Einträge mit dem Tag ‘Diskriminierung’


„Und was sagen die Kinder dazu?“ Kinder lesbischer, schwuler und trans-Eltern kommen zu Wort

8. Februar 2016 von Magda
Dieser Text ist Teil 116 von 118 der Serie Die Feministische Bibliothek

Normalerweise reagiere ich eher gereizt, wenn über Lesben_Trans_Schwule gesprochen wird, so nach dem Motto: „Ist das eigentlich normal, kann mensch das Kindern antun, Familie ist Mutter-Vater-Kind, Untergang des Abendlandes, bla bla bla…“.

Buchcover von: "Und was sagen die Kinder dazu? Zehn Jahre später! Neue Gespräche mit Töchtern und Söhne lesbischer, schwuler und trans* Eltern.Das Buch „Und was sagen die Kinder dazu? Zehn Jahre später! Neue Gespräche mit Töchtern und Söhnen lesbischer, schwuler und trans* Eltern“ (Querverlag, 2015) nimmt Bezug auf diesen Diskurs, bietet alternatives Wissen (besonders für diejenigen, die mit dem Thema bisher weniger zu tun hatten) und lässt in erster Linie die Kinder zu Wort kommen: Es ist eine kluge Idee der Autorinnen Uli Streib-Brzic und Stephanie Gerlach, mal diejenigen zu befragen, um deren Wohl sich deutsche Konservative stets sorgen: jene Kinder und Jugendliche, die in Elternhäusern aufwachsen bzw. aufgewachsen sind, die nicht der heternormativen Norm entsprechen.

2005 erschien die erste Version des Buches, damals mit Erfahrungsberichten von Kindern schwuler und lesbischer Eltern. Vor wenigen Monaten – zehn Jahre später – erschien das Nachfolgebuch. Die Kinder von damals wurden erneut interviewt, hinzugekommen sind neue Gespräche mit Kindern von trans-Eltern. Insgesamt 34 Kinder vom Grundschulalter bis ins junge Erwachsenenalter berichten über ihr Aufwachsen, eigene Lernprozesse, über Kämpfe in Schulen und im Freund_innenkreis, erzählen von Krisen sowie von schönen, stärkenden Momenten. Die größte Gruppe der interviewten Kinder sind in Deutschland geboren und haben lesbischen Eltern. Besonders spannend finde ich das Buch, weil die aktuellen sowie die damaligen Interviews abgedruckt sind. Das gibt den Kindern und jungen Erwachsenen die Möglichkeit, auf ihre damaligen Aussagen Bezug zu nehmen und zu reflektieren.

Beeindruckt war ich von der Ehrlichkeit und dem Reflexionsvermögen vieler Kinder (vielleicht bin ich aber auch zu selten mit Kindern zusammen, um zu wissen, dass viele Kinder diese Eigenschaften pflegen und dann im Prozess der Älterwerdens verlieren…?). Viele der Kinder können die Kommentare ihrer (cis-hetero-) Lehrer_innen, Mitschüler_innen, Verwandten oder der Eltern anderer Kinder sehr gut als das einordnen, was sie sind: diskriminierend, verletzend, ungerecht. Auffällig ist, dass viele Kinder sensibilisiert sind für unterschiedliche gesellschaftliche Normen: „Was heißt denn schon ’normal‘?“ ist keine seltene Frage. Und doch wird ab und zu die eine oder andere normative Aussage mit Vehemenz vertreten. Widersprüchlichkeiten bleiben.

Einige der Kinder machen sich viele Gedanken um ihr eigenes Begehren, möchten sich nicht festlegen und erkennen es als selbstverständlich an, dass Menschen unterschiedliche Partner_innen verschiedener Geschlechter in ihrem Leben lieben können. In den einzelnen Interviews werden Strategien sichtbar, wie Kinder mit der Tatsache umgehen, dass ihre Eltern stets als „anders“ oder „besonders“ betrachtet werden. Manche sind sehr offensiv und wehren sich gegen nervige Kommentare, andere sprechen ungern mit Außenstehenden über ihre Familie, wobei deutlich wird, dass dies weniger mit Scham, sondern mehr mit der Unlust zu tun hat, sich ständig mit den diskriminierenden Kommentaren der Umwelt zu befassen. Nur wenige richten ihren Zorn gegen ihre Eltern und machen deren Begehren dafür verantwortlich. Die meisten sind dankbar, von ihren Eltern sehr früh gelernt zu haben, dass die Welt komplexer ist, als das Durchschnittskinderbuch mit Mutti-Vati-Kind vermuten lässt. Abgerundet wird das Buch mit einem kurzen Überblick zum wissenschaftlichen Diskurs zum Thema LGBTQ-Elternschaft und einer Literaturliste, u.a. mit Büchern für Kinder und Jugendliche.

Die Lektüre des Buches macht Mut. Deutsche Konservative sollten sich weniger um das Wohl der Kinder sorgen, sondern sich eher darauf gefasst machen, dass mehr und mehr pfiffige Kids heranwachsen werden, die traditionelle Ideen vom Miteinander leben und lieben in Frage stellen.


