SpiegelOnlineFail

von Helga

„Ich wurde vergewaltigt.“

„Krass. So wie das Lied von David Bowie in der Vodafonewerbung?“

„Nein. So richtig mit keinen Sex wollen, Schmerzen haben, sich danach scheiße, machtlos, benutzt fühlen, Angst haben, dass einem keiner glaubt, dass es wieder passiert, sich selbst die Schuld geben.“




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 22. Juli 2009 um 16:43 Uhr unter Medienkritik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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20 Kommentare

  1. AnKa sagt:

    Ich muss zugeben, ich habe den Eintrag im ersten Moment gar nicht geschnallt.
    Aber ich fand´s schon immer erschreckend, wie leichtsinnig mit manchen Worten umgegangen wird. Vergewaltigung ist ein schreckliches Verbrechen, das das weitere Leben komplett verändert.

    Ähnlich leichtfertig wird ja mit dem Begriff Depressionen umgegangen(nein, schlechte Laune wegen ner verkackten Klausur ist KEINE Depression).

    Ich habe noch teilweise Verständnis, wenn sowas jemanden im Gespräch herausrutscht, aber ich denke, bevor man einen Text veröffentlicht, sollte man vielleicht mal 5 Sekunden darüber nachdenken, welch schreckliche Taten man hier lächerlich verharmlost.

  2. drikkes sagt:

    Da können wir ja von Glück sagen, daß die zwar nicht ganz so militante, aber doch ziemlich strikte Abtreibungsgegnerin Schnutinger Vergewaltigung als „einzigen Grund“ zulassen will, mit Ausnahme dessen Abreibungen „unter Umständen“ legal bleiben sollten. Am liebsten würde sie diese samt und sonders „verbieten“.
    (Zitate siehe Link)

  3. ff sagt:

    mmh das stimmt
    erst nachdem ich den ganzen artikel gelesen hatte hab ichs kapiert
    aber es ist wirklich schlimm wie sowas verwendet wird, ich kann mich AnKa nur anschließen
    ich hör auch städnig „sei doch nicht depressiv“ oder „ich hab grad so ne depressive phase“
    das wird ja ständig gesagt, nicht wenn es wirklich so ist, sondern schon wenn jemand ein wenig traurig ist
    ich habe slebst leute in der familie mit depression und das ist wirklich was anderes…
    naja, so ist das mit dem Spiegel…

  4. Alex sagt:

    Meint ihr denn nicht, dass Menschen im Zweifelsfall in der Lage sind, zwischen der wirklichen und der sinngemäßen Bedeutung eines Wortes zu unterscheiden?

    Ist es nicht normal, dass ein Wort wie „Vergewaltigung“ einen übertragenen Sinn wie „gewaltsame, verletzende Aneignung“ bekommt, und „depressiv“ einen übertragenen Sinn von „niedergeschlagen“ (es bedeutet ja wörtlich übersetzt auch nur „niederdrückend“)? So funktioniert Sprache nunmal, mit Metaphern.

    Das bedeutet doch noch lange nicht, dass damit die Bedeutung eines Wortes zwangsläufig verwässert wird und seine tatsächliche Schrecklichkeit plötzlich nicht mehr erkannt wird. Ich bilde mir ein, dass die meisten Leute immer noch zwischen einer echten Vergewaltigung und einer „Vergewaltigung“ eines Songs unterscheiden können.

    Oder unterschätze ich die Leute?

  5. wondergirl sagt:

    Ich sehe das auch wie Alex. Erinnert mich an ein Gespräch, dass ich mal im links-alternativen Umfeld mitgehört habe: „Du redest so schnell, wie eine Kalaschnikow…. – DAS ist kein schönes Wort, das wollen WIR hier nicht mehr hören“.

    Dieser Zwang zur PCness bekommt doch schnell was von Schere im Kopf und führt bestenfalls dazu, dass man unter bestimmten Menschen bestimmte Dinge nicht mehr sagt, nicht, dass man das Thema komplett anders angeht.

