Spielabbruch und Kopftuch: Fifa vs. Iran

von Nicole


Eine neue Runde im Streit zwischen dem Weltfußballverband Fifa und dem Iran: Das Nationalteam der Frauen trat vor einigen Tagen zu einem Olympia-Qualifikationsspiel in Jordanien mit Hijab und langer Spielkleidung, die Arme und Beine bedeckt, an. Nach der Weigerung der iranischen Team­verantwortlichen, die Kleidung (insbesondere das Kopftuch) abzulegen, wurde die Partie von den Fifa-Schiedsrichtern abgesagt und mit 3:0 für Jordanien gewertet. Einen Protest des Iran hat die Fifa inzwischen abgelehnt. Kopfbedeckungen, die Hals und Ohren bedecken, sind nach den Regeln des Weltverbandes verboten, ebenso wie religiöse Symbole (Letzteres bezog sich meiner Erinnerung nach vor allem auf die Jesus-Botschaften auf den T-Shirts brasilianischer Spieler).

Don’t you believe the hype weist darauf hin, dass der asiatische Verband das Tragen des Kopftuchs erlaubt. Auch das gegnerische Team aus Jordanien sprach sich im Übrigen im Vorfeld des Spiels gegen die Hijab-Regel aus, wählte jedoch die Lösung, nur Spielerinnen zu nominieren, die keine Kopftücher tragen.

Dies ist nicht das erste Mal, dass es wegen Bekleidungsvorschriften zum Streit zwischen Fifa und iranischem Verband und Sittenwächtern kommt: Im vergangenen Jahr scheiterte die Teilnahme des iranischen Teams an den Olympischen Jugendspielen beinahe daran. Damals einigte man sich auf den „Kappen-Kompromiss“. Was mir unklar geblieben ist: Trugen die iranischen Spielerinnen in Jordanien nun solche Kappen oder nicht? Auf jeden Fall gilt der letzte Satz des Artikels aus dem vergangenen Jahr noch immer: Das Problem wird nicht verschwinden, eine Lösung muss her. Über kurz oder lang wird in einem islamischen Land ein großes internationales Sportereignis stattfinden, und zwar mit Frauen.

Update: Hinsichtlich der Frage, was die Spielerinnen denn nun genau getragen haben, gibt es offenbar unterschiedliche Angaben, wie aus einer Reuters-Meldung hervorgeht. Die Fifa sagt, die Kappen vom letzten Jahr wären okay gewesen, die Spielerinnen hätten jetzt aber Hijabs über Ohren und Hals getragen. Der iranische Verband sagt, man hätte das getragen, was bei einem anderen Spiel okay gewesen sei.




Tags: , , ,

Eintrag geschrieben: Dienstag, 7. Juni 2011 um 13:01 Uhr unter Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



Anzeige



26 Kommentare

  1. Andi sagt:

    Das sieht bei fast allen nach dem Modell vom letzten Jahr aus, wo die Kappen nicht immer komplett über die Ohren gehen und der Hals von einer Art Rollkragen bedeckt wird.

  2. anni sagt:

    ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll. einerseits ist es doch sicherlich eine gute sache, dass ein land wie iran überhaupt frauen ermöglicht, fußball auf diesem niveau zu spielen (und überhaupt). andererseits ist die verpflichtung zum tragen der benannten verschleierung nicht zu akzeptieren, solange sie von den spielerinnen nicht gewollt ist. ist das jetzt eine frage der kosten/nutzen-rechnung?
    und was ist das mit den religiösen symbolen: demnach müssten doch alle spielerinnen und spieler, die ein kreuz um den hals oder eine entsprechende tätowierung tragen (und das sind nicht wenige!) vom spiel generell ausgeschlossen werden (oder den schmuck ablegen/die tätowierungen abkleben o.ä.). wird hier mit zweierlei maß gemessen? ich bin ein wenig ratlos.