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Rassismusforschung, Inklusion und Widersprüche – die Blogschau

7. November 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 287 von 295 der Serie Die Blogschau

Auf Ein Blog von Vielen schreibt Hannah einen offenen Brief an ihren Lehrer über (scheiternde) Inklusion, (fehlende) Achtsamkeitkeit, vermeintliche „politische Korrektheit“ und behindert werden:

Eine Behinderung im Leben zu haben, gilt als etwas Persönliches und nicht als etwas, das alle betrifft. Auch dann, wenn es nur eine Person ist, die damit lebt. Nie bezieht ihr meinen Kampf auf euch, unseren Umgang miteinander, unsere gemeinsame Sprache, unsere jeweiligen Sozialisierungen, unsere spezifischen Lebenserfahrungen, den Kontext, die Räume, die Themen und die Arbeiten, die wir produzieren und begutachten, sondern immer auf mich. Wenn ich Probleme habe, soll ich was sagen. Soll ich wissen, ich kann immer kommen.

Im Internet gibt es eine ganze Reihe von Orten, wo Stimmen und Erinnerungen von Überlebenden des Holocaust und Nationalsozialismus versammelt sind. intersubjektiven stellt Organisationen, Quellensammlungen und Archive vor.

die transgeniale f_antifa hat sich entschlossen auf * hinter den Begriffen trans sowie Mann und Frau zu verzichten und erkläutert ihre Entscheidung in einem Blogeintrag: „JETZT NEU! Ohne Sternchen!

Dieses Semester veranstaltet die TU Berlin eine Ringvorlesung zu Rassismusforschung. Auf sibiuanar schreibt Hendrik Zusammenfassungen/ Besprechungen der Veranstaltungen, so bisher zu den Vorrägen von Nora Räthzel zur Geschichte der Rassismusforschung in Deutschland, Urmila Goel zu Verflochtene Machtverhältnisse und Noa Ha zu Dekoloniale Theorie und Perspektiven auf Stadt.

Auf Stop! Talking. geht es nochmals um Identitäten und Intersektionalität: „Identity politics are an essential strategy. Identities are not essential.“

Wenn ihr mal wieder nach Fatshion-Blogs aus dem deutschsprachigen Raum sucht, dann könntet ihr auch mal Dressing Outside The Box vorbeischauen. Da verbloggt die 27-jährige Modedesignerin Isabelle wunderbare Outfits.

Auf Gott und Co schreibt Antje über die Podiumsdiskussion „Kopftuch-Debatte! Beschneidungsdebatte! Kirchenprivileg-Debatte? Zum Verhältnis von Staat und Religionen aus feministischen Perspektiven“ mit u.a. Yasemin Shooman und Hannah Tzuberi.

Noah Sow schreibt Lieferscheine für Gegengewalt bzw Widerstand, heute an den „Fitnessenthusiast“. (Edit: Beschreibung verändert, siehe Kommentar)

Auf Don’t degrade Debs, darling! gibt es gleich zwei tolle Beiträge: In „Die Lösung für alles Mögliche: Serien schauen!“ geht es um die Funktionen, die Seriengucken haben kann und in „Politik in Widersprüchen“ wird die Widersprüchlichkeit von sozialen Positionierungen seziert und gefragt, wie diese sinnvoll in Positionierungsdebatten eingebaut werden können.


Habt ihr diese Woche etwas geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Regelmäßig verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


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Mein Körper und ich in der Beziehungskrise. Streitthema Nummer 1: Essen.

15. April 2015 von Nadine

„Wollen wir nachher noch was essen gehen?“ – Nope.
„Ich kann was kochen, wenn du kommst.“ – Nope.
„Wir treffen uns zum Abendessen in XY, kommst du mit?“ – Nope.
„Ich hab … gemacht, darauf hast du sicher Lust.“ – Nope.
„Mmmmh das ist so lecker.“ – Nope.
„Magst du nicht (noch) was essen?“ – Nope.
„Ich hol mir bei XY noch was zu essen, willst du auch was?“ – Nope.
„Hast du gar keinen Hunger?“ – Nope.
„Du musst doch was essen.“ – Nope.
„Hast du heute schon was gegessen?“ – Nope.
„Was willst du essen? Worauf hast du Appetit?“ – Nope. Nope. Nope. Nope.

Ich liebe essen. Vor allem viel. Es gab Zeiten, da kannte ich kein Sättigungsgefühl und schaufelte alles in mich rein, bis mir schlecht wurde. Es gab Zeiten, da wurde ich fast wahnsinnig mit dem Gefühl Appetit zu verspüren, ohne zu wissen, worauf. Es gab Zeiten, da saß ich jeden Samstagabend mit meiner Mutter vor’m Fernseher, um Alfred Biolek beim Weintrinken (und kochen) zuzusehen. Ich verschlang jede Kochsendung (und nebenbei eine große Portion eines leckeren Irgendwas). Rezepte lesen. Fotos von Essen anhimmeln und das wohlige Gefühl im Bauch spüren.

