Einträge mit dem Tag ‘Aktivismus’


It’s my party and I cry if I want to – Zum Tod von Lesley Gore

17. Februar 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 45 von 46 der Serie Wer war eigentlich …

Gestern verstarb die Sängerin, Songwriterin, Schauspielerin und Aktivistin Lesley Gore im Alter von 68 Jahren an Krebs. Dies teilte ihre Partnerin Lois Gatton mit: “Sie war ein wunderbarer Mensch – fürsorglich, großherzig, eine großartige Feministin, eine großartige Frau, ein großartiger Mensch, eine großartige Philanthropin.”

Mit 16 Jahren nahm Gore Gesangsunterricht in New York. Tapes, die sie aufnahm, gelangten zum Produzenten Quincy Jones und er wollte mit ihr arbeiten. Gleich ihre erste Single “It’s my Party (And I’ll Cry If I Want To)” (1963) wurde zum Nummer-1-Hit in den USA. Trotz des großen Erfolgs besuchte Gore weiter die Highschool – und vor ihrem Wohnhaus campten Fans. Einen weiteren Hit (und ihre letzte Top-10-Single) landete sie mit “You Don’t Own Me”, der 1996 als Abschlussong im Film The First Wives Club (Der Club der Teufelinnen) gesungen von Diane Keaton, Bette Midler and Goldie Hawn, noch einmal groß an Beliebtheit gewann. Über den Song, der ihr persönlicher Liebling war, sagte Gore selbst:

When I first heard that song at the age of 16 or 17, feminism wasn’t quite a going proposition yet. Some people talked about it, but it wasn’t in any kind of state at the time. My take on that song was: I’m 17, what a wonderful thing, to be able to stand up on a stage and shake your finger at people and sing you don’t own me.

Gore nahm 12 Alben auf und es erschienen eine Reihe von Compilations. Ihr letztes Album mit neuem Material brachte sie 2005 heraus, “Ever Since”, woraus Songs für Soundtracks für Serien wie CSI und The L Word übernommen wurden. Für den Film Fame (1980) schrieb sie gemeinsam mit ihrem Bruder Michael Gore den Song “Out Here on My Own“, welcher für einen Oscar nominiert wurde.

Neben ihrer Musikkarriere (und einigen Schauspielabstechern) beendete sie außerdem ein Studium am Sarah Lawrence College und engagierte sich politisch. Im Jahr 1968 war sie als Freiwillige aktiv in der Präsidentschaftskampagne von Robert Kennedy. Es verband sie außerdem eine Freundschaft mit der feministischen Aktivistin und Politikern Bella Abzug. Auch für diese setzte sie sich ein. Darüberhinaus war sie immer wieder in verschiedenen Projekten und Aktionen aktiv. In den 2000ern trat sie im Fernsehen als Gastgeberin des LGBT-Newsmagazins In The Life auf.

I’m young and I love to be young
I’m free and I love to be free
To live my life the way I want
To say and do whatever I please


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Die Weißwaschung und Aneignung von Black Studies in Deutschland – Ein Community-Statement

9. Februar 2015 von accalmie

New Black Diaspora Studies, Black Bremen Studies, African American Research – was zunächst als längst überfällige Forschung und Lehre in Deutschland zu Schwarzer Geschichte, Kultur, Literatur, etc. erscheint, entpuppt sich schnell als Teil des Problems: Black Studies, auch die “Black Knowledges Research Group” (“Schwarzes Wissen”-Forschungsgruppe) in Bremen, sind weiss, sowohl personell als auch von der Heran­gehens­weise, dass Schwarze Menschen oft als Forschungs-“Objekte” und auszuschöpfende Infor­mationsquellen, nicht aber als Kol­leg_in­nen, Impulssetzer_in­nen und Wis­sens­pro­du­zent_in­nen be­trach­tet wer­den. Schwarze Wissenschaftler_innen, Aktivist_innen und Künstler_innen haben am vergangenen Freitag ein Statement veröffentlicht, das gegen die Weißwaschung und Appropriation (Aneignung) von Black Studies in Deutschland protestiert. Mitgezeichnet und unterstützt wird dieses Statement unter anderem vom Braunen Mob e.V., der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), ADEFRA e.V. (Schwarze deutsche Frauen und Schwarze Frauen in Deutschland), dem Bündnis kritischer Kulturpraktiker_innen, Prof. Dr. Angela Davis, Prof. Dr. Maisha Eggers, Dr. Peggy Piesche, Noah Sow und Sharon Otoo.

Das gesamte Statement und die umfassende Auflistung der Unterstützer_innen könnt ihr beim Present_Tense Scholars Network: Black Perspectives and Studies Germany lesen. Weitere Infos findet ihr auch auf Noah Sows Blog (…generell: Eine ständige Lektüreempfehlung!).

