Einträge mit dem Tag ‘Diskriminierung’


Nur ein Wort

31. Juli 2014 von accalmie

Da muss man doch drüber stehen. Nein, wirklich, es ist doch nur ein Wort. Es ist doch gar nicht so gemeint, und damals (TM) war es ganz normal, Menschen so bezeichnen – da hat sich niemand etwas dabei gedacht. Sag es einfach mal ganz oft hintereinander, dann wirst du sehen, wie dieser Ausdruck an Bedeutung verliert. Man kann auch echt überreagieren. Das muss man im historischen Kontext sehen. Auch Kinderliteratur ist Literatur. Irgendwas mit Zensur und Political-Correctness-Terror. Diese Fokussierung auf Sprache und Kultur verschleiert das eigentlich Wichtige in der Debatte. Immer diese Emotionalität dieser Minderheiten. Man kann sich auch über alles aufregen. Wenn das das geringste Problem ist, dann ist doch eigentlich alles gut. Ich habe das als Kind auch gesagt/gelesen, und bin trotzdem kein_e Rassist_in geworden. Mein_e Freund_in X ist auch Y und findet Z trotzdem OK. Es ist doch nur ein Wort.

So, wie du “Hete” sagst, klingt das total abwertend. “Hetero” ist ein Schimpfwort bei dir. So wird das nichts mit der Gleichberechtigung. Wir sind doch alle Menschen, warum müssen wir das dann so herausstellen mit diesem Wort? “Kartoffeln” ist aber ein pejorativer Terminus. Ich bin auch gegen Nationalismus, aber ich finde es unfreundlich, wenn weiße Deutsche als “Kartoffeln” bezeichnet werden. Das schert auch alle über den gleichen Kamm. OK, Diskriminierung wird durch solche Bezeichnungen nicht vorgenommen, weil das Machtgefälle anders ausfällt – aber es muss trotzdem nicht sein. Lächle mal mehr dabei, wenn du schon “Hete” sagen willst. Ich sehe schon, du magst ohne Provokationen nicht auskommen – na dann, viel Spaß weiterhin mit diesem Aktivismus der Randgruppen. Mein_e Freund_in X ist auch Y und findet Z trotzdem nicht OK. Unterlasse dieses Wort.

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© drinks machine: alphabet street

Die De­bat­ten ver­lau­fen er­müdend ähn­lich. Sei es Ras­sis­mus in Kin­der­bü­chern, Hetero­­norma­­tivi­­tät, die den All­tag durch­dringt oder Nationa­lis­mus und “Schland” – ver­meint­liche “Min­der­hei­ten” be­reits sprach­lich als abweichend zu markieren ist eine akzepta­ble Pra­xis; der Wi­der­stand da­ge­gen ist lächer­lich. Sprach­­li­che Mar­­kier­­ungen des “An­deren” sind zu­­läs­sig – sie sind ja auch nicht bö­se ge­­meint. Wenn “das Andere” aber die Nor­­ma­­li­­tät der ver­­meint­­li­­chen Mehr­­heit in Fra­­ge stellt und deren un­­be­­nan­­nte Iden­ti­­tä­ten (und jenen zu­­grun­­de lie­­gen­­de Macht­ver­­hält­­nis­­se) be­­nen­nt: Ze­ter und Mor­­dio! Dann ist ein Wort auf ei­n­mal nicht mehr nur ein Wort, son­­dern ei­ne Be­­lei­­di­­gung, gar eine Agen­­da. Dann sind auf einmal die Ge­füh­le der Be­trof­fenen nicht mehr nur Ge­jammer, son­dern ein legi­ti­mer Ein­wand. Dann ist sich die un­be­nan­nte, selbst­stili­sier­te Uni­ver­sali­tät ihrer unmarkierten Selbstverständlichkeit selbst gar nicht mehr so sicher und re-etabliert sich besonders laut. Und dann ist es sogar egal, dass Diskriminierung kein individueller Akt jenseits gesellschaftlicher Strukturen und Machtgefälle ist – die persönlichen Befindlichkeiten derjenigen, die es nicht ertragen können, nur ein einziges Mal nicht in einer als Mehrheit stilisierten Gruppe unidentifiziert zu leben, haben Vorrang vor jedweder Analyse. Da kommt er, der Diskriminierungsneid: eine Mischung aus Aufmerksamkeitsgeheische und der Unfähigkeit es nur einmal aushalten zu können, sich in irgendeiner community aussen vor wähnen zu müssen – ein Zustand, den von Rassismus, Sexismus, Heterosexismus und anderen Diskriminierungsformen Betroffene zwangsweise leben. Selbst in die Reaktionen auf und Kompensationen für systematische Diskriminierung muss man sich hineindrängen, alles andere wäre ja Diskriminierung. Wir sind doch alle Menschen. Der gute Wille zählt.

Was in den Debatten um vermeintlich einfache, unbedeutende Worte tatsächlich “zum Ausdruck” kommt, sind strukturelle Machtverhältnisse, die sich in die tiefsten, persönlichen Ebenen verzweigen. Die mentale Gymnastik, die kognitive Dissonanz, die zur Schau gestellt werden, wenn einerseits zum Beispiel N* als “nur ein Wort” verteidigt oder abgetan wird, und gleichzeitig Wut und Ungläubigkeit herrscht, tatsächlich als “Hete” bezeichnet zu werden in Debatten um Heterosexismus und Heteronormativität, ist das Anschauungsmaterial für jene. Das Wort gehört zum Machtverhältnis. Es ist nicht der einzige, aber ein bedeutsamer Teil dessen. Das Wort spiegelt das Machtverhältnis wider. Das Wort reproduziert das Machtverhältnis. Und die Empörung, nicht als “Kartoffel” oder “Hete” bezeichnet werden zu wollen – und zwar von niemandem, nirgendwo, niemals – illustriert, um wen (und was) es in solchen Auseinandersetzungen wirklich geht.