Es gab Zeiten, da hatte ich bei jedem Bissen ein schlechtes Gewissen. Zählte Kalorien. Führte Tagebuch über meine Essgewohnheiten (und meine Kalorienzufuhr). Schaute mich mehrfach täglich im Spiegel an und fand mich „zu dick“. Hätte heulen können, als mir meine liebsten Klamotten zu eng wurden. Verbrachte etliche Stunden pro Woche im Fitnesscenter im Glauben, es würde was bringen (aka. ich könnte abnehmen). Machte unsinnige Diäten, verlor kein einziges Gramm Körpergewicht. Wog mich mehrmals täglich. Trank so oft wie möglich so viel wie möglich Alkohol, damit mir am nächsten Tag schlecht war und ich nichts runterbekam. Einen Monat lang steckte ich mir nach jeder großen Mahlzeit den Finger in den Hals bis ich kotzen musste. Und ich kotzte. Bis der Magen leer war. War nicht so geil.

Seitdem ich aus der elterlichen Wohnung ausgezogen bin, verlor ich jedes Jahr mindestens ein Kilo. Ohne meine Essgewohnheiten zu verändern. Ohne mich im Fitnesscenter abzumühen. Ich hasse Sport. Ich brauchte allerdings ein paar Jahre, bis ich nicht mehr überlegen musste, ob der Gang zum Kühlschrank nach 20 Uhr okay ist. Oder warmes Essen kurz vor Mitternacht. Trotzdem fühlte ich mich in meinem Körper nicht wohl. Ich stand vor dem Spiegel, hielt mir meine Hüften und Oberschenkel ab, bis mein Oberkörper, Becken, Beine und Po eine gerade Linie bildeten. So wollte ich aussehen. Es wäre gelogen zu behaupten, ich hätte keine Angst vor’m „Zunehmen“ gehabt. Ich hasste meine Kurven auch deshalb, weil ich damit einfach nicht aussah, wie ich aussehen wollte. Ich wollte kein Mädchen, keine Frau sein. Ich wollte aussehen wie ein Brett. Mit Muskeln, pumpenden Venen und harten Kanten.

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Erschwerte Bedingungen

29. September 2014 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 29 von 41 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Katrin bloggt bei Reizende Rundungen über Plus Size Fashion, Fat Acceptance und alltäglichen Flitterkram, und twittert auch unter @fresheima. Mit ihrer freundlichen Genehmigung dürfen wir ihren Blogpost hier zweit-veröffentlichen.

Ich habe den ganzen Tag überlegt, ob ich das jetzt wirklich zerreden will, oder es einfach ad acta lege, aber irgendwie lässt mich diese Mail, die heute in mein Postfach flatterte nicht los. Nicht, weil ich mich davon persönlich beleidigt fühle, sondern weil hinter der Annahme ein ganzer Rattenschwanz an Dingen steckt, die mir total quer gehen. Ich schaute also in mein Blog Postfach, und sah etwas mit dem Titel „Anfrage für Fernsehproduktion“, meine Erwartungen waren dank verfangender Erlebnisse recht tief, und ach was solls, ich kopiere es eins zu eins und versehe es gleich mal mit meinen Korrekturgedanken.

Liebe Katrin
ich schreibe Dich an, weil wir Dich gerne für eine Fernsehsendung gewinnen würden. Es geht um folgendes: wir produzieren für das Deutsche Fernsehen eine Real Live Reportage.  

Aha. Für welchen Sendern denn? Und Real Live Reportage, das klingt wie ein Wort, das gerne nach mehr klingen will als es ist… Mitten im Leben und so, das waren bestimmt auch Real Life Reportagen. oder?

Wir zeigen die Menschen so wie sie sind – ihre Ziele, ihre Schicksale, ihre Erfolge oder ihr Scheitern. Die Reportage eröffnet dem Zuschauer einen unverstellten Blick auf das Geschehen – intensiv und informativ. 

Ha, ich wusste es doch. Intensiv und informativ klingt definitiv nach RTL!

Für eine kommende Folge möchten wir Singles begleiten, die auf der Suche nach einem Partner sind. (aha?!) Hierbei geht um Singles mit erschwerten Bedingungen. So haben wir für die Folge z.B. bereits einen Mann aus dem Allgäu begleitet,…

… Moment mal eben. Erschwerte Was? Erschwerte Bedingungen? Ich gucke in diesem Moment irritiert von meinem Handy hoch und blickte kurz meine Mama an, weil ich mich frage, ob ich nicht versehentlich in irgendeine Paralellwelt abgedriftet war.

…der sehr abgeschieden lebt und für den es daher schwer ist jemand neues kennenzulernen. Nun möchten wir für diese Folge auch eine übergewichtige Frau begleiten, die Single ist. Unsere Reporterin wäre dabei an ihrer Seite.

