen Gedanken zu Ökonomie zu lesen. Ich habe darum hier eine kleine Leseliste mit Artikeln aus unserem Archiv zusammengestellt:


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Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren

21. November 2013 von Magda
Dieser Text ist Teil 73 von 78 der Serie Die Feministische Bibliothek

Das Buch “Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren”, welches die Diskussionen im Rahmen der gleich­namigen Tagung vor ziemlich genau einem Jahr in Berlin nun in einem Buch versammelt, ist nun erschienen.

schneewittchen-rechnet-abAuf der Tagung befassten sich über 100 Teilnehmer_innen mit den Fragen: Was kann (queer-)feministische Ökonomie leisten? Wo stößt sie an Grenzen und wie kann eine sinn­volle Weiter­entwicklung gedacht werden? Welche Alter­nativen der Arbeit und der Produktion gibt es? Ganz grund­sätzlich fragten wir uns: Wie wollen wir eigentlich leben?

Schön finde ich, wie die Heraus­geberinnen des Buches produktiv mit den Kritiken an der Tagung umgingen: Die auf der Konferenz diskutierten Ideen, einige der im Nachhinein verfassten Blog­beiträge und weiter­führende Texte mit Perspektiven, die auf der Tagung kaum ihren Raum fanden, finden sich nun in diesem Buch zusammen. Ergänzt wurden zum Beispiel Texte wie “Klassismus­kritik und gelebte Umverteilung – Die Geschichte einer Prolo-Lesbengruppe” oder ein Interview mit Llanquiray Painemal “Deutsche Feministinnen müssen sich mit ihren Privilegien beschäftigen, sonst werden sie Komplizinnen bei der Ausbeutung von Migrant_innen”. So stellt das Buch keine bloße Zusammen­fassung der Konferenz dar, sondern dient der Sicht­barmachung von Prozessen und ist als (selbst-)kritischen Anstoß zu verstehen, im (Nach-)Denken und Dazu­lernen niemals stehen zu bleiben.

Eine weitere Besonder­heit des Buches besteht darin, dass verschiedene Formen von Wissens­produktionen neben­einander stehen: Theoretische Texte wechseln sich ab mit Bildern, aktivistischen Beiträgen, Interviews, Fotos, Blogbeiträgen und einem Spoken Word, in denen Künstler_innen, Wissenschaftler_innen, Aktivist_innen (oder alles in einem) gemeinsam feministische Alternativen erarbeiten, reflektieren und kritisieren.

Autorinnen der Mädchenmannschaft nahmen ebenfalls an der Tagung teil und be­gleiteten diese mit Blog­beiträgen, die ihr in unserer Serie “Ökonomie_Kritik” nachlesen könnt.

Das Buch kann zum Beispiel bei FEMBooks bestellt werden. Eine Leseprobe gibt es auch. Die Buchparty findet am 26. November 2013 um 19 Uhr im Café Blume statt.


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Nervige Gleichberechtigung, gläserne Decken, geschlechtsneutrale Menstruationskalender – kurz notiert

3. Oktober 2013 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 206 von 231 der Serie Kurz notiert

Beiträge auf Deutsch

Die Süddeutsche Zeitung berichtet über eine “Studie: Jeden vierten Mann nervt Gleichberechtigung“. Eine repräsentative Umfrage bei mir hingegen hat ergeben: Mich nervt jeder vierte Mann (konservative Schätzung).

Außerdem vermeldet die Süddeutsche: “Uni Potsdam führt weibliche Sammelbegriffe ein“. Die Begründung für diese Neuerung ist allerdings ziemlich mies.

Bei arte Yourope gab es kürzlich einen (leider nicht ohne sexistische Re_produktionen auskommenden) Beitrag über Sexismus im Alltag. Welche_r heute morgen um 1:45 die Wiederholung nicht anschauen konnte, aber trotzdem interessiert ist: Der Beitrag befindet sich derzeit noch in der arte-Mediathek.

