Ohne Arschtritt läuft es nicht

19. August 2009 von Katrin
Dieser Text ist Teil 11 von 21 der Serie Freitagsgedanken

Sozialisation, Wettkampf-Scheu, Kinder, Benachteiligung: Warum Frauen bis heute weniger verdienen als Männer. Ein Beitrag zur Debatte um die Frauenquote in Aufsichtsräten.

(C) Frl. Zucker - fraeuleinzucker.blogspot.com/

In der aktuellen Wahlkampf-Arena des Freitag wird hart um das Thema „Quote für Frauen in Aufsichtsräten“ gerungen. Geschlechter-Quoten sind seit über sie diskutiert wird – was nun schon mehrere Jahrzehnte der Fall ist – ein Reizthema. Die Fronten scheinen verhärtet, was vor allem auch daran liegt, dass sehr viele Emotionen eine rationale Diskussion erschweren. Die Angst: Eine schlecht qualifizierte Frau, die einem gut qualifizierten Mann den Platz wegnimmt. Und das massenweise!

Die “andere Seite” wird emotional, weil sie sich ein bisschen verarscht fühlt: Seit Generationen kämpfen Frauen für Gleichberechtigung und seit Generationen werden sie mit Versprechen abgespeist. Natürlich werde man Frauen stärker berücksichtigen. Außerdem verpflichte man sich, freiwillig auf “Diversity” zu achten. Ein Mentoring-Programm für Frauen wird es schon richten. Für manche FeministInnen ist das mittlerweile nur noch ein hohles Blabla – Veränderungen gab es in den vergangenen 20 Jahren nämlich so gut wie keine.

Doch Artikel 3 im Grundgesetz sagt: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Ohne auf die aktuellen Statistiken zu verweisen, wie viele Väter tatsächlich Elternzeit nehmen, wie viel weniger Männer im Haushalt im Vergleich zu Frauen machen, wie viel Prozent Gehaltsunterschied bei gleichem Schulabschluss (und besseren Abschlüssen der Frauen) heute immer noch im Durchschnitt besteht… Männer und Frauen sind vielleicht vor dem deutschen Recht gleich – aber die juristische Tatsache ist längst keine soziale. (weiterlesen …)


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Wir mögen Männer!

4. August 2009 von Katrin
Dieser Text ist Teil 10 von 21 der Serie Freitagsgedanken

Angeblich verachten und hassen FeministInnen Männer. Genau das Gegenteil ist der Fall: Die wahren MännerfeindInnen verstecken sich in guten alten Geschlechterstereotypen

(C) Frl. Zucker - fraeuleinzucker.blogspot.com/

Ja, auch eine Feministin kann Männer ganz schön lieben. Mehr noch: eine Studie der University of Houston hat herausgefunden: „Contrary to popular beliefs, feminists reported lower levels of hostility toward men than did nonfeminists.” Ha! Feministinnen wie Jessica Valenti, ‚Stadtpiratin‘ Eva Ricarda und die Mädchenmannschaft freut so eine Bestätigung natürlich sehr! Denn die Vorurteile gegenüber feministisch eingestellten Menschen sind gerade in Bezug auf Männerfeindlichkeit unerschöpflich. Das “Feindbild Mann” als ewiger und nicht überwindbarer Bestandteil wird dem Feminismus bis heute in jeder einzelnen Debatte immer wieder unterstellt – nicht darauf achtend, dass es gerade FeministInnen waren und sind, die sich vehement gegen Geschlechtsrollen-Stereotype stellen und damit gegen jegliche Deklassierung von Menschen qua Geschlecht. Tatsächlich finden sich männerfeindliche Tendenzen vor allem in Köpfen und Denkmustern, die von traditionellen Männerbildern geprägt sind: Der aggressive, testosterongesteuerte Mann, der wenig einfühlsam oder zärtlich ist etc..

Ein schönes Beispiel ist das Buch 111 Gründe, Männer zu lieben, das mir vor einiger Zeit in die Hände kam (ich hatte es zur Besprechung beim Verlag Schwarzkopf&Schwarzkopf bestellt) und mit dem ich seit Monaten hadere, was daraus zu machen sei. Der Titel und die Werbung dafür hatten meine Aufmerksamkeit erregt, denn mir ist es immer wichtig, als Feministin nicht einseitig gegen ein Feindbild Mann zu kämpfen, sondern zur Überwindung des Kampfes der Geschlechter einen Beitrag zu leisten. Denn leider leben wir immer noch in einer Gesellschaft, die sich an der Geschlechter-Kategorie spaltet wie eh und je: Starke Normierung von Geschlechterrollen und Geschlechtscharakteren und daraus resultierende strukturelle Unterschiede und Nachteile bleiben ein umkämpftes Dauerthema.

Autor und Männerforscher Walter Hollstein geht in seinem Buch Was vom Manne übrig blieb sogar so weit, zu behaupten, der Grund, warum 2/3 aller Scheidungen von Frauen eingereicht würden sei der, dass es in den meisten Ehen immer noch kein Zusammen der Geschlechter gäbe und keine gerechte und gleichwürdige Aufteilung von (reproduktionsbedingter und anderer) Arbeit. Hollstein – ein Männerforscher, der den deutschen Feminismus der letzten 20 bis 30 Jahre sicherlich zu Recht auch scharf angreift – sieht in alten Geschlechterstereotypen die Ursache für unnötige Kämpfe zwischen den Geschlechtern und für eine Krise „der Männer“.

