Solidaritätsbekundung für Mely Kiyak

von Gastautor_in

Sie liefert momentan eine der eindringlichsten Serien zur NSU-Mordserie: die Journalistin Mely Kiyak. Nun ist sie seit Wochen einer rassistischen Hetz-Kampagne ausgesetzt, die nicht nur von einschlägigen rechten Blogs, sondern auch der Springer-Presse massiv angeheizt wird. Und auch wenn die große Diskussion darum nun teilweise zu verebben scheint, möchten wir hiermit nochmal die Gelegenheit nutzen, auf die Solidaritätsbekundung für Mely Kiayak hinzuweisen, indem wir den Unterstützungstext, der für diese Kampagne verfasst wurde, bei uns crossposten. Die Stellungnahme wurde von der intersektionellen Feministin Sakine Subasi-Piltz im sozialen Netzwerk Facebook initiiert und von bisher knapp 90 Journalist_innen, Perfomer_innen, Blogger_innen, Medienmacher_innen und kritischen Leser_innen mitformuliert und unterzeichnet. Wer sich dieser Liste anschließen möchte, ist eingeladen dies zu tun. Dazu bitte Name/ Pseudonym per Email an subasi-piltz@em.uni-frankfurt.de schicken. Weitere Infos zu dieser Aktion werden dem­nächst auf der Seite www.textproduktion.net veröffentlicht.

Wir, Muslime, Schwarze Menschen, Schwule, Lesben, Nicht-Männer, körperlich Beeinträchtigte, Arbeitslose, Araber_innen, Juden und Jüdinnen, Griech_innen, Atheist_innen, Kurd_innen, Türk_innen, Tscherkes_innen, Ostdeutsche, Anders­denkende, Agnostiker_innen, kritische Menschen…, wir alle, die wir in diesem Land als bizarr, ungewöhnlich oder einfach nur als „anders“ definiert werden, um uns (rechtliche und gesellschaftliche) Gleichbehandlung streitig zu machen, wollen uns in dieser Stellungnahme mit Mely Kiyak solidarisieren: Denn sie ist eine von uns!

Mely Kiyak schrieb in einer ihrer Kolumnen über einen Fernseh­auftritt von Thilo Sarrazin bei Günter Jauch. Sarrazin ist bereits durch die Veröffentlichung seines Buches „Deutschland schafft sich ab“ mit rassistischen Erklärungen gegenüber Muslimen, insbesondere gegenüber kurdisch- und türkischstämmigen aufgetreten. Unter anderem hat er viele Probleme des Bildungssystems und schließlich auch der Gesamtgesellschaft auf „vererbte“ Probleme, die durch „Inzest“ unter den genannten Bevölkerungsgruppen entstanden seien, zurückgeführt. Schlimm genug, dass diese rassistischen Meinungen heute unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit sowohl von der Springerpresse als auch den sogenannten Qualitätsmedien in die Ge­sell­schaft transportiert und damit salonfähig gemacht werden – immerhin wird das Buch als Bestseller betitelt.

Jetzt werden auch Thilo Sarrazins vermeintliche Expertisen zur Wirtschaftskrise ge­hyped – just einen Tag, nachdem 25.000 Menschen in Frankfurt auf die Straße ge­gan­gen sind, um für eine seriösere europäische Finanzpolitik ein­zu­treten, die auf Nach­haltig­keit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit gründet. Auch wir empfinden es als eine Verhöhnung der Demokratie in diesem Lande, dass gerade Thilo Sarrazin in diesem Kontext eine öffentliche und von allen hörbare Stimme durch die öffentlich-rechtlichen Sender verliehen wird, und können deshalb verstehen, dass Mely Kiyak ihren Frust darüber loswerden wollte.

Doch als sei dies alles nicht schlimm genug, nun wird Mely Kiyak, die sich als eine der wenigen zu diesen ganzen Unsäglichkeiten in ihrer Kolumne in der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung geäußert hat, mit einer rassistischen und sexistischen Hetzkampagne verfolgt. (Siehe auch die Facebookseite Fans & Friends of Mely Kiyak.) Zu nennen sind hier zum einen Leser_innenbriefe an die Zeitungen, für die Kiyak schreibt, und zum anderen ein sogenannter Shitstorm, der durch die Beteiligung des rechten und dezidiert antimuslimischen Internetportals PI-News gesteuert (in der Frankfurter Rundschau sind Zitate zu lesen) und von der Bild in einer rassistischen und sexistischen Weise forciert und unterstützt wird.

