Einträge mit dem Tag ‘Aktivismus’


Völkermord verjährt nicht…

14. Juli 2015 von Sharon

Nach der Gedenkveranstaltung anlässlich des 100sten Jahrestages des Endes der deutschen Kolonialherrschaft im heutigen Namibia (9. Juli 1915) saß ich letzte Woche in einem Restaurant sowohl mit meinem zwölfjährigen Sohn als auch den namibischen Gästen: dem OvaHerero Paramount Chief Advocate Vekuii Rukoro, der Parlamentsabgeordneten und Nama-Vertreterin Ida Hoffmann, der Vorsitzenden der Ovaherero and Ovambanderu Genocide Foundation Esther Utjiua Muinjangu und Daniel Timotheus Frederick, in Berlin als Vertreter des Nama-Chiefs David Frederick. Sämtliche solidarische Unterstützer_innen waren auch dabei.  Es war ein wunderschöner  Neuköllner Sommerabend.

Wir freuten uns alle, dass so viele Leute sich die Mühe gemacht haben, den Weg in die Werkstatt der Kulturen zu finden, um die Gedenkveranstaltung und anschließende Podiumsdiskussion beizuwohnen. Und während wir anderen Erwachsenen am Esstisch uns über dies und jenes austauschten, merkte ich, wie sich mein Sohn an Daniel Timotheus Frederick wand, um ihn zu fragen: „Ich verstehe es nicht. Warum geben sie dir einfach nicht den Schädel zurück?“

Gemeint war der Schädel, den Daniels Vater unbedingt zurück in Namibia haben will. Der Schädel von Chief Cornelius Frederick – Daniels Großvater. Er wurde 1906 in der damaligen Kolonie Deutsch Süd-West Afrika ermordet und sein Kopf – wie die Köpfe unzähligen anderen OvaHerero und Nama – wurde nach Deutschland verschleppt.

Daniel schaute mich resigniert an. Auch er wusste keine Antwort.

Warum gibt Deutschland nicht einfach die Schädel zurück? Warum entschuldigt sich Deutschland nicht bei den Nachfahren der Opfer für seine Gräueltaten in der Kolonialzeit?

Es dürfte eigentlich nicht so kompliziert sein. Inzwischen wird sogar in offiziellen Kreisen offen von „Völkermord“ gesprochen. In einem Beitrag für die ZEIT hat der Präsident des Bundestages, Dr. Norbert Lammert, den Genozid an den Ovaherero und Nama endlich beim Namen genannt. Kurze Zeit später wurde bekannt: Die Bundesregierung:„(…) erkennt die schwere Schuld an, die deutsche Kolonialtruppen mit den Verbrechen an den Herero, Nama, Damara und San auf sich geladen haben und betont, wie Historiker seit langem belegt haben, dass der Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 – 1908 ein Kriegsverbrechen und Völkermord war.“

Ist das für die Nachfahren der OvaHerero und Nama ein Durchbruch?

Israel Kaunatjike, ein in Berlin lebender OvaHerero und Aktivist im NGO Bündnis „Völkermord verjährt nicht!“, verneint es: „Wir begrüßen die überfällige Anerkennung des Genozids und werten sie als großen Erfolg unseres jahrelangen Kampfes. Aber die Formulierung der deutschen Regierung lässt befürchten, dass an keine förmliche Entschuldigung gegenüber den Ovaherero und Nama gedacht ist…“

Auch mein Sohn wundert sich darüber, warum die Bundesregierung ausschließlich die heutige namibianische Regierung als Gesprächspartner anzuerkennen scheint. Laut Kaunatjike: „…Als direkt vom Völkermord betroffene und damals enteignete Gesellschaften sollen wir [Ovaherero] offenbar auch nach der förmlichen Anerkennung des Genozids von den laufenden Entschädigungsverhandlungen zwischen der deutschen und der namibischen Regierung ausgeschlossen bleiben…“

Es ist schwierig, solche Sachen meinem Sohn zu erklären. Ich erzählte ihm, dass Deutschland einen sehr schwierigen Umgang mit seiner Erinnerungskultur auch in Bezug auf die Kolonialzeit zu pflegen scheint. Wir erinnerten uns an die Frage von Esther Utjiua Muinjangu, die sie in ihrem Beitrag bei der Podiumsdiskussion stellte: „Geht man so mit uns um, weil wir Schwarz sind?“ Im Saal wurde betreten geschwiegen. Keine andere Schlussfolgerung scheint naheliegender.

