Einträge mit dem Tag ‘Diskriminierung’


Auf Sexismus schlagfertig antworten!

18. Mai 2012 von Helga

„Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber…“ oder „Ich brauch’ mal zwei starke Männer“ oder „Ist die Person ein Mann oder eine Frau?“ oder oder oder. Die Liste der sex­is­tischen, homophoben, transphoben, kurz: dis­kriminierenden Sprüchen ist lang. Und wie bei den meisten blöden Sprüchen fällt einer oder einem im ent­schei­den­den Moment zu oft nichts Schlagfertiges ein. Das will alltagsalternativen ändern. Das Projekt sammelt Antworten und bietet diese auch als Postkartenmotive an – zum Ausdrucken und Verteilen (auch auf Facebook).

Flyer von alltagsalternativen: Oben eine Sprechblase mit dem Text „…wie ein Mädchen“ – darunter „Warum benutzt du die Bezeichnung ‚Mädchen‘ als Beleidigung?“


Facebook | |


Von der #rp12: How to make your activist space a safe space

8. Mai 2012 von Helga

Im gedruckten Programm wurde es leider nicht ganz klar, aber hier handelte es sich bei der re:publica 12 nicht um einen Vortrag, sondern einen Workshop für Erfahrungsaustausch. Nach anfänglichem Zögern, sich auch selbst zu beteiligen, brachten sich schließlich viele Teilnehmer_innen ein. Es ging um die Frage, wie mensch Aktivismus möglichst sicher und barrierefrei für sich und andere gestalten kann. Eine Frage, die auch hier nicht abschließend beantwortet werden konnte – was aber auch nicht das Ziel war. Aber was eigentlich ist ein safe space?

Symboldbild. Bunte Monoblocstühle der rp12

CC BY-SA 2.0 Rerun van Pelt

A place where anyone can relax and be fully self-expressed, without fear of being made to feel uncomfortable, unwelcome, or unsafe on account of biological sex, race/ethnicity, sexual orientation, gender identity or expression, cultural background, age, or physical or mental ability; a place where the rules guard each person’s self-respect and dignity and strongly encourage everyone to respect others. —Advocates for Youth

Ein Platz, wo alle sich entspannen und sie selbst sein können, ohne Angst, sich unkomfortabel, unwillkommen oder bedroht zu fühlen, aufgrund ihres biologischen Geschlechts, race/Ethnizität, sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität, kulturellem Hintergrund, Alters oder physischer oder geistigen Fähigkeiten; ein Platz wo die die Regeln den Selbstrespekt und Würde einer jeden Person schützen und alle ermuten, sich gegenseitig zu respektieren.

Warum sollte man seine aktivistische Gruppe zu einem sicheren und barrierefreien Ort machen? Je mehr Leute mitmachen, umso mehr Ideen gibt, umso mehr kann geschafft werden, umso mehr kann geändert werden. Natürlich: Sich aktiv dafür zu bemühen, bedeutet auch wieder Arbeit. Doch wenn man nicht einmal bei sich selbst anfangen kann, wie kann man dann die Welt ändern? (Wie ich im Workshop anmerkte, werde ich niemanden zwingen, seine Gruppe so zu gestalten. Aber wer Frauen nur zum Anschauen dabei haben will oder Lesben aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ausschließt, darf sich nicht beschweren, wenn Frauen diese Gruppe nicht unterstützen oder sie sich Homophobie-Vorwürfen ausgesetzt sieht.)

Klar, wer keine Glaskugel hat, kann leider nicht alle Probleme voraussehen, die andere Aktivist_innen haben – oder die sie davon abhalten, sich zu engagieren. Umso wichtiger ist es aber, jederzeit ein offenes Ohr zu haben. Zum einen für Vorschläge, zum anderen für Beschwerden. Am besten ist es dabei, klar zu kommunizieren, wo dies geschehen kann und was danach passiert. Die erste Regel: Ernst nehmen. Ob schwerer Übergriff oder „kleines“ Problem, wer dies anbringt, verdient Respekt und darf nicht als das Problem an sich behandelt werden. (weiterlesen …)


Facebook | |


Alle Jahre wieder – oder warum der Equal Pay Day noch immer nötig ist

23. März 2012 von Jennifer
Collage an roten Taschen

Symbol des Equal Pay Day: die rote Tasche

Es gibt Gedenktage, bei denen man sich jedes Jahr aus Neue wünschen würde, die Welt hätte sich endlich so entwickelt, dass dieser Tag nicht mehr benötigt würde. Der heutige, mittlerweile neunte Equal Pay Day zum Beispiel.

