Einträge mit dem Tag ‘Androzentrismus’


Frauenkampftag, Germany’s Next Top Model und Punk – die Blogschau

7. März 2015 von accalmie
Dieser Text ist Teil 273 von 295 der Serie Die Blogschau

Die trans*geniale f_antifa ruft zum Inter*- und Trans*-Block auf der Demonstration zum Frauenkampftag in Berlin auf und kritisiert die mangelnde Intersektionalität des Demonstrationsaufrufs des Organisationsbündnisses. Treffpunkt des Inter*- und Trans*-Blocks sowie des Sexarbeiter_innen-Blocks ist morgen, 8. März, an der Ecke Rosa-Luxemburg-Str. / Hirtenstr. (vor dem Kino Babylon), um 13 Uhr.

Die Stiftung Zurückgeben (Stiftung zur Förderung jüdischer Frauen in Kunst und Wissenschaft) gab ihre Stipendiatinnen des Jahres 2015 bekannt, deren Projekte mit insgesamt 30.000 Euro gefördert werden.

Noah Sow plädiert für mehr Kontinuität und gegen vermeidbare Unterbrechungen in der Community-Arbeit.

10 Jahre Germany’s Next TopmodelCandy Techno schreibt über die „Lieblingsorgie des Neoliberalismus (= Castingshow)“, Paris Teilnahme, Cisnormativität und Empowerment.

Ein Fest queerer Femininitäten: In Wien fand die Veranstaltung „Purrr! _Femme!-ance!: Queer Feminities in Action“ statt – Sugarbox berichtet.

Punk ist nicht nur was für heterosexuelle, weiße Typen In_Frage_Stellen: Musik stellt den Comic von Suzy X vor.

Genderfail analysiert die „Hart aber fair“-Sendung zum Thema „Gender Mainstreaming“ und resümiert, dass die Ausgabe „eine Machtdemonstration par excellence und ein Tiefpunkt des Journalismus im öffentlich-rechtlichen Fernsehen“ war.

Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) fordert Gesetzgeber_innen in Bund und Ländern zur Streichung des Begriffs „Rasse” aus dem Grundgesetz, den Landesverfassungen und allen Gesetzestexten auf.

Die Bundesagentur für Arbeit plant offenbar, soziale Medien mithilfe eines Social Media Monitoring-Programms auszuwerten und so die Aktivitäten von bestimmten Personen, die zum Beispiel Kritik an Hartz IV oder der Bundesagentur üben, gezielt verfolgen und potenziell sanktionieren zu können. Christel T.’s Blog analysiert dieses Vorhaben und bereits vergangene Vorfälle.

Habt ihr diese Woche etwas geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Regelmäßig verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


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Emma Watson, Feminismus und der Mainstream

23. September 2014 von Nadine

Ein Dauerbrenner: Das Funktionalisieren und Quantifizieren von Privilegierung/Diskriminierung mittels Zahlen oder Mengenbegriffen, um irgendeine Kackscheiße zu rechtfertigen. Neben Mehrheit/Minderheit-Geschwurbel oder dem netten Begriff „alle“ (wer ist das überhaupt?), taucht auch „Mainstream“ immer mal wieder auf im Zusammenhang mit feministischem Aktivismus.

„Feminismus muss endlich im Mainstream ankommen.“ „Endlich mal eine, die Feminismus für den Mainstream macht.“ „Damit Feminismus auch den Mainstream erreicht.“ usw usf. Mainstream ist cool, Mainstream ist hip, Mainstream wird gefeiert. Doch wer oder was ist dieser Mainstream eigentlich? Und warum wollen ihn bestimmte Feministinnen endlich erreichen, ansprechen, mitnehmen? Wer sitzt da am anderen Ende der Leitung und will abgeholt werden? Und wohin wird die Reise dann führen?

Emma Watson

Emma macht sich auf die Reise zum Mainstream. Quelle: Flickr.com / CC-BY 2.0

Nehmen wir folgendes Beispiel, weil es gerade ein aktuelles gibt, wo mal wieder eine Mainstream-Meinung gefeiert wird: Emma Watson. Eine weiße privilegierte Hetera, die betont, dass Feminismus nichts mit Typenhass zu tun hat und alle meint (nicht nur Frauen… oder so), es um Gleichheit von Menschen geht, um Menschlichkeit… Schlafen euch auch schon die Füße ein?

[Hier geht’s zum Video der Rede. Watsons Performance wäre in diesem Kontext eine eigene Analyse wert]

Wenn Kritik kommt, dass das Geseier von so einer Person mit diesem Inhalt nun wirklich problematisch ist, weil privilegiertes liberales Gewäsch (ja, Liberalismus ist so eine weiße Idee, auch die Rhetorik von wir sind doch alle Menschen) oder gar: Feminismus als edgy Zusatz für die eigene heterosexuelle Verwertbarkeit…nun ja, dann kommt meistens als Argument: ABER SIE MACHT ES DOCH FÜR DEN MAINSTREAM!!! Sie macht es noch nicht mal für mich!!! Sondern für all die Dummköpfe, die es noch nicht kapiert haben!!! Die noch überzeugt werden müssen von der guten Sache!!!
NA DANN!!!