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Räume und Ängste

24. Juni 2014 von Nadine

Es gibt Räume,

die mein Herz höher schlagen lassen. Aber nicht, weil ich Schmetterlinge im Bauch habe.

die mich aufregen. Aber nicht, weil meine Vorfreude so groß ist.

in denen ich keinen Appetit verspüre. Aber nicht, weil Luft & Liebe alles ist, was ich zum Leben brauche.

in denen ich mir keine Pausen gönne. Aber nicht, weil ich Langeweile nicht ausstehen kann.

in die ich nicht (hinein) passe. Aber nicht, weil ich zu viel Raum einnehme.

in denen ich verstumme. Aber nicht, weil ich anderen so gerne zuhöre.

vor und in denen ich Angst habe.

Angst. Ein Phänomen? Etwas, das ich bin? (ängstlich!) Irrational? Krankheit? Einbildung? Nur in meinem Kopf?

Hab dich nicht so. Sei doch … Alles wird gut. War doch nicht so schlimm. Wie beim “kleinen Angsthasen“?

Ich hatte schon Angst vor Insekten und Wasser.
Ich hatte schon Angst vor’m Sprechen, vor’m Versagen. Ver_Sagen.
Ich ver_sage nicht, ich bekomme etwas ver_sagt. Zuneigung, Liebe, Wertschätzung. Zum Beispiel, weil meine Stimme ver_sagt. “Rede ordentlich!” “Kannst du nicht sprechen?” “Konzentrier’ dich, wenn du sprichst!” #Eltern
Ich fange an zu stottern, wenn ich Angst habe, aufgeregt bin, mich gestresst fühle. Ich ent_sage mir selbst Liebe, Zuneigung, Wertschätzung, wenn ich Angst habe, aufgeregt bin, mich gestresst fühle.

“Ich habe dir was zum Lesen mitgebracht. Es geht um deine Krankheit. Ist ganz interessant.” – “Ich habe keine ‘generalisierte Angststörung’, Mutter. Ich habe Panikattacken.” – “Achso.” #Gesprächbeendet

Ich hatte schon Angst vor der Angst. Weil sie mich handlungsunfähig macht. Weil sie sich so übermächtig anfühlt und ich mich ohnmächtig fühle. Weil ich Angst habe, dass die Angst mich umbringt. Angst zu sterben. Keine Angst vor dem Tod, solange ich selbst darüber entscheiden kann, ob ich sterben will oder nicht. Suizidgedanken sind Selbstermächtigung in Momenten größter Ohnmacht.

Ich hatte schon Angst vor meiner prügelnden Ex-Freundin. Vor ihren Erniedrigungen. Vor ihren Kontrollen. Davor, dass sie es wieder einmal schafft, sich zum Opfer zu machen und mir die Schuld dafür zu geben.
Ich hatte schon Angst (davor), die Verantwortung für die Ängste anderer zu übernehmen. Weil es meine Ängste antickt. Antickt, mir Liebe, Zuneigung und Wertschätzung zu ent_sagen, antickt, dass mir Liebe, Zuneigung und Wertschätzung ver_sagt wird, weil ich anderen meine Verantwortungsübernahme für ihre Ängste ver_sagt habe. Weil ich ver_sagt habe.

Ver_sagens_ängste: Angst vor den Reaktionen darauf, anderen ihre diskriminierenden Selbstverständlichkeiten zu ver_sagen. Etwas dagegen zu sagen. dagegen zu handeln. Angst zu sagen, dass Gewalt nicht immer ein Synonym für Cis-Typen (in Hetero-Beziehungen) ist. Angst zu sagen, dass #Eltern nicht immer ein Synonym für Familie ist. Angst zu sagen: #Gesprächbeendet.

Definitionsversuche: Angst als Reaktion auf etwas. Angst als Umgang mit etwas. Ich bin nicht ängstlich, sondern etwas macht, dass ich mit Angst darauf reagiere. Angst ist kein ‘Phänomen’, keine ‘Krankheit’, keine ‘Störung’, nichts ‘Irrationales’, sondern ein von mir machmal mehr, manchmal weniger bewusst entschiedener und gesteuerter Umgang mit erlebten Diskriminierungen, erlebter Gewalt und Traumatisierung. Angst ist nicht nur in meinem Kopf, sondern (auch) mit körperlichen Reaktionen und konkreten Handlungen und Emotionen verbunden, die für andere wahrnehmbar werden (können): Herzrasen, Appetitlosigkeit, Schwindel, Fantasien, Ent_Ver_rückungen, Müdigkeit, Übelkeit, (selbst herbeigeführtes) Kotzen, Schweißausbrüche, verändertes Atmen, Wut, Ärger, Weinen, Verzweiflung, Trauer, sich selbst verletzen, Suizid_Gedanken, Panik, Weg_Bewegung, Gegen_Not_wehr, Schreien, Sorgen (sich Sorgen machen, für sich sorgen, für andere sorgen, sich Sorgen machen um andere) Schlaf, Bewusstlosigkeit, Nicht_Essen, Drogen/Substanzkonsum, Verwirrung, Nervosität, Krämpfe, Starre, Hautveränderungen, Hormonausschüttungen, Freude und vieles mehr.

Es gibt (Angst_)Räume,

in denen wünsche ich mir nicht mehr Raum für mich. Aber nicht, weil ich ihn nicht brauche. Sondern, weil diese Räume _an sich_ diskriminierend sind.

in denen ich nicht interveniere. Aber nicht, weil es nicht notwendig wäre. Sondern, weil es nichts bringt.

die für Cis-Typen gemacht sind, die weiß und hetero und dünn und ableisiert sind und keine Ängste haben und deshalb keine Erwartungen/Vorstellungen/Wünsche/Ansprüche mit diesen Räumen verknüpfen, außer höchstens drei Schlüpfer und mindestens eine Frau, die für sie kocht (und ihre Schlüpfer wäscht) und sie dabei anlächelt.

die für diese Cis-Typen gemacht sind und in denen _trotzdem_ “No/Fight Sexism, Racism, Homophobia, blablablabla” an den Wänden steht.

die für Frauen, Lesben, Trans* und Queers (wie mich) gemacht sind, die weiß und dünn und ableisiert sind und die oftmals Geld haben und studiert haben und ein nach bestimmten Vorstellungen von bestimmten Leuten so und so gegendert konform-nonkonformes Auftreten und öfter als oftmals einen Pass und eine Krankenversicherung und eine Aufenthaltsgenehmigung und eine Arbeitserlaubnis auf Lebenszeit haben und die Ängste haben und die feministisch/kritisch sein wollen und deshalb Erwartungen/Vorstellungen/Wünsche/Ansprüche mit diesen Räumen verknüpfen. Nämlich sich wohl zu fühlen.

die für diese Frauen, Lesben, Trans* und Queers (wie mich) gemacht sind und in denen andere (auch) Ängste haben und kein nach bestimmten Vorstellungen von bestimmten Leuten so und so gegendert konform-nonkonformes Auftreten und keine Krankenversicherung und keine Wohnung und keine Aufenthaltsgenehmigung und keine Arbeitserlaubnis auf Lebenszeit und sich nicht wohl fühlen und nicht anwesend sind und in denen _trotzdem_ “No/Fight Sexism, Racism, Homophobia, Transphobia, Ableism, Classism, Fatshaming blablablabla” an den Wänden und auf den Flyern und Homepages und Stellungnahmen und Wohnungsanzeigen und Aufrufen steht.


