Einträge mit dem Tag ‘Arbeiter*innentöchter’


Prololesben und Arbeiter*innentöchter

14. Januar 2016 von Gastautor_in

Tanja Abou ist pädagogische Tresenkraft, absichtlich gescheiterte Studentin, Sozialarbeiterin, queere Poverty-Class Akademikerin, Social-Justice-Trainerin, Careleaverin und Kinderbuchautorin. Sie lebt und arbeitet in Berlin, wenn sie Zeit und Lust hat, schreibt und zeichnet sie darüber.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in: Kurswechsel, Nr. 4, Dezember 2015.

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Interventionen in den feministischen Mainstream der 1980er und 1990er Jahre

Klasse ist viel mehr als die Beziehung zu den Produktionsmitteln nach der marxistischen Definition. Die Klasse bestimmt dein Verhalten und deine grundsätzlichen Lebensauffassungen. […] [W]ie du Probleme erlebst und sie verarbeitest, wie du denkst, fühlst und handelst. (Rita Mae Brown, 1974)

Der – etwas sperrige – Titel ist der einer angefangenen Forschungsarbeit, die es bisher nicht in die Schriftform geschafft hat. Die Entscheidung, die Ergebnisse meiner Recher- chen in Vorträgen außerhalb der Universität zu präsentieren, aber nicht innerhalb eines Studiums weiterzuführen, ist für mich eine politische gewesen. Auch wenn ich bei der Umsetzung des Projekts sehr unterstützt wurde (1), waren die Widerstände, auf die ich trotz bester Vorbereitung und besten Wissens bei der Thematisierung von Klassismus in Bildungsinstitutionen gestoßen bin, stärker als mein Ehrgeiz. Gabriele Theling legt dar, dass eine Betroffenenperspektive ein anderes Forschen als das Be-Forschen aus einer distanzierten bzw. privilegierten Perspektive bedeutet. Da ich selbst eine Poverty Class Academic (2) bin, gebe ich nicht vor, einen – angeblich – objektiven Abstand zu meinen Nachforschungen zu haben. Intention war und ist für mich, Momente proletarisch-feministischer Geschichtsschreibung aufzuarbeiten und damit auch meiner Erfahrung eine Geschichte zu geben, in der sich Diskriminierungen und Ausgrenzungserfahrungen als strukturelle und nicht als individuelle Probleme identifizieren lassen.

In diesem Text möchte ich zwei selbstorganisierte Gruppen vorstellen, die in den 1980er und 1990er Jahren im bundesdeutschen Kontext aktiv waren: die Prololesben und die Arbeiter*innentöchter  (3). Obwohl es innerhalb der Gruppen personelle Überschneidungen gab, werden die Prololesben und Arbeiter*innentöchter getrennt voneinander beschrieben, da sie sich in zwei unterschiedlichen Feldern bewegten. Die Arbeiter*innentöchter (4) organisierten sich innerhalb der Universitäten, während sich die Prololesben in der autonomen (Frauen)Lesben-Bewegung engagierten. Zunächst möchte ich die nahezu nicht (mehr) sichtbare Arbeit und die Diskussionen der Prololesben in der autonomen (Frauen)Lesben-Bewegung nachzuzeichnen. Als „Interventionen“ in einen „feministischen Mainstream“ verstehe ich im Rahmen dieses Beitrags Positionen und Handlungen, die innerhalb der (west-)deutschen (Frauen)Lesben-Bewegung marginalisierten Stimmen Gehör zu verschaffen versuchen.

Prololesben vs. bürgerliche Lesben

Wir haben die Beobachtung gemacht, daß unterschieden wird in „gute“ und in „böse“ Prolos – die Guten sind die Angepaßten mit höherer Schulbildung, die, die nach oben wollen; die bösen fluchen, saufen, schreien, sind undiplomatisch und dumm. Uns etwas Angepaßteren wird auf diese Weise suggeriert: „Du bist doch gar nicht so, Du kannst den Aufstieg doch schaffen.“ (Gitti et al., 1998)

Dieses Zitat stammt aus einem Diskussionspapier der Berliner Prololesben für die „3. Berliner Lesbenwoche“. Unter dem Namen Prololesben hatten sich in verschiedenen deutschen Städten Gruppen von links-politischen Lesben aus „Prolofamilien“ – in Abgrenzung zu bürgerlichen Familien – zusammengetan. Als Prololesben – eine Selbstbezeichnung, mit der die negativ aufgeladenen Begriffe „Prolo“ oder „Proll“ gewendet und als positive Identitätsbenennung angeeignet wurde – begannen die proletarischen Lesben ihre Erfahrungen zusammenzutragen und strukturelle Gemeinsamkeiten heraus- zuarbeiten. Auch wenn die Autor*innen des Diskussionspapiers betonen, dass eine hundertprozentige Teilung in „die Bürgerlichen“ und „die Prolos“ nicht möglich sei, halten sie dennoch fest, dass es signifikante Unterschiede in der Sozialisation von Lesben in ein bürgerliches bzw. proletarisches Umfeld gibt. Innerhalb einzelner Gruppen der Frauen-Lesbenbewegung wurden diese Unterschiede als Dominanzverhältnis der bürgerlichen Lesben gegenüber den proletarischen Lesben problematisiert. Im Diskussionspapier beschreiben die Prololesben:

Bürgerlich ist „in“ und Prolo ist „out“ – eine bestimmte Sprache und ein bestimmtes Auftreten signalisieren, daß jemand der herrschenden Klasse angehört. Lesben bürgerlicher Herkunft und entsprechender Erziehung können sich (nicht nur) im Notfall der „herrschenden“ Umgangsformen bedienen. Das wirkt, etwa im Umgang mit Behörden und „Autoritäten“, aber auch beim Streit in der Lesbengruppe. (ebd.)

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