Hey und es ist mal nicht so kompliziertes Gesülze mit Rassismus und Heteronormativität und so. Es ist einfach für alle. (mehr …)


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Netflix und Mentos: Euer Sexismus Ist Weder „Anders“ Noch „Fresh“

16. September 2014 von accalmie

Nicht selten überschlagen sich sexistische Werbe-„Ereignisse“ in ihrer Abfolge und Unappetitlichkeit, und auch Netflix und Mentos haben in den letzten Tagen eine solche Situation kreiert. In beiden Kampagnen zeigt sich die sexuelle Objektifizierung von Frauen; der Mentos-Kampagne liegt gar die Normalisierung und Bagatellisierung von sexueller Belästigung und sexualisierten Übergriffen zugrunde (und auch sehr am Herzen).

Netflix – „immer anders“ für weiße, heterosexuelle Männer mit Objektifizierungsfimmel

Netflix, ein Online-Portal, in dem man nach Belieben Filme und Serien auf Abruf anschauen kann und das eigene Serien produziert (zum Beispiel „House of Cards“ und „Orange is the New Black„), ist ab diesem Monat auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz verfügbar. Dazu hat Netflix eine Werbekampagne gestartet, in der unter anderem die Frage beantwortet werden soll, ob im deutschsprachigen Raum die gleichen Inhalte abrufbar seien wie  in den USA. Netflix entschied sich gestern dafür, dies mit einem Bild zu thematisieren. Nach ersten Protesten hat NetflixDE dann abends den Tweet kommentarlos gelöscht, aber jenes Schmankerl an Kund_innenservice kann man niemandem vorenthalten:

NetflixDE on Twitter- -Kriegt man hier die gleichen Inhalte, wie in den USA- http---t.co-yec8oqlAQG- 2014-09-15 12-33-15

Netflix verspricht also Vielfältigkeit für „jeden“. „Jeder“ ist für Netflix, klassisch androzentristisch, ein weißer Mann. Dieser vergnügt sich mit sieben nackten Frauen in einem Hot Tub/Whirl Pool. Zwei von diesen Frauen sind blond, zwei schwarzhaarig, eine brünett, eine rothaarig, und eine Schwarze Frau hat einen Afro – sieben Frauen also, eine für jeden Tag der Woche, damit auch genügend Abwechslung im Spiel ist, es „immer anders“ bleibt.

Netflix illustriert, wie für jeden „Geschmack“ heterosexueller weißer Männer „was“ dabei ist: Dieses Etwas sind ihm zur Verfügung stehende Frauen. Netflix‘ macht deutlich, wer die Zielgruppe ist: weiße heterosexuelle dudebros, die sich für den Wäre-So-Gern-James-Bond-Verschnitt Sterling Archer der gleichnamigen Comic-Serie halten und Frauen nicht als Menschen, sondern als Objekte begreifen, welche lediglich der eigenen Unterhaltung und (auch) sexuellen Befriedigung dienen. Die kleine Ironie dabei: „Archer“ hat vielschichtigere Darstellungen von Geschlechterbeziehungen und Sex (wie zum Beispiel hier, hier und hier diskutiert wird), als Netflix es für eigene Zwecke präsentiert. Immerhin lernt man schnell durch Netflix‘ Werbung: für viele soll schlicht nichts dabei sein, sie werden von Netflix nicht als Subjekte verstanden. Das Abo kann man sich also sparen.

Mentos – verhilft zu frischem Atem bei sexualisierten Übergriffen

Ähnlich verhält es sich bei Mentos: Hier haben sich Marketing-Menschen eine Gewinnspiel-Kampagne ausgedacht, die man schlicht als ekelhaft bezeichnen kann. Das „Spiel“ heißt „Boobies Trap“  (nach einem englischen Scherz-Begriff für BH – angelehnt an „booby trap“, einer Sprengfalle – und zugleich eine verblüffend subtile Andeutung der tatsächlichen „Möpse-Falle“, in die man hineintappt in diesem „Spiel“) und – man konnte es erahnen… – dreht sich darum, Frauen in den Ausschnitt zu gucken, ohne dabei erwischt zu werden. Mentos findet, „manchmal“ müsse man eben „einen Blick riskieren,“ und Mentos helfe dabei einen „kühlen Kopf“ zu bewahren bei der sexistischen Pirsch.

Mentos - Timeline Photos - Facebook 2014-09-15 22-20-18

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Pink stinkt nicht, ihr Lauchs!

19. Juni 2014 von Hengameh

Heng ist freie Autorin, bloggt auf Tea-Riffic und twittert unter @sassyheng. Ihre Kritik an der Organisation Pinkstinks veröffentlichen wir hier erneut mit freundlicher Genehmigung. (übrigens: Falls der Text bei euch GIF-Alarm auslöst, findet ihr hier eine Anleitung, um diese zu deaktivieren)

Wenige Phänomene sind so polarisierend wie Pinkstinks. Maximal die Frage, ob Käse Dessert sein darf, kann hier mithalten. Während letzteres eine Sache des Geschmacks ist, ist Pinkstinks für mich eine Frage der Logik. Es ist ja bei vielen Sachen so, dass sie auf dem ersten Blick so richtig geilomeilo und amazing sind, bei sich beim genaueren Nachdenken aber als superproblematisch und uncool erweisen.