Der vorgegebene Grund: Mely Kiyak hat sich in ihrer Kolumne negativ und ab­wer­tend auf das Erscheinungsbild und die Mimik von Thilo Sarrazin bezogen. Mitt­ler­weile hat sie sich für ihre verbale Entgleisung aber entschuldigt. Selbst­ver­ständlich ist es völlig indiskutabel, einen Menschen wegen seines Aussehens oder wegen körper­licher Be­ein­trächtigungen zu beschimpfen be­ziehungs­weise körper­liche Be­ein­trächtigungen als Schimpfworte zu benutzen. Wir bedauern in diesem Zu­sammen­hang ausdrücklich, dass andere Menschen beleidigt und verletzt wurden, die ähnliche äußere Merkmale haben wie Sarrazin. Rassismus kann mit solchen körper­lichen Ein­schränkungen weder erklärt noch entschuldigt werden. Und nie­mand sollte aufgrund ihrer/seiner äußeren Erscheinung mit einem Rassisten wie Sarrazin verglichen werden.

Doch es ist mehr als verwunderlich, dass gerade die Bild oder PI-News, was „Politically Incorrect-News“ bedeutet, genau auf diesen Umstand hinweisen, um Mely Kiyak mit einer diffamierenden Hetzkampagne zu verfolgen. Denn so sehr wir die Wortwahl Mely Kiyaks in diesem Zusammenhang zurückweisen, so sehr wollen wir eine sachlich geführte Debatte um gesellschaftliche Verhältnisse und schließlich auch um politisch korrekte Sprache. Aber statt einer sachlichen Auseinandersetzung forciert die Bild weiter Verrohung. So wird zum Beispiel Thilo Sarrazin, der sich auf Kosten der muslimischen Bevölkerung in Deutschland bereichert hat, zum Opfer stilisiert, indem beispielsweise die physiologischen Hinter­gründe für Sarrazins Mimik in emotionaler und persönlicher Art dargelegt werden, ohne schließlich davor zurückzuscheuen, im selben Artikel Mely Kiyak in der Bild­unter­schrift auf ihren ethnischen Hintergrund und ihr Geschlecht (was natürlich exakt zu der von Sarrazin vorgegeben Matrix passt) zu reduzieren. Sarrazin wird dagegen im Bild daneben als „Bestsellerautor“ bezeichnet. Demnach ist sie lediglich das Produkt ihrer Gene und er der Schöpfer seiner Leistungen.

Angesichts solcher Diffamierungen und der rassistischen Verbalattacken Sarrazins auf von ihm als „minderwertig“ dargestellte Menschen, vor allem angesichts des großen Beitrags zur „Normalisierung“ rassistischen Vokabulars in Deutschland durch sein Buch und die damit einhergehenden Kolumnen und Interviews würden wir uns wünschen, dass auch Thilo Sarrazin sich bei all den Menschen entschuldigt, die er verletzt und beleidigt hat. Ebenso wünschen wir uns, dass die Bild die Ver­ant­wortung für die eigene Berichterstattung übernimmt und die oben erwähnten Entgleisungen öffentlich korrigiert.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 19. Juni 2012 um 10:00 Uhr unter Inspiration. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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28 Kommentare

  1. Nat sagt:

    Hmmm, irgendwas stört mich an diesem Text. Ich kann leider nicht genau sagen, was es ist. Ich glaube nicht, dass der Grund ist, dass Männer nicht zum „Wir“ gehören (wobei, ich bin sonst nicht für „What about teh menz“ , aber in diesem Zusammenhang einer Solidaritätsbekundung ist es doch komisch, dass die ausgeschlossen sind…).

