Einträge mit dem Tag ‘Asperger-Syndrom’


eine unsichtbare Barriere

18. September 2015 von Hannah C.

In meinem Blog kann man lesen, dass ich eine nicht sofort sichtbare Behinderung in mein Leben integriere. Was man da seltener lesen kann ist, was wann in meinem Umfeld für mich zur Barriere wird und was die Folgen sind.

Ich werde bemitleidet, wenn ich sage, dass ich nur selten ausgehe. Mein fast ausschließlich übers Netz stattfindendes Sozialleben wird bedauert. Man spricht von einer “Einsamkeit der Opfer”, von Isolation und, dass meine Depressionen vermutlich genau daher kommen, dass ich teilweise tagelang keinen einzigen Menschen treffe. Das “Krieg doch einfach den Arsch hoch” – das “Red doch einfach mit Leuten” – das “Mach doch einfach, was ich immer mache/was andere mit deiner Problematik machen/was ich dir vorschlage”, schwingt dabei jedes Mal wie eine Keule auf mich zu und oft genug trifft es mich auch.

Das Problem ist in dem Fall häufig nicht einmal Ignoranz oder Empathielosigkeit, sondern schlicht das Denken, dass ich für die Dinge, die mich daran hindern, Dinge zu tun, verantwortlich bin, weil sie in mir liegen bzw. von mir wahrgenommen werden und für mich ein Problem sind.
Für mich ist das Neoliberalismus.
Aber Alltag. Haken dran und weiter machen.
Ich habe nicht die Kraft jedes Mal darauf aufmerksam zu machen. Und mein Umfeld ist meist dann doch heimlich schon längst davon genervt, dass ich “schon wieder irgendwas habe”, was niemand versteht.

Manchmal sind Menschen ehrlich und sagen, dass sie mein Problem nicht verstehen. Das tut weh und ich fühle mich wie ein Alien – aber immerhin weiß ich so, dass mein Gefühl allein mit einem Problem zu sein, begründet und nicht eingebildet ist. Hmyeay?

Schwierig: Ich kann folglich nicht sagen, dass sich an der Stelle eine Barriere für mich auftut. Denn wenn es nur für mich ein Ding ist, dann ist es subjektiv. Subjektivität wird gern abgewertet und nicht ernst genommen.
Ich bin in der Erfassung und auch der Begradigung von Barrieren des zwischenmenschlichen Umgangs davon abhängig, dass auch andere Menschen diese ernstnehmen und als solche betrachten. Erst wenn zwei drei vier … Menschen das Gleiche sehen und darin übereinkommen, was man tun kann, ist die von mir benannte Barriere wahrhaft im Sinne von objektiv.

In meinem Leben ist es so, dass so richtig niemand glauben kann oder mag, was für mich alles ein Ding ist.
Nicht einmal ich selbst mag wirklich darüber nachdenken, weil mir darüber mit einer schmerzlichen Wucht meine Probleme und Barrieren im Alltag bewusst werden, und ich gleichzeitig weiß: “Ich kann die nicht wegmachen. Es gibt (im Augenblick) keine Möglichkeit für mich diese zu umgehen.”.

Ich wäre ja oft gerne cooler, up-to-dater, offener, lockerer, sozialer – einfach mal nicht so verkrampft, auf der Hut, überanstrengt und nach Kontakt mit Menschen einfach einmal nicht so furchtbar überladen – aber, was ich dafür brauche, kann ich nicht einfordern, wenn die Barrieren dahin gar nicht erst verstanden werden und heimlich auch eigentlich nur Abnerv darüber in den Menschen auftaucht.

Mir tut es leid, dass ich nie über Popkultur mitreden kann. Dass mich Essen nicht auf die gleiche Art interessiert wie andere. Dass ich Spielfilme in aller Regel nicht aushalte. Dass ich keine Beziehungskistenserien lange durchhalte. Dass es schlicht kein einziges Thema, das (auch) die intuitive Einschätzung sozialer Interaktion nötig macht, beherrsche. Und es tut mir leid, dass ich nicht die Kraft habe, den Menschen in meinem Umfeld klar zu machen, wieviel von dem, was sie tun, völlig unabhängig davon wie es ihnen geht, immer auch etwas von ihnen erfordert, das sie intuitiv können und ich eben nicht.
Das Wort für dieses Nichtkönnen ist neu in meinem Leben. Das Wort ist: “Autismus”.
Dieses Wort bedeutet genau wie meine Traumafolgen: Man sieht es nicht und alle Wahrnehmung ist subjektiv. Immer. Bei allem.

