Einträge mit dem Tag ‘Ausschlüsse’


das Problem an „Sei doch lauter“

28. Januar 2016 von Hannah C.
Dieser Text ist Teil 1 von 59 der Serie Meine Meinung

Immer wieder mal wird das an mich herangetragen. “Sei doch lauter”, während es eigentlich darum geht auszudrücken, dass man sich mehr von mir wünscht. Mehr (von dieser Person als so wahrnehmbar) Aktivismus. Mehr Aktion. Mehr Bäng. Mehr Pow. Mehr KRWÄÄÄÄM. With the Faust in the Gesicht of Patriarchy, Racism und überhaupt aller Kackscheiße.
Ich lese solche Ansprüche und halte mir dabei die Ohren zu. Weil diese Ansprüche für mich laut sind. Sie stehen vor mir und brüllen mich an. Schreien mich nieder und machen die Begegnung zum Schlachtfeld.

Es ist mir gegenüber ein ableistischer bis schlicht ignoranter Anspruch. Obwohl – ich mag es nicht so individualisieren – vielleicht gibt es noch mehr Menschen, die einfach nicht als laut wahrgenommen werden, obwohl sie sich selbst als sehr laut und aktiv(istisch) erleben und merken, dass es ihnen viel Kraft und viele Verluste bedeutet, überhaupt von anderen Personen ganz allgemein bemerkt zu werden. Und sei es als leises Stimmchen ohne Bäng ohne Pow ohne KRWÄÄÄM.

Ich verstehe, dass bestimmte Bemühungen mehr erfordern als Twitternachrichten zu formulieren oder Blogposts zu schreiben. Anastasia Umrik beschreibt das in ihrem letzten Blogpost und kaum eine andere Schrift, die sich mit “dem Feminismus ™” in “diesem Internet” befasst, kommt ohne diese Spitze aus.
“Nänänä n Tweet schreiben kann ja jede_r – (aber mich zu überzeugen (“die Massen ™” bewegen), DAS ist doch das, worum es geht = gehen muss … ODER?”)”

Ganz ehrlich? Nein.
Kann eben nicht jede_r. Kann sich eben nicht jede_r erlauben. Kann eben nicht jede_r schaffen.

Ich erlebe es auch nicht so, dass laut sein alles ist. Ich erlebe es auch nicht (mehr) so, dass es aktivistischer oder auch selbstvertretender Anspruch sein muss, möglichst viele Menschen für oder gegen etwas zu mobilisieren. Für mich ist das zwar ein tolles Gefühl zu mehreren in einem Thema vereint zu sein – ich weiß aber auch, warum es sich so toll anfühlt.
Weil man sich überlegen oder mindestens weniger schwach fühlen kann. Heimlich. Ein bisschen für sich allein.

Für mich persönlich ist genau das aber nicht, wie ich Menschen begegnen will. Ich will mich niemandem gegenüber unter- oder überlegen fühlen. Ganz generell nicht. Weil ich das als ganz großen Anteil der ganz alltäglich passierenden Gewalten erlebe zum Einen und zum Anderen, weil ich weder Kraftreserven noch Fähigkeiten habe, solche Dynamiken lange durchzuhalten.

Ich mag es nicht, wie es gelesen wird, wenn ich schreibe: “Mein Leben ist schon schwer genug” – aber mehr kann ich nicht anführen, wenn ich begründen will, warum es nicht mein oberstes Ziel ist, für alle und immer gleich “laut” oder “aktiv(istisch)” vernehmbar zu sein.
Hier ne Demo, da ne Veranstaltung – hier ein Scharmützel bei Twitter, da eine Kommentarschlacht und im Backend noch schnell die Schultern der Verbündeten klopfen und während all dem nicht vergessen, wer mit wem wann mal welchen Streit warum hatte und welche Positionen von wem warum gar nicht gehen und überhaupt gar keine Beachtung mehr ever verdienen … – sorry kann ich nicht. Will ich nicht. Ist nicht, was ich mir wünsche für später, wenn …

Ich alleine atme mit jedem Tweet durch. Beruhige mich nach jedem Blogpost. Für mich ist jedes Rausgehen und vor Menschen sprechen ein BÄNGPOWKRWÄÄÄÄNMEGADING – auch dann, wenn “die Massen ™” es für etwas halten, dass angeblich jede_r (und natürlich auch besser, lauter, krawalliger) kann und deshalb als beliebig und wenig relevant, wahrnehmen.

Am Ende spreche ich hier nicht nur von Wertschätzung dessen, was andere Menschen zu einem Thema beitragen, sondern auch davon, dass Aktivismus letztlich vor allem Aktivität meint, die für sich als Spektrum anerkannt werden muss.

