My Choice
Friday, October 3rd, 2008 von SusanneDank an louise für den Link.
Unlängst berichtete die Zeit über Mitarbeiterinnen der niedersächsischen Wurstwarenfabrik, die über Schwangerschaftstests bei der Bewerbung zu Abtreibung gezwungen wurden.
Die Betriebsärztin Christina von Auenmüller hat Bewerberinnen zu Schwangerschaftstests aufgefordert – das bestätigt selbst das Unternehmen. Um Frauen zu schützen, behauptet die Firma. Um Frauen einzuschüchtern, vermuten die Expertinnen aus den Schwangerenberatungsstellen von pro familia und donum vitae. Wegen der Tests bei Kemper hätten Frauen gekündigt oder sogar abgetrieben, heißt es in mehreren Briefen und Vermerken, die der Zeit vorliegen.
Die Frage nach einer Schwangerschaft im Bewerbungsgespräch ist heikel. Denn obwohl es laut Gleichstellungsgesetz nicht erlaubt ist, danach zu fragen, gibt es natürlich Gründe, auf mögliche Gefahren hinzuweisen. Zum Beispiel der Umgang mit giftigen Substanzen, die einer Schwangeren schaden können. Ähnlich argumentiert auch Kempers Betriebsärztin:
»Es kommt immer wieder vor, dass Mitarbeiterinnen erst im fünften oder sechsten Monat feststellen, dass sie schwanger sind«, sagt die Betriebsärztin. »Wir wollten verhindern, dass solche Frauen in unseren gekühlten Räumen arbeiten und sich selbst und ihren Nachwuchs gefährden.«
Die Bedrängnis, in die Bewerberinnen durch diese dubiosen Abtreibungstests geraten sind, kommt leider häufig vor. Ein Kind gilt in der Berufswelt nach wie vor als Handicap - lieber verschweigen und mehr noch, denn als Mutter stigmatisiert werden, denken viele. Vielleicht ist es aber gerade ein Denkfehler, die Tatsache zu verschweigen, dass Frauen Kinder haben (können). Ein Punkt, den die Journalistin Tissy Bruhns unlängst in einer Diskussion anbrachte: In der älteren Generation der Feministinnen wurden Kinder nicht erwähnt. “Sag bloß nicht, dass du Kinder hast oder willst”, riet man einander damals. Wollen wir heute eine strukturelle gesellschaftliche Änderung erreichen, dürfen Kinder (ob bereits existent oder nur theoretisch) kein Benachteiligungsgrund sein. Qua Gesetz sind sie das auch nicht mehr - demnach können sie künftig auch erwähnt werden. Oder sollten das auch. Was meint ihr?
Am Samstag, den 4. Oktober, läuft ein Bündnis aus christlichen Fundamentalisten und Rechtsextremisten in München auf, um gegen das Recht auf Abtreibung zu demonstrieren. Sie waren in Berlin und Salzburg auch schon unterwegs und wurden dabei relativ effektiv gestört. Auch in München sollen sie es bloß nicht gemütlich haben.
Wie erwähnt, treffen sich Interessierte morgen, am 27. 9. im Kulturladen Westend, in der Ligsalzstraße 44 um 20.00. Und wer da keine Zeit hat: Die Kundgebung gegen den “Schweigemarsch” findet am 4. Oktober um 14.00 am Geschwister-Scholl-Platz statt.
Die Pro-Choice-Aktivisten von dort scheinen eine ganz gute Gegendemo gegen fundamentalistische Abtreibungsgegner auf die Beine gestellt zu haben, liest man den Bericht auf no218nofundis.wordpress.com:
(…) Gegen 12.45 Uhr machten sich die Christ_innen am Neptunbrunnen bereit, ihre Kreuze zu schultern. Die Begegnung mit Lesben und Emanzen schien sie aber so sehr zu ängstigen, dass die Route des Schweigemarsches kurzfristig geändert werden musste, und so ein Vorbeimarschieren der Christ_innen an der Gegenkundgebung vermieden wurde. (…) Zwei Blasfeministinnen gelang es, sich unter die Irrgläubigen zu mischen. Sie rissen sich die T-Shirts vom Leib, küssten sich und bekundeten ihre Ablehnung christlichen Unfugs, bis sie von Polizist_innen abgeführt wurden. Insgesamt ist das Konzept von Kundgebung und dezentralen Aktionen gut aufgegangen.(…)
Glaubt man dem Verein “Lebenszentrum“, werden in Deutschland etwa 1.000 Schwangerschaftsabbrüche an jedem Werktag vorgenommen. Der Münchner Verein, der sich fundamental gegen Abtreibung ausspricht, erklärt diese Zahl, die mehr als doppelt so groß ist wie die offizielle Zahl des Statistischen Bundesamtes, über Dunkelziffern. Denn, so die Vereinssite kostbare-kinder.de: Laut Expertenmeinung würden nur die Hälfte aller Abtreibungen gemeldet. Ob in die Dunkelziffer die “Pille danach” mit einberechnet wurde, die zum Beispiel auch der Papst als Abtreibungsmethode brandmarkt?