Doch dieser ist leider nach wie vor unverzichtbar. Erst vor kurzem hat die OECD eine Studie veröffentlicht, der zufolge das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen auch im Jahre 2012 in keinem anderen europäischen Land so groß ist wie in Deutschland: 21,6 Prozent verdienen Frauen, die Vollzeit arbeiten, demnach im Schnitt weniger als ihre männlichen Kollegen. In den anderen untersuchten Industrie­staaten beträgt der Unterschied durchschnittlich „nur“ 16 Prozent. Das statistische Bundesamt beziffert den Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen sogar wie in den Vorjahren mit 23 Prozent.

Wie dieser Pay Gap errechnet wird, ist hinlänglich bekannt. Genau wie die verschiedenen Gründe für sein Zustandekommen – Frauen arbeiten häufiger Teilzeit als Männer, sind öfter in schlecht bezahlten Branchen beschäftigt, müssen die Probleme bei der Vereinbarkeit von Job und Beruf eher ausbaden, treten in Gehaltsverhandlungen angeblich weniger durchsetzungsstark auf – können in unserer Faktensammlung zum Equal Pay Day nachgelesen werden.

Sie hier noch einmal aufzuführen, macht deshalb keinen Sinn – frau könnte jedes Jahr aus Neue einen alten Text per copy and paste einfügen. So wie Helga nicht mehr eigentlich selbstverständlichen Mini-Fortschritten applaudieren will, wäre es mir jedoch am liebsten, ich müsste mich gar nicht mehr über Missstände ärgern, die längst überwunden sein sollten. Denn das ist das eigentlich Bittere: Dass sich so wenig ändert! Und dass von denjenigen, die dazu in der Lage wären, anscheinend nicht einmal ernsthaft versucht wird, Bewegung in die verfahrene Situation zu bringen!

(weiterlesen …)


Facebook | |


Leih’ dir ne Hete!

13. März 2012 von Nadine

In Bibliotheken gibt es für gewöhnlich Bücher, CDs, DVDs und andere Medien zum Verleih. Menschen gehen für gewöhnlich in Bibliotheken, um sich Wissen anzueignen und konsumieren dafür Medien. Normalerweise. Seit geraumer Zeit gibt es das Konzept der “living library”, das heißt, Menschen können sich andere Menschen “ausleihen”, die als Expert_innen fungieren und der ausleihenden Person Wissen vermitteln. Mit nach Hause nehmen darf mensch die “lebenden Bücher” zum Glück noch nicht, allerdings ist der Objektivierungscharakter so oder so gesehen fragwürdig.

Ein neues Projekt, “die lebendige Bibliothek” in Berlin setzt allerdings noch einen drauf: Dort kann mensch sich ganz säuberlich nach “Diversity”-Aspekten sortiert Muslima, Behinderte, Transsexuelle, Obdachlose usw. ausleihen und sie mit eigenen Vorurteilen und Stereotypen nerven. Unterstützt und gefördert wird das Projekt aus Fördermitteln des Bundes. Da lacht das Herz.

Mal wieder ein typischer Fall: Gut gemeint, schlecht in der Umsetzung. Grundsätzlich soll es darum gehen, Vorurteile abzubauen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, mit denen eine_r sonst aus Gründen nicht ins Gespräch kommt. Ja, welche Gründe eigentlich?! Wäre nicht das interessant zu erfahren? Warum also müssen sich jene den bohrenden Fragen der “Toleranzgesellschaft” stellen, die sowieso täglich mit Ausgrenzung, Diskriminierung und blöden Sprüchen konfrontiert sind? Sind wir im Zoo? Was werden denn da für Bilder über Menschen und deren Lebenssituationen konstruiert? Sind Transsexuelle, Muslima, Obdachlose nur diese Labels? Welche Kriterien müssen sie erfüllen, damit sie als Expert_innen für ihr Label gelten? Essenzialismus pur, Differenzkarneval für Anfänger_innen. (weiterlesen …)