Obwohl die Petition „Völkermord ist Völkermord“ bereits am Bundespräsident abgegeben worden ist, hat sie nichts an Wichtigkeit, Relevanz und Aktualität verloren. Sie kann bis zum 111. Jahrestag des deutschen Genozidbefehls am 2. Oktober 2015 noch unterschrieben werden. Ich habe sie unterschrieben, weil ich fest davon überzeugt bin, dass zu einer anständigen Anerkennung des Völkermords eine offizielle Entschuldigung  und Verhandlungen mit den Ovaherero und Nama gehört.

Die Fragen meines Sohnes kann ich allerdings immer noch nicht beantworten. Auch das verjährt nicht.


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Vorbilder, der NSU Untersuchungsausschuss und überall bewertete Körper – Die Blogschau

4. Juli 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 279 von 279 der Serie Die Blogschau

Seit dem 18. Juni bis noch zum 16. Juli ist Ramadan. Hengameh schreibt bei tea-riffic über Erfahrungen mit Fasten, (internalisierter) anti-muslimischen Rassismus und dem Ausloten eigener spiritueller/ religiöser Umgänge.

An diesem Wochenende läuft noch das Finale der aktuellen Fußball-Weltmeister_innenschaft. kein naturtalent hat einige grundlegende Bitten an Fußballkommentator_innen.

Juli ist auch der Internationale Zine Monat. Aus diesem Anlass habe ich beim Heavy Mental Zine Distro über zehn Gründe, warum Zines eine tolle Sache sind, geschrieben.

„Ich kann gut melancholisch. Ich kann gut diese leise Sehnsucht. Manchmal glaube ich, ich BIN diese leise Sehnsucht, sie ist ein wesentlicher Teil von mir.“ – wurzelfrau denkt über das Songschreiben und thematische Zugänge wie Spiritualität oder Auseinandersetzungen mit Heteronormativität nach und teilt dazu gleich noch zwölf ihrer Songs.

Aktuelles von Women in Exile & Friends: An ihrer ersten bundesweiten Flüchtlingsfrauen*Aktionskonferenz nahmen 70 Frauen* teil und außerdem gibt einen kurzen Bericht eines Flüchtlingsfrauen-Workshops in Pankow.

Im aktuellen #Fettcast reden Ragni und Magda über Dicke Schwangerschaft (als lesbischer Single mit PCOS).

Diaspora Reflektionen schreibt über den Hessischen NSU Untersuchungsausschuss, wo sie am 11. Mai der Anhörung des ehemaligen V-Mann Führers beim Verfassungsschutz Andreas Temme beiwohnte. Sie berichtet von dem offenbar geringem Interesse wirklich aufdeckend zu arbeiten und fragt darüberhinaus, wo denn die kritisch begleitenden Stimmen sind.

Mein Körper gehört mir nicht„, heißt ein Spoken Word Beitrag zu Übergriffen auf ihren Körper (und was diese auch mit Verknüpfungen von Rassismus, Sexismus und Dickenfeindlichkeit zu tun haben) von Schwarz Rund, den es auf dem Blog zum Nachlesen und als Video zum Nachschauen gibt.

Bei roleUP! gibt es einen neuen Film. Als Vorbild vorgestellt wird dort die großartige Bloggerin Katrin von Reizende Rundungen.

Eine Petition, die Bundesjugendspiele abzuschaffen, hat ziemlich viele Gemüter erhitzt. Ninia LaGrande schreibt gegen Argumente wie „Wettbewerb gehört beim Sport dazu“ und „Dann können wir auch Mathe abschaffen“ an und erläutert was Bundesjugendspiele oftmals auch mit Körpershaming und Erniedrigung zu tun haben.

