Einträge mit dem Tag ‘Diaspora’


Urlaubssouvenirs

15. Oktober 2015 von Hengameh

Als Kind und Teen war ich immer sehr neidisch auf meine (überwiegend weißen) Freund_innen und Mitschüler_innen, die ihre Ferien im europäischen Ausland oder vielleicht sogar in den USA verbrachten. Meine Familie fuhr alle paar Jahre in den Iran alias The Homeland.

Obwohl es dort immer sehr schön, wenn auch zu heiß, war, hatte ich dort das Gefühl, vieles zu verpassen. Meistens ein paar Schultage, weil die Flüge außerhalb der Ferienzeiten billiger waren, potenzielle Sommerausflüge mit Freund_innen und heteronormative Urlaubserlebnisse wie einen Flirt mit irgendwelchen Boys auf einem schwedischen Campingplatz oder am spanischen Strand. Vor allem fühlte ich mich nicht so cool und kosmopolitisch wie meine Mitschüler_innen, die in angesagten Städten wie New York, Paris oder Barcelona kurze Trips mit ihren Herkunftsfamilien machten.

Damals war ich sehr angepisst darüber, dass wir immer nur in den Iran flogen. Seltene Ausnahmen: Als ich fünf war, fuhren wir mit unserem VW-Bus via Amsterdam nach Paris, ich durfte ins Disneyland, wir campten im Auto. Wir haben zwei Mal Verwandte in London besucht. Und als ich 17 war, besuchten wir entfernte Bekannte meines Vaters in Norditalien. Das sind mehr Auslandsreisen als sehr viele andere in ihrem ganzen Leben hatten, aber damals kam es mir verdammt wenig vor, weil die meisten anderen in _jeden_ Ferien irgendwo Besonderes waren. Selbst über Pfingsten oder Himmelfahrt. Heute verstehe ich, warum Dinge so waren, wie sie waren.
In der Diaspora bist du ohnehin schon nicht Zuhause. Wenn du also die Möglichkeit hast, in ein Land zu fahren, wo deine Sprache gesprochen wird, deine Lieblingsspeisen gekocht werden, dein Aussehen und dein Name nicht auffallen (zumindest nicht als „ethnische Minderheit“) und wo deine Familie lebt, dann würdest du doch lieber dorthin reisen. Zumindest lieber als in dein Land, in dem du noch weniger Zugang zur Sprache hast, wo du noch mehr fremd bist, weil du dich lokal nicht auskennt, wo du noch mehr, weil wortwörtlich, auf Durchreise bist und aus dem Koffer lebst. Sich irgendwo nicht auszukennen und kaum Zugang zu haben, benötigt viele Ressourcen, vor allem finanzielle. Warum also in ein Land fahren, in dem du noch nicht mal die quirky Tourist-Experience machen kannst, weil du dort genauso als brown Immigrant-Family geandert wirst wie in Deutschland? Und dafür viel Geld ausgeben?

Die wenigen Male, in denen wir im EU-Ausland waren, war ich auch sehr angespannt. Ich war sehr lange die einzige in meine Herkunftsfamilie, die Englisch verstehen und sprechen konnte. Ständig musste ich Übersetzungsarbeit leisten. Nicht nur nach dem Weg fragen, sondern auch Rabatte aushandeln oder peinlich irgendwelche Leute auf der Straße fragen, was eins in dieser Stadt denn unbedingt gesehen haben muss. Mal einen Nachmittag lang im Café chillen oder durch Szenebezirke flanieren? Fehlanzeige. Cool und kosmopolitisch stellte ich mir anders vor. Und wieder der Vergleich mit den anderen: Alle anderen hatten Eltern, die mittelmäßiges bis sehr gutes Englisch gesprochen haben. Das nimmt sehr viele Barrieren, zum Beispiel, dass du als junge Person nicht den kompletten Trip organisieren musst. Wenn die Kinder noch nicht alt genug sind, um Englisch sprechen zu können, ist es für Eltern(teile) eigentlich auch verantwortungsvoll, in kein anderes rassistisches Land ohne jegliche Sprachkenntnisse fahren zu wollen. Ich hätte es mir an ihrer Stelle auch nicht zugetraut.

An solchen Erinnerungen merke ich, wie privilegiert ich heute bin, wenn ich mit Billigflug und auf der Couch von Bekannten Schlafen ins Ausland reise. Oder selbst dann, wenn ich im ICE sitze und zu einer Veranstaltung in einer anderen deutschen Stadt fahre, bei der ich als Speakerin eingeladen bin. Das einzige Mal, als ich vor dem Studium im ICE saß, war als meine Schwester und ich mit unseren Niedersachsenferientickets in den falschen Zug gestiegen sind. Und heute fahre ich mit Schnellzügen durchs Land und zahle die Tickets nicht mal selbst. Verdrehe vielleicht auch mal die Augen, wenn die Durchsagen mit einem krassen deutschen Akzent auf Englisch gemacht werden. Abgefahren und irgendwie komisch.


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Dicke Bäuche, weiße Profilierungen, Gegen-Perspektiven auf Flucht & Migration – die Blogschau

13. Dezember 2014 von Nadine
Dieser Text ist Teil 268 von 295 der Serie Die Blogschau

Metal Musik zeichnet sich oft durch weißes hetero Mackerverhalten aus. In der neuen Reihe „Metalheads“ auf „Der k_eine Unterschied“ wird nach Brüchen und Subversivem im Metal gesucht. Der erste Teil behandelt Judas Priest und schwules Begehren.

