Sünde sei mit uns

von Verena

Am 19. Mai erscheint das neue Album von Tori Amos „Abnormally Attracted To Sin“. Sex, Sünde und Religion – zum wiederholten Male analysiert Amos diese Motive mit besonderem Blick auf ihre Wechselwirkung hinsichtlich der Rolle der Frau. Im Interview mit spiegel.de erklärt die Musikerin ihr Verständnis von Sünde:

Ich fühle mich zu allen möglichen Dingen hingezogen, die das Patriarchat wohl bedrohlich findet. Bedrohlich, weil ich mich für die Souveränität von Frauen einsetze. Darunter verstehe ich, dass wir uns von männlichen Autoritäten emanzipieren sollten, die über hunderte von Jahren uns diktiert und vordefiniert haben, was Sünde für eine Frau zu bedeuten hat.

Gegenüber diestandard.at sagt Amos, bei der Definition von Sünde gehe es den Religionen „um Unterdrückung und darum, das Sexuelle und das Spirituelle in den Frauen zu trennen“. Besonders Mütter würden von jeglicher Erotik abgeschnitten.

„Frauen müssen schon seit langer Zeit mit der Idee umgehen, dass sie, wenn sie Mutter werden, dafür ausgerechnet jene Dinge amputieren müssen, die sie zur Mutter gemacht haben“, so Amos. „Diese andere Seite“, das Erotische der Frauen, wird als „nicht ehrenhaft angesehen, und in Magazinen am obersten Regal der Zeitungsstände“ versteckt.

Auch wenn Tori Amos hier ihre bereits mehrfach abgeschrittenen Pfade erneut durchläuft, manche Dinge gehören einfach auf A-Rotation. Ob das auch für ihre Musik gilt? Kritik zur Platte gibt es hier.




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Eintrag geschrieben: Montag, 11. Mai 2009 um 16:34 Uhr unter Familien_politik, Inspiration, Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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11 Kommentare

  1. kugelschreiber sagt:

    „Frauen müssen schon seit langer Zeit mit der Idee umgehen, dass sie, wenn sie Mutter werden, dafür ausgerechnet jene Dinge amputieren müssen, die sie zur Mutter gemacht haben“

    müssen?
    ich kenne nur welche, die das von sich aus tun. niemand zwingt sie.

  2. Neeva sagt:

    Na, ja es sagt sich sicherlich keine junge Mutter „Jetzt hab ich mein Baby, jetzt muss ich mich gottseidank nicht mehr als sexuelles Wesen begreifen.“

    Die Gründe für die beobachtete Tendenz sind sicherlich vielschichtig und einen eigenen Artikel wert. Da ich noch nie ein Kind geboren habe, kann ich auch nur spekulieren. Aber mit den Stichworten Zeit für die Heilung relevanter Regionen, körperliche Erschöpfung, Schlafmangel, ikonenhaftes Mutterbild kommt man den Ursachen sicherlich näher.

  3. kousheru sagt:

    gerade bei riot-grrrl.de gelesen, ein zitat von erzbischof tutu:

    „man hört die leute oft sagen, die sünde, die adam und eva begingen, muß etwas mit sexualität zu tun gehabt haben. unsinn!
    wenn gott zu ihnen sagte, sie sollen fruchtbar sein und sich mehren, sollte gott dann erwartet haben, sie könnten das tun, indem sie einander tief in die augen schauten?
    er, jesus, feierte das leben, und er hielt alles, was bekömmlich ist, für gut. wir sollen uns erfreuen an gutem essen, herrlicher musik, schönen mädchen und wunderbaren männern, sehenswerter landschaft, hoher literatur, entspannender erholung:
    das alles gehört zu dem, was wir leben nennen.“

    daran sollten sich viele andere kirchenmenschen ein beispiel nehmen imho

  4. kousheru sagt:

    was ich sagen wollte: tori pauschalisiert da ganz schön, wenn sie so allgemein von „den religionen“ spricht. find ich nicht gut.

  5. Neeva sagt:

    Der Bischof ist äußerst symphatisch. Hat sich aber wohl in der Kirche geirrt ;-)

  6. kousheru sagt:

    die afrikaner haben einfach ein ganz anderes verhältnis zu ihrem glauben.
    wenn wir hier denken, alle christen seien so-und-so, dann ist die annahme schon sehr egozentrisch und auf „die westliche welt“ beschränkt.
    und abgesehen davon sind auch die meisten otto-und-liesel-normalchristen hierzulande meist weit entfernt von dogmatischen papst-ansichten oder minderheiten-schreiern wie den abtreibungsgegnern usw.
    aber tori pauschalisiert ja nicht nur die christlichen religionen, sondern anscheinend „die religion“. an sich.
    halte ich für doof.

