Einträge mit dem Tag ‘Behindertenrechtsbewegung’


Hippe Schwester von Integration, radikale Behindertenpolitik und (Mit)Täterinnenschaft- kurz verlinkt

24. November 2016 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 332 von 361 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Artikel

Amelia Umuhire schreibt beim Missy Magazine über „Diversity, die hippe Schwester von Integration„: „O]ftmals bedeutet Diversity, sich allein in weißen Räumen wiederzufinden, um dann als Einzige eine Masse zu vertreten.“

In der analyse&kritik stellt Michael Zander vier Thesen für eine radikale Behindertenpolitik zwischne Kapitalismuskritik, Care Revolution und Sprachpolitik von oben vor.

Irmela Mensah-Schramm übersprüht regelmäßig rechte Parolen. Nun hat sie schon wieder eine Anzeige wegen Sachbeschädigung erhalten. Sie selbst sagt im Interview mit der taz: „Ich bin rückfällig geworden, ich kann’s ja nicht lassen.“

Das Blog der feministischen studien zelebriert den 80. Geburtstag von Christina Thürmer-Rohr mit einer Artikelreihe. Nivedita Prasad schreibt in ihrem Beitrag über „Verbindung in der Abgrenzung“ vor allem im Kontext der Debatte um „Mittäterinnenschaft“ von Frauen.

Auf Ana bloggt schreibt, die Autorin über ihre Angst, die sie um ihren Vater hat, der unterwegs auch schonmal serbokroatisch am Telefon spricht und von anderen auch äußerlich meist als „Migrant“ eingelesen wird. Ana fragt, warum so viel über die Ängste „weißer alter Männer“ diskutiert wird, aber nicht über ihre: „Nur, weil meine Angst mich keinen Faschisten wählen lässt, ist sie nicht weniger real und weniger ernst.“

Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter hat eine Pressemitteilung zum Ausbau des Unterhaltsvorschusses veröffentlicht. (PDF)

Karolin Schwarz, Mitbegründerin der hoaxmap, schreibt bei ZEIT Online über Lügen, die über geflüchtete Menschen verbreitet werden und wie diese Lügen gezielt politisch eingesetzt werden. (Wichtiger Artikel zu wichtiger Arbeit, auch wenn man etwas darüber stolpert, dass die Polizei als „vertrauenswürdige Institution“ bezeichnet wird.)

Englischsprachige Artikel

Adrienne Keene schreibt auf Native Appropriations einen Brief an die neugeborene Tochter einer Freundin: „A letter to a future Native warrior„. Außerdem listet sie zum Ende Möglichkeiten auf, wie die Proteste in Standing Rock sinnvoll unterstützt werden können.

„Team Trump’s ties to white supremacy are even deeper than you imagined“ – Matthew Chapman schreibt über die Personen, die Trump bisher für wichtige adminstrative Positionen eingebracht hat.

Termine in Berlin, Frankfurt am Main, Göttingen, Hamburg, Hannover, Wien

25. bis 27.11 in Frankfurt am Main: Es läuft das queere und feministische Filmfestival Spectracle.

25.11. in Berlin: Zum 25. November ruft ein Kollektiv alle Frauen* auf, die Straßen zu erobern: „Wir verteidigen uns selbst, wir organisieren uns selbst, wir bestimmen selbst!“ (FB-Link)

25.11. in Hamburg: „Georgisch-deutscher Austausch – ein feministischer Reisebericht„. Präsentation ab 19.30.

25.11. in Göttingen: Vortrag zu sexualisierter Gewalt: „Ich habe überlebt„.

26.11. in Hannover: HOTSPOT OF POWER! Eine Empowerment-Konferenz von und für Jugendliche und junge Erwachsene of Color findet ganztägig statt. (FB-Link)

29.11 in Wien: Workshop zu „gemeinsam handeln: queer-feministisch!„. Anmeldung bis 27.11.2016.

08.12. in Berlin: Von 18-20 Uhr findet die Präsentation der Expertise „Geschlechterverhältnisse in Fußballfanszenen“ statt.

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?


Facebook | |


Behindertenpolitik in Deutschland: Eine Liste des Versagens

2. Februar 2016 von Gastautor_in

Heiko Kunert, geboren 1976, ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg, freier Journalist und Blogger. Er schreibt u.A. über Themen wie Inklusion, Barrierefreiheit und seinen Alltag als blinder Mensch. Er ist außerdem fleißiger Twitterer. Mit freundlicher Genehmigung dürfen wir seinen Text „Behindertenpolitik in Deutschland: Eine Liste des Versagens“ noch einmal bei uns veröffentlichen. 