Auf Medienelite schreibt Nadine über den Umgang mit Diskriminierung und Identität: „Mir hilft es in solchen Momenten […] mich öfter als Person zu begreifen, die dennoch sehr viele Wahlmöglichkeiten in ihrem Leben hat und mit vielem gar nicht und niemals umgehen muss. Daraus Verantwortung und solidarische Handlungen abzuleiten. Die Perspektive auf mich als „Betroffene, die jederzeit achtsam sein muss“ hin zu anderen, ihren Geschichten, ihren Politiken zu lenken. Ich erlebe das als sehr befreiend, empowernd und liebevoll.“

Unter der Überschrift „Das Paarprivilegien-Projekt: Fast wie richtige Menschen“ denkt der zaunfink darüber nach, was der Fokus auf die Öffnung der Ehe bedeutet, welche Narrative damit gestärkt werden und welche Personen und Thematiken verdrängt werden.

Und ihr wollt selbst gern (mehr) bloggen? Ihr interessiert euch für geekige Themen aus feministischer Perspektive und Feminismus mit geekigem Blick? Femgeeks sucht jedenfalls Nachfolger_innen, die das Blog übernehmen und mit neuem Leben füllen wollen.


Habt ihr diese Woche etwas geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Regelmäßig verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


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Applaus für … Bree Newsome

29. Juni 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 34 von 35 der Serie Applaus für

Am frühen Samstagmorgen kletterte die Aktivistin, Filmemacherin und Musikerin Bree Newsome den Fahnenmast vor dem South Carolina Statehouse hoch und entfernte die dort wehende Flagge der Konföderation. Dass dieses Symbol, weiterhin so eine prominente Rolle spielt, war seit dem Attentat durch Dylann Roof in Charleston in einer breiteren öffentlichen Debatte diskutiert worden.

In einem Statement verkündete Newsome:

We removed the flag today because we can’t wait any longer. We can’t continue like this another day. It’s time for a new chapter where we are sincere about dismantling white supremacy and building toward true racial justice and equality.

Wir haben die Flagge heute entfernt, weil wir nicht länger warten können. Wir können so keinen weiteren Tag weiter machen. Es ist Zeit für ein neues Kapitel, in dem wir ernsthaft die weiße Vormachtsstellung auflösen und auf wirkliche Gerechtigkeit und Gleichberichtigung hinsichtlich von race hinarbeiten.

Zum Weiterlesen:


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Gewalt gegen Geflüchtete: Freital

25. Juni 2015 von Charlott

Bereits seit März formiert sich rechter Widerstand gegen eine Geflüchtetenunterkunft in Freital, in der Nähe von Dresden. Seitdem seit Anfang der Woche noch weitere Geflüchtete in die Unterkunft umgezogen werden (sollen), die bisher in provisorischen Zelten in Chemnitz untergebracht waren, werden nicht nur die Aufrufe zur Gewalt nochmals verstärkt, sondern es versammeln sich tatsächlich auch zunehmmend Rassist_innen vor dem Gebäude, bauen ein Bedrohungsszenario auf, beschimpfen ankommende Geflüchtete, werfen Flaschen etc. Unter anderem Pegida-Mitbegründer Lutz Bachmann ruft über soziale Medien zum Handeln („Wehrt euch!“) auf. Aktivist_innen versuchen nun sich schützend zwischen die Unterkunft und die Rechten zu stellen. (Und in den Medien wird zwar darüber berichtet, aber dabei häufig schlicht von einem ‚Konflikt‘ oder ‚Streit‘ zwischen den ‚beiden Seiten‘ geschrieben. So sind beispielsweise für die Süddeutsche auch Ausrufe wie „Nazis, haut ab!“ und „Linksfaschisten“ gleichwertige Beschimpfungen.)

Vom gestrigen Tag berichtete Dresden Nazifrei:

Auch heute haben die Aktivist_innen wieder eine Aktion angemeldet. Treffpunkt ist 18 Uhr vor dem Gebäude der Flüchtlingsunterkunft „Am Langen Rain“.

Zum Weiterlesen:

Malaika Bunzenthal / Mali_2 hat auf Twitter eine Liste zusammengestellt mit Accounts, die zu und_oder aus Freital twittern.

