Einträge mit dem Tag ‘§218’


Backlash Blues? Der Jahresrückblick mit der Mädchenmannschaft

17. Dezember 2012 von der Mädchenmannschaft

Am 9. Dezember hat sich ein Teil der Mädchenmannschaft – nämlich accalmie, Charlott, Magda, Nadine und Sabine – zusammengefunden, und wir haben gemeinsam auf das Jahr 2012 zurückgeblickt. Bei Tee und Muffins sprechen wir über Aktionen aus dem Jahr 2012, die uns gefallen haben, stellen fest, dass sich das vergangene Jahr auf jeden Fall sehr nach Backlash anfühlte – und erklären warum.

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Der dauernde Kampf um Reproduktionsrechte

21. September 2012 von accalmie

Embryonen sind Bürger_innen der USA und des US-amerikanischen Bundesstaats, in dem sich ihr Wohnsitz befindet. Sie haben das Recht auf ein ordent­liches Ge­richts­­verfahren, ohne das ihnen kein Staat Leben, Freiheit und Eigen­tum nehmen oder gesetz­lichen Schutz versagen darf.

Wenn es nach US-Republikaner_innen ginge, wäre dies schon bald die Ver­fassungs­­­lage in den USA: das Wahl­­programm, das auf dem Par­tei­­tag der „Grand Old Party“ vor einigen Wochen in Flo­rida verabschiedet wurde, sieht ein „human life amendment“ („menschliches Leben“-Verfassungs­­­zusatz) vor, das darauf abzielt, be­fruchtete Ei­­­zellen als „ungeborene Kinder“ zu de­finieren. Dem­­­ent­­sprech­end wären be­reits Blasto­­­zysten als US-Bürger_innen an­­­zu­­­er­­kennen und ihnen die gleichen Zivil­­­rechte ein­­zu­­räumen wie im 14. Ver­­fas­sungs­­­­zusatz für US-Bürger_innen fest­­gelegt; ein gesetz­­liches Vor­­haben, das auf bunde­sstaat­licher Ebene erst 2011 in Mi­ssi­­­ssi­­ppi scheiterte.

Seit das Ober­­ste US-Verfassungs­­­gericht im Fall Roe v. Wade 1973 Schwanger­­­schafts­­­ab­­­brüche legali­siert hat, sind diese theo­­retisch bis zur eigen­­­ständigen Lebens­­­fähig­­keit („viability”) des Fötus’ möglich. De facto werden aufgrund diverser zu­sätzlicher Regelungen Ab­trei­bungen über­­wiegend bis zur 12. Schwanger­­schafts­­woche vor­genommen. Das nun offi­­ziell ein­­gebrachte „human rights amendment“ ist allerdings nur der Höhe­punkt einer jahr­­zehnte­­langen Kam­pagne christ­­licher Fundamentalist_innen, inner­halb und außer­­halb politischer Macht­­strukturen, in ihrem Versuch diese Rechts­sprechung aus­zuhöhlen; sei es durch diverse Ein­schränkungen des Zugangs zu Abtreibungskliniken (oder auch nur Ver­hütungs­mitteln wie der „Pille danach“), durch das Aufstellen zusätzlicher Hürden wie ver­pflichtender „Beratungs“-Gespräche, un­­nötigen medizinischen Prozeduren wie trans­vaginalen Ultra­schalls und Warte- oder „Bedenk”-Zeiten, durch die Streichung finanzieller Zu­schüsse zu Ge­sund­heits­orga­nisa­tionen wie Plan­ned Parent­hood oder gar Bedrohung und Ermordung von Ärzt_innen, die Schwanger­­schafts­­ab­­brüche vor­nehmen.

