Einträge mit dem Tag ‘ADEFRA’


Interview mit Peggy Piesche über Lesben in der DDR: „Sichtbarkeit kann niemals nur die eigene sein“

26. Mai 2015 von Nadine

Peggy Piesche und ich waren als Referentinnen zur Tagung „Das Übersehenwerden hat Geschichte – Lesben in der DDR und in der friedlichen Revolution“ in Halle geladen. Auf der Tagung standen verschiedene lesbische Perspektiven auf lesbischen Aktivismus in der DDR, während und nach der Wendezeit im Mittelpunkt. In diesem Zusammenhang fragte der Freitag ein Interview mit einer ‚Zeitzeugin‘ an, das ich nach der Tagung mit Peggy Piesche führte. Wir konnten das Interview nicht zur Autorisierung freigeben, so dass es nun auf der Mädchenmannschaft erscheint. Die Zusammenarbeit mit dem Freitag zeigte deutlich, dass viele sogenannte ‚Qualitätsmedien‘ bzw. journalistische Angebote nicht an Selbst-Erzählungen interessiert sind, die sich gängigen heteronormativen, weißen und westlichen Geschichts- und Diskriminierungsnarrativen und Interessen entziehen. Peggy Piesche hat dazu einen Text geschrieben, den ihr am Ende des Interviews findet.

Obwohl Lesben in der DDR rechtliche Gleichstellung genossen, blieben sie unsichtbar. Es gab im Gegensatz zur BRD kaum öffentliche Orte des Zusammenkommens, in der breiten Öffentlichkeit fanden sie keine Erwähnung. Teilnehmerinnen der Tagung sprachen davon, dass sie sich isoliert fühlten. Ging es dir ähnlich?

Ja, ich denke, dass dies ein allgemein gesellschaftliches Phänomen in der DDR war. Die rechtliche Gleichstellung von Lesben, die weit fortgeschrittenere Gleichberechtigung von Frauen allgemein in der DDR gegenüber der BRD war nur eine Seite bzw. nur eine Hälfte real-sozialistischer Ideologie. Da über vieles nicht geredet wurde und es wenig Räume gab, in denen alternative Lebensentwürfe gedacht oder gar gelebt werden konnten, entwickelte sich im DDR-Alltag so etwas wie eine sprachliche Leerstelle.

Was meinst du damit?

Natürlich wussten wir, was ‚Homosexualität‘ war, kannten Wörter wie ‚Lesben‘ und ‚Schwule‘. Aber im aktiven Aussparen dieser Wörter und allem, was damit zusammen hängt, indem eine bestimmte Sprache sozusagen nicht ausgeübt oder verwendet wurde, fehlten für Lesben und Schwule die Möglichkeiten in ihre Identität hineinwachsen zu können. Ich wusste sehr früh, wie ich fühlte und was das bedeutet. Aber in einen Austausch dazu zu kommen, war zumindest für mich in der Provinz (ich habe in den Mit-80ern in Erfurt studiert) kaum möglich. Das Schweigen war allgegenwärtig.

"Schwarz - lesbisch - deutsch. 1980er Jahre in Südostdeutschland“  - Peggy und ihre Mit-Azubis einer LPG in Gotha. Fotoquelle: privat

„Schwarz – lesbisch – deutsch. 1980er Jahre in Südostdeutschland“. Peggy (links) und ihre Mit-Azubis einer LPG in Gotha. Fotoquelle: privat

Waren bestimmte Lesben-Gruppen sichtbarer als andere?

Das glaube ich schon. Das bereits beschriebene sehr typische Phänomen in der DDR, nämlich unliebsame Geschichte/n, Realitäten und Gedanken in einem Mantel des Schweigens zu ersticken, spielt hier auch eine Rolle. Diese Pathologisierung des Schweigens funktionierte natürlich in den Provinzen besser als in den wenigen Zentren der DDR. In Städten wie Berlin, Leipzig, Dresden und Jena waren die Möglichkeitsräume schon etwas größer. Hier trafen schneller oder vielmehr schon früher als in anderen Gegenden die beiden ‚Parallelwelten‘ systemkritischer politischer Gruppen und alternativ gesellschaftliche Lebensentwürfe im Schutze der Kirche aufeinander. Dabei bildeten diese Räume durchaus die gewünschte weiße deutsche Homogenität ab, die auch in der DDR identitätsstiftend für das Nationalkollektiv galt.

Besonders die Lesben, die sich unter dem Dach der evangelischen Kirche organisierten, sahen sich politischer Verfolgung durch die Stasi ausgesetzt. Bespitzelung, Verhaftungen und Denunzierung waren an der Tagesordnung. Waren Lesben potentielle Systemfeindinnen?

In dem angestrebten Lebenskonzept ganz sicher. Denn das schien das recht biedere und bürgerliche Gesellschaftskonzept der DDR zu bedrohen. Nicht umsonst wurde auch in der DDR die heteronormative Familie als „Keimzelle“ der Gesellschaft gestützt. Dennoch muss aber deutlich gemacht werden, dass lesbisch sein noch nicht gleichbedeutend mit Systemkritik einher ging. Die Bespitzelungen der Stasi bezogen sich auf das gesamte Spektrum der Gesellschaft. Es haben auch Lesben Lesben bespitzelt.