Danach ging die Mail noch ein bisschen weiter. Dies das Ananas, wie toll mein Blog wäre, dass ich Mut mache, und bestimmt total ausgebucht bin, wenn ich keine Zeit hätte, wäre es toll „wenn Du (also ich) uns bei der Suche nach Protagonistinnen unterstützen könntest – Interesse anyone? Ich weiß immer noch nicht so genau, was ich sagen soll, weil so vieles an dieser Mail so un-fass-bar ist. Fangen wir mal damit an, dass ich die Produktionsfirma googlte und diese zwar auch für WDR oder NDR produziert, ich aber nicht glaube, dass dieses Format für die Öffentlich Rechtlichen, sondern eher für andere Kunden wie RTL oder Sat1 produziert wird. Ich meine, jede_r die_der schon mal „Schwiegertochter gesucht“ oder „Schwer verliebt“ geschaut hat, kann sich ein ungefähres Bild davon machen was einen bei dieser Produktion wohl erwartet. Und überhaupt, was ist das eigentlich für ein Thema? Schaut euch die Freaks an, auch sie brauchen Liebe? (mehr …)


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Diskriminierung/Rassismus im Münchner Hofbräuhaus?

8. September 2014 von Naekubi

Naekubi schreibt über das Leben von Asiat_innen in Deutschland, Kultur und Alltag, Rassismus und Feminismus, Selbstbewusstsein und Selbstverständnis. Ab September schreibt sie auch eine monatliche Kolumne bei der Mädchenmannschaft zum Thema Feminismus im Alltag. Dieser Artikel erschien bereits heute auf ihrem Blog Danger! Bananas.

Jetzt, wo das Münchner Oktoberfest vor der Tür steht, kann man ja mal überprüfen, wie es mit der Willkommenskultur in der bayerischen Landeshauptstadt bestellt ist. Nicht besonders gut, wenn man dieses heimlich gedrehte Youtube-Video betrachtet, das im Münchner Hofbräuhaus aufgenommen wurde:

Darin erklärt der Kameramensch, wie er/sie beobachtet hat, dass von seinem/ihrem Tisch direkt am Eingang anscheinend systematisch Menschen asiatischer Erscheinung vertrieben werden, mit dem Hinweis, der Tisch sei reserviert. Seltsamerweise ist der Tisch nicht reserviert, als sich weiße BesucherInnen an den Tisch setzen. Man lässt diese gewähren, obwohl sie nichts bestellen.

Ich gehe davon aus, dass der Kameramensch weiß ist, weil er/sie am Tisch sitzen bleiben darf (anders als die asiatisch aussehende Frau). Aber wenn selbst ihm/ihr das offen rassistische Verhalten des Personals auffällt, dann scheint doch was nicht in Ordnung zu sein.

Wenn ich das sehe, kommt mir die Galle hoch. Erst vor einigen Wochen wurde ausführlich über Rassismus an Clubtüren berichtet, und dann sowas. Der „Nur mit Reservierung“-Trick wurde auch dort ausführlich verwendet. Anscheinend haben alle Weißen qua Geburt eine Reservierung erhalten.

Das Hofbräuhaus wird von mir diesbezüglich eine Anfrage erhalten. Ich werde berichten, sollte es Ergebnisse geben.

Nachfragen könnt ihr dem Münchner Hofbräuhaus unter anderem über Twitter (@hofbraeuhausMUC) oder per E-Mail stellen.


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Nur ein Wort

31. Juli 2014 von accalmie

Da muss man doch drüber stehen. Nein, wirklich, es ist doch nur ein Wort. Es ist doch gar nicht so gemeint, und damals (TM) war es ganz normal, Menschen so bezeichnen – da hat sich niemand etwas dabei gedacht. Sag es einfach mal ganz oft hintereinander, dann wirst du sehen, wie dieser Ausdruck an Bedeutung verliert. Man kann auch echt überreagieren. Das muss man im historischen Kontext sehen. Auch Kinderliteratur ist Literatur. Irgendwas mit Zensur und Political-Correctness-Terror. Diese Fokussierung auf Sprache und Kultur verschleiert das eigentlich Wichtige in der Debatte. Immer diese Emotionalität dieser Minderheiten. Man kann sich auch über alles aufregen. Wenn das das geringste Problem ist, dann ist doch eigentlich alles gut. Ich habe das als Kind auch gesagt/gelesen, und bin trotzdem kein_e Rassist_in geworden. Mein_e Freund_in X ist auch Y und findet Z trotzdem OK. Es ist doch nur ein Wort.

So, wie du „Hete“ sagst, klingt das total abwertend. „Hetero“ ist ein Schimpfwort bei dir. So wird das nichts mit der Gleichberechtigung. Wir sind doch alle Menschen, warum müssen wir das dann so herausstellen mit diesem Wort? „Kartoffeln“ ist aber ein pejorativer Terminus. Ich bin auch gegen Nationalismus, aber ich finde es unfreundlich, wenn weiße Deutsche als „Kartoffeln“ bezeichnet werden. Das schert auch alle über den gleichen Kamm. OK, Diskriminierung wird durch solche Bezeichnungen nicht vorgenommen, weil das Machtgefälle anders ausfällt – aber es muss trotzdem nicht sein. Lächle mal mehr dabei, wenn du schon „Hete“ sagen willst. Ich sehe schon, du magst ohne Provokationen nicht auskommen – na dann, viel Spaß weiterhin mit diesem Aktivismus der Randgruppen. Mein_e Freund_in X ist auch Y und findet Z trotzdem nicht OK. Unterlasse dieses Wort.

