Sexualisierte Gewalt: Wer wird gesehen?

von Charlott
Dieser Text ist Teil 122 von 128 der Serie Die Feministische Bibliothek


Das Bild davon, wie ein Opfer sexualisierter Gewalt aussieht, wer als Täter in Frage kommt und welche Wege des Umgangs mit der erfahrenen Gewalt akzeptabel sind, kennt nur wenige Nuancen. Opfer sind zumeist cis-weiblich, hetero, weiß und able. Täter sind männlich (und häufig rassifiziert, wie auch die aktuellen Debatten in Deutschland zeigen). Diese Vorannahmen gerade auch in (Mainstream) feministischen Diskursen, haben Auswirkungen darauf, wie Hilfsangebote strukturiert sind, wer Zugang hat, welchen Erzählungen Raum gegeben wird, welche als schädlich gelten und was als „heilende“ Ansätze akzeptiert werden kann. Obwohl LGBTQ Personen von Beginn an elementar waren im „anti-violence movement“ und sich vehement gegen sexualisierte Gewalt einsetzen und Betroffene unterstüzen, sind es oft ihre Erfahrungen, die marginalisiert werden. Die im letzten Jahr erschienene Anthologie Queering Sexual Violence: Radical Voices from Within the Anti-Violence Movement herausgegeben von Jennifer Patterson möchte dem etwas entgegensetzen.

Eröffnet wird die Sammlung von River Willow Fagans Essay „Fluctuations in Voice: A Genderqueer Response to Traumatic Violence“. Fagans beginnt:

My voice is probably husky, as I have been crying; either way, my voice sounds like a man’s voice. Her voice, emanating from the phone, is cold. „This number is only for survivors of sexual violence,“ she tells me.
„I know,“ I say. „I’m a survivor.“
„I’m sorry but this number is for people in crisis only,“ she say. „You’ll have to call the business line.“ She sounds angry, as if by calling I have invaded her space […].*

Bereits in diesen ersten Sätzen spiegeln sich einige der fundamentalen Problemfelder wider, die in den folgenden Texten in Variationen aufgegriffen werden: Wer gilt als potentiell betroffen? Wem wird geglaubt? Wer hat Zugang zu Unterstützung?

Insgesamt 36 sehr unterschiedlich positionierte Menschen schreiben in Essay- oder (seltener) Gedichtform über sexualisierte Gewalt. Die Texte sind vier Kapitel untergeordnet: Redefining (Neudefinieren), Reclaiming (Wieder Aneignen), Resisting (Widerstand), Reimaging (Neuvorstellen). Die Kapitelabgrenzungen sind teils etwas wage, aber sie machen deutlich, was das Ziel des Buchs ist: Gewaltformen, zu denen es dominante Vorstellungen gibt, sollen neudefiniert werden, der Blick für Betroffene geschärft werden und genau hingesehen werden, wer Gewalt erfährt, wer Gewalt ausübt, mit welchen Folgen. Die Autor_innen bekommen den Raum ihre diversen Erfahrungen offen zulegen, Fragen zu stellen und Vorschläge zu unterbreiten.

Das Buch versucht dabei nicht dem dominanten Diskurs einen in sich kohärenten Gegendiskurs gegenüber zustellen, sondern Vorannahmen aufzubrechen und Widersprüche stehen zu lassen. So kann in einem Text dargelegt werden, wie die schreibende Person ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt auch dazu beigetragen hat, wie sie ihr Geschlecht und ihre Sexualität wahrnimmt und lebt, und in einem späteren Text der_die Autor_in gegen die Vorannahme, dass sexualisierte Gewalt „Ursache“ für Queerness sei argumentieren. Die Anthologie legt nahe, dass beide – auf der Oberfläche konträr wirkende Aussagen – gleichermaßen wahr sein können. Autor_innen fragen auch, wie mit Täter_innen in der eigenen Community umgehen, die auch mal Opfer waren, wie selbst anerkennen, dass die eigene Erfahrung sexualisierter Gewalt nicht davor schützt selbst gewalttätig zu agieren. Die Sammlung in ihrer Gänze deutlich, dass es nicht immer einfache Antworten gibt, nicht immer eine Lösung, die für alle passend ist. Das zu akzeptieren wird zu einer wichtigen Grundlage, um gegen sexualisierte Gewalt und für Betroffene von dieser Gewalt zu arbeiten.

Queering Sexual Violence: Radical Voices from Within the Anti-Violence Movement ist ein wichtiges Buch: Es repräsentiert marginalisierte Erfahrungen, regt zum immer weiter kritisch hinterfragen ein. Die Vielfalt der Texte ist ein großer Gewinn, auch wenn eine etwas klarere Gliederung im Buch – gerade langfristig zum Nachschlagen – schön gewesen wäre. Viele Autor_innen beschreiben konkret (und teils relativ graphisch) ihre Gewalterfahrungen. Ich zu mindestens musste immer mal wieder Pausen machen beim Lesen – aber das Buch ist es wert.

Zum Weiterlesen:

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* Übersetzung Zitat: Meine Stimme ist wahrscheinlich heiser, da ich geweint habe. In jedem Fall klingt meine Stimme wie eine Männerstimme. Ihre Stimme, die aus dem Telefon klingt, ist kalt. „Diese Nummer ist nur für Überlebende von sexualisierte Gewalt,“ sagt sie mir.
„Ich weiß,“ sage ich. „Ich bin Überlebende_r.“
„Tut mir Leid, aber diese Nummer ist nur für Menschen in einer Krise,“ sagt sie. „Sie müssen unsere Geschäftsnummer anrufen.“ Sie klingt wütend, als wäre ich durch meinen Anruf in ihren persönlichen Raum eingedrungen […].




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 10. Januar 2017 um 11:47 Uhr unter Aktivismus, Gewalt. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. Laura sagt:

    Liebe Mädchenmannschaft,

    vielen Dank für eure Mühe und euer Engagement, das ihr in diesen Blog steckt. Ich denke, ihr bekommt viel hässliche und verachtende Kommentare, deshalb wollte ich an dieser Stelle meine Anerkennung und Wertschätzung für eure Arbeit da lassen.

    Ihr braucht diesen Kommentar nicht veröffentlichen, da er nichts mit dem Blogeintrag zu tun hat, der mir auch sehr gut gefallen hat btw ;) Ich hoffe das es irgendwann ein hassfreies Internet geben wird oder einen Algorithmus der den Shitstorm filtert.

    Bis dahin alles Liebe und Gute,
    L.

  2. Nadine sagt:

    Hallo Laura,

    vielen Dank für dein Feedback, das freut uns sehr. Wir halten auch schon ewig Ausschau nach diesem Internet :)