“Ein lesbischer, poetischer, erotischer Roman voller Intrigen und intimer Details” – das neue Buch “Küss mich, Libussa” von Sophie Strohmeier. Auf youtube gibt es den Buchtrailer.

Ein Forschungsteam aus der Schweiz untersucht die Geschlechterungleichheiten in Ausbildungs- und Berufsverläufen.  Ein Befund:  “Krankenpfleger und Kapitäninnen sind weiterhin eine Rarität”. Ein Interview dazu mit Andrea Maihofer, Forscherin und Leiterin des Zentrum Gender Studies, und Sandra Hupka-Brunner, Forscherin am Institut für Soziologie in Basel, gibt es hier.

“Wir wissen alle, dass Gletscher schneller schmelzen als Frauen in Führungspositionen kommen” – auch im Journalismus. Bei dieStandard erklären Expert_innen wie Vina Yun, u.a. Redakteurin der an.schläge, was sich ändern muss.

Die Stadt Nürnberg hat letzten Sonntag den 10. Internationalen Menschenrechtspreis an Kasha Jacqueline Nabagesera verliehen. Sie setzt sich “für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen in Uganda” ein.

Im Tagesspiegel erzählt ein 15jähriger Berliner, wie Alltagsrassismus seit jeher sein Leben begleitet: “Afrodeutsche stehen in Berlin immer unter Verdacht”.

Im vergangenen Winter haben wir in mehreren Beiträgen über die Tagung “Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren” berichtet. Nun ist das gleichnamige Buch erschienen. Es beleuchtet die Zusammenhänge zwischen aktuellen ökonomischen Entwicklungen und privaten Lebensbedingungen aus feministischer Perspektive. Übrigens: Auf der Infoseite zum Buch gibt’s auch ein Video.

Beiträge auf Englisch

Gegen Genitalverstümmelungen an Kindern: Die Gründer_innen von zwischengeschlecht.org rufen anlässlich eines anstehenden internationalen Ärzt_innenkonkress in Berlin zu Aktionen auf.

Hier kann man eine Petition an UN-Generalsekretär Ban Ki Moon unterzeichnen, die den weltweiten Zugang zu sicheren und legalen Abtreibungen fordert. Initiatorin ist die Kampagne My Body is Mine.

In einem Interview wurde die Musikerin Janelle Monaé nach ihrer “sexuellen Orientierung” befragt. Was sie antwortete, ist in diesem Video zu sehen, welches sich bei Colorlines findet.

Was sich aus der bisher umfangreichsten UN-Studie über Vergewaltigung lernen lässt, fasst Tara Culp-Ressler auf Thinkprogress zusammen. Der Punkt der faktischen Straflosigkeit gilt übrigens genauso wie die anderen auch für “hier”.

Über Fluch und Segen staatlicher Förderung berichten kanadische Aktivistinnen, die eine Datenbank zur Dokumentation von Morden an indigenen Frauen ins Leben gerufen haben.

Discipline and Anarchy fragt: Brauchen soziale Bewegungen ein mainstreamgerechtes Image? Und liefert eine überzeugende Antwort gleich mit.

Für alle die Android-Devices nutzen, gibt es nun eine geschlechtsneutrale Menstruationskalender-App. Die Entwicklung einer IOS-Version (für iPhones) soll demnächst per Crowdfunding angegangen werden.

Im Sommer wurde in Tiflis die erste georgischsprachige Produktion von Eve Enslers “The Vagina Monologues” aufgeführt. Im New Statesman berichten Beteiligte von den lokalen Kontroversen um das Theaterstück.

Das bitch magazine hat JD Samson interviewt, ehemaliges Mitglied von Le Tigre und nun bei der Band MEN.

Warum sie das Wort “Ally” (Verbündete_r) künftig nicht mehr verwenden wird, erklärt Mia McKenzie von Black Girl Dangerous:  “Taten zählen. Etiketten zählen nicht.”

Kelly Rose Pflug-Back beschreibt bei The Feminist Wire, warum sexuelle Befriedigung kein zuverlässiger Gradmesser für “sexuelle Befreiung” ist [Content note: grafische Selbstverletzungsfantasien].

