Einträge mit dem Tag ‘Duisburg’


Brandstiftung in Duisburg-Hochheide – Gedanken an Lichtenhagen

11. Oktober 2013 von Viruletta

Dass die antiromaistische Stimmung (nicht nur) in Duisburg mehr und mehr hochkocht, ist schon länger bekannt. Spätestens nachdem sich in Duisburg Nachwachen bildeten, um die Bewohner*innen der Häuser In den Peschen zu schützen, berichteten auch Mainstreammedien darüber. Die bei den Nachtwachen aktiven Menschen fürchteten ein zweites Rostock-Lichtenhagen, nachdem Gewaltandrohungen und tatsächliche Übergriffe gegen die dort untergebrachten Menschen Alltag geworden waren.

Nun ist das erste Haus, in dem überwiegend Roma-Familien leben, in Brand gesteckt worden. Es steht nicht in Duisburg-Rheinhausen wie die Häuserreihe In den Peschen, sondern im Stadtteil Hochheide, aber die Gründe für die Brandstiftung könnten dieselben sein. Die 42 Menschen, die sich zu Brandzeitpunkt in dem Haus befanden, mussten sich auf das Dach retten – 28 von ihnen sind noch Kinder. Sechs Erwachsene und elf Kinder erlitten dabei Rauchvergiftungen und Verbrennungen ersten Grades. Einen Hinweis auf einen “fremdenfeindlichen” (sic!) Hintergrund sieht die Polizei laut eigenen Angaben derzeit nicht. Es werde aber “wie üblich […] in allen Richtungen ermittelt”, so die Polizeisprecherin Daniela Krasch. Dass dies tatsächlich geschieht, bezweifelt die Initiative gegen Duisburger Zustände jedoch:

Nach den bisher ergebnislosen und offenbar mit peinlich wenig Begeisterung geführten Ermittlungen der Duisburger Polizei gegen geistige Brandstifter_innen im Internet, aber auch gegen die Schmierer_innen von rassistischen Parolen In den Peschen, darf bezweifelt werden, dass dieses Mal ernsthaft und tatsächlich in alle Richtungen gefahndet wird.

Wovon weitaus eher auszugehen ist, ist dass der Vorfall, sofern er Erwähnung findet, von Seiten der Politik sowie der Medien erneut zur antiromaistischen Stimmungsmache genutzt werden wird. Eine perfide Täter-Opfer-Umkehr zieht sich ohnehin durch einen Großteil der bundesdeutschen Berichterstattung, sobald in irgendeiner Form über Roma berichtet wird. In einer ausführlichen Analyse der Duisburger Zustände schrieb das Migazin bereits vor einiger Zeit:

Die Zuwanderer werden zu Tätern gemacht, obwohl sie – sozial marginalisiert – von extremer Armut betroffen sind. Die Sichtweise, dass sie Probleme haben und nicht machen, wird nicht thematisiert. Die Tatsache, dass Roma besonders in Ungarn, Rumänien und Bulgarien aus rassistischen Gründen diskriminiert, verfolgt oder gar umgebracht werden, findet fast keine Erwähnung.

Der Artikel schließt mit einem Fazit, das sich auch jetzt wieder in Erinnerung gerufen werden sollte:

Duisburg ist eine Einwanderungsstadt mit über 100 Jahren Migrationsgeschichte. Die eingewanderten Gruppen reichen von den „Ruhrpolen“ um 1900 über die Vertriebenen nach dem 2. Weltkrieg, die Arbeitsmigranten ab den 1950er Jahren bis hin zu Asylsuchenden, Spätaussiedlern und Kontingentflüchtlingen kurz vor der Jahrtausendwende. Man könnte sagen, dass Migration in Duisburg zur Tradition geworden ist. Diese Tradition wird nun von Menschen aus Südosteuropa fortgesetzt und zum wiederholten Male wird daraus ein Problem konstruiert. Duisburg scheint aus seiner Geschichte nicht viel gelernt zu haben.

Und Deutschland auch nicht.


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Antiromaistische Zustände in Duisburg #indenpeschen

26. August 2013 von Viruletta

TRIGGERWARNUNG: Rassismus, Antiromaismus, Polizeigewalt.

Vor einer knappen Woche haben wir über die rassistischen Übergriffe sowie den dagegen erstarkenden Widerstand in Duisburg #indenpeschen und Berlin #MaHe berichtet. In Duisburg hat sich die Lage seit dem letzten Wochenende leider deutlich zugespitzt. Während die Mainstreampresse die Schuld bei den Bewohner*innen der Häuser In den Peschen 3-5 sowie den Organisator*innen der mit ihnen solidarischen Nachtwache sucht, sind inzwischen mehrere Pressemitteilungen und Blogbeiträge von Seiten der Unterstützer*innen veröffentlicht worden.

