Einträge mit dem Tag ‘Charlotte Roche’

Jetzt isses raus!

Monday, July 21st, 2008 von Anna
Dieser Text ist Teil 6 von 8 der Serie Auf einen Kaffee mit Anna

Ich muss euch etwas sagen. Etwas, das sich für eine Feministin, vor allem eine junge Feministin in Deutschland irgendwie nicht gehört:

Ich halte den Roman „Feuchtgebiete“ für so ziemlich das schlechteste, was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Nicht wegen des ganzen Ekel-Kram, dazu gleich mehr. Sondern wegen des „Plot“, wenn man das, was da passiert, überhaupt so nennen darf. Mir ist keine Rezension bekannt, in der das mal wirklich angesprochen wird. Alle sind mit Tampons, Kotze, Hämorrhoiden, Kackeschwitze und all dem anderen Kram dermaßen beschäftigt, dass die stilistischen Schwächen nicht auffallen.

Die Hauptfigur ist einfach gezeichnet und bedient alle billigen Klischees des Scheidungskindes. Leider ist sie dafür schon zu alt. Einer 10-jährigen Protagonistin würde ich diese Gedanken abnehmen. Aber nicht einer 18-jährigen. Die eigentliche Handlung ist platt, belanglos und dabei leider nicht mal wirklich gut geschrieben. Nicht zu vergessen natürlich der Schluss, der wirklich an den, pardon, Schamhaaren herbeigezogen wirkt.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Besonders werfe ich der von mir sonst verehrten Charlotte Roche vor, dass sie als erklärte Feministin sich tatsächlich in jeglicher Hinsicht in ein „Die Mutter ist an allem schuld“ flüchtet: Helene ist total gestört: Die Mutter ist schuld! Helene hat ein verqueres Verhältnis zu ihrem Körper: Die Mutter ist schuld! Und klar, Mama hat Papa weggetrieben. Papa hingegen ist der Gute, egal was er macht. Geht es noch simpler? Roche geht in Interviews sogar so weit, jeder Frau, die nicht mit gebrauchten Tampons um sich wirft, eine gestörte Mutter mit Hygienezwang zu unterstellen. Noch mal langsam, dieser Punkt ist wichtig: Eine überzeugte Feministin fährt die „Die Mutter ist an allem schuld und zwar nur sie ganz allein“-Schiene. Stößt das denn niemandem auf? Vor allem ärgert mich die Tatsache, dass ich von Charlotte Roche stilistisch wie inhaltlich mehr erwartet habe. Viel mehr. Ich bin fast schon persönlich beleidigt, dass sie so ein Buch geschrieben hat!

Den Ekelkram hingegen finde ich eher langweilig. Ich musste an zwei Stellen schlucken, einmal, als Helene und ihre Freundin ihre eigene Kotze essen und einmal, als sie sich selber extrem hart verletzt. Alles andere rief nicht viel mehr als ein müdes Schulterzucken hervor.

Was mich zu meinem zweiten Problem führt: Ja, der Roman hat bestimmt bei einigen Freundinnen oder Beziehungen dazu geführt, dass man mal wieder über intime Dinge geredet hat, Dinge, die vielleicht sonst nicht thematisiert worden wären. Dennoch bin ich insgesamt in einem Konflikt. Ich bin Feministin. Und trotzdem menstruiere ich am liebsten ganz privat. Ich sehe auch nicht so ganz ein, warum es die Frauenbewegung voranbringt, wenn ich mit meinem Unisitznachbarn über meine Pilzinfektion plaudere. Und bin ich erst dann eine richtige Feministin, wenn ich nicht mehr täglich die Unterwäsche wechsle?

Es ist ein schmaler Grad zwischen normaler Intimität und übertriebener Scham, Geheimnistuerei oder Hygienezwängen. Ich wohnte einmal mit einer Frau zusammen, die es immer „total eklig“ fand, wenn sie ihre Tage hatte (für die wäre vielleicht das Tampon-Abo – bitte googlen – etwas gewesen). Sowas ist natürlich auch nicht gesund.

Aber so bin ich nicht und außer dieser Frau kenne ich persönlich auch keine andere, die so ist. Ich finde mich nicht eklig und wenn es Probleme gibt oder mir etwas weh tut, dann kann ich das sehr genau benennen, ohne dabei Vokabeln wie „mein Schmuckkästchen“ zu bemühen. Aber ich möchte mich bitte auch als Feministin nicht alles jedem erzählen müssen. Und ich will mich, bitte, auch als Feministin regelmäßig waschen dürfen!

Ob Charlotte das wieder gut machen kann?