Facebook | |


Wenn aus guten Vorsätzen der Worst Case wird: das PNR-Abkommen

13. März 2012 von Helga

Mit dem Flugzeug zu reisen ist etwas komplizierter als mit der Bahn – statt einfach einzusteigen muss man einchecken und durch eine Sicherheitskontrolle. Und während die Bahn meist nur weiß, wieviele Menschen im Zug mitfahren, wissen Fluglinien ob ihre Passagiere besondere Essenswünsche haben und wer zusammensitzen wollte. Teilweise werden auch besonders absurde Sachen in den Fluggastdaten gespeichert: Der Aktivist Edward Hasbrouck klagte auf Einsicht in seine Daten und fand dabei, dass sein Versuch, einen Apfeil und ein Brot mit in den Flieger zu nehmen vermerkt wurde. Wie auch die Tatsache, dass ihm der Apfel abgenommen wurde.

Ein Tisch auf dem viele beschriebene Postkarten liegen

Postkarten gegen das PNR-Abkommen

Wer diese Daten sehen und speichern darf und wie lange, wird voraussichtlich am 27. März im europäischen Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres (LIBE) vorentschieden. Dann steht das sogenannte PNR-Abkommen (Passenger Name Records) zur Debatte, das den Datenaustausch zwischen den USA und Europa regelt. Ähnlich wie zuletzt bei ACTA wird auch hier schon eine Weile diskutiert: 2006 wurde das erste PNR-Abkommen vom Europischen Gerichtshof gekippt, da der Datenschutz in den USA als mangelhaft angesehen wurde. Trotzdem wird derzeit weiter gespeichert und übermittelt. (weiterlesen …)


Facebook | |


“Du hast den Witz einfach nicht verstanden”

5. März 2012 von Nadine
Dieser Text ist Teil 44 von 48 der Serie Meine Meinung

Im Zuge des Shitstorms gegen den gewaltverherrlichenden und frauenfeindlichen Clip der E.on-Tochter “E” gab es mal wieder ein paar “kritische” Stimmen von außen, die da lauteten: “Ist doch witzig gemeint”, “Also ich fand’s lustig”, “Meine Freundin/Bekannte/Kumpeline fand das lustig”, “Das kann man sexistisch finden, muss man aber nicht”. Diese Stimmen wollen aussagen, dass es sich bei der Kritik an Sexismus und anderen -Ismen um ein von Gegner_innen hausgemachtes Problem handelt. Mücke und Elefanten, ein Problem, was eigentlich keines ist. Meist werden die Aussagen ergänzt mit “Kümmer’ dich doch mal um die echten Probleme von Frauen” oder “Komm’ mal wieder runter”.

Die “Empörungsindustrie” macht den Sexismusapologet_innen schwer zu schaffen. Mit aller Mühe wird versucht, die Kritik zu relativieren oder Sexismus zur Disposition zu stellen. Sexismus ist halt erst Sexismus, wenn er von allen Beteiligten in einer Diskussion als solcher identifiziert wurde, nicht, wenn die hysterischen Emanzen ihn als solchen definieren. Denn – so lassen sich die Abwehrmechanismen einordnen – die größte Angst der Mehrheit besteht darin, nicht mehr über dieses und jenes lachen zu dürfen. Ein Stück des selbstverständlichen Weltbildes als diskriminierend abqualifiziert zu bekommen.

Letztlich steckt immer der Wunsch dahinter nicht als schlechter Mensch zu gelten, der diskriminierende Inhalte lustig findet. Da die Sichtbarmachung von -Ismen in den meisten Fällen mit Tabus belegt wird, die zu durchbrechen angeblich den höchsten Frevel der Menschheit darstellt, werden Kritiker_innen mit allerlei rhetorischen Strategien beschäftigt gehalten, um ja nicht noch mehr Menschen vom diskriminierenden Inhalt des kritisierten Gegenstandes zu überzeugen. Eine Strategie neben Bildungsforderungen, Beschimpfungen und Alltagswissen ist die Degradierung der Kritiker_innen zu Menschen, die nicht mehr ganz bei Sinnen sind, mittels oben genannten Aussagen: Die Betroffenen haben einfach nicht verstanden, dass die sexistische Kackscheiße einfach nur witzig gemeint war.