Ein Auszug:

Wir, die hier Unterzeichnenden, verurteilen die Art und Weise, in der Black Studies an der Universität Bremen mobilisiert und in Dienst genommen werden. […]

Angesichts der offenkundigen, proaktiv praktizierten Ausschließungen, den mehr oder minder feststehenden inhaltlichen Ausrichtungen der Arbeitsgruppen der Creative Unit, den diversen personellen Überschneidungen und den bereits laufenden bzw. angegliederten Forschungsprojekten stellen sich außerdem die Fragen, wie und von wem über die im Proposal beantragten Stellen und Gelder entschieden wird und auf welchen Auswahlkriterien diese Entscheidungen beruhen. Immerhin handelt es sich dabei um 1 Postdok-Stelle, 4 Doktoranden-Stipendien, 2 halbe Promotionsstellen und 4 Stellen […] für wissenschaftliche Hilfskräfte. […]

Es ist ein Skandal, dass Schwarze deutsche Wissenschaftler_innen und Aktivist_innen im Zuge der Gestaltung der Unit nicht konsultiert worden sind und ihre Arbeit umfassend entnannt wird, jedoch ihre Namen im Proposal auftauchen, wo sie ohne ihre Zustimmung als aktuelle oder „prospektive“ Kooperationspartner_innen gelistet wurden. Überdies werden die Forschungen von Schwarzen deutschen Wissenschaftler_innen, die in Deutschland seit vielen Jahren zu diesen Themen arbeiten und publizieren, ausschließlich „im Zusammenhang eines basisdemokratischen Aktivismus schwarzdiasporischer Autoren“ verortet.  […]

Mit anderen Worten: Während die finanziellen Ressourcen der Creative Unit dazu genutzt werden, um Stellen für weiße Wissenschaftler_innen zu finanzieren, werden die Namen von Schwarzen Wissenschaftler_innen / Aktivist_innen, wenn sie denn überhaupt Erwähnung finden, ohne die entsprechende Erlaubnis als Token verwendet. Eine solche Vorgehensweise ist nicht nur ungeheuerlich und unethisch, sondern bekräftigt das koloniale Modell der Enteignung: Schwarze Deutsche dürfen weißen Akademiker_innen gern als „Rohmaterial“ und „native informants“ dienen, es wird ihnen allerdings nicht erlaubt, als eigenständige Wissenschaftler_innen zu agieren. Weiße deutsche Akademiker_innen und Aufbaustudierende hingegen stehen bereit, um von noch mehr ökonomischem und symbolischem Kapital als Teil der geplanten Creative Unit zu profitieren. […]

In den USA sind Departments für Black Studies einst ins Leben gerufen worden, weil studentische und community-Gruppen politischen Druck auf die Universitäten ausübten, um die Wissensproduktion über und vor allen Dingen von (!) Schwarzen Menschen anzuerkennen, finanziell zu unterstützen sowie strukturell und personell zu etablieren.

Übrigens: Die Forschungsgruppe “Black Knowledges Research Group” an der Universität Bremen hat sich im Zuge der Kritik nun innerhalb von zwei Tagen aufgelöst. Hier findet ihr die Stellungnahme (auf Englisch).


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Konsens Karneval – Ein Kostüm ist keine Einladung

5. Februar 2015 von Melanie

Alaaf und Helau liebe Jeck_innen! Oder was man sonst so bei Euch ruft, wenn Karneval/Fasching ist. Als ich vor über 5 Jahren aus dem Ruhrgebiet nach Köln zog, hat mich diese Omnipräsenz des Karnevals, der hier ja schon am 11.11. beginnt, geschockt. Und wie ich – damals noch im Ruhrgebiet arbeitend – versuchte, an Weiberfastnacht mit öffentlichen Verkehrsmittel aus Köln heraus zu kommen…

Das ist aber nicht das Problem mit Karneval. Sich Verkleiden, Feiern, Fröhlich sein – ok. Gern. Und in diesem Beitrag geht es auch erst mal nicht um die militärischen/katholischen-was-auch-immer Bezüge, die Karneval hat. An dieser Stelle geht es auch nicht um Rassismus in Sachen Verkleidung. In diesem Beitrag geht es darum, dass Sexismus und sexuelle Gewalt im Karneval einer die Feierei ganz schön vermiesen können, dass Frauen* darauf achten müssen, wie sie sich verkleiden, wie viel sie trinken… also alles, was an victim blaming und rape culture auch sonst existiert, im (Kneipen)Karneval dann noch mal geballt auftaucht.