Auch ein leiser Widerspruch ist ein Widerspruch.


Facebook | |


Biologistische Spiri-Szenen, besorgte Eltern, brechende Herzen – die Blogschau

13. Juni 2015 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 280 von 295 der Serie Die Blogschau

Über den Ausschluss von trans Personen und nervige Biologismen in spirituellen Frauen-Szenen schreibt Wurzelfrau.

Was für reaktionärer Quark dabei rauskommen kann, wenn jegliche Kritik unter „Hetze“ und Hate Speech verbucht wird, beschreibt A++ Ranting am Beispiel der Autorin Ronja von Rönne.

alsmenschverkleidet legt dar, um wen und was sich „besorgte Eltern“ wirklich sorgen und wen sogenannten Lebensschützer gar nicht schützen.

Afrogermanrebel erklärt, wie deutsch sein und Schwarz sein (nicht) mit einander in Verbindung gebracht werden und wie Rassetheorien dafür die Basis bilden.

Bei und mit Schwarzrund gibt es ein Video-Interview zu diversen bipolaren Perspektiven auf Kinderbücher.

Diaspora Reflektionen schreibt über Konflikte innerhalb (aktivistischer) Communities und die schmerzhafte Art, wie diese manchmal ausgetragen werden.

Salma schrieb auf Multidoze ein Gedicht über Risse, Scherben und Heilung.

Habt ihr diese Woche etwas geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Regelmäßig verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


Facebook | |


Rechts gegen Rechts, #shirtstorm, Schnulzen gegen Ebola – kurz verlinkt

19. November 2014 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 262 von 362 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

Die Süddeutsche Zeitung berichtet über die Aktion „Rechts gegen rechts“ in Wunsiedel. „Lachen ist Macht“, Gewalt aber auch: Im bisherigen Jahr 2014 wurden in Deutschland bereits mehr Angriffe gegen Geflüchtete verübt als in den beiden Jahren zuvor – und zwar zusammen gerechnet.

Beim kulturradio des RBB kann nun auch online die Sendung „Alltagsrassismus in Deutschland“ nachgehört werden, wo unter anderem Sharon Dodua Otoo und Kübra Gümüşay sich zu Wort melden. Es geht es unter anderem um die vermeintlich harmlosen Fragen wie „Woher kommst du wirklich?“, Auswirkungen von politischen Debatten über Asyl, die Kinderbuchdebatte und #schauhin. (Inhaltshinweis: N-Wort ausgesprochen)

„Für mich fehlt dieser Gesellschaft die Bereitschaft, Differenzen stehen zu lassen.“, sagt Lann Hornscheidt in der FAZ in einem Artikel über Sprachformen, Geschlecht und gewaltvolle Reaktionen. (Inhaltshinweis: Reproduktion vieler Hasskommentare, Gewaltandrohungen etc.)

englischsprachige Links

Bei Race Traitor schrieb Tamara K. Nopper einen offenen Brief an „weiße Antirassist_innen“ und erklärt, warum diese Selbstbezeichnung ein Widerspruch in sich ist.

Johnetta Elzie berichet bei Ebony über die traumatisierenden Erlebnisse während der fortdauernden Proteste gegen rassistische Polizeigewalt im US-amerikanischen Ferguson, denen die Polizei dort extrem martialisch und gewaltvoll begegnet: „When I close my eyes at night, I see people running from tear gas in their own neighborhood. […] I didn’t expect to go from a peaceful protester trying to attend a vigil for a young teen gunned down, to a modern day freedom rider. But I am prepared to stay the course and fight as long as we must.“

Dr. Matt Taylor, einer der European Space Agency (ESA)-Wissenschaftler_innen des Rosetta-Projekts, löste mit einem sexistischen Hemd, das er zunächst bei der Live-Übertragung der Landung trug, Kritik aus. STEM Women schrieben zum „#shirtstorm“ und zu alltäglichem Sexismus in MINT-Bereichen.

„Where Are Our Elders?“ – Anlässlich des Todes von Leslie Feinberg fragt sich Sunny Drake, wie viel Platz in aktivistischen Communities eigentlich für ältere und alternde Menschen, für die Vorgänger_innen ist.

Es ist wieder mal so weit: Bob Geldorf hat seine Showbiz-Freund_innen angerufen und rettet jetzt Afrika. Denn was hilft besser gegen Ebola (und alles andere Leid) als Singen und CD-Verkäufe?  Wirklich nichts dazugelernt?, fragt AfricaIsACountry.