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Ein Chelsea Manning-Statement und Twitter-Feminismus – Kurz Verlinkt

24. April 2014 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 232 von 244 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Links:

Die queere Punk Band Friend Crush aus Berlin hat einige Songs online gestellt.

Diskriminierungssensible Zusammenarbeit jenseits von Öffnungsprozessen: LesMigraS veröffentlichte Gedanken und Anregungen zum Thema.

In dieStandard ging es darum, wie die Debatte um Gleichberechtigung unter anderem durch Mainstream-Publikationen (“Tussikratie”) immer wieder auf ein niedriges Niveau gebracht wird.

Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin und das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V. (apabiz) haben den achten  Schattenbericht über Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus veröffentlicht; hier könnt Ihr ihn downloaden.

Englischsprachige Links:

Twitter als zentrales Tool für feministische Bewegungen: Yay or nay? Dazu könnt Ihr auf The Nation einen interessanten Artikel lesen.

Juhu, die Eisner-Nominierungen (quasi die Oscars der der Comic-Welt) sind draußen! 30 Kategorien, 160 Nominierte, davon… 35 Frauen… Tja. Aber die sollten erst recht gefeiert werden, findet autostraddle!

What genitals have to say about gender? Yori Gagarim hat sie gefragt und ein ganzes Comicbuch dazu fabriziert.

Chelsea Manning hat ein Statement zu ihrem Namenswechsel geschrieben.

Termine:

Vom 23. April bis 9. Juli findet an der Humboldt-Universität zu Berlin das Afrikakolloquium: Rwanda Beyond ’94 statt; jeweils von 18:00 bis 19:30 Uhr, mittwochs, im 2-wöchigen Abstand.

Am Samstag planen die NPD und andere extrem rechte Gruppierungen durch Berlin-Kreuzberg (und am 1. Mai durch Neukölln) zu marschieren. Protestaktionen des Bündnisses “Berlin Nazifrei” findet ihr hier (Facebook-Link) und hier.


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Steigt die politische Beteiligung von Frauen in Afrika wirklich an?

18. April 2014 von Gastautor_in

Minna Salami schreibt, spricht und engagiert sich zu Themen rund um Afrika, Diaspora und Feminismus. Sie betreibt den preisgekrönten Blog, MsAfropolitan, und gehört dem Duke University Educator Network sowie dem Guardian’s (UK) Africa Network an. Minna hat einen Master of Arts in Gender Studies von der University of London, School of Oriental and African Studies (SOAS). Ihr könnt ihr auf Twitter folgen: @MsAfropolitan. Der Text erschien im Orginal auf Englisch.

Letzten Monat traf eine Gruppe von etwa vierzig Frauen in Banjul, Gambia, für einen Workshop zu transformativer feministischer Führung, organisiert durch die Organisation Women Living Under Muslim Law (WLUML), zusammen. Ich war eine der Trainer_innen bei dem einwöchigen Workshop. Meine Sitzung handelte vom Einsatz von Kommunikation für feministische Advocacy.

Während der Woche haben wir unter anderem über Gewalt gegen Frauen, die kulturell gerechtfertigt wird, den Anstieg eines politischen Islams, der Beteiligung von Frauen im Gesetz- und Verfassungs-Entwurfsprozess und natürlich über politische Führung gesprochen. Die feministischen Aktivist_innen – Trainer_innen sowie Teilnehmer_innen – haben bei mir keinen Zeifel darüber gelassen, dass afrikanische Frauen für Aufruhr sorgen im 21. Jahrhundert! Sich heute als afrikanische Feministin zu sehen, bedeutet, Teil einer starken, entschlossenen und schwesterlichen Macht zu sein.

Doch obwohl der WLUML Workshop ein Beispiel dafür war, dass es ganz sicher keinen Mangel an Mut bei potentiellen weiblichen politischen Leitfiguren  in Afrika gibt, stellt sich mir die Frage, ob die politische Beteiligung von Frauen in Afrika wirklich ansteigt, wie viele suggerieren? Klar, wenn es jemals eine Zeit der afrikanischen Spitzenpolitikerinnen gab, dann jetzt. In Ruanda, beispielsweise, sind unglaubliche 64 Prozent der Abgeordneten Frauen, und allgemein werden in Afrika Quoten in Parlamenten gut eingesetzt. Derzeitig gibt es drei weibliche Staatsoberhäupter in Afrika (Ellen Sirleaf-Johnson, Joyce Banda und Catherine Samba-Panza) und den Vorsitz der AU (Afrikanische Union) hat mit Nkosazana Dlamini-Zuma ebenfalls eine Frau inne.

Trotzdem zeigt Studie nach Studie, dass Frauen weiterhin große Nachteile gegenüber Männern haben, nicht nur in Führungspositionen, sondern auch in allen Insititutionen, die zu Führungspositionen führen. Es gibt ein breites Gender Gap in Bildung, am Arbeitsplatz, in ‘traditionellen’ Institutionen, im Einkommen und der privaten Sphäre. Frauen stehen strukturellen Hindernissen gegenüber, sowie Kapazitätsgrenzen, die sie daran hindern, am politischen Leben zu partizipieren. Sie nehmen nicht im selben Maße am politischen Leben Teil wie Männer – weder als Leitfiguren noch als Wähler_innen. Sogar noch schlimmer: Unterstützung für Frauen in politischen Führungspositionen ist tatsächlich in den meisten Ländern von 2005 zu 2012 gesunken , wie eine aktuelle Studie von Afrobarometer zeigt, und nur neun afrikanischen Parlamente haben die 30%-Marke an Frauen in Parlamenten erreicht.

