So grölen die Deutschen: Warum Nationalismus nicht harmlos ist.

von Gastautor_in

Sandra Charlotte Reichert (*1979) wohnt seit 1986 mit Pausen in Berlin. Da sie seit ihrer Kindheit schreibt und an die Macht von Worten und Sprache glaubt, gibt sie bis heute gern und ungefragt ihren Senf dazu. Bevorzugt dann, wenn BiedermeierMenschen unter dem Deckmantel von Redefreiheit ihr rassistisches Öl nebst hetero-sexistischen Streichhölzern auspacken, um einmal mehr ihr Kartoffelsüppchen auf dem Feuer von Nationalismus zu köcheln. Aufgrund von SprachLeidenSchaft, Englisch- und Amerikanistik-Studium sowie neuseeländischen Auslandsaufenthalten, erzählt, dichtet und denkt sie auf Deutsch und Englisch. Dieser Beitrag ist ein Crosspost von Sandras Blog.

Kreuzberger Kiezkneipe; meine Kreuzberger Stamm-Kiezkneipe; Nachts, halb zwei. Der Barmann, zwei Frauen, eine davon deutsche Kartoffel (ich). Zwei Kartoffelmänner, die irgendwann befinden, sie müssten zum zweiten Mal am Abend den viel diskutierten, völlig bescheuerten Herrenfußballnationalelf-Deutschlandsong anstimmen. Dabei äffen sie nicht nur bekannte Zeilen nach; sie wiederholen – zu meinem besonderen Missmut – die gebückte Haltung versus der vermeintlich geraden: Brust raus, Rücken gestreckt. Erhaben ist jedoch rein gar nichts daran. Doch diesmal sag ich was. „Jungs es reicht jetz, einmal is zuviel, zweimal geht gar nicht. Schluss jetz.“ Die Reaktion: Eine Mischung aus Gelächter und den Worten „Political Correctness Scheiße“, „Ne Studierte“, „Bist du hier die Tresenqueen oder was?!“ und anderer Mist. Allerdings ohne mich dabei anzuschauen. Feige sind sie nämlich, diese Herren. Laut aber feige auf eine Art, die mir den Magen umdreht und Wut und Übelkeit in mir erzeugt; auch weil ich weiß, was diese Feigheit möglich macht.

Der erste Satz, der dann tatsächlich direkt in meine Richtung geht, ist dieser: „Wir sind Weltmeister, darauf wird man ja wohl stolz sein dürfen.“ Dabei schaut der Sprechende, als hätte er tatsächlich etwas dazu beigetragen. Als erwarte er Dank und Anerkennung für seine Leistung. „Wenn mann sonst nix hat,“ ist meine Antwort. Wieder höhnisches Gelächter, und weitere Sätze deutschen Nationalstolzes. Darauf ich: „Jaja, die deutsche Herrenrasse singt wieder.“ Der Barmann wirft ein, dass nun „alle ihre Aggressionen sein lassen sollten,“ schaut dabei aber vor allem in meine Richtung. Die Herren fühlen sich bestätigt. Einer von ihnen steht auf, und bevor er zur Toilette geht ruft er laut in den Saal: „Deutschland über alles!“ Nun werde ich wieder laut: „Was für ne Nazikacke!“ Grinsend verpisst er sich, und sein Kollege will er mir erzählen, dass ich keine Ahnung hätte wovon ich rede und lieber den Mund halten sollte. Woraufhin ich ihn frage ob er ernsthaft behaupten möchte, dass der Spruch seines Begleiters nix mit Nazideutschland zu tun hätte. Er rudert zurück und versteckt sich hinter dem Verweis darauf, dass er diesen Satz ja nicht gesagt hätte, was der Barmann bestätigt. Nun erinnere ich ihn daran, dass er bis eben noch darüber und dazu gegrinst und sich gut amüsiert hätte. Frage, wie es mit Konsequenz und Konsistenz wäre. Wieder dummes Gegrinse und Worte, die wohl mich meinen, die er aber seinem Drink erzählt. Schließlich gehen beide. Doch bevor sie endlich die Bar verlassen, der erste bereits vor der Tür ist, der zweite noch die Klinke in der Hand hält macht dieser nochmal deutlich, wie distanziert er vom Ausruf seines Kollegen ist. Er guckt kurz in meine Richtung und sagt dann: „Zwangssterilisation“. Mit diesem Wort nimmt er den Schritt aus der Tür. Meinen Ausruf „F*** Dich!“ hört er sicher, erspart mir aber weiteren Dreck. Bis dahin war der Tag schön.