  7. Neeva sagt:

    Hast schon Recht. Aber ich hätte jetzt ein paar böse Beispiele von Organisationen, wo Otto-und-Liesel-Normalmitgliedern auch Zustimmung zu den grundlegenden Dogmen unterstellt wird, selbst wenn sie die nicht leben. Das würde allerdings wirklich zu weit führen.

    Daher ein geflügeltes Wort leicht abgewandelt: Ein vernünftiger und lebensbejahender Christ/Jude/Muslim/Hindu ist mir lieber als tausend eifernde Atheisten.

  8. Weltgeist sagt:

    Auch als prinzipiell wohlwollender Leser habe ich zuweilen den Eindruck, in einem Text müssen nur bestimmte Schlüsselbegriffe auftauchen (Patriarchat, Frauen, emanzipieren)- schon wird er als wichtiger Beitrag zur Aufklärung der Menschheit gesehen. Wenn man so etwas wie das hier Zitierte als 15-Jährige/r im Religionsunterricht von sich gibt, ist es sicher respektabel. Aber muss man es dann gleich öffentlich „auf A-Rotation“ setzen? Und warum sollen eigentlich „männliche Autoritäten“ vornehmlich für religiöse Quälerei verantwortlich sein? Gab es „über hunderte von Jahren“ hinweg nicht auch so etwas wie lustfeindliche Erzieherinnen, sadistische Nonnen, weiblich geführte Erziehungskerker für „gefallene Mädchen“? Hatten Frauen mit Pietismus nie was zu tun?
    Und Männer wollen also das erotische Moment der Frauen amputieren, was sich durch schamhaftes Verstecken von Pornoheften äußert. Ist das nicht ein bisschen arg wirr?

  9. kousheru sagt:

    naja, also die kirche (welche auch immer) ist ja trotz nonnen usw. (die das oft mitgetragen haben, sicher), ja doch schon definitiv patriarchal strukturiert!

  10. Schnatterinchen sagt:

    Weltgeist hat völlig Recht. Ich möchte noch hinzufügen, dass statistisch gesehen Frauen viel religiöser sind als Männer, und dass, alte Leier, in demokratischen Ländern Frauen die Mehrheit der Wahlberechtigten stellen (klar, im weltlichen Bereich, aber dort werden auch Gesetze gemacht, die die Kirchen betreffen). Also schon mal zwei in diesem Zusammenhang zentrale Größen, die für ein zahlenmäßiges Übergewicht von Frauen sorgen.

    Wenn dann trotzdem keine Veränderungen in patriarchalen Religionsstrukturen passieren, dann muss man sich argumentativ schon ein bisschen verbiegen, um ausschließlich „männliche Autoritäten“ zu beklagen, von denen es sich zu emanzipieren gilt.

    Aber diese Verbiegung muss natürlich sein, wenn man das monolithische Feindbild der verknöcherten Kirchenpatriarchen nicht angekratzt haben will. Stellt sich nämlich heraus, dass man, legt man sich mit Kirchen/Religionen an, es genau genommen mit mindestens so vielen weiblichen wie männlichen Gegnern zu tun hat, zerfasert sich die Stoßrichtung so ein bisschen, und es bleiben zwei liebgewonnene Konzepte auf der Strecke: das der allgemeinen Frauensolidarität im Angesicht des schwarzen Patriarchen-Blocks sowie das Bild von der Frau als (Kirchen-)Opfer.

    Andererseits: Vielleicht weiß eine Tori Amos das ja auch alles, sieht aber die Frauen (außer sich selber, nehme ich mal an) generell als indoktriniert und willenlos an – oder zumindest als derart inexistent, dass sie gar keiner, also noch nicht mal einer kritischen Erwähnung als religiöse Mehrheit und spielentscheidende Mitträgerinnen von Kirchenstrukturen bedürfen. Was dann aber eine reichlich frauenfeindliche Haltung wäre.

    Wie bedeutsam die Rolle der Frauen für die Aufrechterhaltung von kirchlicher und religiöser Autorität ist, würde sich zeigen, wenn Milliarden von Betschwestern sich weltweit an den Händen fassten, um mal raus an die frische Luft zu gehen.

  11. Ariane sagt:

    Erzbischof Tutu bringt es eigentlich auf den Punkt: Die Kirche, er meint damit wohl die christliche, in erster Linie die anglikanische (der er wohl angehört, oder?) ist nicht sexualfeindlich an sich, sondern hat tritt für eine Regulierung der Sexualität ein.
    Dennoch sind die Voraussetzungen alles andere als frauenfreundlich, denken wir an die Geschichte von Adam und Eva. Nur, das frage ich mich als Nicht-Theologin, kommt da die Frau wirklich schlechter weg als der Mann? Der Mann wird ja zu harter Arbeit verdammt und ob die Schuld, sich verführen zu lassen tatsächlich geringer ist als die Schuld zu verführen, ist ja auch nicht eindeutig gesagt. Interpretiert wird das seit Jahrtausenden anders, das ist allen monotheistischen Religionen gemeinsam, da sie die gleichen Grundlagen haben.
    Die christlichen Kirchen gehen einen besonderen Weg, sie schneiden das sexuelle nicht nur vom Spirituellen der Frau, sondern auch des Mannes weg: Der Mann darf im besten Fall eine Frau haben, eine einzige für sein Leben (Ausnahme:Verwitwung), in der katholischen und teilweise der orthodoxen Kirche nicht einmal das, wenn er sich für den spirituellen Weg, das Priesteramt entscheidet. Somit ist es schwer, in den Grundsätzen ein frauenspezifisches Problem zu sehen.