Oder kurz: Ich möchte auf meine Kampagne “KonsensKarneval – Ein Kostüm ist keine Einladung” aufmerksam machen (hier zur facebook-Seite und zum twitter-Account). Vorbild war die Kampagne “I frog di“, die sich auf das Oktoberfest konzentriert.

Für diejenigen, die mit Karneval/Fasching eher wenig zu tun haben: Beim (Kneipen)Karneval ist es durchaus gang und gebe, dass Menschen offener als sonst auf andere Menschen zu gehen. Oder schlicht: dass diese Kontaktaufnahme dank Kostümierung und Alkohol leichter von statten geht. Hier in Köln ist das so gang und gebe, dass “Seitensprünge” an Karneval normalisiert sind (die werden bei der Nubbelverbrennung an Karnevalsdienstag gebeichtet und gesühnt. Dafür wird stellvertretend eine Strohpuppe – der Nubbel – verbrannt. Parallelen zur Hexenverbrennung sind an den Strohhaaren herbei gezogen). Ich war auf einer Hochzeit, auf der der Pfarrer den Hochzeits-/Treueschwur “treu sein, einander lieben und ehren” mit einem augenzwinkernden “Karneval ausgenommen” ergänzte. Für manche Touristen ist Karneval einzig dazu da, “Sexabenteuer” zu erleben.

Nun gut, so lange das in beiderseitigem Einverständnis erfolgt ist daran nichts falsch. Aber kommt es zu Übergriffen, wird es insbesondere den Frauen angelastet: Zu viel getrunken, zu freizügiges Kostüm und dann hat sie (™) auch noch mit einem “Bützchen” angefangen! (Bützchen sind Küsschen auf die Wange, die gerne auch als Gegenleistung für ein “Strüßje” erwartet werden, also Blümchen, das überreicht wird).

Hier möchte die Kampagne KonsensKarneval – Ein Kostüm ist keine Einladung ansetzen: Darauf aufmerksam machen, dass NIE die Betroffenen Schuld sind und dafür sensibilisieren, dass Vorsichtsmaßnahmen eher bei den “Tätern” gefragt sind.

Ihr wollt mitmachen? Sehr gerne! Wenn ihr selber Karneval feiert, schickt mir Fotos von Euch in Verkleidung, die ich mit dem Text “Mein Kostüm ist keine Einladung!” auf dem tumblr veröffentlichen werde. (WIE ihr verkleidet seid, ist völlig egal und ihr teilt mir mit, ob ihr eine Veröffentlichung mit oder ohne Namen wollt oder ob ich noch einen Balken über die Augen machen soll. Ich kann auch sehr gut nachvollziehen, wenn man KEIN Foto von sich veröffentlicht sehen möchte). Gerne könnt ihr mir auch Berichte über Erfahrungen (anonym, wenn ihr wollt) mit übergriffigen Menschen, abweisenden Beratungs-/Polizeidienststellen an konsens.karneval@gmail.com schicken. Oder ihr sammelt mit mir Ideen, wie das “Kölsche Grundgesetz” oder Karnevalssprüche/-lieder umgetextet werden können in Sätze, die sich insbesondere an “Täter” richten. Z.B. mit Postkarten auf denen “Darf ich Dich bütze*? (*küssen) steht und lediglich die Antwortmöglichkeiten: “Ja, aber nicht mehr” und “Nein” enthalten. Oder ihr teilt, liked und verbreitet einfach die Kampagne.

Ein Kostüm ist keine Einladung!


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‘Audre Lorde’s Germany’

20. Januar 2015 von Gastautor_in

Der Text erschien zu erst auf Deutsch beim Blog der Feministischen Studien.

Audre Lorde's Germany - Audre Lorde Icon by Kim Everett. Poster design Pawel Zoneff.

Audre Lorde’s Germany – Audre Lorde Icon by Kim Everett. Poster design Pawel Zoneff.

Audre Lorde was a library science scholar. She earned a BA in Library Science at Hunter College, New York (1954-1959) and went on to acquire an MA in the same at Columbia University New York (CUNY) in 1961. In addition to her multifaceted professional, political, social, academic, authorial and publishing activities, Lorde worked at the Mount Vernon Public Library and as Head Librarian at the Town School Library in New York City. I had never really picked up on this aspect of Audre Lorde’s life and work before. I emphasize this information, since it seems to lend greater clarity to Lorde’s farsightedness, her encompassing perspective on multifarious political and personal strands of meaning, which work together to structure the course of a life.