  3. Nicole sagt:

    @Andi: Siehe Update (wobei das die Sache auch nicht wirklich klarer macht :-) @Anni: ja, kreuz um den Hals ist eh nicht, also schon wegen Kette. Tattoos ist noch mal etwas anderes. Die Fifa-Vorschriften beziehen sich auf Spielkleidung, nicht auf Körper.

  4. Sabine sagt:

    Ich finde es bedauerlich, dass man eine Mannschaft deshalb ausschließt. Ich finde es großartig, dass Iran eine Frauenfußballmannschaft hat. Die jordanischen Lösung, nur Frauen zu nominieren, die kein Kopftuch tragen, ist zwar in Jordanien möglich, weil es dort keine Kleidervorschriften wie in Iran gibt, aber fair ist es dennoch nicht, weil man damit ja auch wieder Spielerinnen ausschließt – vor allem in einem Land, in dem die Mehrheit der Frauen nach wie vor ein Kopftuch trägt.
    Ich denke, ich bin für die Kappen-Lösung. Wenn sie die Spielerinnen nicht behindert, dann ist das doch eine gute Lösung. Und Spielerinnen, die im „richtigen“ Leben kein Kopftuch tragen, müssen ja nach der jordanischen Lösung auf dem Feld auch keines tragen.

  5. Angelika sagt:

    hallo Nicole, ich habe auch/die fotos dazu gesehen und weiss nicht, was ich denken soll … *vollkommener headcrash

    bei feministing steht „The Iranian women’s team, in keeping with the country’s Islamic law, plays in full-body suits that cover their hair.“

    http://feministing.com/2011/06/07/iranian-women%E2%80%99s-soccer-team-banned-from-2012-games/

    aha, sowas wie ein cover-all also ?! damit zu fussballen stelle ich mir gerade vor …
    und es sind wohl diese ultra/“sittenwächter“ die das von den fussballas verlangen (nicht „iranisches gesetz“)

    meldung bei reuters dazu + 2 Fotos – englisch :
    http://www.reuters.com/article/2011/06/06/us-soccer-olympics-iran-idUSTRE75526J20110606

  6. Angelika sagt:

    p.s. beim Guardian lese ich gerade dazu „the Laws of the Game“ und frage mich ob jetzt FIFA-reglement oder „die regeln für/die Olympiade“ gemeint sind – oder macht „die FIFA“ die regeln für die qualifikations-/spiele für die olympiade ?!

    „Despite initial assurances that the Iranian delegation understood this, the players came out wearing the hijab, and the head and neck totally covered, which was an infringement of the Laws of the Game. The match commissioner and match referee therefore decided to apply correctly the Laws of the Game, which ended in the match being abandoned.“

    hier – englisch :
    http://www.guardian.co.uk/football/2011/jun/06/iran-women-olympic-strip

  7. Irene sagt:

    Über kurz oder lang wird in einem islamischen Land ein großes internationales Sportereignis stattfinden, und zwar mit Frauen.

    Im Iran oder Saudi-Arabien wird das nicht so schnell passieren.

    Worauf wolltest Du denn konkret hinaus mit dieser Bemerkung?

  8. Keks sagt:

    Notiz am Rande:
    Erst 1970 wurde das Verbot des DFBs aufgehoben, dass Frauen nicht auf öffentlichen Plätzen Fußball spielen dürfen.
    „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“ (DFB Jahrbuch 1955)

  9. Keks sagt:

    Uund zum Thema:
    Ich blick’s auch gar nicht. Der Iran sagt, die Spielerinnen hätten etwas getragen, was in einem anderen Spiel okay gewesen sei. Das hört sich nicht an, als wenn es die Kappen gewesen sind, sonst hätten sie gesagt „Unsere Spielerinnen trugen die mit der FIFA vereinbarten erlaubten Kappen“.
    Es ist eine Sauerei, dass FIFA und Iran da irgendwelche politischen Tauziehen veranstalten. Lasst die Frauen Fußball spielen, verdammt.

  10. Nicole sagt:

    @Irene: Katar zum Beispiel hatte sich bereits um die Olympischen Spiele 2016 beworben.

