Einträge mit dem Tag ‘BRD’


„Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“ – DDR, Feminismus und viel Diskussionsbedarf

3. Oktober 2015 von Charlott

Gespräche (und Texte) über die DDR, Mauerfall und Wendezeit empfinde ich häufig als kaum differenziert und oberflächlich. Wenn dann in dieses Themenfeld noch Feminismus hinzu kommt, dann wird es selten besser: Entweder erlebe ich eine Abwertung von jeglichen DDR-Bezügen oder aber beobachte sehr vereinfachte Rückbezüge auf die DDR. Dabei gebe es doch so vieles zu diskutieren.

Feminismus in Deutschland ist Feminismus in der BRD

Zur tabuisierten positiven Bezugnahme auf die DDR schrieb Nadine an dieser Stelle im letzten Jahr:

Noch immer mischen sich antisozialistische und antikommunistische Ressentiments in der Bundespolitik genauso wie in der westdeutschen Gesellschaft mit klassistischen und klassenspezifischen Abwertungen, die die Linkspartei treffen und viele weiße Ostdeutsche, die ihre Herkunft nicht hinter einer dialektfreien Sprache oder neoliberalen, sozialchauvinistischen Ideologien verbergen können oder wollen. Wer sich rot äußert oder darauf aufmerksam macht, dass sich die Lebensqualität der meisten Ostdeutschen nach 1989 eher verschlechtert als verbessert hat, gerät unter Generalverdacht ein Gesellschaftssystem zu präferieren, das dem Faschismus gleicht.

Wenn du versucht deutlich zu machen, dass es durchaus positive Aspekte in der DDR gab, dann ist es mit dem Generalverdacht nicht weit – oder es wird per se eine Naivität unterstellt, als wisse man nichts von Überwachung, Zwang und anderen Mechanismen des DDR-Systems (welche auf der anderen Seite natürlich auch nur in genau diesem zu verorten seien).

Die Abwertung sämtlicher (komplexer) Lebenserfahrungen in der DDR und nach der ‚Wiedervereinigung‘ in den so genannten neuen Bundesländern führt in feministischen Diskursen zu dem meist dazu, dass sie einfach ignoriert werden, bestenfalls zu einer ergänzenden Fußnote. Wenn feministische Themen in einen historischen Kontext gesetzt werden, dann ist dieser zu meist der BRD-Kontext. ‚Feminismus in Deutschland‘ wird gleichgesetzt mit west-deutscher Feminismus-Geschichte (mit ihren weiteren inhärenten Ausschlüssen). Daraus folgen auch Rückbezüge, die mal wieder ein ‚wir‘ konstruieren, wo keines ist. So werden häufig ausschließlich auf Beschlüsse und Proteste zu Abtreibungsgesetzen in der BRD Bezug genommen – und dabei vollkommen außen vorgelassen, dass in der DDR Schwangerschaftsabbrüche in einem bestimmten Rahmen legalisiert waren, es somit zur Lebenserfahrung von Menschen, die in der DDR aufwuchsen/ lebten, gehört, dass sie nach 1990 das Recht verloren. Oder es wird immer wieder herbeizitiert, dass Frauen in Deutschland erst seit 1977 einen Arbeitsplatz ohne Einwilligung des Ehemanns wählen konnten – in der DDR hingegen war ein entsprechendes Gesetz 1950 erlassen worden.

„Klar bin ich Feministin, meine Mutter war schließlich selbstverständlich arbeiten!“

Auf der anderen Seite höre ich jedoch auch stark vereinfachte, vermeintliche Kausalitäten wie „Ich bin Feministin, weil es in der DDR ja so normal war, dass Frauen arbeiten gegangen sind“. Der DDR-Kinderlied-Klassiker „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“ summt im Hintergrund, so als wären Zeilen wie „Ich habe auch ein Puppenkind,/ Das ist so lieb und fein./ Für dieses kann ich ganz allein/ Die richt’ge Mutti sein.“ inexistent. Liefern sie doch gleich einige Annahmen rund um Arbeit mit: Denn auch wenn in der DDR viele Frauen erwerbstätig waren, hieß dies keineswegs, dass beispielsweise Sorgearbeit nicht auch weiterhin klar weiblich konnotiert war. So gab es auch den monatlichen „Hausarbeitstag“ ausschließlich für verheirate Frauen mit mindestens zwei Kindern – heteronormative Normen wurden damit mitnichten durchbrochen, sondern stattdessen zementiert. (Mitteilungen von Lehrer_innen an Erziehungsberechtigte wurden ins so genannte „Muttiheft“ notiert.)

