Stolz und Vorurteil

von Susanne

Für Anfang Mai hat sich ein Kind angekündigt, also brauchen der Mann und ich Babysachen. In einen Laden mussten wir dafür noch nicht, denn erstaunlicherweise kommen die Sachen zu uns: Freundinnen und Freunde, Schwestern und Kollegen schicken, schenken und leihen uns, was das Kind benötigt, um sich fröhlich und ausgiebig vollspucken zu können.

Nur ein einziges Mal geben wir etwas Geld aus: für einen Kinderwagen. Eine Bekannte des Mannes überlässt ihn uns für ein lächerliches Drittel des Neupreises – deswegen kommen wir nicht einmal ansatzweise auf die 1400 Euro, die Eltern heutzutage im Schnitt für die Erstausstattung ihres Kindes ausgeben. Ich bin dankbar dafür, denn meine Vorstellung vom Kinderhaben hat wenig mit Selbstverwirklichung durch Babyausstattungskonsum zu tun.

Als wir den Kinderwagen abholen, sitzen wir Tee trinkend in der Küche der Bekannten und sie gibt zu, wie schwer sie sich von ihm trennen kann, er sei für sie mehr als nur ein Kinderwagen. Die Bekannte ist alleinerziehend, „mein Mann und ich haben uns noch in der Schwangerschaft getrennt“, sagt sie. „Ich zog in eine neue Stadt und fing einen neuen Job an. Für den ich ständig reisen musste, was ich dann meistens mit meiner Mini-Tochter, Koffer und Kinderwagen unterm Arm tat. Der Wagen ist so leicht, praktisch, einfach auseinanderzunehmen und so fröhlich-orange – in dieser Zeit war ich sowieso immer den Tränen nahe, da war ich froh, wenigstens nicht wegen irgendwelcher Treppen heulen zu müssen.“ Sie lacht über sich selbst und sagt dann: „Mit dem Kinderwagen war alles leichter, ich hatte manchmal das Gefühl, der Bugaboo ist mein Lebensretter.“

Richtig, ein Bugaboo. Vor ein paar Tagen hätte ich noch jedem einen Vogel gezeigt, der mir prophezeit hätte, dass wir uns so ein Ding anschaffen. Als der Mann das böse Wort zum ersten Mal erwähnte, fiel es mir schwer, ihm überhaupt zuzuhören, denn in meinem Kopf ging eine große, mit Manufaktum-Einlegepapier ausgekleidete Schublade auf und darin sah ich mich sitzen, als Bugaboo-Mutter. Die ihre Nachmittage auf Spielplätzen verbringt und dort mit anderen Bugaboo-Müttern die Vorteile von Petit Bateau-Wäsche diskutiert – den Coffee-to-go lässig im Kaffeebecherhalter des Kinderwagens. Die mit Anbruch der Elternzeit beschließt, für das Wohl des Kindes ihren Job ganz aufzugeben; der Mann muss dann eben mehr arbeiten, um das zu finanzieren. Ich dachte wirklich nicht einen netten Gedanken, nachdem das Reizwort „Bugaboo“ gefallen war.

Aber plötzlich, in der sympathisch verkruschten Zweiraumwohnung der Bekannten, ist es mir egal, wer diesen Kinderwagen hergestellt hat. Ich will diesen Wagen, mit dieser Geschichte, von dieser Frau, die ich ab und zu beruflich treffe und jedes Mal beeindruckt bin, wie souverän sie ihren Job macht.

Wir nehmen den Bugaboo mit nach Hause und mit ihm die Erkenntnis, dass ich manchmal abartig vorurteilsbeladen bin. Ganz werde ich meine Bugaboo-Abneigung nicht ablegen können, weil mir in meinem Viertel täglich die Mütter mit ihren großen Sonnenbrillen und schwarzen Babyporsches begegnen. Aber ich bin stolz, die Besitzerin dieses einen speziellen Bugaboos zu sein. Von drinnen sieht die Schublade erstaunlich anders aus als von außen.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne in der Taz.)




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Eintrag geschrieben: Freitag, 4. März 2011 um 9:18 Uhr unter Familien_politik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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11 Kommentare

