Einträge mit dem Tag ‘Body Policing’


Pitch Perfect 2: A-Ca-müsant, A-Ca-usbaufähig

18. Mai 2015 von accalmie
Dieser Text ist Teil 19 von 34 der Serie Die Feministische Videothek

[Inhaltshinweis: (Milde) Spoiler für Pitch Perfect 2]

Bridesmaids, The Heat, Pitch Perfect (und nun offenbar auch Mad Max) – Hollywood-Blockbuster, in denen Frauen nicht nur die Hauptrollen spielen, sondern auch andere Interessen als die Jagd nach einer heterosexuellen romantischen Zweierbeziehung haben, sind noch immer eher spärlich gesät. Der erste Teil von Pitch Perfect, der sich um die Frauen-A-Capella-Gruppe „Barden Bellas“ dreht, kam 2012 ins Kino und wurde zum unvermuteten Hit. Pitch Perfect 2, der am 15. Mai anlief, setzt letztlich da an, wo der erste Film aufhörte.

Die Barden Bellas haben mittlerweile drei nationale Titel für ihre Sangeskünste gewonnen und stehen wieder auf der Bühne. Fat Amy (dargestellt von Rebel Wilson) hat eine, nun ja, „Wardrobe Malfunction“ bei einem Stunt und zeigt der Welt was passieren kann, wenn man keine Unterwäsche trägt und die Hose reisst. Die Barden Bellas sollen daraufhin aufgelöst werden, es sei denn – und man hinterfragt die Logik hier am besten einfach nicht – sie gewinnen den internationalen A-Capella-Wettbewerb in Kopenhagen und werden Weltmeisterinnen. Wie man sich denken kann, passieren auf dem Weg nach Kopenhagen lustige Dinge, Probleme müssen gelöst und Lieder und Choreographien einstudiert werden, und darüber hinaus stellt sich für jede Barden Bella die Frage, wie es nach dem College-Abschluss weitergehen soll.

Quelle: Wikipedia.

Quelle: Wikipedia.

Während sich das Narrativ im ersten Teil noch stark an der Ent­wick­lung von Beccas (dargestellt von Anna Kendrick) und Jesses Be­zieh­ung orien­tier­te, spielen die ro­man­ti­schen Be­ziehun­gen der Bar­den Bel­las in Pitch Perfect 2 eine er­fri­schend ne­ben­säch­li­che Rol­le. Gezeigt werden vor­nehm­lich die Un­ter­stütz­ung durch Be­­­zieh­­ung­s­­­part­­­­ner und die un­be­darft-über­for­der­ten Ver­­­su­­che Ben­­jis, mit der Barden-Bella-Nach­wuchs­sänger­in Emi­­ly zu flir­­­ten, bis die­­­se selbst die Ini­­­tia­­ti­­­ve er­­­greift. Im Zen­­­trum stehen aber im­­­mer die Be­­­zieh­­ung­en der Bar­­­den Bel­­­las zu­­­einan­­­der und Fra­­­gen der per­­­sön­­­li­­chen (Weiter-)Ent­­wick­­­lung. Den Bechdel-Test besteht Pitch Perfect 2 also wieder mit Leich­tig­keit. Pitch Perfect 2 wurde zudem von Frauen ge­schrie­ben und pro­du­ziert, und Eli­za­beth Banks (die die Kommentatorin Gail spielt) führ­te Regie.

Pitch Perfect 2 ist lustig: Die deutsche A-Capella-Gruppe und größte Barden-Bella-Konkurrenz „Das Sound Machine“ wurde zielsicher mit Youtube-Sternchen Flula Borg besetzt und hart akzentuiert, und auch sonst geben sich einige bekannte Gesichter die Ehre, angefangen von Keegan-Michael Key, John Hodgeman und David Cross über diverse Greenbay Packers-Spieler und Snoop Dogg, hin zu Christina Aguilera, Robin Roberts, Rosie O’Donnell und Rosie Perez. Es beweist sich ebenfalls erneut, dass Witze über Deutschland immer ziehen und dass es amüsant bleibt, Uncoolness liebevoll in Szene zu setzen. Pitch Perfect 2 tut gut daran Fat Amy stärker in den Mittelpunkt zu rücken, und Sexismus und Misogynie werden auch in dieser Fortsetzung persifliert.