Und was bedeutet eigentlich Zugang zu Erwerbsarbeit in einem Staat, der auch „Arbeitsscheuen-Paragrafen“ hatte? Und wie sah es aus mit Entlohnung und Zugang zu den unterschiedlichen Hierarchiestufen? Gender Pay Gap hätte in jedem Fall auch für die DDR berechnet werden können und Führungspositionen waren ebenfalls zu meist männlich besetzt. Darüber hinaus lässt sich das „Meine Mutter war schon immer arbeiten“-Narrativ auch ganz wunderbar eingliedern in Neoliberalismus und andere Kapitalismus-Affirmationen. Mein Feminismus jedenfalls ist das nicht.

Themen, die bleiben

Gern würde ich (mehr) Texte lesen, die zwischen diesen beiden Extremen Themen rund um DDR und Leben in den neuen Bundesländern verhandeln. Dabei fände ich folgende Aspekte wichtig:

  • westdeutsche Feminismusgeschichte als das markieren, was sie ist: Partikulargeschichte (und dann historische Rückblicke/ Kontextualisierungen wagen, die Ausschlüsse jeglicher Art (und natürlich nicht ausschließlich das in die Fußnotenverbannen von DDR-Ereignissen) versuchen mitzudenken
  • differenzierte Blicke auf DDR-Lebensrealitäten, z.B. auch hinsichtlich von Themen wie Stasi und Geschlecht, Gesetzgebung und tatsächlicher Zugang zu Abtreibungen, Diskriminierungserfahrungen und deren Thematisierbarkeit, widerständige Bewegungen (und deren Wünsche). Ein Beispiel wie so etwas aussehen könnte? Interview mit Peggy Piesche über Lesben in der DDR.
  • kritischer Blick, darauf, was für wen eigentlich die ‚Wiedervereinigung‘ bedeutet hat (Schlagworte auch Abbau Kinderbetreuung im Osten, Arbeitslosigkeit, Rassismus etc.)
  • Überhaupt wünsche ich mir, dass wir häufiger über BRD/DDR (also die Staatssysteme, die Einfluss auf alle Lebensbereiche haben) in feministischen Kontexten diskutieren würden.

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Interview mit Peggy Piesche über Lesben in der DDR: „Sichtbarkeit kann niemals nur die eigene sein“

26. Mai 2015 von Nadine

Peggy Piesche und ich waren als Referentinnen zur Tagung „Das Übersehenwerden hat Geschichte – Lesben in der DDR und in der friedlichen Revolution“ in Halle geladen. Auf der Tagung standen verschiedene lesbische Perspektiven auf lesbischen Aktivismus in der DDR, während und nach der Wendezeit im Mittelpunkt. In diesem Zusammenhang fragte der Freitag ein Interview mit einer ‚Zeitzeugin‘ an, das ich nach der Tagung mit Peggy Piesche führte. Wir konnten das Interview nicht zur Autorisierung freigeben, so dass es nun auf der Mädchenmannschaft erscheint. Die Zusammenarbeit mit dem Freitag zeigte deutlich, dass viele sogenannte ‚Qualitätsmedien‘ bzw. journalistische Angebote nicht an Selbst-Erzählungen interessiert sind, die sich gängigen heteronormativen, weißen und westlichen Geschichts- und Diskriminierungsnarrativen und Interessen entziehen. Peggy Piesche hat dazu einen Text geschrieben, den ihr am Ende des Interviews findet.

Obwohl Lesben in der DDR rechtliche Gleichstellung genossen, blieben sie unsichtbar. Es gab im Gegensatz zur BRD kaum öffentliche Orte des Zusammenkommens, in der breiten Öffentlichkeit fanden sie keine Erwähnung. Teilnehmerinnen der Tagung sprachen davon, dass sie sich isoliert fühlten. Ging es dir ähnlich?

Ja, ich denke, dass dies ein allgemein gesellschaftliches Phänomen in der DDR war. Die rechtliche Gleichstellung von Lesben, die weit fortgeschrittenere Gleichberechtigung von Frauen allgemein in der DDR gegenüber der BRD war nur eine Seite bzw. nur eine Hälfte real-sozialistischer Ideologie. Da über vieles nicht geredet wurde und es wenig Räume gab, in denen alternative Lebensentwürfe gedacht oder gar gelebt werden konnten, entwickelte sich im DDR-Alltag so etwas wie eine sprachliche Leerstelle.

Was meinst du damit?