(weiterlesen …)


Facebook | |


Beobachtet

1. März 2012 von Kübra
Dieser Text ist Teil 31 von 35 der Serie Das Wort zum Freitag

Samstagabend in Köln. Auf einer Veranstaltung treffe ich eine Bekannte und frage sie nach einer gemeinsamen Freundin. „Wie geht es Ahlam?“, frage ich sie. „Welche Ahlam?“ – „Ahlam El Rifai*.“ – „Kenne ich nicht.“ Ich wundere mich. „Wir waren doch gemeinsam in Berlin.“ Sie schaut mich stirnrunzelnd an, dann klickt es. „Ach, die Ahlam. Die heißt doch anders, El Saad ist ihr Nachname.“

Einige Monate später erzähle ich Ahlam von diesem Gespräch. „Wie heißt du denn jetzt wirklich?“, frage ich. Ahlam ist klug, sozial sehr engagiert, studiert und versucht sich nebenher beruflich zu etablieren.

Einer der Vereine, für den sie arbeitet, ist die Muslimische Jugend Deutschland. Ein Verein, der jahrelang, wie sich kürzlich nach richterlichem Beschluss herausstellte, zu Unrecht im Verfassungsschutzbericht auftauchte. Mit fatalen Folgen für die jungen Muslime, die sich dort engagierten: Kündigungen, Job-Absagen und berufliche Perspektivlosigkeit.

Ahlam kann und möchte nichts mehr riskieren. Ihr soziales Engagement bei der Muslimischen Jugend verschweigt sie bei Bewerbungen. Doch auch bei der Internetrecherche eines potenziellen Arbeitgebers darf kein Zusammenhang erkennbar sein, deshalb die vielen Namensänderungen auf sozialen Netzwerken. „Das tut weh, denn ich bin eigentlich stolz auf meine Arbeit“, sagt sie.

(weiterlesen …)


Facebook | |


Burkaverbote verhindern Emanzipation

13. September 2011 von Magda

Im Zuge der so genannten “Burka-Verbote” in Frankreich, Belgien und in Teilen Spaniens im letzten Jahr führten wir auf der Mädchenmannschaft heiße Diskussionen über den Sinn und Unsinn solcher gesetzlichen Vorstöße. In der Diskussion um das Ver­mummungs­verbot in Belgien fragte ich mich, wer eigent­lich von diesen Gesetzen profitiert: Sind es die Niqab- und Burkaträgerinnen, die sich nach dem Ab­legen der angeblich so unliebsamen Ganz­körper­verhüllung plötzlich in einer ach-so-emanzipierten Gesell­schaft befinden oder ist es nicht viel mehr die Mehr­heits­ge­sell­schaft, die sich eines un­liebsamen Kleidungs­stückes entledigt, das ihrer Meinung nach für den “gefährlichen” Islam und Frauenverachtung steht – ohne, dass die Trägerinnen selbst dazu befragt werden.

Kriker_innen der Verbote waren und sind sich einig: Gesetz­liche Maß­nahmen in Form von Verboten führen nicht zu Emanzipation, sondern zu erhöhter Stigmatisierung der Burka- und Niqabträgerinnen und nähren die bereits existierenden gesamt­gesell­schaft­lichen anti-islamischen Ressentiments. Nicht nur die Verbote, sondern bereits die Debatten um “den Islam”, “die verschleierten Frauen” oder “die unter­drückten Muslima” führen zu einer Verschärfung der klischee­beladenen und ein­dimensionalen Zu­schreibungen an Muslima und/oder Frauen mit (Voll-)Verschleierung, die teils zu skurrilen Koalitionen von zum Beispiel Rechts­populist_innen und diversen Frauen­rechtler_innen führt.

