Einträge mit dem Tag ‘Fatshaming’


Stinkefinger für Edeka: Euer Dickenhass ist scheiße

16. Februar 2017 von Magda
Dieser Text ist Teil 42 von 42 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Mit dem Satz „Mein Fett ist politisch“ zitiere ich die US-amerikanische Autorin Virgie Tovar oft und werde dann gefragt, was das genau bedeuten soll: Körperfett, politisch, hä?

Für mich bedeutet dieses Zitat, dass Körperfett heutzutage oft politisch instrumentalisiert wird, um Menschen zu beschämen und ihrem Gewicht Bedeutungen zuzuschreiben, die in der Regel negativ und verletzend sind. Somit werden dicke Menschen als faul(er), unattraktiv(er) oder ungesünder als schlanke Menschen dargestellt. Und weil die neoliberale Idee der Selbstoptimierung und des sich stets normgerechten Veränderns von Körper und Geist heute Teil unseres Lebens ist, aber eben nicht als Ideologie erkannt wird, spreche ich von Körpern als politische Orte: Auch an Körpern werden gesellschaftliche Ideen verhandelt. Mein Fett darf nicht einfach sein, mein Fett wird politisch aufgeladen.

Zwei Minuten pure Diskriminierung

Aktuelles Beispiel dafür ist der Edeka Werbespot, der von traurigen, grauen, vielessenden Dicken handelt. Und dann ist da ein Kind, das aus dieser traurigen, grauen, vielessenden Dickenwelt aussteigen möchte, um sich seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen: Anstatt undefinierbaren Brei zu essen, wie das alle traurigen, grauen, vielessenden Dicken machen, möchte er fliegen. Und auf einer grünen Wiese Beeren naschen. Weil er Beeren und nicht mehr Brei isst, nimmt er ab und kann schließlich federleicht über Wiesen gleiten und glücklich in der Natur rumliegen. Am Ende des Werbespots lesen wir den Spruch „Iss wie der, der du sein willst“. Mein erster Impuls:

Dieser Spot ist nicht nur die schlechteste (und peinlichste) Geschichte, die die Werbewelt je gesehen hat, es ist auch eine zutiefst diskriminierende Werbung, die es schafft, viele abwertende und schlichtweg falsche Annahmen über das Dicksein, dicke Menschen, über Ernährung und ihren Einfluss auf Körper(gewicht) in ein bisschen mehr als zwei Minuten zu packen. Dazu kommt, dass – ich nehme an: schlanke Menschen – mit so genannten Fatsuits ausgestattet werden, um Dicke zu spielen. Es ist ein ekelhafter Mix aus Dickenfeindlichkeit sowie klassistischen und rassistischen Ideen vom „guten Essen“.

Natalie von Gemischtwahnlädchen beschreibt die Botschaften, die in dem Spot transportiert werden, so:

Von Dicken wird ständig verlangt, dass sie sich ändern. Sprich, abnehmen.
Von Dicken wird ständig erwartet, dass sie unsichtbar, also ja nicht bunt sind.
Von Dicken wird ständig angenommen, dass sie sich nicht nur schlecht ernähren, sondern auch dauernd essen.
Von Dicken wird ständig erhofft, dass sie ihr Gewicht durch irgendeine besondere Fähigkeit wiedergutmachen.
Dicke dürfen nicht inspirierend sein, beziehungsweise nur dadurch, dass sie nicht mehr dick sein wollen.
Selbsthass ist super. Selbsthass ist der Status Quo.

Einfach mal beschweren…

Auf ihrer Facebook-Seite reagiert Edeka auf Kritik mit dem bekannten Spruch „Wir wollen ja niemanden diskriminieren“. Um nicht gähnen zu müssen, suche ich mal fix ein paar Adressen raus, wo ihr euch beschweren könnt: Bitte twittert, schreibt oder ruft doch mal an und sagt, was ihr davon haltet. Der Hashtag ist #issso.


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Rassistische Straßennamen, falsche Opfer und ein heimliches Grab – kurz verlinkt

1. September 2016 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 325 von 346 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Links

„Kein Respekt gegenüber der Geschichte Berlins“, schrieb die Journalistin Maritta Tkalec im Tagesspiegel hinsichtlich der Forderung rassistische Straßennamen durch andere zu ersetzen. Die Inititator_innen des Umbenennungsfests (auf welches sich Tkalec bezieht) antworten nun mit einem offenen Brief machen deutlich, worum es wirklich, nämlich „Mehr Respekt vor der Geschichte von Menschen afrikanischer Herkunft in Berlin„.

„Obwohl wir theoretisch wissen, dass jedem Menschen ein Unglück geschehen kann, haben viele ein sehr klares Bild davon, wie ein Opfer einer Gewalttat aussehen sollte und wie es sich zu verhalten hat.“, schreibt Margarete Stokowski bei Spiegel Online über Gina-Lisa Lohfink und die Rolle von Journalist_innen während des Prozesses.