Schwierig ist der Selbstbezug, den ablierte Menschen versuchen, wenn sie sich mit behinderten Menschen auseinandersetzen wollen.
Manche überlegen sich, wie das wohl wäre, wenn sie als Nichtrollstuhlnutzer_innen immer und immer einen nutzen müssten. Der Fehler in diesem Denken liegt schon darin, sich über bestehende bzw. nicht bestehende Funktionen in die subjektive Er-Lebensrealität anderer hineinversetzen zu wollen – und nicht über das, was mit Funktion bzw. Nichtfunktion einhergeht oder über das, was Funktion voraussetzt. Zum Laufen braucht man nicht nur Beine, sondern auch die Fähigkeit sie zu bewegen und diese Bewegung zu kontrollieren und manche Menschen brauchen vorrangig überhaupt einen für sie echten Anlass irgendwohin zu laufen.

Ich verstehe Menschen nicht. Menschen haben mich gedemütigt, verletzt und ausgebeutet. Menschen überreizen mich. Menschen verstehen mich nicht. Menschen machen mir Angst. Menschen überfordern mich mit ihrer Normalität.
Und trotzdem versuche ich jeden einzelnen Tag irgendwie mit einigen davon zu interagieren.
Nicht zuletzt auch deshalb, weil ich im Gegensatz zu ihnen merke, wie abhängig ich von einem Anteil ihrer Fähigkeiten und der daraus resultierenden Handlungsmöglichkeiten bin.

Diese Abhängigkeit nicht anzunehmen, nicht an sich zu reflektieren und mich dafür allein verantwortlich zu machen, ist für mich eine der größten unsichtbaren Barrieren im zwischenmenschlichen Interagieren. Sie erfordert ein Handeln von mir, dass ich aufgrund meiner Behinderung (und meiner Anpassungen aufgrund von Lebenserfahrungen noch) nicht kann und ermöglicht ablierten Menschen einen Raum der Ignoranz und des Vermeidens, der so viel bequemer ist, als die anstrengende Interaktion mit jemandem, den man nicht versteht.

Von mir wird oft erwartet eine verzehrfertige Lösung zu servieren.
Ich habe keine.
Ich kann nur darum bitten, weniger genervt zu sein. Mitzudenken. Sich auseinanderzusetzen. Weniger Eskapismus vor unbequemen Themen zu versuchen. Weniger mit Schuld und Verantwortung für Dinge zu arbeiten, die völlig außerhalb von Schuld- und Verantwortungsdynamiken passieren. Fragen zu stellen. Zuzuhören. Sich zu widmen. Ehrlich zu sein, wenn man all das nicht möchte.


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Gefühle offenbaren, Ableismus und Fat Empowerment – die Blogschau

21. September 2013 von Nadine
Dieser Text ist Teil 220 von 295 der Serie Die Blogschau

Differentneeds rezensiert auf ihrem Blog das aktuelle Buch von Chris Köver, Sonja Eismann und Daniela Burger „Glückwunsch, Du bist ein Mädchen – Eine Anleitung zum Klarkommen

W_Ortfindungen schreibt über Gefühle offenbaren.

Leidmedien haben die Wahlprogramme der Parteien zur Bundestagswahl in Leichter Sprache zusammengefasst und visualisiert.

Das Heiter Scheitern Kollektiv podcastet über Regenbogenfamilien.

Die Asperger Frauen haben einen Offenen Brief an Stefan Niggemeier verfasst, in dem sie seine ableistischen Sprachhandlungen kritisieren. Niggemeier hat sich daraufhin entschuldigt.

Die Wichtigkeit von geschlossenen bzw. Schonräumen für Frauen, Lesben, Trans im Geek- und Techbereich erörtern Femgeeks.

Riotmango will einen Satz nicht mehr hören: „Übergewichtige Frauen sind auch schön

Anna Heger veröffentlicht den Comic über sogenannte geschlechtsneutrale Pronomen.

Kritik an Gesellschaft nimmt sich die Grünen und ihre Nicht-Aufarbeitung sexualisierter Gewalt vor.