    Ich glaube, mich stört, dass hier so viel über Sarrazin gesprochen wird. Ich hatte damals die Geschichte so verstanden: Frau Kiyak hat eine abfällige Bemerkung über Sarrazin gemacht, die nicht angebracht war, weil sie nichts mit dem Gegenstand der Debatte zu tun hatte, sondern mit seinem Aussehen. Das ist natürlich nicht in Ordnung. Kurze Zeit später hat sie sich aber dafür entschuldigt.
    Meiner Meinung ist das Schlimmste an der ganzen Sache, dass sie jetzt – in viel schlimmerer Weise als ihr einzelner Kommentar über Sarrazin – persönlich angegriffen wird, und zwar auf niederträchtigste Weise. Das, was man ihr vorwirft, steht in keinem Verhältnis zur Reaktion, die genau das macht, was sie an ihr kritisiert. Und ich finde, das hätte man betonen sollen, anstatt zu sagen, dass Sarrazin ein Rassist ist, etc. Das ist nämlich ein anderes Thema, und so, wie es hier betont wird, lädt das ein wenig zum Derailing hin zum Thema Sarrazin, anstatt den Blick darauf zu werfen, wie Frau Kiyak (wie sehr viele andere Frauen oder auch andere als „anders“ definierte Menschen), mit allen Mitteln zum Schweigen gebracht werden sollen.

  2. Nat sagt:

    Also, was ich meine ist: Es ist egal, ob Sarrazin ein Rassist ist oder Gandhi. Die Reaktionen auf diesen Zwischenfall sind unter keinen Umständen angebracht.

  3. Anna-Sarah sagt:

    @Nat: Ich glaube, dein erster Einwand beruht auf einem Missverständnis. Die Aufzählung (die man aus verschiedenen Gründen diskussionswürdig finden kann und über die auch tatsächlich viel diskutiert wurde) lautet:

    Muslime, Schwarze Menschen, Schwule, Lesben, Nicht-Männer, körperlich Beeinträchtigte, Arbeitslose, Araber_innen, Juden und Jüdinnen, Griech_innen, Atheist_innen, Kurd_innen, Türk_innen, Tscherkes_innen, Ostdeutsche, Andersdenkende, Agnostiker_innen, kritische Menschen…, wir alle, die wir in diesem Land als bizarr, ungewöhnlich oder einfach nur als „anders“ definiert werden

    Wo siehst du da einen Auschluss von Männern? Die Kategorien überschneiden sich teilweise, teilweise schließt die Zugehörigkeit zu einer diejenige zu einer anderen aus, aber die Gruppen „Nicht-Männer“ und „Lesben“ sind die einzigen in dieser Reihe, die keine Männer* beinhalten.

  4. Loellie sagt:

    Da wollte ich gerade widersprechen, dann stehts doch da … „kritische Menschen“!

  5. Zara sagt:

    Die Autorin verschweigt, dass Kiyak Sarrazin als „Menschenkarikatur“ betitelt hat.

    Und auch dieses „wir“ am Anfang finde ich vermessen, jeder Mensch kann nur für sich selber sprechen, es sei denn er wurde zum Sprecher einer bestimmte Gruppe gewählt, wovon ich im vorliegenden Fall nicht ausgehe.

    Nichtsdestotrotz ist Solidarität mit Frau Kiyak angebracht, PI-news schreckt ja mittlerweile nicht mal mehr vor Gewaltaufrufen zurück (Nürnberg 2.0) und jedem sollte mittlerweile klar sein, dass PI verfassungsfeindlich ist.

  6. Red Riding Hood sagt:

    ich denke mal, dass das missverständnis daher rührt, dass hier ausdrüclich „nicht-männer“ steht, nicht aber zusätzlich „nicht-frauen“?

  7. Anna-Sarah sagt:

    @Red Riding Hood: ALLE Personenbezeichnungen in dieser Aufzählung (mit den genannten zwei Ausnahmen) beinhalten oder bilden die männliche Form – wie kann man da auf die Idee kommen, Männer würden nicht angesprochen? Ich verstehe es wirklich nicht. Der Ausdruck „Nicht-Männer“ wurde darüber hinaus bewusst gewählt – Männer als Gruppe gelten in unserer Gesellschaft eben nicht als „die anderen“, jedenfalls schon gar nicht, wenn sie als weiß, heterosexuell, nicht behindert und tendenziell der Mittelklasse zugehörig gelesen werden. Hier gleichermaßen von „Nicht-Frauen“ zu sprechen, würde also keinen Sinn machen.

  8. Red Riding Hood sagt:

    @anna-sarah: yapp, ist mir schon bewusst. ich denke nur, dass das nicht für alle so eindeutig war. deshalb das missverständnis.