Zurück zu den 111 Gründen, Männer zu „lieben“: Die Kapitel-Übersicht am Anfang des Buches ließ mich ratlos dastehen, das vereinzelte Reinlesen in manche Kapitel zu der Überzeugung kommen, dass es besser für die Welt sei, so ein Buch einfach zu ignorieren. Doch es kann demonstrieren, wie männerfeindlich scheinbar „männerliebende“ Autorinnen wie Victoria B. Robinson sein können, wenn sie einfach unreflektiert ganz tief in die Klischeeschublade greifen. In Kapitel 1, in dem es um den Mann als „Lover“ geht, klingt es nett und lieb, warum wir die Männer lieben sollten: „Weil Männer nach Mann riechen“ (aha), „Weil Männer unsere Muschi mehr lieben, als wir selbst“ (soso – na wenn das mal kein Grund ist!), „weil Männer falsche Brüste und Haare nicht von den natürlichen unterscheiden können“ (Hä?) und als krönender Abschluss: „Weil Männer sich total lächerlich machen, um uns ins Bett zu kriegen.“ Sehr liebenswert – nicht wahr?

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In fremden Händen

21. Juli 2009 von Katrin
Dieser Text ist Teil 9 von 21 der Serie Freitagsgedanken

Körper und Sexualität von Frauen werden nicht nur von religiösen Fundamentalisten kontrolliert. Schon der ganz “normale” westliche Alltag übt subtil Macht aus.

(C) Frl. Zucker - fraeuleinzucker.blogspot.com/

Vor einigen Wochen lernte ich durch eine AWID-Studie über religiöse Fundamentalismen und ihre Auswirkungen auf FrauenrechtlerInnen in der ganzen Welt, dass ein Hauptaspekt der verschiedenen Fundamentalismen die Kontrolle der Sexualität und der Körper von Frauen ist (ich hatte berichtet). Doch bei näherer Betrachtung ist diese Kontrolle ein weltweites, religionsunabhängiges Phänomen. Natürlich kommen uns die Verbote von Abtreibung und Verhütung, die Gebote von Enthaltsamkeit vor und Sexpflicht in der Ehe nicht sonderlich “westlich-modern” vor, erst recht nicht säkular – da muss man nur einen Blick in die französische Debatte um die Burka werfen.

Stichwort Intimbehaarung

Auch mir schien das Phänomen zunächst ein rein religiöses zu sein. Bis ich auf eine sehr lange und anstrengende Debatte um Intimbehaarung im Blog von Feministing.com stieß und auch in unserem eigenen Blog dieses Thema diskutiert wurde. Denn scheinbar fließen auch in die kapitalistisch-konsumorientierte Welt der “sexuellen Befreiung” Kontrollmechanismen über weibliche Körper ein – oder wie könnte anders ein Intim-Enthaarungsdogma und das Zunehmen von Intim-Schönheits-OPs erklärt werden? Momentan findet auf subtilem Wege eine Normierung des Intimbereichs von Mädchen und Frauen statt. Zu große Schamlippen? Zu viele struppige Haare? Eine “unpassende” Vulva? Weg damit – her mit der Designer-Muschi.

“Aber die Frauen tun das doch freiwillig!” – lautet ein häufiges Argument. Doch wie viel Freiwilligkeit ist wirklich vorhanden, wenn ein Mann den Sex mit einer intimbehaarten Frau ablehnt und diese sich dann rasiert? Oder wenn 13-Jährige im Schwimmbad wegen aus dem Badeanzug hervorlugenden Schamhärchen ausgelacht werden? Wenn Frauen, an deren Beinen sich Haare befinden, abschätzig betrachtet werden? Ist das keine Kontrolle? Die Medien reproduzieren diese Delegitimierung durch Meldungen wie “Unrasierte Frauen haben weniger Sex-Chancen” und “Die Schamhaare zu rasieren gehört zum modischen Diktat, dem sich inzwischen eine Mehrheit unterwirft.” Mache ich das nicht, bin ich also schon eine Minderheit (was nicht stimmt, denn mit meinen 26 Jahren gehöre ich – Göttin sei Dank – zur behaarten Generation).

Stichwort Enthaltsamkeit

Ein weiteres Thema ist das des “Sex oder nicht Sex”. Denn viele Frauen machen hier mal mehr mal weniger drastisch die Erfahrung, dass ihnen die Kontrolle über ihren eigenen Körper und ob dieser Sex hat, oder nicht, abgesprochen wird. Vergewaltigungen sind die kriminelle Form – psychischer Druck und beharrlicher Widerstand gegen Abwehr sind die vielleicht viel häufigere. Eine Bloggerin der jetzt.de-Community schildert vier Situationen aus ihrem Leben, in der Männer Grenzen nicht akzeptierten und die Kontrolle an sich reißen wollten. Tatsächlich ist das Thema “wer kontrolliert den Sex”, also wer hat die dominante Rolle, noch sehr aktuell. Viele Männer sehen sich auf natürliche Weise in der Rolle, eine Frau verführen und rumkriegen zu müssen (und viele Frauen erwarten das so). Das kann auch schon mal ein bisschen anstrengend sein, weil sie sich “anstellt” oder “rumzickt”. Der Tiefpunkt meiner sexuellen Erfahrung mit Männern war ungelogen ein “frigide Kuh”. Natürlich kann und sollte sich jede Frau entscheiden, so einen Tölpel vor die Tür zu setzen. Keine Frau unterliegt einer Pflicht zum Sex – wie das in Afghanistan der Fall ist. Dennoch sehen viele Männer die Frauen in der Pflicht – sei es nun, weil man das in einer “normalen” Beziehung “so macht”, oder weil eine imaginäre “Schwelle” bei einem Date überschritten worden ist, ab der “man das so macht”.