Wetlands

Thursday, July 3rd, 2008 von Susanne

Unsere Leserin Sarah hat uns eine Presseschau (PDF-Download, 320 KB) zusammengestellt, und zwar wie Charlotte Roches Roman “Feuchtgebiete” in den USA besprochen und eingeordnet wird. Es ist nicht nur beeindruckend, wie heftig die US-amerikanischen Medien auf das Thema anspringen, sondern auch spannend zu lesen, wie die aufgeregte deutsche Debatte mit ein paar Kilometern Abstand wirkt und welche Gedanken sich die Autorinnen und Autoren auf der anderen Seite des Ozeans über den erstaunlichen Erfolg des Buches machen.

Vielen Dank an Sarah für die Mühe!

“Die Leute denken, sie wüssten alles über mich. Dabei wissen sie gar nichts”

Wednesday, May 21st, 2008 von Susanne

Braucht die Welt wirklich noch eine Geschichte über Charlotte Roche? Ja - wenn sie so gut ist wie die im heute erschienenen Zeit Leben. Denn die Autorin Annabel Wahba macht sich im Gegensatz zu vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen mal die Mühe, Charlotte Roche auch zu begleiten, ihr zuzuhören, ihr nicht mit einer vorgefestigten Meinung entgegenzutreten und überhaupt mal den ganzen Interpretationsquatsch wegzulassen - der den meisten Feuilletonisten ja doch nur dazu dient, sich selbst darzustellen. Und so gerät diese Geschichte zum Portrait einer ganz wunderbaren, durchgeknallten jungen Frau.

Die etwas zu sagen hat. Diesmal hält sich die Verfasserin des Artikels auch angenehm zurück mit einem Urteil, ob Charlotte Roche denn nun Feministin sei oder nicht. Stattdessen darf diese mal selbst ein paar Gedanken mehr zum Feminismus verlieren:

Charlotte Roche erzählt von den Selbsterfahrungskursen der siebziger Jahre, in denen Frauen gemeinsam ihre Körper erkundeten. Heute herrsche unter Frauen Sprachlosigkeit, was Sexualität anbelange. Charlotte Roche will mit ihrem Buch unterhalten, aber vor allem junge Leserinnen scheinen darin etwas Befreiendes zu finden, und sei es nur das Lachen darüber. Ihnen gefällt, dass da jemand ein übertriebenes und dadurch komisches Gegenbild zu den Frauen in der Werbung und im Fernsehen entwirft.

Einen Gedanken zum Thema Feminismus stellt die Zeit-Autorin dann doch noch in den Raum und zeigt, wie wichtig die Feministin Roche für die deutsche Frauenbewegung sein kann:

Dass viele in Charlotte Roche dennoch die Vorkämpferin eines neuen Feminismus sehen, liegt auch daran, dass es in Deutschland nur eine Ikone der Frauenbewegung gibt, Alice Schwarzer. Die hat ihre eigene Sexualität zur Privatsache erklärt. Und deshalb freuen sich jetzt so viele Frauen, dass es eine Charlotte Roche gibt, die sich als Feministin bezeichnet und trotzdem Spaß am Sex mit Männern propagiert.

P.S.: Ich habe mich jetzt übrigens auch endlich getraut und angefangen, “Feuchtgebiete” zu lesen. Was für ein Spaß! Nach dieser riesigen Aufregung ist das Buch gleich doppelt so lustig. Ich muss mich die ganze Zeit kaputt lachen. Über die Spießer da draußen.

Auweia! “Entweihung des weiblichen Körpers”!

Friday, May 2nd, 2008 von Susanne

Die Redaktion des Sterns hat sich dafür entschieden, mit seiner aktuellen Ausgabe ein bisschen was von Charlotte Roches Erfolg für sich abzuzwacken, indem sie den Roman auf den Titel(!) nimmt. Klar, ist ja auch eine gute Gelegenheit, einen nur dürftig bekleideten Frauenkörper A4-groß abzudrucken. Auf stern.de darf dann die Autorin Alexa Hennig von Lange schreiben, wie sie selbst das Buch findet, was dazu führt, dass sie sich selbst, nun ja, vor allem als faul, outet:

Was den Roman “Feuchtgebiete” von Charlotte Roche anbelangt, mag der Tumult weniger von den Schilderungen sexueller Handlungen ausgelöst worden sein, sondern durch die Entweihung des weiblichen Körpers. Wie das Modell Gisele Bündchen kürzlich erklärte: “My body is my temple.” Doch Charlotte Roche scheint den weiblichen Körper eher als eine Art nässenden, gärenden Komposthaufen zu verstehen. Ich kann dies allerdings nur vermuten, ich selbst habe das Buch nur in Auszügen gelesen.

Interessanterweise sind die Kommentare unter dem Text sehr amüsant und überraschend progressiv - tummeln sich doch normalerweise Konservative auf Deutschlands Presse-Webseiten, um per Kommentar ihre Weltsicht kundzutun.