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© drinks machine: alphabet street

Die De­bat­ten ver­lau­fen er­müdend ähn­lich. Sei es Ras­sis­mus in Kin­der­bü­chern, Hetero­­norma­­tivi­­tät, die den All­tag durch­dringt oder Nationa­lis­mus und „Schland“ – ver­meint­liche „Min­der­hei­ten“ be­reits sprach­lich als abweichend zu markieren ist eine akzepta­ble Pra­xis; der Wi­der­stand da­ge­gen ist lächer­lich. Sprach­­li­che Mar­­kier­­ungen des „An­deren“ sind zu­­läs­sig – sie sind ja auch nicht bö­se ge­­meint. Wenn „das Andere“ aber die Nor­­ma­­li­­tät der ver­­meint­­li­­chen Mehr­­heit in Fra­­ge stellt und deren un­­be­­nan­­nte Iden­ti­­tä­ten (und jenen zu­­grun­­de lie­­gen­­den Macht­ver­­hält­­nis­­se be­­nen­nt): Ze­ter und Mor­­dio! Dann ist ein Wort auf ei­n­mal nicht mehr nur ein Wort, son­­dern ei­ne Be­­lei­­di­­gung, gar eine Agen­­da. Dann sind auf einmal die Ge­füh­le der Be­trof­fenen nicht mehr nur Ge­jammer, son­dern ein legi­ti­mer Ein­wand. Dann ist sich die un­be­nan­nte, selbst­stili­sier­te Uni­ver­sali­tät ihrer unmarkierten Selbstverständlichkeit selbst gar nicht mehr so sicher und re-etabliert sich besonders laut. Und dann ist es sogar egal, dass Diskriminierung kein individueller Akt jenseits gesellschaftlicher Strukturen und Machtgefälle ist – die persönlichen Befindlichkeiten derjenigen, die es nicht ertragen können, nur ein einziges Mal nicht in einer als Mehrheit stilisierten Gruppe unidentifiziert zu leben, haben Vorrang vor jedweder Analyse. Da kommt er, der Diskriminierungsneid: eine Mischung aus Aufmerksamkeitsgeheische und der Unfähigkeit es nur einmal aushalten zu können, sich in irgendeiner community aussen vor wähnen zu müssen – ein Zustand, den von Rassismus, Sexismus, Heterosexismus und anderen Diskriminierungsformen Betroffene zwangsweise leben. Selbst in die Reaktionen auf und Kompensationen für systematische Diskriminierung muss man sich hineindrängen, alles andere wäre ja Diskriminierung. Wir sind doch alle Menschen. Der gute Wille zählt.

Was in den Debatten um vermeintlich einfache, unbedeutende Worte tatsächlich „zum Ausdruck“ kommt, sind strukturelle Machtverhältnisse, die sich in die tiefsten, persönlichen Ebenen verzweigen. Die mentale Gymnastik, die kognitive Dissonanz, die zur Schau gestellt werden, wenn einerseits zum Beispiel N* als „nur ein Wort“ verteidigt oder abgetan wird, und gleichzeitig Wut und Ungläubigkeit herrscht, tatsächlich als „Hete“ bezeichnet zu werden in Debatten um Heterosexismus und Heteronormativität, ist das Anschauungsmaterial für jene. Das Wort gehört zum Machtverhältnis. Es ist nicht der einzige, aber ein bedeutsamer Teil dessen. Das Wort spiegelt das Machtverhältnis wider. Das Wort reproduziert das Machtverhältnis. Und die Empörung, nicht als „Kartoffel“ oder „Hete“ bezeichnet werden zu wollen – und zwar von niemandem, nirgendwo, niemals – illustriert, um wen (und was) es in solchen Auseinandersetzungen wirklich geht.


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Räume und Ängste

24. Juni 2014 von Nadine

Es gibt Räume,

die mein Herz höher schlagen lassen. Aber nicht, weil ich Schmetterlinge im Bauch habe.

die mich aufregen. Aber nicht, weil meine Vorfreude so groß ist.

in denen ich keinen Appetit verspüre. Aber nicht, weil Luft & Liebe alles ist, was ich zum Leben brauche.

in denen ich mir keine Pausen gönne. Aber nicht, weil ich Langeweile nicht ausstehen kann.

in die ich nicht (hinein) passe. Aber nicht, weil ich zu viel Raum einnehme.

in denen ich verstumme. Aber nicht, weil ich anderen so gerne zuhöre.

vor und in denen ich Angst habe.

Angst. Ein Phänomen? Etwas, das ich bin? (ängstlich!) Irrational? Krankheit? Einbildung? Nur in meinem Kopf?

Hab dich nicht so. Sei doch … Alles wird gut. War doch nicht so schlimm. Wie beim „kleinen Angsthasen„?

Ich hatte schon Angst vor Insekten und Wasser.
Ich hatte schon Angst vor’m Sprechen, vor’m Versagen. Ver_Sagen.
Ich ver_sage nicht, ich bekomme etwas ver_sagt. Zuneigung, Liebe, Wertschätzung. Zum Beispiel, weil meine Stimme ver_sagt. „Rede ordentlich!“ „Kannst du nicht sprechen?“ „Konzentrier‘ dich, wenn du sprichst!“ #Eltern
Ich fange an zu stottern, wenn ich Angst habe, aufgeregt bin, mich gestresst fühle. Ich ent_sage mir selbst Liebe, Zuneigung, Wertschätzung, wenn ich Angst habe, aufgeregt bin, mich gestresst fühle.