Genau hier zeigt sich aber das übliche Problem: Das allein reicht nicht. Bei Think Progress hat Jessica Goldstein schon beschrieben, warum „racism for comic relief“, also der Einsatz von rassistischen Witzen und Klischees, auch in Pitch Perfects Fortsetzung in die Hose ging. Ich hoffte beim Gucken immer wieder, dass diese Witze irgendwann aufgelöst würden – also, dass ein Charakter einen solchen lakonisch kommentiert, dass irgendwann peinlich berührte Stille herrscht in einer Szene oder durch eine Aktion das Gegenteil des Gesagten bewiesen wird. Bei Sexismus-Satire, die Pitch Perfect (beide Teile) ganz gut drauf hat, funktioniert das ja auch. Hier bleibt Flo (dargestellt von Chrissie Fit), die neue Barden Bella aus Guatemala, allerdings ein rassistisches Latina-Klischee, die ausschließlich und allein für komödiantischen Effekt von ihren Fluchterfahrungen erzählen darf. Auch Lilly (dargestellt von Hanna Mae Lee) muss weiterhin die leise, schüchterne, aber heimlich kampferprobte und leicht angsteinflößende asiatisch-amerikanische Barden Bella mimen.  (mehr …)


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Berufsverbot, Geldstrafen und Haft?! Frankreichs absurder Kampf gegen Schönheitsideale

8. April 2015 von Magda
Dieser Text ist Teil 36 von 44 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Israel, Spanien und Italien haben es vorgemacht, und nun soll es ein vergleichbares Gesetz auch in Frankreich geben: Letzte Woche stimmte die französische Nationalversammlung für einen Gesetzesartikel, der Models mit einem BMI unter 18 von den Laufstegen verbannen sollte. Über das Gesetz wird in Gänze Mitte April abgestimmt. Die Tagesschau berichtet:

Die französische Gesundheitsbehörde soll dazu einen Body-Mass-Index (BMI) – eine Kennzahl für das Körpergewicht – festlegen, der von Models nicht unterschritten werden darf. Den Verantwortlichen von Modelagenturen, die extrem dürre Mannequins engagieren, sollen künftig sechs Monate Haft und eine Geldstrafe von 75.000 Euro drohen.

Ferner soll die „Anstiftung zur Magersucht“ künftig als Gesundheitsgefährdung eingestuft und unter Strafe gestellt werden. Geldbußen oder gar Haft könnten dann denjenigen drohen, die zu „extremer Schlankheit“ anstacheln oder „exzessive Diäten“ propagieren (tagblatt.de). Na prima: Sendeverbot für The Biggest Loser und Weight WatchersWerbungen und Berufsverbot für Detlef D. Soost, Attila Hildmann und all die anderen Dickenfeinde!! Nee, leider nicht. Die quälen ja dicke Menschen, das ist schon in Ordnung.

Das Gesetz wird medial als „Kampf gegen krankhaft dünne Schönheitsideale“ (Tagesschau) gefeiert. Ich frage mich, ob hier noch jemand Kopfschmerzen hat. Kopf, Tischplatte, Aua. Klar würde ich Apfelschorle für alle ausgeben, wenn Models aller Konfektionsgrößen und körperlichen Verfasstheiten auf den Laufstegen dieser Welt vertreten wären. Das hat dieses Gesetz allerdings nicht zur Folge.

Der Gesetzesentwurf ist stigmatisierend und ein unterkomplexer Versuch, die Modewelt unter dem irreführenden Deckmantel von „Gesundheit“ ein Stückchen vielfältiger zu gestalten, aber im Grunde genommen würde ein Gesetz wie dieses nichts verändern.

