Anti XXL

17. Juni 2009 von Verena
Dieser Text ist Teil 15 von 25 der Serie Wilde Mädchen

Ein Trend, der unausrottbar scheint, ist das It-Girl. Frauen wie Paris Hilton, Nicole Richie oder Sienna Miller füttern mit ihren bunten Kleidchen und kaputten Liebesbeziehungen die Illustrierten, halten die eigenen Hüften und Hirne aber schlank.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Immerhin macht sich neuerdings ein Gegenentwurf breit: Das Anit-It-Girl. Vertreterinnen sind junge Frauen wie Pixie und Peaches Geldof, die zwar eine ähnlich schlanke Taille wie ihre Pro-Vertreterinnen aufweisen, aber ihrer Kleidung und ihrem Make-Up ein Lotterleben zugestehen. Fuck the All-American-Girl! Trotzdem sitzen diese Mädchen beim internationalen Laufsteggeschehen in den ersten Reihen – und treffen dort auf das meiner Meinung nach einzig wahre Anti-It-Girl: Beth Ditto.

Über die Sängerin der Band „The Gossip“ schreibt die österreichische Standard:

Sie ist klein und dick, lesbisch und vorlaut, rasiert sich weder Beine noch Achseln und soll in ihrer Jugend in einer Wohnwagensiedlung in Arkansas auch schon einmal Eichhörnchen zum Abendessen verspeist haben.

Klein und dick, das heißt 95 Kilo auf 1,55 Meter verteilt. Ihren Wuchtbrummenkörper zwängt Dito außerdem bevorzugt in hautenge Klamotten, derer sie sich auf der Bühne schwitzend wieder entledigt. Das ist ihre Auffassung von Freiheit – zu machen, was sie will.

Ditto stammt aus dem Riot Grrrl-Umfeld und gründetet bereits 1999 The Gossip, die 2006 mit “Standing in the Way of Control” gegen das Verbot von Homo-Ehen ansangen. Und auch sonst weiß Ditto mehr zu bieten als Fettpolster und Achselhaare. Ihrem Aufstieg als Fashion-Vorbild steht sie durchaus kritisch gegenüber und statt sich nun gegenüber Lagerfeld und Co. zu verpflichten, entwirft sie Kreationen für Übergewichtige. Außerdem heißt es, sie wolle einen Stilratgeber für Frauen jenseits der schlanken Konfektionsgrößen schreiben.

Schade nur, dass die mediale Präsenz einer Frau wie Beth Ditto, trotzdem kein gesellschaftliches Umdenken hinsichtlich weiblicher Körperformen nach sich zieht. Da kann die Vogue ruhig fragen, ob dick das neue chic sei, das allgemeingültige Ästhetikempfinden wird sich nicht ändern. Machen wir uns doch nichts vor: Im Alltag wird die Vogue-Leserin, Chanel-Käuferin und It-Girl-Kopiererin nach wie vor das Näschen rümpfen, wenn ihr eine Rubensfrau in Leggins begegnet.

Im spiegel.de Interview sieht Ditto das ähnlich:

Wenn ich mich so umsehe in den Medien, dann habe ich immer noch das Gefühl, dass da ganz andere Trends propagiert werden, Trends wie die Trenndiät.

Gleichzeitig wundert sich spiegel.de Autor Thomas Winkler, warum bei dem ganzen Hype die Musik der Band und ihre feministisch-queere Verortung verloren gehen. Was soll der Mist, Beth Ditto über die – in dem Fall – paradoxen Mechanismen der Modewelt populär zu machen und das Wesentliche, nämlich Musik und Message hinten an zu stellen? Ist Erfolg tatsächlich nur über kurzlebige In- und Out-Listen machbar? Oder sollten wir uns freuen, wenn die cleanen It-Girls von einer unangepassten Dicken an den Rand gedrängt werden?

Der Rest der Band hat seine eigene Meinung:

„Man kann die Medien nicht kontrollieren”, sagt Gitarrist/Bassist Brace Paine, das einzige heterosexuelle Mitglied von Gossip. Und die flächendeckend tätowierte Schlagzeugerin Hannah Billie ergänzt: “Wenn sich die Leute lieber auf diesen VIP-Dreck konzentrieren wollen, dann ist das deren Problem, nicht unseres.”


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Rotkäppchen in Action

20. Mai 2009 von Verena
Dieser Text ist Teil 14 von 25 der Serie Wilde Mädchen

Weibliche Märchenfiguren – hach, auch so ein Thema. Junge gelangweilte Prinzessinnen, böse Stiefmütter, eingeschüchterte Stieftöchter: Schneewitchen putzt für Zwerge, Aschenputtel schiebt Küchendienst, Rapunzel kämmt sich ihr Haar und Dornröschen pennt. Aber alles nur, bis endlich der holde Prinz kommt, um sie aus ihrem kläglichen Dasein zu befreien. Jaja, die Erlösung ist immer noch ein Mann und Heirat das Beste, was so einem armen Märchenmädchen passieren kann.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Richtig cool dagegen ist Rotkäppchen. Allein und in Signalfarben gekleidet, läuft sie nachts durch den Wald, quatscht ne Runde mit dem Wolf und ist nicht feige, später nach Ohren, Nase und Mund der merkwürdig aussehenden Großmutter zu fragen. Ok, zwar landet Rotkäppchen im Wolfsbauch, wird aber später vom Jäger befreit, ohne mit dem bis an ihr Lebensende glücklich werden zu müssen. Und das ist auch nur die Version der Brüder Grimm. Andere und ältere Überlieferungen erzählen die Geschichte von Rotkäppchen auch mal anders.