Beim Blog des Querverlags gibt es eine Reihe über Grabstätten queerer Persönlichkeiten. In der aktuellen Folge schreibt Axel Schock darüber, wie die Urne der Aktivistin und Reformerin Johanna Elberskirchen heimlich auf dem Rüdersdorfer Friedhof im Grab ihrer Lebensgefährtin, Hildegard Moniac, beigesetzt wurde.

Call for Papers: Das Ökonominnen-Netzwerk efas veranstaltet am 1. und 2. Dezember 2016 seine Jahrestagung. Bis zum 1. Oktober können dafür Beiträge eingereicht werden, „in denen Ansätze der Frauen- und Geschlechterforschung an zentraler Stelle Berücksichtigung finden und die sich kritisch mit dem Forschungsstand sowie dem aktuellen wissenschaftlichen bzw. politischen Diskurs zum Thema auseinandersetzen“. (PDF verlinkt)

Englischsprachige Links

Der Begriff „misogynoir“, der die spezifische Gewalt gegen Schwarze Frauen beschreibt, taucht immer wieder auf – gerade in den letzten Wochen im Zusammenhang mit den Angriffen gegen die Schauspierlin Leslie Jones. Doch woher kommt das Konzept? Auf Mic kommt die Erschafferin des Begriffs, Moya Bailey, zu Wort.

Gegen den Bau einer Öl-Pipeline demonstrieren Native Americans in den USA: Es geht um den Zugriff auf/ Schutz von (sakralem) Land und Trinkwasser. Autostraddle fasst die Hintergründe zusammen. Das Protest-Camp, was errichtet wurde und stetig wächst, kann auch finanziell durch Spenden unterstützt werden.

YourFatFriend schreibt „In defense of fat sadness.“ bei Medium: „Fat people who are sad, who eat well, who eat poorly, who exercise, who don’t — we all live our lives in the pressure cooker of fatphobia.“

In einer Schule in Pretoria, Südafrika, haben Schwarze Schüler_innen gegen Rassismus protestiert. Auslöser war der Umgang mit Haarpolitiken. Bei The Daily Vox schrieb eine der Schülerinnen, Malaika Eyoh: „Our schools undervalue blackness and focus more on containing us than nourishing us„.

Bei Filmdoo können sieben neue queere (Kurz)Filme angeschaut werden (Kosten insgesamt 3,99€): Shimi (Belgien), Lost in the World (Südafrika), Stevie (USA), Blood & Water (USA), Two Girls Against the Rain (Kambodscha), Almost Obsolete (UK) und Lit (USA).

Termine

08.09. in Hannover: Um 19:00 Uhr läuft im Rahmen des CLINCH Festivals das Stück „Meine Nase läuft / Deine Stars hautnah endlich in Hannover!“ (FB-Link)

10.09. in Berlin: Ab 19 Uhr startet die One World Poetry Night moderiert und gehostet durch Stefanie-Lahya Aukongo (FB-Link)

16.9. in Frankfurt/Main: „Voll Fett!“ Sensibilisierungsworkshop und Ideenwerkstatt für Fachkräfte der sozialen Arbeit von Magda Albrecht

01.10. in Berlin: „Voll Fett!“ Sensibilisierungsworkshop und Ideenwerkstatt für Fachkräfte der sozialen Arbeit von Magda Albrecht


Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?


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Mein epischer Körper

6. Mai 2016 von Magda
Dieser Text ist Teil 40 von 42 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Happy, happy Internationaler Anti-Diät Tag! Bereits die ganze Woche sind anlässlich diesen Tages beim Missy Magazin Texte zum Thema Diäten, Dicksein und Fat Empowerment erschienen, auf Twitter entstand der Hashtag #YesAllWampen. Auch ich steuerte einen Text bei: Mein epischer Körper, der hier noch einmal erscheint: 

Meine erste Diät machte ich noch vor meiner Einschulung, das muss 1992 gewesen sein. Bereits in diesem Alter hatte ich so oft gehört, dass ich „zu dick“ sei, dass ich mir fest vornahm, bis zum Schulanfang einige Kilos zu verlieren. Insbesondere meine Mutter – auch dick – musste sich ständig vor Ärzt*innen und Schulpersonal rechtfertigen, die das hohe Gewicht ihrer Kinder „besorgniserregend“ fanden. So besuchte ich mein erstes Diätcamp. Bevor ich lesen oder schreiben konnte, zählte ich also Kalorien.

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Meine Wampe! #YesAllWampen #AllSharksAreBeautiful #InternationalNoDietDay

Ich diätete mich von der Grundschule in die Oberschule und führte penibel Gewichtstabellen. Im Hort bekam ich spezielles Diätessen und saß am Tisch der ebenfalls diäthaltenden Erzieherinnen. Das klingt jetzt furchtbar und traurig (und ist es auch), aber ich war kein unglückliches Kind und beschäftigte mich auch mit anderen, schöneren Dingen. Die ständigen Gedanken um mein Gewicht stressten mich zwar und suggerierten, dass das mein ultimativer „Makel“ sei. Es war allerdings ein Stress, den ich kaum hinterfragte. Er gehört(e) einfach zum Alltag.