  11. Irene sagt:

    Die Sommerspiele 2016 werden in Rio de Janeiro stattfinden. Über die Sommerspiele 2020 wird erst in zwei Jahren entschieden.

  12. Miriam sagt:

    @ Irene: Deshalb hat Nicole ja auch geschrieben

    Über kurz oder lang

    Es wird irgendwann passieren. Islamische Länder wollen Gastgeber sein, das hat die Bewerbung Katars gezeigt. Das IOC wird diese Länder nicht auf immer und ewig als Austragungsort ignorieren können. Nur weil es bisher noch nicht konkret ist, heißt das ja nicht, dass es nicht irgendwann konkret werden könnte. Spätestens dann muss das IOC verbindliche Regeln für die Bekleidung haben, schließlich kann man die SportlerInnen des Gastgeberlandes nicht von vornherein vom Wettbewerb ausschließen. Damit solange zu warten, bis es tatsächlich ein islamisches Gastgeberland gibt, halte ich für blauäugig.

  13. Irene sagt:

    Na wer weiß was in zwei Jahren ist, vielleicht gibt es bis dahin nicht mal mehr im Iran Religionswächter. Oder der Iran wird international boykottiert wie früher Südafrika.

    Welche Bedeutung soll denn der Austragungsort haben? Es geht ja konkret darum, ob Spielerinnen die vom Iran verlangte Bekleidung tragen dürfen, egal wo gespielt wird.

    Und Austragungsorte, an denen sich alle teilnehmenden Frauen nach iranischen oder saudi-arabischen Regeln bekleiden müssten, kommen ja nicht in Frage.

  14. Miriam sagt:

    Es geht darum, dass es für das IOC immer schwieriger wird, das Problem auf die oben beschriebene Weise zu lösen. Man kann nicht alle Sportlerinnen des Gastgeberlandes vom Wettkampf disqualifizieren. Es ist nötig, dass eine verbindliche Lösung gefunden wird, die es den Sportlerinnen ermöglicht, am Wettkampf teilzunehmen.

    Und Austragungsorte, an denen sich alle teilnehmenden Frauen nach iranischen oder saudi-arabischen Regeln bekleiden müssten, kommen ja nicht in Frage.

    Zur Zeit müssen sich alle Frauen nach westlichen Regeln kleiden, oder wie interpretierst du das Absagen der Partie?

  15. Irene sagt:

    Ich kann das nicht beurteilen, inwieweit die Entscheidung nur mit der Bekleidung oder auch mit dem Regime im Iran zu tun hat, das die strittige Bekleidung angeordnet hat. Vielleicht kann man das gar nicht trennen.

  16. Andi sagt:

    Die Kopftuch-Frage lässt sich vermutlich schon deshalb schwer lösen, weil zwei sehr verschiedene Argumente aufeinanderstossen: Das Verbot wird mit einer potentiellen Verletzungsgefahr (Strangulation) begründet, der Ruf nach Zulassung aber mit Religionsfreiheit. Und die altbekannte Debatte, ob das Kopftuch nun ein Zeichen von Unterdrückung oder Freiheit ist, gibt’s noch gratis dazu.

    Der Kompromiss von Singapur 2010 (Foto) unterscheidet sich jedoch für mich nicht erkennbar von dem, was jetzt zur Spielabsage geführt hat (Foto 1, Foto 2). Der Verdacht liegt daher nahe, dass das Verbot irgendwelche sachfremden Gründe hat.

  17. Andi sagt:

    (Äh, mit „Verbot“ im zweiten Absatz meinte ich den Spielabbruch.)

  18. Irene sagt:

    Und die altbekannte Debatte, ob das Kopftuch nun ein Zeichen von Unterdrückung oder Freiheit ist, gibt’s noch gratis dazu.

    Diese Diskussion erübrigt sich dort, wo es praktisch keine Alternativen zur Verhüllung gibt, wie eben im Iran.

    Und Katar ist wie Saudi-Arabien eine absolute Monarchie, ein Parlament gibt es nicht, der Islam ist Staatsreligion. Auch das klingt nicht nach großen Spielräumen.