Ein schneidiges Rotkäppchen hat Frl. Zucker für die Mädchenmannschaft entworfen

Ein schneidiges Rotkäppchen hat Frl. Zucker für die Mädchenmannschaft entworfen

An einer davon orientiert sich die italienische Kinderbuch-Illustratorin Chiara Carrer. In ihrer Geschichte „Der Wolf und das Mädchen“ trägt Rotkäppchen ihre Haare offen und kostet auch mal ein Stück von Oma, als der Wolf ihr das anbietet. Was aber viel wichtiger ist: Das Mädchen ist mutig genug, dem Wolf mit einem Trick zu entfliehen; ja ihm sogar die Tür vor der Nase zuzuschlagen, als er sie bis zu ihrem Haus verfolgt. Mit düsteren und akzentuierten Bilder hat Carrer das Märchen gezeichnet. Spiegel.de sieht die emanzipierten, kannibalistischen und sexuellen Tendenzen in diesem Märchen allerdings skeptisch:

Ob Carrers magisch-finsteres Bilderbuch sich als Vorlesebuch für kluge, kleine Mädchen eignet, ist schwer zu sagen. Es hat die Kraft schlechter Träume. Vielleicht kann es junge Zuhörer gerade deshalb vor schlechten Wirklichkeiten bewahren.

Alles klar, ein gewitztes Mädchen hat ein höheres Alptraumpotential als Wölfe, die Menschen oder Geißlein verschlingen, abgeschnittene Fersen oder im Ofen schmorende Hexen…

Dass es toughe Mädchen in Kinderbüchern schwer haben, darauf hat neulich schon Anatol Stefanowitsch im Bremer Sprachblog hingewiesen. Aber der Mann weiß Abhilfe zu schaffen:

Die Geschichte vom mutigen kleinen Fuchsjungen, der interessiert die Welt erkundet, während seine Schwestern lieber bei der Mutter bleiben (er wurde bei mir ein mutiges kleines Fuchsmädchen), die Geschichte von den Kindern aus der Krachmacherstraße, die mit der Bahn in den Urlaub fahren, weil „Mama natürlich nicht autofahren kann“ (sie wurde bei mir zur umweltbewussten BahnCard-Besitzerin), all die Geschichten von wilden, mit detektivischem Gespür und Abenteuerlust ausgestatteten Jungen, in deren Welt Mädchen höchstens als blöde ältere Schwestern vorkommen (diese Bücher sind bei mir gleich aus dem Bücherregal geflogen, oder ich habe beim Vorlesen wenigstens die blöden älteren Schwestern weggelassen).

Genau, den Märchen einfach mal in den Sack treten und Rotkäppchen zum Powergirl machen. Happy End 2009!


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Mehr Intellekt bitte

6. Mai 2009 von Verena
Dieser Text ist Teil 13 von 25 der Serie Wilde Mädchen

In der Zeit stellte Susanne Mayer vergangenes Jahr die Frage, warum es unter deutschen Frauen eigentlich keine Intellektuellen gäbe. Anders als in den USA, wo seit Mitte der 60er Frauen wie Joan Didion oder Susan Sontag feuilletonistischen Debatten massentauglichen Glamour verliehen, fehle es hierzulande an weiblichem Intellekt mit Starpotential.

Ich finde zwar schon, dass es einige Frauen in Deutschland gibt, die sich mit intellektuellen Debatten gesellschaftlich einbringen, egal ob es ZEIT-Redakteurin Iris Radisch, Alice Schwarzer oder auch die Autorin Juli Zeh ist, die aktuell mit dem Buch „Corpus Deliciti“ Kritik an überzogenen Körper- und Gesundheitsnormen übt.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Trotzdem, Mayers Kritik erscheint nicht ganz unberechtigt und ich frage mich, was Frauen vom intellktuellen Olymp abhält, wenn doch eigentlich genügend geistiges Ambrosia für alle da ist. Wie unendlich nervt es mich, wenn ich im Park, Café oder auf der Straße nur die üblichen Frauengespräche um Diäten, Männer, Mode und eventuell noch Ärger im Job kreisen höre. Sind wir nicht verpflichtet, uns der allgemeinen Verblödung zur Wehr zu setzen? Dass wir es könnten, zeigen doch wohl die besseren Schul- und Uniabschlüsse von Frauen.

Klar, wir könnten wieder auf die Sperrzone Männerverein hinweisen, wo sich in dicken Sesseln gefläzt wird – Zutritt für Frauen verboten. Und tatsächlich, von Frauen werden intellektuelle Höchstleistungen nicht erwartet. Uns suggeriert man, es ist egal, was du im Kopf hast, solange dieser hübsch anzusehen ist. Auch Susanne Mayer verweist in diesem Zusammenhang auf die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun:

Bei uns, sagt Braun, traue die Öffentlichkeit dem Denken der Frauen nicht. Mehr noch – trauten sich Frauen etwas zu, werde das nicht gerne gesehen. So ist es: Frauen, die eine starke Meinung haben, werden vor allen Dingen als Frauen gesehen. Man schaut auf ihre Frisur, die Schuhe {…}.

Aber ich finde es gibt noch einen weiteren, wenn auch daraus resultierenden Grund, warum Frauen intellektuelle Herausforderungen so wenig verfolgen: Wir opfern sie der Organisation unseres Alltags. Es muss eingekauft und sauber gemacht werden, die Freundin noch schnell anrufen, Emails checken, Nachrichten gucken und dann hach, auf dem Sofa mit nem netten Film entspannen. Warum nicht mal die Priorität darauf legen, einen literarischen Klassiker oder ein Sachbuch zu lesen, eine Fremdsprache zu lernen oder einen Leserbrief an ein politisches Magazin zu verfassen?! Oder was auch immer unsere geistige Neugierde befriedigt. Und mit Neugierde meine ich nicht, das „typisch“ weibliche Interesse am Treppenhausklatsch, auch wenn er glamourös aufgemacht als gedruckte Gala zu kaufen ist.