  9. Anna-Sarah sagt:

    @Zara: Das „Wir“ am Anfang folgt aus der Tatsache, dass der Brief von vielen verschiedenen Menschen kommt, von denen viele ihren Namen darunter gesetzt haben (siehe Link) – da ist es nur logisch, im Plural zu sprechen… Dass man immer nur als Individuum spricht und sprechen darf, ist meines Erachtens einerseits nicht wirklich realitätsnah, weil sich die jeweils eigene Position ja nicht komplett „aus sich selbst heraus“ entwickelt hat, sondern auch ein Produkt der Umstände ist, unter denen sie sich formt. Außerdem wären Gesellschaftskritik und praktische Solidarität dann nur sehr eingeschränkt möglich. Dass es grundsätzlich problematisch sein kann, mittels „wir“ eine homogene Gruppe gleichermaßen Betroffener zu konstruieren, ist aber natürlich wichtig anzumerken, und auch auf die Gefahr der Aneignung weist du zu Recht hin.

  10. nat sagt:

    Ja, ist wohl ein Missverständnis. Was ich meinte ist, dass es doch komisch ist, dass nicht jeder aufgefordert ist zu unterschreiben, sondern „nur“ die,

    „die wir in diesem Land als bizarr, ungewöhnlich oder einfach nur als „anders“ definiert werden“

    Ein „deutscher“ weißer katholischer heterosexueller Mann aus der Mittelklasse im engsten Sinne ist da halt ausgeschlossen. Na, gut, wenn er zusätzlich kein kritischer Mensch ist, hat er wohl auch kein Bedürfnis mitzumachen. Aber trotzdem: warum nur die, die als „anders“ definiert werden? Es ist eine Solidaritätsbekundung, da sollte doch jeder mitmachen dürfen.

    Soviel dazu. Das war aber auch gar nicht mein Hauptpunkt (und ich denke nicht, dass jemand, der (!) eh unterschreiben wollte, sich jetzt ausgeschlossen fühlt und deshalb nicht unterschreibt).

    Was sagt Ihr denn zu meinem zweiten Punkt?

  11. Anna-Sarah sagt:

    @nat: Ich habe glaube ich verstanden, was du meinst, kann dazu aber nicht viel mehr sagen, als dass dieser Brief mit seinen Schwerpunktsetzungen nun eben so formuliert ist, wie er ist und sicherlich einige Menschen – mich eingeschlossen – einzelne Sätze oder auch ganze Passagen anders formulieren würden, wenn es ihr „eigener“ wäre. Diese kollektive Stellungnahme sieht nun so aus – ob man sie unterzeichnen möchte, muss nun jede_r für sich entscheiden, je nachdem ob man meint, insgesamt dahinter stehen zu können oder halt nicht. Und genauso steht es letztendlich jeder und jedem frei, einen eigenen Solidaritätsaufruf zu verfassen, wenn man das Ziel teilt, aber den hier vorgeschlagenen Weg nicht mitgehen kann/will :)

  12. Samia sagt:

    @nat Ich verstehe nicht, was dein Problem ist. Dass der Brief so formuliert ist, ist kein Zufall oder Fehler. Du erinnerst mich an diese Storys von Typen, die sich beschweren, dass sie nicht in den Frauen*raum dürfen. Lies doch mal diesen Kommentar von Sakine dazu, der ist sehr erhellend.

  13. Sakine sagt:

    Nat@ wie kommst Du darauf, dass nur bestimmte Leute aufgefordert sind, sich zu solidarisieren. gut, ich kann gerne noch nachhilfe in solidaritätskunde geben, aber ganz ehrlich glaube ich eher, dass dein anliegen hier ist, die aktion einfach nur schlecht zu machen, um deine eigene weiße, deutsche position nicht in frage stellen zu müssen.
    die oberste zeile ist eine solidaritätsformel, der sich jede_r in diesem land anschließen kann und moralisch auch sollte. es ist angelehnt an die vielen demonstrationen in der türkei, die nach dem mord an hrant dink spontan stattgefunden haben und tausende menschen auf die straßen gegangen sind, um zu sagen: „wir sind alle armenier!“ das bedeutete nicht, dass nur armenier_innen auf die straße gegangen sind. das symbol bestand eben darin, dass alle möglichen menschen mit allen möglichen ethnischen zurodnungen sich mit armenier_innen solidarisiert haben und sich hinter sie gestellt haben. das ist wirklich merkwürdig, dass in der türkei, die hier gerne auch von vielen linken pauschal als rückständig und faschistoid bezeichnet wird, in sachen solidarität offensichtlich viel mehr zu bieten hat, als deutschland. ich meine, hier haben neonazis mit hilfe des verfassungsschutzes 10 personen umgebracht, 9 davon türkeistämmig, 1 mit griechischem hintergrund und eine weiße deutsche polizistin und hier passiert nix. die nazis haben sogar perverse lieder über diese morde verbreitet und veröffentlicht, sie haben sich tshirt-aufdrucke gemacht, um die würde der getöteten noch weiter zu schänden. weder die regierung wurde gedrängt zurückzutreten, noch die minister, wie beispielsweise schäuble, die alle in diese sache involviert waren….. hast du noch fragen, nat?