Ich weiß immer gar nicht, wo ich anfangen soll, wenn ich erklären soll, dass Pinkstinks eher nicht so geilomeil ist. Vielleicht versuche ich es mal so:

You must be shitting me with that name of yours

Allein der Name ist so problematisch, dass ich mich frage, wie sich als Feminist_innen bezeichnende Menschen unter diesem Titel einen Kampf führen können. Es erschließt sich mir nicht. (Und ich bin nicht diejenige, die Gender Studies studiert hat.) Was impliziert der Name denn?
Der Name wertet Femininität ab und macht queere Kämpfe unsichtbar beziehungsweise stellt sie als irrelevant dar. Die Kampagne existiert in keinem sozialen Vakuum, sondern in einer Soziokultur, in der Pink_Rosa für Femininität, Frauen*, Homosexualität, Optimismus, Spaß, Kindlichkeit und Sexualität an sich steht. Der Slogan „Pink stinks!“ diskreditiert all dies. So funktioniert Semiotik. So funktioniert Sprache.

„Aber gemeint ist ja ‚Pink für alle!‘ „

Es schert mich nicht, was eigentlich gemeint ist. Ich kann auch, sagen wir, „Deutschland ist Beste“ auf meine Fahne schreiben und dann erzählen, dass es kein Patriotismus mit Referenz auf irgendwelche ehemaligen Strophen der Nationalhymne sei, sondern dass ich damit nationalkritisch unterwegs bin und meine tatsächliche Message „No borders, no nations and who the fuck is Deutschland anyway!“ ist. Allerdings zweifle ich an der Glaubwürdigkeit dieses Projekts. Weil es nach Kackscheisze klingt.

Wenn Pinkstinks wirklich vorhätte, Femininität aufzuwerten – und zwar für alle Geschlechter -, dann würden sie nicht diesen Namen wählen. Stellen wir uns bitte dieses Szenario vor: Kind spaziert auf der Straße herum und liest auf einem Sticker “Pinkstinks”. Was passiert nun? Geht das Kind an sein iMac und liest sich die Homepage der Kampagne durch? Oder internalisiert es diese problematische Implikation/Message und reproduziert diese im Alltag, zum Beispiel in Form von Tussi-Bashing an der Schule?

Andere Eltern, andere Ressourcen

Der Vorschlag, Eltern könnten mit ihren Kindern über das Thema sprechen, kann nur an privilegierte Familien gerichtet sein. Faktoren wie Sprache, digitale Kompetenzen, thematisches Vorwissen und Zeit stellen für einige Eltern(teile) Barrieren dar, sich mit Pinkstinks auseinanderzusetzen. Ich kann natürlich nicht für alle Familien sprechen, aber meine Eltern wären damals nicht (und wären es heute auch nicht) in der Lage gewesen. Und das aus allen der genannten Gründe.
Selbst, wenn sie mit Stevie Schmiedel auf einer Wellenlänge wären, sind sogenannte geschlechtsneutrale Dinge (sowohl Kleidung als auch Spielzeug, Schreibmaterial, Bettwäsche… alles, eben) in der Regel teurer und nicht überall erhältlich. Generell ist es ein Privileg, (insbesondere Klein-)Kinderkleidung kaufen zu können. Wer da auch noch auf die korrekteren Exemplare zurückgreifen kann, dem sage ich mit Blick auf Wohlstand gern Mashallah.

Klassengesellschaft from begin

Nicht erst in der Schule, sondern schon in der Kindergruppe könnten in Zukunft Klassenhierarchien aufgebaut werden. Die Kinder aus akademischen_Middle-Class-Familien wären mondän in sogenannten neutralen Farben gekleidet, der Rest in pinken Billo-Outfits. (Ich find’s übrigens immer wieder bezaubernd, wie geschlechtsneutral in der Regel immer stereotypisch männlich-kodierte Farben und Dinge meint. Mir fehlt da bisschen das gyn in androgyn. Aber das nur gemütlich am Rande.)

Vorangetrieben wird auch der Androzentrismus. Femininitätsfeindlichkeit hat Unsichtbarmachung feminin-kodierter und trotzdem badass konnotierter Eigenschaften zur Folge. Dazu gehört auch das Shaming von Femininität. Das war schon immer so. In meiner Grundschulklasse wurde übrigens das Mädchen mit dem pinken Barbierucksack gemobbt wegen ihrer Mädchenhaftigkeit gemobbt, nicht die coolen, toughen Girls mit blauen Delfinrucksäcken und Cola-Lollies. Und wer hat sich von denen ist jetzt badass? Das Barbierucksack-Grrrl definitiv. (Zu den anderen habe ich keinen Kontakt, so idk.) Aber auch diese Anekdote erzähle ich casually nebenher.