Uns fehlt die Muße und der Wille, unser Bedürfnis nach geistiger Entwicklung gegenüber den üblichen an uns gestellten Ansprüchen zu verteidigen. Und verteidigen bedeutet auch, raus mit dem angeeigneten Wissen! Beteiligt euch an der Diskussionskultur – zuhause, im Freundeskreis, in aller Öffentlichkeit. Denn es kann nicht angehen, wenn mir – wie neulich passiert – der Vater einer Freundin gütlich die Wange tätschelt, nachdem ich meine Meinung kund getan habe, die er nicht teilte.

Auch Susan Sontag hat sich bewusst für ihr Leben als unabhängige Autorin und Intellektuelle entschieden. Sontag, die bereits als junge Frau verheiratet war, trennte sich von ihrem Ehemann und zog mit dem gemeinsamen Sohn als alleinerziehende Mutter nach New York. In der Biographie von Daniel Schreiber heißt es über Sontag, während ihr Mann ein Dasein als Hausfrau und Mutter für sie vorsah, erkannte sie ihre Lebenskonzept in ihrer Bibliothek. In ihrem Erzählband „Ich etc.“ schreibt Sontag:

Wir wissen mehr als wir brauchen können. All das Zeug, das mit im Hirn steckt; Raketen und venezianische Kirchen, David Bowie und Diderot, Nuoc mam und Big Macs, Sonnenbrillen und Orgasmen. {…} Und wir wissen nicht annähernd genug.

Genau – wir wissen nie genug! Schade also, wenn wir bereitwillig unseren Intellekt den Erwartungen anderer unterordnen und ihn vernachlässigen, um den stupiden Alltäglichkeiten gerecht zu werden. Lieber ein dreckiges Bad als ein ungebrauchtes Hirn!


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Schmonzettensex

22. April 2009 von Verena
Dieser Text ist Teil 12 von 25 der Serie Wilde Mädchen

So wie Zigaretten und HipHop-CDs mit Warnhinweisen versehen werden, sollten auch gewisse erotische Bücher Sticker tragen: Achtung, Lektüre gefährdet die Libido!

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Zum Beispiel Tanja Steinlechners Debüt „Wahrheit oder Lüge“, erschienen im ANAIS Verlag, der in begleitender Pressemitteilung schwärmt:

Virtuos spielt die Autorin Tanja Steinlechner mit der Ungewissheit und den Rätseln, die die Freundinnen einander aufgeben. Die zehn betörenden Geschichten, die sie erzählen, sind mal zart und romantisch, mal wild und atemberaubend … »Wahrheit oder Lüge« ist ein Roman, der neugierig macht. Tanja Steinlechner überrascht mit zahlreichen unkonventionellen Wendungen, einem lockeren Erzählton und viel Sinnlichkeit.

Mich überraschte vor allem immer wieder ein herzhaftes Gähnen. Nein halt, wirklich überrascht hat es mich nicht. Erotik, deren Einband eine Blumenwiese voll gelbem Löwenzahn ziert, findet ihren Höhepunkt wohl kaum über die Missionarsstellung hinaus. Auch schön, die blonde junge Frau auf dem Cover, die mit geschlossenen Augen vor sich hin träumt. Vermutlich denkt sie so wie eine der Protagonistinnen:

Hier bin ich keine Studentin, die den Tag in stickigen Bibliotheken und langatmigen Seminaren verbringt. Auch nicht das unkomplizierte Mädchen mit dem dunkelblonden Pferdeschwanz, den Polohemden und den Sneakern. Hier bin ich ganz Frau.

Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn es Frauen gibt, die solche Bücher mögen und erotisch ansprechend finden. Mich stört nur wieder mal die „Wir wissen was Frauen wollen“-Attitüde, mit der weibliche Erotik als wild und zügellos dargestellt wird, über Schmonzettensex mit Vorortcharme aber nicht hinaus geht. Ich stehe aber auch nicht auf diese Dildos mit Delfingesicht – wer will schon eine lieb blickende Eichel im Bett …

Und auch wenn die Autorin sich um so abwechslungsreiche Szenarien wie den Besuch im Swingerclub, Voyeurismus, lesbischen Sex und SM-Spiele bemüht, ihrem „atemberaubenden“ Gesamtkonzept mangelt es an Potenz. Den ersten Blow-Job gibt es auch erst auf Seite 59. Stattdessen wird bevorzugt missoniert gevögelt, jedes Mal an den Nippeln gesaugt, ein Stöhnen unterdrückt, ein paar Stöße unternommen und immer (!) gemeinsam (!) der Höhepunkt erreicht – Na herzlichen Glückwunsch, selbst auf Youporn lassen sich die Akteure mehr Zeit. Oder irre ich mich und erotische Frauenliteratur dient gar nicht als Masturbationsvorlage?

Was mich an dem Buch aber wirklich ärgert, sind die klassischen Rollenklischees. Keine der Protagonistinnen ergreift die Initiative. Da können sie sich zuhause bereits in sündiger Vorahnung den String übergezogen haben und die sanfte Berührung des Liebhabers – hüstel – herbeisehnen, sich einfach zu nehmen, was sie wollen, das tun sie nicht. Stattdessen spielen sie angenehm überrascht, wenn ihnen ins Höschen gegriffen wird. Dazu die traditionelle Rollenverteilung im Alltag: Männer haben einen guten Job, verdienen nicht schlecht, bestellen im Restaurant den Wein und sind beim Sex fordernd und furchtlos. Überhaupt, das körperliche Verlangen gilt vor allem denjenigen, zu denen die Frauen aufschauen können: der Nachhilfelehrer, der intelligente Komilitone oder direkt der Professor.