Natürlich wussten wir, was ‚Homosexualität‘ war, kannten Wörter wie ‚Lesben‘ und ‚Schwule‘. Aber im aktiven Aussparen dieser Wörter und allem, was damit zusammen hängt, indem eine bestimmte Sprache sozusagen nicht ausgeübt oder verwendet wurde, fehlten für Lesben und Schwule die Möglichkeiten in ihre Identität hineinwachsen zu können. Ich wusste sehr früh, wie ich fühlte und was das bedeutet. Aber in einen Austausch dazu zu kommen, war zumindest für mich in der Provinz (ich habe in den Mit-80ern in Erfurt studiert) kaum möglich. Das Schweigen war allgegenwärtig.

"Schwarz - lesbisch - deutsch. 1980er Jahre in Südostdeutschland“  - Peggy und ihre Mit-Azubis einer LPG in Gotha. Fotoquelle: privat

„Schwarz – lesbisch – deutsch. 1980er Jahre in Südostdeutschland“. Peggy (links) und ihre Mit-Azubis einer LPG in Gotha. Fotoquelle: privat

Waren bestimmte Lesben-Gruppen sichtbarer als andere?

Das glaube ich schon. Das bereits beschriebene sehr typische Phänomen in der DDR, nämlich unliebsame Geschichte/n, Realitäten und Gedanken in einem Mantel des Schweigens zu ersticken, spielt hier auch eine Rolle. Diese Pathologisierung des Schweigens funktionierte natürlich in den Provinzen besser als in den wenigen Zentren der DDR. In Städten wie Berlin, Leipzig, Dresden und Jena waren die Möglichkeitsräume schon etwas größer. Hier trafen schneller oder vielmehr schon früher als in anderen Gegenden die beiden ‚Parallelwelten‘ systemkritischer politischer Gruppen und alternativ gesellschaftliche Lebensentwürfe im Schutze der Kirche aufeinander. Dabei bildeten diese Räume durchaus die gewünschte weiße deutsche Homogenität ab, die auch in der DDR identitätsstiftend für das Nationalkollektiv galt.

Besonders die Lesben, die sich unter dem Dach der evangelischen Kirche organisierten, sahen sich politischer Verfolgung durch die Stasi ausgesetzt. Bespitzelung, Verhaftungen und Denunzierung waren an der Tagesordnung. Waren Lesben potentielle Systemfeindinnen?

In dem angestrebten Lebenskonzept ganz sicher. Denn das schien das recht biedere und bürgerliche Gesellschaftskonzept der DDR zu bedrohen. Nicht umsonst wurde auch in der DDR die heteronormative Familie als „Keimzelle“ der Gesellschaft gestützt. Dennoch muss aber deutlich gemacht werden, dass lesbisch sein noch nicht gleichbedeutend mit Systemkritik einher ging. Die Bespitzelungen der Stasi bezogen sich auf das gesamte Spektrum der Gesellschaft. Es haben auch Lesben Lesben bespitzelt.

Neben politischer Opposition spielte auch der Kampf um politische, soziale und kulturelle Anerkennung eine Rolle. Konntest du dich als Schwarze Lesbe mit den Zielen der Bewegung identifizieren?

Wie gesagt, von einer richtigen Bewegung wusste ich in der DDR nicht wirklich etwas. Die Bewegung konnte sich meines Erachtens eher erst nach bzw. mit der Wende als solches wahrnehmen und ihre Energien bündeln. Aus der Perspektive der DDR-Provinz handelte es sich vielmehr um zerstreute Räume und individuelle Begebenheiten. Für mich und meine Generation waren hier vor allem die Sommercamps der evangelischen Kirche Orte der Begegnung. Diese Räume waren natürlich alle durchweg sehr weiß, was wiederum für mich schnell zu Grenzerfahrungen führte. Als Schwarze Frau und Lesbe habe ich vor allem einen Bezug auf die differenzierten Lebensrealitäten, die es in der DDR gab, vermisst. In diesen Räumen wurde der gesellschaftliche Mythos, nach dem es Rassismus in der DDR nicht geben konnte, nicht hinterfragt.

Es gab also keine Räume, in denen Rassismus und Schwarze Lebensrealitäten Thema waren?

Rassismus galt in der DDR ideologisch als überwunden und wurde mit moralischem Verweis auf den Westen als systemisch irrelevant angesehen. Die DDR zelebrierte in ideologischen Gefechten des Kalten Krieges ihre Sozialistische Internationale Solidarität. Gern und besonders mit den ‚jungen aufstrebenden Nationalstaaten in Afrika’. Da passten die Erfahrungen und Lebensrealitäten Schwarzer Menschen und Lesben nicht ins Konzept. Mit dem Schweigen über Rassismus im eigenen Land und der gesellschaftlichen Unsichtbarkeit von Menschen jenseits einer heterosexuellen weißen Norm waren diese Themen auch im DDR-Alltag wenig möglich. Weil es nicht gedacht werden konnte, war es für die meisten einfach nicht da.

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