Die Behindertenpolitik in Deutschland bewegt sich irgendwo zwischen Trauerspiel und zynischer Frechheit. Der diskriminierende Wolf kommt im Schafspelz der Inklusion daher. Die Hauptverantwortung hierfür trägt die Bundesregierung. Eine Liste des Versagens:

  1. Die Bundesregierung blockiert eine Antidiskriminierungsrichtlinie der EU. Während sich alle anderen EU-Staaten einig sind, hat es das große, reiche Deutschland nicht nötig, seine rund 10 Mio. Bürgerinnen und Bürger mit Behinderung vor Diskriminierung zu schützen.
  2. Auch auf das Menschenrecht auf Bildung pfeift die Bundesregierung. Sie blockiert die Ratifizierung des Marrakesch-Vertrags, der blinden und sehbehinderten Menschen den Zugang zur Literatur erleichtern sollte.
  3. Offen verstößt Deutschland gegen EU-Recht, indem Asylbewerber_innen hierzulande keinen Rechtsanspruch haben, in Einrichtungen der Behindertenhilfe aufgenommen zu werden. Dabei sind dies häufig die einzigen Stellen, die auf die besonders prekäre Lage von Geflüchteten mit Behinderung eingehen.
  4. Mit großem Trara lässt sich – insbesondere der sozialdemokratische Teil der Bundesregierung – für die Einführung des flächendeckenden Mindestlohns feiern. Der Schönheitsfehler: Der Mindestlohn gilt nicht für Menschen, die in Behindertenwerkstätten arbeiten.
  5. Immer noch gibt es in unserem demokratischen Land, Gesetze, die Menschen mit Behinderung das Wahlrecht entziehen.
  6. Vergewaltigungen behinderter Frauen werden, zumindest noch, weniger hart bestraft als Vergewaltigungen nichtbehinderter.
  7. Taubblinde Menschen warten seit Jahren auf mehr Teilhabe. Ein erster Schritt sollte die formale Anerkennung von Taubblindheit als eigenständige Behinderung sein. Ausdrücken sollte sich dies durch die Einführung eines Merkzeichens im Schwerbehindertenausweis. Doch die Umsetzung wird bis heute verschleppt.
  8. Während sich bei der Politik für taubblinde Menschen nichts bewegt, scheint es so, dass es bei Leistungen für blinde Sozialhilfeempfänger_innen sogar einen Schritt zurückgeht. Die Unterstützung für diesen Personenkreis, die Blindenhilfe, soll zu einer Leistung zweiter Klasse werden, wenn es nach dem Willen der Bundesregierung geht.
  9. Sie schaut auch tatenlos zu, während die Lebensverhältnisse blinder und hochgradig sehbehinderter Menschen in Deutschland immer stärker auseinanderklaffen. Dabei verpflichtet das Grundgesetz sie eigentlich dazu, für gleichwertige Lebensverhältnisse zu sorgen. Statt dies mit einer bundeseinheitlichen gerechten Blindengeldlösung zu tun, nimmt sie die Negativspirale beim Blindengeld in den Bundesländern einfach hin.
  10. Die Bundesrepublik hat die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Im vergangenen Jahr hat ein Fachausschuss der Vereinten Nationen den Stand der Umsetzung bewertet und eine Vielzahl von Lücken entdeckt. Der Ausschuss nennt u.A. das Verbot von Sterilisationen behinderter Menschen ohne deren freie Einwilligung, den Rückbau des segregierenden Schulwesens und die Schaffung eines inklusiven Notrufs und Katastrophenschutzes.
  11. In diesem Monat präsentierte Sozialministerin Andrea Nahles das neue Bundesgleichstellungsgesetz. Das bringt zwar einige wenige Verbesserungen, klammert aber den ganzen Bereich von Benachteiligungen durch die Privatwirtschaft aus. Es ist so halbherzig, dass selbst die Beauftragte der Bundesregierung für Menschen mit Behinderungen nicht anders konnte, als das Gesetz öffentlich zu kritisieren.
  12. Und was ist mit dem größten behinderungspolitischen Projekt dieser Legislaturperiode, dem im Koalitionsvertrag angekündigten Bundesteilhabegesetz? Zunächst einmal brach die Bundesregierung kurzerhand ihren eigenen Koalitionsvertrag, in dem sie die finanzielle Entlastung der Kommunen (rund fünf Mrd. EURO) unvermittelt von der Agenda strich und damit einen großen Wurf von Vornherein beinahe unmöglich machte.
  13. Seitdem wird verzögert. Ein ausführlicher Beteiligungsprozess von Menschen mit Behinderung erweist sich zunehmend als Augenwischerei.
  14. Die Menschen mit Behinderung und ihre Organisationen müssen dieser Tage feststellen, dass vom Paradigmen-Wechsel in der Behindertenpolitik wenig bis nichts übrig geblieben ist. Vielmehr scheint das Bundesteilhabegesetz – wenn die Vorzeichen stimmen – für viele Betroffene mehr Nachteile als Vorteile zu bringen. Verständlich, dass die Regierung den Gesetzentwurf so spät wie irgend möglich veröffentlicht, um eine gesellschaftliche Debatte möglichst kurz zu halten.