Dabei legt ANAIS mit seinem Verlagsprogramm Wert auf Authentizität. In den Tipps für Autorinnen heißt es:

Wir suchen realistische Geschichten aus der Gegenwart mit Identifikationspotential, zum Beispiel aus dem Club hier um die Ecke, wo das wahre Leben spielt. {…} Die Themen, die wir suchen, dürfen gern sehr explizit sein, kein verschämtes Wischiwaschi. {…} Auch S/M ist kein Problem, sofern es sich nicht um angelesenes Wissen handelt, sondern um ureigenste Kenntnisse – sonst wird es unglaubwürdig. Das ist überhaupt das wichtigste – diese Authentizität, ganz egal in welcher Spielart.

Aber wenn wir mit diesen Geschichten unsere Phantasie anregen wollen und über das, was wir tagtäglich und nachtnächtlich haben können, hinaus wachsen wollen, sollte dann nicht ein bisschen mehr drin sein, als die Nippellutschnummer und ein bisschen Dildosex, dem natürlich tiefes Vertrauen in den Partner/ die Partnerin vorrausgeht? Ok, es muss nicht direkt de Sade sein, aber auch in explitzit an Frauen gerichteter Erotikliteratur sollten die Abgründe keine Tagesreise entfernt sein.

Liebes ANAIS-Team, orientiert euch doch mal ein bisschen an Eurer Namenspatin Anaïs Nin und deren Lebensgefährten, einem gewissen Henry Miller… denn dort ist der geschriebene Sex dreckig und grob und trotzdem poetisch – ganz ohne Blümchenwiese.


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Pregnant but perfect

8. April 2009 von Verena
Dieser Text ist Teil 11 von 25 der Serie Wilde Mädchen

Die französische Vogue zeigt in ihrer aktuellen Ausgabe eine Modestrecke, in der das Model ihren Schwangerschaftsbauch mit Zigaretten rauchen und Babys werfen kombiniert.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Sowohl jezebel als auch feministe sind sich sicher, dass diese Fotos in der amerikanischen Vogue keine Chance gehabt hätten – so manche Mutter hätte sich auf ihren Mutterpass getreten gefühlt. Dass ein Verstoß gegen die mütterinszenierende Norm in Frankreich durchaus für Skandale sorgen kann, hat die Diskussion um Rachida Datis High-Speed-Mutterschutz gezeigt. Um so besser, dass es um die Vogue nun ruhig bleibt.

Aber mal davon abgesehen, dass es sich hier um Modefotografie, also um Kunst im weiteren Sinne handelt und diese nun mal dafür da ist, gesellschaftlichen Regeln zuwiderzulaufen, finde ich es gut, den Mutterkult ab und an mal vom Thron zu schubsen. Denn Mütter sind auch nur Menschen. Und Schwangere sowieso, die üben das Heiligsein ja gerade erst.

Es steht außer Frage, dass jegliche Art von Drogen in der Schwangerschaft dem Kind schaden und dass jede werdende Mutter sich ihrer Verantwortung bewusst sein sollte, welche Auswirkungen ihr Verhalten nun eben auch auf einen weiteren Menschen hat. Aber es bleibt ihre Entscheidung, ihr Verhalten, ihr Kind – Super-Nannys unerwünscht.

Feministe Userin Maggie beschreibt, wie in England eine schwangere Frau gebeten wurde, den Pub zu verlassen, weil sie ein zweites Bier trinken wollte. Und dann sagt sie noch etwas sehr wichtiges:

Women’s bodies, especially when it comes to reproduction, sex, health screening, menopause ecetera, ecetera are considered the property of the patriarchy, foaming at the mouth religious fanatics ecetera, ecetera. Because we have such tiny minds we couldn’t possibly hope to be trusted to know what’s good for us…

Eine Freundin von mir ist gerade ganz frisch schwanger. Prompt meint ihre Ärtztin, jetzt müsse sie aber ein bisschen zurücktreten und weniger arbeiten, reisen, feiern und sich statt dessen auf die neuen Aufgaben vorbereiten. Puh, denke ich, sie ist schwanger und nicht Patientin in einer Besserungsanstalt. Ab dem Moment, in dem das Ultraschallbild die embryonale Erdnuss zeigt, wird Frau gerne in die Unmündigkeit gedrängt. Entscheidungen über das eigene Verhalten treffen nun die anderen.

Und das ist erst der Anfang. Denn Mütter fallen genauso unter den aufgezwungenen Perfektionismus – die durch nichts zu erschütternde Mutterliebe inklusive. Kein Wunder, dass das schwangere Vogue-Model schon mal das Baby-Werfen übt. Dazu noch mal feministe, Userin umami:

And that one “tossing the baby aside” shot seems like a dark fantasy a lot of new mothers have, and I think it’s good to acknowledge that mothers have those feelings sometimes, rather than to promote the destructive myth that being a perfect mother is easy or even possible, and that women are naturally good at motherhood.

Die stets gut gelaunte Mama, die mit Geduld, Nachsicht und voller Liebe rund um die Uhr ihren Nachwuchs betüdelt, die mag ein Fall für die Brüder Grimm sein. Im Alltagsleben hat sie genauso ein Recht auf schlechte Laune, lautes Gebrüll und Nachlässigkeit wie jedes andere Individuum.