About “Feuchtgebiete”

Wednesday, April 30th, 2008 von Katrin

Endlich hat es mal jemand geschafft, einen Artikel über Charlotte Roches “Feuchtgebiete” zu schreiben, der einem nicht total die Lust auf das Lesen dieses Romans verdirbt. Die Neon-Userin Seiltaenzerin76 (deren Artikel “Women - be wild!” übrigens auch sehr charmant ist), schafft eine Atmosphäre rund um Buch und Autorin, die schmunzeln macht, wieder mögen lässt und die Garstigkeit und Aufgeregtheit so manch anderer Rezensionen in Frage stellt.

“”Feuchtgebiete” ist somit auch ein geschickter Schachzug in der gegenwärtigen Feminismus-Debatte, die den Ernst viel zu selten mit fröhlichem Überschwang paart. Wo sonst schnell Trotz, Widerstand und offenes Aggressionspotential hochkochen, hüpft Frau Roche feucht fröhlich durch Tabuzonen. Für “Feuchtgebiete” hat sie der Muschiflora ein Lächeln auf die Lippen geschrieben, das sagt: Mädels, macht euch locker!”

Merci.

Charlotte Roche und der Feminismus

Tuesday, February 26th, 2008 von Meredith
Dieser Text ist Teil 3 von 10 der Serie Die Feministische Bibliothek

Jetzt aber zackzack, noch ein Hinweis: Auf der jetzt.de-Seite in der Süddeutschen Zeitung ist gestern ein Interview mit Charlotte Roche erschienen. Ich bin ein bisschen stolz darauf, dass dieses Gespräch das wohl einzige ist, in dem Hämorrhoiden kein Mal vorkommen. Dafür haben wir uns lang und ausführlich über Feminismus unterhalten.

Feuchtgebiete” ist ein kurzweiliger Roman. Es geht darin um die 18-jährige Helen, die sich bei einer Intimrasur, äh, anal verletzt hat und deswegen operiert werden muss. Sie liegt danach ein paar Tage auf der Station und wartet auf den Besuch ihrer geschiedenen Eltern und dass ihr Stuhlgang wieder funktioniert. Nebenbei verliebt sie sich in ihren Pfleger Robbie und lässt selbstgebastelte Tampons im Aufzug liegen. Weil sie sonst nichts zu tun hat, beschäftigt sie sich eigentlich ununterbrochen mit sich selbst, ihrem Unterleib und ihren diversen Sekreten und Haaren. Sie denkt über Schönheitszwang, Hygieneregeln, weibliche Prüderie und das Dilemma, dass Frauen keine offene Sprache für ihre Sexualität haben, nach. Das ist manchmal ein bisschen anstrengend, aber oft auch sehr unterhaltsam und anregend.

Mein einziger wirklicher Kritikpukt - abgesehen davon, dass ich Hygienezwänge für eines der geringeren Probleme der Weltbevölkerung halte - ist, dass ich einer 18-jährigen Protagonistin eine dermaßen reflektierte und ausgereifte Sexualität nicht zutraue. Aber ich gestehe Charlotte zu, dass sie mit dem Buch möglicherweise eine personale Utopie entwerfen wollte beziehungsweise eigentlich der (jungen) Leserin Perspektiven aufzeigen wollte. Dass man eben durchaus laut und locker mit sich selbst und seinem Sex umgehen kann. Mit einer Mitt- oder Endzwanzigerin als Protagonistin würde das für jüngere Leserinnen mangels Identifikation nicht funktionieren.

Außerdem: It’s natürlich Fiction, Baby. Ich freue mich jedenfalls auf die Lesung heute Abend im Lustspielhaus.

Igittigitt oder super Anschauungsunterricht?

Tuesday, February 19th, 2008 von Susanne

Auf Neon.de wird über Pornografie diskutiert - bist du “PorNo” wie Alice Schwarzers Kampagne oder “PornYes” wie Charlotte Roche im Neon-Interview?

La Roche

Thursday, February 14th, 2008 von Susanne

Schon vor dem Erscheinen ihres Buches “Feuchtgebiete” am 25. Februar hat die großartige Charlotte Roche die ersten Interviews gegeben. So spricht sie zum Beispiel mit dem Playboy über Pornos und Fair Trade-Puffs und darüber wie sich ihre Meinung zu Alice Schwarzer verändert hat:

“Die trifft sich mit Verona Feldbusch im Fernsehen und macht Werbung für die ‘Bild’-Zeitung. Ich kann mit dieser Person überhaupt nichts mehr anfangen.”

Und mit Blond redet Charlotte Roche über die Amerikanisierung des weiblichen Genitalbereichs.

(Foto über blondmag.com)