Einträge mit dem Tag ‘#Ehefüralle’


Fünf Wünsche. Jenseits von #EheFürAlle.

30. Juni 2017 von Magda

Über die #EheFürAlle wird gerade im Bundestag abgestimmt. Das finden manche „unwürdig“ und „überstürzt“, zum Beispiel die CDU. Was seit fast 30 Jahren diskutiert wird, geht der CDU also ein bisschen zu schnell. Außer der Merkel natürlich, die ihre „Unsicherheiten“ und ihr bauchgefühliges „Unbehagen“ in Bezug auf die Öffnung der Ehe sowie der Gleichstellung im Adoptionsrecht anscheinend überwunden hat. Good for her! Die Grünen und die Linken feiern die Abstimmung als regenbogenfarbenen Erfolg. Die SPD, die bei der Bundestagswahl 2013 „hundert Prozent Gleichstellung“ versprach und bisher eher mit hundert Prozent Nichtstun und Abstimmungsvertagung auffällt, prescht nun vor. Martin Schulz verkündete vor wenigen Tagen in einem dramatischen Tweet: „Wir werden die Ehe für alle beschließen. Diese Woche.“

Sense8 Pride Szene

Nun ist es kein Geheimnis, dass ich die Ehe für alle für keine emanzipatorische Forderung halte. Nadine formuliert es noch ein Stück schärfer und spricht von „Illusion von Antidiskriminierung, eine Täuschung“ . Ich bin ehrlich: Müsste ich abstimmen, würde ich nicht gegen die Ehe für alle stimmen. Schon allein, um den konservativen Heten schlechte Laune zu bereiten. Utopisch geträumt, gehört die Ehe und all ihre Privilegien allerdings abgeschafft. Der medienwirksame Hahstag #EheFürAlle ist ein rhetorischer Trick. „Alle“ sind nicht gemeint. Und der Freudentaumel sollte nicht überdecken, dass die dringendsten queeren Kämpfe auch mit der Ehe für alle bestehen bleiben: Diskriminierung in allen Bereichen der Gesellschaft, Ausgrenzung, physische und psychische Gewalterfahrungen. Manche mutmaßen sogar, dass diese Themen nun noch unsichtbarer werden. So nach dem Motto: Wir können doch jetzt heiraten! Endlich gleichgestellt! Was gibt’s da noch zu meckern?!

Ich habe fünf Wünsche. Jenseits von Ehe für alle. Wer lesbische, schwule und bisexuelle Lebensrealitäten mitdenken, respektieren, feiern und supporten will, kann das tun. Jeden Tag. Es sind die regelmäßigen Handlungen, die einen Unterschied machen. Meine Vorschläge, insbesondere für hetero-lebende Menschen, die solidarisch sein wollen, aber keine Ahnung haben, wie:

1. Gehe nicht davon aus, dass alle hetero sind (oder Beziehungen wollen). 

Es ist nicht cool, anzunehmen, dass Frauen ausschließlich mit Männern und Männer ausschließlich mit Frauen zusammen sind bzw. zusammen sein wollen. Schon die Frage ist uncool. Manche wollen/können keine Beziehung haben. Und: Obwohl die Sexualisierung von Kindern kritisiert wird, spricht man selten von der permanenten Heterosexualisierung der Kids: „Ach guck mal, die Emma und der Adil sind ja ein süßes Paar. Na, warten wir mal ein paar Jahre ab, dann läuten die Hochzeitsglocken…!“ Vielleicht will Emma aber lieber mit Linh chillen. Oder mit niemandem.

2. Bitte nutze Sprache sensibel und sei solidarisch.

Schwul oder lesbisch sind keine Schimpfwörter, auch wenn so mancher Schulhof oder Jugendclub was anderes glauben lässt. Schön ist auch, zu intervenieren, wenn andere diskriminierende Sprache verwenden. Ein einfaches „Ich mag das nicht hören, das ist gemein“ kann schon sehr machtvoll sein. Und ein solidarisches Zeichen für diejenigen, die scheiß Sprüche oft hören müssen. Sprachkritik ist für manche müßig, aber ehrlich: Was sollen Kids und Jugendliche denn denken, wenn sie permanent hören, dass „schwul“ etwas schlechtes ist. Macht es nicht leichter, selbstbewusst zu sagen: Ich bin schwul. Oder lesbisch. Oder bi.