Role-models my ass

Wer wird eigentlich durch Pinkstinks repräsentiert und wer nicht? Die Rubrik Role Model des Monats, in der monatlich weibliche Vorbilder portraitiert werden, habe ich mir ein bisschen genauer angeschaut.
Zu sehen sind vorwiegend weiße Frauen, lediglich eine einzige könnte eine Woman of Color sein. Zufall? Ich glaube nicht an Zufall. Es wird ja nicht so schwer sein, wenigstens, sagen wir, Beyoncé als weiteres Idol vorzustellen. Oder Alicia Keys. Oder Sharon Otoo. Und wie sieht es eigentlich mit Trans*-Personen aus? Und warum sind alle schlank und normschön?

Diese sehr einseitige Repräsentation schafft weitere Ausschlüsse im Gesamtkontext der Kampagne. Wie kann ich mich als feminines, dickes_fettes (eventuell Trans-)Mädchen of Color mit nicht-akademischen Eltern jemals mit Pinkstinks identifizieren?

Ich frage mich auch, warum die Leute von Pinkstinks denken, Tavi Gavinson würde irgendwie in ihr Konzept passen. Versteht mich nicht falsch, ich liebe Tavi, und genau deshalb ist es mir ein Rätsel, inwiefern sie ein Vorbild im Sinne von Pinkstinks ist: Im Alter von 11 Jahren gefärbte Haare, Mode als Hauptinteresse, durchgehende Zelebration von Grrrl Culture – wäre sie damals nicht der fleischgewordene Alptraum für Pinkstinks gewesen? (Aber auch hier: Modeblogger_innen gibt es mit so unterschiedlichen Körpern, warum schafft nur dieser den Status als Vorbild?)

Whitie-Verein

Am peinlichsten finde ich allerdings, dass auf der Website unkritisch zu rassistischen Praktiken wie Cultural Appropriation unkritisch ermutigt wird. Dass eine weiße Person sich American Tribal Style Bellydance aneignet und sich in Toffelz-Tradition einen Kulturmischmasch gönnt, scheint für das Pinkstinks-Team nicht problematisch zu sein. Ich kann ihnen aber versichern, dass es für diverse People of Color offensive as fuck ist.

Vor weiteren rassistischen No-Gos wird kein Halt gemacht. Stellt euch vor, eine weiße Person würde den Begriff „Gender Apartheid“ nutzen, dafür kritisiert werden und keine Verantwortung für ihre Handlung übernehmen, sondern den Spaß so stehen lassen. Dass Akademiker_innen vermeintlich kritischen Œvres nicht verstehen (wollen), dass Rassismus-Analogien in jedem Fall unangebracht sind, wird für mich immer ein Mysterium bleiben. (Ebenfalls die Frage, inwiefern genderspezifisches Marketing mit systematischen Unterdrückungsmechanismen wie der Rassentrennung in Südafrika zusammenhängt.)

Vielleicht liegt es daran, dass die feministische Praxis „Check your privilege!“ noch nicht bei den Superpro-Feminist_innen von Pinkstinks angekommen ist.

Body-diversity? AS IF.

Stellt euch vor, eine Kampagne würde alle möglichen Körpergrößen loben, aber ihre Shirts nur bis Größe L anbieten. Klingt nach Realsatire, oder? Zumindest alle ökologisch fairen Kleidungsstücke. Und weil bio cooler ist, können die uncoolen (dicken_fetten) Leute sich nur die Spreadshirt-Sachen holen. That’s life, I guess.

Nicht überall ist Pink sexistisch konnotiert. In queer_feministischer Sub- und Popkultur wurde die Farbe längst subvertiert, Aneignungsprozesse haben schon in den 1990ern angefangen. Generell sind queer_feministische Strategien radikal und effektiv, das Reclaimen ist eine von ihnen. Warum gibt Pinkstinks keine Credits an diese Kämpfe, sondern macht sie unsichtbar?

Für mich passt die Asymmetrie im Konzept von Pinkstinks auch nicht ganz in die feministische Praxis hinein. Erwachsene unterhalten sich mit Erwachsenen über Kinder. Rieche ich da Adultismus? Probably yes! (@Antiprodukt hat über Pinkstinks Adultismus gegenüber Femen eine schöne Analyse geschrieben. Auch die Reproduktion von Sexismen schlug Pinkstinks gemütlich in die Runde. Der Beitrag ist mit einem Passwort geschützt, aber vielleicht bekommt ihr es über Twitter. Bezogen wird sich auf diesen Blogeintrag von Stevie Schmiedel.) Außerdem: Problematische, misogyne_ heterosexistische Tendenzen werden verstärkt und unter dem Deckmantel vermeintlichen Feminismus legitimisiert.