Um noch etwas Salz in die Wunde zu streuen: Im Jahr 2012 zeigte eine detaillierte globale Analyse zu Gender Equality, dass Frauen in den Ländern Sub-Sahara-Afrikas die stärkste Diskriminierung erfuhren. Ob es um Angelegenheiten in der privaten Sphäre wie häuslicher Gewalt, Erbschaft und FGM ging oder in der öffentlichen Sphäre um mangelnden Zugang zu Gesundheitsversorgung, öffentlichen Räumen und politischer Macht, Frauen in Afrika sahen sich dem Bericht nach mit großen Hausforderungen hinsichtlich Geschlechter-Ungerechtigkeit konfrontiert. Dem kann eine_r noch hinzufügen, dass die Gesetzgebung in vielen Ländern mehr und mehr mit Religion vermischt wird, was ebenfalls negative Effekte für die Leben von Frauen hat. Einige Beispiele sind Steinigungen von Frauen in Nigeria, das Gesetz zu unzüchtiger Kleidung in Uganda und dass FGM in vielen Ländern immer noch nicht illegal ist.

Es ist nicht mein Ziel, den signifikanten Zugewinn an weiblichen Leitfiguren auf dem ganzen Kontinent abzuwerten. (Und das ist auch kein “afrikanisches” Problem allein.) Aber auch wenn die positiven Entwicklungen es verdient haben, gefeiert zu werden, wäre ich doch verhalten, ob wir uns nicht zu schnell siegessicher fühlen, wenn es gleichzeitig ein Revival von alten, unglaublich patriarchalen Werten und einen Backlash gegen Frauenrechte gibt, die es schwierig machen sich an politischer Führung zu beteiligen.


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Solange ich keine Hete bin

18. Februar 2014 von Nadine

Gerade wird im Zusammenhang mit Homo- und Trans*feindlichkeit viel über den Unterschied von Toleranz und Akzeptanz geschrieben. Toleranz doof, Akzeptanz gut. Nicht thematisiert wird die Heteronorm, die hinter beiden Worten steckt. Wer toleriert/akzeptiert wen bzw wird dazu moralisch angehalten? Angehalten, weil es sich bei Homos und Trans* ja um eine “Minderheit” handelt, die (auch) quantitativ gar nicht in der Lage ist, die eigenen Hetero-Selbstverständlichkeiten empfindlich zu stören. Deshalb fällt Akzeptanz leicht.

Damit das Minderheits- und “Kann nicht gefährlich werden” Dogma aufrecht erhalten wird, redet Mensch wahlweise von Krankheit oder Biologie. Homo und Trans* werden als essentialistische Abweichungen konstruiert. Es gibt sie halt und sie stressen nicht, wenn sie getätschelt werden. Deshalb akzeptieren wir sie.

Dass die tatsächliche “Minderheit” nur eine solche ist wegen jahrhundertelanger Diskriminierung, Gewalt und Unterdrückung bleibt unerwähnt. Dass Heten sich zur Mehrheit (und damit einhergehend Norm) konstruieren, die großzügig darüber entscheidet, das vorher gewaltsam Zurückgedrängte zu akzeptieren, ist Teil des Problems und nicht der liberale Gleichberechtigungsgestus, für den er sich ausgibt.

Ob Mensch das nun Toleranz oder Akzeptanz nennt, ist dabei völlig irrelevant und letztlich auch nur der Versuch sich gegenüber den rechten, konservativen und fundi Hatern ein Stück besser/aufgeklärter/offener zu fühlen. Ich wurde schon toleriert und akzeptiert, es war etwas angstfreier als wenn das nicht der Fall gewesen wäre, aber die Zurichtungen und Diskriminierungen verschwinden damit nicht, genauso wenig wie das Gefühl anders zu sein und es auch zu bleiben. Solange ich keine Hete bin.


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Was sind queer-feministische caring* Communities?

21. Januar 2014 von Gastautor_in

Jay ist Antigewalt-Aktivist_in und Mitarbeiter_in bei LesMigraS, dem Antidiskriminierungs- und Antigewaltbereich der Lesbenberatung Berlin e.V.. Jay arbeitet seit mehreren Jahren zum Umgang mit Gewalt in queer-feministischen Kontexten und schreibt im Virtual Retreat Center zu self-care, Unterstützungsarbeit und kollektivem Empowerment. Im folgenden Text, den Jay für ein englischsprachiges Zine zu “self-love and self-care” geschrieben und für uns ins Deutsche rückübersetzt hat, geht es um Fragen von kollektivem Zusammenleben, Solidarität und Verbündetsein sowie die Gestaltung von Räumen, die von möglichst vielen als Zufluchts- und Wohlfühlorte wahrgenommen werden können.

* Die verschiedenen Bedeutungsebenen, die für mich in dem englischen Verb “to care” stecken, lassen sich für mich schlecht in einem einzigen deutschen Wort einfangen. Deswegen hab ich mich für den englischen Begriff entschieden und werde verschiedene Nuancen im Text anbieten. To care bedeutet für mich Anteilnehmen, sich für Themen und Menschen interessieren, einander zugeneigt und zugetan sein, füreinander sorgen.

Auf einem Workshop des Northwest Networks (Seattle, USA) wurde ich gefragt, warum ich Antigewalt-Aktivist_in geworden bin. Zu der Antwort, die ich gefunden habe, hab ich ein ambivalentes Verhältnis: Ich will anderen die Unterstützung geben, die mir selbst gefehlt hat, als ich Gewalt erfahren habe. Nach den Antworten der anderen Teilnehmer_innen urteilend war ich nicht die einzige, die aufgrund solcher Erfahrungen mit feministischer Antigewaltarbeit begonnen hat.

Aus dieser Erfahrung ergeben sich einige Fragen für mich: Wie sorge ich für mich selbst, während ich für andere sorge? Inwiefern bin ich davon abhängig, andere zu unterstützen, um in mir selbst ein Loch zu füllen? Gehe ich von Ähnlichkeiten zwischen mir und anderen aus, damit ich meine Erfahrungen mit_teilen kann? Wie gehe ich mit meinen Privilegien um und mit Situationen, in dene ich Diskriminierungsverhältnisse reproduziere?