Auf Mut gegen Rechte Gewalt gibt eine Übersicht zu Gewalt gegen Geflüchtete. Zu letzt wurde die Liste Mitte April aktualisiert. Allein bis zu diesem Zeitpunkt wurden für das Jahr 2015 25 Angriffe auf Unterkünfte, 25 tätliche Übergriffe/Körperverletzung von Flüchtlingen und 41 Flüchtlingsfeindliche Kundgebungen/Demos gezählt.

Und allgemeine Informationen zu Flucht, Asyl und Protesten von Geflüchteten gibt es unser Dossier.


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Angela Davis, Rachel Dolezal, Miriam Schapiro – kurz verlinkt

24. Juni 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 283 von 287 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links
Angela Davis war in Berlin und hat sich u.a. mit Aktivist_innen über die aktuelle Situation von Geflüchteten und dem Aktivismus Schwarzer Frauen unterhalten. Beim Missy Magazine berichten Birke Carolin Resch und Tai Linhares über das Zusammentreffen.

Tupoka Ogette sprach beim Deutschlandradio Kultur über den Fall Rachel Dolezal.

englischsprachige Links
„The Charleston shooter killed mostly black women. This wasn’t about ‚rape'“, schreibt Rebecca Carroll beim Guardian und analysiert zum einen, wie weiße Frauen als besonders schützenswert konstruiert werden und Schwarze Frauen wegwerfbar.

In der New York Times schreibt Roxane Gay darüber, wie schnell medial ein Narrativ von Vergebung (des Anschlags von Charleston durch die Angehörigen der Opfer) aufgegriffen wurde, wie schnell für weiße Täter_innen Entschuldigungen gesucht werden und warum ihnen nicht vergeben wird.

Weitere Texte rund um den Anschlag in Charleston, z.B. zur Geschichte der Emanuel African Methodist Episcopal Church, weiteren Terrortaten weißer, christlicher Männer und der langen Tradition der Instrumentalisierung von (vermeintlichen) Vergewaltigungsbedrohungen, hat Feministing zusammengetragen.

Über Tim Hunts sexistische Bemerkungen zu Frauen in Laboren haben wir berichtet. Ms. Magazine ergriff den Anlass und stellt „5 “Disruptive” Women Scientists Who Broke the Mold“ vor.

Die feministische Künstlerin Miriam Schapiro ist verstorben. Mira Schor erinnert an sie bei Hyperallergic.

Durch ein 2013 verabschiedetes Gesetz (einem diesbezüglichen Gerichtsurteil folgend) haben zehntausende Menschen mit haitianischen Vorfahren in der dominikanischen Republik über Nacht ihre Staatsbürgerschaft verloren. Die Deportationen sollen diese Woche beginnen. Vox berichtet über die Hintergründe.

Alok Vaid-Menon (von Darkmatter) spricht in diesem Video über „The Pain & Empowerment of Choosing Your Own Gender“:

Und bei Everyday Feminism schreibt Sam Dylan Finch: „Is Your Trans Allyship Half-Baked? Here Are 6 Mistakes That Trans Allies Are Still Making“ und geht dabei Themen nach wie den Fokus auf’s Aussehen und dem „Born This Way“-Narrativ.

Termine in Berlin

26.06. in Berlin: Ab 18 Uhr findet der nächste Next Generation Adefra Stammtisch in der Begine statt. (FB-Link)

02.07. in Berlin: Konferenz in der Topographie des Terrors: „Antisemitismus heute: Erfassen, erforschen, bekämpfen“. (FB-Link)


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Jenseits von #Ehefüralle: Trans_Kämpfe in den USA

16. Juni 2015 von Magda

Auf nytimes.com gibt es eine sehenswerte englischsprachige Reportage über die jahrzehntelangen aktivistischen Kämpfe von Trans_Menschen in den USA, insbesondere Trans_Frauen of Color. Die Reportage thematisiert die frühen Kämpfe von LGBT inklusive der tagelang andauernden Stonewall-Kämpfe von 1969, dem „Geburtsort“ der US-amerikanischen LGBT-Bewegung.