Zuletzt das Thema Enthaltsamkeits-Gebot: Die Autorin von “Bitterfotze”, Maria Sveland (ich berichtete), lässt ihre Protagonistin die Erfahrung machen, dass Mädchen im Teenager-Alter, die ebenso selbstbewusst ihre Sexualität entdecken möchten, wie Jungen, als Hure abgestempelt werden. Auch die Autorinnen von “Wir Alphamädchen” greifen diese Double Standards auf: Sexuell “wilde” Mädchen haben schnell eine schlechten Ruf und gelten als minderwertig. Ihnen wird suggeriert, dass sie immer auf den “Richtigen” warten sollten, dass sie “sparsam” mit ihrem “wertvollem Gut” umgehen sollten etc. Als ich mit 14 Jahren auf einer Party zwei Stunden lang knutschend mit einem Austausch-Schüler aus Frankreich auf dem Boden herumlag galt ich in meiner Parallelklasse auch als “Schlampe” – so berichtete mir mein späterer Freund, der in dieselbe ging. Sexuelles Herumprobieren gehörte sehr bald nicht mehr zu den Dingen die ich – wie noch mit 14 Jahren – in der Öffentlichkeit ‚wagte‘.

Stichwort “Pillendogma”

Last but not least: Die Verhütungsfrage. Stichwort “Pillendogma”. Ich und viele andere Frauen, die ich in Diskussionen und Foren kennenlernte, wurden aufs schärfste von unseren Frauenärzten entmündigt. Als ich vor einigen Jahren merkte, dass Hormone mir nicht gut tun, ging ich vertrauensselig zu meinem Freund dem Frauenarzt. Ich klagte ihm mein Leid und wollte von ihm Informationen über die “Natürliche Familienplanung” (NFP) bekommen – denn ich wusste ja noch nichts darüber. Trotz expliziter Aufforderung, mir darüber etwas zu erzählen, weigerte er sich und sagte nur: “Wenn Sie schwanger werden wollen, können Sie das machen.” Das Ende vom Lied war das Verschreiben einer neuen Pillen-Sorte und: “Sie werden sehen, dass es Ihnen bald wieder besser gehen wird. Die Pille ist einfach die einzige sichere Methode zur Verhütung, die ich Ihnen anbieten kann. Machen Sie es gut.” Die Pille ist das Beste, was es gibt. Ganz einfach, ganz toll. Und Nebenwirkungen? Was, wenn die Pille mich zu einem Hormon-Mutanten macht? – Nein, das gibt es nicht. Dass die Pille als Allround-Talent verkauft werden soll, das hat auch Sarah Haskins stutzig gemacht.

Leider ist die Pille nicht nur für Frauenärzte eine Selbstverständlichkeit, sondern auch für die männlichen Sexpartner vieler Frauen. Kondome? Och nee – Verhütung wird mit dem “weniger Gefühl”-Argument ganz einfach ihr zugeschoben. Wozu sich mit den Lümmeltüten abquälen, wenn es doch die Super-Pille gibt? Und nein: “ich habe ganz sicher kein AIDS” aber wer fragt seinen Sexualpartner schon nach Chlamydien, Syphilis, Tripper, Pilzinfektionen oder Herpes? Das Pillendogma ist auch nur eine besondere Form der gesellschaftlichen Kontrolle eines Frauenkörpers – sozusagen die Kontrolle der Kontrolle.

Nein – Frauen werden nicht nur in religiösen oder gar fundamentalistisch religiösen Kontexten mit der Kontrolle ihrer Körper und Sexualität konfrontiert. Vielleicht subtiler, vermeintlich “freiwilliger” und durch kulturelle Normen geprägt findet die Fremdkontrolle auch hier statt und Frauen haben weiterhin gute Gründe, “zickig” und wütend darüber zu sein.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne auf Freitag.de)


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Juchuu, ich habe eine Frau gefunden!

8. Juli 2009 von Katrin
Dieser Text ist Teil 8 von 21 der Serie Freitagsgedanken

Frauen sind in den Medien oft nur Dekoration oder Freiwild. Wenn es um die harten Themen geht, bleiben sie Mangelware. Trauen sie sich nicht? Oder werden sie verhindert?

Juchuu! Ich habe eine Frau gefunden! Das ist wirklich etwas Besonderes. Seit einigen Monaten gehe ich sporadisch die Politik-Ressorts meiner täglichen Online- und Offline-Lektüre nach weiblichen Autorinnen durch. Frauen spielen dort eine sehr geringe Rolle. Selbst bei der Zeitung mit Chefredakteurin dominieren die Männer den Politik-Teil. Wenn ich diesen Zustand ankreide, werde ich vor allem von Männern meistens sehr scharf angegriffen, dabei stelle ich nur die alten Fragen: Gibt es sie nicht, die Frauen, die etwas Schlaues zur Politik zu sagen haben? Oder traut man es ihnen nicht zu? Haben sie einfach keine Lust und ziehen sich lieber in “weichere” Themen zurück? Sind sie zu defensiv erzogen und überlassen dieses Feld lieber den Männern? Sind sie einfach gerade in Baby-Pause?

Und wenn ich dann sage, dass es mir eigentlich nur zweitrangig um die Beantwortung dieser Fragen geht, sondern vielmehr vor allem um eine aktive Frauenförderung in den Politik-Redaktionen – dann ist das Geschrei besonders groß. Denn ich impliziere mit meiner Anmerkung stets und stetig: Wenn die Politik-Frauen nicht in Scharen daher gerannt kommen und um eine Anstellung bitten, dann ist es doch – sollte man meinen – nur ein kleiner Schritt zu erkennen, dass dies mit der immer noch zweigeteilten Gesellschaft durch die traditionellen Geschlechterrollen zusammenhängen muss.

Frauenförderung beginnt nicht von alleine. Doch anscheinend gibt es diesbezüglich nicht einmal in Ansätzen ein Problembewusstsein. Und das ist das eigentlich Schlimme daran. Denn während vordergründig die Themen “Feminismus”, “Geschlechterrollen”, “Geschlechtergerechtigkeit” in den Medien an Präsenz gewinnen und viele Zeitungen sich mit ihren Inhalten als wahnsinnig progressiv in diesen Fragen gerieren, bleibt die Aufteilung stereotyp, wie man vor allem am Thema Politik sehen kann.