Mein erstes Diätcamp sollte nicht mein letztes bleiben. Ich erinnere mich an eins, in dem wir jede Woche gewogen wurden. Wie eine Versagerin fühlte ich mich, weil ich in der ersten Woche „nur“ ein Pfund abnahm. Der einzige Lichtblick war meine dicke Tante E., die meinen kleinen Bruder und mich einmal vom Camp abholte und mit uns Erdbeerkuchen mit einem dicken Klecks Sahne aß. Noch heute denke ich mit Herzchen in den Augen an diese Tante, wenn ich genüsslich in ein saftiges Stück Erdbeerkuchen beiße.

Etwa zur gleichen Zeit, 1997, trafen sich wichtige AnzugträgerInnen in Genf zu einer Konferenz der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Das ist jene Organisation, die queeres Begehren bis 1992 als „Krankheit“ klassifizierte und bis heute Trans* und nicht-binäre Menschen pathologisiert. Nicht gerade sympathisch also.

Eine ExpertInnengruppe der WHO diskutierte angeregt darüber, wie die „weltweite Epidemie“ namens „Adipositas“ (auch „Fettleibigkeit“ genannt) eingedämmt werden könne. Wenn AnzugträgerInnen (meinen) Köper als „Epidemie“ oder „krankhaft“ beschreiben, horche ich natürlich kritisch auf. Epidemie klingt zwar wie episch, meint aber leider etwas anderes, nämlich „ansteckende Massenerkrankung“.

Um das „Ausmaß“ der frisch entdeckten Epidemie zu veranschaulichen, schufen die WHO und ihre Verbündeten der Pharmaindustrie bei dieser Konferenz eine einheitliche und weltweit verbindliche Definition für Körpergewichtskategorien und bemühten dafür den bereits existierenden Body Mass Index, besser bekannt als BMI. Bereits existierende Werte wurden einfach runtergesetzt und zu neuen Werten vereinheitlicht: Ab 1997 galt mensch mit einem Wert von 25 als „übergewichtig“ und ab einem Wert von 30 „krankhaft übergewichtig“ bzw. „adipös“. (Ich tippe dies übrigens mit meinen adipösen Fingern, die zu meinem adipösen Körper gehören.)
Innerhalb weniger Jahre übernahmen „weltweit praktisch alle staatlichen Gesundheitsministerien, -institute, -behörden und unabhängige Gesundheitsorganisationen die neuen Grenzwerte“. In den USA, in denen bis 1998 viel höhere BMI-Werte als Maßstab dienten, wachten eines morgens also 35 Millionen Menschen als so genannte „Übergewichtige“ auf, und das ohne auch nur ein einziges Pfund zugelegt zu haben. Das Runtersetzen der Werte folgte einem wirtschaftlichen Kalkül: Es braucht eben eine wachsende Zielgruppe für (sinnlose) Diätnahrung und (mitunter gefährliche) Diätpillen.

Dass die Angst vor der so genannten „Übergewichts-Epidemie“ und mein teilweise von Ärzt*innen verordnetes Diätverhalten nicht zufällig zeitlich zusammenfielen, verstand ich erst viele Jahre später. Über die politische Dimension von Körpergewicht nachzudenken, hat mir in den letzten Jahren sehr geholfen, nicht mehr meinen Körper, sondern lieber gesellschaftliche Verhältnisse zu dissen. Am Internationalen Anti-Diät-Tag feiere ich die Schritte, die ich in meinem Leben schon gegangen bin und respektiere die Unsicherheiten, die vielleicht für immer bleiben werden. Ich feiere meinen epischen epidemischen Körper.
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Mehr Zum Thema Dicksein & Fat Empowerment gibt es in unserer Serie Mein Fett ist Politisch. Außerdem versende ich regelmäßig den FAT STUFF Newsletter, einfach Mail an: magda(at)maedchenmannschaft.net.

Die Angaben zum Body-Mass-Index für diesen Text stammen aus dem Buch „Dick, doof und arm. Die Lüge vom Übergewicht und wer davon profitiert“ von Friedrich Schorb, erschienen 2009 bei Droemer Knaur.


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Vorbilder, der NSU Untersuchungsausschuss und überall bewertete Körper – Die Blogschau

4. Juli 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 281 von 295 der Serie Die Blogschau

Seit dem 18. Juni bis noch zum 16. Juli ist Ramadan. Hengameh schreibt bei tea-riffic über Erfahrungen mit Fasten, (internalisierter) anti-muslimischen Rassismus und dem Ausloten eigener spiritueller/ religiöser Umgänge.

An diesem Wochenende läuft noch das Finale der aktuellen Fußball-Weltmeister_innenschaft. kein naturtalent hat einige grundlegende Bitten an Fußballkommentator_innen.