    Mal davon ab, dass man überlegen könnte, ob das Wort „Vergewaltigung“ auch im angemessenen Kontext alles das repräsentiert, was sich dahinter verbirgt. Letzten Endes ist es doch nur eine handvoll Silben, die nicht den Zustand der Betroffenen wiedergeben können.

  6. steve, the pirate sagt:

    Hier noch was zum Thema verharmlosung von Vergewaltigung aus

    http://www.zeit.de/2009/31/Lust-der-Frauen-31?page=2

    „Warum reagieren Frauen körperlich auf Szenen, die sie gefühlsmäßig kaltlassen oder sogar abstoßen? Chivers kann im Moment nicht viel mehr als spekulieren. Nach einem evolutionsbiologischen Erklärungsmodell würde sich der weibliche Körper bereit machen, sobald sexuelle Signale auftauchen, um im Falle einer Vergewaltigung, für den größeren Teil der menschlichen Geschichte eine verbreitete Variante des Beischlafs, mit größerer Wahrscheinlichkeit davonzukommen. Die körperliche Reaktion, wie sie ein Vaginal-Plethysmograf misst, würde man dann statt als Erregung besser als eine passive Bereitwerdung bezeichnen – ein evolutionärer Rest, der das Überleben wahrscheinlicher machte.“

    *sarkasmus on* Aha, Frauen sind also von Natur aus für Vergewaltung gemacht und es ist auch etwas ganz normale *sarkasmus off*

  7. Emily sagt:

    Hat sie Beweise, dass Vergewaltigung „für den größeren Teil der menschlichen Geschichte eine verbreitete Variante des Beischlafs“ war?
    Wenn sie das als Begründung für eine evolutionäre Entwicklung nimmt, dann muss das zu einer Zeit gewesen sein, in der ich die Menschen noch zu den Tieren rechnen würde. Und ich kann mir nur schwer vorstellen, wie man da zu solchen Schlüssen kommen kann. Die Quellenlage dürfte etwas mager sein in der Hinsicht.

  8. steve, the pirate sagt:

    Laut Artikel spekuliert Chivers auch nur.
    Über Chivers und ihre Forschungen wurde vor einiger Zeit auch in der Süddeutschen berichtet. Dort war dann auch wieder ihre These bezüglich Vergewaltigung zu lesen. Dort war dann auch der Fall von einer vergewaltigten Frau zu lesen, die eben nicht stark verletzt wurde, weil sie seltsamerweise zum Zeitpunkt der Vergewaltigung feucht war. Laut Chivers ist das eben dieser vollkommen natürliche Mechanismus.
    Das regt mich echt auf. es kommt für mich nämlich so rüber, als ob man sich ja gar nicht so über Vergewaltigungen aufregen soll, weil frau wird ja eh automatisch feucht und dann ist es doch gar nicht so schlimm. *kotz, würg*

    Hmm, was ist eigentlich mit Frauen, die geistig erregt sind und gerade einfach nicht feucht werden. Davon gibt es ja auch genügend – sonst gäbe es ja nicht das ganze Gleitmittel in der Drogerie.

  9. drikkes sagt:

    @Emily:
    Du kannst ja auch nicht einparken, deshalb fehlt Dir da wahrscheinlich auch der Überblick. Oder ich habe mal wieder nicht richtig zugehört.

    Diese verhaltenspsychologischen Steinzeitargumentationen sind doch totaler Bullshit. Und es werden nur die Schlüsse daraus gezogen, die einem gerade passen. Bei männlichen ist das eben der Verharmlosungsversuch bei Vergewaltigung. Aber (fast) niemand kommt auf die Idee, Mord und Totschlag zu rechtfertigen, nur weil der im Neandertal an der Tagesordnung gewesen ist.

    (Nur falls das in meinem ersten Kommentar nicht klar geworden sein sollte: Sich über die Wortverwendung im SpOn-Artikel aufzuregen, halte ich dann doch für etwas übertrieben.)