Muslimah Media Watch fragt: Wie sieht eigentlich eine Terroristin aus?

Weitgehend unbeachtet von globalwestlichen feministischen Bewegungen erlangen in afrikanischen Ländern immer mehr Frauen einflussreiche Positionen, schreibt Minna Salami im Guardian.

Ebenfalls im Guardian: Lauren Mayberry, Sängerin der Band CHVRCHES, über ihren Umgang mit Online-Misogynie.

Der Modedesigner Rick Owens erhielt für die Präsentation seiner kommenden Frühjahrkollektion  ziemlich viel Jubel aus progressiven Kreisen. Tamara Winfrey Harris fragt bei Racialicious: Zu recht?

Termine in Basel, Berlin, Dortmund, Frankfurt/Main, Hüll, Karlsruhe, Wien: (mehr …)


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Wer war… Marianne Ferber?

4. Juni 2013 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 34 von 37 der Serie Wer war eigentlich …

Nachdem Christina an die Mädchenmannschaft eine E-Mail mit dem Hinweis schickte, dass Marianne Ferber, eine der “Mütter der Feminist Economics”, am 11. Mai 2013 verstorben war, baten wir die Politikwissenschaftlerin Sarah, Jahrgang 1985, für uns einen Gastbeitrag zu schreiben. Feministisches Teamwork!

Am 11. Mai 2013 verstarb die Mit­begründerin der Feministischen Ökonomie Marianne Ferber im Alter von 90 Jahren. Sie hatte sich erstmals in den frühen 1970er Jahren als Professorin der Wirtschafts­wissen­schaften in den USA mit der Entlohnung von Frauen in der Wissen­schaft beschäftigt und damit das Forschungs­thema gefunden, das sie fortan beschäftigen sollte.

Geboren 1923 in der damaligen Tschechoslowakei floh Ferber 1938 mit ihrer Familie vor der sich drastisch verschärfenden Entrechtung und Verfolgung europäischer Jüd_innen und wanderte nach Kanada aus. Dort begann sie mit 17 Jahren und zunächst spärlichen Englischkenntnissen ein Studium der Wirtschafts­wissenschaften. Nach ihrem Bachelor­abschluss wurde sie dazu ermuntert weiter­zustudieren und erhielt zwei Angebote für ein Promotionsstipendium. Da sie in Harvard als Frau keinen Zutritt zur Bibliothek der Wirtschafts­wissen­schaften gehabt hätte, ging Ferber 1944 an die University of Chicago. Zehn Jahre später, nach erster Berufs­tätigkeit, mehreren Umzügen und der Geburt eines Kindes erhielt sie schließ­lich ihren Doktortitel (PhD). Als jüdische Einwanderin war es für Ferber äußerst schwierig, in der Wirtschafts­wissen­schaft Fuß zu fassen. Erst 1955, als ein eklatanter Mangel an Lehr­personal herrschte, erhielt sie an der University of Illinois-Champaign, an der ihr Mann als Professor lehrte, eine Stelle. Insgesamt 15 Jahre lang wurde sie semester-, später jahreweise als Gast­dozentin eingestellt (offiziell wegen strenger Regeln gegen Vettern­wirtschaft), bis sie 1971 zur Assistenz­professorin ernannt wurde.

Screenshot via economics.illinois.edu

Screenshot via economics.illinois.edu

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Frauen gegen Quote. Mal wieder.

14. Januar 2013 von Charlott

Zum 20. Geburtstag schenkt sich das Magazin “Focus” einen ganz besonderen Titel: “Wir wollen keine Frauenquote!”. Und da es natürlich nicht so fein ist, wenn Männer das herausposaunen, hat die Redaktion eine Reihe von “starken Frauen” ™ aufgetan, die Stellung beziehen.

