Einträge mit dem Tag ‘Appell FÜR Prostitution’


Jenseits von „choosing my choice“ und „käuflichem Geschlecht“ – feministische Debatten über Sexarbeit

1. November 2013 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 56 von 59 der Serie Meine Meinung

Es ist ein feministischer Dauerbrenner: das Thema Sexarbeit, sex work, Prostitution. Auch wenn wir hier im Blog etwas dazu schreiben oder auch nur verlinken, ist ein überdurchschnittlich hohes Kommentaraufkommen vorprogrammiert.  Die Kommentare sind oft sehr ausführlich, sehr meinungsstark, nicht selten auch emotional engagiert – das Thema bewegt. Und meistens prallen dabei relativ schnell zwei gegensätzliche Auffassungen aufeinander, unter denen in feministischen Kontexten über den emanzipatorischen Wert, die Schädlichkeit oder die Daseinsberechtigung von Sexarbeit diskutiert wird. Manchmal in Anwesenheit, häufiger in Abwesenheit von (ehemaligen) Sexarbeiter_innen, die – welch Überraschung! –  zu diesen Gelegenheiten nicht immer mit einer Stimme sprechen.

Auf der einen Seite findet sich eine Position wie die Alice Schwarzers.  Diese hat gerade, supportet von inzwischen an die 1700 teilweise prominenten Mitstreiter_innen, einen „Appell gegen Prostitution“ verfasst, wo unter anderem zu lesen ist:

Doch genau das tut Deutschland mit der Prostitution: Es toleriert, ja fördert diese moderne Sklaverei (international „white slavery“ genannt). […] Das System Prostitution degradiert Frauen zum käuflichen Geschlecht und überschattet die Gleichheit der Geschlechter. Das System Prostitution brutalisiert das Begehren und verletzt die Menschenwürde von Männern und Frauen – auch die der sogenannt „freiwilligen“ Prostituierten.

Allein dass Schwarzer sich dafür entschieden hat, Prostitution pauschal als „moderne Sklaverei (international „white slavery“ genannt)“ zu bezeichnen, spricht Bände: ahistorischer, verharmlosender und ignoranter kann wohl selbst die Axt im Walde nicht zu Werke gehen.  „White slavery“ – laut Wikipedia „A term for sexual slavery, used to distinguish it from the system of slavery that had been imposed on black people in the Americas“. Das ist in etwa zu übersetzen mit  „ein Ausdruck für sexuelle Sklaverei, der verwendet wird, um diese von dem System der Sklaverei zu unterscheiden, welchem Schwarze Menschen auf dem amerikanischen Kontinent unterworfen wurden“. Diese Definition sowie Schwarzers Bezug auf diesen Begriff sind bezeichnend und strotzen nur so vor white supremacy, denn sexualisierte Ausbeutung und Gewalt stellten einen Grundpfeiler des Systems der Sklaverei in den Staaten der heutigen USA (und sicher genauso anderswo) dar – nachzulesen z.B. aktuell in Akiba Solomons Filmbesprechung zu “12 Years A Slave”. Und als ob sowohl  heutige Sklaverei und Menschenhandel als auch Sexarbeit nur weiße Personen betreffen würden… Als ob eine Gleichsetzung von Sklaverei und bezahlter Arbeit überhaupt Sinn ergeben könnte. Abgesehen davon, wie geflissentlich ignoriert wird, dass Sexarbeiter_innen weltweit sich immer wieder gegen eine solch undifferenzierte Darstellung aussprechen. (mehr …)


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