3. Vielfalt ist kein bloßes Lippenbekenntnis, sondern tägliche Praxis. 

Es gibt tolle Bücher, Filme, Serien oder Musik, in denen unterschiedliche Lebensrealitäten vorkommen und nicht alle hetero sind. Oder weiß, oder cis. Für alle zu empfehlen. Schlage deiner Kita, Schule, Bibliothek oder deinem Jugenclub vor, ein paar dieser Medien bereitzustellen.

4. Bitte objektifiziere queere Paare nicht. Hinterfrage deine Sicht auf die Welt.

Nervige Sätze, in denen lesbische, schwule und bisexuelle Menschen auf ihr Begehren reduziert bzw. in eine heteronormative Weltsicht gequetscht werden, sind zum Beispiel:

„Hach, Gerrit und Sören sind ja sooo niedlich.“
„Mein schwuler bester Freund sagt immer…“
„Guck mal, da ist Azadeh. Die kann sich nicht entscheiden, ob sie mit Männern oder Frauen zusammen sein will.“
„Lara ist der Mann und Sina die Frau in der Beziehung, das kann ja jeder sehen.“

Not cool. Kannste sein lassen.

5. Put your money where your mouth is. (Lass Taten sprechen.)

Falls du es dir finanziell leisten kannst, unterstütze queere Projekte und Crowdfunding Kampagnen. Check mal aus, welche Initiativen in deiner Stadt existieren. Gibt es Projekte für queere Geflüchtete und/oder Jugendliche und/oder obdachlose LGBTQ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans & Queers) oder für jene, die Gewalt erlebt haben? Befasse dich mit den Themen, die diese Gruppen und Initiativen behandeln. Meine Vermutung: Die Ehe für alle ist gar nicht das Brennpunktthema. Vielleicht schaffen es irgendwann noch andere queere Forderungen auf die politische Agenda.

Sense8 Pride Szene


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Anstand reicht nicht, Stonewall war ein Aufstand und jetzt Ehe für alle? – kurz verlinkt

28. Juni 2017 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 352 von 355 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Links

Der Rechtsausschuss hat heute mit Mehrheit dem Bundestag die Annahme des Gesetzentwurfes des Bundesrates zur Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare (so die offizielle Formulierung) empfohlen – ein erster von vielen Schritten im parlamentarischen Prozess. Hanhaiwen analysiert wie je nach Gesetzestext intersexuelle Menschen ausgeschlossen werden, die in Deutschland nicht mehr zwangsläufig ein Geschlecht zugewiesen bekommen. Aus unserem Archiv empfehlen sich zum aktuellen Anlass auch noch einmal Magdas Text „„Homo-Ehe“? Ja. Heteronormativität hinterfragen? Nee.“ von 2013 und Nadines Text „Ehe abschaffen! Und bis dahin: Eheprivilegien umverteilen“ von 2015 (inkl. vieler weiterer verlinkter Artikel).

Anstand reicht nicht“ – Josephine Apraku von Black Lives Matter Berlin spricht in der ZEIT über Rassismus in Deutschland, Straßenumbenennungen und anti-rassistischen Aktivismus.

Ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiterinnen sowie Mitglieder* (genannt Mitfrauen) der Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES haben einen offenen Brief an eben jene Organisation verfasst, in dem sie undemokratische Tendenzen im Verein benennen und sich gegen rassistische Ressentiments stellen.

Schriftstellerinnen kommen in Deutschbüchern nur selten vor. Warum lernen wir nichts über Mascha Kaléko und andere tolle schreibende Frauen, fragt Silvana Schmidt bei Feminismus im Pott.

Nicola Hinz von Das Lied der Dicken Damen ist zu Gast bei Frau TV und spricht über Fett Aktivismus (FB-Link). Einen Blogpost zu den TV-Erfahrungen gibt es auch schon.

Englischsprachige Links

Virgie Tovar schreibt über vier fehlerhafte/ fragwürdige Annahmen zum Trauma-führt-zum-Dicksein-Narrativ.

Nächsten Monat findet das Cutie.BPoC Festival (ein Festival von und für Queer_Trans*_Inter*_Black_and_People_of_Color) in Kopenhagen statt. Spendet Geld für diese wichtige Veranstaltung!

Bei Mild & Wonderful gibt es diesen super Post: Stonewall Riot + 5 Names to Know. Denn wie wir bereits auf unserer Facebook-Seite schrieben: Kenne deine Geschichte und Vorkämpfer_innen! Stonewall war ein Aufstand!