Juli ist auch der Internationale Zine Monat. Aus diesem Anlass habe ich beim Heavy Mental Zine Distro über zehn Gründe, warum Zines eine tolle Sache sind, geschrieben.

„Ich kann gut melancholisch. Ich kann gut diese leise Sehnsucht. Manchmal glaube ich, ich BIN diese leise Sehnsucht, sie ist ein wesentlicher Teil von mir.“ – wurzelfrau denkt über das Songschreiben und thematische Zugänge wie Spiritualität oder Auseinandersetzungen mit Heteronormativität nach und teilt dazu gleich noch zwölf ihrer Songs.

Aktuelles von Women in Exile & Friends: An ihrer ersten bundesweiten Flüchtlingsfrauen*Aktionskonferenz nahmen 70 Frauen* teil und außerdem gibt einen kurzen Bericht eines Flüchtlingsfrauen-Workshops in Pankow.

Im aktuellen #Fettcast reden Ragni und Magda über Dicke Schwangerschaft (als lesbischer Single mit PCOS).

Diaspora Reflektionen schreibt über den Hessischen NSU Untersuchungsausschuss, wo sie am 11. Mai der Anhörung des ehemaligen V-Mann Führers beim Verfassungsschutz Andreas Temme beiwohnte. Sie berichtet von dem offenbar geringem Interesse wirklich aufdeckend zu arbeiten und fragt darüberhinaus, wo denn die kritisch begleitenden Stimmen sind.

Mein Körper gehört mir nicht„, heißt ein Spoken Word Beitrag zu Übergriffen auf ihren Körper (und was diese auch mit Verknüpfungen von Rassismus, Sexismus und Dickenfeindlichkeit zu tun haben) von Schwarz Rund, den es auf dem Blog zum Nachlesen und als Video zum Nachschauen gibt.

Bei roleUP! gibt es einen neuen Film. Als Vorbild vorgestellt wird dort die großartige Bloggerin Katrin von Reizende Rundungen.

Eine Petition, die Bundesjugendspiele abzuschaffen, hat ziemlich viele Gemüter erhitzt. Ninia LaGrande schreibt gegen Argumente wie „Wettbewerb gehört beim Sport dazu“ und „Dann können wir auch Mathe abschaffen“ an und erläutert was Bundesjugendspiele oftmals auch mit Körpershaming und Erniedrigung zu tun haben.

Auf Medienelite schreibt Nadine über den Umgang mit Diskriminierung und Identität: „Mir hilft es in solchen Momenten […] mich öfter als Person zu begreifen, die dennoch sehr viele Wahlmöglichkeiten in ihrem Leben hat und mit vielem gar nicht und niemals umgehen muss. Daraus Verantwortung und solidarische Handlungen abzuleiten. Die Perspektive auf mich als „Betroffene, die jederzeit achtsam sein muss“ hin zu anderen, ihren Geschichten, ihren Politiken zu lenken. Ich erlebe das als sehr befreiend, empowernd und liebevoll.“

Unter der Überschrift „Das Paarprivilegien-Projekt: Fast wie richtige Menschen“ denkt der zaunfink darüber nach, was der Fokus auf die Öffnung der Ehe bedeutet, welche Narrative damit gestärkt werden und welche Personen und Thematiken verdrängt werden.

Und ihr wollt selbst gern (mehr) bloggen? Ihr interessiert euch für geekige Themen aus feministischer Perspektive und Feminismus mit geekigem Blick? Femgeeks sucht jedenfalls Nachfolger_innen, die das Blog übernehmen und mit neuem Leben füllen wollen.


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Fat-Acceptance-Grundlagen, Mono-Kultur-Landschaft und Sex mit Frauen – die Blogschau

30. Mai 2015 von accalmie
Dieser Text ist Teil 279 von 295 der Serie Die Blogschau

Ein neuer Monat, eine neue Fatty Fun Fashion Challenge, in der dicke_fette Modebegeisterte Fotos von ihren Outfits teilen: Im Mai ist das Motto ganz frühlingsgerecht „Grün“.

„Es ist ja so, als dicke Frau, die sich weigert sich verschämt ganz unten in die Hierarchie von Körpern und Schönheit einzuordnen, die kein Interesse daran hat ihr Gewicht zu reduzieren, die sich nicht verstecken will, da passe ich einigen Leuten nicht in den Kram.“ Alex kommentiert bei Some girls* are bigger than others dickenfeindliche Debatten, die unter dem Mantel plötzlich verspürter Gesundheitsbedenken (anderer, unbekannter Leute) daherkommen, und erklärt in einem weiteren Beitrag auch noch einmal ein paar Fat Acceptance-Grundlagen.

Auch Katrin von Reizende Rundungen stellt noch einmal eine Fat Acceptance-101-Service-Leistung zur Verfügung: „Fat Acceptance möchte dicke_fette Menschen dabei unterstützen wieder selbstständige Entscheidungen für sich und ihre Körper treffen zu können.

Zwischengeschlecht kritisiert die „Unsichtbarmachung der realen, zwangsoperierten Zwitter und ihrer spezifischen Anliegen“, unter anderem im Zuge des #IDAHOT.