Solche Gesetze bewirken vielmehr das Gegenteil: Sie führen zur Stigmatisierung von dünnen Frauen (die mit oder ohne sogenannte Essstörungen und/oder Anorexie leben), ohne konkrete Strukturen bereitzustellen, die diese Frauen nutzen können, falls sie Unterstützung benötigen. Das angedrohte Berufsverbot ist besonders absurd wenn mensch bedenkt, wie teuer Unterstützungsangebote wie Therapien, Kuren und sonstige heilende/medizinische Angebote sind, sofern sie nicht von der Kasse bezahlt werden (was nicht immer der Fall ist). Wenn es also wirklich darum gehen soll, jungen Frauen Hilfsangebote zu schaffen, damit sie ein stressfreieres Verhältnis zu ihrem Körper, zu Essen und alltäglichen Belastungssituationen entwickeln können, dann sind Geldstrafen und Berufsverbote das komplette Gegenteil von Hilfe. (Update: Das Beschäftigungsverbot soll nun bereits aus dem Gesetzesvorschlag gestrichen worden sein.)

Ein weiteres Problem ist die beliebige Grenze, die für „krank“ (BMI unter 18) und „gesund“ (BMI ab 18,5 bis 25) gesetzt werden sollen. Zum Unsinn des Body Mass Index habe ich bereits ausführlich geschrieben. Ich halte den BMI als Messinstrument für Gesundheit und Wohlbefinden für komplett ungeeignet, weil er nur ein kleines Fenster für „Normalität“ lässt. Es gibt zahllose junge Menschen, die einen medizinisch perfekten BMI haben und trotzdem ein problembehaftetes Verhältnis zu ihrem Körper und zu Essen haben – so problembehaftet, dass ihr Alltag, ihre Leben eingeschränkt sind. Das Gesetz zielt allerdings nicht auf alle Menschen ab, die sogenannte Essstörungen haben, sondern wirklich nur auf die gaaanz gefährlichen™ Vorbilder, die (Achtung: kritikwürdige Aussage) auch wirklich „krank“ aussehen. Die sollen von den Laufstegen geschubst werden. Eine wirkliche empathische Strategie, um gegen Essstörungen zu kämpfen!

Der Gesetzesentwurf ist außerdem hochproblematisch, weil es sogenannte Essstörungen / Anorexie als Problem sehr schlanker Frauen konstruiert und die flächendeckende Struktur, nämlich dass Menschen jeglichen Gewichts davon betroffen sein können, verschleiert. (Im Übrigen haben auch viele dicke_fette Menschen Essstörungen: Exzessives Diäthalten und Hungern werden bei dicken Menschen allerdings eifrig beklatscht. Siehe The Biggest Loser und Weight Watchers. Abnehmen gilt traurigerweise als gesünder als lustvoll essende dicke Menschen.)

Es geht also gar nicht darum, jungen Frauen jeglichen Gewichts Unterstützung zu signalisieren, wenn sie sich so unwohl mit ihrem Körper fühlen, dass sie im Alltag nicht mehr klarkommen. Es geht vielmehr darum, einen oberflächlichen und medial perfekt inszenierten „Kampf gegen Schönheitsideale“ zu führen, der niemanden hilft und mit lächerlichen Verboten und existenzgefährdenden Strafen daherkommt: Auf den Laufstegen laufen dann weiterhin Frauen, deren Körper kaum repräsentativ für diese Gesellschaft sind, einige von ihnen haben sogenannte Essstörungen (auch wenn mensch es ihnen nicht ansieht) und werden diese auch weiterhin haben, einfach, weil der enorme Druck in der Modeindustrie bleibt, auch wenn einige sehr dünne Frauen verschwinden. Und diese Frauen, egal wie ihr Gesundheitszustand aussieht, müssen das ausbaden, was unsere Gesellschaft einfach nicht hinbekommt: Jungen Menschen ein Körpergefühl zu vermitteln, das ohne diskriminierenden Bockmist auskommt. Eine Gesellschaft, die bedürfnisorientiert und sensibel (therapeutische) Unterstützung zur Verfügung stellt, wenn mensch diese braucht. Eine Gesellschaft, wo Models Größe 38 haben, oder 42. Oder 58. Schön wär’s. Ein solches Gesetz beinhaltet all dies nicht.