Auf dem „Heimatkunde“-Portal der Heinrich Böll Stiftung sind mehrere Beiträge von und mit der Aktivistin und Künstlerin Noah Sow erschienen, u.a. ihr Vortrag zu weißen Aneignungen Schwarzer Wissensproduktionen.

Auf queer sehen gibt es ein kritisches Review zur Serie „The Fosters“, die zwei lesbische Mütter in den Mittelpunkt rückt.

Das autonome FrauenLesbenReferat Marburg hat die Identität eines gewalttätigen Typen, der in der Wissenschaft und darüber hinaus Anerkennung genießt, auf Wunsch der Betroffenen veröffentlicht.

Eine klassismus- und rassismuskritische Analyse zum Tod von Tuğçe Albayrak ist auf cosas que no se rompen veröffentlicht.

Koloniale Kontinuitäten, kulturelle Aneignung und Muslim-Sein in der Diaspora ist Thema auf Diaspora Reflektionen.

Über die Verantwortung der Medienlandschaft, wenn es um Diskriminierung und Gewaltandrohungen geht, schreibt Karnele.

Die Denkwerkstatt zitiert aus Anja Meulenbelts Klassiker „Scheidelinien. Über Sexismus, Rassismus und Klassismus

Don’t degrade Debs Darling kritisiert unhinterfragte Perspektiven im Kontext Selbstfürsorge und Körperpolitiken.

Women in Exile: Wie das deutsche Asylsystem Flüchtlinge und MigrantInnen spaltet

Bei der ARGE Dicke Weiber gibt es ein Gedicht: Mein dicker Bauch.

Nadia war bei der Zukunftsakademie NRW zu Gast und hat einige ihrer Eindrücke verbloggt, u.a. zum Kollektiv Askavusa, das Objekte von Menschen sammelt, die flüchteten und in Lampedusa angekommen sind.

Habt ihr diese Woche was geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Jede Woche verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


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„Dossier Asian Germany – Asiatische Diaspora in Deutschland“ ab sofort online

4. März 2014 von Naekubi

Dieser Beitrag erschien im Februar bei Danger! Bananas. Wir danken der Autorin Naekubi für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung!

Ich möchte euch ausdrücklich auf das soeben veröffentlichte Dossier „Asian Germany“ von der Heinrich-Böll-Stiftung hinweisen, das einen facettenreichen Blick auf asiatisches Leben in Deutschland wirft.

In besagtem Dossier finden sich Beiträge von Kien Hoang Le, Trang Thu Tran, Carmen Wienand, You Jae Lee, Kim Gŭn-ch’ŏl, Lee Mun-sam, Kim Ch’ang-sŏn, Alisa Anh Kotmair, Nya Luong, Indira Hong Giang Berghof, Bé Điểm Nguyễn-Xuân, Baly Nguyen, Dan Thy Nguyen, Kimiko Suda, Sun-ju Choi, Nguyen Phuong-Dan, Stefan Canham, Angelika Nguyen, Yoko Tawada, Linda Koiran, Hanna Hoa Anh Mai, Miriam Nandi, Smaran Dayal, Noa Ha uvm.

Das Dossier wurde von Kien Nghi Ha konzipiert, der auch für den offenen Brief an den Heimathafen Neukölln verantwortlich zeichnet, und entstand in Kooperation mit korientation e.V. und dem Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext.

Anders als die Medien immer suggerieren, sind AsiatInnen in Deutschland zu einem kleinen, aber vitalen Teil der Gesellschaft geworden. Asiatische Deutsche sind keineswegs Fremde oder das Andere. Ich zitiere weiter aus der Pressemitteilung:

Vor diesem Hintergrund stellt das vorliegende Dossier „Asian Germany – Asiatische Diaspora in Deutschland“ Positionen und Perspektiven vor, welche die Norm der Fremdwahrnehmung mit ihren oftmals ausgrenzenden Grundannahmen in Frage stellen und diese mit den Innenansichten asiatisch-deutscher Eigensinnigkeit konfrontieren.

Das Dossier geht mittels literarischer Verdichtungen, Gesprächen und oral history-Narrationen und fotografischen wie analytischen Essays der Frage nach, wie postmigrantisches Leben aus asiatisch-deutschen Perspektiven reflektiert werden kann. Was passiert, wenn die Migration zu ihrem Ende kommt? Welche Identitäten, Identifikationen und Identitätspositionen entstehen dann?

Das Dossier besteht aus fünf Teilen:

  • Community und kulturelle Identität
  • Fokus: 50 Jahre koreanisch-deutsche Arbeitsmigrationsgeschichte
  • Kulturelle Selbstverortungen und Imaginationen
  • Salon der Kurzgeschichten
  • Transnationale Verbindungen und Hybridität

Ich finde das Dossier sehr gelungen – es zeigt in aller Deutlichkeit die Vernetzungen zwischen Asien und Deutschland in einer tatsächlich globalen Welt. Selbst ich entdecke weitere Wirklichkeiten von Asiatisch-Sein in diesem Land.

Das Dossier steht auch als PDF zum Download zur Verfügung.


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