Ich bin nicht die erste, die sich mit Pinkstinks aus diversen Gründen nicht solidarisieren kann_will. Auf Shehadistan gibt es diesen sehr treffend geschriebenen, polemischen Artikel. Er ist so super, dass ich am liebsten alles zitieren möchte und mir zusätzlich wünsche, Nadia wäre meine große Schwester. Ihr könnt ihn aber auch einfach dort lesen, als Appetizer (als ob es für diesen Blog einen Appetizer bräuchte, lbr) nur diesen Absatz:

Was an Pinkstinks verärgert ist nämlich, dass sie eine der Initiativen ist, die einerseits anscheinend Grundstrukturen des Sexismus anscheinend nicht wirklich aufdecken und verstehen will, sich andererseits aber zur großen Mutterorganisation antisexistischer Arbeit (aller aller Zeiten!) inszeniert, und damit nicht unwesentlich zur Unsichtbarmachung von Aktivist_innen beiträgt.Was ebenfalls nervt (aber wohl nicht verwundern sollte), ist, dass regelmäßig Errungenschaften (zum Beispiel: Feminismus ohne Cis-Männer) kleinerer aktivistischer Zusammenschlüsse und Einzelpersonen von Pinkstinks als „adsurdums“ abgewatscht werden.

In selbigen Text wird auch das Typenproblem von Pinkstinks angesprochen und auseinandergenommen. Wer als feministischer Verein Fördergelder in Gehälter an Cis-Männer steckt, muss meiner Meinung nach wirklich starke Nerven haben, aber vielleicht ist es nur meine misandristische Ader, die gerade stark schlägt.

Am Anfang war ich auch noch auf der Seite von Pinkstinks. Ich war motiviert und uninformiert. Das ist bei Pinkstinks-Anhänger_innen nichts Unübliches. Aber wer in der Lage ist, sich die Pinkstinks-Homepage anzuschauen, kann auch ein paar Klicks weiter surfen oder sich generell Gedanken darüber machen, wem mit der Kampagne Raum geschaffen wird (Spoiler: weißen, akademischen, sozial privilegierten Familien, Cis-Männern, Heten, androzentrischen Subkulturen, Femme-Basher_innen, Wannabe-moralischen-Instanzen und, let’s face it, normschönen Körpern) und wem nicht (Spoiler: allen anderen).

Vermutlich habe ich einige Fails von Pinkstinks übersehen, das macht nichts, ich bin müde, habe PMS und schwitze, ich möchte mich jetzt gerne mit spaßigen Dingen beschäftigen, zu denen gehört diese Angelegenheit nicht. Die Aversion, die ich aufgrund der aufgelisteten Dinge gegen Pinkstinks pflege, ist so groß und vielschichtig, dass ich nicht nur meine Solidarität verweigere, sondern alle Fans bis ins Unermessliche judge. Nicht alles, was anschlussfähig ist, muss auch cool sein. Und wer nicht einsehen möchte, dass der Mangel an Intersektionalität einfach scheiße ist, kann zwar chillen, aber nicht mit mir.


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Samstagabendbeat mit Make Music Not Love

28. September 2013 von Anna-Sarah

Wir haben heute leider kein Video für euch, dafür aber ein super Blog und die dazugehörige Facebookseite von: Make Music Not Love. Mit Songs über häusliche Gewalt, Hetenpärchen und Androzentrismus, live und direkt aus dem Proberaum. Wir jubeln.

Die Band über den Song „t_error“:

die strophen des textes sind sammlungen von aussagen und fragen, die an uns gerichtet wurden_werden: teilweise aus dem eigenen familien- und freund_innenkreis, teilweise von uns unbekannten personen, die es irritiert, wenn frauisierte sich in ihrem handeln_leben nicht_kaum auf typisierte beziehen. da bleibt nicht viel zu sagen außer: T_ERROR!!!

männer – wo sind denn die männer?
männer – hast du was gegen männer?
männer – waren denn da auch männer?
wir kennen gar nicht deinen männergeschmack.

t_ERROR

du hast dich radikalisiert.

t_ERROR

error – wo sind denn die männer?
error – du hast dich radikalisiert.
error – hast du was gegen männer?
error – du hast dich radikalisiert.

du hast dich radikalisiert.


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Warum rechte Frauen weniger wahrgenommen werden

27. Mai 2013 von Charlott
Dieser Text ist Teil 2 von 10 der Serie Gender und Rechts(extremismus)

Zum Beginn dieser Reihe in der letzten Woche warf ich eine Reihe von Fragen auf. Einigen will ich heute etwas näher auf den Grund gehen: Welche Bedeutung haben eigentlich Frauen in rechten Netzwerken? Wie bringen sie sich ein? Und aus welchen Gründen werden sie oftmals übersehen, werden ihre Taten kleingeredet?

Dass rechte Frauen oftmals nicht – oder viel zu wenig – wahrgenommen werden, ist keine neue Erkenntnis. So stand in der Ausgabe März/April 1995 des Antifaschistischen Infoblatts:

Entgegen der These, daß Faschofrauen nur wegen ihrer >>Macker<< rechts sind, versuchen wir die Arbeit von Drahtzieherinnen und Kaderfrauen zu dokumentieren. Wir versuchen herauszufinden, welche Positionen Frauen innerhalb der Rechten anhand der ihnen definierten Rolle übernehmen (Einsatz im Bereich Anti-Antifa, als Kundschafterinnen bei Antifa-Demos, als Flugblattverteilerin, in sozialen Bereichen z.B. in Tarnvereinen für Eltern drogenabhängiger Kinder) bzw. welche sie übernehmen, weil sie es wollen und dafür kämpfen.