Frauen als Dekoration

Doch das Dilemma der Frauen in den Medien endet nicht bei der Politik. Bis heute sind es in erster Linie Frauen, die mit ihren Körpern Unterhaltungsshows „dekorieren“. Das ist alt: Frau als Deko gibt es in der Werbung wahrscheinlich schon, seit es die Werbung selbst gibt. Die Erwartungen an medienpräsente Frauen sind meistens auch an gutes Aussehen geknüpft. Bei Männern sind die Schablonen weniger eng. Sie sollten vielleicht nicht zu dick sein oder schielen. Aber ein makellos schönes Gesicht – das ist nicht wichtig. Es darf ruhig schief sein, faltig und die Haare grau oder licht. Zumindest bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Im Privat-TV ändert sich das Bild langsam, aber sicher zu einem geschlechterübergreifenden Terror: Ob das wirklich besser ist, als nur von Frauen Schönheit zu erwarten?

Leider neigen Frauen – Menschen – dazu, Erwartungen, die an sie gerichtet werden, unhinterfragt zu akzeptieren – egal wie stereotyp sie sind. Frauen, die viel im Kopf und ein Moderationstalent, aber leider kein schönheitsidealtypisches Gesicht oder eine perfekte Figur haben, neigen dazu, es gar nicht erst zu versuchen. Denn Frauen in den Medien – so scheint ein unausgesprochenes Gesetz – müssen etwas zum Gucken sein. Besonders stark kommt diese Erwartung zum Tragen, wenn Frauen ihre Hüllen fallen lassen: Ob neben einem Sänger in einem Musikvideo oder als Dekoration für eine Gardinenstange im Prospekt eines Möbelhauses – Frauen sollen „lecker“ sein. Besonders perfide der Preisträger der Sauren Gurke 2007: „Lafer! Lichter! Lecker!“, denn die beiden Kochprofis glänzten einige Male damit, weibliches Publikum als Köstlichkeit anzusehen: “Täubchen an seiner Seite” oder “nougatgefüllte Marzipanpralinen auf zwei Beinen” waren diese dann plötzlich.

Die „gute Frau“ in den Medien

Wo wir gerade bei der Sauren Gurke sind: Der letzte Gewinner derselben war übrigens Günter Struve, Programmdirektor der ARD. Denn dieser hat eine besonders große Liebe für Schmonz: „Liebe nach Rezept“, „Der Traum ihres Lebens“ und „Ein Wink des Himmels“ seien mittlerweile so häufig zur besten Sendezeit zu betrachten gewesen, dass die erfolgreiche Reanimation vom Aussterben bedrohter Rollenklischees geglückt sein dürfte, wie die „Frauen in den Medien“ auflisten: „die hingebungsvolle Ärztin und ihr intrigantes Gegenstück, die fürsorgliche Therapeutin, die lebenskluge Großmutter, die patente Pensionswirtin, die mutige Postbotin, die erfolgreiche Managerin, die blonde, tief dekolletierte Sekretärin. Zum männlichen Personal gehören der schlitzohrige Bürgermeister, der geniale Arzt, der falsche Pfarrer und der fiese Geschäftsführer. Nicht zu vergessen: eine Schar wohlerzogener Kinder.“

Doch nicht nur die ARD, die meisten Sender haben das Konzept verstanden und umgesetzt: Medial interessante Frauen sind ebenjene Frauen, welche die stereotype Rollenerwartung am meisten verinnerlicht haben. Dazu gehört neben Sexappeal und Fürsorglichkeit im Allgemeinen auch die Heiratsfähigkeit im ganz konkreten. Medien-Phänomen Gülcan Kamps hat es vorgemacht: Heiraten bringt Quote. Auch Hollywood-Filme enden oft und gerne mit dem Finden des Zukünftigen – denn erst das macht das Glück einer Frau doch perfekt, oder? Welches Frauenbild wir von Reality-Shows wie „Germanys Next Topmodel“, „Bauer sucht Frau“, „Frauentausch“ oder „Extrem schön“ vermittelt bekommen – davon wollen wir lieber einmal ganz schweigen.

Was ist los mit den deutschen Medien? Nun: Vielleicht hängt die Rolle der Frau in TV, Netz und Print auch damit zusammen, wer über diese entscheidet. Die Macht der Bilder und Worte liegt in den Führungsetagen der Fernsehanstalten und Zeitungen. Wer aber sitzt dort? Männer. Im Grunde ziemlich alleine und ohne viele Konkurrentinnen.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne auf Freitag.de)


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Das Testosteron ist schuld!

26. Juni 2009 von Katrin
Dieser Text ist Teil 7 von 21 der Serie Freitagsgedanken

Männer sind eben aggressiv. Frauen nicht. So denken viele und manifestieren damit alte Stereotype. Wie unbrauchbar die sind, zeigt sich gerade wieder in der Finanzkrise.

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Ein Mythos, der sich seit Wochen in den Medien hält, besagt, dass die Finanzkrise nur deshalb ein so schlimmes Ausmaß annehmen konnte, weil vor allem Männer in den Führungsetagen der globalen Wirtschaftskonzerne säßen. Viele wittern nun ihre Chance, die Rundum-Moralkeule rausholen zu können und fordern als Konsequenz mehr Frauen in den oberen Führungsetagen. Ein richtiges Anliegen wird damit durch eine Argumentation legitimiert, die alte Geschlechterrollen-Stereotype verfestigt: Männer sind aggressiv. Frauen nicht. Meistens wird dann noch das Testosteron als Beweismittel herangezogen.

Frauen wird hingegen unterstellt, dass sie hinterlistig seien. Dass sie nicht fähig seien, offen zu sagen, was sie wütend macht. Tatsächlich richtet sich weibliche Aggression oftmals vor allem nach innen, gegen sich selbst, gegen den eigenen Körper. Das liegt daran, dass Jungen und Mädchen von klein auf lernen, dass sie aufgrund ihres Geschlechts auf verschiedene Arten und Weisen mit Frust, Aggression und Wut umgehen müssen. Das wird so erwartet.