„Ich habe dir was zum Lesen mitgebracht. Es geht um deine Krankheit. Ist ganz interessant.“ – „Ich habe keine ‚generalisierte Angststörung‘, Mutter. Ich habe Panikattacken.“ – „Achso.“ #Gesprächbeendet

Ich hatte schon Angst vor der Angst. Weil sie mich handlungsunfähig macht. Weil sie sich so übermächtig anfühlt und ich mich ohnmächtig fühle. Weil ich Angst habe, dass die Angst mich umbringt. Angst zu sterben. Keine Angst vor dem Tod, solange ich selbst darüber entscheiden kann, ob ich sterben will oder nicht. Suizidgedanken sind Selbstermächtigung in Momenten größter Ohnmacht.

Ich hatte schon Angst vor meiner prügelnden Ex-Freundin. Vor ihren Erniedrigungen. Vor ihren Kontrollen. Davor, dass sie es wieder einmal schafft, sich zum Opfer zu machen und mir die Schuld dafür zu geben.
Ich hatte schon Angst (davor), die Verantwortung für die Ängste anderer zu übernehmen. Weil es meine Ängste antickt. Antickt, mir Liebe, Zuneigung und Wertschätzung zu ent_sagen, antickt, dass mir Liebe, Zuneigung und Wertschätzung ver_sagt wird, weil ich anderen meine Verantwortungsübernahme für ihre Ängste ver_sagt habe. Weil ich ver_sagt habe.

Ver_sagens_ängste: Angst vor den Reaktionen darauf, anderen ihre diskriminierenden Selbstverständlichkeiten zu ver_sagen. Etwas dagegen zu sagen. dagegen zu handeln. Angst zu sagen, dass Gewalt nicht immer ein Synonym für Cis-Typen (in Hetero-Beziehungen) ist. Angst zu sagen, dass #Eltern nicht immer ein Synonym für Familie ist. Angst zu sagen: #Gesprächbeendet.

Definitionsversuche: Angst als Reaktion auf etwas. Angst als Umgang mit etwas. Ich bin nicht ängstlich, sondern etwas macht, dass ich mit Angst darauf reagiere. Angst ist kein ‚Phänomen‘, keine ‚Krankheit‘, keine ‚Störung‘, nichts ‚Irrationales‘, sondern ein von mir machmal mehr, manchmal weniger bewusst entschiedener und gesteuerter Umgang mit erlebten Diskriminierungen, erlebter Gewalt und Traumatisierung. Angst ist nicht nur in meinem Kopf, sondern (auch) mit körperlichen Reaktionen und konkreten Handlungen und Emotionen verbunden, die für andere wahrnehmbar werden (können): Herzrasen, Appetitlosigkeit, Schwindel, Fantasien, Ent_Ver_rückungen, Müdigkeit, Übelkeit, (selbst herbeigeführtes) Kotzen, Schweißausbrüche, verändertes Atmen, Wut, Ärger, Weinen, Verzweiflung, Trauer, sich selbst verletzen, Suizid_Gedanken, Panik, Weg_Bewegung, Gegen_Not_wehr, Schreien, Sorgen (sich Sorgen machen, für sich sorgen, für andere sorgen, sich Sorgen machen um andere) Schlaf, Bewusstlosigkeit, Nicht_Essen, Drogen/Substanzkonsum, Verwirrung, Nervosität, Krämpfe, Starre, Hautveränderungen, Hormonausschüttungen, Freude und vieles mehr.

Es gibt (Angst_)Räume,

in denen wünsche ich mir nicht mehr Raum für mich. Aber nicht, weil ich ihn nicht brauche. Sondern, weil diese Räume _an sich_ diskriminierend sind.

in denen ich nicht interveniere. Aber nicht, weil es nicht notwendig wäre. Sondern, weil es nichts bringt.

die für Cis-Typen gemacht sind, die weiß und hetero und dünn und ableisiert sind und keine Ängste haben und deshalb keine Erwartungen/Vorstellungen/Wünsche/Ansprüche mit diesen Räumen verknüpfen, außer höchstens drei Schlüpfer und mindestens eine Frau, die für sie kocht (und ihre Schlüpfer wäscht) und sie dabei anlächelt.

die für diese Cis-Typen gemacht sind und in denen _trotzdem_ „No/Fight Sexism, Racism, Homophobia, blablablabla“ an den Wänden steht.

die für Frauen, Lesben, Trans* und Queers (wie mich) gemacht sind, die weiß und dünn und ableisiert sind und die oftmals Geld haben und studiert haben und ein nach bestimmten Vorstellungen von bestimmten Leuten so und so gegendert konform-nonkonformes Auftreten und öfter als oftmals einen Pass und eine Krankenversicherung und eine Aufenthaltsgenehmigung und eine Arbeitserlaubnis auf Lebenszeit haben und die Ängste haben und die feministisch/kritisch sein wollen und deshalb Erwartungen/Vorstellungen/Wünsche/Ansprüche mit diesen Räumen verknüpfen. Nämlich sich wohl zu fühlen.