Schon allein anhand dieser Aufzählung kann erahnt werden, dass es nicht wenige rechte Frauen gibt, die auf unterschiedlichste Art und Weise in rechte Netzwerke eingebunden sind, diese mitragen und auch gestalten. Es liegt also nicht daran, dass es nur wenige aktive Frauen gibt, dass sie nicht_wenig wahrgenommen werden. Grund für den verstellten Blick sind sexistische Gesellschaftsstrukturen.

„Die Freundin von…“

Bereits im Antifa-Blatt wird als erstes die These genannt, dass Frauen als die Anhängsel ihrer „Macker“ gesehen werden. Und bis heute werden Frauen häufig lediglich als „Freundin/Frau von…“ beschrieben und wahrgenommen. Es ist nur vorstellbar, dass Frauen in der Szene sind, weil sie Beziehungen zu rechten Männern führen. Sie werden kaum als eigenständige Akteurinnen gesehen und somit ihre Tätigkeiten zum Erhalt und Ausbau der extremen Rechten unsichtbar gemacht. Die Bezeichnung von Beate Zschäpe als „Nazibraut“ ist da eines der aktuellsten, aber bei weiten nicht das einzige Beispiele. Mit diesem Label versehen werden natürlich auch Taten anders bewertet oder einige überhaupt nicht betrachtet.

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Pretty in Pink

9. April 2013 von Charlott

Wie stehe ich eigentlich zu der Farbe pink (oder rosa)? Und zu Barbie? Und überhaupt so „Mädchenkram“? Vor einigen Jahren hätte ich das noch ganz klar beantworten können („Bleib mir nur weg damit!“), aber heute hat sich mein Blick und damit auch meine Antwort verkompliziert.

Und seitdem Aktionen wie „Pink Stinks“ und der Protest gegen das Barbie-Haus in Berlin sehr präsent sind, versuche ich mein Unbehagen zu worten. In meinem Kopf höre ich vor allem ein lautes „Ja, aber…“.

Ja, ich finde es furchtbar, dass es nun Lego gibt, welches ausschließlich für Mädchen beworben wird, in welchem die Welt rosa-pastellfarbend ist und die Figuren Taille haben. Aber: Ich finde es eigentlich auch vollkommen okay, wenn nicht sogar begrüßenswert, dass rosa Bausteine ihren Weg in die Legowelt finden.

Ja, ich finde es schwierig, wenn Barbie der einzige Fixpunkt für einige Mädchen ist und sie dazu angehalten werden, deren Aussehen und Leben (inklusive den immer wieder vorhandenen Bezug auf Ken als Lebenspartner) nachzueifern. Aber: Ich bekomme auch Bauchschmerzen, wenn ich sehe, wie freudig vor allem auch Typen auf diesen Protest aufspringen und voller Enthusiasmus Barbie bashen und Mädchen ihre eigenen Vorlieben absprechen.

Ja, mir tut es weh, wenn junge Mädchen in Spitzenkleider gesteckt werden und ihnen gesagt wird, wie sie sich zu benehmen haben („Nicht schmutzig machen!“), was erwartet wird („Immer lächeln und freundlich sein!“). Aber: Kindern einzureden, dass Kleider und Röcke unnütz sind und mensch in diesen ja auch nichts machen könne, halte ich für ebenfalls schwierig. (Ich habe in den letzten Jahren die Fähigkeit des Wanderns in schwierigem Gelände im langen Kleid perfektioniert. Kann sehr praktisch sein bei einer Fluss-Überquerung einfach das Kleid hochzunehmen und durchzulaufen und auf der anderen Seite zu warten, während andere mühsam die Hosenbeine hochkrempeln und dann doch nass werden, weil nicht hoch genug.)

Es werden durchweg Symbole und Dinge, die als „typisch weiblich“ gelabelt sind, herabgesetzt. Damit wird eine lange Geschichte der Abwertung weiblicher Vorlieben, Ideen und Praxen weitergeschrieben. (Hierbei geht es nicht um essentialistisch weibliches, sondern um Dinge, die als solche eingeordnet werden.) Angegriffen wird also immerzu die Abweichung von der Norm, in diesem Fall der „Mädchenkram“. Die Norm selbst bleibt weiterhin unbenannt und somit auch unverändert. Es werden bestimmte Dinge abgelehnt, aber nicht gleichzeitig aufgezeigt, wie die implizierten Alternativen ebenfalls gegendert sind. Eine der Folgen könnte dann sein, dass Sachen, die eher Mädchen zugeschrieben werden, verschwinden.

Dies ist sogar eine ziemlich realistische Annahme: In der Schulbuchreihe Mathestarts 4 gab es zum Beispiel eine stereotype Aufgabenstellung. Zwei Kinder, eins als Junge, das andere als Mädchen markiert, kauften Spielzeug.  In der Auflage 2005 möchte Thomas ein Fußballtor und einen Gameboy, Tanja hingegen wünscht sich eine Puppe und ein (Spiel)Pferd. In einer neueren Auflage möchte Thomas weiterhin das Fußballtor und dazu eine Kamera, Tanja aber will nun ein Badminton-Set und eine Spielesammlung. Nicht etwa wurde Thomas der Wunsch nach einer Puppe ermöglicht, stattdessen wurden wurden alle weiblich konnotierten Spielzeuge aus der Aufgabe entfernt.