Aber muss die Regierung überhaupt einen #Aufschrei behinderter Menschen fürchten? Wann berichten denn große Radio- und Fernsehsender, Leitmedien wie Spiegel oder SZ über Deutschlands skandalöse Behindertenpolitik, wann erheben Meinungsführer_innen in Blogs und sozialen Medien ihre Stimme gegen eine Bundesregierung, die bremst und blockiert statt sich für Inklusion und Barrierefreiheit einzusetzen? Wann gehen die Millionen Menschen mit Behinderung – immerhin 11% der Bevölkerung – auf die Straße? Wann werden wir sichtbar? Ich denke, es wird allerhöchste Zeit!


Facebook | |


Selbstbestimmung, Hacker_innenspace und #Dropthetowel – kurz verlinkt

23. September 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 295 von 361 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

Frisch aus der Druckerpresse: ein Buch zu Abtreibung und Pränataldiagnostik, zur feministischen Behindertenbewegung, zu „Lebensschützern“, zur Geschichte der Eugenik und zum Selbstbestimmungsbegriff: „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“ von Kirsten Achtelik, erschienen im Verbrecher Verlag.

Ein Hackerinnenspace in Berlin ist neu in der Entstehung und richtet sich an „alle PyLadies, und RailsGirls, JavaLassies und 3D-Feen, Gamerinnen, Arduinas, NetzwerkNixen, LötGören, RaspberryRabaukinnen und alle anderen Frauen* mit Interesse an Bits, Bytes und Basteln“ (english on page)

Der Dortmunder Verein VIVE ŽENE e. V. möchte einen Zufluchtsort für unbegleitet geflüchtete minderjährige Mädchen realisieren – damit das klappt, wird um Spenden zur Anschubfinanzierung gebeten. Alle Informationen finden sich im Flyer.

Rund 110 Gäste waren in die Erlanger Stadtbibliothek gekommen, um unter dem Motto „Die Vergessenen der Geschichte – Afrodeutsche Zeitzeugen des Dritten Reiches“ aus dem Leben zweier Männer und einer Frau zu hören: Gert Schramm, Marie Nejar und Theodor Michael.

 

englischsprachige Links

The great team behind „Disability in Kidlit“ is seeking for a new team member. They have a strong preference for a person of color. All informations on their website.

Fat Positivity in Action: #DropTheTowel Intersectional Feminist Finale!

 

Termine

Die Landesarbeitsgemeinschaft der hauptamtlichen kommunalen Gleichstellungs- und Frauenbeauftragten in Schleswig-Holstein spricht am 06. Oktober 2015 unter dem Thema „Das Ende der Unschuld – Feminismus im Umbruch? Von Werten, Visionen und Allianzen“ in Kiel. Alle Infos auf der Webseite.

Es ist wieder soweit: das „international human rights filmfestival“ in Nürnberg findet von 30. 9. bis 7. 10. 2015
Die Themenschwerpunkte sind diesmal #untragbar  und „Flucht und Migration“.


Facebook | |


Lebenswert behindert sein

23. Juli 2015 von Hannah C.

Monica Lierhaus sagte in einem Interview, dass sie heute verschiedene Entscheidungen anders treffen würde, als vor ein paar Jahren noch. Wäre Frau Lierhaus nicht behindert, würde diese Aussage angehört und wieder vergessen.

Als Person aber, der eine Operation das Weiterleben ermöglichte und als Person, die in der Folge behindert ist, hat sie diese Entscheidung gefälligst nicht (öffentlich) zu bereuen und schon gar nicht hat sie ihr Leben danach als weniger lebenswert zu empfinden, weil das die Öffentlichkeitsarbeit anderer Behinderter untergräbt. So lese ich zumindest den Kommentar von Christiane Link in ihrem Blog. Frau Link schreibt, dass sie öfter hört, Menschen könnten oder wollten an ihrer Stelle nicht leben und setzt dies in einen, vielleicht richtigen, vielleicht aber doch auch unvollständigen Kontext mit Bewunderung.