Was oftmals unerwähnt bleibt: Tragende Rollen spielten Trans_Frauen of Color wie Marsha P. Johnson oder Sylvia Rivera. In massenmedialen Erzählungen oder Mainstream schwullesbischen Kämpfen spielen Trans_Realitäten und Trans_Rechte heute hingegen kaum eine Rolle. Gay Marriage – das deutsche Äquivalent: „Ehe für alle“ – sei nur deshalb eine so zentrale Forderung, weil dringende Probleme wie Armut, Wohnungslosigkeit, medizinische Unterversorgung und Gewalt in LGBT-Bewegungen an den Rand gedrängt werden. Die interviewte Aktivistin Lourdes Ashley Hunter vom Trans Women of Color Collective stellt fest: „Ehe [für alle] ist nicht oberste Priorität – nicht für Schwarze Trans_Frauen“*

Die Reportage enthält Beschreibungen von (sexualisierter) Gewalt.

* „The priority is not [gay] marriage – not for Black trans women.“ – Lourdes Ashley Hunter (Trans Women of Color Collective)


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Cry Me A River und gebt euch halt mehr Mühe

21. Mai 2015 von Hengameh

Vor ein paar Wochen besuchte ich eine Podiumsdiskussion im Hebbel am Ufer, in dem es um Privilegien ging – um männliche, heterosexuelle und weiße. Wo machen sich diese Privilegien deutlich und wie können sie abgegeben werden? Viel Spannendes kam dabei nicht herum, aber eine Passage hat sich bei mir eingebrannt. Es war ein Abschnitt, der viele mehrheitlich weiße feministische Debatten zusammenfasst. Thema war die Angst vor Fehlern: Wer sich in politischen Kontexten bewegt, weiß um das Risiko, dass mal etwas eskalieren, als problematisch eingelesen und mit einem starken Shitstorm quittiert werden kann. Dieses Gefühl kenne ich zu gut. Besonders, wenn eins den Anspruch hat, mit der eigenen Arbeit Leute aus ihrer Comfort-Zone rauszuschubsen und den flauschigen Bereich liberaler Popular Opinions zu verlassen, ist die Angriffsfläche groß.

„Du kannst eh nicht immer alles richtig machen“, behauptet gefühlt die ganze Welt, faktisch vor allem weiße Personen. Auch an diesem Abend sollte es so sein. Podiumsgast und Performerin Simone Dede Ayivi brachte dazu einen sehr wichtigen Punkt ein. Sie gestand, dass sie für sich selbst tatsächlich den Anspruch hat, stets alles richtig zu machen. Natürlich gelingt es nicht immer, aber, so sagte sie, wenn die eigene Herangehensweise frei nach dem Motto „zufrieden werden eh nicht alle sein“/“Fehler kommen so oder so vor“ ist, dann ist es klar, dass irgendwas verkackt wird/problematisch ist.

Für mich war dies ein sehr wichtiger Moment in meiner aktivistischen Arbeit. Ich wusste, dass ich nicht immer alles richtig machen kann, ich wusste aber auch, dass ich mit einer ausschließenden, problematischen Praxis nicht zufrieden bin. Und wenn ich nicht einmal den Anspruch habe, keine Fehler zu machen und selbstkritisch zu sein, ist es klar, dass das Ergebnis scheiße wird.

Insbesondere, wenn es um subversiven Aktivismus geht, wünsche ich mir ein kritischeres Denkvermögen. Ja, politisches Handeln darf auch weh tun – aber wem? Denen, die von bestehenden Machtstrukturen profitieren oder jenen, die von ihnen unterdrückt werden? Und wer klopft sich schon bei 40% des möglichen Rahmens auf die Schulter und sagt sich „das reicht schon so, sind eh nicht immer alle zufrieden“? Meiner Erfahrung nach häufig weiße Feminist_innen. Mir missfiel schon letztes Jahr auf der re:publica, wie eine weiße Feministin aus sehr privilegierter Perspektive zum „Feminist Burn-Out“ sprach und sich die Thematik stark aneignete. Ja, aktivistische Arbeit raubt viele Ressourcen. Aber am wenigsten von einfach betroffenen Personen wie ihr. Häufig sind es nämlich Schwarze Feminist_innen_Feminist_innen of Color, die sich in Richtung eines „Feminist Burn-Outs“ hinbewegen. Zum Beispiel, weil sie nicht nur das rassistische Cis-Hetero-Patriarchat bekämpfen müssen, sondern drölftausend weiße_cis_heter@ Feminist_innen aufklären müssen. Wahrscheinlich mit einigen Spezis unter ihnen, die sich auch mal wieder dachten, der Mut zur Lücke müsse sein. Da finde ich es unerträglich, diese Endlosschleife des privilegierten „Mimimimi alle hacken auf mir rum, wenn ich mal was falsch mache“(lies: „Bei Rassismus oder anderen Diskriminierungen, von denen ich nicht betroffen bin und die ich selbst reproduziere, wird mal kein Auge zugedrückt“)-Gejammers zu hören oder zu lesen. Natürlich kommen Fehler mal vor, aber Personen können sich auch Mühe geben, nicht den gleichen Fehler trotz Kritik siebzehn Mal hintereinander zu machen.