Und bitte, keine Schwangere und keine Mutter ist dafür da, als gutes Vorbild den Maßstab an ihr Geschlecht zu erfüllen. Denn Muttersein löst das Menschsein nicht ab. Und zum Menschsein gehören neben schlechter Laune und Ungeduld eben noch ein Haufen anderer Unzulänglichkeiten. Also Daumen hoch für den Tabubruch der Vogue, der das Aufregerpotential eines Knacks’ hat.


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Weg von den ewig Gestrigen

25. März 2009 von Verena
Dieser Text ist Teil 10 von 25 der Serie Wilde Mädchen

Manche Männer kann man einfach nicht ernst nehmen. Den Papst zum Beispiel. Bevor er vergangene Woche zu seiner Afrika-Reise aufbrach, erklärte Vatikanchef Benedikt, Kondome verschlimmerten das AIDS-Problem. Auf dem schwarzen Kontinent angekommen, spricht er sich gegen Abtreibung aus – auch bei akuter Gefahr für die werdende Mutter. Naja, vielleicht sei dem heiligen Vater da eine Bemerkung falsch in den Mund gelegt worden, mutmaßt Johannes B. Kerner in seiner Talkshow. Und wenn schon, die Meinung der katholischen Kirche zu Verhütung, Geburtenregelung und Abtreibung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht eine Rosenkranzperle weit fortbewegt.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Ich weiß nicht, wie oft ich mich in den vergangenen Jahren über die Position der katholischen Kirche gegenüber Frauen, Safer Sex, Empfängnisverhütung und Abtreibung aufgeregt habe… und ich finde, es lohnt sich auch nicht mehr. Vegangene Woche bin ich aus dem Verein namens Kirche ausgetreten, eine vor allem von Wut und Entrüstung geprägte Entscheidung.

Weil ich aber finde, dass diese Wut in etwas Positives umgewandelt werden sollte und auch den ewig gestrigen Äußerungen des Papstes und ähnlicher Kirchenvertreter mit Aktivismus statt mit Kopfschütteln begegnet werden sollte, hier mal einige Moralapostel, die auch anders können:

Zum Beispiel die Theologin Uta Ranke-Heinemann, die sich schon 1987 mit der Kirche überwarf, als sie der Jungfräulichkeit Marias genauer aufs Laken gucken wollte. Fazit: Entzug der Lehrerlaubnis. Seitdem meldet sich die 81-Jährige immer wieder streitbar zu Wort, schimpft den Papst einen Verbrecher und klagt seine rückwärtsgewandte Sexualmoral als verantwortlich für Krankheit und Tod zahlloser Menschen an.

Gemäßigter, aber nicht weniger entschieden tritt der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke auf. In der Zeit spricht sich der Katholik für den Gebrauch von Kondomen zum Schutz gegen AIDS aus:

„Kein Tabu beim Thema Kondom, aber auch keine Mythen und Verharmlosungen, als sei damit die Welt in Ordnung“, sagte Jaschke. “Kondome können schützen, aber oft lehnen Männer sie ab.“ Deshalb bräuchten Frauen Hilfe, zum Beispiel durch eigne Kondome für Frauen.

Zwar widerspricht der Bischof dem Vorwurf, die Kirche versuche die Menschen einzuschüchtern, aber endlich mal jemand aus den katholischen Reihen, der nicht das folgsame Lamm gibt.

Eine Aktion ohne große Worte leistet sich die spanische Regierung. Spanien, sonst erzkonservativ und katholisch bis aufs Stierblut, schickt eine Million Kondome nach Afrika, ließ das Gesundheitsministerium verlautbaren.

Nicht zu vergessen sind die zahlreichen Hilfsorganisationen wie die Deutsche Aidshilfe, Unicef oder unaids.org, die lautstark gegen die Papstäußerungen protestierten. Schließlich macht so ein Satz deren intensive Arbeit dort zunichte, wo Menschen sich, statt auf praktische Aufklärung, auf den vermeintlichen Trost ihrer Kirche verlassen.

Wer sich jetzt mal wieder fragt, was das hier mit wilden Mädchen zu tun hat, der denkt bitte daran, dass sich vor allem Frauen schnell mit HIV infizieren können und dass es oft besonders an uns liegt, Kondome zu nutzen. Denn wer kennt sie nicht die Situation, in der der One-Night-Stand darauf drängt, aufs Kondom zu verzichten, weil es viel geiler sei, er ohne besser könne, mehr spüre und sie sich mal nicht so anstellen soll. Da muss Frau sich durchsetzen und auf das mit bestehen, sonst bleiben die Hosen eben oben. Denn im Ernst, wer will es schon mit dem Papst und der katholischen Kirche halten und auf deren Empfehlung, Enthaltsamkeit genannt, setzen? Eben!


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Bitte pöbeln!

10. März 2009 von Verena
Dieser Text ist Teil 9 von 25 der Serie Wilde Mädchen

Im männlich dominierten HipHop gehört dissen zum guten Ton. Ohne Verbalattacken auf Kollegen und Konkurrenz scheint der beste Beat nichts wert zu sein. Bei Frauen dagegen heißt dissen lästern und ist kein Zeichen von Kredibilität. Auch der Begriff „Zickenkrieg“ fällt in diesem Zusammenhang gerne. Erst jüngst hat Christina Waechter bei jetzt.de das rüpelhafte Verhalten von Frauen im Netz kritisiert. Zugegeben, die gehässigen Kommentare in irgendwelchen Styleblogs sind miese Faustschwinger. Aber Wächters Einschätzung, der raue Ton von Frauen im Netz würde als „positive feministische Entwicklung verkauft“, erzeugt bei mir schnaubendes Kopfschütteln. Lästern hilft keinem und am wenigsten den Frauen untereinander. Aber sich auch mal über den Tellerrand hinaus austoben, miteinander messen und dabei über die akzeptierte Aufregerstrenge zu schlagen, das halte ich für legitim, wenn nicht sogar notwendig.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Für ihren Vergleich bemüht Waechter die Schulhofmentalität, die ihrer Meinung nach im Erwachsenenalter überwunden sein sollte. Quatsch! Denn ich kenne keine Frau, der Stillhalten auf dem Pausenhof geholfen hätte. Egal ob die Jungs über die neue Jeans lästern oder die Mädchen einen in die Pfütze schubsen, Zurückhaltung macht wehrlos.