Und ich stehe (mit anderen) neben diesem Disput und denke darüber nach, wann es denn erlaubt ist zu äußern, dass man sein Leben als behinderte Person nicht als lebenswert empfindet. Darf man es äußern, wenn man nicht prominent ist? Darf man es äußern, wenn ein kleiner tragbarer Motor das eigene Herz ersetzt und man jede Woche zur Dialyse muss? Oder wenn der fünfte Versuch einer Behandlung mit Psychopharmaka zu massiven körperlichen Veränderungen und emotionaler Schmalspur verholfen hat? Oder einfach nie, weil das Leben so unfassbar kostbar wichtig ist, dass es, ohne jede Reflektion, jeden Preis kosten darf – und muss und soll?

Darf ich, wenn ich äußere, dass ich mein Leben als nicht lebenswert empfinde noch bitte selbst definieren was “Leben” und was “Wert” für mich ist? Darf ich bitte über meine Er-Lebensrealität und ihre Bewortung noch selbst bestimmen und nicht andere Menschen? Darf in einer Zeitung auch mal eine beschissene Selbstansicht von Behinderten über sich selbst und ihr Leben stehen?

Warum ist es so wichtig, aus einer Behinderung etwas zu machen, was tragbar ist und, was das eigene Leben ja eigentlich nicht dann doch nicht behindert oder beeinflusst? Manchmal ist sie das eben nicht. Manche Barrieren und (Vor-) Urteile in Bezug auf das Leben mit Behinderungen gibt es auch im Kopf der Behinderten selbst und Interviews, wie das von Frau Lierhaus und auch der Text von Frau Link – genau wie meiner hier – tragen dazu bei, sie sichtbar zu machen.

Ich habe die abfällige Bezeichung “die Sonnenscheinbehinderten” für Menschen, die sich öffentlich ausschließlich so äußern, als wäre ihre Behinderung bzw. ihre chronische Erkrankung eigentlich gar nicht so schlimm. Und eigentlich auch gar kein Problem. Nie und nirgends und wenn doch: nicht lange und schon gar nicht unaushaltbar. Für mich ist es so, dass ich mir an der Stelle denke: “Ah, okay cool – schön für diese Personen. Schade, dass ich es nicht auch so einstufen/erleben kann.”. Was in etwa der gleiche Gedanke ist, wie ich ihn habe, wenn ich von hochbegabten Kindern in umfänglichen Förderprogrammen höre; von traumatisierten Menschen erfahre, die austherapiert mit ihrer selbstgegründeten Familie und halbwegs gesichertem Leben in den Sonnenuntergang schauen und von Menschen, die ihre Depressionen mit einer Tablette täglich als erträglich empfinden können.

Ich frage mich, was an mir falsch ist, dass ich nichts davon auch habe. Nicht mal nah dran bin. Ich frage mich, was ich übersehe, welche Energie ich wo falsch hinpumpe, dass ich das nicht habe. Ich schaue in unsere Gesellschaft und frage mich, was läuft da falsch, dass ich mich nicht glücklich optimieren kann– wo ist denn dieser verdammte Sonnenschein, der andere Behinderte in die Fernsehkamera lächeln lässt?!

Und was genau ist eigentlich der Lebenswert von dem da dauernd gesprochen wird? Wenn Leben so preislos anzunehmen ist – braucht es dann noch eine zusätzliche Aufladung mit Wert? Steht Leben dann nicht eigentlich absolut darüber und sollte gar nicht erst in einer Wortkombination mit “wert” erscheinen?

Mein Leben ist nicht wertvoll für mich und das habe ich schon im Alter von 9 Jahren verstanden. Man kann mich im Kopf erneut zum Opfer von Gewalt machen und sagen, in meinem Lebensumfeld hätte ich ja auch keinen Anlass gehabt davon auszugehen, dass das anders ist. Man kann mir aber auch glauben, dass ich durchaus auch von Menschen umgeben war, die mir vermittelt haben, dass es okay ist, dass es mich gibt.
Man darf mir auch zuhören und verstehen, dass es nicht andere Menschen sind, die mir definieren, was mir mein Leben wertvoll oder auch “lebenswert” macht.

Leben ist einfach, für mich. Leben will nichts und Leben braucht nichts. Es ist einfach nur da. Und, ob man sich damit verbindet oder nicht und wie man es für sich be_wert_et oder füllt, liegt an den Personen selbst und dem Umfeld, in dem sie leben.

Für den Lauf der Dinge (das Leben) ist es irrelevant, ob es mich gibt oder nicht. (mehr …)


Facebook | |



Anzeige