Deadline 15. September: CfP: International Workshop „Demographic Change, Women’s Emancipation and Public Policy: Interrogating a Divisive Nexus ­ Gender and Intersectional Perspectives“ , 18-20 April, 2018, Bochum (Germany).

Termine in Berlin, Bremen, Gersdorf, Köln, Mannheim, Wien, Wuppertal, Würzburg :

Den ganzen Juni über finden Veranstaltungen in Berlin im Rahmen des Black Lives Matter Monats statt. Das gesamte Programm findet ihr auf der Webseite von Black Lives Matter Berlin.

28. Juni in Wuppertal: Heute nachmittag hält Magda zum letzten Mal ihren Vortrag (Mein) Fett ist politisch.

29. Juni in Berlin: Afrofeminismen – Wer ist da mitgedacht? Ab 19 Uhr diskutieren Jasmin Eding (Mitbegründerin von ADEFRA e.V., arbeitet in einem Projekt für geflüchtete Menschen), anouchK ibacka valiente (Gender-Aktivistin, Autorin) und Stefanie-Lahya Aukongo (Autorin, Poetin, Kuratorin, Fotografin, Aktivistin, Workshop-Teamerin und Sängerin). (FB-Link)

6. Juli in Köln: Die Queer Roma Initiative hat eine Diskussion zu „Zwischen Intersektionalität & Asyl“ organisiert. (FB-Link)

6. Juli in Wien: Rechtliche Infos und praktische Tipps rund ums Plakatieren, Stickern und Sprayen gibt es ab 16 Uhr.

8./ 9. Juli in Mannheim: SPOKEN WORD Empowerment-Workshop für trans* Jugendliche und junge Erwachsene von 14-26.

11. Juli in Berlin: Ab 14 Uhr beginnt eine Informationsveranstaltung zum Hochschulzugang. Anmeldung per Email bis zum 2. Juli 2017 bei Yasmin Yassinat (yassinat(at)htw-berlin.de) (PDF)

14. bis 16. Juli in Berlin: Festival für ein offenes und solidarisches Neukölln.

14. bis 21. Juli in Würzburg: Aktionswoche Queere Kämpfe verbinden.

2. bis 9. August: Das Wer lebt mit wem? Camp lädt zu Diskussionen und Austausch rund um verschiedenste Zusammenlebensformen. http://www.wer-lebt-mit-wem.de/

7. bis 25. August in Bremen: Im August finden gleichzeitig die 20. Informatica Feminale und 9. Ingenieurinnen-Sommeruni statt.

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?


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Ehe abschaffen! Und bis dahin: Eheprivilegien umverteilen

1. Juli 2015 von Nadine

An diesem Wochenende feierte meine Facebook-Timeline das Ende des Pride-Month in einem Regenbogen-Fahnenmeer. Viele meiner Kontakte tauchten ihr Profilbild in bunte Streifen, hier und da wurden Artikel über die Öffnung der Ehe für schwule und lesbische Paare in Deutschland, über die Entscheidung des Supreme Courts in den USA geteilt, die Aktion #Ehefüralle läuft nach wie vor viral und auch auf Twitter gibt es immer mal wieder Diskussionen darüber, ob die Ehe abgeschafft oder ausgeweitet gehört. Vor allem US-amerikanische Schwarze Aktivist_innen und Aktivist_innen of Color sind es, die dieser Tage, 46 Jahre nach den Stonewall-Riots in New York (sexarbeitende Schwarze Transfrauen und Transfrauen of Color protestierten gegen u.a. gegen Polizeigewalt), gebetsmühlenartig gegen die weiße Wand der „Out and Proud“-Euphorie von LGBT* und Heten intervenieren, mit Texten und Aktionen innerhalb und außerhalb der großen Demonstrationen.

