Einträge mit dem Tag ‘behinderte Menschen’


„Statt behinderte Kinder ‚abzuschaffen‘, würde ich gern unsere behindertenfeindliche Gesellschaft abschaffen.“

5. Dezember 2016 von Magda
Dieser Text ist Teil 121 von 123 der Serie Die Feministische Bibliothek

Buchvover von "Alles inklusive" von Mareice KaiserEin Kind wird geboren und benötigt mehr Aufmerksamkeit als die meisten Kinder, eine intensive Betreuung und spezielle Hilfsmittel zum Leben, ja, Überleben. Und damit nicht genug: Die Ärzt_innen, die Therapeut_innen und auch engste Familienmitglieder runzeln die Stirn, ignorieren permanent persönliche Grenzen und sagen: „Ich könnte das ja nicht.“ Die Rede ist von Greta, einem mehrfachbehindertem kleinen Mädchen, dass seine Eltern ab Geburt an auf Trab halten wird. Die vielen Tränen, die andauernden Streits mit der Krankenkasse oder die Geldknappheit gehen allerdings nicht auf das Konto von Greta, sondern sind einer Gesellschaft zuzuschreiben, die „Inklusion“ höchstens auf schöne Broschüren schreibt, aber nicht allumfassend verankern mag.

Die Journalistin Mareice Kaiser erzählt in ihrem vor wenigen Wochen erschienenen Buch „Alles Inklusive“ (Fischer, 2016) ohne Beschönigung aus dem Familienalltag mit ihrem Partner Thorben und ihrer ersten Tochter, Greta, später auch mit der Zweitgeborenen, Momo. Es ist ein Alltag, der aus Krankenhausaufenthalten, piepsenden Sauerstoffgeräten und Darmproblemen besteht. Mareice Kaiser lässt uns teilhaben an den Ängsten, Erschöpfungen und psychischen Krisen ihrer Familie und stellt doch immer wieder klar: Das Problem ist nicht Greta. Ab und zu blitzt der Wunsch nach einem „normalen“ Leben durch. Schwer verdaulich sind diese Sätze, weil sie verdeutlichen: Viele Menschen ohne (Mehrfach-)Behinderungen definieren „normal“ immer noch als Abwesenheit von Krankheiten und Behinderungen. Es gibt wenige gesellschaftliche Strukturen, die Eltern unterstützt, die mit Kindern leben, die (mehrfach-)behindet sind. Im Gegenteil: Krankenkassen lehnen regelmäßig lebensnotwendige Hilfsmittel ab. Und teilweise fremde Menschen teilen ohne Skrupel ihre behindertenverachtenden Überzeugungen. Andere wiederum nehmen aus einem liberalen Verständnis von Gleichheit heraus die besonderen Bedürfnisse von Greta nicht wahr und verharmlosen ihre Situation. Ein Schnupfen stecken andere Kinder vielleicht gut weg, kann aber für Greta lebensgefährlich sein.

Das Leben mit Greta, und später auch mit ihrer nicht-behinderten Schwester Momo, lässt Mareice und Thorben wachsen. Mareice thematisiert zunehmend die behindertenfeindlichen Verhältnisse, den Sexismus, der hinter der Annahme steckt, dass sie sich voll und ganz für ihre Tochter aufgeben müsse (während im Alltag Thorben die meisten Pflegetätigkeiten übernimmt) und reflektiert ihre eigenen Annahmen, wie ein Familienleben zu sein hat. Letztendlich bringt sie es auf den Punkt: „Statt behinderte Kinder ‚abzuschaffen‘, würde ich gern unsere behindertenfeindliche Gesellschaft abschaffen.“


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Übergriffige Fragen zur Schwangerschaft und verdiente Preisträgerinnen – kurz verlinkt

2. Dezember 2016 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 333 von 337 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

Auch online finden sich bei der taz heute eine Reihe von Texten von behinderten Autor_innen. Ninia LaGrande beispielsweise schreibt über ihre Erfahrungen als schwangere, kleinwüchsige Frau: „Die Frage, die ich am häufigsten gestellt bekomme, wenn ich erzähle, dass ich schwanger bin, lautet: „War es gewollt?“ Und ich kann mir kaum eine Frage vorstellen, die übergriffiger sein könnte als diese.“

Herzlichen Glückwunsch! Die Initative „Women in Exile“ wurde am Sonntag in Berlin mit dem Menschenrechtspreis der Gerhart-und-Renate-Baum-Stiftung ausgezeichnet und Deutschlandradio Kultur berichtet. (Vor zwei Jahren haben wir Women in Exile & Friends interviewt. Die zwei Teile könnt ihr natürlich immer noch nachlesen.)

