“Frau Merkel”. So spricht man oft von der Bundeskanzlerin. Niemand sagte “Herr Schröder”, “Herr Kohl” oder “Herr Schmidt” über die früheren Bundeskanzler. Und auch “Herr Westerwelle, Herr Seehofer, Herr Gabriel” hört man eher selten, wenn von Parteichefs die Rede ist. Diese Spitzen-Politiker haben neben dem Nachnamen auch einen Vornamen; der mediale Vorname der Bundeskanzlerin aber ist “Frau”. Oder “Angie”, ein von Wahlkampfstrategen erfundener Kosename, der seit den Bundestagswahlen 2005 mit Angela Merkel verbunden ist, ebenso wie das gleichnamige Lied der Rolling Stones. Die waren darüber übrigens gar nicht so glücklich.
“Frau Merkel” – wenigstens hat sie nun einen eigenen Nachnamen und heißt nicht mehr “Kohls Mädchen”, wie man sie früher gerne nannte. Was immer noch wie früher ist, das ist die Debatte um ihr Aussehen. Obwohl man eigentlich kaum von einer Debatte sprechen kann, schließlich herrscht nahezu Einigkeit darüber, dass Merkel inzwischen zwar besser aussieht als zu Beginn ihrer politischen Karriere, aber auch heute noch keine “Bilderbuchschönheit” ist.
Dieser Mangel an Bilderbuchschönheit wird ihr gerne vorgeworfen, schließlich repräsentiert sie ja ein ganzes Land, steht also für Millionen von Menschen in der Öffentlichkeit und soll bitteschön niemanden blamieren mit sichtbaren Schweißflecken oder einem unhippen Haarschnitt. Gleichzeitig erscheint die oft als unnahbar, gar rätselhaft beschriebene Bundeskanzlerin dadurch menschlich, ja sympathisch und volksnah vielleicht sogar. Die Neue Zürcher Zeitung schrieb in den Wahlkampfwochen 2009: “Angela Merkel soll der im Volk beliebteste Kanzler sein, den die Bundesrepublik je hatte. … weiss sie nicht wunderbar mit dem Pfund ihres Mangels an Schönheit zu wuchern? Wobei sie darauf verzichtet, ihre Mängel zu überspielen oder zu vertuschen. Diese ewige Frisur, die ewigen schwarzen Gehhosen und farbigen Jacketts! Ein Hingucker ist das alles nicht gerade. Und doch wirkt diese Frau gerade durch ihre Unauffälligkeit auffallend kompetent und rundum vertrauenerweckend.” Schade, dass Merkel nicht auch noch übergewichtig ist. Denn dann wäre sie für ihr Land eine noch größere moralische Stütze, witzelte die taz kürzlich: “Sie könnte noch 15 Kilo zulegen. Das entlastete Millionen Bundesbürger in der Seele”.
Mit ihrer Weigerung, sich über Handtaschen und Haare zu definieren, sorgt Angela Merkel für Verwirrung, vor allem bei denjenigen, die sie aufgrund ihres Geschlechts als emotional und auf das gängige Schönheitsideal ausgerichtet eingeschätzt hatten. So wundert es nicht, dass viel Widersprüchliches über sie gesagt wird. Sie sei “beinhart”, aber auch ein “Hasenherz”, eine “männermordende Machtmaschine”, eine “durchtriebene Machtpolitikerin”, aber auch “ohnmächtig” oder “zögerlich” – immer wieder wird der Bundeskanzlerin ein Mangel an Enthusiasmus nachgesagt. Sie habe zwar schon einen gewissen Sinn für Humor, was von ihrem engeren Mitarbeiterkreis auch immer wieder bestätigt wird. Doch sie “regiert diese Partei, und das ist ihr Manko, ohne Empathie, ohne Wärme, ohne ansteckende Begeisterung”, hieß es kürzlich in der Süddeutschen Zeitung.
Eine Frau, die weder das Aussehen noch die Energie eines echten Anführers besitzt: Ist das unsere Bundeskanzlerin? Ein Mangel an Lautstärke und medienwirksamen Legenden wie Rütteln am Gatter des Kanzleramts sowie ein geringer Glamour-Faktor – vielleicht macht gerade diese eher unauffällige Aura ihre Stärke aus. Denn dass sie sich nachhaltig Gehör verschafft, bei ihrem wortreichen Vizekanzler in spe ebenso wie bei den Haifischen ihrer eigenen Partei oder internationalen Regierungschefs, steht außer Frage.
Ein aktuelles Foto zeigt die Bundeskanzlerin, wie sie die berühmte Büste der Nofretete betrachtet, die nach einer jahrzehntelangen Odyssee ins Berliner Neue Museum zurückgebracht worden ist. Als in der Süddeutschen Zeitung wieder auf dem Zusammenhang von Macht und Schönheit herumgeritten wurde, illustriert von eben jenem Foto der Bundeskanzlerin, da konnte man diese andere Wahrheit erahnen. Nofretete, eine der schönsten Frauen des alten Ägyptens, war die Gemahlin des Pharaos. Sie durfte allenfalls mitregieren. Anders Angela Merkel. Sie ist eine Frau, die die Macht selbst besitzt.
Dieser Text ist bereits im Bayerischen Rundfunk erschienen, am 24. Oktober 2009 in “Jazz und Politik” auf Bayern 2.