Einträge mit dem Tag ‘Bücher’

Vom Leben im Dunkel

Monday, November 10th, 2008 von Susanne
Dieser Text ist Teil 16 von 18 der Serie Die Feministische Bibliothek

Dieses Buch, “Tschador” von Murathan Mungan, ist ein Schatzkästchen. Wahnsinnig schön allein schon der Einband, beeindruckend fein geschrieben dann der Inhalt.

Ein junger Mann kehrt in seine Heimat zurück, ein ungenanntes Land im Orient, das in den Jahren seiner Abwesenheit mehrere Kriege erlebte und in dem nun eine strenge islamische Moral die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten soll. So erlebt der junge Mann seine Heimat als Fremde, die nichts mehr mit dem Land aus seiner Erinnerung zu tun hat:

Er dachte an die Sommernächte seiner Kindheit zurück, als die Familien auf den Flachdächern Holzlatten und Matratzen ausgelegt hatten, und wie herrlich silbrig beschienen er damals dort geschlafen hatte. Die weißen Moskitonetze, die um die Schlafstätten gespannt waren, hatten sich im sanften Nachtwind aufgebläht wie Segel. (…) Nun aber waren die Dächer verboten. Der Nacht und den Menschen.

Jetzt findet er sich in einer Gesellschaft wieder, in der die Hälfte der Menschen einfach verschwunden sind. Die Frauen. Unter ihren Burkas. Sie existieren nicht länger als Frauen, sondern sind anonyme Schatten, die durch die Stadt huschen. Der junge Mann sucht seine Mutter und seine Schwestern, fragt die Nachbarn, die feindlich und abweisend reagieren.

Das ganze Land erscheint ihm abweisend. Wo es in seinen Kindheitserinnerungen als Land aus 1001 Nacht abgespeichert ist, mit einem bunten, süßen, fröhlichen Leben, ist heute alles nur noch staubig, drückend, grau, ja sogar beängstigend.

Die Frauen schienen sich aus dem Leben der Stadt völlig zurückgezogen zu haben. Ohne männliche Begleitung ging keine einzige mehr aus dem Haus. (…) Keine ihrer Körperformen durfte aus der dunklen Stoffhöhle heraus den Menschen davon künden, dass sie Frauen waren. Sie waren nichts weiter als gehende und sich regende Zelte. Im Rascheln, das sie dabei hervorriefen, bestand ihre einzige Lebensäußerung, der einzige Ausdruck ihres Körpers.

In einer wunderbaren Sprache beobachtet und beschreibt Murathan Mungan ein Gefühl, in dem mehr Gesellschaftskritik mitschwingt als es tausend Seiten eines Manifestes audrücken könnten. Das Leben in der alten Heimat scheint sich für den jungen Mann nun für immer in die Zeit vor dem “Tschador” und die Zeit nach dem “Tschador” zu teilen. Nicht nur die Frauen laufen in Burkas herum, die ganze Welt ist in ein graues, abweisendes Tuch gehüllt. Was früher schön und glänzend war, erlebt der junge Mann nur noch als schwarzen Fleck - die Frauen genauso wie die Welt.

Erschienen im Blumenbar Verlag, 128 Seiten, gebunden, 15 Euro 90.

Die Ladys vom Bosporus

Wednesday, October 15th, 2008 von Susanne

Die Berliner Morgenpost behauptet heute, anlässlich der Buchmesse und deren Gastland Türkei: Istanbul ist eine Frau. Und stellt türkische Autorinnen vor, die hierzulande noch nicht einem größeren Publikum bekannt sind. Wie Halide Edip Adivar:

1884 geboren, setzte sich die junge Frau für die Rechte der Frauen ein, wurde eine der ersten Lehrerinnen des Landes, schloss sich der Armee Atatürks an und bereiste als Vertreterin der modernen Türkei die halbe Welt. Eigentlich hätte sie nur ihre Biografie verfassen müssen, anstatt außerdem 21 Romane.

Oder die 38-jährige Autorin Esmahan Aykol, die Kriminalromane verfasst, in der eine Kati Hirschel, eine Istanbulerin mit deutschen Wurzeln, ständig in neue Kriminalfälle verwickelt wird und nebenher versucht, ihr 40-jähriges Leben in der Großstadt zu managen versucht. Gleich der erste Roman der Kati Hirschel-Reihe 2001 war ein Bestseller.

Als Kultbuch gilt auch Perihan Magdens “Zwei Mädchen”, über die Freundschaft zwischen der rebellischen Behiye und der braven Handan. Magden erzählt das wie einen Thriller. Kutlu Ataman machte daraus 2005 einen preisgekrönten Film, und Orhan Pamuk nannte die 1960 geborene Magden “eine der originellsten Schriftstellerinnen unserer Zeit”.