  14. Babs sagt:

    Nat mag vielleicht einen Fehlschluss gezogen haben,was die Einbeziehung von Männern in diesem Text betrifft-das ist trotzdem kein Grund,verbal so aggressiv auf sie/ihn zu reagieren. Solche Reaktionen finde ich schade und ein Grund mehr,weswegen ich mich meist nicht traue,hier Dinge nachzufragen.

  15. Helga sagt:

    @Babs: Ich finde es sehr schade, dass fast jedes Mal, wenn „(weiße, deutsche, heterosexuelle) Männer“ nicht explizit aufgeführt aber mitgemeint (kritische Menschen!) sind, so ein Aufschrei kommt. Zu 95% wird in Deutschland das generische Maskulinum verwendet – fragen Nat und Du da auch öfters nach, was mit Frauen sei? Dazu kommt, was Sakine sagt: Hier geht es um Solidarität, um das „hinter Leute stellen“. Es gab „Wir sind alle Armenier“, es gab auch „We are all Khaled Said“ und bestimmt noch einiges mehr. Da erstmal auszupacken, dass man eben nicht Armenier/Khaled Saaid/Betroffene_r von Rassismus ist, läuft dem Sinn einer solchen Aktion leider total entgegen und zieht Zeit, Arbeit und Nerven von dieser Aktion ab. Ziemlich unsolidarisch und ein Grund mehr, darauf sauer zu reagieren.

  16. let sagt:

    Das sehe ich auch so wie Babs. Nur weil jemand einen Text anders versteht als die Schreiberin heißt das nicht, dass der_diejenige nicht solidarisch ist. Weiterhin gilt die Netiquette für alle hier, also auch für Dich, Sakine.

    Ich habe den Text beim ersten lesen auch als solidarisierung von Diskriminierten / Marginalisierten mit Mely Kiyak verstanden und nicht als Solidarisierung aller Unterzeichnerinnen mit Diskriminierten. Das symbolische ist eigentlich nur dann verständlich wenn klar ist, dass es nicht wörtlich gemeint sein kann. Außerdem, hätte die Solidaritätsformel dann nicht „wir sind alle Mely Kiyak“ heißen müssen, schließlich steht über dem Text „Solidaritätsbekundung mit Mely Kiyak“? Oder hat die Mädchenmannschaft den Text auch falsch verstanden?

    (Ich hätte das so wie so jetzt aber nicht als Problem angesehen, da „kritische Menschen“ ein so weit gefasster Begriff ist, dass sich eigentlich jede_r damit identifizieren kann.)

  17. Nadine sagt:

    @let

    für’s Moderieren der Kommentare sind die Moderator_innen zuständig. Und wenn für dich die Ansprache des Offenen Briefes kein Problem darstellt, sehe ich auch nicht, warum du hier einen weiteren Beitrag dazu leisten musst vom eigentlichen Thema abzulenken.

  18. Betti sagt:

    Also ganz ehrlich: Wenn Ihr so ein starkes Bedürfnis habt, so einen Text mit der Lupe auseinanderzunehmen und bis in Kleinste nachzuweisen, wer hier jetzt gemeint und nicht gemeint und mitgemeint ist und warum dann ein solcher jemand (der ggf. unter Umständen bei einer bestimmten Auslegung nicht explizit aufgeführt ist) sich dann vielleicht doch lieber nicht beteiligt, obwohl er_sie das Anliegen doch aber eigentlich teilt und doch achsogerne unterschreiben würde, aber nicht darf, achmennomitdemfußaufstampf…. – also ganz ehrlich?! – Dann unterschreibt doch einfach nicht und ignoriert den Aufruf, anstatt hier Diskussionsenergien zu binden. Dann seid halt nicht solidarisch mit den Opfern von Rassismus in unserer Gesellschaft, sondern mit den armen weißen, cis-heterosexuellen, katholischen Männern, die mal wieder nicht mitmachen dürfen. Abgesehen davon, dass sie das dürfen. Dürfen sie auch eh immer und überall. Dürfen sie auch bei diesem Aufruf. Die Armen.