Und genau hier stelle ich mir die Frage, wenn Frauen rüpeln und pöbeln und auch mal verbale Sprengungen provozieren, wo ist da die Grenze? In meinen Augen höchstens auf der Reeperbahn nachts um halb eins mit entsprechendem Alkoholpegel. Denn das steht keiner und keinem gut zu Gesicht – auch wenn sogar das manchmal sein muss.

Meiner Meinung nach ist weibliche Rüpelei ein Grundrecht und besonders geeignet in Situationen, in denen Frau sich wehren oder durchsetzen will: Ein Lasterfahrer, der beim Zurücksetzen die Zweige einer Tanne im Vorgarten absäbelt, reagiert auf die freundliche Bitte, etwas aufzupassen mit geringschätzigem Blick? Kein Problem, da werde ich doch direkt mal ein Spur konkreter und bestimmter. Einen Mann, der im Gespräch mehr an meinem Ausschnitt als an meiner Mimik interessiert ist, weise ich auf einen notwendigen Perspektivwechsel hin. Oder die beliebten Tanzflächensituationen, in denen Typen aufdringlich werden. Auch gerne bei meinen Freundinnen, die dann bloß betreten weggucken oder sich zur Seite drehen. Nur genau das nützt halt nicht immer. Stattdessen sorge ich dann für groben Klartext. Und gebe zu, es macht mir Spaß ein hart geschlagenes Verbal-As zu versenken.

Denn für mich ist Pöbeln nicht nur eine Reaktion aus Notwehr, auch zum Aggressionabbau eignet sich ein laut gesagtes Schimpfwort hervorragend. Wer auf dem Fahrradweg bummelt, mir die Vorfahrt nimmt oder geringschätzig hinterherschaut, der bekommt ein in den Bart gemurmeltes „Wichser“ um die Ohren gehauen. Schlicht aus der Lust an frei Schnauze.

Als Zeitvertreib ist Pöbelei ebenfalls erlaubt – schließlich ist jedem mal langweilig. Auf Festivitäten, wie Hochzeiten, gähnenden Parties oder öden Familientreffen, bei denen sich alle betont heiter geben, während vor Langeweile selbst Faultiere durchdrehen, lockert eine gut platzierte Rüpelei so manche Trauerstunde auf. Der Vorwurf, das sei blanke Provokation, ist berechtigt – und mir völlig egal!

Und überhaupt, wer meint, Wutausgleich und Aggressionsabbau sollte bei Frauen gemäßigt ablaufen, dem empfehle ich an dieser Stelle den Text der neon.de Userin Matrosenliebchen. In „Pro Kraftausdrücke“ bricht sie eine Lanze für das laute, das vehemente, das unangemessene Schimpfen.

Wenn es etwas gibt, das ich richtig gut kann, dann ist das schimpfen, ob ich mich nun über Menschen oder Situationen echauffiere, ob ich jemanden, der es verdient hat, anpöbel oder aber nur so vor mich hinfluche, weil mal wieder alles doof ist. Leider ist das Feedback selten positiv. Woran das liegt? Ich weiß es nicht, ich finde es ja toll. Vielleicht liegt es daran, dass mein Äußeres nicht direkt auf meine ausgeprägte Bierkutschermentalität schließen lässt. Jemand hat mal zu mir gesagt, dass dieses vulgäre Vokabular wie auch meine Art, es durch die Gegend zu kotzen, gar nicht zu mir passen würde, dass es nicht angemessen sei und viel zu übertrieben. {…} Und jetzt? Heißt das, ich sollte mich gar nicht mehr aufregen? Das geht nicht. Ich würde platzen. Oder vielleicht, dass ich mich anders aufregen sollte? „Angemessener“? Aber wie regt man sich „angemessen“ auf? Indem ich eine Schnute ziehe und drollig vor mich hinschmolle? Sollte ich beim Schimpfen mädchenhaftere Worte wählen?


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Eine Frage des Alters?

25. Februar 2009 von Verena
Dieser Text ist Teil 8 von 25 der Serie Wilde Mädchen

Haben wilde Mädchen eigentlich ein Verfallsdatum? Auch unsereins mit 30± verfängt sich immer wieder in Diskussionen, ob das „Mädchen“-Label denn nicht zu sehr nach Liebkind klänge.

Ich frage bloß, weil mir in letzter Zeit vor allem Frauen 50+ auffallen, die coole Dinge zum Thema Feminismus sagen und stärker für unangepasste Frauen werben, während sich die jungen Damen in gefälligen Widersprüchen verfangen. Zum Beispiel Kelly Clarkson. Feministing.com griff ein Interview der American Idol-Gewinnerin auf, in dem sie die Frage, ob sie eine Feministin sei, vehement verneinte.

No, not at all. [...] I’m like, “Hey, knock-knock, 2008.” Most of the men in my life have been very highly supportive. I’ve never had to even think like a feminist because no one around me even thinks one [sex] is higher than the other.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Ein paar Fragen weiter fiel ihr das Musikbusiness dann doch als Boys-Club auf.

