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Annäherung an Alma Mahler-Werfel

18. November 2008 von Barbara
Dieser Text ist Teil 19 von 60 der Serie Die Feministische Bibliothek

Geboren Ende des 19. Jahrhunderts in Wien als Tochter des bekannten Malers Emil Jakob Schindler galt Alma Schindler als “das schönste Mädchens Wiens”. Sie war verheiratet mit dem Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler, dem Architekten Walter Gropius sowie dem Dichter Franz Werfel. Einige andere bekannte Künstler wie Gustav Klimt oder Oskar Kokoschka zählten auch zu ihrem intimen Bekanntenkreis. Leichtfertig könnte man sie als hübsche Muse des Who-is-Who eines ausgehenden Jahrhunderts zählen, zu dessen künstlerischen Zentren die österreichische Hauptstadt auf jeden Fall gehörte. Doch Alma Mahler-Werfel komponierte selbst und schrieb und unterstützte das Schaffen ihrer Männer tatkräftig.

Alma Mahler-Werfel fasziniert die Geschichtsschreibung ebenso wie ihre Fans zu Lebzeiten und posthum. Neben der Autobiografie “Mein Leben” möchte ich besonders das relativ neue Werk “Witwe im Wahn. Das Leben der Alma Mahler-Werfel” von Oliver Hilmes empfehlen. In seinem 2004 veröffentlichten Buch widmet sich Hilmes nämlich auch einer bislang verborgen gebliebenen Seite von Mahler-Werfel: ihrem Antisemitismus, der ihr Denken bis zuletzt prägte. Zwei ihrer Ehemänner, Mahler und Werfel, waren jüdischer Abstammung.

Hier kommen einige höchst spannende Dinge zusammen: eine kreative Frau, eingesperrt in das bürgerliche Korsett ihrer Zeit. Der Fluchtweg scheint die Ehe mit einem Mann zu sein, der auch kreativ ist. Doch die Ehe war die Traufe nach dem Regen der Familie – sie schränkte das Freiheitsbewusstsein Alma Mahler-Werfels erneut ein. Als kämpferischer Geist gab sie sich aber damit nie zufrieden. Sie hätte mehr an ihrer eigenen Legende gearbeitet als an den Legenden der Männer an ihrer Seite, wird ihr vorgeworfen. Ein unzulässiger Vorwurf, finde ich.

Einige Auszüge:

Für eine junge Frau am Ende des 19. Jahrhunderts war das Erwachsenwerden mit ganz anderen Problemen verbunden, als sie heutzutage von Mädchen erlebt werden. Regelmäßiger Utnerricht, eine mit dem Abitur abgeschlossene Schulbildung oder gar ein Studium an der Universität waren für Mädchen damals praktisch undenkbar. … Schon früh stellte sie bei sich einen Mangel fest, worunter auch ihre späteren Partner erheblich zu leiden hatten: Ich kann nichts ganz ausdenken! Ich möchte eine große That thun. Möchte eine wirklich gute Oper componieren, was bei Frauen wohl noch nie der Fall war. …Die Neunzehnjährige glaubte, dass Frauen keine Genies sein können, weil sie zu wenig geistige Tiefe und philosophische Bildung haben. An anderer Stelle wünschte sie sich: Ach – nur ein Mann sein!

Bei Alma diente Judenfeindschaft als ihr hochwirksames Machtinstrument … lag für sie in der jüdischen Abstammung einer Person die Möglichkeit, dagegen ihre eigene “arische” Überlegenheit auszuspielen. Die “rassische” Herkunft eines Menschen war für Alma dessen wunder Punkt, seine Achillesverse. Hier wird etwas sichtbar, das für Almas ganzes Leben charakteristisch bleibt und in ihren Tagebüchern immer wieder deutlich hervortritt: ihr Wille zur Macht, ihr extrem ausgeprägtes Bedürfnis, andere Menschen, insbesondere Männer, zu unterdrücken und klein zu halten.

Ihre Beziehung zu Mahler hat sich trotz gelegentlicher Aufhellung auf ein mehr oder weniger gleichgültiges Nebeneinander eingependelt, das fast nur noch – und darin ist diese Verbindung typisch für die bürgerliche Ehe des beginnenden 20. Jahrhunderts – der äußeren Repräsentation dient.

“Witwe im Wahn. Das Leben der Alma Mahler-Werfel” von Oliver Hilmes ist bei btb erschienen. 480 Seiten, kartoniert, 10 Euro.

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