  19. Anna-Sarah sagt:

    @alle, die meinen, hier würde irgendwer ausgeschlossen:

    Abgesehen von dem, was Helga so absolut treffend sagt: DIE MÄNNLICHE FORM STEHT DOCH DA!!! Sorry, ich will niemanden anschreien, ich verstehe nur einfach nicht, wie man das so beharrlich überlesen kann. Weil zwischen all den Benennungen EINMAL das Wort „Nicht-Männer“ steht? „Menschen“ ist umfassend, und es ist sogar explizit die Rede von Muslimen, Schwulen, Juden – alles Maskulinum. Alles andere (außer „Lesben“) ist geschlechtsneutral formuliert oder wurde per Unterstrich gegendert. Hier sind überall Männer angesprochen.

    @Babs: Wie Helga finde ich es ebenfalls schade, wenn so viel Energie in solche „Klärungen“ gesteckt werden muss anstatt in praktische Solidarität. Dass Menschen auf so etwas zuweilen ärgerlich reagieren, trifft bei mir auf Verständnis.

    @Betti: Danke.

  20. sakine sagt:

    Ich finde es wünschenswert, dass Leute wie Nat, Babs oder let sich nicht mehr trauen, in solchen Foren in dieser „ich hab zwar von nichts ahnung- aber als weiße habe ich immer recht und zumindest hab ich das Recht meiner Unkenntnis viel Raum zu geben“-art aufzutreten.

  21. Anna-Sarah sagt:

    @Sakine: Ich kann deinen Ärger gut verstehen und teile deinen Punkt grundsätzlich zu 100%, möchte aber zu bedenken geben, dass wir bisher nicht wissen, ob es sich bei den von dir angesprochenen Personen um Weiße handelt.

  22. sakine sagt:

    Liebe Anna-Sarah, ich weiß, was Du meinst und danke Dir für den Hinweis. Ich habe auch darüber nachgedacht, aber schließlich ist es nicht wichtig, ob jemand wirklich weiß ist, um so ein Verhalten an den Tag zu legen. Sie geben sich hier weiß, verständnislos, arrogant und unsolidarisch. Das können durchaus auch nichtweiße tun – leider!

  23. Babs sagt:

    Nur weil ich den Umgangston hier kritisiere,heißt dass nicht,dass ich dieses Solidaritätsschreiben ablehne. Zum anderen finde ich’s echt schade,dass mir gleich unterstellt wir ich hätte keine Ahnung.Das ist eine reine Abwertung und erklärt mir nicht,was genau ich mit meinem Post falsch gemacht habe,wenn mensch nicht Erklärbärin spielen will verstehe ich das,dann aber bitte auch keine Anfeindungen. Als ich den Text gelesen habe,hatte ich anfangs den gleichen Gedankengang wie Nat. Nach dem Durchlesen der Kommentare bin ich zu dem Schluss gekommen,dass meine Sozialisation so beknackt war,dass mir bis heute das Fehlen von expliziter Ansprache von hetero Männern als erstes auffällt,und das als nichtdeutscher Frau*. Das ist eigentlich ein guter Lernprozess,den man mit so einem Umgangston leicht unterbinden kann. Und zum Thema: Ich finde den Brief gut und werde ihn heute Abend unterzeichnen,danke fürs Posten.

  24. Betti sagt:

    @ Babs

    Ist zwar ein wenig off-topic, aber da ich mich in Deinem letzten Kommentar ganz gut selbst wiedererkenne und ich finde, dass man das am hiesigen Beispiel gut deutlich machen kann, möchte ich nochmal kurz was zum „tone-argument“ sagen…

    Du schreibst: „Das ist eigentlich ein guter Lernprozess, den man mit so einem Umgangston leicht unterbinden kann.“