Rassististische Stimmungsmache auf der “Diskussionsveranstaltung” von “Bürger für Bürger e.V.”

Am Freitagabend veranstaltete der Verein “Bürger für Bürger e.V.” eine sogenannte “Diskussionsveranstaltung” über die Häuser In den Peschen 3-5. Hierbei ist es offensichtlich von vornherein nicht beabsichtigt gewesen, mit den Bewohner*innen statt über sie zu diskutieren, denn von ihnen ist bezeichnenderweise keine*r Einzige*r eingeladen worden. Auch die Moderation schien schon vor Beginn der “Diskussion” einen klaren Standpunkt zu beziehen, so wurde bereits in der Anmoderation von Menschen gesprochen, die „kulturell nicht hierher passen“ (R. Karling) würden. Ebenso wenig wurden die wiederholten rassistischen Zwischenrufe unterbunden, ganz im Gegenteil zu den Versuchen, rassismuskritisch zu intervenieren. Dominiert wurden die Beiträge auf der letztlich etwa 100 Teilnehmer*innen umfassenden Versammlung unter anderem von Mitgliedern der rechtspopulistischen Partei “Pro NRW”. Es wurde außerdem mehrfach versucht, als Andersdenkende ausgemachte Personen einzuschüchtern und zu bedrohen, zum Beispiel in dem wiederholt Fotos von ihnen gemacht und während der Versammlung ein Hammer gezeigt wurde.

Auseinandersetzungen nach der Versammlung mit anschließendem Polizeieinsatz

Im Anschluss an die Veranstaltung eskalierte die Situation dann leider völlig. Menschen, die sich während der Veranstaltung rassismuskritisch geäußert hatten, wurden von Nazis verfolgt, konnten sich jedoch glücklicherweise in ein Wohnhaus retten. Als Folge der Vorkommnisse rückte die Polizei mit einem Großaufgebot an, jedoch nicht um endlich die Bewohner*innen so wie ihre Unterstützer*innen zu schützen, was ihre Aufgabe gewesen wäre. Stattdessen stürmten sie scheinbar wahllos Wohnungen der Häuser In den Peschen 3-5. Teilnehmer*innen der Nachtwache schildern die Situation folgendermaßen:

Bei dieser Polizeimaßnahme – die maßgeblich durch z.T. vermummte Duisburger Hundertschafts-Polizist*innen durchgeführt wurde – drang die Polizei in mehrere Wohnungen ein, einige Kinder wurden aus dem Schlaf gerissen und mit Pfefferspray attackiert, außerdem erlitt eine hoch-schwangere Frau einen Nervenzusammenbruch und wurde ins Krankenhaus gebracht. Nach unseren Informationen wurde mindestens ein Mal aufgelegt, als versucht wurde einen Krankenwagen „In die Peschen“ zu rufen.
Drei Bewohner des Hauses wurden festgenommen, darunter ein Jugendlicher. Ebenso wurden zwei Personen, die sich an der Nachtwache beteiligten, von der Polizei in Gewahrsam genommen. Nach Zeugenaussagen hätten sich die beiden zu diesem Zeitpunkt schon an der Nachtwache beteiligt und würden folglich nicht als Tatbeteiligte in Frage kommen.
Während des gesamten Polizei-Einsatzes wurde nicht versucht mit den Bewohner*innen zu kommunizieren. Somit haben die Bewohner*innen über die ganze Polizeimaßnahme hinweg keine Information über das Vorgehen der Polizei oder einen Grund für das Eindringen in das Wohnhaus bekommen.

Ähnlich geschildert werden die Vorfälle auch vom Duisburger Bündnis gegen Antiziganismus und in einem Gastbeitrag bei der Landtagsabgeordneten Birgit Rydlewski (Edit: danke für die Hinweise, hier stand zu erst, dass der Beitrag direkt von ihr stammen würde). Bei Letztere schließt der Augenzeugenbericht mit dem Fazit, dass der Augenzeuge nicht glaubt, dass es unter den gegebenen Umständen auf Dauer möglich sein wird, einen Anschlag auf die Häuser zu verhindern, da es der Polizei viel eher darum zu gehen scheint, die Bewohner*innen zu diskriminieren und zu kriminalisieren, anstatt Übergriffe auf das Gebäude und die dort lebenden Menschen zu verhindern.  Auch der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. setzt die aktuellen Geschehnisse in Duisburg in den Kontext der Progrome von Rostock- Lichtenhagen, Solingen, Hoyerwerda und Mölln.

 Wie kann es jetzt weitergehen?