Neben politischer Opposition spielte auch der Kampf um politische, soziale und kulturelle Anerkennung eine Rolle. Konntest du dich als Schwarze Lesbe mit den Zielen der Bewegung identifizieren?

Wie gesagt, von einer richtigen Bewegung wusste ich in der DDR nicht wirklich etwas. Die Bewegung konnte sich meines Erachtens eher erst nach bzw. mit der Wende als solches wahrnehmen und ihre Energien bündeln. Aus der Perspektive der DDR-Provinz handelte es sich vielmehr um zerstreute Räume und individuelle Begebenheiten. Für mich und meine Generation waren hier vor allem die Sommercamps der evangelischen Kirche Orte der Begegnung. Diese Räume waren natürlich alle durchweg sehr weiß, was wiederum für mich schnell zu Grenzerfahrungen führte. Als Schwarze Frau und Lesbe habe ich vor allem einen Bezug auf die differenzierten Lebensrealitäten, die es in der DDR gab, vermisst. In diesen Räumen wurde der gesellschaftliche Mythos, nach dem es Rassismus in der DDR nicht geben konnte, nicht hinterfragt.

Es gab also keine Räume, in denen Rassismus und Schwarze Lebensrealitäten Thema waren?

Rassismus galt in der DDR ideologisch als überwunden und wurde mit moralischem Verweis auf den Westen als systemisch irrelevant angesehen. Die DDR zelebrierte in ideologischen Gefechten des Kalten Krieges ihre Sozialistische Internationale Solidarität. Gern und besonders mit den ‚jungen aufstrebenden Nationalstaaten in Afrika’. Da passten die Erfahrungen und Lebensrealitäten Schwarzer Menschen und Lesben nicht ins Konzept. Mit dem Schweigen über Rassismus im eigenen Land und der gesellschaftlichen Unsichtbarkeit von Menschen jenseits einer heterosexuellen weißen Norm waren diese Themen auch im DDR-Alltag wenig möglich. Weil es nicht gedacht werden konnte, war es für die meisten einfach nicht da.

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Özgecan Aslan, Trans*Frauen of Color und dickes Sexappeal – kurz verlinkt

18. Februar 2015 von der Mädchenmannschaft

Deutschsprachige Artikel

Im Missy Magazine stellen sechs Schwarze Feministinnen anlässlich des Black History Month ihre Vorbilder vor – von Yaa Asantewaa bis Nina Simone.

Beim Feministischen Institut Hamburg schreibt Joke Jansen über queere Kinderbücher, denn „Erzählungen sind überproportional aus der Perspektive weißer Jungen geschrieben, zentrieren ein Zwei-Eltern-Kernfamilienmodell oder sind beiläufig fett- oder femininitätsfeindlich.“.

Hier findet ihr Freizeitangebote für trans*, queere, lesbische, schwule, bisexuelle und andere Jugendliche, unter anderem in Hannover und München.

Am 20. Februar wird der Purple Velvet Souvenir Sampler veröffentlicht, auf dem ihr 24 Tracks von internationalen weiblichen und queeren HipHop-Künstler_innen findet.

Die Rosa Luxemburg Stiftung hat unter Mitwirkung vieler Autor_innen vor einiger Zeit ein Dossier zu Antirassismus und Empowerment erstellt, das ständig weiter befüllt wird.

Englischsprachige Artikel

[Inhaltshinweis: Sexualisierte Gewalt, Mord] Die 20-jährige Studentin Özgecan Aslan wurde vergangene Woche durch den Fahrer des Busses, in dem sie auf ihrem Nachhauseweg saß, attackiert und ermordet. Unter dem Hashtag berichten (insbesondere) türkische Frauen auf Twitter über ihre Erfahrungen mit und Kampf gegen sexualisierte Gewalt und religiös-fundamentalistische Misogynie.

Dicke Menschen können nicht sexy sein? „WTF?!“ dachte sich Hartbeat und lieferte die beste getanzte Antwort.

Das kenianische Künstler_innen-Kollektiv The Nest sammelt im Projekt „Stories of Our Lives“ Geschichten von LGBTIQ-Personen in Kenia. Fünf dieser Geschichten haben sie fiktionalisiert und zum gleichnamigen Film verarbeitet, der letzte Woche auf der Berlinale den Special Jury Award der Teddy-Jury gewann. Bei Design Indaba erzählt das Kollektiv von dem Projekt, der Verhaftung ihres Produzenten und ihren kollaborativen, nicht hierarchischen Arbeitsweisen.

[Inhaltshinweis: Cissexismus, Mord] Janet Mock schreibt über die mangelnde Sichtbarkeit von Trans*Frauen of Color, insbesondere im Hinblick auf die hohe Zahl an Mordfällen zu Beginn des Jahres in den USA.

Beim African Women in Cinema-Blog stellt Nassima Guessoum ihren Film „10949 Femmes“ (10949 Frauen) zur Algerischen Revolution vor.