Und die Frage ist wer_welche profitiert davon? Wenn weiterhin allein bisher männlich-konnotierte Eigenschaften, Ideen und Gegenstände als positiv dargestellt werden, ensteht keineswegs eine gerechtere Gesellschaft. Viel eher zeigt sich, dass auch diese Kampagnen in ihrem Kern androzentrisch sind. Und auch Feminitätsfeindlichkeit stützt ein Patriarchat.

Aber (jetzt in die andere Richtung), ich verstehe auch, warum sich Menschen gegen den pinken Overkill zu wehrsetzen. Ein Feminitätshype, der nur auf eine eindimensionale Interpretation von Feminität setzt, ist ebenso nicht wünschenswert. Zu sehr ausgerichtet ist dies auf bestimmte Rollen, zu klar passt dieses Modell allein in eine heterosexuelle Matrix und zu viele Ausschlüsse werden produziert. Es sollte um Optionen gehen, darum auswählen zu können. Und in der Art und Weise, wie derzeitig eine rein pinke Welt für Mädchen geschaffen wird, ist ein Sichtbarmachen von anderen Möglichkeiten wichtig. Das Aufmachen von Optionen ist auch entscheidend, um eine zwanghafte Zweigenderung, wie sie auch mit den bisher genannten Zuschreibungen einhergeht, aufzubrechen. Diese Debatte sollte aber auch nicht allein an Kinderspielzeugen und Werbungen, die Kinder sehen könnten, ausgerichtet sein.


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Wurzelbehandlung und Menstruation – Die Blogschau

1. Dezember 2012 von Charlott
Dieser Text ist Teil 186 von 295 der Serie Die Blogschau

Auf consume. be silent. die. schreibt Dani über Menstruation, Tabus und Frust. Wir freuen uns schon sehr auf den versprochenen zweiten Teil!

Passend, um beim Thema zu bleiben: Auf High on Clichés gibt es Tipps für alle Menschen, die unter Menstruationsschmerzen leiden. Und in den Kommentaren wird noch viel ergänzt.

Auf anders deutsch wird gezeigt, wie eine Pressemitteilung missverständlich wird, wenn Männer als Standard gesehen werden.

Feministisch erziehen ist schwierig. Auf Zehenspitzen schreibt darüber, wie es ist „inkonsequent konsequent “ zu sein.

[Inhalts-Warnung: sexualisierte Gewalt] Merle hat eine Frau getroffen, die sexualisierte Gewalt erlebt hat. Sie lässt sie auf ihrem Blog zu Wort kommen.

Speakerinnen 2.0 ist der (Arbeits)Titel für eine neue angedachte Plattform, wo demnächst die Arbeit losgehen soll. Mitstreiter_innen noch sehr erwünscht. Was es mit der Plattform genau auf sich hat und über das geplante Treffen in der nächste Woche blogt annalist.

Auf denkwerkstatt wird das neue Buch „Gewalt und Handlungsmacht. Queer_Feministische Perspektiven“ besprochen.

Vom 19.-25. November fand die #InWoche statt. Eine kleine Nachlese gibt es auf dem Blog der Aktion.

Was bedeutet eigentlich radikal? Auf Gedankensalat… gibt es dazu einige Ideen und die Schlussfolgerung: Radikales Denken ist wie eine Wurzelbehandlung.

Meike von Mutterseelenallein sucht anwaltliche Unterstützung für eine Sammelklage für die Schaffung von Kita-Plätzen, denn ihre Analyse: Dass das Betreuungsgeld gleichzeitig kommt mit dem eigentlichen Recht auf Betreuung ist kein Zufall. So werden wohl Eltern, die trotz des rechts keinen Kitaplatz bekommen lieber das Trostpflaster beantragen anstatt zu klagen.

Ninia LaGrande nimmt an der Aktion „Wer braucht Feminismus?“ teil und veröffentlicht einige Fotos auf ihrem Blog.

Kristin und Julia von hollaback! Berlin sprechen in einem Video für „One Billion Rising“ über Gewalt gegen Frauen.

Für eine bessere Vernetzung der (feministischen) Blogosphäre listen wir jede Woche auf, was unsere Kolleg_innen über die Woche so melden und tun. Haben wir etwas vergessen oder übersehen? Kennen wir dein brilliantes Blog etwa noch gar nicht? Dann sag uns bitte Bescheid!