Ein letztes Wort gilt den Journalist_innen, die sich in der Berichterstattung sehr betroffen zeigen, aber sprachlich unbeirrt weiter absolut respektlos über Frauenkörper schreiben: „Skelette“, „Magermodels“, „klapperdürr“ oder „Magermädchen“, begleitet von Nacktbildern von dünnen Frauen, die „schocken“ sollen, ist keine sensible Form der Berichterstattung. Das ist einfach nur ätzend. Bitte ändert das.


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Antisemitismus-Komission ohne jüdische Expert_innen und Disability Justice – kurz verlinkt

12. Februar 2015 von der Mädchenmannschaft

Deutschsprachige Beiträge

Die Frauenseiten Bremen stellt in ihrer Reihe „Kennt ihr schon…“ die Mädchenmannschaft vor – wir freuen uns und sagen vielen Dank :-)!

Immer noch finden montasg (und natürlich teils auch an anderen Terminen) in einer Reihe von Städten Demonstrationen von Pegida und ähnlich benannten Gruppen statt. Am 09.02. war in Berlin #schauhin bei der Gegendemonstration dabei und hat auch einen Redebeitrag präsentiert. Der Text ist nun auch online nachzulesen.

[Inhaltshinweis: rape culture] Die Medizinische Hochschule Hannover plant eine „Ambulanz“ für Männer mit Gewaltfantasien.

refugerestrooms.org sammelt trans*_inter_queer freundliche Toiletten in aller Welt und freut sich über eure Einschätzungen. Für einige Orte in deutschen Städten sind schon Bewertungen hinterlegt.

Führende jüdische Wissenschaftler_innen und Antisemitismusexpert_innen  kritisieren „die Zusammensetzung der neuen Antisemitismus-Kommission beim Bundesministerium des Innern (BMI) und den bisherigen Umgang mit der Problematik“ – mehr dazu bei der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Auch immer noch aktuell: Der NSU-Prozess. Nun tauchten brisante V-Mann-Akten auf, berichtet die Frankfurter Rundschau.

Englischsprachige Beiträge

Aus dem letzten Jahr, aber die Großartigkeit dieser Persönlichkeiten vergeht ja nicht: 100+ LGBTQ Black Women You Should Know: The Epic Black History Month Megapost.

Eine Studie, die Professor_innenbewertungen des Online-Portals „Rate My Professors“ analysiert, zeigt, dass Student_innen Professoren als „brilliante Genies“ wahrnehmen und bewerten, Professorinnen hingegen als „rechthaberisch und nervig“.

Bei Mighty Healthy Quest gibt es schöne Comics zum Thema Körpernormierungen/Body Policing.

Auf the body is not an apology schreibt Nomy Lamm über Disability Justice:“I think a lot of people are using DJ as a stand-in for intersectionality, referencing brown crips only in language, but not centering actual disabled people of color and queer and gender non-conforming people,” Patty said. “It is a movement-building framework – a practice, not an academic theory.“

The Guardian berichtet über einen aktuellen Human Rights Watch Bericht, der Massenvergewaltigungen durch Soldaten im Sudan aufdeckt.

Termine in Berlin, Hamburg und Heidelberg

12. Februar, 19. Februar und 26. Februar in Hamburg: Die spannende Themenreihe „Geister der Hausarbeit“ der Hamburger Werkstatt für internationale Kultur und Politik, die sich im Rahmen verschiedener Veranstaltungen mit der Verschränkung von Feminismen, Migration und Reproduktionsarbeiten beschäftigt.

13. Februar in Heidelberg: Zweites offenes Treffen zum Lady*fest2015.

20. bis 22. März in Berlin: findet in Berlin der Kongress „Die Kraft der Kritik: Wege des Marxismus-Feminismus“ statt. Infos dazu findet ihr hier.

09. Mai in Hamburg:Wer ist Care? Und was sagt eigentlich die Feminist_in dazu?


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