Selbstkritik soll natürlich nicht zermürben, aber herrschaftskritische Praxis ist nun mal keine unbeschwerte Leichtigkeit, die keck und frech über die Bühne gebracht werden kann. Siehe FEMEN. Siehe Pinkstinks. Siehe Lily Allen. Siehe, siehe, siehe. So please, dear white feminists, get your shit together!


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IDAHOT* – Sollten homosexuelle und transgender Personen getrennt kämpfen?

15. Mai 2015 von Jayrôme

—- English version below —

 

PRO UND KONTRA, DAS  ‚T‘  AUS  ‚LSBT‘  ZU ENTFERNEN

Sollten homosexuelle und transgender Personen getrennt kämpfen?

Der 17. Mai ist der Internationale Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie (IDAHOT*). Das Datum erinnert an den 17. Mai 1990, jenen Tag an dem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität aus ihrem Krankheiten-Katalog strich. Bis heute aber führt die WHO transgender Identitäten als Störung auf.

Nicht nur aus diesem Grund plädieren einige transgender Aktivist_innen für eine Trennung von lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen auf der einen Seite und transgender Menschen auf der anderen. Sie möchten den Kampf lieber getrennt weiterführen.

Wir haben den Eindruck, dass die Inklusion des ‚T’s in den LSBT-Überbegriff im besten Fall verwirrend, im schlimmsten Fall nicht sehr hilfreich bei der Suche nach wirklicher Gleichberechtigung für transgender Personen ist.

sagt Frances Shiels, Vorsitzende des nordirischen transgender Vereins Focus: The Identity Trust. Und auch transgender Autor Lee Hurley erklärt, warum es Zeit ist, dass ‚T‘ aus LSBT zu entfernen.

Maria Sundin, die von 2010 bis 2013 Mitglied des geschäftsführenden Vorstands von Transgender Europe (TGEU) war, widerspricht:

Nicht getrennt von einander zu arbeiten, offen zu sein für alle Formen von trans und nicht-konforme Geschlechter-Identitäten und außerdem von der LGBTQI-Familie unterstützt werden – das war auschlaggebend für unseren Erfolg.

In diesem Text werde ich das Pro und Kontra, also die gängigen Argumente, die für oder gegen Transgender-Separatismus sprechen, auflisten.

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Gleichstellungolympiade

6. Mai 2015 von Hannah C.

“Hallo.
Ich bin Hannah, 16 Jahre alt und ich würd gern hier mitspielen…”
Seit 3 Tagen schreibe ich mal wieder in alle möglichen Richtungen Bewerbungen oder Vorstellungsschreiben. Mal hier ein Wettbewerb, mal da eine Veranstaltung. Die Antwortquote liegt bei unter 10%  – die positiven Rückmeldungen gibt es in etwa 1%  der Antworten.

Mein Bemühen um dieses ominöse “Weiterkommen im Leben™” ist olympionikisch – olympiardisch? –ohh Lymp…hozyten dieser Welt vereinigt euch, mich Fremdkörper in dieser Welt, aufzuessen! – äh ja – Faden? Ach ja: Bewerbungen und Selbstdarstellung. Schon wieder voll verkackt – wie kann ein Kopf allein nur solche Sprünge haben machen?