die für diese Frauen, Lesben, Trans* und Queers (wie mich) gemacht sind und in denen andere (auch) Ängste haben und kein nach bestimmten Vorstellungen von bestimmten Leuten so und so gegendert konform-nonkonformes Auftreten und keine Krankenversicherung und keine Wohnung und keine Aufenthaltsgenehmigung und keine Arbeitserlaubnis auf Lebenszeit und sich nicht wohl fühlen und nicht anwesend sind und in denen _trotzdem_ „No/Fight Sexism, Racism, Homophobia, Transphobia, Ableism, Classism, Fatshaming blablablabla“ an den Wänden und auf den Flyern und Homepages und Stellungnahmen und Wohnungsanzeigen und Aufrufen steht.


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Ein Chelsea Manning-Statement und Twitter-Feminismus – Kurz Verlinkt

24. April 2014 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 239 von 324 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Links:

Die queere Punk Band Friend Crush aus Berlin hat einige Songs online gestellt.

Diskriminierungssensible Zusammenarbeit jenseits von Öffnungsprozessen: LesMigraS veröffentlichte Gedanken und Anregungen zum Thema.

In dieStandard ging es darum, wie die Debatte um Gleichberechtigung unter anderem durch Mainstream-Publikationen („Tussikratie“) immer wieder auf ein niedriges Niveau gebracht wird.

Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin und das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V. (apabiz) haben den achten  Schattenbericht über Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus veröffentlicht; hier könnt Ihr ihn downloaden.

Englischsprachige Links:

Twitter als zentrales Tool für feministische Bewegungen: Yay or nay? Dazu könnt Ihr auf The Nation einen interessanten Artikel lesen.

Juhu, die Eisner-Nominierungen (quasi die Oscars der der Comic-Welt) sind draußen! 30 Kategorien, 160 Nominierte, davon… 35 Frauen… Tja. Aber die sollten erst recht gefeiert werden, findet autostraddle!

What genitals have to say about gender? Yori Gagarim hat sie gefragt und ein ganzes Comicbuch dazu fabriziert.

Chelsea Manning hat ein Statement zu ihrem Namenswechsel geschrieben.

Termine:

Vom 23. April bis 9. Juli findet an der Humboldt-Universität zu Berlin das Afrikakolloquium: Rwanda Beyond ’94 statt; jeweils von 18:00 bis 19:30 Uhr, mittwochs, im 2-wöchigen Abstand.

Am Samstag planen die NPD und andere extrem rechte Gruppierungen durch Berlin-Kreuzberg (und am 1. Mai durch Neukölln) zu marschieren. Protestaktionen des Bündnisses „Berlin Nazifrei“ findet ihr hier (Facebook-Link) und hier.


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Steigt die politische Beteiligung von Frauen in Afrika wirklich an?

18. April 2014 von Gastautor_in

Minna Salami schreibt, spricht und engagiert sich zu Themen rund um Afrika, Diaspora und Feminismus. Sie betreibt den preisgekrönten Blog, MsAfropolitan, und gehört dem Duke University Educator Network sowie dem Guardian’s (UK) Africa Network an. Minna hat einen Master of Arts in Gender Studies von der University of London, School of Oriental and African Studies (SOAS). Ihr könnt ihr auf Twitter folgen: @MsAfropolitan. Der Text erschien im Orginal auf Englisch.

Letzten Monat traf eine Gruppe von etwa vierzig Frauen in Banjul, Gambia, für einen Workshop zu transformativer feministischer Führung, organisiert durch die Organisation Women Living Under Muslim Law (WLUML), zusammen. Ich war eine der Trainer_innen bei dem einwöchigen Workshop. Meine Sitzung handelte vom Einsatz von Kommunikation für feministische Advocacy.

Während der Woche haben wir unter anderem über Gewalt gegen Frauen, die kulturell gerechtfertigt wird, den Anstieg eines politischen Islams, der Beteiligung von Frauen im Gesetz- und Verfassungs-Entwurfsprozess und natürlich über politische Führung gesprochen. Die feministischen Aktivist_innen – Trainer_innen sowie Teilnehmer_innen – haben bei mir keinen Zeifel darüber gelassen, dass afrikanische Frauen für Aufruhr sorgen im 21. Jahrhundert! Sich heute als afrikanische Feministin zu sehen, bedeutet, Teil einer starken, entschlossenen und schwesterlichen Macht zu sein.

Doch obwohl der WLUML Workshop ein Beispiel dafür war, dass es ganz sicher keinen Mangel an Mut bei potentiellen weiblichen politischen Leitfiguren  in Afrika gibt, stellt sich mir die Frage, ob die politische Beteiligung von Frauen in Afrika wirklich ansteigt, wie viele suggerieren? Klar, wenn es jemals eine Zeit der afrikanischen Spitzenpolitikerinnen gab, dann jetzt. In Ruanda, beispielsweise, sind unglaubliche 64 Prozent der Abgeordneten Frauen, und allgemein werden in Afrika Quoten in Parlamenten gut eingesetzt. Derzeitig gibt es drei weibliche Staatsoberhäupter in Afrika (Ellen Sirleaf-Johnson, Joyce Banda und Catherine Samba-Panza) und den Vorsitz der AU (Afrikanische Union) hat mit Nkosazana Dlamini-Zuma ebenfalls eine Frau inne.