Über den Umgang mit chronischen Krankheiten, die Frage, was es überhaupt bedeutet „krank“ zu sein und die (Re-)Aktion von und auf Mitmenschen schreibt samchills.

Merle Stöver analysiert die oft von Panik und_oder Wut gezeichneten Debatten um Lust und Begehren bei Frauen*, lesbischen Sex und Sexarbeiterinnen.

umstandslos, magazin für feministische mutterschaft, diskutiert „Der Staat im Uterus. 40 Jahre Fristenlösung in Österreich“.

Im Blog In_Frage_Stellen: Musik findet ihr eine tolle Übersicht über Musik_Kunst-Veranstaltungen im Mai und Juni 2015, und weitere Tipps können gerne gegeben werden, um die Liste noch zu vergrößern.

„Ein Paradigmenwechsel mit Hindernissen“: Zum (Mangel an) Diversität in der deutschen Kulturlandschaft machen Lisa Scheibner und Bahareh Sharifi vom Bündnis kritischer Kulturpraktiker*innen eine Bestandsaufnahme bei Mind The Trap.

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Pitch Perfect 2: A-Ca-müsant, A-Ca-usbaufähig

18. Mai 2015 von accalmie
Dieser Text ist Teil 19 von 29 der Serie Die Feministische Videothek

[Inhaltshinweis: (Milde) Spoiler für Pitch Perfect 2]

Bridesmaids, The Heat, Pitch Perfect (und nun offenbar auch Mad Max) – Hollywood-Blockbuster, in denen Frauen nicht nur die Hauptrollen spielen, sondern auch andere Interessen als die Jagd nach einer heterosexuellen romantischen Zweierbeziehung haben, sind noch immer eher spärlich gesät. Der erste Teil von Pitch Perfect, der sich um die Frauen-A-Capella-Gruppe „Barden Bellas“ dreht, kam 2012 ins Kino und wurde zum unvermuteten Hit. Pitch Perfect 2, der am 15. Mai anlief, setzt letztlich da an, wo der erste Film aufhörte.

Die Barden Bellas haben mittlerweile drei nationale Titel für ihre Sangeskünste gewonnen und stehen wieder auf der Bühne. Fat Amy (dargestellt von Rebel Wilson) hat eine, nun ja, „Wardrobe Malfunction“ bei einem Stunt und zeigt der Welt was passieren kann, wenn man keine Unterwäsche trägt und die Hose reisst. Die Barden Bellas sollen daraufhin aufgelöst werden, es sei denn – und man hinterfragt die Logik hier am besten einfach nicht – sie gewinnen den internationalen A-Capella-Wettbewerb in Kopenhagen und werden Weltmeisterinnen. Wie man sich denken kann, passieren auf dem Weg nach Kopenhagen lustige Dinge, Probleme müssen gelöst und Lieder und Choreographien einstudiert werden, und darüber hinaus stellt sich für jede Barden Bella die Frage, wie es nach dem College-Abschluss weitergehen soll.

Quelle: Wikipedia.

Quelle: Wikipedia.

Während sich das Narrativ im ersten Teil noch stark an der Ent­wick­lung von Beccas (dargestellt von Anna Kendrick) und Jesses Be­zieh­ung orien­tier­te, spielen die ro­man­ti­schen Be­ziehun­gen der Bar­den Bel­las in Pitch Perfect 2 eine er­fri­schend ne­ben­säch­li­che Rol­le. Gezeigt werden vor­nehm­lich die Un­ter­stütz­ung durch Be­­­zieh­­ung­s­­­part­­­­ner und die un­be­darft-über­for­der­ten Ver­­­su­­che Ben­­jis, mit der Barden-Bella-Nach­wuchs­sänger­in Emi­­ly zu flir­­­ten, bis die­­­se selbst die Ini­­­tia­­ti­­­ve er­­­greift. Im Zen­­­trum stehen aber im­­­mer die Be­­­zieh­­ung­en der Bar­­­den Bel­­­las zu­­­einan­­­der und Fra­­­gen der per­­­sön­­­li­­chen (Weiter-)Ent­­wick­­­lung. Den Bechdel-Test besteht Pitch Perfect 2 also wieder mit Leich­tig­keit. Pitch Perfect 2 wurde zudem von Frauen ge­schrie­ben und pro­du­ziert, und Eli­za­beth Banks (die die Kommentatorin Gail spielt) führ­te Regie.

Pitch Perfect 2 ist lustig: Die deutsche A-Capella-Gruppe und größte Barden-Bella-Konkurrenz „Das Sound Machine“ wurde zielsicher mit Youtube-Sternchen Flula Borg besetzt und hart akzentuiert, und auch sonst geben sich einige bekannte Gesichter die Ehre, angefangen von Keegan-Michael Key, John Hodgeman und David Cross über diverse Greenbay Packers-Spieler und Snoop Dogg, hin zu Christina Aguilera, Robin Roberts, Rosie O’Donnell und Rosie Perez. Es beweist sich ebenfalls erneut, dass Witze über Deutschland immer ziehen und dass es amüsant bleibt, Uncoolness liebevoll in Szene zu setzen. Pitch Perfect 2 tut gut daran Fat Amy stärker in den Mittelpunkt zu rücken, und Sexismus und Misogynie werden auch in dieser Fortsetzung persifliert.