Eine sehr politische Autorin ist Elif Shafak, geboren 1971 in Straßburg. Sie ist eine der wichtigsten Autorinnen der Türkei und schreibt wie Orhan Pamuk auch über eigentlich No-Go-Themen wie Armenier und Kurden und wurde ebenso wie Pamuk mit Anklagen wegen angeblicher “Verunglimpfung des Türkentums” vor Gericht gezogen.

Lesen!

Nachtrag 17. Oktober:
Auf zoomer.de gibt es noch mehr junge türkische Autorinnen zu entdecken.

(Logo: Frankfurter Buchmesse)

Abgekühlte Leidenschaft

Friday, October 10th, 2008 von Susanne
Dieser Text ist Teil 13 von 18 der Serie Die Feministische Bibliothek

“Kaum einer anderen politisch-sozialen Bewegung verdanken wir so viele positive Veränderungen wie dem Feminismus. Gleichzeitig jedoch haftet diesem Begriff eine negative Konnotation an”, sind die ersten beiden Sätze im Reader “Cooling Out - On the Paradox of Feminism” und geben den Beiträgen im Buch auch ihr zentrales Thema vor.

In Texten, Gesprächen und Bildern versuchen sich die Autorinnen einem aktuellen Lebensgefühl zu nähern, in dem Emanzipation zwar ein wichtiges Thema ist, allerdings nie als feministische Forderung, sondern als Selbstverständlichkeit hingenommen wird.

“Es ist ein Paradox, dass der Feminismus ein außerordentlich erfolgreiches Konzept erwarf, das sehr viele seiner Anliegen durchsetzen konnte, jedoch in den letzten zwanzig Jahren erstaunlicherweise zum uncoolsten und unsouveränsten gesellschaftlichen Thema mutiert zu sein scheint.”

Das schreibt in ihrem einführenden Text Bettina Steinbrügge, eine der Organisatorinnen der Ausstellungs- und Diskussionsreihe “Cooling Out”. Unter diesem Titel wurden in Cork, Basel und Lüneburg Arbeiten junger Künstlerinnen und Künstler gezeigt und parallel dazu Diskussionsrunden veranstaltet. Sowohl Auszüge aus den Kunstwerken, als auch Teile der Diskussionen sind in diesem Buch neben Essays, u.a. von Sonja Eismann, abgedruckt.

Die Texte, Bilder und Diskussionsprotokolle ergeben zusammen ein sehr großes, buntes und reflektiertes Bild von der feministischen Verfasstheit der jüngeren Generation. Mir gefällt besonders die Arbeit “Polly’s Graduation Night” von Maura Biava, für die sie die fiktiven biografischen Möglichkeiten einer jungen Frau in einer Art Zeitstrahl zeigt, der sich mehr und mehr aufspaltet: Quasi aus jeder einzelnen Entscheidung kann sich ein ganz anderes, neues Leben ergeben. Und zwar nicht nur aus beruflichen oder privaten Entscheidung - auch aus jeder feministischen oder nicht-feministischen Entscheidung für oder gegen eine bestimmte sozial erwartete Rolle folgt ein selbst- oder fremdbestimmterer Weg für die junge Frau.

Das Buch gibt einen interessanten Einblick in die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Feminismus und verweist auf viele junge Künstlerinnen, die man ansonsten vielleicht nicht entdeckt hätte.

Erschienen bei JRP Ringier, 272 Seiten, gebunden, 30 Euro. Wir verlosen drei Exemplare. Wer gewinnen möchte, schreibt uns bis zum 20. Oktober eine Mail mit Namen und Anschrift.

Nachtrag 20.10.:
Hier kannst du nachschauen, wer gewonnen hat.

Gute Frauentypen in guten Büchern

Thursday, October 2nd, 2008 von Susanne

Vor einiger Zeit verlinkte die Userin anika im Selbermach-Sonntag auf zwei Bücherlisten auf Zeit Online, die als Empfehlungen für Menschen dienen sollen, die in der Literatur nach Rollenvorbildern suchen. Wie anika selbst schon anmerkte, war vor allem die Liste für Mädchen und Frauen haarsträubend, weil sie vor Klischees nur so strotzte.

Nun stand ich vor kurzem selbst vor dem Problem, einer jungen Frau ein gutes Buch schenken zu wollen, mit dessen Protagonistin sie sich vielleicht identifizieren könnte und habe selber drüber nachgedacht, welche Bücher da in Frage kommen. Es war ganz schön schwierig und ich habe mich dann nicht für einen Roman, sondern eine Biografie entschieden, nämlich Carson McCullers’ Autobiografie “Illumination and Nightglare”, weil das 320 inspirierende Seiten sind.

Aber gerade weil die Suche nach dem guten Frauentyp in guten Büchern manchmal so schwer ist, wird es Zeit für eine eigene Hitliste:
Was sind die besten Role Model-Bücher für Frauen?