Simone de Beauvoir: „Zu leben wie alle Welt und doch wie kein anderer zu sein“

von Nadia
Flickr (c) ELAINE CAMPOS

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Berühmte Zitate Beauvoirs werden bisher noch ohne Gender Gap übersetzt (siehe Überschrift). Oder unter Verwendung des generischem Maskulins: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“ Hätte sie es sich anders gewünscht? Vielleicht. Oder bestimmt?

Beauvoir wäre heute 106 Jahre alt geworden. Vor knapp 28 Jahren ist sie verstorben. Drei Jahrzehnte Zeit blieben also, sich mit de Beauvoirs Vermächtnis zu befassen. Die Ergebnisse in der Beschäftigung mit ihrer Arbeit werden immer wieder neu sein, denn solange sich der Feminismus entwickelt, wird sich auch die Lesart Beauvoirs entwickeln.

„Das andere Geschlecht“ erschien 1951. Einen dicken Schinken verfasste Beauvoir: Ein umfassendes kulturgeschichtliches Opus zur Situation der Frauen (ohne Sternchen) in einer patriarchal dominierten Welt – und vielleicht das wichtigste Buch über die Emanzipation der (weißen, europäischen) Frau des letzten Jahrhunderts. Wirklich schön zu lesen ist es heute aber natürlich nicht mehr.

Geschrieben aus der Perspektive einer bürgerlich-gebildeten Frau der höheren Klasse, und zum Teil auch unter dem Eindruck eines Denksystems das soziale Konstrukte wie Liebe, Leidenschaft, Sexualität und Körperlichkeit sowie deren Wertigkeit zwar einerseits durchleuchten und brechen will, andererseits jedoch viele (heterosexistische) Kulturmuster tief inkorporiert hat, dass Kapitel wie „Prostituierte und Hetären“ dabei herauskommen in denen Sätze wie „Frauen mit geringen geistigen Fähigkeiten wählen gern einen Beruf, der keinerlei Spezialisierung von ihnen verlangt“ stehen.

Manches, das in „Das andere Geschlecht“ steht, ist tatsächlich eine Zumutung – und heute mit etwa mit intersektionalen Standards natürlich kein bisschen vereinbar. Vieles zeugt einfach auch davon, wie sehr hier (durchaus privilegiertes) Leben und Werk miteinander verflochten sind.

Dieser opus moderandi Beauvoirs führt auch dazu, dass viele ihrer bekanntesten Zitate auf Überlegungen zu klassischen Liebes- und Hetero-Beziehungsszenarien fußen, siehe:

„Das Ideal des durchschnittlichen westlichen Mannes ist eine Frau, die sich aus freien Stücken unter seine Herrschaft begibt, die seine Ideen nicht ohne Diskussion hinnimmt, aber seinen Gründen nachgibt, ihm ganz gescheite Gegengründe entgegensetzt, um sich schließlich überzeugen zu lassen.“

„Da die Ehe die körperliche Liebe im Allgemeinen nicht mit einschließt, schiene es vernünftig, das eine unverblümt vom andern zu trennen.“

„Das Ideal bestünde darin, dass Menschen, die sich selbst vollständig genügen, nur durch die freie Bejahung ihrer Liebe miteinander verbunden wären.“

Und auch bei einem Kapitel wie „Die Lesbierin“ müssen mehr als zwei Augen zugedrückt werden, weil dort vieles, was de Beauvoir schreibt, schlichtweg falsch ist und unempirisch auf ihren eigenen Vermutungen beruht: „Im allgemeinen reagiert der Mann gereizter auf eine aktive und autonome Heterosexuelle als auf eine unaggressive Homosexuelle. Nur die erste macht ihm seine männlichen Vorrechte streitig.“ Nun, ja.

Spaltungsmotive durchziehen Beauvoirs Werke: Analytische Genauigkeit und subversiv-visionärer Scharfsinn wechseln sich ab mit zeitweise auftauchendem philosophischem Romantik-Wischiwaschi. Kann es ihr verübelt werden? Wahrscheinlich nicht, wenn mensch bedenkt dass zum Beispiel auch ihre Ehe-Ersatz-Symbiose mit Sartre zur damaligen Zeit vielleicht der Überlebenskompromiss in einer sexistisch-strukturierten Welt gewesen ist.