Wenn ich über diese Fragen nachdenke, merke ich, dass ich daran interessiert bin, queer-feministische caring Communities aufzubauen, in denen das Interesse an queer-feministischen Themen und die Zuneigung füreinander und für sich selbst als wechselseitig und verbunden wahrgenommen werden. Mich mit diesen Fragen zu beschäftigen fühlt sich bereits für mich nach einem Perspektivwechsel an. Dabei gibt es auch eine Stimme in mir, die sagt, dass ich mir nicht den Luxus leisten kann, mich für caring Communities zu interessieren, weil es andere Dinge zu tun gibt – in hetero_sexistische Kackscheiße intervenieren, die Welt retten. Häufig fühlt es sich so an, als wäre die einzige Option, jeden Tag aufs Neue auf diskriminierende Sachen zu reagieren und es gibt so vieles, worauf reagiert werden müsste. Dieses Reagieren kann sehr leicht die ganze Energie verbrauchen und die Ergebnisse sind meistens unbefriedigend.

Caring als Luxus und Notwendigkeit

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Ist das Netz unser Bahnhof?

26. November 2013 von Maria
Dieser Text ist Teil 16 von 18 der Serie Feminismus im Recht

Der Hass, der im Internet sichtbar wird, nimmt zum Teil erschreckende Formen an. Die Reaktionen auf #aufschrei zeigen das erneut. Feministische und antirassistische Blogger_innen werden beleidigt, verleumdet, beschimpft, beobachtet, verfolgt, ihre Arbeitgeber kontaktiert und sie werden auf sonstige Art und Weise unter Druck gesetzt, weil sie in der Öffentlichkeit eine Meinung vertreten. Die Diskussion Safe Cyber Spaces am 21. November hat gezeigt, dass die juristischen Möglichkeiten, gegen diese Art von Einschüchterungen vorzugehen, sehr begrenzt sind.

Die Medienrechtsanwältin Ama Walton hat erklärt, wie strikt die Rechtsprechung bei Persönlichkeitsrechtsverletzungen ist. Der Jurist Simon Assion hat deutlich gemacht, dass zudem das gewünschte Ergebnis, wenn man sich juristisch wehrt, häufig auch nicht eintritt und man erst recht in das Fadenkreuz von Verfolgungen geraten kann. Ein Problem ist auch, dass die beschriebenen Shitstorms eine Wand aus Einzeläußerungen sind, die wenn sie allein stehen würden, vielleicht gar nicht so dramatisch wären. Sie fügen sich aber zusammen zu einer Wand aus überwiegend anonymem Hass, vor der die betroffene Person dann steht und zumindest juristisch kaum adäquate Möglichkeiten der Reaktion hat.

Was bedeutet das alles nun für das Recht und die Gesellschaft? Ich bin der Meinung, dass die beschriebenen Phänomene in erster Linie ein gesellschaftliches Problem sind und nicht in erster Linie ein Rechtsproblem. Wir haben es hier mit einer neuen und wichtigen Facette der öffentlichen Sphäre zu tun. Sich in diese Sphäre zu begeben als Mensch, der nicht zur Gruppe weißer Männer gehört, ist traditionell mit einem gewissen Risiko behaftet. Gerade junge Frauen, die diese Öffentlichkeit für sich und ihre Anliegen nutzen, machen diese Erfahrung.

Eine ältere feministische Juristin ohne Twitteraccount und Blog hat vor kurzem zu mir gesagt „Das ist doch klar, das Internet ist jetzt eben euer Bahnhof“. Der Bahnhof, meinte sie, war für viele Frauen (und ist es vielleicht immer noch) ein Ort, wo man nicht so gern hingeht, weil man dort Angriffen ausgesetzt sein kann, verbal oder körperlich. Nun können Menschen dann verschiedene Strategien entwickeln, wie damit umzugehen ist. Nicht hingehen, sich vorher überlegen, wie verhalte ich mich, nur zu bestimmten Tageszeiten hingehen… Das Problem sei aber das gleiche, online wie offline. In gewisser Weise ist das richtig. Es ist ein Privileg, sich mit dem selbstverständlichen Anspruch in die Öffentlichkeit zu begeben, respektiert und gehört zu werden, einfach so, als Mensch. Wie alle Privilegien wird auch dieses von denen, die es genießen, kaum wahrgenommen.

Wie jeder öffentliche Ort ist das Netz auch ein Ort, der die Gesellschaft und ihre Machtverhältnisse spiegelt. Auf der anderen Seite ist das Netz aber nicht unser Bahnhof – wir wollen und können nämlich nicht darauf verzichten, den Zug zu nehmen. Mobilität im alten wie im neuen Sinne ist ein menschenrechtliches Thema, vielleicht ist der Gedanke, auf öffentlichen Nahverkehr zu verzichten, aber auch ähnlich absurd wie der Verzicht auf Meinungsäußerungen im Netz.
Der Bahnhof, um in dem Bild zu bleiben, ist heute häufig ein sicherer und freundlicher Ort. Er ist in der Regel auch einer der überwachtesten öffentlichen Orte. Selbst das Verteilen von Flyern durch Aktivist_innen ist dort mitunter ein Problem und kann nicht stattfinden. Deshalb ist die Diskussion über Privatsphäre und Sicherheit der Debatten im Netz auch zu Recht immer verknüpft mit dem Anspruch, nicht mehr Kontrolle und Überwachung zuzulassen. Das macht auch die Ambivalenz aus der feministischen Perspektiven in dieser Diskussion mit aus – ich möchte die Freiheit im Netz nicht beschränken, aber ich möchte eine Gesellschaft ohne Diskriminierung und mit Partizipation für alle.