Aggressive Mädchen werden tabuisiert, wohingegen man mit Jungen weniger über ihre Wut spricht. Beide Geschlechter leiden letztendlich unter diesen Erwartungen und entwickeln ungesunde Verhaltensweisen, mit Wut und Frust umzugehen – Verhaltensweisen, die sich oft ein Leben lang halten und in Muster übergehen.

Die Männer in den Führungsetagen verhalten sich wahrscheinlich weniger wegen ihres Testosteronspiegels manchmal falsch, sondern vielmehr, weil sie sich „männlich“ verhalten wollen. Schließlich stehen sie in einer Art Konkurrenz-Kampf: Es gibt um sie herum (außer der Sekretärin) nur Männer und alle sind darauf trainiert, das Alphamännchen spielen zu müssen. Herrje, dabei kann nur Mist herauskommen.

Studien, wie sie zum Beispiel McKinsey immer wieder durchführt, belegen tatsächlich, dass oft schon eine Frau reicht, die in diesem Machtkampf kritische Nachfragen stellt oder völlig andere Bewältigungsstrategien einführt, um das ganze Klima zu verändern. Plötzlich scheint ein Kreislauf durchbrochen. Das sollte das Hauptargument für mehr Frauen in den Führungsetagen sein. Denn nur gemeinsam können wir alle einfach menschlich sein und müssen uns nicht in getrennten, geschlechtshomogenen Gruppen beweisen, wer am „männlichsten“ oder „weiblichsten“ ist.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne auf Freitag.de)


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Wie ich zum Barbie-Girl wurde

19. Juni 2009 von Katrin
Dieser Text ist Teil 6 von 21 der Serie Freitagsgedanken

Kurz vor der Wende zogen meine Eltern mit mir aus Sachsen-Anhalt ins baden-württembergische Taubertal. Spielen mit Jungs war dann vorbei und ich musste ein Mädchen sein.

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Ja, ich bin ursprünglich eine Ost-Göre: Geboren und aufgewachsen im heutigen Sachsen-Anhalt. Damals – also zu meiner Geburt und die sieben Jahre danach – war das noch die DDR. Ein „richtiges” Ostkind war ich anfangs nicht: Ich besuchte nie eine Krippe, was schon fast eine kleine Revolution war. Meine Mutter hielt es für besser, sich die ersten drei Jahre bis zu meinem Eintritt in den Kindergarten selbst um mich zu kümmern. Mit dem Ergebnis, dass ich ihr im Alter von zwei Jahren ausbüxte und sie mich nach langem Suchen im Kindergarten wiederfand. Meine Sehnsucht nach der Gesellschaft anderer Kinder war schon früh groß und sollte mir noch viele Jahre im Leben als Einzelkind erhalten bleiben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wenn ich mich an meine DDR-Kindheit erinnere, dann sehe ich mich mit Jungen und Mädchen durch Gestrüpp und kleine Wäldchen stromern. Ich sehe uns Rollenspiele spielen. Und ich sehe ein Mädchen und zwei Jungen, die meine besten Freunde waren und mein Leben bestimmten. An Spielsachen kann ich mich schlecht erinnern. Doch Barbie-Puppen spielten eine untergeordnete Rolle: Zwar hatte ich von meiner West-Verwandtschaft eine geschenkt bekommen, sie lebte aber ein wenig glamouröses Leben neben Ost-Puppen mit normalem Körperbau, neben Matchbox-Autos, Plüschtieren und Cowboy- und Indianer-Figuren, die uns Kindern um ein vielfaches wichtiger waren.

Das lag vor allem daran, dass unsere Spielgemeinschaft so geschlechtsheterogen war. Meist zauberten wir aus Stöcken, verrostetem Gerät und was sonst noch auf den Höfen und in den Wäldchen herumlag, die Gegenstände, die wir gerade brauchten. Sicherlich war für diese Taktik auch die weltbekannte Güterknappheit der DDR verantwortlich.

Im Jahre 1989, kurz vor der Wende, zog ich mit meiner Familie in ein Dörfchen im lieblichen Taubertal, Baden-Württemberg. Ich wurde in selbigem Dörfchen eingeschult und meine Lebensrealität wurde einer radikalen Umwälzung unterzogen: Statt Rollenspielen mit Unrat und Stöcken hielten weitere Barbies inklusive deren Accessoires, Keypers, Polly Pocket und Co. nun so richtig Einzug in mein Leben. Rosa wurde zur textilen Übermacht. Diese Veränderung schreibe ich rückblickend einem großen Anpassungsdruck an die anderen Mädchen zu.

Da ich einen ostdeutschen Dialekt sprach und mit meinen kurzen Haaren eher wie ein Junge aussah, war ich schnell Außenseiterin in der Klasse – ein Zustand, den mein geselliges Gemüt schnellstmöglich zu beenden suchte. Nicht anders sein – das wurde mein Mantra. Zwar spielte ich noch sehr häufig auch mit den Jungs und der Kontakt mit den Mädchen in meiner Klasse blieb bis auf eine Ausnahme stets gespannt (weswegen ich mir bis zu meinem 12. Lebensjahr wünschte, ich wäre ein Junge) – aber ich hatte durch meine schnelle Annahme des „Gell“ und des „Grüß Gott“, sowie durch eine eindeutige Zusage an Mädchen-Konsumgüter zu erkennen gegeben, dass ich „normal“ im spießbürgerlichen Sinn geworden war. Das Barbie-Haus hatte dazu einen nicht unwesentlichen Beitrag zu leisten vermocht.