Wie ich hier so sitze, in meinem Destroy Fascism – T-Shirt ohne Kragen, neben dem Bett mit beulig durchgelegener Matratze vor einem Fenster, das auf ein Dach zeigt, komme ich mir vor, wie jemand, der allen Grund hat, sinnlose Selbstdarstellungstexte mit Wertlack anzusprühen und davon zu träumen, wie das wohl wäre… 2000€ für diesen Preis – zack! alle Schulden weg. 10.000€ für jenen Preis – zack! Sektchen mit Kolleg_innen und jede Menge Ausbaumöglichkeiten, die ganz ganz ganz nah rücken, greif und nutzbar werden. Lobbyarbeit galore – eine Stimme für alle – hörbar werden, angehört werden, weil man plötzlich ein bisschen mehr ist wie die, die schon weiter gekommen sind. Boooyah!

Die meiste Zeit über motiviere ich mich zum Hoffen und merke mit jedem Mal mehr, wie viel Druck hinter Hoffnung ist. Es ist ein Privileg einfach immer das Beste hoffen zu können. Es ist eines dieser Privilegien, das einem anderen Privileg folgt: nämlich dem, Zweifel an die Seite von einem Order: “Guck, was schon alles geklappt hat” stellen zu können. Und das bedeutet wiederum, dass man es schon x-fach geschafft haben muss.
In aller Regel meint das: dass man schon weitergekommen sein muss im Leben ™.

Eigentlich weiß ich nicht mehr, wieso ich mich noch bewerbe. In den letzten Jahren tue ich es eigentlich nur noch, damit ich mein Schreiben über Hartz 4 – Realitäten und meinen eigenen Inklusionsaktivismus vor mir selbst rechtfertigen kann. Ich muss es bereits überall um mich herum verteidigen bzw. mindestens erklären– logisch muss ich es auch vor mir selbst.
Einfach loslegen – einfach machen und nicht drauf achten, was andere sagen, meinen, tun – das ist ein Privileg, derer, die andere Menschen nicht brauchen bzw. in Arten der Abhängigkeit sind, die dieses Handeln nicht bedroht. Einfach das Beste hoffen, ist das Privileg derer, die keine alles andere verzehrende Kraft aufwenden müssen, um ein Bestes zu tun.

“Hannah, wir haben 2015 – du bist nicht mehr 16. Änder das mal!”, rempelt mich etwas von innen an.
Ich drücke lange auf die Löschtaste. Und noch länger. Und noch eine ganze Weile.

Ich öffne meine Emails und lese, dass heute, der 5. Mai, der europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen ist.
Bei Twitter trendet die Re:publica.
Meinen Vortrag zur Inklusion und Selbstbestimmung von Personen, die zu Opfern von Gewalt wurden, wurde als irrelevant abgelehnt.

Draußen scheint die Sonne.
“Hei. Ich tue so, als wäre ich Hannah und an manchen Tagen weiß ich nicht, wo ich eigentlich die Kraft hernehme, noch auf irgendetwas zu hoffen.”, tippen meine Finger in die Open Office Textvorlage “Bewerbungsanschreiben” von 2008.
Man muss ja schließlich weiterkommen.
In diesem Leben™.


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Über das Gucken und Sehen: Schwarze Frauen in Deutschland an_erkennen

4. Mai 2015 von Sharon

[Die englische Fassung des Texts findet sich weiter unten.]

Gestern wäre der 55. Geburtstag von May Ayim gewesen. Anlässlich des Tages wurde der 2. May Ayim Tag am May-Ayim-Ufer gefeiert. In Rahmen dessen wurde die Ausstellung „Daima“ eröffnet. Dazu habe ich einen Text vorgelesen, der hier veröffentlicht wird.

Was passiert, wenn du guckst?

Wahrscheinlich guckst du manchmal ganz unschuldig, überrascht oder aus Interesse. Manchmal wirst du einen fragenden Blick haben – vielleicht um ein Vorurteil, welches du bereits hast, zu bestätigen oder infrage zu stellen. Manchmal guckst du wohl aus Angst oder sogar Abscheu. Was passiert dann?