Trotzdem bin ich nicht pessimistisch. Das Netz bietet uns eine Öffentlichkeit für unsere Themen. Feministische Interventionen können gesellschaftliche Debatten prägen und neue Öffentlichkeiten zu erreichen. #Aufschrei hat das gezeigt, aber auch die Entwicklung der feministischen „Netzgemeinde“ davor. Feministische Räume im Netz machen thematische Angebote jenseits der Themen der etablierten Medien und Politik jenseits der etablierten Institutionen. Wenn mich jemand vor 10 Jahren gefragt hätte, wo eigentlich in Deutschland die Frauenbewegung ist, dann hätte ich gesagt, in den Gewerkschaften gibt es sie noch. Heute sind Feminist_innen und ihre Bündnispartner_innen vernetzt und haben wieder deutlich an Öffentlichkeit und Macht gewonnen.

Dieser Text ist eine überarbeitete Version des Statements von Maria bei der Podiumsdiskussion „SafeCyberSpaces“ am 21.11.2013 an der Humboldt Universität zu Berlin.


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Wir haben die Definitionsmacht!

23. Oktober 2013 von Gastautor_in

Sharon Dodua Otoo ist Schwarze Britin – Mutter, Aktivistin, Autorin und Herausgeberin der englischsprachigen Buchreihe “Witnessed” in der edition assemblage. Sie ist aktives Mitglied in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) e.V. Unter dem Namen Ms.Represented bloggt und twittert Sharon ebenfalls. Wir freuen uns über diesen Gastbeitrag zur Veränderung von Realitäten durch Wörter, der kürzlich ebenfalls bei Analyse & Kritik in der Sonderbeilage zu Critical Whiteness erschien.

Natürlich haben wir alle die Möglichkeit unsere Umwelt mit Sprache zum Positiven zu verändern – wie denn sonst? Sprache inspiriert! Dr. Martin Luther King sagte damals: „I Have a Dream!“ und nicht etwa „Ich habe da so eine vage Idee…“ Mit seiner Rede hat er Milliarden von Menschen weltweit erreicht und zum Teil erstmalig glauben lassen, ein Leben ohne Rassismus sei nicht nur erstrebenswert, sondern auch wirklich erreichbar. Und warum sonst achten wir auf Tonfall und Wortwahl, wenn wir uns für eine Arbeitsstelle bewerben? Warum genau freuen wir uns, wenn wir eine Person kennenlernen, die sich bemüht hat, ein paar Sätze in unserer Muttersprache zu lernen, wenn diese für sie sehr schwierig ist? Wie wir mit unseren Mitmenschen kommunizieren, hat auf jeden Fall einen großen Einfluss auf das, was um uns herum geschieht.

Sprache ist ohnehin lediglich ein Mittel zum Zweck. Eigentlich ist es unmöglich, unsere diversen Realitäten durch Sprache zu erfassen. Diejenigen von uns, die mehr als eine Sprache können, wissen, dass wir manchmal ein Gefühl, einen Gedanken oder ein Erlebnis besser in einer Sprache ausdrucken können als in der anderen. Manchmal existiert das Wort, das wir brauchen, auch ganz einfach nicht. Vermutlich sind wir ständig dabei haarscharf aneinander vorbeizureden bzw. zu kommunizieren. Unsere eigentliche Aufgabe wäre dann, nicht klare Absolute zu verhandeln, sondern geschickt(er) mit den Gegensätzen und Widersprüchen, die zum Alltag gehören, umzugehen – und uns so einer besseren Verständigung anzunähern.

Lässt sich Bewusstsein durch Wörter verändern?

In ihrem Artikel „Nur für Eingeweihte“ bezweifelt Wettig, dass es möglich ist, unser Bewusstsein durch unseren Sprachgebrauch zu ändern. Sie schreibt: „Welches Wort ich benutzte, ändert nichts, solange sich die Verhältnisse nicht ändern.“ Eine solche Behauptung kann nur von einer Person gemacht werden, die sich über ihre Privilegien nicht bewusst ist und der durch die vermeintlich „neutrale“ deutsche Sprache nicht täglich Gewalt angetan wird. Ich rede nicht für andere, doch meine Vermutung ist, dass die Eltern eines neugeboren Babys mit „uneindeutigen“ Geschlechtsmerkmalen sich sehr freuen würden, wenn sie auf die begeisterte Frage: „ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ noch (mindestens) eine weitere Antwort geben könnten, die nicht sofort mit einem Defizit ihres Kindes in Verbindung gebracht werden würde. Und ich wünsche mir, als Cis-Frau, dass ich überhaupt das Wort „Cis“ bereits in meiner Kindheit kennengelernt hätte. Mir ist erst seit wenigen Jahren bewusst, dass es Menschen gibt, die sich weder als weiblich noch männlich definieren können_möchten oder die das ihnen bei der Geburt zugeschriebene Geschlecht nicht als passend empfinden. Durch die Verwendung der dominierenden Sprache habe ich gelernt, diesen Menschen ihre Existenz abzusprechen – eine gewaltvoller Akt. Intersex Babys werden zwangsoperiert, Transpersonen werden gemobbt, gehetzt, gefoltert und getötet. Ich tue anderen Menschen nicht gern Gewalt an und ich werde nicht gern dazu manipuliert, mich in eine solche Tradition einzureihen. Sprache macht es mir möglich, die Existenz von Inter- und Transpersonen anzuerkennen und durch die Verwendung des Gender Gaps habe ich die Möglichkeit zu signalisieren, dass ich mich im Kampf gegen diese Formen von Gewalt solidarisch zeigen möchte.

Das Leben für Menschen, die Diskriminierungserfahrungen ausgesetzt sind, ist ein Minenfeld. Wir machen viel zu oft schmerzhafte, negative Erfahrungen und noch dazu, wird unser Leid von der dominanten Gesellschaft nicht anerkannt. Darum entwickeln wir Strategien um zu erkennen, ob wir uns in bestimmten Kontexten sicher(er) fühlen können, oder nicht. Die verwendete Sprache unserer Gesprächspartner_innen – oder vielmehr die Wortwahl – ist ein relativ eindeutiger Hinweis dafür. Wer zum Beispiel 2013 in Deutschland nicht Schwarz ist und noch immer herkömmliche rassistische Bezeichnungen verwendet um Schwarze Menschen zu beschreiben, in der Überzeugung, dass diese einfach neutral sind, misst dem respektvollen Umgang mit den Belangen von Schwarzen Menschen in Deutschland offenbar keine große Priorität bei. Das muss natürlich nicht heißen, diese Person sei rechtsradikal. Es ist aber ziemlich wahrscheinlich, dass diese Person sich nicht sonderlich gründlich mit ihrer Positionierung in einer rassistischen Gesellschaft auseinandergesetzt hat. Somit haben diese Person und ich eine gänzlich andere Wahrnehmung von den Machtstrukturen innerhalb Deutschlands und wenige (um nicht zu sagen keine) gemeinsamen Anknüpfungspunkte um gegen diese anzukämpfen.