Genau hier zeigt sich aber das übliche Problem: Das allein reicht nicht. Bei Think Progress hat Jessica Goldstein schon beschrieben, warum „racism for comic relief“, also der Einsatz von rassistischen Witzen und Klischees, auch in Pitch Perfects Fortsetzung in die Hose ging. Ich hoffte beim Gucken immer wieder, dass diese Witze irgendwann aufgelöst würden – also, dass ein Charakter einen solchen lakonisch kommentiert, dass irgendwann peinlich berührte Stille herrscht in einer Szene oder durch eine Aktion das Gegenteil des Gesagten bewiesen wird. Bei Sexismus-Satire, die Pitch Perfect (beide Teile) ganz gut drauf hat, funktioniert das ja auch. Hier bleibt Flo (dargestellt von Chrissie Fit), die neue Barden Bella aus Guatemala, allerdings ein rassistisches Latina-Klischee, die ausschließlich und allein für komödiantischen Effekt von ihren Fluchterfahrungen erzählen darf. Auch Lilly (dargestellt von Hanna Mae Lee) muss weiterhin die leise, schüchterne, aber heimlich kampferprobte und leicht angsteinflößende asiatisch-amerikanische Barden Bella mimen.  (mehr …)


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Sport feat. Body-Shaming und die besten GNTM-Reviews – die Blogschau

19. April 2015 von Nadia
Dieser Text ist Teil 276 von 295 der Serie Die Blogschau

Eine Gruppe von Studentinnen der HU Berlin hat das Blog nsuprozessentgrenzen.wordpress.com gestartet. Dort soll die Auseinandersetzung stattfinden mit „dem Komplex NSU-Prozess und der Rolle von Recht, Raum und Institutionellem Rassismus im NSU-Prozess“, um verschiedene Perspektiven abzubilden, die mehr Öffentlichkeit erhalten sollten.

Diasporareflektionen schrieb über die Delegitimierung von PoC-Wissen.

Gedanken im Speckmantel veröffentlichte einen Text übers Schwimmen und einer damit einhergehenden nervigen Begleiterscheinung: Body-Shaming via „Glotzen“. Und Schwarzrund veröffentlichte nochmal einen Performance-Text: „Sport und ich in anderen Galaxien„.

Zu GNTM absolut zu empfehlen: Techno Candys Review-Reihe Das wiederum brachte Identitätskritik auf die Idee, sich GNTM auch nochmal reinzupfeifen. Ergebnis: Hier.

Einen Text über die ambivalenten Gefühle, die Mutterschaft auslösen kann, schrieb aufZehenspitzen.

Women in Exile berichten vom Workshop „Von persönlichen Problemen zu politischen Forderungen„, bei dem sich Flüchtlingsfrauen aus Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt trafen.

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Bereute Mutterschaft, beredeter Widerstand und beeindruckende Schlagzeugerinnen – kurz verlinkt

9. April 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 277 von 346 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

Radio-Feature mit drei Aktivistinnen zum Anhören: Riots not Diets? Fettaktivismus zwischen Intervention und Schutzraum.

Frauen, die ihren beruflichen Werdegang wegen gesundheitlicher Beeinträchtigungen unterbrochen haben, sich neu orientieren oder auf einen Wiedereinstieg vorbereiten möchten, können im Rahmen des Berliner Projekts „Medienkompetenz und Work-Life Balance – Wiedereinstieg für Frauen“ an einem Einzel-Coaching teilnehmen.

„„So genau wollten wir das gar nicht wissen“ – Geschlecht, Schuld und Abwehr in der Berichterstattung über Beate Zschäpe“ untersucht Charlie Kaufhold beim Feministischen Institut Hamburg.

Nicht jede Mutter ist glücklich mit ihrer Rolle und manche würden – wenn sie denn die Zeit zurückdrehen könnten – sich gegen Mutterschaft entscheiden, doch darüber sprechen ist gesellschaftlich nicht akzeptiert. Die Süddeutsche Zeitung berichtet über ein Studie der Soziologin Orna Donath.

dieStandard porträtiert Irma Schwager, eine Wiener Kommunistin, die als Teil der französischen Widerstandsbewegung Wehrmachtsoldaten durch Gespräche und Flugblätter von der Falschheit des Krieges zu überzeugen versuchte und damit ihr Leben auf das Spiel setzte.

englischsprachige Links

Charles Onyango-Obbo kommentiert in der New York Times al-Shabaabs Terrorangriff auf die Garissa-Universität in Kenya, bei der 148 Menschen getötet wurden. Bei Twitter erinnern unter dem Hashtag #147NotJustANumber (bezugnehmend auf die zuerst veröffentlichte Anzahl Ermordeter) Familien, Freund_innen und Kommiliton_innen an die Opfer.