Meistens wenn Mitglieder einer mächtigen Gesellschaftsgruppe gucken, dann etablieren oder bestätigen sie eine bestimmte Perspektive auf etwas. Der Akt des Guckens erschafft (wieder) ein Objekt, welches angeguckt oder untersucht wird. Wenn viele Menschen auf die gleiche Sache gucken wird eine dominante Ansicht gebildet. Diese dominante Ansicht wird über viele Wege kommuniziert. Wenn ich hier also über „gucken“ schreibe, dann meine ich nicht nur den spezifischen physischen Akt, sondern jegliche Aktivität die eine Perspektive auf ein Objekt etabliert. Insgesamt erzählen die Blicke von Mitgliedern einer mächtigen Gesellschaftsgruppe eigensinnige Geschichten über ein Objekt. Mit der Zeit besitzen diese Geschichten eine größere Autorität, als was das Objekt jemals könnte. Jedoch ist die Information, die das „Gucken“ bietet, unvollständig, da die Kommunikation nur in eine Richtung geht. Gucken ist nicht das Gleiche wie Sehen. In einem Kontext, in dem der weiße männliche Blick dominiert, wurden Schwarze Frauen immer angeguckt aber selten gesehen.

In Deutschland ist die Situation nicht anders. Obwohl Schwarze Menschen seit gut über 300 Jahren in dieser Region leben, haben die meisten weißen Deutschen erstaunlich wenig Wissen über die Anwesenheit und den Einfluss Schwarzer Menschen in diesem Land. Und selbst in Schwarzen Communities in Deutschland sind die bekanntesten Beispiele für Schwarze deutsche Selbstbestimmung und Widerstand gegen Rassismus vor den Mit-1980ern üblicherweise männlich: Zum Beispiel Anton Wilhelm Amo, ein Schwarzer Mann, der 1736 der erste Professor afrikanischer Herkunft wurde, der an einer deutschen Universität studierte und arbeitete. Und Rudolf Duala Manga Bell, ein in Kamerun geborener König und Aktivist, der sich in seinem Heimatland Anfang des 20. Jahrhunderts der deutschen Kolonialherrschaft widersetzte und darum 1914 wegen Hochverrats hingerichtet wurde.
Ähnlicher Weise sind Simone de Beauvoir und Clara Zetkin innerhalb der deutschen feministischen Bewegung und zum Teil auch in der deutschen Mehrheitsgesellschaft bekannte und respektierte Persönlichkeiten. Beide Frauen sind weiß. Jedoch verdienen Schwarze Frauen wie Emily Duala Manga Bell, eine anti-koloniale Aktivistin, die ihren (oben genannten) Ehemann überlebte oder Fasia Jansen, eine Friedensaktivistin und Überlebende des Neuengamme Konzentrationslagers, ebenfalls Ansehen und Anerkennung für ihre jeweiligen Beiträge zur anti-rassistischen Bewegung und Frauenbewegung in Deutschland.
Der deutsche Kontext ist einer, in welchem historisch die Existenz Schwarzer Deutscher rechtlich verleugnet wurde und selbst heute gibt es keine rechtlichen Möglichkeiten sie statistisch zu erfassen; ein Kontext, in dem zahllose Schwarze Kinder mit ausschließlich negativen Begriffen zur Selbstbeschreibung aufwuchsen; einer, in dem viele genau dieser Kinder aufgrund von rassistischen Nazi-Gesetzen zur „Rassenmischung“ sterilisiert wurden; und einer, wo Schwarze Individuen oftmals ihr ganzes Leben verbrachten ohne andere Menschen zu kennen, die so aussahen wie sie selbst. In diesem Kontext, wo die kulturelle Repräsentation von weißen und männlichen Idealen dominiert wird, und wo kritische Positionen dagegen entweder Schwarz männlich oder weiß weiblich waren, sehen sich Schwarze deutsche Lesben_Frauen vielfachen Hürden gegenüber. Es war in diesem Kontext, dass Audre Lorde, eine afro-amerikanische Lesbe, Feministin, Dichterin, Aktivistin, Wissenschaftlerin und Mutter, erstmals Berlin im Jahr 1984 besuchte, um an der Freien Universität zu unterrichten und Verbindungen zu jungen Schwarzen Frauen, die hier lebten, aufzubauen.

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