Audre Lorde’s works are marked by an incredible diversity of perspectives and themes. Thus a perspective informed by this discipline must definitely have reinforced Lorde’s extant talent that enabled her to visualize, record and understand social realities as interwoven complexes of unequal positionings. It appears as if imaginations, languages and narrative constructions (her own and those of others) were easily accessible and comprehensible to Lorde. At any rate there was a source from which Lorde acquired these vectors of connectivity, which then allowed her to build further bridges to other perspectives. Lorde’s work demonstrates the direct engagement with and the articulation of life themes and requirements for action in larger social groups. This multi-perspectival stance is apparent in Lorde’s poetry and prose – it is the common denominator in the approaches, ambivalences, crises, relationship networks, activism and communication processes thematised in her work.

This article’s point of departure involves the question of which aspects of an active life should be commemorated. Which life episodes can be rendered visible and productive in retrospect and to what end?

The Stories of Our Lives: Historicisation as a feminist task

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Lesbisch_queere Bücherwelten: Lesbengeschichte(n)

13. Januar 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 91 von 97 der Serie Die Feministische Bibliothek

Heute lege ich euch einige biografische Bücher ans Herz, die (vergangenes) lesbisches Leben und/oder das politische Engagement von Lesben würdigen.

Johanna Elberskirchen (1864-1943) war proletarisch-kleinbürgerlicher Herkunft, politisch klar links und äußerst aktiv: Sie war in der Sozialdemokratie engagiert, im radikalen linken Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung und als offen lebende ‚Homosexuale‘. Das detailreiche und zugleich fesselnd geschriebene Sachbuch Keine Tochter aus gutem Hause: Johanna Elberskirchen (1864 – 1943) von Christiane Leidinger lässt nicht nur Leben und politisches Wirken Elberskirchens, sondern umfassend auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und politischen Kämpfe der Zeit greifbar werden: von den Anfängen des ‚Frauenstudiums‘ über Sozialdemokratie, ArbeiterInnenbewegung und die bürgerliche und proletarische Frauenbewegung bis hin zum Nationalsozialismus.

 

In einer Mischung aus Sachbuch und Fiktion erzählt Die Geschichte der Sidonie C. (1900-1999) von Ines Rieder und Diana Voigt die fast 100-jährige Lebensgeschichte von Sidonie C., einer berühmten lesbischen Patientin Sigmund Freuds. Nach den Freud’schen Therapiesitzungen trifft sich die aus dem Großbürgertum stammende Lesbe heimlich mit ihrer Angebeteten – um über Freud zu lästern. An Klassenerhalt orientiert, aber vor allem politisch desinteressiert, flüchtet sie – katholisch getauft, aber mit jüdischen Wurzeln – erst sehr spät aus dem nationalsozialistischen Wien. Packend geschrieben und lehrreich obendrein, lässt die zwei Weltkriege umfassende Biografie (nicht nur) lesbisches Begehren zwischen Heimlichkeit, Selbstverständlichkeit und Sanktionen lebendig werden.

 

Keine lesbische Biografie im engeren Sinne, aber ein wunderbares Bewegungsbuch, das eben auch Leben und Engagement Audre Lordes (1934-1992) würdigt: Euer Schweigen schützt euch nicht. Audre Lorde und die Schwarze Frauenbewegung in Deutschland, herausgegeben von Peggy Piesche. Der Sammelband präsentiert eine schöne Auswahl an Gedichten, Aufsätzen und Gesprächen von und mit Audre Lorde, die durch ihre Berlin-Aufenthalte, ihre Lesungen in ost- wie westdeutschen Städten, ihre Vorträge und Workshops, ihren Aktivismus und ihr Schreiben eng verbunden ist mit der Entstehung der hiesigen Schwarzen (Frauen-)Bewegung. Zugleich zeichnet der Band die Anfänge und die Entwicklung der Schwarzen Frauen-/Lesbenbewegung in der BRD auf sehr lebendige Weise nach: in Gesprächen, Prosatexten und Gedichten. Zu Wort kommen damalige und gegenwärtige Aktivistinnen, Denkerinnen und Dichterinnen of Color, viele davon lesbisch.

Zum Schluss will ich euch noch rasch aufmerksam machen auf Von-mir-noch-nicht-Gelesenes-aber-Vielversprechendes. Erstens: Pregnant Butch. Nine Long Month Spent in Drag, eine neue autobiografische Graphic Novel zum Thema queere Elternschaft. Die Zeichnungen von A.K. Summers sind inspiriert durch ihre eigenen Erfahrungen als schwangere Butch. Diesen einmaligen und vielversprechenden Fund will ich euch nicht vorenthalten, Leseproben sind hier zu finden.