  10. Helga sagt:

    Der Artikel im Zeit-Magazin erwähnt noch eine weitere These (die auch als wahrscheinlicher bezeichnet wird), dass Frauen kein Gespür für die eigene Erregung entwickeln, wie Männer das tun. Die schauen an sich runter und sehen sofort, dass sie erregt sind. Frauen können durch die Pubertät gehen, 1000 „feuchte“ Träume haben und nichts davon mitkriegen… Wenn sich dann schon Frauen davor ekeln, dass sie beim Sex feucht werden…

    @Alex und wondergirl: „Zwang“ zur Political Correctness klingt natürlich anstrengend, aber hat seinen Grund. Wie fühlt sich jemand, der vergewaltigt wurde, wenn jemand den Gebrauch eines Songs in einer Werbung als Vergewaltigung bezeichnet? Muss man Kalaschnikow leger sagen, wenn jemand anderes im Raum durch eine solche seine Eltern verloren hat?

    Es ist auch nicht die Aufgabe von jemandem, der schlimmes erfahren hat, die anderen im Raum darauf hinzuweisen, dass sie bitte auf ihre Sprache diesbezüglich achten. Es geht niemanden etwas an, was passiert ist und keiner sollte darüber sprechen müssen, wenn es nicht notwendig ist. Man kann Leuten die Party, den Tag, den Monat versauen, nur weil man selbst zu bequem ist, vorm Reden nachzudenken. Muss das sein?

  11. drikkes sagt:

    Okay, das klingt jetzt hart, aber ich lasse mir das Wort „hundemüde“ nicht verbieten, nur weil der Lieblingsköter eines/r Anwesenden irgendwann mal eingeschläfert geworden sein könnte.

  12. wondergirl sagt:

    @Helga

    Darüber, was in jemanden vorgeht, die/der vergewaltigt wurde, kann doch hier nur spekuliert werden. Das ist etwas dürftig, um gleich mal Wörter auszusparen, zu Mal dieses Verhalten doch sehr fragwürdig ist. Genauso gut kann man Gewaltszenen im TV anprangern, weil dort mögliche negative Erlebnisse zur Unterhaltung aufbereitet worden sind. Wohin das führt, ist klar.

    PCness kann sein, muss aber nicht. Theoretisch tolle Idee, praktisch führt es erfahrungsgemäß doch nur dazu, dass wieder jemand am besten weiß, was gesagt werden kann und was nicht.

  13. Helga sagt:

    @drikkes: Vergewaltigung und seinen Hund einschläfern lassen sind schon irgendwie zwei verschiedene Stufen.

    @wondergirl: Und ob hier tatsächlich jemand liest oder schreibt, der/die vergewaltigt wurde, darüber kann man auch nur spekulieren.

  14. jakob sagt:

    @Helga:
    Immerhin hast einen „peppigen“ Dialog dazu ausgedacht in dem genau das von jemand gesagt wurde: „Ich wurde vergewaltigt.“ Anstatt einfach zu schreiben, wieso Du die Verwendung dieses Begriffes unangebracht findest. Klar, ich finde das ist ein ernstes Thema und genau deshalb hätte es ein seriösere Behandlung verdient.

  15. jj sagt:

    Steve,

    „Das regt mich echt auf. es kommt für mich nämlich so rüber, als ob man sich ja gar nicht so über Vergewaltigungen aufregen soll, weil frau wird ja eh automatisch feucht und dann ist es doch gar nicht so schlimm. *kotz, würg*“