Die erzählte Geschichte hören wir ständig. (Und wurde von Feminist_innen schon genau so häufig auseinandergenommen und kritisiert.) Frauen seien “die Gewinner am Arbeitsmarkt”, schließlich ist die Erwerbstätigkeit auf 72% gestiegen. Warum sich das nicht auch in den Führungsetagen widerspiegelt? Frauen studieren eben das Falsche (meint: nicht Arbeitsmarktkonform genug). Und da das Versagen eindeutig bei den Frauen liegt, ist eine Quote auch unnütz. Schließlich wollen die “erfolgreichen Frauen” ™ nicht “vom Leistungsprinzip lassen”. Katharina Wagner gibt sich sicher:

Die Mädels meiner Generation haben eine solche Quote überhaupt nicht nötig.

Ganz vorn mit dabei, also auch auf dem Titel: Kristina Schröder. Dass diese keine Befürworterin einer Quote ist, hat sie schon häufig und gern an prominenter Stelle kundgetan. Da lässt sie auch diese Gelegenheit nicht aus. Egal wie obskur es wirkt, wenn eine Ministerin, die entscheidenen Einfluss hat, neben einem Untertitel prangt, der ankündigt: “Starke Frauen rebellieren gegen Staatsdiktat und Gleichmacherei”. Zu den anderen Frauen stellte Lara Fritzsche bei Twitter fest:

Im Innenteil merkt dann noch Veronica Ferres an, die übrigens Germanistik, Theaterwissenschaft und Psychologie studiert hat:

Die Quote diskriminiert Männer und schadet uns Frauen.

Davon abgesehen, dass ich ja ganz heimlich glaube, dass es eine Veronika-Ferres-Quote in deutschen Fernsehproduktionen gibt, bin ich angenervt von der Debatte. Immer wieder die gleichen “Argumente”, immer wieder Energie die reingesteckt wird um dagegen zu argumentieren. Auch von mir. Dabei bin ich nicht einmal die größte Freundin einer Quote, so wie sie derzeitig diskutiert wird, bleibt doch die Frage, welche Frauen überhaupt unter welchen Bedingungen profitieren und in welchem System, zu sehr am Rande. Viel lieber würde ich mich mit weitergehenden Ideen auseinandersetzen, denn gerade feministische Ökonomiekritik macht sehr viel mehr als Quotendiskussionen.

Doch die Bilder, die re_produziert werden, mit jedem neuen Artikel, mit jedem Titelbild, welches aus all den Zeitungskiosken entgegenstrahlt, sind mächtig. Darum noch einmal ganz klar: Diskriminierung hat immer etwas mit Macht zu tun. Die aktuelle Wirtschaft funktioniert auch jetzt nicht nach dem/ einem Leistungsprinzip – eine Quote könnte das also auch gar nicht ändern. Aber es bleibt auch bezeichnend wie groß der Widerstand ist und wieviel Raum dieser einnimmt gegen Forderungen, die nicht einmal sonderlich radikal sind.


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Gemeinsam leben, gemeinsam umverteilen

12. Dezember 2012 von Nadine
Dieser Text ist Teil 9 von 10 der Serie Ökonomie_Kritik

Dies ist ein Bericht von der Tagung “Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren”. Insgesamt waren sechs Bloggerinnen auf der Tagung und haben von ihren Eindrücken berichtet – alle Berichte findet ihr auf gender-happening.de.

“Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren” hieß das Motto der Tagung “Schneewittchen rechnet ab”. Beim abendlichen Open Space bekam dieses Motto den vielleicht größten Raum: Die Teilnehmenden konnten Themen und Perspektiven vorschlagen, über die sie sich mit anderen Teilnehmenden gerne austauschen wollten. Auf Expert_innenwissen kam es dabei nicht an. Jede Idee war es wert, dem Publikum vorgeschlagen zu werden. Neben postkolonialen Perspektiven auf Feministische Ökonomiekritik, unterschiedlichen Standpunkten zum Bedingungslosen Grundeinkommen sollten auch Frauendörfer und Umverteilung im eigenen Alltag Thema sein.