Eine vor einigen Monaten veröffentlichte Studie mit 32 Burka- und Niqab­trägerinnen in Frankreich be­stätigt die An­nahmen der Kritiker_innen: Die unter der Lei­tung von Naima Bouteldja und von der Open Society Foundation durch­ge­führte Studie beschreibt die zum Teil entwürdigenden Erlebnisse der Teil­nehmerinnen nach dem In­kraft­treten des Ver­bots in Frankreich. Fast alle Studien­teil­nehmerinnen berichten von sexistischen und rassistischen Be­leidi­gungen, wenn sie in der Öffent­lich­keit unterwegs sind – teils auch von anderen Muslim_innen. Einige erlebten gar körperliche Angriffe, z.B. das Herunter­reißen der Schleier. Durch die medial an­ge­heizte Diskussion und das Verbot werden Mitmenschen auf der Straße also plötzlich zu Hüter_innen von Recht und Ordnung. Die mögliche Konsequenz: Jene Frauen, die vom Gesetz betroffen sind, meiden öffentliche Ein­richtungen und Plätze, um den An­feindungen aus dem Weg zu gehen. Die Möglichkeiten zur Aus­übung eines Berufes oder einer ehrenamtlichen Tätigkeit sind dadurch enorm ein­ge­schränkt: Voll­verschleiert fallen diese Optionen weg.

Das Fazit der Studie: Durch das französische Ver­bot sind Niqab- und Burkaträgerinnen einer erhöhten Stigmatisierung ausgesetzt, hören vermehrt diskriminierende Äußerungen, sind teilweise von körper­lichen Über­griffen und von (räumlicher) Isolation betroffen. Emanzipation? Sieht wohl nicht so aus.

Links und Beiträge zum Thema:


Facebook | |


Ein bisschen zu nuttig

18. August 2011 von Kübra
Dieser Text ist Teil 1 von 35 der Serie Das Wort zum Freitag

Ich wäre auf den Slutwalk gegangen, wäre ich nicht im Ausland. Zusammen mit Tausenden anderer Frauen und Männer hätte auch ich gegen sexuelle Gewalt und Verharmlosungen von Vergewaltigungen protestiert – gegen Entschuldigungen. Nicht weil ich mich gern – was auch immer das heißen mag – schlampig anzöge, sondern weil dort gegen ein Problem unserer Gesellschaft demonstriert wird: Wir hegen Sympathie für die Täter und beschuldigen gar die Opfer.

Eine junge Frau wird vergewaltigt. Eine Kopftuchträgerin wird angespuckt. Ein junger schwarzer Londoner wird von einem Polizisten erschossen. Der Südländer wird in der Dorfdisko von Neonazis verprügelt. Die Sinti-Familie bekommt die Wohnung nicht, die korpulente Frau nicht den Job im Bekleidungsgeschäft, die Türkin nicht den Ausbildungsplatz. Aber der Täter bekommt Sympathie.

Ein bisschen empören wir uns natürlich, aber irgendwie verstehen wir den Täter ja auch. Sie sind uns alle ein bisschen zu nuttig, zu anders, zu fremd, zu schwarz, zu exotisch. Doch ich habe es satt, in einer Gesellschaft zu leben, die diese Missstände, ob groß oder klein, stillschweigend hinnimmt. Und ich habe keine Lust mehr, mir anhören zu müssen, ich würde auf hohem Niveau klagen, wenn es doch immer das gleiche Muster ist, das all diese Missstände erzeugt.

Wir geben uns Bildern hin. Statt unser Denken zu überdenken, klagen wir an. Ja, was schleichst du, du Schwarzer, auch nachts vor der Nase der Polizei durch die Stadt? Und was suchst du, du Südländer, in der Dorfdisko? Was ziehst du, du Frau, dich so nuttig an? Wenn du das Kopftuch trägst, dann musst du auch mit den Reaktionen klarkommen. Es sind nicht Einzelpersonen, die an unserem System scheitern – es ist die Mehrheit unserer Gesellschaft, die überall in ihre Schranken verwiesen wird. Das Traurige daran: Wir sind alle von diesem Denken befallen.

Als ich 11 Jahre alt war, besuchte eine Anti-Rassismusaktivistin unser Hamburger Jugendzentrum. Die Dame saß in ihrem braunen Leinenkleid vor uns und sprach von Rassismus und Diskriminierung. Meine Freunde und ich waren genervt und gelangweilt. Rassismus ist doch kein Thema mehr, dachte ich. Das war mal – lange her. Es wird niemand mehr vergast, verschleppt und getötet. Es gibt keinen Krieg in Deutschland. Alles ist okay. Es brauchte Jahre, bis ich verstand, dass wir mit unserem Streben nach Konformität heute noch den Lebensdurst der anderen töten.