Kommunikation ist das was bei der anderen Person ankommt.

Es gilt anzuerkennen, dass bestimmte Wörter verbrannt sind. Das Wort „Endlösung“ können wir nicht mehr verwenden, um zum Beispiel über das Ergebnis einer Rechenaufgabe im Matheunterricht zu sprechen, denn es hat eine grausame Konnotation. Klar ist auch, dass die Intention der sprechenden Person hierbei nicht maßgeblich ist. Andere Wörter, die mit Gewalt, Hass und Verbrechen konnotiert sind, gehören ebenfalls auch nicht in unserem Wortschatz. Als Amadeu Antonio 1990 in Eberswalde von Rechtsradikalen zu Tode getreten wurde, und als ich im gleichen Jahr an einer Bushaltestelle in Hannover von einem Nazi angeschrien und bedroht wurde, sind dieselben rassistische Bezeichnungen gefallen, über die in Deutschland 2013 immer noch hitzig diskutiert wird, ob sie wirklich aus Kinderbüchern gestrichen werden sollten. Weil das Leid, das durch die dominante Sprache erzeugt wird (oder woran erinnert wird) nicht an weißen hetero cis-männlichen Körpern erfahren wurde, stößt die Idee von einer „politisch korrekten“ Sprache für die deutsche Mainstream anscheinend auf Unverständnis. Es wird argumentiert, dass dieses „unkorrekte“ Kommunizieren Diskriminierende schafft, wo es gar keine gibt und dass „Political Correctness“ die eigentliche Arbeit gegen Diskriminierung unnötig erschwert. Und dennoch: anscheinend lässt sich über ungleiche Machtverhältnisse selten so kontrovers in den Mainstream Medien diskutieren wie über die vielen Versuche durch sprachliche Veränderungen eben diese Machtverhältnisse aufzubrechen. Die Verwendung des generischen Femininums in der Grundordnung an der Universität Leipzig ist ein weiteres sehr schönes Beispiel dafür.

Wettig behauptet außerdem: „Ob jemand nun »Kanaken« sagt oder »Menschen mit Migrationshintergrund«: Bei dem/der ZuhörerIn entsteht das Bild eines Menschen, der weniger gebildet und weniger erfolgreich ist, im schlimmeren Fall wird auch noch Kriminalität, Frauenfeindlichkeit oder religiöser Fanatismus assoziiert. Keines dieser Vorurteile wird korrigiert, wenn man stattdessen von »People of Color« spricht.“ Es klingt so, als würde sie voraussetzen, dass anti-rassistische Sprache allein dem Zweck dienen soll, weiße Menschen zu sensibilisieren. Das Recht auf Selbstbezeichnung wird dabei völlig außer Acht gelassen. Fremdbezeichnungen sind in der Tat meist negativ konnotiert. Die Verwendung politischer Eigenbezeichnungen hingegen stärkt. Sie zeigen Wege aus der Isolation und Demütigung und sie weisen auf Verbündete.

Ganz abgesehen davon, dass „Menschen mit Migrationshintergrund“ und „People of Color“ weder die gleiche Konnotation noch die gleiche Bedeutung haben. „Menschen mit Migrationshintergrund“ ist ein Euphemismus, der auf der falschen Annahme basiert, es könne einer Person angesehen werden, ob sie „fremd“ wäre und darum weiterhin den Glauben stützt „richtige“ Deutsche sind weiß. „People of Color“ hingegen ist eine politische Selbstbezeichnung, ebenso wie „Schwarz“ mit großem „S“. Sie beschreiben eine Positionierung innerhalb einer mehrheitlich weißen Gesellschaft und keine körperlichen Merkmale . Beides sind Versuche Alltagsrassismus wahrnehmbarer zu machen. Mit der Betonung auf dem Wort: Versuch. Keine_r behauptet, dass allein durch die Verwendung einer „korrekten“ Sprache Machtstrukturen von selbst aufgelöst werden. Der Vorschlag ist stattdessen Sprache wie einen Post-it Note zu verwenden: als ständige Erinnerung daran, dass wir alle die Aufgabe haben gegen Diskriminierung anzugehen, und zwar damit, dass wir bei uns selbst anfangen müssen.

Es ist also dir überlassen, welches Vokabular du benutzen möchtest. Wenn es um diskriminierende Sprache gegen marginalisierte Menschen geht, gibt es – trotz des Zensurvorwurfs – keinerlei wirksame Sanktionen. Dennoch musst auch du akzeptieren, dass du nicht in der Lage bist zu bestimmen, wie ich mich zu fühlen oder zu reagieren habe, wenn du diskriminierende Sprache verwendest. Wie Noah Sow einst treffend sagte, wenn eine Person auf deinem Fuß ein Klavier abstellt, ist es für deinen Schmerz erst mal nicht so entscheidend, dass dies versehentlich passiert ist. Nur du hast das Sagen darüber ob du Schmerzen hast, wie stark sie sind und wie du dies zum Ausdruck bringst.

Der Weg ist das Ziel

Eine wertschätzende, respektvolle Kommunikation erfordert vielleicht Geduld und Durchhaltevermögen, denn Sprache ist dynamisch und hat sich einer stetig wechselnden Realität anzupassen. Dennoch sind wir alle erst wirklich handlungsfähig, wenn wir diese Tatsache akzeptieren und in unserer Kommunikation berücksichtigen. Unsere Wörter haben das Potential für uns alle befreiend und stärkend zu sein, sofern sie nicht darauf bauen, Normen herzustellen bzw. aufrechtzuerhalten, indem andere Identitäten negiert oder erniedrigt werden. Lasst uns also aufhören am Duden zu klammern! Die Definitionsmacht liegt bei uns. Wir können entscheiden, ob wir uns gegenseitig inspirieren wollen oder nicht.

Was willst du mit deiner Sprache erreichen?