Und zweitens: Die erste Programmvorschau des neu gegründeten Verlags w_orten & meer. verlag für antidiskriminierendes handeln ist raus. Sie verspricht Analytisches und Kritisches, Empowerndes, Persönliches und Poetisches: zu Kämpfen, Glück und Leben jenseits, nach, zwischen, ohne Gender und zu Rassismus an deutschen Hochschulen. Im Frühjahr ist es soweit. Bis dahin: gespannt sein und vorfreuen.


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Das Jahr 2014 – Ein Feministisches Lexikon

19. Dezember 2014 von Charlott

Welche Themen standen auf unserer feministischen Agenda 2014? Welche Ereignisse haben das Jahr geprägt? Welche Personen und ihren Aktivismus haben wir bewundert? Zum Abschluss des Jahres gibt es dieses Mal ein Lexikon. Zu jedem Buchstaben könnte es natürlich noch zig weitere Einträge geben – ergänzt doch eure in den Kommentaren!

A wie Aktivismus, Ausschlüsse und Ablasshandel
Ein Thema, welches sich eigentlich durch jedes Jahr zieht/ ziehen sollte: Wie wollen wir unseren Aktivismus gestalten? Wie können dabei unterschiedliche Positionen bedacht und genutzt werden? Welche Taktiken und Praxen haben sich bewährt? Nadine machte sich darum einmal Gedanken darüber, wer wann auf Podien sitzt, wo Absagen vielleicht Sinn machen und wo nicht (und was das mit unterschiedlichen sozialen Positionierungen zu tun hat) und über Geldspenden als Art der ökonomischen Umverteilung.

B wie #BlackLivesMatter und #BringBackOurGirls
Am 09. August dieses Jahres wurde der Schwarze Jugendliche Michael Brown von dem weißen Polizisten Darren Wilson in Ferguson, Missouri, erschossen. Gegen den Polizisten wurde nicht mal ein Verfahren eingeleitet. Es handelt sich dabei natürlich nicht um einen Einzelfall, sondern es ist ein Beispiel für die anhaltende rassistische Polizeigewalt – die keinerlei Konsequenzen hat. In ihrem Text “Wenn Schwarzer Menschen nicht lächeln…” verlinkt Sharon eine ganze Reihe von weiteren Beispiel aus den USA und Deutschland. Von Ferguson ausgehend und durch weitere publik werdende Taten (die ebenfalls kaum Konsequenzen nach sich zogen) entwickelte sich in diesem Jahr eine Protestbewegung, die im Internet unter anderem unter dem Hashtag #BlackLivesMatter und auf den Straßen vieler Städte anzufinden war. In Berlin versammelten sich am 29. November Aktivist_innen am Brandenburger Tor, um den Opfern zu Gedenken und darauf zu verweisen, dass es stimmt: #FergusonIsEverywhere, Ferguson (d.h. rassistische Strukturen, die Gewalt legitimieren) sind kein rein us-amerikanisches Phänomen. So wird sich am 07. Januar zum bereits zehnten Mal der Tod von Oury Jalloh jähren. Derzeitig sammelt die Initiative im Gedenken an Oury Jalloh Geld um ein weiteres Gutachten zur Brand- und Todesursache anfertigen zu können.

Außerdem sollten nicht die 200 Mädchen, die am 14. April in Nigeria entführt wurden, vergessen werden.

C wie Chancengleichheit
Chancengleichheit, Chancengerechtigkeit, Teilhabe, Akzeptanz, > Toleranz, Inklusion – ein Wörtersalat, der häufig eher das “gut gemeint” als das “gut gemacht” abdeckt, wenn es um die Rechte von Menschen mit Behinderung geht. Hannah hat sich im November die Anhörung des Ausschusses “Arbeit und Soziales” zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen angehört und aufgezeigt, welche Diskussionen rund um das Bundesteilhabegesetz (nicht) geführt werden. Außerdem erklärte sie in einem weiteren Text, was der Begriff Inklusion eigentlich umfassen sollte und wie er häufig stattdessen ausgehöhlt wird.

D wie Diskurspolizei
Sprachdebatten zwischen “Darf man denn hier gar nichts mehr sagen!” und “Diese Gender-Leute drängen ja immer einen Sprachgebrauch auf!” begleiteten auch das Jahr 2014. Am prominentesten ist sicher die medial breit geführte “Debatte” um Lann Hornscheidts Sprachinterventionen. Auf einen öffentlichen Brief von WissenschaftlerInnen antwortete hier Jayrôme mit “Es ist Zeit, Realität als real zu betrachten“. Im Juli hatte außerdem accalmie die Verwendung diskriminierender Begriffe, die Verteidung dieser Praxis und das Umwerten als die echte Diskriminierung (TM) von Begriffen, die sonst unmarkierte Normen benennen, seziert.