Für progress schreibt Valentine Auer über den dokumentarischen Kurzfilm „My refugee story“, der als Ergebnis eines Workshops für geflohene LGBTIQ-Personen entstanden ist, und interviewt Mohamed Nour Metwally, der an der Konzeption des Workshops beteiligt war.

Anne Leichtfuß ist Simultan-Dolmetscherin für Leichte Sprache. Bisher die einzige. In der taz wird ihre Arbeit vorgestellt.

Bei Femgeeks gibt es eine super Link-Zusammenstellung mit Analysen und unterschiedliche Perspektiven zur und auf die US-Wahl und zu dem Handlungsmöglichkeiten.

Immer wieder los von Null? Auf Zehenspitzen stellt zeigt, wie Clickbait-Überschriften, die immer besonders auf Neuigkeiten abzielen, verhindern, dass Diskussionen auf Vorangegangenes aufbauen. Das Beispiel: feministische Analysen und Erfahrungen zu Schwangerschaft.

englischsprachige Links

Die aktuelle Ausgabe von HOLAA! kann online gelesen werden. In den 150 Seiten geht es laut den Kurator_innen Tiffany Mugo und Siphumeze Khundayi um folgendes: „This edition has stories of love, stories of heartache. It tackles the political and also the passionate. This issue sought to scratch the surface of the infinite stories that queer African women have deep inside and draw them out for everyone to see.“

In Texas soll ab dem 19. Dezember fötales Gewebe nach Abtreibungen oder Fehlgeburten beerdigt werden müssen. The Austin Chronicle berichtet über die Konsequenzen dieser weiteren Anti-Choice-Entscheidung.

For the white person who wants to know how to be my friend“ und zwei weitere Gedichte von Pat Parker veröffentlichte LitHub.

Termine Berlin, Bochum, Hannover, Marburg Potsdam und Wien

02.12. in Marburg: FaulenzA hält einen Vortrag über Transmisogynie. Danach gibt es ein Konzert. (FB)

03.12. in Wien: SchwarzRund liest im Planet 10 aus ihrem Roman „Biskaya“.

03.12. in Hannover: FaulenzA hält einen Vortrag über Transmisogynie. Danach gibt es ein Konzert. (FB)

06.12. in Potsdam: Vortrag in der Ringvorlesung „How to be a Feminist“ mit Tatiana Bazzichelli: FROM NET PORN TO PORN TUBES – THE DEVELOPEMENT OF SHARED SEXUALITIES.

08.12. in Berlin: Von 18-20 Uhr findet die Präsentation der Expertise „Geschlechterverhältnisse in Fußballfanszenen“ statt.

13.12. in Potsdam: Vortrag in der Ringvorlesung „How to be a Feminist“ mit Sonia Eismann: I CHOOSE MY CHOICE!“ – VOM POPFEMINISMUS ZUM CHOICEFEMINISMUS.

15.12. in Bochum: Die Gruppe about.fem hält beim herrschaftskritischen Kaffeeklatsch einen Vortrag zu „Begrifflichkeiten des Queerfeminismus„.

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?


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Am ersten Tag des Neubeginns

29. August 2016 von Hannah C.

Es waren die drei besten scheiße anstrengenden Tage seit Monaten für mich: Ausbildungsbeginn an einem Berufskolleg

Ja, ich habe einen Ausbildungsplatz. Ich.
Die mit dem Schwerbehindertenausweis, dem Assistenzhund und dem 9 Jahre großen Loch im Lebenslauf.
In den nächsten 3 Jahren, werde ich dieses Kolleg besuchen und am Ende einen Beruf erlernt haben. Als Abschiedsbonbon gibts ein Fachabitur dazu.
Was für ein geiles Privileg!