  1. Miriam sagt:

    Ersteinmal herzlichen Glückwunsch!
    Mir ging es damals ganz genauso, ich konnte den Kaufrausch, der um mich herum alle werdenden Eltern befiel, überhaupt nicht nachvollziehen. Dass du aber schon weißt, was Petit Bateau Wäsche ist, hast du mir eindeutig vorraus…
    Und auch Bugaboo war für mich ein absolutes Reizwort. Wir haben statt dessen, auch gebraucht, einen weniger stylischen Kinderwagen gekauft und ich kann deiner Bekannten nur zustimmen: Diese Bugaboos sind schon verdammt praktisch. Wir haben ständig das Problem, dass der Kinderwagen zu sperrig ist. Man braucht mindestens einen Golf, um den Wagen in einem Auto zu transportieren (wir haben kein Auto, von daher stellt sich diese Problematik nur beim Besuch der Großeltern), selbst im Zug ist der Wagen zu groß, um bis zum Kleinkindabteil vorzudringen, zusammenfalten mit Säugling auf dem Arm geht gar nicht, etc. Ich ärgere mich heute, dass ich damals die mit Manufaktum-Papier ausgelegte Schublade nicht das kleinste bisschen aufgemacht habe, um da mal reinzulinsen… Und du hast ja immerhin die Ausrede, dass das Ding gebraucht ist. Eine echte Latte Macchiato Mutter würde das sicher nicht ertragen!
    Ansonsten kann ich immer noch nicht nachvollziehen, wie man sich über die Kleidung des Kindes definieren kann. Ich hab dem Sohn sogar rosa Strampler angezogen, unglaublich, was da los war. Und auch ansonsten bin ich nach wie vor froh, dass wir die meisten Klamotten ausgeliehen bekommen, ich hasse es, shoppen gehen zu müssen. Gebrauchte Klamotten sind eh viel besser, die sind schon so oft gewaschen, dass die potentiell weniger giftig sind.
    Du nähst doch auch selber. Ich habe leider zu spät entdeckt, wie toll es ist, Babyklamotten selber zu nähen. Individueller geht es nicht und in der Regel sind andere Eltern ziemlich neidisch auf die Sachen ;-)
    Und was die Mütter auf dem Spielplatz angeht: Nur weil man das Kind im Bugaboo spazieren fährt, muss das noch nicht heißen, dass man dann nur noch andere Bugaboo-Lenkerinnen treffen darf. Die meisten stellen sowieso ziemlich schnell fest, dass Petit Bateau Klamotten auf Dauer ganz schön ins Geld gehen und die Sachen von H&M eigentlich genauso viel taugen.

  2. Claudia sagt:

    was für ein schöner und wahrer Satz: „Von drinnen sieht die Schublade erstaunlich anders aus als von außen.“

  3. LLaura sagt:

    Sollte ich jemals einen Kinderwagen brauchen, dann würde ich Dir unglaublich gern genau diesen abkaufen wollen!

  4. palü sagt:

    einen herzlichen glueckwunsch und alles gute auch von mir!

    mich erinnert dein text daran, wie ich mit bauch einkaufen ging und sage und schreibe einen halben tag lang ueberlegt habe, ob ich die windeltuecher fuer sechs euro nehme oder nicht. damals hatte ich unglaublich wenig geld, und ich habe lange ueberlegt, ob ich wirklich zwoelf stoffwindeln brauchte. zum schluss siegte die vernunft, die dinger wurden gekauft und sind auch nach vier jahren und ein kind spaeter noch in taeglicher benutzung. der kinderwagen musste auch beide kinder ertragen. den hatten wir fuer 80 euro aus dem a&v und er hat sich mehr als rentiert. komisch, wenn ich jetzt mit einem durchschnittseinkommen auf diese zeit zurueckschaue, klingt das auch alles etwas schraeg, wie wir das ohne geld gewuppt haben. aber auch diese schublade ist von innen weiter, als man von aussen sieht – dank den leuten, die einem alte sachen weitergeben. und auch unsere babyausstattung ist jetzt in besitz einer alleinerziehenden mutter. das ist nur gerecht.

  5. Miriam sagt:

    Was mir noch zu den sperrigen Kinderwagen einfällt: am praktischsten fand ich schlussendlich das tragetuch, auch wenn es den Kinderwagen leider nur zu 95% ersetzen konnte.
    @palü: ich glaube, man hat gefühlt immer max. gerade genug Geld und fragt sich, wie man früher nur mit weniger ausgekommen ist.

  6. palü sagt:

    miriam, naja, ich hatte damals die fixkosten gedeckt und das wars. das war schon die grosse ausnahmesituation.

  7. Miriam sagt:

    @palü: ich wollte damit nicht sagen, dass du auch damals eigentlich genug Geld hattest, sondern eher auf das Gegenteil hinaus. Wenn man sich mal in einer komfortablen Situation eingerichtet hat, sind die unkomfortablen Zeiten plötzlich unvorstellbar, obwohl man es damals ja irgendwie geschafft hat, selbst wenn es eine Ausnahmesituation war. Der Mensch ist schon irgendwie darauf programmiert, dass der nachwuchs groß wird.

  8. palü sagt:

    ah, ok, da hatte ich dich genau andersrum verstanden, ja :)

  9. irka sagt:

    Hätte ich damals Manduca gekannt….

    ich organisiere mit meinen Freundinnen und meinem Herzallerliebst zweimal im Jahr einen Kindersachenflohmarkt, der von die Müttern hier total angenommen wird. Wir profitieren von den Mamas ausm Goldstaubviertel, die die abgelegten Sachen für wenig Geld verkaufen lassen – da sind schon mal geniale Teile dabei. Und der eine Kindergarten bekommt vom Umsatz auch noch einen Teil.

    Ich kaufe selten neu, und dann sinds Sachen fürs Wandern und UNterwegssein.

    Petit Bateau kommt da schon mal rein, aber von Bugaboo ich auch noch nichts gehört. Vermutlich kann ich diein“Pregnancy hill“ bewundern:-)

    irka

  10. drikkes sagt:

    Es bleibt trotzdem unglaublich selbstverliebter Mumpitz. Eltern unterstellen, sie würden sich Bugaboos und Petit Bateau einzig der „Selbstverwirklichung durch Babyausstattungskonsum“ wegen anschaffen. Auf die solventen Erstkäufer gerne herabsehen, aber die Sachen 2nd Hand dann dankend abstauben. Da kommt so eine rührige Story als Ausrede natürlich besonders gelegen.

  11. miesje sagt:

    was fuer ein schoener Bericht!