Ich habe kein Problem mit Fußball. Ich mag Sport. Ich habe allerdings ein Problem mit Nationalismus. Die Art, wie Fußball als Mega-FiFa-Event aufgezogen wird, produziert ihn. Frau könnte auch sagen, er provoziert ihn. Was ich vor, während und auch jetzt nach dieser Weltmeisterschaft erlebt habe und wahrnehme, ist legitimierter und verordneter Nationalismus. Das ich mich für „die Tresenqueen“ halten muss, „’ne Studierte“ oder mit „Political Correctness“ hirngewaschen sein muss, um bei nationalistischen Äußerungen von weißen Kartoffelmännern zu intervenieren, belegt das. Gegen Nationalismus zu sein oder ihn zumindest kritisch zu betrachten, hat nichts mit PC oder einem Studium zu tun (als ob die Uni ein rassismusfreier Ort wäre). Es hat mit kritischem Denken zu tun und damit, Dinge und ihre Zusammenhänge zu hinterfragen. Es hängt mit einem Selbstbild zusammen, das sich nicht darüber definiert in welch privilegiertem Land mensch geboren wurde und dabei ausblendet, wo diese Privilegien herkommen, wer dafür wann, wie und womit bezahlt hat oder noch immer bezahlt. Für mich, als weiße Kartoffelfrau, hat es auch mit Verantwortung und dem Versprechen „Nie wieder!“ zu tun. Nationalismus meint eben nicht das vermeintlich unschuldige Wertschätzen eigener kultureller Werte. Er bedeutet das höher Schätzen des Eigenen und das geringer Schätzen, das Abschätzen des Anderen. Er funktioniert über ein konstruiertes „Wir“ gegen ein konstruiertes „Ander(e)s“. Damit werden im Resultat nicht nur kulturelle Werte, die als „fremd“ empfunden werden, abgewertet: Es werden Menschen abgewertet. Die Geschichte ist voll mit Belegen für das was passiert, wenn Menschen entmenschlicht werden. Welchem Gräuel damit die Tür geöffnet wird.

Die Männerfußball-WM ist vorbei. Doch was bleibt, scheint unter anderem der Eindruck zu sein, man(n) könne als Kartoffel in Deutschland endlich wieder bestimmte Dinge sagen ohne Nazi sein zu müssen. Mein Eindruck ist, man(n) traut sich wieder Dinge zu sagen die mancher Nazi für sich behält, und unter dem Deckmantel eines vermeintlich „gesunden Nationalgefühls“ geht das durch bzw. hat das durchzugehen. Wenn mir in Kreuzberger Nächten höhnisch ins Gesicht gelacht wird, „Zwangssterilisation“ ‘angeboten’ wird weil ich laut „Nein!“ sage und nicht still bin während weiße Männer versuchen, ihr offensichtlich desolates Seelenleben durch Nationalismus aufzuwerten, dann wird mir nicht nur schlecht. Wenn das worum es geht nicht so ernst wäre, könnte ich vielleicht darüber lachen dass mann versucht, meinen Vorwurf rechter Ideologie zu widerlegen indem mann noch mehr deutsche Faschismusvokabeln und -begriffe in Hohn verpackt auspackt. Aber hieran ist nichts komisch. Die Dynamiken und was sie symbolisieren machen mir Angst. Ich halte sie für gefährlich.

Was ich aus dieser Nacht einmal mehr mitnehme, ist dies: Es gibt keinen sicheren Ort. Nirgends. Dabei hab ich noch das Privileg meiner weißen Kartoffelhaut und bin durch sie vor Rassismus geschützt. Ob ich den Mund aufmache oder nicht, ob ich mich deutlich positioniere und damit erkennbar/er werde ist meine freie Entscheidung und eine Wahl, die ich habe. Auch das sind Privilegien. Es scheint, als würde es rappeln in der Kartoffelkiste; als würden braune Flecken und brauner Dreck immer mehr Raum gewinnen und sich durch alle Schichten der Kiste bewegen. Umso wichtiger ist dieses kleine, mächtige Wort, das gerade mein Geschlecht nicht sagen soll: Nein. Nein, ich werde nicht schweigen. Nein, ich werde nicht still dabei sitzen und damit implizit zustimmen wenn Menschen Handlungen vollziehen die gewalttätig sind. Auch wenn diese Handlungen sprachlicher Natur sind, so sind sie Handlungen: Wir tun etwas, wir agieren wenn wir sprechen. Wir beeinflussen unsere Welt damit, wir kreieren sie dadurch. Sexismus, Rassismus, Homophobie, Transphobie, Akte gegen Menschen mit Einschränkungen egal welcher Art sind keine Meinungen: Sie sind Akte der Gewalt oder/und ihr Nährboden. Sie sind ein tödliches Gift das nachhaltig wirkt, und mitunter schneller oder langsamer wirkt. Das Wort „Nein“ gehört für mich in den Schrank mit den Gegengiften. Ein Schrank, den ich zukünftig wohl noch sorgsamer pflegen werde.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 29. Juli 2014 um 16:07 Uhr unter Gewalt, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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9 Kommentare