Die Antirepressionsgruppe Mülheim hat dazu aufgerufen, Gedächtnisprotokolle von Freitag Nacht einzusenden. Außerdem hat die rechtspopulistische Partei “Pro Deutschland” für den kommenden Donnerstag, den 29. August, eine Demonstration vor den Häusern In den Peschen 3-5 angemeldet. Sobald es Informationen über Gegenveranstaltungen gibt, werden wir euch an dieser Stelle darüber informieren. Generell sollte aber nochmal betont werden, dass das weitere Vorgehen nun gut abgewogen, ausführlich mit den Bewohner*innen besprochen und keinesfalls über ihre Köpfe hinweg entschieden werden sollte.

Update: Die bisher in erster Linie durch ihre einseitige Berichterstattung aufgefallene Lokalpresse verweist inzwischen ebenfalls auf einige der hier verlinkten Gegendarstellungen.


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Rassistische Übergriffe und Widerstand in Berlin und Duisburg

20. August 2013 von Charlott

In zwei Tagen jähren sich zum 21. Mal die Gewalttaten gegen Asylsuchende in Rostock Lichtenhagen. Während auf ZDFneo Flucht nachgespielt wird, Gauck sich bestimmt an seine letztjährige Eichen-Pflanz-Aktion anlässlich des Jahrestages erinnert und Angela Merkel mehr Zivilcourage gegen Rechtsextremismus fordert (ohne natürlich Rassismus als gesamtgesellschaftliches Problem und auch Teil der aktuellen politischen Entscheidungen zu benennen):

Übergriffe auf neue Unterkunft für Asylsuchende in Berlin

Bereits seit Wochen wurde gegen eine neue Unterkunft für Asylsuchende in Marzahn-Hellersdorf Stimmung gemacht und mit rassistischen Parolen gehetzt. Einen “Höhepunkt” fand dies bei einer Bürgerversammlung (sic), organisiert durch den Bezirk, am 9. Juli. Ziel der Veranstaltung war es gewesen, Anwohner_innen über die Planungen zu informieren und Fragen zu beantworten. Stattdessen kamen Nazis wie Maria Fank vom Ring nationaler Frauen an das Mikro.

Gestern bezogen nun die ersten Flüchtenden die neu eingerichtete Unterkunft und wurden direkt mit Hitler-Gruß von AnwohnerInnen begrüßt, es wurden Parolen gebrüllt und weitere Drohgebärden aufgefahren. Auf Facebook wurde über Brandanschläge auf die Unterkunft fantasiert. Erste Refugees haben der Unterkunft aufgrund der aktuellen Lage den Rücken zugekehrt. Unterstützende Demonstrant_innen waren den ganzen Tag aber auch vor Ort. Heute Nacht haben 15 von ihnen eine Mahnwache abgehalten. Bei Storify gibt es eine Übersicht der gestrigen Ereignisse. Unterstützung vor Ort ist immer noch wichtig (FB Link). Heute Abend soll eine NPD-Kundgebung ab 18 Uhr gegenüber der Unterkunft stattfinden.

Mehr Informationen und u.a. eine Artikelsammlung findet ihr bei linksunten.indymedia. Auf Twitter könnt ihr den Hashtag #MaHe und insbesondere dem Account @AntiRa_Info_MH folgen.

Übergriff gegen Roma in Duisburg

In Duisburg spitzen sich derweil die Gewaltandrohungen und tatsächlichen Übergriffe auf die Bewohner_innen zweier Wohnblöcke (In den Peschen 3 und 5) zu. Die Anwohner_innen sind zu einem großen Teil Roma. Auch hier wird Facebook zum gemeinsamen Hetzen genutzt. Dort wird immer wieder zum Anzünden der Häuser aufgerufen (TW für den Link). Aber auch die Mainstreampresse wie die WAZ oder der WDR unterstützt die Stimmungsmache mit rassistischen_antiromanistischen Artikeln und Beiträgen, in denen vor allem den GegnerInnen mit ihren rassistischen Annahmen Raum gegeben wird (und ergänzt wird, dass es natürlich wirklich Probleme mit Roma in Duisburg gäbe).

Solidarische Aktivist_innen halten seit zwei Tagen Nachtwachen bei den Gebäuden. Auch hier wird Unterstützung gebraucht!
Heute um 17 Uhr soll es ein Treffen von Unterstützer_innen im Asta Keller der Uni Duisburg geben.

Auf Twitter könnt ihr dem Hashtag #indenpeschen folgen um auf dem Laufenden zu bleiben. Seit heute gibt es auch einen Blog: In den Peschen und einen Twitteraccount @IndenPeschen.

Für beide Orte gilt: Wenn ihr weitere, aktuellere Informationen oder gute, informierende Artikel habt, postet sie bitte in die Kommentare.


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