Das TIME Magazine lässt über Wörter abstimmen, die für das Jahr 2015 verboten gehören. Mit auf der Liste: Feminismus. Nun haben sie sich entschuldigt (aber auch nichts an der Liste geändert). Bust schreibt über den Vorfall.

Termine in Berlin

Kein Platz für Rassismus – Anti-Geflüchteten-Demos stören in Buch und Berlin-Marzahn:

Vom 26.11. bis 29.11. findet das Festiwalla 2014 statt, eine Programmübersicht findet Ihr hier.

Die MIND THE GAP-Ausstellung mit Arbeiten der Schweizer-Jüdischen Künstlerin Elianna Renner wird am 21.11.2014 eröffnet.

Der Film ID-Without Colors wird am 20.11. um 19 Uhr (OmU) bei Frauenkreise Berlin gezeigt, Choriner Straße 10, 10119 Berlin. Im Anschluss gibt es eine Diskussion.


Facebook | |


Stellungnahme des Bündnisses kritischer Kulturpraktiker_innen

20. Februar 2014 von Gastautor_in

Theateraufführungen, Ausstellungen, Installationen – Welches Publikum erreichen sie? Welche Personen werden immer wieder ausgeschlossen? Über dieses Thema und Ansätze zur Öffnung von Angeboten sollten Anfang Januar bei der Tagung „Mind the Gap“ diskutiert werden. Die Tagung an sich aber re_produzierte direkt wieder alle Ausschlüsse, die sie betrachten wollte. Das Bündnis kritischer Kulturpraktiker_innen schrieb eine Stellungnahme.

Anfang dieses Jahres fand am Deutschen Theater Berlin die Tagung “Mind the Gap” statt, die sich den „Zugangsbarrieren zu kulturellen Angeboten und Konzeptionen niedrigschwelliger Kulturvermittlung” widmen wollte. In der Ankündigung begründeten die Veranstalter_innen, dass „gerade junge Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund aus nicht westlichen Herkunftsländern, Menschen mit Behinderung und viele Menschen mit geringen Einkünften klassische Kultureinrichtungen besonders selten“ besuchen.

Bereits hier stellt sich die Frage, nach welchen Gesichtspunkten und wie präzise die Begriffe und Konzepte ausgewählt sind, die von den Tagungsleiter_innen verwendet werden. So werden im gesamten Tagungskontext und gerade auch im Tagungsrückblick Begriffe wie „Milieu“, „Kunst“, „Migrationshintergrund“, „Behinderung“ unreflektiert gebraucht, welche jedoch gerade in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften längst als problematische, Differenz festschreibende Kategorien diskutiert werden. Folglich ist es notwendig, mit viel präziseren Begriffen zu arbeiten, um strukturelle Ausschlüsse wie Rassismus, Klassismus und Ableismus und ihre Wirkungen als “Gap”-Erzeuger zu analysieren und schließlich Methoden zu ihrer Überwindung zu konzipieren.

Denn auf der Basis von vereinfachenden Begriffen, wie sie etwa bei der o.g. Tagung verwendet werden, folgern die beteiligten Sprecher_innen, dass es darum ginge, Barrieren durch “niedrigschwellige Kulturvermittlung” zu beheben. Und hier zeigt sich ein problematischer Ansatz, der per se von einem Defizit bei den einzelnen Bevölkerungsgruppen ausgeht, da ihnen Unkenntnis oder Ferne zu Kunst, Kultur und Bildung unterstellt wird. Einerseits werden also sämtliche Individuen aus unterschiedlichsten Zusammenhängen, Bezügen und Verortungen als eine “Gruppe” festgeschrieben und darin “kunstaffinen”, “gebildeten” Besucher_innen von Kultureinrichtungen gegenübergestellt. Da andererseits “niedrigschwellige Kulturvermittlung” als Heilmittel zur Überwindung der “Gaps” vorgeschlagen wird, bleibt der wichtigste Bearbeitungsbereich unangetastet: die Programme, Inhalte und das Personal der Kulturinstitutionen selbst.