  19. Irene sagt:

    Man findet online nicht gerade viel über den wahhabitischen Islam in Katar.

    Hier ein Interview mit einer bosnischen Regisseurin, die sich mit seinen Einflüssen in Bosnien befasst hat: http://kurier.at/kultur/2064781.php

  20. Alien59 sagt:

    Die Frage ist doch, wie weit ihr „Enthüllungsgebote“ mittragen wollt. Als Blatter seinerzeit mal darauf bestand, die Fußballerinnen hätten bitte „femininer“ auszusehen, gab es Gegenwind von den Feministinnen.
    Die Regelung z.B. beim Beachvolleyball, die nur die Teilnahme in einem etwas vergrößten Bikini zulässt – m.E. wirklich nur wegen Voyeurismus, einen sportlichen Grund kann ich da beim besten Willen nicht sehen – wird nicht diskutiert. Die – und ähnliche – finde ich sexistisch.

    Wenn es gegen islamische Vorschriften geht, möchte man dann muslimische Frauen zwangsbeglücken – und wenn es durch den Ausschluss von Wettbewerben geht. Die jordanische Lösung finde ich auch gar nicht glücklich. In Europa werden genauso muslimische Sportlerinnen aus Wettkämpfen gekickt.

  21. Irene sagt:

    Die Frage ist doch, wie weit ihr “Enthüllungsgebote” mittragen wollt.

    Bis zum Beachvolleyballbikini sicher nicht.

    Die Regelung z.B. beim Beachvolleyball, die nur die Teilnahme in einem etwas vergrößten Bikini zulässt – m.E. wirklich nur wegen Voyeurismus, einen sportlichen Grund kann ich da beim besten Willen nicht sehen – wird nicht diskutiert.

    Das wird schon auch diskutiert, unter anderem hier im Blog.

    Aber als Vergleich funktioniert das nicht wirklich. Fußballkleidung für Frauen ist ja auch nicht anders beschaffen als Fußballbekleidung der Männer, und die ist zweckmäßig ausgerichtet. Und ja, sie ist westlich – kein Wunder, da Fußball nun mal aus dem Westen kommt. Judo kommt aus dem Osten, und da trägt man dann asiatische Anzüge. Das alles wäre vermutlich kein Problem, wenn es keine Religionsdiktaturen wie Saudi-Arabien und Iran gäbe.

  22. Alien59 sagt:

    Doch, es ist ein Problem. Auch in Europa fliegen die Frauen aus den Mannschaften, wenn sie ihr Kopftuch nicht abnehmen. Auch bei Judo und ähnlichen Sportarten.

  23. Irene sagt:

    Ohne den Einfluss der Religionsdiktaturen hätte das Thema nicht diese Brisanz, und es wäre leichter, Kompromisse zu finden.

  24. delilah sagt:

    die iranische regierung ist also schuld am europäischen rassismus? wie komfortabel.

  25. Irene sagt:

    Von Schuld war gar nicht die Rede.

    Aus allem eine Schuldfrage zu machen, ist mir zu christlich ;-)

  26. Angelika sagt:

    @Irene – // Aus allem eine Schuldfrage zu machen, ist mir zu christlich ;-) //

    und ich frag/te mich „wer sitzt denn in diesen gremien, die das (und mehr) beschliessen ?“ sind das wieder mehrheitlich diese allseits bekannten (androzentrischen, heteronormativen, mehrheitlich westlich-geprägten, weissen) männer, die dann regeln beschliessen, wie sich frauen beim sport (u.a. aktuell badminton, fussball, beachvolleyball) zu kleiden haben ?!

    und wie kann sich das endlich ändern – „die mehrheit der frauen“ nimmt das ja sind hin – sind ja immer/wieder nur son paar „feministen, emanzen, lesben“ (nach belieben hier einsetzen) die dann in blogs „protestieren“ – bis auf die sog. slut-walks, die als protestaktionen z.zt. z.b. in USA, Australien, jedoch aus anderen „gründen“ stattfinden …