Im Alter von 14 konnte ich mich von meinem mir selbst auferlegten Anpassungszwang wieder ein wenig befreien und wurde zum Neo-Hippie. Und weil die Geschichte gut ausging, bin ich ihr dankbar, dass sie mir passierte. Nichts anderes kann einem vielleicht derart plastisch vermitteln, wie stark Sozialisation und Umfeld das prägen, was andere als „genetische Unterschiede“ verkaufen wollen.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne auf Freitag.de)


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Immer noch die Gretchenfrage

10. Juni 2009 von Katrin
Dieser Text ist Teil 5 von 21 der Serie Freitagsgedanken

Eine Tagung der Böll-Stiftung beschäftigte sich mit dem Verhältnis von Religion und Frauenrechten. Entkommt man der patriarchischen Falle, die allen Religionen innewohnt?

Freitagsgedanken

(C) Frl. Zucker - fraeuleinzucker.blogspot.com/

Wenn man zu einer Konferenz mit dem Titel „Religion Revisited – Frauenrechte und die politische Instrumentalisierung von Religion“ geht, dann tut das wahrscheinlich niemand ohne bestimmte Erwartungen. Diese können religiös geprägt sein: Vielleicht erhofft man sich Lösungen für offenkundige Dilemmata innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft. Oder man erwartet sich ein klares religionskritisches Signal und Wege zu mehr Säkularisierung im eigenen Staat oder in anderen Staaten auf der Welt. Wenn man als FeministIn hingeht, dann möchte man Antworten auf Fragen der Gleichberechtigung, religiös begründeter Gewalt gegen Frauen weltweit, reproduktiver Selbstbestimmung und viele mehr. Denn gerade als FeministIn fühlt man sich in einem kulturkritischen Dilemma: Auf der einen Seite möchte man nicht in kolonialer Manier intolerant mit den eigenen Vorstellungen als Ideal ein Urteil über andere Kulturen fällen. Auf der anderen Seite will man die notwendige Kritik an menschen- und vor allem frauenverachtender, religiös begründeter Gesetze und Handlungen äußern.

Wahrnehmung der Frauen

In den großen Religionen der Welt finden sich hierarchische Strukturen, welche traditionell ein Patriarchat begründen. Nur sehr schleppend und stets auf Druck von außen, nie durch eigene Aktivität, öffnen sich manche ein kleines bisschen, indem sie auch Frauen in hohen religiösen Ämtern akzeptieren. In anderen Religionen hingegen scheint sich entweder gar nichts zu tun, oder sie verschärfen gar ihre Unterdrückung von Frauen, wie dies in einigen islamistischen Staaten, etwa momentan in Afghanistan, der Fall ist. Die internationale Frauenrechts- und Entwicklungsorganisation AWID (Association For Women’s Rights in Development) beobachtet diese Entwicklungen kritisch und hat eine Befragung an über 1.600 Frauenrechts-AktivistInnen durchgeführt, um Auskunft über deren Wahrnehmung der Gefahr religiöser Fundamentalismen für die Rechte von Frauen zu erhalten. Diese Befragung war Basis eines Tagungs-Workshops.

Zusammenfassend: Fundamentalismen gibt es in allen Religionen der Welt – so die Wahrnehmung der Befragten, die aus vielen Ländern der Welt kamen und nahezu alle möglichen, selbst die kleinsten Religionen repräsentierten. Eine Mehrheit der Befragten AktivistInnen empfand religiösen Fundamentalismus als Problem für ihre eigene Arbeit. Als charakteristischste Merkmale nannten sie “absolutistisch” und “intolerant” (42 Prozent der Befragten). 24 Prozent gaben “gegen Frauen” und “patriarchalisch” an. AWID fand in der Beschreibung des Verhaltens verschiedener religiöser Fundamentalismen vor allem eine ganz besondere Gemeinsamkeit: Das Ziel, den Körper und die Sexualität der Frauen auf die eine oder andere Art zu kontrollieren. Ein aktuelles Beispiel ist die Sex-Pflicht in der afghanischen Ehe. Oder die Kontrolle weiblicher Körper durch verschieden starke Verschleierung derselben. Ein drittes Beispiel ist die Kontrolle der weiblichen Sexualität durch strikte Verbote von Verhütungsmitteln und durch ein Abtreibungsverbot. (weiterlesen …)


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Mädchen – aber nicht für alles!

7. Mai 2009 von Katrin
Dieser Text ist Teil 4 von 21 der Serie Freitagsgedanken

Frauen sollen Karriere machen, emanzipiert leben und dabei ganz lässig Kinder kriegen. Aber wie kann man all das leben, wozu man nicht erzogen wurde?

Freitagsgedanken

(C) Frl. Zucker - fraeuleinzucker.blogspot.com/

Annette C. Anton schrieb mit ihrem Karriereratgeber für Frauen, Mädchen für alles, das für sie beste Modell der neuen Frauen nieder und sparte nicht an Hieben gegenüber Frauen, die sich dem nicht anpassen können. Da ist die Rede von Frauen, welche ihren Chef mit ihrem Papa verwechselten. Und die Prenzlauer-Berg-Muttis, welche die Erziehung ihres Kindes mit Selbstverwirklichung verwechselten. Thea Dorn stieß vor Jahren mit ihrer F-Klasse in ein ähnliches Horn: Nur wenige Frauen seien dazu wirklich in der Lage, Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen und nur diese Frauen waren es ihr wert, neben Kinderlosen in einem Buch zu erscheinen, welches „die“ neue Klassefrau portraitierte.

Sieben von acht jungen Deutschen wollten in der McKinsey-Studie von 2007 Kinder. Doch jede zweite Frau befürchtete Nachteile für ihr berufliches Fortkommen. Annette C. Anton will diesen Frauen gerne helfen – die Nachteile sollen ausbleiben. Mit ihren Tipps für eine steile weibliche Karriere vergisst sie völlig, die Väter in den Blickpunkt zu nehmen. Dass ein Mann sich genauso um die Kinder kümmern soll wie die Frau, das ist für sie Ehrensache. Die Probleme, die dabei entstehen können, sind ihr keine seitenlangen Auslassungen wert. Die spart sie sich für das Bashing jener Frauen auf, die sich ihrem vermeintlichen Schicksal fügen und unter ihrer Qualifikation arbeiten, um beim Kinderkriegen völlig aus dem Beruf auszusteigen. Warum diese das tun, warum sie glauben, dass es nicht anders geht – all das wird kaum thematisiert.