… und noch ein Veranstaltungshinweis für Berlin heute: Für Abtreibungsrechte und gegen menschenverachtenden christlichen Fundamentalismus auf die Straße gehen! Es rufen auf: Das „What the Fuck“ Bündnis mit vielen kreativen Aktionen vor dem Bundeskanzler_innenamt und das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung mit einer Kundgebung vor dem Brandenburger Tor.


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Von Depressionen und Subversionen – die Blogschau

5. Januar 2013 von Viruletta
Dieser Text ist Teil 189 von 295 der Serie Die Blogschau

Auf Von Freiheit, Frieden und Frühlingsgefühlen. ist ein sehr lesenswerter feministischer Jahresrückblick erschienen.

Im Anschluss an den Amoklauf in einer Grundschule in den USA wurde viel darüber gemutmaßt, ob der Täter vom Asperger-Syndrom betroffen gewesen sei und ob dies der (Mit)Auslöser für die schreckliche Tat gewesen sei. Sabine, die selber mit dem Asperger-Syndron lebt, ärgert sich auf aspergerfrauen darüber: „Ich brauche keine Sensationsberichterstattung, die mich zu einer potentiellen Massenmörderin macht!“.

Ein neues Blog, was Popmusikjournalistinnen zu mehr Sichtbarkeit verhelfen soll, ist an den Start gegangen: Traditionslinie von Popmusikjournalistinnen.

Die Welt ist am 21. Dezember zwar nicht untergegangen, aber die am gleichen Tag stattgefundene Einführung von Unisex-Tarifen für Banken und Versicherungen scheint einigen so ähnlich vorgekommen zu sein. Regina Frey hat beim genderbüro verschiedene Stimmen aufgegriffen und ein klares Fazit gezogen: Unisex-Tarife sind kein Weltuntergang, sondern im Gegenteil ein Schritt zu mehr Gerechtigkeit.

make music not love gibt Anregungen, wie Lieder, die Heteronormativität reproduzieren, subversiv umgeschrieben werden können.

Viel zu viele Menschen trauen es sich nach wie vor nicht zu, zu schreiben – egal ob es sich um öffentliche Blogbeiträge oder private Tagebucheinträge handelt. Auf ihrem Blog Medienelite hat Nadine nun den ersten Teil eines möglichen Weges zum schreiben lernen veröffentlicht.

anarchie & lihbe schreibt über Depressionen und was die gesellschaftliche Gesamtscheiße damit zu tun hat.

Wir werden in einer Gesellschaft sozialisiert, in der uns Normschönheit als erstrebenswertes Ziel, Mittel zum Erfolg, Weg zum Glücklichwerden präsentiert wird. Unser kritischer Blick gilt nicht nur uns, sondern auch immer wieder anderen. aufZehenspitzen schreibt über den Wunsch, aber auch die Schwierigkeit, ihn zu verlernen.

Identitätskritik schreibt über anstrengende Feiertage, Support im Netz und warum Freund*innenschaften kein Ersatz für feministische Solidarität sein dürfen.

Statt mal ernsthaft, kritisch und konstruktiv über die fehlenden 220.000 Kitaplätze zu reden, versteift die Mainstreampresse sich lieber darauf, Kitas allgemein und Menschen, die ihre Kinder dort unterbringen, im Speziellen, als bösartig, unglückbringend, bindungsschädigend darzustellen. DR. MUTTI gibt einen differenzierten Überblick.

Kristina Schröder hat mal wieder was nicht verstanden. Diesmal gehts um Minijobs. Und Mütter natürlich. NetWorkingMom klärt auf.

Der Inventing Room! war auf dem Hacker*innenkongress 29C3 und musste dort mit einigen Ismen kämpfen. Im anschließenden Beitrag erklärt er*, warum solche „Zwischenfälle“ nicht mit einem zerbrochenen Teller in einer Großküche, sondern eher mit einem Cholera-Einzelfall auf einem Kreuzfahrtschiff zu vergleichen sind.

Nadia war im Kino, hat sich über Neokolonialismus und ein falsches Feminismusverständnis geärgert und auf Shehadistan darüber gebloggt.

Clara Rosa hat auf Class Matters ein paar Gedanken zu den aktuellen Klassimus-Diskussionen niedergeschrieben, ihr Schwerpunkt liegt hierbei auf Sprachhandlungen und -interventionen.

TRIGGERWARNUNGEN für alles Folgende. (mehr …)


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