In kleinen Gruppen verteilten sich die vorgeschlagenen Themen über die gesamte Etage und jeder_m stand es frei, sich für wenige Minuten dazuzusetzen, sich mit eigenen Wortbeiträge einzubringen oder schlicht nur zuzuhören. Jede Person konnte über Art und Dauer ihrer Partizipation beim Open Space selbst entscheiden.

Utopien leben: Frauendörfer

Eine Teilnehmerin wollte mit anderen über die Möglichkeit und Umsetzbarkeit eines Frauendorfes nachdenken. Durch Landflucht vor allem – aber nicht nur – in den ostdeutschen Bundesländern sind viele Dörfer kaum mehr bewohnt. Die leerstehenden Häuser eignen sich daher wunderbar für die Verwirklichung eigener Utopien eines schöneren Lebens in der Gemeinschaft. Zusammen wurde frei von Zwängen überlegt, was sich jede vorstellen kann. Folgende Fragen waren den Teilnehmerinnen wichtig: Was verspricht sich jede von dieser Art des Zusammenlebens? Welche materiellen und immateriellen Güter kann sie ein- bzw. mitbringen? Welche Tätigkeiten sind Aufgabe der Gemeinschaft, was hat jede selbst zu leisten?

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Was kann feministische Ökonomie leisten?

6. Dezember 2012 von Franca
Dieser Text ist Teil 8 von 10 der Serie Ökonomie_Kritik

Dies ist ein Bericht von der Tagung “Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren”. Insgesamt waren sechs Bloggerinnen auf der Tagung und haben von ihren Eindrücken berichtet – alle Berichte findet ihr auf gender-happening.de.

Auf der Podiumsdiskussion im Nachmittagsblock „Alternativen & Utopien“ stellten die Soziologin Dr. Christa Wichterich, die Volkswirtin Dr. Friederike Habermann und die Politologin Christine Rudolf ihre unterschiedlichen Auffassungen von feministischer Ökonomie als Konzept und Strategie zur Diskussion.

Für Christa Wichterich ist feministische Ökonomie ein Ansatz, der das Ganze der Ökonomie in den Blick nimmt. Sowohl die Produktivität der Natur als auch die Sorgearbeit sollen als Produktionsfaktoren anerkannt werden. Da soziales Geschlecht durch Ökonomie produziert und diese wiederum von Geschlechterverhältnissen geprägt ist, sollen Ungleichheitsmomente als Prozess in der Ökonomie erkannt werden. Das Ziel ist, sowohl die einzelnen Atkeur_innen wie auch übergreifende Machtstrukturen im globalen Kontext sichtbar zu machen. Hierbei steht die Logik von Versorgung und sozialer Reproduktion im Vordergrund, anhand derer Kritik an der kapitalistischen Verwertungslogik geübt wird. Wichterich betont, dass die feministische Ökonomie kein abstraktes Analyseinstrument ist. Sie sei eine Strategie, mit der Konflikte in als nicht system-relevant gewerteten Bereichen aufgefangen und mit der Möglichkeiten zur Veränderung der Mainstream-Ökonomie aufgezeigt werden können. Als Beispiel hierfür nennt sie die Unterstützung und Sichtbarmachung der Arbeitskämpfe von Hebammen und Kita-Angestellten. Als wissenschaftliches Konzept sei feministische Ökonomie in so fern wichtig, als sie der neo-klassischen Ökonomie, also dem hegemonialen Konzept an Universitäten, eine wissenschaftliche Alternative entgegensetzt.

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“Das ist für mich schon das Gegenteil kapitalistischer Ideen”

3. Dezember 2012 von Nadine
Dieser Text ist Teil 7 von 10 der Serie Ökonomie_Kritik

Dies ist ein Interview mit Julia Lemmle zur der Tagung “Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren”. Insgesamt waren sechs Bloggerinnen auf der Tagung und haben von ihren Eindrücken berichtet – alle Berichte findet ihr auf gender-happening.de.

Julia, du hast “Schneewittchen rechnet ab…” mitorganisiert und warst für das künstlerische Programm verantwortlich. Warum Performancekunst auf einer Tagung zu feministischer Ökonomiekritik?