Termine in Berlin, Leipzig, Münster und Potsdam

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Die Weißwaschung und Aneignung von Black Studies in Deutschland – Ein Community-Statement

9. Februar 2015 von accalmie

New Black Diaspora Studies, Black Bremen Studies, African American Research – was zunächst als längst überfällige Forschung und Lehre in Deutschland zu Schwarzer Geschichte, Kultur, Literatur, etc. erscheint, entpuppt sich schnell als Teil des Problems: Black Studies, auch die „Black Knowledges Research Group“ („Schwarzes Wissen“-Forschungsgruppe) in Bremen, sind weiss, sowohl personell als auch von der Heran­gehens­weise, dass Schwarze Menschen oft als Forschungs-„Objekte“ und auszuschöpfende Infor­mationsquellen, nicht aber als Kol­leg_in­nen, Impulssetzer_in­nen und Wis­sens­pro­du­zent_in­nen be­trach­tet wer­den. Schwarze Wissenschaftler_innen, Aktivist_innen und Künstler_innen haben am vergangenen Freitag ein Statement veröffentlicht, das gegen die Weißwaschung und Appropriation (Aneignung) von Black Studies in Deutschland protestiert. Mitgezeichnet und unterstützt wird dieses Statement unter anderem vom Braunen Mob e.V., der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), ADEFRA e.V. (Schwarze deutsche Frauen und Schwarze Frauen in Deutschland), dem Bündnis kritischer Kulturpraktiker_innen, Prof. Dr. Angela Davis, Prof. Dr. Maisha Eggers, Dr. Peggy Piesche, Noah Sow und Sharon Otoo.

Das gesamte Statement und die umfassende Auflistung der Unterstützer_innen könnt ihr beim Present_Tense Scholars Network: Black Perspectives and Studies Germany lesen. Weitere Infos findet ihr auch auf Noah Sows Blog (…generell: Eine ständige Lektüreempfehlung!).

Ein Auszug:

Wir, die hier Unterzeichnenden, verurteilen die Art und Weise, in der Black Studies an der Universität Bremen mobilisiert und in Dienst genommen werden. […]

Angesichts der offenkundigen, proaktiv praktizierten Ausschließungen, den mehr oder minder feststehenden inhaltlichen Ausrichtungen der Arbeitsgruppen der Creative Unit, den diversen personellen Überschneidungen und den bereits laufenden bzw. angegliederten Forschungsprojekten stellen sich außerdem die Fragen, wie und von wem über die im Proposal beantragten Stellen und Gelder entschieden wird und auf welchen Auswahlkriterien diese Entscheidungen beruhen. Immerhin handelt es sich dabei um 1 Postdok-Stelle, 4 Doktoranden-Stipendien, 2 halbe Promotionsstellen und 4 Stellen […] für wissenschaftliche Hilfskräfte. […]

Es ist ein Skandal, dass Schwarze deutsche Wissenschaftler_innen und Aktivist_innen im Zuge der Gestaltung der Unit nicht konsultiert worden sind und ihre Arbeit umfassend entnannt wird, jedoch ihre Namen im Proposal auftauchen, wo sie ohne ihre Zustimmung als aktuelle oder „prospektive“ Kooperationspartner_innen gelistet wurden. Überdies werden die Forschungen von Schwarzen deutschen Wissenschaftler_innen, die in Deutschland seit vielen Jahren zu diesen Themen arbeiten und publizieren, ausschließlich „im Zusammenhang eines basisdemokratischen Aktivismus schwarzdiasporischer Autoren“ verortet.  […]

Mit anderen Worten: Während die finanziellen Ressourcen der Creative Unit dazu genutzt werden, um Stellen für weiße Wissenschaftler_innen zu finanzieren, werden die Namen von Schwarzen Wissenschaftler_innen / Aktivist_innen, wenn sie denn überhaupt Erwähnung finden, ohne die entsprechende Erlaubnis als Token verwendet. Eine solche Vorgehensweise ist nicht nur ungeheuerlich und unethisch, sondern bekräftigt das koloniale Modell der Enteignung: Schwarze Deutsche dürfen weißen Akademiker_innen gern als „Rohmaterial“ und „native informants“ dienen, es wird ihnen allerdings nicht erlaubt, als eigenständige Wissenschaftler_innen zu agieren. Weiße deutsche Akademiker_innen und Aufbaustudierende hingegen stehen bereit, um von noch mehr ökonomischem und symbolischem Kapital als Teil der geplanten Creative Unit zu profitieren. […]

In den USA sind Departments für Black Studies einst ins Leben gerufen worden, weil studentische und community-Gruppen politischen Druck auf die Universitäten ausübten, um die Wissensproduktion über und vor allen Dingen von (!) Schwarzen Menschen anzuerkennen, finanziell zu unterstützen sowie strukturell und personell zu etablieren.

Übrigens: Die Forschungsgruppe „Black Knowledges Research Group“ an der Universität Bremen hat sich im Zuge der Kritik nun innerhalb von zwei Tagen aufgelöst. Hier findet ihr die Stellungnahme (auf Englisch).


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