  1. Max sagt:

    Ein sehr lesenswerter Beitrag, der mir aus der Seele spricht. Ich habe mich nie sonderlich für Fußball interessiert, richtig ausgetrieben wurde mir der Spaß aber mit der WM 2006 – diese komische Überhöhung, das „jetzt dürfen wir endlich wieder – die Amerikaner und Franzosen dürfen es ja auch…“ Ich denke mir dann immer: Ist es nicht eher etwas positives (gewesen), dass Deutschland diese Art der primitiven Massenglückseligkeit hinter sich gelassen hat? Ich will auf jeden Fall nicht durch irgendein Symbol, bspw. eine Fahne, mit 80 Millionen anderen zu einer „Gemeinschaft“ verbunden werden, ohne dass ich selbst irgendeinen Einfluss darauf hätte, mit wem ich da unter einer Decke stecke. Wie gesagt, gut, dass es mal jemand schreibt – noch besser wäre der Artikel meiner Meinung nach, wenn Du Dir die „weißen Kartoffeln“ gespart hättest…

  2. Jule sagt:

    Danke!!

  3. Maria-Luisa sagt:

    Danke!
    der Text spricht mir aus der Seele. Wie oft habe ich schon mit weissen Kartoffelmännern diskutiert und meist Nachts. Ich nenne solche rassisten dudes Kartoffelpenner.

    <3<3<3

  4. Magda sagt:

    @ Max

    Wenn Weiße als weiß oder als Kartoffeln (oder sonst wie) benannt werden, ist das nicht problematisch, also verstehe ich auch nicht, warum die Autorin das hätte weglassen sollen. Es dient eher der Markierung einer bestimmten (in dem Fall privilegierten) Postion im Unterdrückungsverhältnis Rassismus.

    @ Maria-Luisa

    Das Wort „Penner“ zu benutzen finde ich ziemlich unglücklich. So werden abwertend wohnungslose Menschen benannt und wir wollen ja nicht die einen kritisieren und andere damit gleichzeitig beleidigen/diskriminieren.

  5. G.M.K. sagt:

    Ich finde es nicht unproblematisch wenn weiß positionierte Deutsche andere als weiß gelesene Deutsche als „Kartoffeln“ bezeichnen. Dieser Ausdruck ist nämlich eigentlich KEIN weißer Begriff, sondern kommt aus einer emanzipativen Tradition, die sich gerede GEGEN die weiße Mehrheistgesellschaft wehren musste und immer noch muss. Daher geht es mir eherlich gesagt ziemlich auf den Keks, wenn dieser Begriff so mir nichts dir nichts von weißen Deutschen übernommen wird, das ist für mich eine Form von vereinnahmender Aneignung bzw. Verdrängung und Unsichtbarmachung derer, die diesen Begriff hervorgebracht und geprägt haben. In einem vermeintlich herrschaftskritischen, antinationalistischen, antirassischtischen Kontext fände ich da ein wenig mehr Sensibilität durchaus angebracht. Das Kartoffelwort gehört nämlich gerade nicht den Kartoffeln, und wenn diese es trotzdem benutzen, wirkt das auf mich keineswegs „solidarisch“, sondern einfach nur anmaßend und unsensibel. Bitte mal drüber nachdenken!

  6. Jane sagt:

    Um welche Kneipe handelte es sich denn? Wäre für andere aus der Gegend ja nciht ganz uninteressant.

  7. Marisa sagt:

    @ G.M.K.
    ich bin auch weiß und kann nachvollziehen wie die Autor_in mit der Verwendung des Begriffs „Kartoffel“ als bezeichnung für sich und andere weiße versucht über bestehende Verhältnisse zu reflektieren. (so les‘ ich das zumindest). Ist etwas, dass mir auch hätte passieren können.

    Aber wenn wir uns jetzt gegenseitig als „Kartoffeln“ bezeichnen steckt da auch mit drin, dass wir das Problem gecheckt haben und deswegen wir die weißen sind, die nicht mehr Teil des Problems sind. Was natürlich quatsch ist. Weiße profitieren immer von dem bestehenden rassistischen System ob wir wollen oder nicht.

    Also, was ich eigentlich sagen will: danke fürs Aufmerksam machen und den Anstoß zum nachdenken!

  8. G.M.K. sagt:

    @ Marisa:

    Du bringst es noch genauer auf den Punkt, als es mir gestern gelungen ist. Danke fürs Anregenlassen, Aufnehmen und Weiterdenken!

  9. Matthias sagt:

    danke.
    mein gegenzauberwort ist dieses jahr schloch.