„I’m thinking about the fat people who were able to show love to themselves and in turn, show me how to love myself“: queering the game of life plädiert für dicke_fettes, queeres Self-Empowerment und Sichtbarkeit als Protestzeichen gegen öffentlich zelebrierte Dickenfeindlichkeit.

Purvi Patel wurde nach einer Fehlgeburt zu insgesamt 41 Jahren Haftstrafe wegen Fetizids und Kindesmisshandlung verurteilt. Bei RH Reality Check findet ihr Hintergründe zu diesem Fall und könnt eine Protestpetition unterschreiben.

Bei TheToast trägt Cate Burlington Dinge zusammen, die Kollegen (in ihrem Tech Umfeld) zu ihr sagten, und kommentiert diese. Die Sprüche sind wie zu erwarten eine Ansammlung hetero_sexistischer Klischees, aber Burlingtons Anmerkungen sind so pefekt, dass man sie sofort gern zur neuen besten Freundin hätte.

Magda fragte hier bei der Mädchenmannschaft einmal „Wie viele Schlagzeugerinnen kennst du?„, für alle, die da immer noch lange überlegen müssen, gibt es nun den richtigen Artikel bei Grimy Goods: „The 20 Best Female Drummers — by all means, badass„.

Qualifizierst du dich für den „Fat Bitches Club„? Dances With Fat hat eine Liste erstellt.

französischsprachige Links

Am 8. März wurden in Peking neun feministische und LGBT-Aktivist_innen festgenommen, weil sie bei einer Aktion auf sexualisierte Übergriffe aufmerksam machen wollten. Fünf sind immer noch im Gefängnis, berichtet Yagg.

Termine in Berlin

10.-12. April, Berlin: Specs On – International Feminist Art Music Festival.

18. April, Berlin: Pempamsie: Ein Workshop für Schwarze Mütter mit Sharon Dodua Otoo (mit Anmeldung).


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Erschwingliche Verhütungsmittel, Rap gegen rape culture und ein Anti-Trolling-Lexikon – kurz verlinkt

1. April 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 276 von 346 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Beiträge

Der pro-familia-Bundesverband hat beim Bundestag eine Petition für die Sicherung des Zugangs zur Verhütung auch für Menschen mit geringem Einkommen eingereicht, die heute letztmalig mitgezeichnet werden kann.

„Rassistische Skandale, Misshandlungen, Eskalation und Repression, die Beobachter_innen und Zeug_innen trifft: eine Bestandsaufnahme österreichischer Polizeigewalt“ schrieben Marlene Brüggemann und Olja Alvir für Progress.

Jetzt neu im Kino: der DreamWorks-Film „Home – Ein smektakulärer Trip“. Warum das erwähnenswert ist? Weil mit diesem erstmals (ja traurig) ein Schwarzes Mädchen als Protagonistin im Mittelpunkt steht. Hengameh Yaghoobifarah bespricht den Film auf Poligold.

Schüler_innen des Robert-Wetzlar-Berufskollegs in Bonn wehren sich gegen einen (extrem) rechten Lehrer. Einem der Schüler wurde von der Schulleitung, der die Burschenschaftsmitgliedschaften des Lehrers bekannt waren, daraufhin mit einem Schulverweis gedroht, berichtet die taz.

„Schlampige Arbeit, vorschnelle Festlegungen, übersehene Beweise“: Die Südwest Presse kommentiert die Polizeiarbeit in Baden-Württemberg bezüglich des NSU und des Ku Klux Klan.

dieStandard porträtiert Anna Fischer-Dückelmann, eine der ersten praktizierenden Gynäkologinnen und Bestseller-Autorin.

Die interaktive Plattform www.ronja-verdient-mehr.at, entwickelt vom Jahoda-Bauer Institut aus Linz, „zeigt Benachteiligungen von Frauen im täglichen Leben auf und soll den oft abstrakten Zahlen und Statistiken Leben einhauchen“.

Das Underdog Fanzine hat ein Interview mit der Orgagruppe des laDIYfest Kiel geführt.

Das Kunstmagazin Monopol interviewt die Galeristin Barbara Gross die seit vielen Jahren vor allem Kunst von Frauen zeigt. Leider sagt sie auch Sachen wie „Die Menschen müssen die Erfahrung machen, das Frauen genauso viel wert sind, wie Männer. „, in dem Interview finden sich dennoch spannende Anekdoten aus dem Kunstbetrieb: „Männer wollten die Kunst Maria Lassnigs beispielsweise nicht kaufen, da sie als Frau hätte schwanger werden können und dann hätte sie ja nicht mehr gearbeitet. Sie war damals über 70, das muss man sich mal vorstellen. Ich habe mich gefragt, ob sich diese Leute die Kunst überhaupt anschauen.“

Englischsprachige Beiträge

Die „BomBaebs“ Uppekha Jain und Pankhuri Awasthi rappen gegen rape culture in Indien:

Bei Medium werden 25 Frauen und Events rund um die Arbeiterinnenbewegungen in den USA vorgestellt und oftmals weiterführendes (teils Unterrichts-)Material verlinkt.