I just know for a fact … why I said that was because I was actually on a phone call with two people who did not know I was on the phone, and I literally heard somebody I used to work with say, “Well, you know what, he can get away with it because it’s a guy. She’s a girl, so let’s just face it, it’s different.” And I was like, “Is this the 1950s?” I hung up and didn’t listen to the rest.

Und jetzt Iris Berben. Die Schauspielerin hat gerade das Buch „Frauen bewegen die Welt“ mitherausgegeben. Dort werden Frauen portraitiert, die mit aller Konsequenz für ihre Überzeugungen einstehen und, ungeachtet der eigenen Sicherheit, gegen Ungerechtigkeiten und Unterdrückung aufbegehren wie die russische Journalistin Anna Politkowskaja, die 2006 einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Oder die Menschenrechtsaktivistin Monira Rahman, deren Organisation sich für die Opfer von Säureattentaten in Bangladesh einsetzt.

Im Interview mit Spiegel Online gibt Iris Berben ein paar Antworten auf die Frage nach männlicher und weiblicher Courage. Zwar bezeichnet sie sich nicht als „Feministin im Sinne von Alice Schwarzer“, nennt aber genau jene Eigenschaften, die ein wildes Mädchen ausmachen: Selbstbewusstsein, die Fähigkeit ungewöhnliche Entscheidungen treffen, Radikalität und – wenn notwendig – Wut und Angriff als die bessere Verteidigung.

Es gab Momente, wo ich reagiert habe, und ich würde das auch heute tun. Ich erinnere mich an einen Abend, als wir im niederösterreichischen Waldviertel in einer Gaststätte Theaterproben hatten. Da saß ein alter Mann allein am Tisch und wurde von anderen Gästen permanent bepöbelt. “Dich haben wir ja hier nur aufgenommen, weil sie vergessen haben, dich zu vergasen”, sagte einer der Bauern. Ich bin dem buchstäblich an die Gurgel gesprungen vor Wut.

Ein anderer alter Hase unter den wilden Mädchen ist die Schauspielerin und Regisseurin Katharina Thalbach. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärte sie im vergangenen Jahr, warum ihr Elisabeth I. die liebste historische Figur ist.

Weil sie eine grandiose Frau in einer überaus spannenden Zeit voller Umschwünge war, in der das Bürgertum eine revolutionäre Klasse darstellte und diese wilden Weiber – auch Katharina von Medici, Maria Stuart, die allerdings politisch unfähig war, oder Jeanne d’Albret, die Mutter von Henri IV. – plötzlich erhebliche Macht ausübten. Elisabeth I. hat das Hausfrauendenken und ihre Weiblichkeit auf eine praktische, uneitle Art in die Regierungsform hineingebracht und produktiv mit einem Stab – aktuell würde man es Kompetenzteam nennen – zusammengearbeitet. Die Frechheit, mit der sie sich etwa die Dienste von Piraten gesichert hat, um spanische Schiffe auszurauben, und dann Francis Drake noch zum Ritter schlug, gefällt mir.

Es scheint, als wäre es mit den wilden Mädchen wie mit Wein und Käse, je älter und reifer, desto besser. Auch ohne sich explizit das F-Schild umzuhängen, nehmen sie Stellung und bewerten jene Eigenschaften als positiv und zum Vorbild eignend, die sich nicht in einem kleinen Abendhandtäschchen verstecken lassen. Ganz schön klasse – aber erreichen solche Statements uns überhaupt? Und wenn ja, haben die Aussagen zum Feminismus von Frauen der Generation 50+ einen anderen Effekt auf uns, als die der Vertreterinnen unserer Generation?


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Schlagzeilen für Rihanna

11. Februar 2009 von Verena
Dieser Text ist Teil 7 von 25 der Serie Wilde Mädchen

Liebe Rihanna, hiermit verleihe ich dir offiziell und allen Ernstes den ersten „Wilde-Mädchen“-Orden des Jahres. Nicht, weil du schon im vergangenen Sommer mit deinem Umbrella-Videoclip mehr als den gewönlichen R’n'B Augenaufschlag deiner Kolleginnen gezeigt hast. Oder weil du die Haare kurz trägst und auch damit mehr nach Lausbub als nach Souldiva aussiehst.

Nein, es ist egal, ob ich deine Musik mag oder die Art, wie du dich auf der Bühne bewegst. Es ist wurscht, ob du die Haare kurz oder lang trägst. Und es ist nicht wirklich wichtig, ob du am Sonntag bei der Grammyverleihung – wie sagt man so schön – abgeräumt hättest.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Das, was zählt ist, dass du an diesem Tag eine andere Art der Öffentlichkeit gewählt hast. Du hast deine Teilnahme an den Grammys abgesagt, obwohl du nominiert warst und außerdem hättest performen sollen. Laut den aktuellen Presseberichten soll dein Freund Chris Brown dich an diesem Morgen geschlagen haben. Ein blaues Auge und weitere Verletzungen sind die äußeren, die sichtbaren Folgen. Wenn das alles stimmt, dann verleihe ich dir den „Wilde-Mädchen“-Orden für deine Haltung gegenüber häuslicher Gewalt.

Dafür, dass du das Veilchen nicht hast überschminken lassen und erzählt, du seist gegen eine Tür gelaufen. Dafür, dass du konsequent warst, eben nicht so zu tun, als sei alles in Ordnung. Dafür, dass du zeigst, sich schlagen zu lassen ist nie und niemals zu entschuldigen. Dafür, dass du als prominente Frau beweist, dass Gewalt auch vor selbständigen und selbstbewusst auftretenden Frauen nicht Halt macht.