Zwar finden in hiesigen Kontexten diese US-amerikanischen Perspektiven ebenfalls Anklang, jedoch habe ich den Eindruck, dass diese Kritik in Argumenten wie „es muss kein entweder, oder sein“, „die Forderungen schließen sich nicht aus“ bisweilen untergeht. Sicherlich bleibt immer eine zentrale Frage sozialer Bewegungen, wenn es um konkrete Forderungen geht, was umsetzbar ist und was vorerst Idee bleiben muss. Orientiert wird sich bei solchen Abwägungen an den staatlichen Regulierungsmöglichkeiten, z.B. Gesetzesänderungen, die sich positiv auf die Gruppe auswirken (sollen). Dem Staat kommt in Bezug auf die Lebensbedingungen und -realitäten derer, die innerhalb seiner Grenzen leben (wollen), ein sehr großer Machtstatus zu, dennoch ist diese Form der Macht eine, die durch ein gewaltvolles Abhängigkeitsverhältnis gekennzeichnet ist. Für die einen mehr, für die anderen weniger als ein solches spür- und wahrnehmbar. Ein weiterer Bezugsrahmen für Überlegungen ist die Gesellschaft. Diese wird allerdings häufig durchweg als privilegiertere Gruppe (als sich selbst) vorgestellt: weiß, deutsch, hetero, klassenprivilegiert, gut situiert, mit Staatsbürger_innenschaft. Diese Gruppe wird zur Solidarität aufgefordert, denn sie ist es, die die Privilegien inne hat, die mensch selbst vermeintlich bekommen will. In diesem Fall: Das Recht auf Eheschließung. Die vollständige Gleichstellung der Ehe und Gleichverteilung ehelicher Privilegien auf Heten, Schwule und Lesben.

Die Kritik, dass die Institution Ehe im Kern ein kolonialrassistisches, heterosexistisches und kapitalistisches Ordnungs- und Gewaltinstrument ist, das die staatliche Gewalt-Dynamik bis in den persönlichen Nahraum von Menschen wiederholt (siehe Links am Ende des Textes), scheint der „Why not?“ und „Tut ja keine_r weh!“-Stimmung keinen Abbruch zu tun. Manchmal werden Schwule und Lesben von den „Ehe abschaffen“-Rufen ausgenommen, weil das angeblich homofeindlich sei. Mensch würde sich damit in konservative Diskurse reinsetzen und Platz für problematische Aneignung schaffen. Ein weiteres Argument gegen die vollständige Abschaffung der Ehe samt ihrer Privilegien: Ehe ja, Privilegien nein. Gleiche Rechte für alle.

Ohne die damit einhergehenden Privilegien funktioniert die Ehe allerdings nicht. Sie wäre sinnlos. Mit der Ehe schützt und bevorteilt der Staat privilegierte Heten, die in das oben beschriebene Muster passen. Es gibt so gut wie keine Einschränkungen für diese Gruppen, was Lebensplanung und Lebensführung betrifft, Reproduktion und Familie(ngründung) ist auf vielen Wegen möglich und z.T. subventioniert (durch Staat und Krankenkassen), mit jeder Steuererklärung gibt der Staat Geldgeschenke (z.B. durch das Ehegattensplitting). Die sozialstaatlichen Transferleistungen für die weiße, deutsche, hetige Mittel- und Oberschicht mit deutscher Staatsbürger_innenschaft sind in Höhe und Umfang enorm. Sie profitieren mehr als jede andere soziale Gruppe von ihnen. Und noch einmal mehr, wenn sie untereinander verheiratet sind. Auch die Diskriminierungsbelastung in anderen Beziehungsnetzwerken und Verhältnissen wie Lohnarbeit und Freund_innenschaften ist für diese Gruppe vergleichsweise gering. Gender Pay Gap, gläserne Decke, Typenklüngel-Netzwerke, sexualisierte und häusliche Gewalt sind trotzdem Themen, die relevant sind, obwohl das keine Problematiken sind, die auf diese Gruppe begrenzt wären, im Gegenteil.

Alle großen Parteien orientieren sich mit ihren politischen Linien an diesen Heten, weil dort das Geld sitzt. Kaufkraft, Möglichkeit der steuerlichen Belastung, auf ideologischer Ebene deutsche, meritokratische Prinzipien und Werte repräsentierend. Weil die Politiker_innen genau so sind. Staatliche Antidiskriminierungspolitik ist deshalb in erster Linie an Menschen interessiert, die diese Norm widerspiegeln oder nah an diese heranreichen. Und wenn Diskriminierung in Mini-Schritten abgebaut wird, so wird im Austausch das wertekonservative Klientel samt Regierungspartner mit Zugeständnissen besänftigt. Die „Emanzipationserfolge“ bleiben oft nur Veränderungen auf symbolischer Ebene, rhetorisch modernisiert, solange Gerechtigkeit einen Preis hat und an Bedingungen geknüpft ist, die wiederum im negativen Sinne folgenreich für andere soziale Gruppen sind. Was bleibt ist, dass der Staat es wieder einmal geschafft hat, potentiell gefährliche Subjekte (in diesem Fall Schwule und Lesben) befriedet und (weiterhin) an sich zu binden. Speaking of Abhängigkeiten.

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