Die Zerissenheit Beauvoirs wird mit einem Blick in die Liebesbriefe deutlicher, die sie seinerzeit dem Schriftsteller Nelson Algren, mit dem sie ab 1947 drei Jahre liiert war, schrieb – Schriftzeugen einer Liasion übrigens, die in die Entstehungsphase von „Das andere Geschlecht“ fiel und das Buchprojekt fast zum Scheitern brachte, und von der Adoptivtochter aus dem Nachlass veröffentlicht.

Die Frage wäre bestimmt, welche Bücher de Beauvoir heute schreiben würde – und welchem Feminismus sie sich anschließen würde. Einem konservativen Feminismus fernab von Aktivismus à la Alice Schwarzer, mit der sie gut befreundet war? Wir können es niemals wissen.

Was aber Feminist_innen von heute oft und vielleicht immer mit Beauvoir gemeinsam haben werden: Erlebnisse der Anfeindungen aufgrund offen gelebter feministisch-emanzipatorischer Haltungen. Nachdem „Das andere Geschlecht“ nämlich erschien, wurde Beauvoir mit Fanpost überhäuft – und zwar in Form von Schmähbriefen.

Und zum Weiterlesen: Eine kurze Abhandlung mit Beauvoir-Anekdoten aus unserer Rubrik „Wer war eigentlich…„.




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 9. Januar 2014 um 17:25 Uhr unter Geschichte, Inspiration. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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9 Kommentare

  1. Anastasia sagt:

    Ich bin mir nicht sicher, ob Simone de Beauvoir heterosexuell war. Sie hatte zumindest viele Affären mit Frauen.

  2. Nadia sagt:

    Oh, ja. Danke für diesen Einwurf, das stimmt natürlich. Ist wohl meiner Angewohnheit geschuldet, sie primär (und das eben evtl. komplett zu unrecht) als Bi-Hete zu lesen.

  3. Naekubi sagt:

    Sehr schöner, kritischer Artikel zum Werk de Beauvoirs! Ich hatte das so gar nicht auf dem Schirm, dass ihr Werk heute mit ganz anderen (fortgeschritteneren) Augen gelesen wird bzw. werden muss.
    Das soll natürlich nicht ihre Leistung für ihre damalige Zeit schmälern.

  4. Para sagt:

    Verständnisfrage: Was ist eine Bi-Hete?

  5. Nadia sagt:

    Frauen, die sich bisexuell labeln und in der Performance dann meistens heterosexuell leben. Angelina Jolie, z.B.

  6. Auralibby sagt:

    Und durch welches Verhalten kann aus einer „Bi-Hete“ eine „echte“ Bisexuelle werden? Bei dem Begriff hänge ich verständnismäßig auch.

  7. Anna-Sarah sagt:

    Ich werfe mal zwei Lesetipps ein, die in Sachen Bi-Heten vielleicht weiter führen, falls der Begriff irritieren sollte:

    einen aus dem letzten Jahr und ein aktueller von Nadine.

  8. Para sagt:

    Danke für die Antwort, die aber eine neue Frage aufgeworfen hat. (Bin mit „eurer“ Sprache noch nicht so vertraut.) Was ist mit Performance gemeint? Ich verstehe den Sinn des Wortes an dieser Stelle nicht. „Meistens heteresexuell leben“ sagt doch schon alles aus. Oder nicht? Den von Nadine verlinkten Artikel habe ich gelesen, verstehe aber nicht, was genasu sie mit Dyke und „Dyke sein“ meint. Dyke als Synonym für lesbisch oder meint sie Dyke von der urpsrünglichen Bedeutung des Wortes her? (Ich weiß, es wäre sinnvoller sie direkt zu fragen, ich hatte das auch vor, aber dann die Befürchtung, das würde als Derailing angesehen. Ich fühle mich bei „euch“ meistens sehr unsicher und habe Angst in ein Fettnäpfchen zu treten.)

  9. Nadia sagt:

    @Auralibby: Das ist sie doch, verfügt aber – im Gegensatz zu lesbischen Frauen – in dieser Konstellation über Heteraprivilegien.