Bei all der berechtigten Kritik an jenen un­­ver­hohlenen Ein­­schüchter­ungs- und Be­­­­stra­­fungs­­­maß­­­nahmen für Menschen, die in den USA eine Schwanger­­­­schaft beenden wollen, vergisst man jedoch häufig das Nahe­­­liegende: in Deutsch­­land ist Ab­treibung noch nicht einmal legal. Para­graph 218, der seit 1871 im deutschen Straf­­­gesetz (in verschiedenen Aus­­­formungen) ver­­ankert ist und seit Jahr­­­zehnten von Feminist_innen explizit kriti­­siert und be­­kämpft wird, sieht seit 1976 (und im Zuge der Ab­­lehnung einer „Fristen­­regelung” erneut seit 1995) ledig­lich vor, dass Ab­­­­trei­bung unter be­­stim­m­ten Um­­­­ständen straf­­­frei bleibt. Wie die Emma schreibt, wird Frauen* hier kein Recht, sondern eine Gnade gewährt – anhand der Bundes­tags­­­debatten kann man das un­schön nach­­­voll­­­ziehen. Tat­­säch­lich hat Deutsch­­land eines der restrik­­tiv­sten Ab­treibungs­­­ge­setze Europas, und manche gesetz­­­lichen Regelungen, die von christ­­­lichen Fundamentalist_innen in den USA erst ei­ngeführt werden möchten und dort von Feminist_innen vehement abgelehnt werden (wie verpflichtende, nicht-neutrale Be­ratungs­­­ge­spräche und so­­genannte „Bedenk­zeit”), sind in Deutsch­­land schon lange Reali­tät.

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Aus dem echten Leben: Spätabtreibung

3. Juli 2009 von Barbara

“Der Ludwig lacht”. So lautet der Titel einer Spiegel-Reportage über ein Elternpaar, das sich zu einer Spätabtreibung nach medizinischer Indikation entschlossen hatte; über die kürzliche Veränderung der Gesetzeslage bei Spätabtreibung haben wir bereits hier berichtet. Doch wie schon der Titel der Reportage andeutet – das Kind ist trotz des Entschlusses zur Welt gekommen. Und lacht.

Die Geschichte dahinter: In der 34. Schwangerschaftswoche wurde das Elternpaar mit der Diagnose überrascht, dass ihr ungeborenes Kind höchstwahrscheinlich körperlich und geistig behindert sein wird. Schweren Herzens entscheiden sie sich für einen Abbruch der Schwangerschaft. “Aber über eins waren wir uns immer einig: Wenn was im Hirn nicht stimmt, dann soll’s nicht sein”, wird der Vater zitiert. Doch trotz der rechtlich eindeutigen Lage – nach medizinischer Indikation darf eine Schwangerschaft auch spät abgebrochen werden – findet sich kein Krankenhaus, keine gynäkologische Praxis, die die Abtreibung tatsächlich vornimmt. Eine sogenannte Ethik-Runde in einer Münchner Geburtsklinik untersucht den Fall und schickt das Elternpaar zu einem zweiten Arzt. “Behindert ist er schon”, heißt es dort über das ungeborene Kind. “Aber einen Abbruch machen wir nicht, und in der 35. Woche brauchen Sie auch nirgendwo anders mehr hinzugehen.”

Der Arzt aus der Münchner Geburtsklinik meint dazu: “Vor zehn Jahren haben die Politiker das Gesetz so geändert, dass man ein behindertes Kind bis zum Geburtstermin abtöten kann. Würden wir das ernst nehmen, hätten wir eine Menge Fetozide. Also tun wir einfach so, als gäbe es das Gesetz nicht.” Daran ändert auch die Gesetzesänderung nichts. Der Arzt: “Deswegen werden nicht mehr Frauen behinderte Kinder zur Welt bringen wollen”, sagt er, “an unserer Realität geht das vorbei.”

So wurde auch das Kind Ludwig geboren, und es wächst heute bei den Eltern auf. Und obwohl die Eltern beteuern, das Kind zu lieben, so wie es ist, sagt die Mutter auch: “Trotzdem würden wir uns immer wieder gegen das Kind entscheiden, wenn wir könnten.”

Wenn wir könnten.