Trotzdem zeigt Studie nach Studie, dass Frauen weiterhin große Nachteile gegenüber Männern haben, nicht nur in Führungspositionen, sondern auch in allen Insititutionen, die zu Führungspositionen führen. Es gibt ein breites Gender Gap in Bildung, am Arbeitsplatz, in ‚traditionellen‘ Institutionen, im Einkommen und der privaten Sphäre. Frauen stehen strukturellen Hindernissen gegenüber, sowie Kapazitätsgrenzen, die sie daran hindern, am politischen Leben zu partizipieren. Sie nehmen nicht im selben Maße am politischen Leben Teil wie Männer – weder als Leitfiguren noch als Wähler_innen. Sogar noch schlimmer: Unterstützung für Frauen in politischen Führungspositionen ist tatsächlich in den meisten Ländern von 2005 zu 2012 gesunken , wie eine aktuelle Studie von Afrobarometer zeigt, und nur neun afrikanischen Parlamente haben die 30%-Marke an Frauen in Parlamenten erreicht.

Um noch etwas Salz in die Wunde zu streuen: Im Jahr 2012 zeigte eine detaillierte globale Analyse zu Gender Equality, dass Frauen in den Ländern Sub-Sahara-Afrikas die stärkste Diskriminierung erfuhren. Ob es um Angelegenheiten in der privaten Sphäre wie häuslicher Gewalt, Erbschaft und FGM ging oder in der öffentlichen Sphäre um mangelnden Zugang zu Gesundheitsversorgung, öffentlichen Räumen und politischer Macht, Frauen in Afrika sahen sich dem Bericht nach mit großen Hausforderungen hinsichtlich Geschlechter-Ungerechtigkeit konfrontiert. Dem kann eine_r noch hinzufügen, dass die Gesetzgebung in vielen Ländern mehr und mehr mit Religion vermischt wird, was ebenfalls negative Effekte für die Leben von Frauen hat. Einige Beispiele sind Steinigungen von Frauen in Nigeria, das Gesetz zu unzüchtiger Kleidung in Uganda und dass FGM in vielen Ländern immer noch nicht illegal ist.

Es ist nicht mein Ziel, den signifikanten Zugewinn an weiblichen Leitfiguren auf dem ganzen Kontinent abzuwerten. (Und das ist auch kein „afrikanisches“ Problem allein.) Aber auch wenn die positiven Entwicklungen es verdient haben, gefeiert zu werden, wäre ich doch verhalten, ob wir uns nicht zu schnell siegessicher fühlen, wenn es gleichzeitig ein Revival von alten, unglaublich patriarchalen Werten und einen Backlash gegen Frauenrechte gibt, die es schwierig machen sich an politischer Führung zu beteiligen.


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Solange ich keine Hete bin

18. Februar 2014 von Nadine

Gerade wird im Zusammenhang mit Homo- und Trans*feindlichkeit viel über den Unterschied von Toleranz und Akzeptanz geschrieben. Toleranz doof, Akzeptanz gut. Nicht thematisiert wird die Heteronorm, die hinter beiden Worten steckt. Wer toleriert/akzeptiert wen bzw wird dazu moralisch angehalten? Angehalten, weil es sich bei Homos und Trans* ja um eine „Minderheit“ handelt, die (auch) quantitativ gar nicht in der Lage ist, die eigenen Hetero-Selbstverständlichkeiten empfindlich zu stören. Deshalb fällt Akzeptanz leicht.

Damit das Minderheits- und „Kann nicht gefährlich werden“ Dogma aufrecht erhalten wird, redet Mensch wahlweise von Krankheit oder Biologie. Homo und Trans* werden als essentialistische Abweichungen konstruiert. Es gibt sie halt und sie stressen nicht, wenn sie getätschelt werden. Deshalb akzeptieren wir sie.

Dass die tatsächliche „Minderheit“ nur eine solche ist wegen jahrhundertelanger Diskriminierung, Gewalt und Unterdrückung bleibt unerwähnt. Dass Heten sich zur Mehrheit (und damit einhergehend Norm) konstruieren, die großzügig darüber entscheidet, das vorher gewaltsam Zurückgedrängte zu akzeptieren, ist Teil des Problems und nicht der liberale Gleichberechtigungsgestus, für den er sich ausgibt.

Ob Mensch das nun Toleranz oder Akzeptanz nennt, ist dabei völlig irrelevant und letztlich auch nur der Versuch sich gegenüber den rechten, konservativen und fundi Hatern ein Stück besser/aufgeklärter/offener zu fühlen. Ich wurde schon toleriert und akzeptiert, es war etwas angstfreier als wenn das nicht der Fall gewesen wäre, aber die Zurichtungen und Diskriminierungen verschwinden damit nicht, genauso wenig wie das Gefühl anders zu sein und es auch zu bleiben. Solange ich keine Hete bin.


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