(mehr …)


Facebook | |


Privilegien nutzen statt Verantwortung abgeben: Über Ausschlüsse in Räumen und auf Podien

11. Februar 2014 von Nadine

Letzte Woche hat Mia McKenzie einen tollen Text über produktive Umgänge mit eigenen Privilegien auf Black Girl Dangerous veröffentlicht. Was Punkt 2 („Just don’t go“ – deutsch: geh einfach nicht hin) betrifft, habe ich auch andere Erfahrungen gemacht und wähle teilweise andere Umgänge, die an die Verantwortung von vielen appellieren: Sich aus Räumen zurückzuziehen oder Events nicht zu besuchen, die für andere diskriminierend sind oder Ausschlüsse produzieren, kann eine (zu) einfache Lösung sein für alle, die Zugang zu diesen Räumen und Events haben. Ich versuche mich einerseits an den Kritiken und ggf. darin enthaltenen Forderungen zu orientieren und je nach dem nach zusätzlichen Interventions-Möglichkeiten zu suchen, bspw. in Kontakt mit Organisator_innen und Veranstalter_innen zu treten. Da die meisten diskriminierenden Raumstrukturen sehr normalisiert sind, fällt mein Wegbleiben oft nicht als “Kritik” auf, auch “angekündigt” in Form einer Mitteilung oder mittels Weitertragen der Kritik an die Verantwortlichen nicht. Kollektive Verweigerung wäre ein probates Mittel, allerdings habe ich das noch nie erlebt, gerade, wenn es sich um beliebte Szeneorte oder -events handelt. Was in der Konsequenz aber auch nicht bedeutet, dass mein Wegbleiben nicht auch als wertvolle Unterstützung angesehen werden kann.

Wer spricht worüber?

Wenn ich irgendwo zum Sprechen eingeladen bin, versuche ich verschiedene Perspektiven unterzubringen und nicht nur die, die mir in meiner sozialen Position am nächsten sind. Allerdings mit wechselnden Erkenntnissen: Nur wenige haben Lust, sich auf Unbekanntes oder Unbequemes einzulassen und nur wenige (wollen) verstehen, dass das eigene Wohlbefinden in/auf “emanzipatorischen” Gruppen/Räumen/Events oft ein Marker von bereits erfolgten Ausschlüssen ist, weil Themensetzung und Personen zur eigenen Lebensrealität und eigenen Bedürfnissen passen. Teilweise wird sogar passiv-aggressiv reagiert, wenn mein Publikum nicht das von ihnen erwartete “jetzt erzähle ich euch eure kollektive Lebensgeschichte”-Narrativ vorgesetzt bekommt.

Zusätzlich ist es wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, warum eine_r zu welchen Sachen zum Sprechen eingeladen wird und nicht andere Expert_innen. Auch hier gibt es neben dem Weiterreichen des eigenen Platzes (wichtig für mich ist dabei die Frage: “wem mute ich welche Räume zu?”) oder einer mit konstruktiver Kritik versehenen Absage, vieles, was zu überlegen ist. Gerade, wenn es um die Besetzung und inhaltliche Ausrichtung eines Panels geht. Habe ich Möglichkeiten meine Kritik vorzubringen, zu intervenieren oder soll meine Anwesenheit selbst schon als Killjoy (Spaßbremse) herhalten, deren Kritik nur dazu da ist, zu polarisieren und die dann vielleicht gar nicht ankommt?

Die „guten“ weißen

(mehr …)


Facebook | |


Über Klassismus schreiben

13. März 2013 von Charlott

Innerhalb der letzten Woche gab es (jedenfalls in meiner Filterblase) noch einmal eine Explosion an Blogtexten, die sich mit klassistischen Diskriminierungen auseinandersetzten. Ich versuche hier einiges zusammenzutragen.

Das Thema ist selbstverständlich nicht neu und erst in den letzten sieben Tagen aufgetaucht. Schon länger bloggen Menschen zu diesem Themenfeld. So schreibt zum Beispiel ClaraRosa bereits seit 2011 auf dem Blog Class Matters zu Klassismus. Aber auch Blogg_erinnen wie Bäumchen oder Mädchenmannschafts-Autorin Viruletta schreiben immer wieder Texte.

ClaraRosa war es auch, die vor knapp einer Woche mit ihrem Text „Bambule, Randale, Queer-Radikale„, den Anstoss lieferte für die folgende Textlawine. In dem Beitrag fasst sie ihren Frust in Worte:

„Gut, dass das mal wer gesagt…“ und „Toll, dass du dich damit beschäftigst…“- Phrasen, die mit dem formulieren der nächsten Wohnungsanzeige für das 12qm-Zimmer mit Bioessen und taz-Abo für 450 Euro konsequent – vergessen werden. Oder über die Selbsterhöhung der eigenen Demosprüche über die „Stammtischparolen“, die offenbar die Distinktionslinie zwischen von dummen, saufenden, in Kneipen sitzenden Denkunfähigen und ach-so-tollen Politchecker_innen darstellen soll.

(mehr …)


Facebook | |



Anzeige