Weil jede Reflexion und Kritik ganzheitlich stattfinden muss. Etwas kognitiv und abstrakt zu verstehen, ist nur eine Seite, auf die mir viel zu oft viel zu viel Gewicht gelegt wird. Die meisten Menschen wissen darüber Bescheid, dass die Länder des Nordens auf Kosten der Länder des Südens leben, endliche Ressourcen verschwenden usw. Das heißt nicht, dass das zu einer Veränderung der eigenen Prioritäten führt. Das hat damit zu tun, dass mein Leben und die Entscheidungen die ich treffe, nicht nach rein „logischen“ Prinzipien erfolgen. Jede Person hat eine andere Normalität erfahren, hat andere emotionale Zugänge und Reaktionen auf die gleichen Themen. Anzunehmen, dass Themen, die die Lebenswirklichkeit von allen betreffen, rein durch akademische Diskurse abgehandelt oder angemessen behandelt werden könnten, halte ich für einen Trugschluss. Außerdem führt ein solches Vorgehen zu Ausschlüssen. Fremdwörter, der universitäre Habitus und die Annahme, dass ein bestimmtes angelesene Wissen das relevante Wissen darstellt, schließen eine große Gruppe von Interessierten von vornherein aus.

Ich möchte außerdem verschiedene Felder, die sich leider zu wenig im Austausch befinden, zusammenzubringen. Bei den Feldern Kunst und Politik erlebe ich häufig eine wechselseitige grundsätzliche Ablehnung und Unterschätzung. In der Theaterlandschaft zeigt allein schon das Label “politisches Theater” das offenbar Theater normalerweise nicht als politisch gesehen wird. Diese Grundannahme ist mir völlig unverständlich, weil sie Theater als freien Raum, der über den Dingen schwebt und lediglich “berichtet”, verkauft. So eine Sichtweise führt dann auch zu einer expliziten Entpolitisierung der eigenen künstlerischen Tätigkeit. Das konnten wir ganz gut bei der Blackface-Debatte beobachten, wenn weiße Theatermacher (in der Hauptsache waren es Männer, darum lasse ich das so stehen) die Kunstfreiheit als Argument gebrauchen, um nicht über die Reproduktion rassistischer Bilder nachdenken zu müssen.

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Wachstumskritik und Alternativen in der Feministischen Ökonomie

27. November 2012 von Nadine
Dieser Text ist Teil 5 von 10 der Serie Ökonomie_Kritik

Dies ist ein Bericht von der Tagung “Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren”. Insgesamt waren sechs Bloggerinnen auf der Tagung und haben von ihren Eindrücken berichtet – alle Berichte findet ihr auf gender-happening.de.

Wachstum gilt innerhalb der Mainstream-Ökonomie und in der heutigen westlich geprägten Wirtschaftspolitik als erstrebenswertes Ziel. Gerechtfertigt wird die Orientierung an Wachstum innerhalb einer nationalstaatlich und kapitalistisch organisierten Gesellschaft mit allerlei Gründen: Wachstum führe zu einer höheren Bedürfnisbefriedigung und zu einem erhöhten Steueraufkommen, was wiederum dem Wohlfahrtsstaat diene und deshalb Frieden und Demokratie schütze. Arbeitsplätze würden durch Wachstum gesichert, Maßnahmen zum Schutze der Umwelt können ermöglicht und bezahlt werden, Umverteilung von Reichtum geschehe in einer Wachstumsgesellschaft von oben nach unten. Wachstum gelte als zutiefst „menschlich“, weil der Mensch an sich angeblich stets nach mehr und Höherem strebe.