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Wir haben abgetrieben

17. Februar 2009 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 11 von 55 der Serie Meine Meinung

Stern-Cover (c) Stern Das Zeit Magazin präsentiert in dieser Woche ein wichtiges Thema: Bezugnehmend auf die berühmte Stern-Kampagne von 1971, in der 354 Frauen bekannten, eine Schwangerschaft abgebrochen zu haben, macht das Heft im selben Layout und Titel auf. “Wir haben abgetrieben”, bekennen mehrere Männer. Besser gesagt, sie waren irgendwie dabei, als ihre Partnerinnen abtreiben ließen. Fast alle Beziehungen sind heute getrennt, die Männer leiden noch immer unter den Abtreibungen. Ausführlich wird dann die Geschichte eines Betroffenen gezählt, dessen Frau sich nach drei Kindern entschließt, die vierte Schwangerschaft abzubrechen. Gegen seinen Wunsch.

Ein Auszug:

Nicht einmal jede vierte Frau, die wegen einer Abtreibung eine Beratungsstelle aufsucht, wird von einem Mann begleitet, das bestätigt eine Statistik von Pro Familia in Köln aus dem Jahr 2005. Das Gesetz, das die Beratungen regelt, hat die Väter praktisch vergessen: Es listet auf, welche Experten man hinzuziehen könnte, Ärzte und Sozialarbeiter, erst ganz am Schluss erwähnt es den “Erzeuger”. Thomas Schramm [der Betroffene], ein bloßer Funktionsträger der Fortpflanzung? Es ist die alte Abtreibungsdebatte, der berühmte Satz “Mein Bauch gehört mir”, der so schwer und wuchtig klingt wie aus einem Geschichtsbuch, durch den er sich als Mann so an die Wand gedrängt fühlt.

Linda nennt das Argument, das ihn an meisten ärgert: Das Geld würde nicht reichen für ein viertes Kind. Wie kann sie so kalt sein, ein Leben mit Materiellem aufzurechnen? “Notfalls würde ich Sozialhilfe beantragen”, sagt er. Die Beraterin zählt ruhig weitere staatliche Hilfen auf, Mutterschaftsgeld, Erziehungsgeld, Kindergeld, aber für ihn klingt es, als erfülle sie nur ihre Pflicht. Dann fragt sie: “Würden Sie es Ihrer Frau übel nehmen, wenn sie abtreibt? Würden Sie es ihr später mal vorwerfen?” Thomas ärgert sich. Die Frau gibt ihm das Gefühl, er sei hier das Problem. “Ich weiß es nicht”, antwortet er patzig. “Die Situation hatten wir ja noch nie.”

Ist Abtreibung ein Thema, das auch Männer etwas angeht? Das hat in der Mädchenmannschaft für große Diskussionen gesorgt:

Einerseits:
Wenn wir von einer normalen, dauerhaften und durchschnittlich gesunden Beziehung ausgehen (eine Abtreibung nach Vergewaltigungen, Missbrauch, etc. ist noch einmal eine andere Geschichte), dann sollte der Mann ein Mitspracherecht haben. Mitsprache beginnt damit, dass sie ihm sagt, dass sie schwanger ist, so dass er sagen kann, was er dazu denkt.
Doch was heißt Mitspracherecht am Ende, wenn es nur noch darum geht, wer entscheiden darf? Nur die Frau, gesetzlich gesichert? Und der Mann ist zuvor beim Beratungsgespräch, gesetzlich verpflichtet dabei? Sollte zusätzlich gesondert Beratungsangebote für Männer geben? Schwierig wird es, wenn wie im obigen Artikel geschildert: Der Mann, der gerne das Kind hätte, das die Frau abtreiben will. Oder er kein Kind will, sie aber schon.