Man wird nicht als Frau geboren – das ist ein zentraler Wendepunkt im Feminismus von Simone de Beauvoir gewesen. Eine Frau wird zur Frau erzogen. Verhält sie sich anders, dann stellen sich ihr Barrieren in den Weg, dann wird sie es schwer haben. Wortschöpfungen wie „Mannweib“ illustrieren die Auswirkungen. Noch heute gehen Frauen den leichteren Weg, wenn sie nicht auf eine Karriere nach „männlichem“ Vorbild aus sind, sondern sich als Mädchen, als „Weibchen“ hübsch, süß und sexy einen Mann (oder mehrere, nacheinander) suchen, die ihren Lebensstandard mitfinanzieren.
Gingen sie einen anderen Weg, wären sie tatsächlich mit einer Menge anstrengender Auseinandersetzungen konfrontiert: Sie müssten Unternehmen angreifen für ihre miserable Familientauglichkeit, ihren Chefs bei diskriminierendem Verhalten Paroli bieten und der Politik ans Bein pinkeln, die nicht aufhört, steuerlich das Alleinernährer-Modell zu subventionieren, anstatt in Kinderbetreuung zu investieren… Der Weg einer Karrierefrau, die ohne auf Kinder verzichten zu wollen ihren Weg geht und in Netzwerken für das gemeinsame Anliegen aller Frauen und vor allem auch aller „neuen“ Männer in einen Kampf zieht, ist genau das Gegenteil des Weges, auf den wir unsere kleinen süßen Mädchen bis heute schicken, wenn wir sie in rosa Rüschenkleidchen stecken und ihnen Püppchen schenken, deren Umsorgung das Größte in ihrem Kinderleben sein soll.

Diesem Stereotyp zu entkommen gelingt nicht, ohne ein Reflexionsvermögen und eine Wirkmächtigkeit an die nachwachsende (Mädchen-)Generation zu vermitteln, die Emanzipation und Kritikfähigkeit der bestehenden Strukturen erst ermöglicht. Doch genau darauf ist das heutige Bildungssystem nicht spezialisiert. Wirkmächtigkeit und Eigensinn haben in den meisten Schulen keinen Raum. Die Jungs rebellieren dagegen. Die Mädchen machen mit – und ernten brav ihr Lob. Weswegen es für sie auch nicht den geringsten Grund gibt, Annette C. Anton zu lesen.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne auf Freitag.de)


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Zieh dich bloß nicht aus!

29. April 2009 von Katrin
Dieser Text ist Teil 3 von 21 der Serie Freitagsgedanken

Die FKK-Kultur stirbt aus. Dafür blüht das Geschäft mit der Pornografie. Wie tragisch, dass uns das natürliche Verhältnis zu nackten Körpern abhanden gekommen ist!

Freitagsgedanken

(C) Frl. Zucker - fraeuleinzucker.blogspot.com/

Früher bin ich sehr ungezwungen nackt zwischen vielen nackten Menschen herumgetobt: Am FKK-Strand. Heute kann ich mir das nicht mehr vorstellen. Nacktheit ist etwas sehr Intimes für mich geworden, ich möchte nicht, dass alle möglichen, mir unbekannten Menschen einen Blick auf meine sekundären Geschlechtsmerkmale werfen können.

In einer Gesellschaft, in der alle Menschen tagtäglich mit nackten Menschen zugespammt werden, ist persönliche Nacktheit ein schwierigeres Objekt geworden. Denn während ich doch ein wenig wehmütig werde, wenn ich an meine ungezwungene FKK-Vergangenheit denke, sammle ich für unser feministisches Weblog sexistische Werbung, um sie zu brandmarken. So nicht, liebe Werbeindustrie! Sage ich dann.

In den USA sei das mit der sexistischen Werbung nicht so verbreitet, schrieb einst ein User in einem Blog-Kommentar. Man würde kaum auf Nacktheit stoßen in der Öffentlichkeit. Wenngleich das zunächst begrüßenswert erscheint, so weiß ich im gleichen Moment ebenso: Das sind die gleichen USA, in denen Menschen andere Menschen anzeigen, deren Kleinkinder im Garten nackt herumtoben. Der Preis für die Freiheit von Sexismus ist leider allzu oft: Die Prüderie.

In Schweden zum Beispiel gab es noch in den Siebzigern eine sehr freizügige Kultur des Nacktseins. Man fand daran weder etwas Sexistisches, noch etwas Anstößiges oder gar Pädophiles. Nein, man war geradezu stolz auf diese Freiheit, die man auch mit einer gewissen Freiheit des Geistes verbunden sah. Heute sind auch die Schweden verklemmt. Eine Frau, die dort oben ohne, oder gar komplett nackt am Strand entlangliefe, wäre wahrscheinlich binnen kürzester Zeit als „Schlampe“ abgestempelt. Damit scheint sich die Gesellschaft in eine ziemlich schwierige Lage manövriert zu haben:

Einerseits ist sie völlig „oversexed“. Sexistischer Werbespam so weit das Auge reicht. Eine besonders große Sorge ist die „sexuelle Verwahrlosung“ der heutigen Jugend. Und Frauen wollen zu recht nicht bloß als Sexobjekte und Dekoration von Autos herhalten. Bei You Porn kann man Sex und im gesamten Internet Bilder von nackten Menschen ohne Grenzen bekommen.