E wie Elliot Rodger
Am 23. Mai tötete Elliot Rodger in Isla Vita, Kalifornien, sechs Menschen. Zuvor hatte er in Videos und einer über hundert Seiten langen “Autobiographie” seine Misogynie verbreitet. In vielen deutschsprachigen Medien wurde die Tat dekontextualisiert und individualisiert. Ich schrieb über die Hintergründe der Tat, wie sie vielleicht verhindert hätte werden können. (mehr …)


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(Unbezahlte) Bildungsarbeit, BMX-Räder und Blabla-Diskussionen im Feuilleton – kurz verlinkt

17. Dezember 2014 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 261 von 270 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

Am Montag marschierten an die 15.000 Pegida-Anhänger_innen (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) durch Dresden. Die Parolen sind klar rechts, rassistisch und islamophob. Die taz ist mitgelaufen und schreibt über das Selbstverständnis der Mitmachenden. Die Süddeutsche berichtet vom Symposium “Grenzen im politischen Meinungskampf – Zum Umgang mit rassistischen Vorurteilen und Diskriminierungsideologien”, welches sich auch mit Pegida auseinandersetzte.

Die taz hat ein Interview mit der Islamwissenschftlerin Noha Abdel-Hady geführt. Sie untersucht die Rolle weiblicher Gelehrter im Islam. 

Warum ich für meinen Sohn Weihnachtsfiguren mit dunkelbrauner Hautfarbe bestelle“: Wie Kinder Rassismus erfahren, reproduzieren und verarbeiten,  erzählt Tupoka Ogette beim Migazin.

“Alleinerziehende und Hartz IV Alltagskampf bis zur Erschöpfung” - bei Deutschlandradio Kultur gibt es einen Beitrag über viele der strukturellen Faktoren, die sog. alleinerziehende Mütter und ihre Kinder in Armut halten.

In der sog. Düsseldorfer Tabelle ist geregelt, wieviel Geld zum Lebensunterhalt Kindern zusteht. Diese Tabelle ist nun angepasst worden – allerdings zugunsten der unterhaltspflichtigen Personen. Von denen die Mehrheit derzeit getrennt lebende Väter sind, die wiederum oftmals ohnehin nicht, nicht regelmäßig oder zu wenig Unterhalt für ihr(e) Kind(er) zahlen, obwohl sie statistisch finanziell von einer Trennung oft profitieren. Der Deutsche Juristinnenbund kritisiert daher die Entscheidung.

Türkisch, deutsch, lesbisch, feministisch: Ein schönes Interview von FrauTV mit Dj Ipek zu Identität und gegen eindimensionales Schubladendenken.

neues deutschland veröffentlicht einen ausführlichen Nachruf auf die Refugee-Aktivistin Mimi.

Beim Missy Magazine kritisiert Katrin Gottschalk den Zeit-Kommentar “Menstruationscomics, nein danke”, der sich, “wie so viele andere, am Image des Feminismus” abarbeite, “anstatt sich mit seinen Inhalten zu beschäftigen.”

englischsprachige Links

18 Badass Women You Probably Didn’t Hear About In 2014” hat Buzzfeed zusammengestellt.

In dem neuen Dokumentarfilm “Regarding Susan Sontag” verbindet Nancy Kate Tagebucheinträge von Sontag mit selten gezeigtem Archivmaterial von Auftritten, Interviews und aus den Städten, in denen Sontag lebte. Autostraddle bespricht den Film.

Beim Guardian schreibt Chelsea Manning über legale, insitutionelle und bürokratische Vorschriften/ Strukturen, die trans* Personen immer wieder Gewalt aussetzen: “Despite bureaucratic assumptions, we exist. […] the problem is not just inclusion or equal opportunities in institutions like government identification systems or voting – because such systems are inherently, if indirectly, biased to favor high income, straight, white, cisgender people. How can trans people change a system to which we don’t even have access?”

Schon mal von Lilly Yokoi gehört? Bust stellt die Fahrradakrobatin quasi als Vorgängerin all jener, die jetzt Tricks auf dem BMX machen, vor.

“We are Black Women, AfroIndigenous and women of color who have organized a social media Blackout.” – Aktivistinnen zur Aktion #ThisTweetCalledMyBack, unbezahlte Bildungsarbeit und den gewaltvollen Backlash.

Melissa McEwan hat auf Shakesville einen neuen Beitrag in der Serie “Hilfreiche Tipps für Typen”, die sich weniger sexistisch verhalten wollen, veröffentlicht.

französischsprachigesprachige Links

Die queer-feministische Organisation Queer African Youth Network veröffentlichte im Rahmen der Kampagne “16 Day Against Gender-Based Violence” 16 Geschichten von lesbischen_queeren Frauen aus den frankophonen Ländern Westafrikas und Kamerun.