In einer solchen Situation müssen beide ernst genommen werden. Der Wunsch des Mannes darf nicht mit: “Mein Bauch. Meine Entscheidung. Geht dich nichts an!” abgebügelt werden. Denn gehen wir von einer gleichberechtigten, normalen Beziehung (s.o.) aus, ist er ja auch gleichberechtigt an der Schwangerschaft beteiligt. Also muss man intensiv darüber reden – und das vielleicht unter Anleitung von (psychologischen) Beratern. Das kann natürlich dazu führen, dass man zu unterschiedlichen Einschätzungen gelangt. Was dann?

Dazu folgende Überlegung: Wenn Thomas aus dem obigen Artikel meint, es sei doch kein Problem, noch mehr Kinder  zu haben, nimmt er vielleicht Lindas Lage nicht richtig wahr. Vielleicht hätte Linda ihre Meinung geändert, wenn er ihr versprochen hätte, dass sie ihren Job ganz normal weitermachen kann, weil er zu Hause bleibt (komplett!), das Kind nicht gestillt wird usw. Dieses Angebot hat er ihr ja offensichtlich nicht gemacht, sondern unausgesprochen vorausgesetzt, dass es so läuft, wie davor auch immer: Sie kriegt das Kind, stillt und bleibt wieder zwei Jahre aus dem Beruf. Versteht er, was das für sie bedeutet?
So einfach das klingt, so schwer ist das: Es sollte versucht werden, Verständnis füreinander zu erlangen – obgleich man vielleicht anderer Meinung bleibt.

Andererseits:
Zurück zur Entscheidung: Diese fällt am Ende die Frau. Niemand – also wirklich NIEMAND – darf einer Frau vorschreiben, was mit ihrem Körper passiert. Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht. Wenn eine Frau ein Kind im Bauch hat, das sie nicht möchte, darf ihr niemand vorschreiben, dass sie es bekommen soll, weil sie damit völlig instrumentalisiert würde, nämlich: Als Gebärmaschine aus nicht freiem Willen. Das ist im Grunde gegen die Würde des Menschen. Sie wäre quasi Leihmutter für ihren Partner.

Problematisch am vorliegenden Artikel bleibt, dass vernachlässigt wird, dass es eine doch recht starke und aktive Lobby gegen Abtreibungsrecht gibt. Die sich in der Hauptsache gegen die abtreibenden Frauen wendet – und nicht gegen die Männer.  Der Tonfall des Textes ist einem flammenden Plädoyer für die Sprachlosen angemessen, doch wird die Sprachlosigkeit, die eben oft zwischen Geschlechtspartnern herrscht, kaum eingeordnet oder benannt. Der Autor geht davon aus, dass Männer in der Debatte stets zurückgedrängt wurden und meint, er müsse den diskursiven Spieß nun einfach umdrehen: indem er die Frauen nicht zu Wort kommen lässt. Auch in der Form ist die Aufbereitung des Themas nachlässig. Die Kurzprotokolle, in denen die Erfahrungen der zehn Abtreibungsmänner zusammengefasst sind, werden der Komplexität einer Situation, in der sich eine Frau gegen ein Kind entscheidet, mitnichten gerecht. Dadurch bedient der Text ein altes Vorteil gegen Frauen – nämlich, dass sie leichtfertig abtreiben würden. Und eine einseitige Parteinahme für jene Männer, die gegen die Abtreibung ihrer Partnerinnen waren/sind, lässt sich allzu leicht mit den Parolen der Abtreibungsgegner vermischen – wie hier geschehen.

Das gilt es zu verhindern – deswegen wollen wir eine feministische Diskussion darüber führen, wie das verständliche Verlangen der Männer, in Sachen Abtreibung mitreden zu dürfen, ernst genommen und eingebunden werden kann. (Aus unserer Erfahrung bei anderen Diskussionen zum Thema Abtreibung möchten wir euch darum bitten, mit Bedacht zu posten. Wir werden hier noch genauer als sonst mitlesen und eventuell auch stärker als sonst moderieren, sollten wir Anlass dazu haben. Deswegen geht bitte respektvoll mit den anderen und deren Meinungen um. Danke!)


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