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Kannibalismus? Eher Androzentrismus…

4. Juni 2012 von Anna-Sarah

Hinweis: Der Beitrag benennt explizit  sexuelle Handlungen

In feministischen und gesellschaftskritischen Newsfeeds, die ich beim sozialen Netzwerk Facebook abonniert habe, wird gerade ein Bild eifrig geteilt und geliket, also durch Klicken des „gefällt mir“-Buttons mit Zustimmung versehen, dessen generelle Botschaft ich zu 110% teile. Auf dem Foto ist eine Frau* zu sehen, die offenbar während einer Demonstration ein Schild hochhält, auf dem folgender Slogan zu lesen ist:

If abortion is murder, then a blowjob is cannibalism

– zu deutsch: Wenn Abtreibung Mord ist, dann ist ein Blowjob – die auch als Fellatio bezeichnete sexuelle Praktik, bei welcher der Penis in den Mund genommen wird –  Kannibalismus. Ich verlinke dieses Foto hier jetzt mal nicht, weil es mir in keinster Weise darum geht, die konkrete Person, die das Schild dort hoch hält, irgendwie zum Thema zu machen oder gar anzuprangern. Ich möchte mich ausschließlich mit dem Slogan als solchem  auseinandersetzen.

Ich verstehe den Spruch so, dass damit unterstrichen werden soll, wie absurd es ist, Abtreibung und Mord gleichzusetzen – ein „Argument“, wie es oftmals von selbsternannten „Lebensschützer_innen“ (welch Zynismus!) verwendet wird, um Frauen, die sich aus welchen Gründen auch immer für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, moralisch und juristisch zu diskreditieren. Ich finde diese Gleichsetzung unzulässig,  unfassbar scheinheilig, und ich finde, dass jede Frau unter allen Umständen das Recht haben muss, sich unter sicheren Bedingungen für eine Abtreibung entscheiden zu können, ohne wenn und aber, Schluss, aus, Punkt. Alle, die sich für dieses Recht einsetzen, haben meine Solidarität.  Doch  der Murder/Cannibalism-Slogan irritert mich in diesem Kontext enorm¹. (mehr …)


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Wer war… Charlotte Perkins Gilman?

3. Juli 2010 von Magda
Dieser Text ist Teil 18 von 51 der Serie Wer war eigentlich …

„Es gibt keinen weiblichen Verstand. Das Gehirn ist kein Geschlechtsorgan. Man spricht ja auch nicht von einer weiblichen Leber.“ — Charlotte Perkins Gilman in Women and Economics (1898)

Die amerikanische Schriftstellerin Charlotte Perkins Gilman wurde heute vor 150 Jahren in Hartford, Connecticut geboren und beschäftigte sich Zeit ihres Lebens mit feministischen Themen wie z.B. das Frauenwahlrecht und die ökonomische Unabhängigkeit von Frauen. Ihr bekanntestes Werk ist The Yellow Wallpaper, welches erstmals 1892 erschien und heute als ein Standardwerk der frühen amerikanischen feministischen Literatur gilt.

In der Kurzgeschichte The Yellow Wallpaper wird die namenslose von Krankheiten geplagte Protagonistin von ihrem Ehemann, einem Arzt, auf das Zimmer eines Sommerhauses gebracht, wo ihr strengste Bettruhe verordnet wurde. Daraufhin verfällt die Protagonistin immer mehr in Depressionen und beginnt, von der Wandtapete in ihrem Raum krankhaft besessen zu werden. Gerade in der amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts wurden Wahnsinn und Depressionen auffällig oft von Autorinnen thematisiert, da diese Motive die Lebensrealitäten von vielen Frauen der Mittel- und Oberschicht illustrierten.

Jene Frauen der wohlsituierten Oberschichten lebten oftmals ein abgeschiedenes und zur Langeweile verdammtes Leben. Schriftstellerinnen wie Gilman thematisierten diese eingeschränkten Möglichkeiten und formulierten auch deren Konsequenz: Im wahrsten Sinne des Wortes wurden viele Frauen durch die patriarchalisch strukturierte Gesellschaft „wahnsinnig“. Dieser „weibliche Wahnsinn“ – die Hysterie – eröffnete in der Konsequenz die Möglichkeit einer eigenen (wenn auch skurrilen) Welt, in die sich Frauen zurückziehen konnten.

Die Hysterie wurde zur Zeit der Aufklärung und vermehrt im 19. Jahrhundert als geistige Erkrankung angesehen, deren Ursache in den weiblichen Geschlechtsorganen zu finden sei (Hystera, griech.: Gebärmutter). Hysterie war demnach von Anfang an geschlechtlich konnotiert. Mit dem Konzept des hysterischen Charakters wird die Frau mit ihrer (anerzogenen) Emotionalität „natürlich hysterisch“; im Umkehrschluss sind alle Hysterischen weiblich bzw. haben „weibliche“ Eigenschaften. Diese Erklärungsmuster dienten der Eindämmung des weiblichen Aufbegehrens; jegliche Andersartigkeit wurde sofort pathologisiert. Dass diese Zuschreibungen die Konsequenz einer männlich dominierten Welt sind, beschreibt Gilman in ihrem Buch The Man-Made World or Our Androcentric Culture (1911), in dem sie erstmalig den Begriff „Androzentrismus“ definierte, welches ein Weltbild beschreibt, das männliche Lebensmuster und Denksysteme als universelle Menschennorm definiert.

Charlotte Perkins Gilman wählte 1935 nach einer Krebsdiagnose den Freitod.

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