Termine

17.12. in Berlin, ab 16:30 Friedrichstraße/links neben Friedrichstadtpalast: Die Geburtshilfe steht vor dem Aus. #zappenduster – eine Demo der Hebammen.

17.12. in Berlin, 18:00 – 20:00 Kurfürstenstraße/Ecke Frobenstraße : Gedenken von Berliner Sexarbeiter*innen gegen Gewalt anlässlich des Internationalen Tags zur Beendigung von gegen Gewalt gegen Sexarbeiter_innen


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Refugee-Aktivistin Mimi verstorben

11. Dezember 2014 von Charlott

Mit nur 36 Jahren ist die Aktivistin Mimi verstorben. Sie hat sich eingesetzt für die Rechte von Geflüchteten. Aktiv war sie bei den Protesten in Berlin am Oranienplatz und später bei der Besetzung der Gerhart-Hauptmann-Schule.

In einem Video als Teil einer Installation im HAUS DER 28 TÜREN erzählte Mimi von ihrer Lebensgeschichte und ihren politischen Forderungen:

Heute ab 10 Uhr soll Mimi am Tor der Gehrhart-Hauptmann-Schule in der Ohlauer Straße gedacht werden.


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“Ich bin nicht deine Inspiration” – Zum Tod von Stella Young

9. Dezember 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 43 von 46 der Serie Wer war eigentlich …

Am Wochenende verstarb überraschend die australische Komikerin, Autorin, Journalistin und Aktivistin Stella Young im Alter von 32 Jahren. Jahrelang setzte sie sich für die Rechte behinderter Menschen ein und stieß überhaupt Diskussionen zum neu Denken und Sprechen über Behinderungen an. In öffentlichen Diskussionen machte sie sich stark für offensive Selbstbezeichnungen, das Hinterfragen von Barrieren und woher diese Barrieren kommen sowie der Art und Weise, wie behinderte Menschen gesellschaftlich betrachtet werden. “Mitleid steht unseren Rechten im Weg”, stellte sie fest.

Einer ihrer bekanntesten Vorträge wurde erst in diesem Jahr im April aufgenommen, da sprach sie bei der Veranstaltung TedxSydney und machte deutlich: “Ich bin nicht deine Inspiration.” Millionfach wurde das Video bisher aufgerufen und ihre Analyse zu den allgegenwärtigen “inspirierenden Bildern” behinderter Menschen geteilt:

For lots of us, disabled people are not our teachers or our doctors or our manicurists. We’re not real people. We are there to inspire. And in fact, I am sitting on this stage looking like I do in this wheelchair, and you are probably kind of expecting me to inspire you. Right?

[…]

And these [inspirational] images [shared via social media], there are lots of them out there, they are what we call inspiration porn. And I use the term porn deliberately, because they objectify one group of people for the benefit of another group of people. So in this case, we’re objectifying disabled people for the benefit of nondisabled people. The purpose of these images is to inspire you, to motivate you, so that we can look at them and think, “Well, however bad my life is, it could be worse. I could be that person.”*

Eine eindrückliche Zusammenstellung der Gedanken von Stella Young ist ihr Brief an ihr zukünftiges 80-jähriges Ich, welcher erst vor ein paar Wochen online publiziert wurde. In diesem beschreibt sie die gesellschaftlichen Hürden und die Veränderungen ihres eigenen Denkprozesses, wie sie selbst lernte sich neu als behinderten Menschen zu verstehen. Young hebt hervor, wie sie beispielsweise aktiv ver_lernte, gerade als behinderte Frau sich immer wieder für ihre öffentliche Raumeinnahme, ja für ihre Existenz, irgendwie zu entschuldigen. Weiter wendet sie sich an sich und fragt:

Remember those days back before you came out as a disabled woman? You used to spend a lot of energy on ‘passing’. Pretending you were just like everyone else, that you didn’t need any ‘special treatment’, that your life experience didn’t mean anything in particular. It certainly didn’t make you different from other people. Difference, as you knew it then, was a terrible thing. I used to think of myself in terms of who I’d be if I didn’t have this pesky old disability.

Then, at seventeen, something shifted. To borrow from Janis Ian, I learned the truth at seventeen.

That I was not wrong for the world I live in. The world I live in was not yet right for me.

Stella Young hat aktiv auf so vielen Ebenen daran gearbeitet, die Welt ein kleines wenig “richtiger” zu gestalten und hat viele Aktivist_innen angeregt (und nicht inspiriert im Sinne von Inspirationsporno!) sich kritisch mit Behinderungen, Rhetoriken und den eigenen Positionen auseinaderzusetzen.