Vor ein paar Tagen besuchte ich hier in Kairo einen Verein von in Deutschland ausgebildeten Ägyptern. Der Vorsitzende, über 80 Jahre alt, gebrechlich, aber stark, erzählte mir in ausgezeichnetem Deutsch von seiner Promotionszeit im München der 50er, der “besten Zeit” seines Lebens. An den Wänden hingen Landschaftsbilder, “Deutschland” stand in Großbuchstaben darauf. Ein deutsches Klavier verstaubte an der Wand.

Als wir über Diskriminierung in Deutschland sprachen, richtete sich der alte Mann auf und schaute mein Kopftuch von der Seite an. Dann drehte er sich wieder weg und sagte in den Raum: “In Rom wie die Römer.” Einige werden nie verstehen.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne in der Taz)


Facebook | |


Heute vor 10 Jahren: Das Lebenspartnerschaftsgesetz tritt in Kraft

1. August 2011 von Magda

Trotz eherblichen Widerstands aus christlich-konservativer Ecke im Vorfeld trat heute vor zehn Jahren – am 1. August 2001 – das Lebenspartnerschaftsgesetz in Kraft, wie tageschau.de berichtet. Eine Klage der unionsgeführten Länder Bayern, Sachsen und Thüringen scheiterte nach dem Inkraftreten des Gesetzes vor dem Bundesverfassungsgericht. Eine Lebenspartnerschaft – umgangsprachlich fälschlicherweise auch „Homo-Ehe“ genannt – ermöglicht zwei Menschen gleichen Geschlechts die Begründung einer Lebenspartnerschaft.

Da zur damaligen Zeit abzusehen war, dass es schwierig werden würde, das Gesetz durch den Bundesrat zu bringen, teilte die rot-grüne Koalition dieses in zwei Pakete, von denen eines der Zustimmung des Bundesrates nicht bedurfte. So hatten Lebenspartner_innen zwar anfangs die gleichen Pflichten wie Eheleute, aber nicht die gleichen Rechte. Erst in den darauffolgenden Jahren habe sich dies laut tagesschau.de teilweise geändert – zum einen durch die Gesetzgebung von Bund und Ländern, zum anderen durch Urteile der höchsten Gerichte.

Die Lebenspartnerschaft und die Ehe unterscheiden sich allerdings immer noch in zwei wesentlichen Punkten: Beim Einkommenssteuerrecht und dem gemeinschaftlichen Adoptionsrecht.

Bislang haben gleichgeschlechtliche Paare anders als Eheleute keine Vorteile durch Ehegattensplitting und Steuerklassenwahl. Und auch beim Adoptionsrecht gibt es einen Sonderstatus: In einer eingetragenen Partnerschaft kann nur ein Partner allein ein Kind adoptieren, das Recht auf gemeinsame Adoption gibt es nicht. Seit 2005 ist allerdings die Stiefkindadoption des biologischen Kindes der Partnerin oder des Partners möglich.

Das erste Ja-Wort gaben sich vor zehn Jahren übrigens Heinz-Friedrich Harre und Reinhard Lüschow. Neben ihnen gibt es heute bundesweit rund 23.000 Paare, die in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft leben.

Doch dabei soll es nicht unbedingt bleiben, so tagesschau.de:

Die Grünen gehen sogar noch eine Schritt weiter: Sie fordern nicht nur volle Gleichstellung, sondern die Öffnung der traditionellen Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare. Um dies durchzusetzen, reichten sie im Juni dieses Jahres einen Gesetzesentwurf im Bundestag ein.

Wenn ich mir so manche Aussagen von Politiker_innen anhöre, wird die Öffnung der Ehe wohl weiterhin Wunschdenken bleiben: In einem EXTRA 3 Beitrag zur “Homo-Ehe” in Baden Württemberg lernen wir, dass CDU und FDP Politiker einen wirklich eigenartigen Diskriminierungsbegriff haben – nämlich gar keinen.


Facebook | |



Anzeige