Sarah Seltzer hat für FlavorwireBeyond Mansplaining: A New Lexicon of Misogynist Trolling Behaviors“ zusammengetragen.

Dickenfeindlichkeit und Fatshaming wirkt sich negativ auf die Gesundheit dicker_fetter Menschen aus – Shakesville kommentiert die neue Studie des University College London.

Termin

Am 2.4. in Berlin, Südblock: Party Support #RomaDay.


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Veganismus – Instrument zur Körpernormierung?

6. März 2015 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 35 von 42 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Lisa, 1987 in Mainz geboren und in einem kleinen Ort in der Nähe aufgewachsen. Wurde streng konservativ erzogen, was mich kritisch gemacht und enorm geprägt hat. Nun sitze ich in Berlin an meiner Masterarbeit zum Thema Veganismus und Geschlecht, weshalb ich mich sehr intensiv mit Geschlechterverhältnissen, Körper und Ernährung befasse und mir die hegemoniale Stellung der Uni dabei umso bewusster wird.

„Ich probiere jetzt mal vegan!“, verkündet mir kürzlich eine Freundin. Ich bin verwirrt. Seit zwei Jahren lebe ich vegan und habe bislang zwar Anerkennung für meine ‚Disziplin‘ erhalten, dennoch wurden meine Tierrechtsbegründungen stets von ihr belächelt und mit lapidarem „Ja… du hast ja Recht, aber…“ oder „man kann’s auch übertreiben“ abgetan. Und jetzt, von 0 auf 100? Woher kommt der plötzliche Sinneswandel? Die prompte Erklärung folgt zugleich: „Damit kann man gut abnehmen“. Ich schlucke,…ach…, so ist das jetzt also.

Vom Antispeziezismus zur Diätformel?

Vegan sein wird gesellschaftsfähig. Überall wird darüber berichtet, geschrieben und kommentiert. Der Blick in die Auslage vieler Buchläden zeigt die explosionsartige Vermehrung von Literatur, Kochbüchern und Diätbibeln, auf denen in großen Lettern „VEGAN“ stehen. Bei Titeln wie „Vegan,Schlank&Fit“ oder „Vegan for fit“ wird schnell deutlich, es geht nicht mehr um den ursprünglichen Veganismus. Nicht um eine, aus Antispeziesismus entstandene und zur Auflehnung gegen herrschende (sexistische) Gewalt- und Machtstrukturen ausgelebte Protestform. Nein, nicht dieser Veganismus. Der neue Veganismus bekommt ein maßgeschneidertes Kleid, ein Korsett, welches durch aktuelle Gesundheits- und Schönheitsvorstellungen gerechtfertigt und durch marktwirtschaftlich geleitete Interessen schön eng geschnürt und angefeuert werden kann. Konzerne wittern ein Millionengeschäft im veganen Lebenswandel, der so schön praktisch alle aktuellen Werte in Bezug auf Körper und Gesundheit in sich zu vereinen scheint. Allein 2014 stiegen die Umsätze bei Sojaprodukten und weiteren veganen Lebensmittel um durchschnittlich 25% im Vergleich zum Vorjahr.

Lebt alle vegan?

Bis vor kurzem war ich noch der Meinung, scheißegal aus welchem Grund. Lebt alle vegan! Denn dem geretteten Tier oder der Umwelt ist es egal aus welchem Grund es passiert. Mittlerweile bin ich genervt, höllisch genervt!: Die Tatsache, dass vegan sein – zumindest wenn man die Auslagen in jeder zweiten Buchhandlung glaubt – eine Figur-Wunderformel zu sein scheint. Das Ganze „Ach ist ja voll gesund! Da wird man schlank!“ stinkt zum Himmel. So erkennt mensch auch beim näheren Hinschauen, dass es bei den zig neuen Büchern, die sich um die ‚ach so gesunde‘ vegane Ernährung drehen gar nicht um Tierschutz oder einen emanzipatorischen Akt geht. Wenn es gut läuft, befindet sich vielleicht ein kleiner Satz à la „Nebenbei die Tierwelt retten“ irgendwo am hintersten Zipfel des Gesamtwerkes, den sowieso kein Mensch mehr lesen wird. Das ursprüngliche Ziel einer veganen Lebensweise, nämlich der Achtsamkeit vor jeglichen Lebewesen, ohne Unterdrückung und Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Spezies sowie durch sie einen Gegenpol zur konventionellen marktwirtschaftlichen Lebensmittelindustrie zu schaffen, gehen in dieser Illusion von der veganen Superkraft völlig verloren. Den Tieren hilft das zwar immer noch, aber die weiteren Konsequenzen sind ziemlich beschissen.

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