Weitere Artikel:

* Übersetzung Zitat 1: Für viele von uns sind behinderte Menschen nicht unsere Lehrer_innen, nicht unsere Ärzt_innen, nicht unsere Nagelpfleger_innen. Wir sind keine wirklichen Menschen. Wir sind da um zu inspirieren. Und tatsächlich  sitze ich hier auf dieser Bühne in meinem Rollstuhl, so wie ich eben ausseh, und Sie erwarten wahrscheinlich, dass ich Sie jetzt inspiriere. Richtig? […] Und all diese [inspierenden] Bilder [, die über soziale Medien geteilt werden] , von denen es so viele gibt, nennen wir Inspirationsporno. Ich benutze den Begriff Porno mit Absicht, da diese Bilder eine Gruppe von Menschen objektifizieren zugunsten einer anderen Gruppe von Menschen. In diesem Fall werden behinderte Menschen objektifiziert zugunsten nicht behinderter Menschen. Der Sinn solcher Bilder ist es Sie zu inspirieren, Sie zu motivieren, so dass wir sie angucken können und denken: “Okay, egal wie schlimm mein Leben ist, es könnte schlimmer sein. Ich könnte diese Person sein.”

Übersetzung Zitat 2: Erinnerst du dich an die Zeit vor deinem “Coming out” als behinderte Frau? Du verwandtst eine ganze Menge Energie aufs “passen”. So zu tun als wärst du einfach wie alle anderen, als bräuchtest du keinerlei “Sonderbehandlungen”, als würde deine Lebenswirklichkeit nichts besonderes bedeuten. Auf jedenfall unterschied sie dich nicht von anderen Menschen. Differenz/ Unterschied, so wie du es kanntest, war etwas furchtbares. Ich dachte gewöhnlich an mich selbst, so wie ich sei, wenn ich nicht diese verteufelte Behinderung hätte.
Dann mit 17 veränderte sich etwas. Um es mit Janis Ian zu sagen: Ich lernte die Wahrheit mit 17.
Dass nicht ich falsch war für die Welt, in der ich lebe. Sondern dass die Welt, in der ich lebe, noch nicht richtig für mich ist.


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Unsere Welt soll offener werden

31. Oktober 2014 von Naekubi
Dieser Text ist Teil 2 von 5 der Serie Die Emanzipation der Banane

Naekubi bloggt bei Danger! Bananas über das Leben von Asiat_innen in Deutschland, Kultur und Alltag, Rassismus und Feminismus, Selbstbewusstsein und Selbstverständnis. Wir freuen uns sehr, dass sie nun auch eine Kolumne bei der Mädchenmannschaft schreibt.

Ich liebe Vorher-Nachher. Ob persönliches Umstyling, die Wohnung umdekorieren, Depressionen überwinden oder aber sich endlich selbst akzeptieren: Von positiven Veränderungsprozessen kann ich nicht genug bekommen. Aus diesem Grund liebe ich Social Media, denn gerade auf Twitter und Tumblr kann man wie bei wenigen anderen Plattformen Leuten beim Denken zusehen. Und unter Umständen beobachten, wie sich Denkprozesse langsam wandeln. Aber von vorn.

Neulich schrieb jemand auf Twitter über ihre Unzufriedenheit mit ihrer eigenen Unzulänglichkeit und mangelnden Toleranz. Obwohl sie als Deutsche mit türkischen Wurzeln selbst von Rassismus betroffen ist, stellte sie fest, dass sie selbst hin und wieder noch in rassistischen Kategorien denkt. Die Machtverhältnisse und die Verteilung von Privilegien, die um uns herum existieren, reproduzieren wir bisweilen in unseren Köpfen – internalisierte -*ismen ist hier das Stichwort. Es ist ziemlich zerknirschend, wenn man offenbar keinen Deut offener oder respektvoller ist als die Leute, die man kritisiert.

Das Gefühl, eine Hochstaplerin oder Heuchlerin zu sein, kenne ich von mir selbst: Natürlich bin ich selbst Opfer von sexistischen oder rassistischen Gesellschaftsstrukturen, doch ich bin gleichzeitig in vielen anderen Aspekten Täterin, durch mir gewährte Privilegien in dieser Welt: Körperlich nicht behindert, cis, noch nicht alt, heterosexuell, im “Westen” aufgewachsen. Gehe ich wirklich immer respektvoll mit anderen um, etwa wenn sie eine Behinderung haben, nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, queer sind oder trans oder alt? Gucke ich nicht manchmal von oben herab auf Leute, die keinen Zugang zu Bildung haben/hatten? Und was denke ich tatsächlich über die Menschen, die nicht das Glück hatten, im “Westen” aufzuwachsen, und gnadenlos ausgebeutet werden? (mehr …)


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