Gleichzeitig stirbt die FKK-Kultur aus, nur ein paar restliche „Oldies“ leben sie noch, beklagen das Ausbleiben der Jungen. Waren früher in einem Bildband von Schweden noch viele nackte Frauen am Strand zu sehen, so sind sie heute komplett verschwunden. Währenddessen operiert eines der größten europäischen Pornofilm-Imperien von Schweden aus. Es gibt kein dazwischen mehr, zwischen Porno und Prüderie. Das ist tragisch.

Denn das perfide an diesen Entwicklungen ist, dass ein nackter Körper sofort und nur noch mit „Porno“ assoziiert wird. Früher war ein nackter Mensch ein nackter Mensch. Nicht mehr. Die Beziehung zu dieser natürlichen, asexualen Nacktheit ist verloren gegangen. Sie bleibt nur noch den Kindern – in den USA nicht einmal ihnen.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne auf Freitag.de)


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Jetzt bloß nicht mu(t)tieren!

22. April 2009 von Katrin
Dieser Text ist Teil 2 von 21 der Serie Freitagsgedanken

Deutschland ist nun kinderfreundlich per Erlass. Warum stehen junge Eltern trotzdem unter dem Druck, von den Kinderlosen bloß nicht für spießig erklärt zu werden?

(C) Frl. Zucker - fraeuleinzucker.blogspot.com/

„Demografischer Wandel“, „wir brauchen mehr Kinder“, „Methusalem-Komplott“: Horrorszenarien über eine alte, kranke und pflegebedürftige, kurz teure Gesellschaft, sollen junge Menschen unter Druck setzen, Kinder zu bekommen.

Was die aber denken? Wir sind doch erst Ende zwanzig, haben gerade die Uni beendet, das zweite Praktikum aufgenommen, dem Partner nach einjähriger Beziehung aus Mangel an persönlicher Freiheit den Laufpass gegeben und fühlen uns einfach noch nicht reif für so eine große Aufgabe, für ein Kind und die ganze Verantwortung. Aber alle liegen uns in den Ohren: die Großeltern, Eltern, der Staat. Am schlimmsten: Gleichaltrige, die Eltern werden oder sind.

Es ist noch nicht lange her, da hatten Anti-Kinder-Pamphlete aus dieser Ecke große Konjunktur. Selbstbewusst wurde über zu militanten Nichtrauchern mutierte Eltern hergezogen, die ihre Kinder nicht im Griff hätten, Spaßbremsen geworden seien, die kein anderes Gesprächsthema neben „mein Kind“ mehr kennen würden. Angriff ist eben die beste Verteidigung. Heute traut sich niemand mehr, zu sagen, was er wirklich von Kindern, frischgebackenen Jungeltern und dem Gebärdruck hält. Denn Deutschland ist nun kinderfreundlich per Erlass, da gibt es keine Widerworte. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Ausrufezeichen.

Familie vor Spaß? Kinderfreundlichkeit vor Rauchvergnügen überall? Nervös betrachten die Verfechter eines ewig jungen, nur sich selbst Rechenschaft schuldenden Lebensstils voller Partys, unnötiger Luxusartikel und qualmigen Bars diese Entwicklungen. Doch ihre Pamphlete sind noch nicht vergessen, sie haben Nachwirkungen. Zum Beispiel auf junge Eltern in diesem Land.

Bloß nicht seltsam werden, heißt die Parole. Nicht zu Spaßbremsen mutieren. Keinen hysterischen Anfall bekommen, wenn jemand in der Nähe des Kindes raucht. Denn solche militanten Nichtraucher sind spießig und kleinkariert. Wenn man sich mit Freunden trifft, dann besser ohne Kind (denn das schreit, muss gestillt, gewickelt und unterhalten werden, steht immer im Mittelpunkt, in dem doch der lange nicht besuchte Bekannte stehen sollte). Und bloß nicht über das Kind reden. Ein Beweisfoto muss genügen. Kinderlose Menschen fühlen sich sonst schnell mit dem Kinderthema überschüttet und reagieren passiv-aggressiv. Man sollte sich mindestens einmal im Monat ordentlich besaufen gehen (was besonders glaubwürdig wirkt, wenn man davon kotzen muss), sich nie, niemals beim Kaufen von Babyklamotten im Prenzlauer Berg erwischen lassen! Und schlussendlich: Immer wieder betonen, dass man natürlich nicht normal ist, weil man ja schon mit Mitte zwanzig seinen Nachwuchs in die Welt gesetzt hat.

Dass man dabei selbst in Passiv-Aggresivistan landet, ist nicht ausgeschlossen. Während sich die lieben Freunde und Bekannten in Sachen Anti-Kinder-Ideologien selbst zensieren, schluckt die junge Mutti auch so einige Gedanken missmutig herunter. Denn eigentlich nervt einen die verbreitete Einstellung Endlosjugendlicher: Sich bloß von Verbindlichkeit und Verantwortung schön fernhalten, wenn sie nicht beruflicher Art ist. Mit Kind muss man anfangen zu planen, sich zu organisieren und abzusprechen. Spontaneität ist toll, aber leider mit Kind am Hals nicht mehr ganz so leicht umzusetzen.

Und so geht es weiter wie gehabt, nur heimlich still und leise. Die Republik bleibt in die Lager getrennt, nur dass man sich heute gegenseitig eben zähneknirschend erträgt, anstatt aufeinander rumzuhacken. Eltern gegen Kinderlose: ein Streit von gestern, ein passiv-aggressives Showlaufen heute. Man versucht sich gegenseitig an Toleranz gegenüber der anderen Seite zu übertreffen. Sagt vordergründig: „Nein, nein – natürlich rauche ich in Gegenwart von Lucas nicht!“ und denkt sich leise hinterher, nicht mehr so oft zu Besuch zu kommen. Oder eben nur noch, wenn Lucas bei seinen Großeltern ist.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne auf Freitag.de)


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