Aber es gibt auch Gegenstimmen. Feministing.com fragt, ob es ok sei, deinen Namen offiziell zu nennen, wo es am Anfang bloß hieß, Chris Brown sei wegen tätlichen Angriffs auf eine Frau verhaftet worden. Vielleicht willst du in diesem Fall gar kein prominentes Vorbild sein:

So it is the double edged sword of fame. She has the power and influence to make a statement, get the help she needs and take whatever legal means she needs to. But what if she doesn’t want to? What if she doesn’t have the support she needs? There is a strong possibility she will be demonized by the media as well. When the mainstream media covers domestic violence, it is generally not on the side of empowering women, but instead how the legal system victimizes men.

Deshalb greife ich den Mainstream-Medien vor und nenne deine Absage an die strahlende Scheinwelt der Grammy Awards ein vorbildliches Statement. Auch wenn du diesen Trubel gar nicht wolltest und dein Rückzug aus Schock und Scham geschah. Weil du prominent bist, haben wir trotzdem davon erfahren. Und das ist wichtig! Denn nur dann gilt, was ich bereits oben schrieb: Häusliche Gewalt kann überall und jederzeit vorkommen und es gibt keinen einzigen Grund auf der Welt, das nicht zu thematisieren! Wie du dich in Zukunft dazu äußern wirst oder eben auch nicht, soll deine ganz eigene Entscheidung sein.

Die Schokoladentorte, die zum „Wilde-Mädchen“-Orden gehört, können wir essen, wenn es dir wieder besser geht. Vielleicht bringst du dann auch M.I.A. mit. Denn die ist stattdessen am Sonntag aufgetreten. Mit schwangerem Neun-Monatsbauch hat sie eine fette Performance abgeliefert und gezeigt, dass durchaus noch mehr wilde Mädchen in der Musikbranche unterwegs sind. Auch mit besseren Schlagzeilen.


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Ach scheiß drauf!

28. Januar 2009 von Verena
Dieser Text ist Teil 6 von 25 der Serie Wilde Mädchen

Vielleicht sollte das mal gesagt werden: Wenn ich hier über „wilde Mädchen“ schreibe, dann meine ich oft weder entfesselte Amazonen noch wutschnaubende Riotgirls. „Wild“ sind manchmal schon die Frauen, die die allgemein anerkannten Regeln in Aussehen, Auftreten oder Verhalten nicht erfüllen. Die eben nicht dem entsprechen, was von Frauen oft erwartet wird, schlank zu sein oder Contenance zu bewahren.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Gemma Arterton, das aktuelle Bond-Girl aus „Ein Quantum Trost“ erschien jetzt bei einer offiziellen Veranstaltung mit einigen Pfunden mehr auf den agentenerprobten Hüften. Spiegel.de zitierte die „Daily Mail“

Arterton habe ob der Trennung von ihrem Ex-Freund wohl in der “altbewährten Art und Weise” Aufmunterung gesucht, und “einem Bottich Eiscreme, oder zwei” verdrückt.

Als Ergebnis sah das britische Yellow-Paper statt kokettierender Taille ein – für eine Bondsche Bettgefährtin – No-Go-Doppelkinn.

Nach Kate Winslets Gewinn zweier Golden Globes meldete Perlentaucher.de mit Bezug auf Jezebel.com die Reaktionen der britischen Presse auf die Dankesrede der ausgezeichneten Schauspielerin.

Die britische Presse hat Kate Winslet für ihren Auftritt bei den Golden Globes geschlachtet: “Bei dieser Rede hätte sich sogar ein Kadaver vor Peinlichkeit gekrümmt”. Die englische Schauspielerin war mit zwei Globes ausgezeichnet worden und geriet darüber in, ähm, Erregung (Videos bei Youtube). Der Guardian war angeekelt, die Times hielt sie für beschwipst, und der Independent forderte eine Entschuldigung von Winslet

Über die dritte im Bunde, Rachida Dati und ihre „Rückkehr“ in den Job, wenige Tage nach der Entbindung ihres Kindes, haben wir hier an anderer Stelle schon diskutiert.

Aber auch wer nicht neben 007 schläft, Golden Globes einheimst oder ein Justizministerium führt, muss sich bisweilen ein Feuerwerk aus Häme, Geschmacklosigkeiten oder Vorurteilen um die Ohren knallen lassen. Egal ob im Job, im Freundeskreis oder der Familie, immer wieder stolpern wir über die an uns gestellten Erwartungen und geben oft genug klein bei, wenn uns deshalb ein Contra droht. Dann, wenn wir nicht der Norm entsprechen, eine unpopuläre Meinung vertreten oder in irgendeiner Form „überreagieren“. Statt konstruktiv zu kritisieren, wird unser Gegenüber unsachlich, grob und verletzend, während wir wie gejagte Hasen rechtfertigende Haken schlagen. Am Ende sind wir wahnsinnig aus der Puste und trotzdem kein Stück weiter. Unsere eigentlichen Fähigkeiten und die Inhalte, um die es uns geht, spielen dann nur noch eine geringfügige Rolle, wenn sie nicht sogar ganz auf der Strecke bleiben. Schließlich haben wir gefälligst gefällig zu sein.

Aber pah, scheiß drauf, sollen wir doch aussehen, wie wir wollen oder es die Umstände nun mal gerade erfordern, sollen wir doch rumflennen und sentimental werden, wenn unser Herz überquillt, gehen wir doch ein paar Tage nach dem Kreissaal wieder arbeiten oder eben nicht! Egal ob als öffentliche Person oder im privaten Alltag, tun wir doch einfach das, was wir wollen!


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