An eben jene 1.000 Abtreibungen sollen die 1.000 weißen Holzkreuze in den Händen der “Lebensschützer” erinnern, die nun in verschiedenen europäischen Städten unter dem Motto “1.000 Kreuze für das Leben” zusammentreffen - unter anderem am kommenden Samstag, den 20. September in Berlin, und zwei Wochen später, am 4. Oktober dann in München. Im Juli waren in Salzburg schon rund 200 weiße Kreuze durch die Stadt getragen worden. In Berlin, München und London werden im Oktober Kreuze verteilt, flankiert von “Pro Choice”-Gegen-Demonstrierenden. Mitte Dezember ist eine Lichterkette vor den Salzburger Landeskliniken geplant, wo „seit 2005 die Abtreibungsmaschinerie angelaufen ist“, wie es auf der Website der EuroProLife-Ärztevereinigung epld.org heißt.
Sowohl in Berlin als auch in München werden jetzt Gegen-Demonstrationen organisiert. Auf no218nofundis.wordpress.com gibt es zum Beispiel alle Infos zu Gegen-Veranstaltungen am 17. September und 8. Oktober in Berlin. Für München gibt es bisher noch keine konkret geplanten Aktionen, aber bikepunk macht sich in seinem Blog schon mal Gedanken über das Wie, zumal er auch eine Wette Berlin vs. München angezettelt hat - wo mehr Gegen-Demonstrierende kommen werden. Auch hier ist in den Kommentaren sehr viel Platz, um sich gemeinsam zu verabreden.
Wir erinnern uns: In Deutschland ist Schwangerschaftsabbruch möglich, aber nach wie vor illegal. Um Frauen künftig eine straffreie Entscheidungsmöglichkeit zu geben, wurde im Frühjahr 2008 in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats die Resolution 1607 verabschiedet: Die Mitgliedsstaaten sollen ein einheitliches Recht auf Schwangerschaftsabbruch schaffen. Diese Resolution ist wohl der Grund, warum die europäischen Lebensschützerinnen und Lebensschützer jetzt so massiv mobil machen.
Nachtrag:
Wie bikepunk in den Kommentaren schreibt, gibt es jetzt eine Aktionswebseite, die alle Münchnerinnen und Münchner auf dem Laufenden hält und zum Verabreden einlädt. Als Termine stehen zum einen Samstag, der 27. September, an dem sich um 20 Uhr alle Interessierten im Kulturladen Westend (Ligsalzstr. 44) treffen können. Am 4. Oktober dann ist um 14 Uhr der Geschwister-Scholl-Platz Treffpunkt, ab 20 Uhr dann Party des Queer-Kafes im Kafe Marat (Thalkirchnerstr. 104).
Vorletzte Woche sah ich auf Arte eine sehr gute und erschütternde Reportage über Mädchen und Frauen in Indien. Jetzt ist die Dokumentation auch endlich online zu sehen. Sie zeigt die ganze Komplexität des Themas: dass weibliche Föten abgetrieben werden, weil nach indischem Recht Frauen nicht erben können. Stattdessen steigen die Erwartungen an die Mitgift einer Braut mittlerweile ins Unermessliche. Und je weniger Frauen es in Indien gibt, desto weniger Mitspracherechte haben sie auch.
Organisationen wie Save A Girl Child kämpfen dagegen an, dass Mädchen in der indischen Gesellschaft so missachtet werden. Sie filmen mit versteckter Kamera in Abtreibungskliniken. Sie unterstützen Frauen, wenn diese ihre Tochter nicht abtreiben. Sie bringen Ärzte vor Gericht, die neugeborene Mädchen auf Geheiß der Eltern “verschwinden” lassen. Sie veranstalten Geburtsfeste auch für Mädchen, obwohl diese normalerweise nur bei der Geburt eines Jungen stattfinden.
(Foto über Arte)
Auf jetzt.de gibt es ein schönes Interview mit Diablo Cody, die das Drehbuch zum Oscar-nominierten Film geschrieben hat und reichlich erstaunt war, wie ihre Geschichte riesen Wirbel unter amerikanischen Abtreibungsgegnern und -befürwortern sorgte.
(Foto über jetzt.de)