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Rassistische Normalzustände – kurz verlinkt

22. August 2013 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 200 von 244 der Serie Kurz notiert

In der vergangenen Woche haben sich allerhand spannende Linktipps angesammelt – daher gibt es diese Woche “Kurz verlinkt” gleich zweimal. Hier Teil 2.

Heute jähren sich die Angriffe auf die zentrale Aufnahmestelle für Geflüchtete und ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter_innen in Rostock zum 21. Mal. Auch 21 Jahre später müssen Asylsuchende in Deutschland um die Sicherheit in ihren Unterkünften bangen.

Die Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt (KOP) und der Migrationsrat Berlin Brandenburg e.V. rufen auf zur Solidarität mit Ayfer H. (Hintergrundinfos ab Seite 132 in der Chronik) und mobilisieren gemeinsam mit ihr zur Prozessbeobachtung. Wann? Am Mittwoch, den 28. August 2013 um 11:30 Uhr. Wo? 64. Strafkammer des Landgerichts, Turmstraße 91, 10559 Berlin, Raum 731.

Alltagsrassismus erleben auch Reiche und Prominente, wie u.a. in der Süddeutschen Zeitung zu lesen ist: “Der eigentliche Skandal ist nicht, dass sich jemand weigerte, Oprah Winfrey eine teure Handtasche zu zeigen. Der Skandal ist, dass sich jemand weigerte, einer schwarzen Frau eine teure Handtasche zu zeigen. Dass es sich dabei um die berühmte Unternehmerin handelte, verhilft dem Fall, der sonst wohl nie an die breite Öffentlichkeit gelangt wäre, zu Bekanntheit. Mehr nicht.”

Die Jüdische Allgemeine meldet einen krassen Fehlgriff bei eben dieser Zeitung: Mit einem Foto eines Bahngleises des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau hat die Süddeutsche am Montag eine Leser_innenbriefseite zum Bahnchaos am Mainzer Hauptbahnhof illustriert.

Dass Frauen, die aus vermeintlich religiösen Gründen ein Kopftuch tragen, es schwer haben, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden, war bekannt. Dass diesen Frauen aber mehr als jeder dritte Betrieb verschlossen bleibt, geht nun aus einer aktuellen Studie der Pädagogischen Hochschule Freiburg hervor, über die das Migazin berichtet.

Die taz berichtet über das Leben von Rroma-Familien in Serbien, die aus Deutschland abgeschoben wurden.

Ebenfalls in der taz: „Ich kam als Opfer rein und ging als Täter wieder raus“ – ein Bericht über Vergewaltigungen unter dem Einfluss sogenannter K.O.-Tropfen.

Eine neue TV-Serie über das Leben im Gefängnis, “Orange Is The New Black”, wird in der feministisch-kritischen US-amerikanischen Blogosphäre heiß diskutiert. Ein Interview mit einer der Schauspieler_innen gibt es nun bei Autostraddle [auf Englisch].

Mutmaßlich als Zeichen gegen menschenfeindliche homophobe Gesetze in Russland haben sich zwei russische Athletinnen bei der Leichtathletik-WM während der Medaillenvergabe geküsst - vermutlich drohen ihnen deswegen  Sanktionen [Text auf Englisch] Edit: Offenbar sind die beiden Sportlerinnen von dieser Interpretation ihrer Aktion nicht sonderlich begeistert

Cheryl Sandbergs “Lean In”-Webseite hat ironischerweise ein unbezahltes Praktikum ausgschrieben. Bei der The Ed Show sprechen Zerlina Maxwell und Keli Goff über den Kampf für gerechte Löhne und welche Ausschlüsse solche Praktika produzieren [auf Englisch].

Viele Tipps zur Selbstfürsorge gibt es bei Scarleteen [auf Englisch].

Warum thin-shaming, die Abwertung von als dünn gelesenen Körpern,  falsch und fies ist, aber nicht das Pendant zu fat-shaming, erklärt Lindy West auf Jezebel [auf Englisch].

Im New Statesman erklärt Laurie Penny Männern* nochmal den Unterschied zwischen individueller Schuld an und individueller Verantwortung für Sexismus – und fordert dazu auf, letztere zu übernehmen [auf Englisch].

Von wegen Höhlenmenschen und Evolution und so: Die allgemein verbreitete Überzeugung, dass Männer* grundsätzlich mehr an Sex interessiert seien als Frauen*, ist relativ neu, wie Alyssa Goldstein bei Alternet berichtet [auf Englisch].

Mädchen im Alter zwischen vier und acht Jahren sagen, was sie an ihren Körpern mögen: Was der Körper tun kann, ist wichtiger als wie er aussieht [auf Englisch].


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Feministische Netzpolitik und das Problem interkultureller Trainings – die Blogschau

4. Mai 2013 von Nadine
Dieser Text ist Teil 200 von 254 der Serie Die Blogschau

Femgeeks haben die kürzlich veröffentlichte Studie von Kathrin Ganz zu feministischer Netzpolitik rezensiert.

Das Mädchenblog bereitet die feministische Kritik an Femen der letzten Wochen und Monate noch einmal auf und kommt zum Schluss: Femen, ruhe in Frieden!

Ninia LaGrande rechnet mit Sexisten ab und verpackt das Ganze mit utopischen Gedanken.

eleonora roldán mendívil nimmt auf ihrem Blog cosas que no se rompen einen Aufruf zu einem Training, das sich an “deutsche” und “ausländische” Stud_entinnen richtet, auseinander: “im diesem aufruf ist so viel /weiße/ /deutsche/ normvorstellung und kulturalisierende zuschreibungen, dass mir eigentlich nichts mehr einfällt…”

Antje Schrupp hat das Programm des Evangelischen Kirchentages in Hamburg unter die Lupe genommen und fragt: “Nichts gegen Geschlechtergerechtigkeit, aber wo bleibt der Feminismus?

Das Voice Refugee Forum Germany vermeldet, dass erneut eine geflüchtete Person aufgrund mangelnder Gesundheitsversorgung ums Leben gekommen ist.

Jay vom Virtual Retreat Center geht der Frage nach, wie feministische Aktivist_innen den permanenten Druck auf Diskriminierungen reagieren zu müssen_wollen, in produktive Fragen und Handlungen überführen können.


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