    Das dachte ich früher auch gelegentlich, nämlich genau zu dem Zeitpunkt, als ich in Kommentaren hier Dinge gelesen habe, die ich genauso sah und dann ganz erschrocken war, wie heftig der Gegenwind dann ausfiel (z.B. in Debatten über Rassismus oder sexuelle Gewalt). Das hat mich erstmal verunsichert und ich habe mich eine Weile nicht „getraut“, z.B. hier zu kommentieren. Dann hat es mich aber sehr schnell dazu gebracht, mir die Frage zu stellen, warum die Reaktionen anderer Komentator_innen und der Moderatorinnen so heftig ausfielen. Darüber wiederum bin ich zu Überlegungen, Interessen und Gedankenprozessen gekommen, die ich schlicht nicht „für nötig erachtet“ hätte, wenn die Reaktionen weniger deutlich gewesen wären. Wahrscheinlich wären sie mir gar nicht aufgefallen, ich hätte sie einfach übergangen – die Argumente waren ja schon vorher da, aber erst durch die Form des Vorbringens haben sie mich wirklich erreicht.

    Ich glaube inzwischen tatsächlich, dass es ein solches – durchaus auch mal „feindseliges“ – Klima braucht, um Menschen wie mich (weiß, Mittelschicht, bildungsbürgerlich sozialisiert, cis-heterosexuell, körperlich nicht beeinträchtigt etc.) dazu zu bringen, zu checken, dass es ein Ausdruck von Privilegiertheit ist, von Menschen denen man gerade auf den Fuß getreten ist zu verlangen höflich zu bleiben – obwohl sie jeden beschissenen Tag damit konfrontiert sind, dass Menschen wie ich ihnen auf den Füßen rumstehen und sich dabei in der Regel noch für sehr aufgeklärt und anti-*istisch halten. Und um Menschen wie mir klarzumachen, dass Leute, die sich intensiv mit kritischen Theorien und Praktiken beschäftigen, jeden Tag zig mal die gleichen Fragen und vermeintlichen Einwände hören, dementsprechend häufig schon freundlich drauf reagiert haben und irgendwann keine Lust mehr haben das zu tun. Das wiederum hat mich dazu gebracht, primär zu versuchen, mich selbst schlau zu machen, bevor ich in solchen Zusammenhängen einfach so reinplatze (und dabei geht es nicht um Meinungsgleichmache, sondern um Sensibiliserung). Informationsangebote gibt es dazu ja noch und nöcher, man ist als privilegierter Mensch nur normalerweise nicht dazu angehalten, diese auch zu nutzen. Im Rückblick finde ich es also eigentlich ganz gut, dass ich mich nicht getraut habe, hier zu kommentieren, bevor ich mir ein paar Dinge nicht erstmal grundlegend klargemacht hatte. Ich glaube, dass das sowohl für mich, als auch (vor allen Dingen) für die Diskussionen an denen ich mich nicht beteiligt habe, nicht von Nachteil war – im Gegenteil. Dass man dabei immer noch lernt und lernen muss, ist ja auch klar.

    Was ich damit sagen will: Klar fühlt es sich doof an, wenn die eigene Position (bei einer selbst oder stellvertretend bei einer anderen) deutlich angegangen wird. Ich glaube aber, dass das erstens notwendig ist, um ein Klima zu schaffen, in dem ernstgemeinte Anti-Diskriminierungs-Arbeit überhaupt erst reell möglich wird und zweitens wichtig ist, um Menschen dazu zu bewegen, sich mit ihrer eigenen Privilegiertheit auseinander zu setzen und es den kritisch-aktiven Menschen nicht noch schwerer/anstrengender zu machen, als sie es eh schon haben. Das gilt umso mehr, wenn man für sich selbst in Anspruch nimmt, „in der Sache“ ja eigentlich auf der selben Seite zu stehen…

    (Wenn Du Lust/Interesse hast, Dich mit dem „tone argument“ und seiner Problematik noch weiter auseinanderzusetzen, findest Du bei google viele Lesetips.)

  25. Babs sagt:

    @Betti
    danke, werde mich da mal einlesen!

  26. Mel sagt:

    danke Betti, kannte zwar den begriff „tone argument“ nicht. kann das dennoch so unterschreiben, was du geschrieben hast. für mich persönlich mit einer der bedeutensten kommentare, die ich hier gelesen habe.

    ich weiss, dass diese ‚unterstützung‘ gerade offtopic ist. aber beim lesen vom Bettis beitrag ist mir nochmal klar geworden, wie gute arbeit ihr alle (mädchenmannschaft) hier eigentlich leistet und wieviel kraft das manchmal kosten muss.
    *hochachtung*

  27. […] Solidaritätsbekundung für Mely Kiyak bei der Mädchenmannschaft. […]