Vor gut drei Wochen feierte ich meinen dreißigsten Geburtstag. Meine Mitschüler_innen ihren sechzehnten, siebzehnten, achtzehnten.
Sie kommen von Real- und Gesamtschulen in der Umgebung, dürfen ganz frisch “feiern gehen”, haben buntbunte Gedanken und mit mir den ersten näheren Kontakt mit einer behinderten Person, die einen Assistenzhund mit sich führt.

Für mich ist diese Situation nicht neu – und doch ist sie so noch nie gewesen.
Ich kenne das, wenn Menschen meine Hündin und mich auf der Straße sehen. Kenne das unbeholfene Gewühle nach Worten, wenn man versucht mich zu fragen, “was ich denn habe”. Ich spüre die Veränderung im Gesprächsklima, wenn ich ohne meine Hündin an der Seite sage, dass ich eine behinderte Person bin.
Was ich nicht so gut kenne, ist Akzeptanz. Anerkennung. Zugeständnisse von zusätzlichen Schleifen, Kraftaufwendungen, Erklärungen und Nötigkeiten.
Den Raum, mir die maximale Barrierefreiheit zu ermöglichen.

Das erklärte Ziel der Lehrenden ist der erfolgreiche Abschluß für alle Schüler_innen gleich und das spüre ich im Kontakt mit meinen Lehrer_innen. Nicht als Retterpose. Nicht als political-correctness-Feigenblatt für ein eigentlich peinliches Einzelprojekt.
Auch das kenne ich ziemlich gut. Menschen, die vor allem für sich selbst “Gutes tun” und “mit gutem Beispiel vorangehen”, statt sich damit auseinanderzusetzen, was genau sie dort eigentlich tun und warum.

So bewegte ich mich nun also durch den Einschulungstag mit meinem Begleitermenschen neben mir und meiner Hündin an der Leine.
Und fühlte mich so wundergut beliebig.

Für viele Menschen ist der erste Schultag furchtbar, weil sie niemanden kennen. Ganz allein sind. Gar nichts wissen und sich nicht auskennen. Für mich ist das die Zeit, in der ich am meisten mit meinen neuen Mitschüler_innen gemeinsam habe. In der ich mit allem, was ich tue und habe, genauso fremd bin, wie die Personen um mich herum, die ihre Behinderungen vielleicht weniger sichtbar kompensieren können und auch wie die Personen, die keine dauerhaften Behinderungen kompensieren müssen.

Natürlich war ich “anders fremd” als alle anderen. Natürlich war ich “auffällig”. Aber es hat nicht weh getan und das ist, was mir das Gefühl gab, austauschbar in der Fremdheit zu sein.
Wäre ich nicht da gewesen, wäre da eine Person mit „mega vielen“ Pickeln “anders fremd” gewesen. Oder eine mit einer „verunglückten“ Frisur. Oder eine mit „komischer“ Stimme.

Am ersten Tag des Neubeginns sind alle Menschen gleich “anders fremd”.

Es tut mir gut, solche Momente im Leben zu haben und ich steige so tief in sie hinein, wie es geht.
Ich weiß, dass wir mit unterschiedlichen Er_Lebensweisen leben. Dass uns etwas trennt, was wir einander mitteilen, doch nie jeweils ganz erfassen können. Ich weiß, dass mir meine nicht dauerhaft behinderten Mitschüler_innen im Laufe der nächsten Wochen immer weiter weg erscheinen werden. Dass uns nicht viel verbindet. Dass meine Limits so sehr viele Dinge verunmöglichen, dass wir wenig Zeit und Raum außerhalb der Schule miteinander gestalten werden.
Ich weiß, was an sie herangetragen wird, wenn sie mich und meine Assistenzhündin irgendwo hin begleiten. Es gib so viel behindertenfeindliche Scheiße, der auch die Freunde, Helfer- und Begleiter_innen von sichtbar eine Behinderung kompensierenden Menschen, nicht entgehen können und der sich zu stellen nicht immer einfach ist.

Aber der Moment war da.
Und ich habe ihn genossen.

Und den anderen Moment auch.


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