    Die katholische Kirche ist aber eindeutig eine patriarchale Organisation. Darf man das ihr aber so vorwerfen? Ich würde das nicht so sagen, sie ist nich in erster Linie patriarchal, sondern veraltet. Denken wir doch mal daran, wann das Frauenwahlrecht und, wenigstens im Wortlaut des Gesetzes, die Gleichstellung der Frau mit dem Mann im säkularen Staat erfolgte. Das sind erst Jahrzehnte. Um 1900 hätte wirklich kaum jemand gesagt, die Kirche sei frauenfeindlich, weil ihre Organisationstruktur der der weltlichen Gesellschaft eher entsprach als heute.
    Neben der Organisation ist es auch das Frauenbild an sich, das länger bewahrt wird. Würde man von antiken heidnischen Gesellschaften ausgehen, käme man kaum zum Urteil, die christlichen Krichen seien frauenfeindlich, weil sie eben auch Vorteile für die Frauen mit sich brachte. Einer davon ist eben die Ehe auf Lebenszeit, die Verpflichtung des Mannes, bis zum Tod bei der Frau zu bleiben und sie zu versorgen. In einer Zeit, in der Frauen schlecht für den eigenen Lebensunterhalt aufkommen konnten, profitierten sie eben davon. Da war nichts mehr mit Scheidung per Rauswurf aus dem Haus.
    Die Realität hat die Kirche aber mittlerweile überholt. Die einen Kirchen versuchen, das Neue aufzunehmen, wie insbesondere die evangelischen Kirchen, andere, wie die katholsiche, beharren auf ihren alten Vorstellungen. Eigenltich führt keines von beidem zum Ziel. Die evangelische Kirche klammert ganz klar einige Dinge aus. Artikuliert wird das am stärksten in ihrer Position zur künsltichen Empfängnisverhütung: Zu Beginn ihr gegenüber sogar eher kritischer als die katholische Kirche eingestellt, einigt man sich auf eine wischiwaschi-Formulierung, es sei dem Gewissen der einzelnen Frau überlassen. Das ist Schwachsinn, denn etwas, das nicht schlecht ist, ist keine Gewissensentcheidung. Unter ihren Schäfchen wird das aber anders interpretiert: Kein Verbot, also erlaubt. Gleiches gilt für nichtehelichen Geschlechtsverkehr. Ist ja auch in der evangelischen Kirche verboten, wird aber nicht mehr lautstarkt verkündet. Oder Ehescheidungen. Die sind auf einmal möglich. Weshalb? Hat Gott mal die Pfarrer angerufen und ihnen gesagt, jetzt sei es möglich. Vorher aber nicht? Weshalb steht, zumindest theoretisch nichts mehr im Weg, eine geschiedene, bewusst kinderlose Frau zur Pfarrerin oder Bischöfin zu machen, vor 50 Jahren wäre das unmöglich gewesen? Weshalb geht das? Was die Christen zu tun und zu lassen haben wurde ja schon vor Tausenden Jahren niedergeschrieben.

    „„Diese andere Seite“, das Erotische der Frauen, wird als „nicht ehrenhaft angesehen, und in Magazinen am obersten Regal der Zeitungsstände“ versteckt.“

    Sorry, ist das aber nicht Unsinn? Ist damit erotische oder pornografische Literatur gemeint? D.h. eigenltich nicht Literatur, sondern die einschlägigen Zeitschriften? Diese liegen häufig nahe zur Thematik der Unterdrückung der Frau, Präsentation als reines Lustobjekt. Vielleicht bin ich da päpstlicher als der Papst, aber ich würde diese Zeitschriften nicht nur ins oberste Regal stellen, sondern ganz aus dem Zeitschritenhandel verbannen. Sicher, es gibt Frauen die gerne ihre Reize zur Schau tragen, egal ob erotisch wie im Playboy oder vielleicht sogar in noch schmuddeligeren Magazinen. Aber was lernen die Männer darauf? Lustobjekt, wer wenig Geld hat, gafft in diese Zeitschriften, wer es sich leisten kann, geht ins Puff. Und spätesten da finden wir Frauen, die nicht aus freier Wahl sondern mit Gewalt dazu verdonnert werden, sich so zu präsentieren.