Auf der Tagung „Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren“ wurde den gängigen Begründungen, warum Wachstum erstrebenswert sei, etwas entgegengesetzt. In einem Panel zu „Wachstumskritik in der Feministischen Ökonomie“ kritisierten Dr. Tanja von Egan-Krieger und Dr. Barbara Muraca Wachstum dahingehend, dass die wirtschaftspolitische Orientierung an Wachstum eigene Produktionsgrundlagen gefährde und nicht berücksichtigt werde, dass Ressourcen und Produktionsmittel weder aus dem Nichts entstehen noch einer Gesellschaft unbegrenzt zur Verfügung stehen. In der Mainstream-Ökonomik seit Adam Smith sei Warenwohlstand zentrales Thema, deshalb müssten ständig Waren produziert werden, um Wohlstand zu sichern. Deshalb gelte lediglich Erwerbsarbeit als produktiv. „Soziale und ökologische Produktivität werden somit aus der ökonomischen Mainstream-Theorie herausgetrennt oder bestenfalls in den sogenannten reproduktiven Bereich verbannt“, führt von Egan-Krieger aus.

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Wie sieht “das gute Leben” aus?

20. November 2012 von Magda
Dieser Text ist Teil 4 von 10 der Serie Ökonomie_Kritik

Dies ist ein Bericht von der Tagung “Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren”. Insgesamt waren sechs Bloggerinnen auf der Tagung und haben von ihren Eindrücken berichtet – alle Berichte findet ihr auf gender-happening.de.

Seit Wochen freue ich mich auf den Workshop zur Vier-in-Einem Perspektive der linken Soziologin und Philosophin Frigga Haug, die ihre Ideen, wie ein ‚gutes Leben’ aussehen könnten, konsequent mit Geschlechter­gerechtig­keit zusammen­denkt. Gestärkt vom Mittag und dem nächsten Kaffee begebe ich mich in den kleinen Seminar­raum, in dem am Vormittag auch der Workshop von Deborah Ruggieri zu „Zukunftsmusik. Warum Ökonomie die Gender­perspektive braucht“ statt­fand. Da Haug leider krank geworden war, übernahm Anna Conrads, Politikwissenschaftlerin und Politikerin der LINKE, die Leitung des Workshops. Ich war sehr dank­bar über die ruhige und sehr angenehme Vortrags­art von Conrads, denn zu diesem Zeitpunkt sausten in meinem Kopf schon tausend Ideen und Fragen, obwohl erst knapp die Hälfte der Tagung um war.

Leben für die (Lohn-)Arbeit…?

Conrads begann ihre Ausführungen mit einer zentralen Frage: Welchen Stand­punkt nehmen wir bei unserer Vorstellung eines guten Lebens ein? Zur Zeit sei die Ver­einbarkeit von Familie und Beruf (einhergehend mit der stetigen Perfektionierung des eigenen Zeit­managements) und der Wunsch nach Voll­beschäftigung diskurs­bestimmend. Überall wird geklagt, dass es nicht genügend Arbeits­plätze für alle gäbe, dabei sei dies doch ein Zeichen für wirtschaftlichen Reichtum, so Conrads. Wenn die Produktivität dank des technischen Fortschritts hoch ist, könnten Menschen ja rein theoretisch auch weniger (erwerbs-)arbeiten. Dennoch wird dieser Umstand nicht als: ‘Yeah, mehr Freizeit!’ gedeutet, sondern als ‘Mangel an Arbeit’ definiert. Diese Perspektive bleibt aller­dings inner­halb der jetzigen profit- und wettbewerbs­orientierten Strukturen, die Erwerbs­arbeit zum Zentrum allen Interesses macht.

Weniger (Lohn-)Arbeit für das Leben: Die Vier-in-Einem Perspektive

Die Vier-in-Einem Perspektive will aus diesen Logiken ausbrechen und einen neuen Arbeits­begriff etablieren. Haugs Perspektive nimmt im wahrsten Sinne des Wortes das Leben als Grundlage. Die 16 Stunden, die wir nicht schlafend verbringen, werden möglichst gleich­berechtigt in vier Teil­bereiche auf­geteilt:

  • Erwerbsarbeit
  • Arbeit von Menschen an Menschen, Tieren oder Natur
  • Politarbeit
  • Betätigung aller Sinne (Kunst, Musik, Muße, Sprachen…)

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