    interessant, war echt nicht meine Wahrnehmung. Im Gegenteil, ich habe das als Hypothese über einen gesundheitsdienlichen Mechanismus gesehen, nicht als Verharmlosung von Vergewaltigung. Ob und inwieweit die in der menschlichen Entwicklungsgeschichte die Norm war ist sicher sehr fraglich. Zum einen gehen ja nicht wenige Evolutionsbiologen von einer tendenziellen „female choice“ beim Sex aus und davon, daß sich der männliche Penis so entwickelt hat, wie er sich entwickelt hat, um sexuell anregend zu wirken, und nicht um das Sperma möglichst sicher ans Ziel zu bringen. Damit wird weibliche sexuelle Lust über den Befruchtungsvorgang hinaus als wesentliche Einflußgröße männlicher Anpassungsstrategien genannt – und das impliziert ja eine Beziehung als Normalvariante menschlicher Sexualität nicht erst seit wir (Menschen) schreiben können – bei einer Vergewaltigung käme es ja auf die sexuelle Befriedigung der Frau nicht so wirklich an. Also – ich denke, daß Vergewaltigungen eine Rolle in der menschlichen Sozialgeschichte gespielt haben, aber mehr implizit als explizit – die implizite Bedrohung war ein Aspekt für Frauen, sich mit Männern zusammenzutun, um – damals vor allem im Kriegsfall (Stammesfehden, o.ä.) besser vor sexueller Gewalt geschützt zu sein. Ob *das* für die biologische Evolution so bedeutsam war, glaube ich eher nicht, ich denke, daß es gerade unsere Beziehungsfähigkeit und die gegenseitige Auswahl (im Gegensatz zu den meisten Männchen wählen menschliche Männchen eben durchaus) war, die die lange Kindheit und das Wachstum unseres Gehirns erlaubt haben.

    Ansonsten fand ich den Artikel interessant. Interessanter als das Männerbashing in der Titelstory auf jeden Fall.

  16. Quatsch mit Soße sagt:

    Alex fragt:
    „Meint ihr denn nicht, dass Menschen im Zweifelsfall in der Lage sind, zwischen der wirklichen und der sinngemäßen Bedeutung eines Wortes zu unterscheiden?“

    Und Helga schreibt:
    „Vergewaltigung und seinen Hund einschläfern lassen sind schon irgendwie zwei verschiedene Stufen.“

    Alex, nein. Ich denke, dazu sind sie im Zweifelsfall nicht in der Lage.

  17. Helga sagt:

    @jakob: „Xyz ist unangebracht“ ist der erhobene Zeigefinger, da schalten alle ab statt ihr Gehirn ein. Peppig finde ich den Dialog nicht, jedes Mal wenn ich ihn lese (und dann auch noch feststelle, dass einige Leute „Vergewaltigung“ tatsächlich als normalen Vergleich verwenden), wird mir schlecht.

  18. Helga sagt:

    @Quatsch mit Soße: Stimmt.

  19. steve, the pirate sagt:

    @jj: Ich sehe es ja an mir selbst: Dieser „biologischer Schutzmechanismus“ wurde bei mir nämlich bisher noch nicht ausgelöst.
    Gott sei dank habe ich bisher noch keine Erfahrung mit sexueller Gewalt machen müssen.
    Aber, um hier mal ein ganz triviales Beispiel zu nennen, laut Chivers hätte ich bei meinen ersten vergeblichen Versuchen mal ein Tampon einzuführen feucht werden sollen. Schließlich frimmelt „da unten“ jemand rum und will etwas mit Gewalt reinpressen. Oder auch bei Untersuchungen beim Frauenarzt – da bin ich immer trockener als die Wüste Gobi. Dabei habe ich sonst gar kein Problem feucht zu werden, wenn ich erregt werde.

    Wie gesagt, ich empfinde es als grobe Verharmlosung. Zudem kommt es dann auch so rüber, als ob bei den Frauen, die bei einer Vergewaltigung eben nicht feucht waren „etwas nicht stimmt“.

  20. illith sagt:

    ich hab diese these (wie jj) eigentlich auch nicht als verharmlosung oder relativierung von vergewaltigungen wahrgenommen…

    ich las aber mal (ich glaub in dem buch ging es um gewalt gegen schwule? weiß nicht mehr genau), dass auch manche männer, die opfer einer vergewaltigung werden, dabei erektionen oder gar orgasmen bekommen (was hinterher dann zu umso größeren psychischen problemen führen kann). das würde obiger these ja eher widersprechen – eine erektion bietet ja keinen „“vorteil““ bei einer rektalen vergewaltigung.

    ich könnte mir eher vorstellen, dass der körper ganz blind und ‚autonom‘ auf bestimmte reize im weiteren sinne reagiert…
    gab doch jüngst auch mal diese studie, der zufolge frauen körperlich stark auf bilder kopulierender tiere reagieren würden